Cay Rademacher: Der Schieber

  • Cay Rademacher: Der Schieber
    Dumont Buchverlag 2012. 352 Seiten
    ISBN-13: 978-3832196875. 16,99€


    Verlagstext
    Hamburg 1947: Es ist das Jahr der Extreme. Nach dem bitterkalten Hungerwinter stöhnt die zerbombte Stadt schon im Frühling unter quälender Hitze. Und Oberinspektor Frank Stave wird mit einem neuen Fall konfrontiert. In den Ruinen einer Werft wird die Leiche eines Jungen gefunden. Zusammen mit Lieutenant MacDonald und Doktor Czrisini macht sich Stave auf die Suche nach dem Mörder, und die Ermittlungen führen sie in die Welt der "Wolfskinder" jener elternlosen Kinder, die aus den besetzten Ostgebieten geflohen sind und sich nun zu Banden vereint als Kohlenklauer, Prostituierte und Schmuggler durchschlagen. Doch nicht nur beruflich sieht Frank Stave sich vor Rätsel gestellt: Mitten in den Untersuchungen steht plötzlich sein Sohn vor der Tür, der aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. Ein schmerzhafter Weg der Annäherung liegt vor ihnen, während Stave zugleich um den Erhalt der Beziehung zu seiner Geliebten Anna kämpft. Als zwei weitere Leichen entdeckt werden, gerät Stave zunehmend unter Druck. In einer dramatischen Nacht im Hafen soll sich schließlich entscheiden, ob Stave den Täter zu fassen bekommt.


    Der Autor
    Cay Rademacher, geboren 1965, studierte Anglo-Amerikanische Geschichte, Alte Geschichte und Philosophie in Köln und Washington. Seit 1999 ist er Redakteur bei GEO, wo er das Geschichtsmagazin GEO-Epoche mit aufbaute, bei dem er seit 2006 Geschäftsführender Redakteur ist. Im DuMont Buchverlag erschien 2011 sein Kriminalroman ›Der Trümmermörder. Cay Rademacher lebt mit seiner Familie in Hamburg.


    Inhalt
    Im Sommer 1947 ist im kriegszerstörten Hamburg unter Britischer Militärverwaltung die Bewältigung des Alltags noch immer eine tägliche Herausforderung. Ganze Straßenzüge sind zerbombt, viele Menschen leben in Baracken oder Bunkern und Lebensmittel werden noch immer auf Lebensmittelkarten zugeteilt. Einige tausend elternlose Kinder schlagen sich in der Stadt mit Kohlenklau von fahrenden Eisenbahnzügen und Schwarzmarktgeschäften durch. Davon sind (laut Rademachers Nachwort) allein eintausend so genannte Wolfskinder, die ohne Erwachsene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten flüchteten. Der Hafen ist zerbombt, gesunkene Schiffe versperren die Fahrrinnen. Als auf dem Gelände der Werft Blohm und Voss in Steinwerder (die englisches Sperrgebiet ist) ein Jugendlicher erstochen aufgefunden wird, arbeitet der deutsche Oberinspektor Frank Stave von der Hamburger Kripo mit Lieutenant MacDonald von der Britischen Besatzungsarmee zusammen. Die halboffizielle Zusammenarbeit zwischen der Hamburger Kripo und den "Tommies" illustriert sehr gelungen, wie kompliziert das Zusammenleben von Besatzungsmacht und den Bürgern im besetzten Nord-Deutschland war. Von der Hamburger Polizei wird der Einsatz für Recht und Ordnung erwartet, Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Briten Benzin für den Fuhrpark, die "Peterwagen", bewilligen. Ermittlungen auf dem Werftgelände sind eine heikle Sache, da die Militärregierung gerade die Demontierung der Produktionsanlagen angeordnet hat und die zum großen Teil in der KPD organisierten Werftarbeiter das durch aktiven oder passiven Widerstand verhindern wollen. Ein Fächer von Mordmotiven bietet sich den Ermittlern an. Der Junge, den offenbar noch niemand vermisst, könnte sich als Schmuggler oder Schieber Feinde gemacht haben, er könnte aber auch den Interessengruppen um die Schiffswerft in die Quere gekommen sein. Als seine Angehörigen ausfindig gemacht sind, zeigt sich, dass Adolf in der damaligen Zigarettenwährung sehr wohlhabend war. In welche Schiebereien war der Junge verwickelt?


    Frank Stave hatte es während des Nationalsozialismus irgendwie fertiggebracht, seine Stelle zu behalten, obwohl er kein Parteimitglied war. Als Sozialdemokrat fühlte er sich nur im Geheimen. Eine politisch weiße Weste erregt natürlich den Neid seiner Kollegen, an denen er auf der Karriereleiter vorbeiziehen könnte. Stave ermittelt verbissen im Fall des toten Jungen, weil er nur schwer akzeptieren kann, dass um die elternlosen Wolfskinder niemand trauert. MacDonald, sein britischer Partner, handelt weniger altruistisch. Er hat eine Affäre mit Staves Sekretärin, die noch nicht von ihrem ersten Mann geschieden ist, und fürchtet auf einen Posten am entfernten Rand des Empires abgeschoben zu werden, falls er in diesem Fall nicht mir Ergebnissen glänzt. Das binationale Ermittlerteam gerät unter Handlungsdruck als weitere tote Jugendliche gefunden werden.


    Fazit
    Neben einem spannenden Kriminalfall und den sorgfältig recherchierten Lebensbedingungen der Nachkriegsjahre hat mich besonders beeindruckt, wie tief der Autor seine Leser in Frank Staves seelische Verfassung blicken lässt. Der Ermittler hat seine Frau bei einem Bombenangriff verloren und kann sich im zweiten Jahr nach Ende des Kriegs nur schwer auf die Liebe zu seiner Freundin Anna einlassen. Auch die Beziehung zu Staves Sohn, den er zuletzt mit 17 Jahren gesehen hat, bevor der Junge sich zur Wehrmacht verpflichtete, ist noch ungeklärt. Rademacher lässt die trockenen Fakten über den Alltag zur Zeit der Hamsterfahrten und Schwarzmarktgeschäfte im Nachkriegsdeutschland erstaunlich lebendig werden. Meine Erwartung an einen historischen Krimi hat das Buch noch übertroffen und ich habe mich neugierig gefragt, wer wohl Rademachers Zeitzeugen für diesen Krimi gewesen sind.


    9 von 10 Punkten

  • Nachdem die Menschheit im 2. Weltkrieg verrückt gespielt hat scheint es nun das Wetter den Menschen gleichzutun. Nach dem verheerenden bitterkalten Winter im Der Trümmermörder *klick* mit bis zu minus 30 Grad folgt ein heisser Frühling mit Temperaturen über 30 Grad. Die Stadt Hamburg im Jahre 1947 ist immer noch von den schweren Bombardementen des 2. Weltkriegs gezeichnet und eine funktionierende Wasserversorgung und Kanalisation ist noch im Aufbau. In den Häusern fliesst bloss rostiges Wasser aus den Wasserhähnen, wenn überhaupt, und die flirrende Hitze sorgt für Gestank an Alster- und Elbufer. In einem Dock der bekannten Firma Blohm & Voss wird ein toter Junge auf einem Bombenblindgänger aufgefunden. Er ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Oberinspektor Frank Stave ermittelt zusammen mit Lieutenant MacDonald an diesem Fall und sie geraten schnell ins Milieu der Werftarbeiter und den Schiebern auf dem Schwarzmarkt genauso wie in das der Kohleklauern am Bahndamm. Wie das Ganze aber Zusammenhängt und was die Wolfskinder aus dem Osten damit zu schaffen haben ist eine Geschichte die ich hier nicht weiter ausführen will.


    "Verlorene Kinder, verlorene Familien. Das haben wir ihnen angetan, wir Älteren. Wir machen sie zu Waisen, wir zertrümmern ihre Welt, wir stossen sie herum, wir kümmern uns einen Dreck um sie. Werden wir am Ende wenigstens ihre Mörder bestrafen?"


    Es sind die ca. 40'000 elternlosen Kindern denen der Autor einen zentralen Platz in diesem Buch einräumt. Viele lebten nicht in Heimen sondern schlugen sich, allein oder in Banden, in der verwüsteten Stadt durch. Sie hausten in selbstgebaute Unterkünften, Nissenhütten oder Bunkern. Sie verdingten sich als Handlanger auf dem Schwarzmarkt, als Kohleklauer, Diebe oder Prostituierte. In diesem Zusammenhang ist mir das Schicksal von Hildegard Hüllmann mit ihrem Leben das aus Erniedrigung und Gewalt besteht besonders in die Knochen gefahren.


    Wie im erwähntem Roman "Der Trümmermörder" spielt erneut die Elbmetropole Hamburg sowie das beschwerliche Leben der Nachkriegszeit eine entscheidende Rolle. Die Grundstimmung die von diesem Krimi ausgeht ist zugleich ergreifend wie erschütternd und doch geht von dieser dumpf-bleiernen Atmosphäre eine ganz spezielle Faszination aus. Es ist die nüchterne Bodenständigkeit die diesen Krimi zu etwas besonderem macht. Frank Stave ist ein Oberinspektor wie aus dem damaligen Leben gegriffen. Er teilt die Sorgen und Nöte der Bevölkerung und kämpft mit den Auswirkungen des 2. Weltkrieges so wie alle anderen Menschen auch. Er versucht sein Leben in den Griff zu bekommen und ihm einen neuen Sinn zu geben. Er ist weder mit schweren psychischen Macken behaftet noch mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Er erledigt seinen Job mit Hingabe, dem nötigen Biss und kann so seiner Heimat Hamburg in der er fest verwurzelt ist etwas zurückgeben und einen Beitrag zum Aufbau und Neuanfang geben.


    Der Autor Cay Rademacher hat aus seinem ersten Krimi gelernt und in diesem Roman eine deutlich komplexere Handlung angelegt und das Privatleben von Frank Stave tritt aus dem Hintergrund hervor und wird zu einem ganz wichtigen Handlungsstrang. Diesbezüglich bin ich der Meinung, das die Lebensgeschichten nicht zu Ende erzählt sind bzw. die Handlungsfäden nicht sauber vernäht sind, wie man so schön sagt. Ich interpretiere das so, dass ein dritter Krimi wohl gerade im Entstehen ist und das freut mich ungemein! Vor der Lektüre dieses Buches würde ich empfehlen "Der Trümmermörder" zu lesen. Etliche Begebenheiten werden dadurch besser verständlich. Die Kapitel sind für einen Krimi ausserordentlich lang und der Autor nutzt das um immer wieder Fakten und kleine Anekdoten aus der Zeit von anno dazumal mit einzuflechten. So entsteht einerseits ein gefühlter Mehrwert andererseits eine ganz spezielle Aura mit viel Zeit- und Lokalkolorit. Kurz gesagt: Ich bin begeistert von diesem Kriminalroman! Wertung: 9 Eulenpunkte

  • Gerade habe ich das Buch beendet. Zum Inhalt gibt es nichts hinzuzufügen.


    Ich muß sagen, der Autor hat mich voll überzeugt. Ein gut recherchierter Krimi, der das Nachkriegsdeutschland und das "normale" Leben in den Trümmern und unter den Besatzern sehr anschaulich beschrieben hat. Als Leser konnte man mitfühlen, wie die Figuren in den Ruinen unterwegs waren. Stave und seine privaten Probleme und Gefühle waren sehr gut ausgearbeitet. Das Buch hat sich flüssig und spannend gelesen.


    Von mir eine eindeutige Leseempfehlung und 9 Punkte. Den 1. Teil werde ich mir auch noch besorgen!

  • Kurzbeschreibung laut Amazon.de:


    Hamburg: Bei einem Routineeinsatz wird Oberinspektor Frank Stave niedergeschossen. Er kommt davon, aber wechselt von der Mordkommission zum Chefamt S, das den Schwarzmarkt bekämpft. Dort wird Stave gleich mit einem rätselhaften Fall konfrontiert: Trümmerfrauen haben in den Ruinen eines Kontorhauses Kunstwerke aus der Weimarer Zeit gefunden gleich neben einer Leiche, deren Identität der Kollege von der Mordkommission offenbar gar nicht aufklären will. Kurz darauf vertraut ihm Lieutenant MacDonald ein weiteres Problem an: Auf dem Schwarzmarkt sind rätselhafte Geldscheine aufgetaucht, deren Existenz die geheimen Pläne der Alliierten stört. Der Oberinspektor entdeckt bald seltsame Parallelen zwischen den beiden Fällen. Als der Tag X gekommen ist die Einführung einer neuen Währung, über die schon seit Wochen in der Stadt gemunkelt wird , scheint Stave kurz vor der Lösung zu stehen. Doch die Wahrheit ist gefährlich, und nicht nur für ihn allein


    Erscheinungstermin: 26. August 2013!

  • Ich habe was gegen Schubladen und ich kenne die landläufige Definition, dass ein historischer Roman nur das sei, was mindestens 100 Jahre zurückliegendes Geschehen beschreibt. Aber das ist mir egal. Für mich ist das ein historischer Roman, dessen Hauptfigur Kommisar- will sagen Chefinspektor ist. Als Krimi funktioniert das Buch bei mir nicht. Zu wenig Spannung, zu wenig Hinweise zum Miträtseln und eine Lösung, die zwar realistisch klingt, aber eben nicht genremäßig aufgebaut ist. Ein hervorragender historischer Roman über die unmittelbare Nachkriegszeit. Die posttraumatischen Symptome blühen noch reichlich. Jeder hat noch das Überleben, das sehr singuläre eigene Überleben als Lebenszweck. Anderen zu helfen, menschlich zu handeln ist ein Luxus, der unbezahlbar daherkommt. Diese ganze Atmosphäre hat Rademacher düster und grau in den Trümmern Hamburgs eingefangen. Sehr interessante Reihe und ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Frank Stave soll den Mord an einem vierzehnjährigen Junge aufklären, der im verbombten Hamburger Hafen auf einer Fliegerbombe gefunden wurde.


    Der Schieber ist zwar wie ein Krimi aufgebaut, am besten gefielen mir jedoch die vielen Beschreibungen über die Nachkriegszeit. Die Menschen müssen sich durchschlagen, um am Leben zu bleiben und das nach einem extremen Winter auch noch in extremer Sommerhitze, der die Strassen schmelzen lässt und die Wasserhähne austrocknet. Die beste Zahlmöglichkeit sind Zigaretten, mit denen sich so gut wie alles auf dem florierenden Schwarzmarkt bekommen kann und sogar Stave kommt nicht darum herum, manchmal hier seine Einkäufe zu machen, von seiner Geliebten ganz zu schweigen.


    Der Fall ist aufgeklärt, doch im Privatleben des Ermittlers gibt es noch einige offene Angelegenheiten, die Lust auf den dritten Fall von Frank Stave machen.
    Von mir gibt es 9/10 Punkten.


    Fall 1: Der Trümmermörder
    Fall 2: Der Schieber
    Fall 3: Der Fälscher

  • Mir hat auch Band 2 recht gut gefallen. Die Beschreibung der Trümmerberge hätte zwar etwas weniger sein können, aber ansonsten ist es eine sehr solide Geschichte. Von der Spannung her reißt es einen nicht vom Hocker, aber vielleicht ist es so gewollt, der Zeit entsprechend.
    Band 3 liegt schon auf meinem SUB:wave
    Von mir gibt es 8 Punkte