Was treibt Menschen an, neben ihrem eigentlichen Beruf, ein Buch zu schreiben?

  • @ magali


    Mit der Aussage, dass standesmäßige, gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Barrieren fehlen, meine ich, dass der Wunsch, etwas im Leben zu erreichen, heute nicht mehr von vornherein durch die eigene Herkunft blockiert wird nach dem Motto: einmal Bauer, immer Bauer. Im Gegensatz zu früheren Zeiten kann man heute trotz schlechtester Startbedingungen etwas aus sich machen.
    Ebenso rümpft nicht mehr jeder die Nase, wenn man als Beruf Schauspieler oder Künstler angibt (Früher gab es Hotels mit Schildern: "Für Hunde und Schauspieler verboten.").
    Und um sich beruflich zu verwirklichen, auch in kreativer Hinsicht, braucht frau nicht mehr die Genehmigung ihres Mannes. Und auch der Beruf des Schriftstellers, Philharmoniemusikers oder Schauspielers ist längst keine Männerdomäne mehr.


    Kurz, es ist mit Sicherheit leichter geworden, sich künstlerisch zu betätigen, weil die Ablehnung weniger groß ist als zu anderen Zeiten und wir generell mehr Freiheiten in Bezug auf unsere eigene Lebensgestaltung genießen.

    :flowersIf you don't succeed at first - try, try again.



    “I wasn't born a fool. It took work to get this way.”
    (Danny Kaye) :flowers

  • Ah, danke, ja, klar. Darauf hätte ich auch kommen können! :bonk
    Du hast natürlich recht.


    Der zweite Punkt, der oben flüchtig angesprochen wurde, ist dann der, daß sich auch die Meinung verbreitet hat, daß 'künstlerisch' gleichbedeutend mit 'leicht' ist. Man pinselt irgendwas hin und ist Maler. Man schrappt auf einer Geige herum und ist Musikerin. Man kritzelt drei Sätze hin und ist Autor. Können muß man nichts. Und Talent ist so unmodern, undemokratisch und überhaupt schränkt es die persönliche Freiheit ein, wenn das verlangt wird.
    Das ist ein Mißverständnis par excellence.



    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus


  • Also ich würde sagen, es zeugt von totaler Ahnungslosigkeit. Jeder, der in einem kreativen Beruf, also als Autor, Maler, Mode- oder Möbeldesigner oder was auch immer wenigstens ein bisschen was verdient hat, weiß, dass jahrelange Arbeit dahinter steckt, bis man überhaupt das allererste (meist lächerlich geringe) Geld sieht. Nach meiner Erfahrung wird das Image vom genialen Freigeist am ehesten von Leuten gepflegt, die mehr um eben dieses Image als um allmähliche Verbesserung ihrer Fähigkeiten bemüht sind, was schließlich zum Erfolg führen könnte.


    Um zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: es gibt viele Leute, die neben ihrer Arbeit als Hobby schreiben (oder malen oder stricken etc.) ohne die Ambition, sich Autor (oder Maler....) zu nennen oder ihre Texte zu veröffentlichen. Es ist ein Hobby, und das ist okay.
    Wer das ernsthafter angeht, also einen Verlag finden möchte, muss allerdings wesentlich mehr Disziplin und Energie in die Sache stecken. Und wer die Ambition hat, eines Tages wenigstens teilweise davon leben zu können, noch mehr. Das zeugt dann schon von einer gewissen Unzufriedenheit mit dem Brotjob, denn sonst würde man nicht so viel Freizeit opfern. Vielleicht wird der Brotjob auch nur als Übergangslösung gesehen, bis man das machen kann, was man wirklich machen will.
    Zwischen beiden Extremen sind die Grenzen natürlich fließend. Ein Hobbyautor kann auch allmählich zum Profi werden, weil er merkt, dass es ihm Spaß mach und er damit Erfolg hat.


    Viele Grüße


    Tereza

  • Zitat

    Original von Tereza
    Wer das ernsthafter angeht, also einen Verlag finden möchte, muss allerdings wesentlich mehr Disziplin und Energie in die Sache stecken. Und wer die Ambition hat, eines Tages wenigstens teilweise davon leben zu können, noch mehr. Das zeugt dann schon von einer gewissen Unzufriedenheit mit dem Brotjob, denn sonst würde man nicht so viel Freizeit opfern. Vielleicht wird der Brotjob auch nur als Übergangslösung gesehen, bis man das machen kann, was man wirklich machen will.
    Zwischen beiden Extremen sind die Grenzen natürlich fließend. Ein Hobbyautor kann auch allmählich zum Profi werden, weil er merkt, dass es ihm Spaß mach und er damit Erfolg hat.


    Ich kann die These "Unzufriedenheit mit dem Brotjob" absolut nicht bestätigen. Ich arbeite seit dreißig Jahren in meinem Traumjob und würde ihn wahrscheinlich nicht mal dann aufgeben, wenn zufällig ein Bestseller aus meiner Feder flösse und mich steinreich machte.
    Ich habe trotzdem auch schon immer Geschichten erzählt, früher in Bildern und Comics. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das anders als "Hobby" zu nennen. Als ich vor einigen Jahren zu schreiben anfing, war mir lange vor dem Agentur- oder ersten Verlagsvertrag klar, dass das kein Hobby ist, sondern ein weiterer Beruf, und ich habe von Anfang an sämtliche Ausgaben von der Steuer abgesetzt. :-)
    Dass die beiden Jobs nur funktionierten, indem ich auf Freizeit und Hobbys verzichtete, hatte absolut nichts mit Unzufriedenheit im Brotjob zu tun, sondern nur damit, dass ich keins von beiden lassen wollte. Der Brotjob ist mir ein wunderbarer, rundum zufriedenstellender und zuverlässiger Ehemann, das Schreiben ein aufregender, unzuverlässiger Geliebter. Wenn ich vernünftig wäre, würde ich den Geliebten abstoßen. :grin

  • Zitat

    Original von Katerina
    Ich kann die These "Unzufriedenheit mit dem Brotjob" absolut nicht bestätigen. Ich arbeite seit dreißig Jahren in meinem Traumjob und würde ihn wahrscheinlich nicht mal dann aufgeben, wenn zufällig ein Bestseller aus meiner Feder flösse und mich steinreich machte.


    Da bist du zu beneiden. :-)


    Ich habe da wohl mehr über mich gesprochen. Es läuft wahrscheinlich bei jedem anders. Aber du bist ja ein Fall von: wie das Hobby zum Beruf wurde.


    Viele Grüße


    Tereza

  • Ich denke, dass Schreiben zunächst einmal ein ganz normales Hobby sein kann. Ein Mensch, der Pflanzen liebt, freut sich über sein Garten und der Schriftsteller über jedes neue Wort, mit dem die Gedanken in seinem Kopf zu einer Welt werden. Natürlich gibt es auch Leute, denen Schreiben so viel bedeutet, dass sie es als Berufung ansehen. Diese wünschen sich, eines Tages damit ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Vermutlich gibt es diese beiden Gruppen aber in jedem Bereich.


    Was mich betrifft, ich schreibe zwar, doch nicht so viel wie ich gerne möchte. Seltsamerweise scheine ich in meinem momentanen Job, noch weniger Zeit dazu zu haben, als in den Jahren, in denen ich meine Mutter gepflegt habe. :gruebel

  • Zitat

    Original von Katerina


    :knuddel
    Leute wie du sind schuld dran, dass ich bei diesem Mistkerl bleibe. :lache


    Danke Katarina,
    ein sehr schöner Vergleich. Auch ich habe im übrigen mein Hobby beim Arbeitgeber und Finazamt angemeldet und somit einen zweiten "Job". Und auch ich möchte meinen Geliebten nicht missen. Man weiß aber nie ob er einen irgendwann langweilt oder ihn so liebt, dass man den Ehemann nicht mehr behalten mag. Schauen wir mal was die Zukunft bring. Momentan möchte ich weder den einen noch den anderen missen. :-]


    Gruß

    Fay
    Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers. (Stendhal)

  • Ich verzichte auf Fernsehen und lese oder schreibe stattdessen (etwa 3 Stunden/Tag). Dann verzichte ich aufs IPhone-Herumgedöns während ich im Zug oder im Flieger sitze (etwa 2 Stunden/Tag). 5 Stunden Zeitgewinn ist nicht schlecht aber für einen Bestseller ist die Quantität nicht entscheidend. Aber das ist auch nicht mein Motiv. Ich schreibe, weil es mir gut tut.

  • "Ich schätze, es ist auch eher ein Massenphänomen unserer Zeit, sich nicht nur mit einer Sache zufriedenzugeben, sondern immer das Gefühl zu haben, sich irgendwo gestalterisch oder sonstwie verwirklichen zu müssen.
    Frühere Generationen haben sich leichter mit ihrer Lebens- und Berufssituation beschieden oder darin Glück und Zufriedenheit gefunden."


    Dem kann ich mich nur anschließen, obwohl ich nicht sicher bin, ob sich vorherige Generationen "leichter beschieden" haben oder nur nicht anders konnten.


    Allerdings ist mir in den letzten ein, zwei Jahren auch in meinem Freundes- und Familienkreis der Trend zum "Künstlerischen" aufgefallen. Eine spielt Klavier, eine malt, einer fotografiert, einer lernt Gitarre und ich schreibe eben. Komisch, dass noch niemand in einer Band singt :-).
    Ich glaube, das liegt daran, dass wir in ein Alter kommen (klingt schrecklich), in dem man beruflich seinen Zenit erreicht hat und feststellt, dass trotzdem etwas fehlt. Die Kinder brauchen einen auch nicht mehr rund um die Uhr und wie hier schon angedeutet, ist die Zeit vor dem Fernseher mehr als vergeudet. Was aus so einem Hobby wird, sei mal dahingestellt, hauptsache ist doch, dass es den Betreffenden glücklicher macht.

  • Zitat

    Original von beisswenger
    Ich verzichte auf Fernsehen und lese oder schreibe stattdessen (etwa 3 Stunden/Tag). Dann verzichte ich aufs IPhone-Herumgedöns während ich im Zug oder im Flieger sitze (etwa 2 Stunden/Tag). 5 Stunden Zeitgewinn ist nicht schlecht aber für einen Bestseller ist die Quantität nicht entscheidend. Aber das ist auch nicht mein Motiv. Ich schreibe, weil es mir gut tut.


    ....ich schreibe, weil es mit gut tut...


    Das ist mal eine Aussage, die ich unterschreibe. Massenphänome eher nicht.
    Denn es ist des Menschen Urbedürfnis, sich mitzuteilen. Dem kommen die heutigen technischen Möglichkeiten natürlich sehr entgegen.
    Ich halte es eher für eine Befreiung, dass inzwischen jedem die Möglichkeit offen steht, sich auch der Öffentlichkeit zu präsentieren, ohne bei den Göttern Verlage unter den Rock kriechen zu müssen. Diese "Freiheit" bringt Hobbyschreiber natürlich auf Trab, und deshalb werden es mehr und mehr, die man vorher nie zur Kenntnis nahm, nehmen konnte.


    Ich glaube, dass diese Flut auch wieder abebben wird, wenn sie merken, dass ihre Qualität für den hart umkämpften Markt nicht reicht.


    But what shall's? Sie sehen eine Möglichkeit , nutzen sie, sind zufrieden mit sich und den/die einen oder anderen wird es eines Tages an das Ziel seiner/ihrer Träume führen.


    Ich sagte es bereits, ich habe Achtung vor den Hobbyautoren, egal, aus welchem Grund sie es tun. Sie haben einen Grund, und das ist wichtig.


    Wer kann heute noch von sich sagen, warum er dies tut und das andere nicht lässt? Es ist langsam nur noch ein Mainstream, aus denen sich diese "Sonderlinge" von Hobbylobbyisten hervortun

  • Lieber hef,


    ich glaube, es gibt viele dieser Sonderlinge und nicht nur unter Schreiberlingen.


    Menschen, die gegen die Massenverdummung revoltieren. Der eine lebt von den Früchten seines eigenen Gartens, der zweite macht in seinem Homestudio Musik, der dritte arbeitet in einem Hospiz, der vierte malt, der fünfte tut das und der hunderttausende jenes.


    Ich wünsche jedem Menschen in unserem Kulturkreis, die Chancen, die es anderswo kaum gibt, zu nutzen, um das zu werden, was er sein könnte. Und in uns allen steckt viel mehr Potenzial als wir glauben.

  • Darum geht es, meiner Meinung nach:


    Menschen suchen nach Entwicklungsmöglichkeiten, suchen nach dem ganz persönlichen Weg des Glücks. Und dazu gehört auch, sich das Leben mit sinnvollen Beschäftigungen zu erfüllen. Es gibt Menschen, die sind kreativ und es gibt andere, die fühlen sich in einer durchorganisierten Ordnung wohl, und streben nicht danach, etwas zu verändern. Und es gibt beides.


    Ich liebe meinen unbefristeten Job an der Uni mit garantierten Gehaltssteigerungen alle zwei Jahre und ich liebe die Freiheit des Schreibens.


    Zugegeben, früher träumte ich davon, eines Tages vom Schreiben leben zu können, meinen Tag völlig frei und unabhängig enteilen zu können, doch heute frage ich mich, ob ich dieses Maß an Kreativität wirklich möchte. Denn Kreativität geht auch einher mit Unsicherheit und Risiko. Würde ich in zwei Jahren noch Bücher verkaufen können? Würde mich die Muse noch lange küssen?


    Menschen treibt vieles an, und die Ziele ändern sich im Laufe der Zeit.
    Schön ist es, wenn man sich dabei entwickelt und am schönsten ist die Freiheit, das tun zu können, wonach man gerade strebt.


    lG
    Sayyida

  • Nicht zu vergessen, dass Schreiben ein Hobby ist, das keinen teuren technischen Aufwand erfordert, das man tun oder lassen kann, wie es einem gefällt und man kann es allein und im stillen Kämmerlein tun, oder sich im Bus/Bahn schon wieder Notizen machen, Kapitel überarbeiten, oder beim Spaziergang überlegen, wie es weiter geht...

  • Zu dem Arbeitskollegen vom Anfang:
    Auch die Fachliteratur, die er liest, ist sicherlich auch von jemandem nebenberuflich geschrieben.


    Künstlerische Ambitionen laufen unter "Berufung" und sind kein Beruf mehr.


    Der Kollege von oben verspürt offensichtlich keine Berufung...schade für ihn und vielleicht gut für uns!


    In dem Sinne Tschüß! Ursula


    :frieden