Muss euch ein Autor sympathisch sein, um ihn zu lesen?

  • Liebe Eulen!
    In vielen Threads bekomme ich immer wieder Diskussionen mit, dass ein Autor irgendeinen falschen Satz geäußert hat, oder sich einen Fauxpas geleistet hat, aufgrund dessen die Eulen ihn nicht mehr lesen möchten.


    Nun muss ich sagen, dass das eine Reaktion ist, die ich nicht verstehe. Ich trenne immer zwischen der Person, die unglaublich unsympathisch sein kann (oder auch sympathisch) und dem Werk.


    Wenn ich jetzt z. B. Van Gogh danach beurteilen würde, wie er als Person war, dürfte ich seine Bilder bestimmt auch nicht mehr ansehen und mich daran erfreuen. Der Gute hatte nämlich nicht nur dezent einen an der Waffel.
    Gerade Filmstars oder Regisseure haben bestimmt oft solche Starallüren, dass man eigentlich ihre Filme boykottieren sollte.


    Warum also interessiert man sich gerade so sehr für den Autoren als Person? Liegt das an der großen Öffentlichkeit, der Zugänglichkeit, die manche Autoren leben? Daran, dass ein Buch oft etwas so intimes ist?
    Oder warum stellen soviele den Anspruch, dass ein Buch nicht nur gut sein sollte, sondern der Autor auch nett?


    Ich freue mich auf eure Antworten! :wave

  • Hallo, Cookiemonster.


    Wo genau hast Du das "immer wieder mitbekommen"? :wow


    Ich habe nur einen Fall in Erinnerung, bei dem einige Eulen eine Autorin "boykottieren" wollten. Es ging um die Bestseller-Autorin Sarah Lark, die hier (wie auch andernorts) unter zwei Namen aufgetreten war und sich selbst lobhudelnd besprochen hatte. Als sie dann anderswo das Pseudonym lüftete, was den Eulen (natürlich) nicht entging, flog diese Selbstbeweihräucherung auf, und manch einer reagierte missmutig. Aber dass jemand gesagt hätte, er oder sie wolle von dem Autor oder der Autorin nichts (mehr) lesen, weil er oder sie ihm oder ihr unsympathisch sei, das habe ich noch nicht gesehen.

  • Oh, wie kommst Du nur gerade auf diese Frage? :grin


    Prinzipiell: Nein. Schriftsteller müssen keine guten Menschen sein um große Kunst zu schaffen. Wenn es natürlich um "Autoren" geht - Schauspieler, die Biographien schreiben, Politiker, die Sachbücher schreiben, da kann es schon eine Rolle spielen, dass man sie nicht noch unterstützen will. Aber bei ernstzunehmender Literatur würde man sich da m. E. zu viele Mauern aufbauen. Wobei ich schon feststelle, dass ich mich von einem Bild, dass ich einmal habe, in meiner Wahrnehmung beeinflussen lasse - positiv wie negativ. Aber das bedeutet keinen Boykott. Thomas Mann ist mir weit unsympathischer als Klaus Mann, trotzdem lese ich beide, weil ich die Romane beider Schriftsteller schätze.


    Ich könnte jetzt noch aus aktuellem Anlass etwas zu Herta Müller sagen, aber ich fürchte, dann wirft mich Buzz hochkant hier heraus. :grin


    Anderes Beispiel: Polanskis Filme werden nicht dadurch schlechter, dass er evt./anscheinend Kindesmissbrauch/Vergewaltigung begangen hat, die ich auch nach 30 Jahren noch für urteils- und gegebenenfalls strafwürdig halte.


    @ Tom
    Guck mal in die neue Heidenreich-Rezension. ;-) (Wobei ich das nicht zu hoch hängen würde, aber es hat mich auch zu dem Gedanken gebracht.)

  • Nein muss er/sie nicht, aber im Umkehrschluss heißt das für mich auch, dass ich die Bücher nicht lesen muss OBWOHL mit der Autor sympathisch ist.
    Bestes Beispiel für mich ist hier Rafik Schami. Er ist ein sehr netter sympathischer Mann aber mit seinen Büchern kann ich nichts anfangen.

  • Bei einigen Autorenpersönlichkeiten interessiert mich durchaus - ebenso wie bei Schauspielern und anderen Künstlern - auch ihr Leben, ihre Erlebnisse und anderes. Ich trenne allerdings zwischen den Personen und ihrem Werk, die Filme eines unsympatischen Schauspielers kann ich immer noch genießen, ebenso die Bücher eines Autors, dessen "Privatleben" und damit einhergehende Taten und Äusserungen bei mir auf Ablehnung stossen.
    Die Beschäftigung mit diesen Personen erfolgt ja vor allem wegen einer Begeisterung für ihre Arbeit, und diese wird durch die Kenntnis in ihres Privatlebens bei mir keinesfalls getrübt, allerdings ist es für mich bei der Beurteilung des Werkes oft eine Bereicherung über den Urheber etwas mehr zu wissen.
    (Mir fallen gerade nur Beispiele aus der Musik ein: Die Biographien über Thelonious Monk oder Charles Mingus - um nur zwei zu nennen - machen ihre Musik für mich sehr viel reicher, sehr viel "emotional verständlicher" als es ohne diese Lektüre der Fall wäre)

  • Doch, kenn ich von mir. Wenn ich einen Autoren gar nicht kenne, dann weiss ich natürlich nicht, ob dieser mir sympathisch oder unsympathisch ist, aber es gibt Autoren, die ich nicht mehr lesen kann, weil sie mir so unsympathisch sind, dass ich ihre Bücher nicht mehr lesen mag. Ist wahrscheinlich eine konditionierte Reaktion. Das Buch löst sofort die unangenehmen Gefühle aus, die ausgelöst wurden als mir der Autor unsympathisch wurde. Als Psychotherapeutin würde ich nun sagen, dass ich mich mit dem Buch konfrontieren sollte als Gegenkonditionierung, aber als Mensch sag ich: "Och nö, gibt genug andere Bücher." ;-)

  • Natürlich kann das Wissen über das Leben eines Künstlers dazu beitragen, sein Schaffen besser zu verstehen. Man sollte nur aufpassen, dass man vor lauter psychologischer Deutung, welche Kindheitstraumata im neuesten Roman verarbeitet werden, nicht vergißt, dass selbst Schriftsteller sich manchmal emanzipieren können und vielleicht etwas ganz anderes aussagen wollen. Und wenn mir jemand mit Thomas Manns unterdrückter Homosexualität kommt, gehen bei mir automatisch die Ohren zu. ;-)


    Für mich waren die Biographien von Klaus Mann und Schostakowitsch prägend - auch in dem Sinne, dass ich dadurch wesentlich besseren Zugang zu ihren Romanen/Stücken gefunden habe.

  • Meine Bemerkung im Thread von Elke Heidenreich war sicherlich nicht ganz ernstgemeint - auf jeden Fall wollte ich damit nicht eine solche Reaktion auslösen. :wow Mir ist es in den meisten Fällen eigentlich egal, ob ein Autor mir sympathisch ist oder nicht, so lange ich die Bücher gerne lese. Wenn mir aber etwas - wie bei Elke Heidenreich - negativ auffällt, dann würde ich beim nächsten Einkauf schon ein wenig zögern.


    Zitat

    Original von Vulkan
    Ich könnte jetzt noch aus aktuellem Anlass etwas zu Herta Müller sagen, aber ich fürchte, dann wirft mich Buzz hochkant hier heraus. :grin


    Danke, das ist sehr rücksichtsvoll von dir. :grin Das bei Herta Müller Kritieren, wie z.B. ihre Art zu sprechen, herangezogen werden bei der Entscheidung ihr Buch zu lesen oder nicht, hat mich schon etwas gestört. Aber wahrscheinlich bin ich in der Tat humorlos. ;-)

  • Ich interessiere mich für Autoren eigentlich erst wenn sie schon nicht mehr den Mund aufmachen können.


    Ansonsten, sage ich da einfach mal nein.
    Ich lass mich da mehr vom Buch selbst verleiten, als vom Autor. Obwohl ich jetzt nicht ausschließen kann, dass ich mir Bücher von Autoren raussuche, eben weil sie mir unangenehm aufgefallen sind, bei solchen Gefühlsregungen kann ich mir einfach besser den Namen merken.

  • Zitat

    Original von buzzaldrin
    Danke, das ist sehr rücksichtsvoll von dir. :grin Das bei Herta Müller Kritieren, wie z.B. ihre Art zu sprechen, herangezogen werden bei der Entscheidung ihr Buch zu lesen oder nicht, hat mich schon etwas gestört. Aber wahrscheinlich bin ich in der Tat humorlos. ;-)


    Ich möchte trotzdem noch mal betonen, dass mein Problem mit Herta Müller nichts mit Dialekt, Frisur etc. zu tun hat. Mich haben ihre Essays nachhaltig verstört. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Schriftsteller keine besonders moralischen Menschen sein müssen, wird da ein Menschen- (und Kinder)bild vermittelt - und zwar anscheinend distanz- und kritiklos (ich bin noch auf andere Meinungen gespannt) - mit dem ich nicht leben kann. Bei aller künstlerischen Finesse.

  • Ich kenne so wenige Autoren persönlich (und die sind dann noch verdammt undbedeutend), dass sich mich die Frage gar nicht stellt. Denn wie sollte ich über Sympathie oder Antipathie entscheiden, wenn ich die Person nicht kenne.
    Was wir in den Medien serviert bekommen, ist ein Medienprodukt aber kein Mensch über den man sich ein Urteil bilden könnten.


    Von daher mögen die Leute auf die Frage antworten, die wirklich und tatsächlich vor dem Problem stehen.


    edit ergänzt: Wenn mir bestimmte Werke und Äußerungen von Menschen nicht gefallen, dann vergeht mir unter Umständen auch die Lust, mehr aus dieser Feder zu lesen - aber das hat dann nichts damit zu tun, ob mir die Person sympathisch ist, sondern ist von diesen Äußerungen her bestimmt.

  • Puh, gute Frage. Grundsätzlich spielt das bei mir glaub ich kaum `ne Rolle, einfach weil ich selten überhaupt was näheres zu den Autoren weiß, bevor ich ihre Bücher lese. Wenn ich ein Buch kaufe oder interessant finde und überlege, es zu kaufen, beschäftige ich mich eigentlich nicht näher mit der Person, sondern ausschließlich mit dem Inhalt. Von daher weiß ich auch selten etwas, was mir unsympathisch sein könnte. Wenn mir das Buch gefallen hat, schau ich mir auch den Autoren näher an (eben das, was in Internet&Co über ihn preisgegeben wird) und dann bin ich meistens eh schon infiziert und würde vermutlich auch bei `nem sehr negativen Bild nicht zurückschrecken. Anders sieht das bei Autoren aus, die ich live erlebt hab und die mir völlig unsympathisch sind. So geschehen bei Jan Weiler. Der hat sich bei einer Lesung in unserer Buchhandlung dermaßen danebenbenommen und hat die anwesenden Buchhändler dermaßen unverschämt behandelt, dass mittlerweile das ganze Kollegium boykottiert (seine Bücher zu lesen, zu verkaufen natürlich nicht). Seine Bücher kann ich nicht mehr lesen, ohne mich fürchterlich über ihn aufzuregen und ich denke, ich werd auch keins mehr in die Hand nehmen.

  • Zitat

    Original von Vulkan
    Ich möchte trotzdem noch mal betonen, dass mein Problem mit Herta Müller nichts mit Dialekt, Frisur etc. zu tun hat. Mich haben ihre Essays nachhaltig verstört. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Schriftsteller keine besonders moralischen Menschen sein müssen, wird da ein Menschen- (und Kinder)bild vermittelt - und zwar anscheinend distanz- und kritiklos (ich bin noch auf andere Meinungen gespannt) - mit dem ich nicht leben kann. Bei aller künstlerischen Finesse.


    Ich habe bisher noch keinen ihrer Essays gelesen, das werde ich dann vielleicht doch noch mal nachholen müssen.


    :-)

  • Zitat

    Original von licht
    edit ergänzt: Wenn mir bestimmte Werke und Äußerungen von Menschen nicht gefallen, dann vergeht mir unter Umständen auch die Lust, mehr aus dieser Feder zu lesen - aber das hat dann nichts damit zu tun, ob mir die Person sympathisch ist, sondern ist von diesen Äußerungen her bestimmt.


    Was mich jetzt zu der Frage verleitet, was Sympathie ist? Sicher zum Einen eine sehr instinktive "Chemie", die erst bei tatsächlichem Kontakt zwischen zwei Personen entstehen kann. Aber können nicht Menschen aufgrund ihrer Äußerungen unsympathisch sein? Mir zumindest schon. Natürlich kann das durch andere Äußerungen/Handlungen/etc. ausgeglichen werden, aber die Meinung eines Menschen zu bestimmten grundlegenden Dingen ist durchaus ein Aspekt, der bei mir zu Antipathie und Sympathie beiträgt.


    @ Buzz
    Mach das. Ich wäre durchaus auch froh, wenn ich das ganz falsch verstanden habe. Bisher fehlt mir die Vorstellung, was ich da misinterpretiert habe. :-)

  • Zitat

    Original von Salonlöwin
    Seine Erzählungen sind mäßig, seine Prosa ist genial, er ist ein begnadeter Vorleser und ein Kotzbrocken gegenüber seiner Leserschaft.
    Namen nenne ich nicht :grin.


    Sind Erzählungen keine Prosa? Und menno, ich habe keine Ahnung, von wem Du redest! ?(

  • Tom : mir fällt da eben Sarah Lark ein. Superpeinliche Sache, hat aber ihre (klar vom Reißbrett, vorhersehbaren) ziemlich unterhaltsamen Romane nicht schlechter gemacht.
    Und dann die Rezi zu Heidenreich. Und Reaktionen auf Kerstin Gier und ihr Vor-/Nachwort. Und die schockierten Reaktionen auf Sebastian Fitzeks Werbeaktionen (auch ein Fauxpas...) und das sind jetzt nur die Sachen, die mir ganz spontan einfallen.


    @Buzz: das Thema wollte ich jetzt nicht an deiner Bemerkung festmachen, es ist mir einfach schon mehrmals aufgefallen.


    @Giuletta: wenn man die Person persönlich erlebt, kann ich es mir vorstellen, dass man nochmal anders reagiert.


    Vulkan : ich will sowohl Herta Müllers Essays, wie auch ihre Romane (zumindest teilweise) lesen. Dennoch muss ich sagen, dass mich deine Rezis zu ihren Essays und generell ihr öffentliches Auftreten nicht gerade bezaubern. :grin

  • Eine definitive Antwort kann ich bei der Frage gar nicht geben....


    Wirklich kennen tu ich keinen Autor, somit kann ich mir nur auf Grund von Hintergrundinformationen sowie Eulenaktivität und/oder Leserundenbegleitung ein Bild machen und das wird immer ein subjektives sein.


    Ich nehme mir die Freiheit heraus nicht jedes Buch eines mir sympathischen Autors zu lesen, wenn es mich thematisch nicht anspricht oder auch zu äußern, daß es mir evtl nicht gefallen hat (auch wenn mir das insbesondere bei Eulenautoren tatsächlich etwas schwerer fällt).


    Ich nehme mir genauso die Freiheit heraus Bücher von mir unsympathischen Autoren nicht zu lesen, obwohl sie mich thematisch interessieren. So geschehen im Falle einer (mittlerweile verstorbenen) Autorin, die hier im Forum sehr empfindlich auf Leserkritik reagiert und im Laufe der Diskussion geäußert hat, daß sie auf die paar cent, die sie auf Grund unserer Buchkäufe erhält nicht angewiesen sei (sinngemäßes Zitat aus der Erinnerung). Gut, dann brauche ich ja keines ihrer Bücher zu kaufen.


    Ähnlich wie im Fred bezüglich der Frage, welches Genre man meidet, muß ich allerdings auch hier sagen: sag niemals nie! Letztlich entscheide ich das von Buch zu Buch.


    Cookiemonster :
    die Autorin hatte Tom in seinem Post doch erwähnt, als einzige die ihm diesbezüglich einfiel. :gruebel


    Edith hat kurz einen Satz präzisiert.

    Ich weiß nicht, was das sein mag, das ewige Leben.
    Aber dieses hier, das diesseitige, ist ein schlechter Scherz. (Voltaire)

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