John Williams - Stoner

  • Mir hat das Buch gut gefallen. Allerdings musste ich mich erst an den Schreibstil gewöhnen.


    Einerseits ist es eine blumige Sprache, mit komplexen Ausschmückungen und Stilblüten. Andererseits wurde ich mit dem Protagonisten nicht warm. Sicherlich ist die Figur des William Stoner so angelegt, dass sie distanziert, dumpf und aktionsarm wirkt. Mich hat das jedoch gestört, sodass ich nicht so recht eine Bindung aufnehmen konnte. Deswegen finde ich das Buch nicht wirklich deprimierend. Nur Grace und Katherine haben mir sehr leid getan.


    Neben den paar unbeschreiblich schön geschriebenen Passagen liest sich das Buch wie ein Zeitungsartikel oder Aufsatz. Fakten werden aneinander gereiht und einige Zwischenstationen durchgehechelt.


    Trotzdem finde ich, dass es ein gutes Buch ist. Altmodisch, aber auf seine Art interessant.



    8 Punkte



    ASIN/ISBN: 3423143959

    Viele Grüße
    Inks



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    Aktuell: Robert Galbraith - Weißer Tod

    SuB: 40

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  • Ich kann mich leider den begeisterten Rezensionen nicht so anschließen. Dieses Buch war vom Schreibstil nett. Stoner war nett, die Geschichte war nett aber deprimierend. Das war es aber auch schon. Und Nett alleine reicht für mich nicht.


    Ich fand das Buch bzw. die Geschichte stellenweise etwas langweilig. Vielleicht deshalb weil Stoner alles mit einer stoischen Ruhe und Gelassenheit angegangen ist. Und halt weil es selten mal etwas gemacht hat um etwas zu ändern. Obwohl ihm durchaus bewusst war, dass es nicht ganz das Gelbe vom Ei ist. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Stoner sieht, versteht und..... macht nichts.


    Daher konnte ich auch überhaupt nicht mit der Hauptfigur Stoner sympathisieren. Und das ist mir in einem Buch immer besonders wichtig. Leider gab es so gar keine Figur die ich sympathisch fand.


    Von mir gibt es nur 5 Punkte.

  • Nachdem das Buch schon lange im Regal steht, habe ich ihm endlich die nötige Zeit widmen können. Obwohl es mich teilweise sehr traurig gemacht hat, habe ich es gerne gelesen und es wird mich noch eine Weile beschäftigen.
    Das hat zwei Gründe. Einmal zeigt es eine Welt, die heute fast unvorstellbar ist. Im Guten wie im Schlechten. Eine Lebenswelt, wo sich wenig ändert. Die Menschen tun ihre Pflicht, so schwer es ihnen auch fallen mag. Allein die Tatsache, dass Stoner es geschafft hat, ein Studium zu beginnen und abzuschließen und dann auch noch das Studienfach zu wechseln und etwas Unnützes wie Literatur und Philosophie zu studieren, ist außergewöhnlich.
    Die Schilderung von Stoners Kinderzeit hat mich sehr betroffen gemacht. Ein Leben fast ganz ohne menschliche Wärme, ohne Gefühle, ohne Freude. Ich habe mich gefragt, ob nicht die Kühe auf der Farm ein glücklicheres Leben hatten.
    Der zweite Grund ist die Fähigkeit des Autors, ein völlig unspektakuläres Leben so fesselnd darzustellen. Immer bin ich neugierig geblieben, wie es wohl weitergeht, nie habe ich mich gelangweilt und mich besonders über die wenigen Stellen gefreut, an denen deutlich wird, dass Stoner ein Herz, Gefühle, List und Witz besitzt - auch wenn er das gut verborgen hält.


    Von mir gibt es 9 Punkte.

  • Zitat

    Original von Rumpelstilzchen
    (...)
    Der zweite Grund ist die Fähigkeit des Autors, ein völlig unspektakuläres Leben so fesselnd darzustellen. (...)


    Das hätte ich nicht besser sagen können. Gerade hab ich das Buch gelesen, das ich zu Weihnachten bekommen hatte, und es hat mich ebenfalls total in den Bann geschlagen. Ich kann dir nur zustimmen, Rumpelstilzchen. Genau die unprätentiöse Erzählkunst, die begnadete Fähigkeit des Autors, den Leser in dieses scheinbar durchschnittliche Menschenleben einzubinden, macht den literarischen Wert des Buches aus. Ich hab´s mit großem Genuss gelesen.

  • Brillant


    "Stoner" ist 1965 erschienen, wurde aber erst über vierzig Jahre später, durch eine Neuveröffentlichung im Jahr 2006, zum Publikums- und Kritikererfolg.


    Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von William Stoner, und er erzählt diese zweimal, nämlich zunächst in Kurzform gleich am Anfang, gefolgt von der Langversion, die den Rest des Buchs einnimmt. Im Prinzip weiß man schon nach dem ersten Kapitel, wie der Roman enden wird, aber es ist keineswegs so, dass es dadurch an Spannung fehlt.


    William Stoner kommt gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Sohn von Farmern auf die Welt. Das Leben auf der kargen Ranch ist hart und freudlos; der Umgang innerhalb der Familie könnte euphemistisch als "pragmatisch" bezeichnet werden. Aber die Eltern schicken den Heranwachsenden auf eine Universität, wo er ein Studium der Landwirtschaft aufnehmen soll, elterlicherseits verbunden mit der Hoffnung, er würde mit Wissen zurückkehren, das geeignet wäre, die Erträge der armseligen Farm zu steigern. Tatsächlich begegnet Stoner an der Columbia University in einem Pflichtkurs der ihm bislang weitgehend unbekannten englischen Literatur - und ist sofort verzaubert. Er wechselt den Studiengang, wird Dozent für Literatur und später Professor, heiratet, bekommt eine Tochter, stirbt schließlich in den Sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts. Damit nimmt man nichts vorweg, denn in etwa so wird es auch in der Exposition des Romans beschrieben. Und natürlich geschieht noch weit mehr als nur das. Es gibt Konflikte, Krisen, Aufstiege, Abstürze, Momente des Glücks. Und dieses Leben. Nur das eine.


    William Stoner ist eine geradlinige, fast klare, sehr duldsame, aber auch konfliktscheue Figur, wobei es der Begriff "konfliktscheu" nicht präzise trifft, denn Stoner ist durchaus zu Auseinandersetzungen bereit, scheint sie jedoch meistens für überflüssig zu halten, umso mehr, wenn sie auf den (wenigen) eigenen Entscheidungen basieren, zu denen Stoner steht wie der sprichwörtliche Fels (also Stein) in der Brandung. Er ist auf fast schon stoische Weise unbeirrbar, trägt die Verantwortung konsequent und bis zuletzt. Zugleich halten sich seine Ambitionen in Grenzen; er erwartet, verlangt nichts vom Leben, hat keine Visionen und letztlich auch keine Perspektive. Allerdings ist die Figur, obwohl man das nach dieser Zusammenfassung glauben könnte, alles andere als langweilig oder gar dumm. Tatsächlich ist dieser William Stoner ungeheuer spannend und mitreißend. Es ist faszinierend, welchen Sog dieser Roman entwickelt.


    Und das liegt vor allem an der Art und Weise, wie John Williams diese Geschichte erzählt. Selten nur bin ich einer so wundervollen, melodiösen, angemessenen, überraschenden, jederzeit treffenden und faszinierenden Sprache begegnet. Das Buch ist immer und an jeder Stelle ein Genuss, ein Exempel dafür, dass es beim Schreiben nicht nur darum geht, die falschen Wörter wegzulassen (Mark Twain), sondern die richtigen zu finden. Kurz gesagt: "Stoner" ist brillant. Und die letzten Seiten, auf denen sich der sterbende William Stoner immer wieder fragt, was er eigentlich erwartet hatte, gehören zu den besten Romanenden, die ich je gelesen habe.


    (Anmerkung: Ein besonderer Dank gilt Voltaire, der mich dazu gebracht hat, diesem hinreißenden Buch eine zweite Chance zu geben. :anbet)

  • Zitat

    Original von Tom
    Selten nur bin ich einer so wundervollen, melodiösen, angemessenen, überraschenden, jederzeit treffenden und faszinierenden Sprache begegnet. Das Buch ist immer und an jeder Stelle ein Genuss, ein Exempel dafür, dass es beim Schreiben nicht nur darum geht, die falschen Wörter wegzulassen (Mark Twain), sondern die richtigen zu finden. Kurz gesagt: "Stoner" ist brillant. Und die letzten Seiten, auf denen sich der sterbende William Stoner immer wieder fragt, was er eigentlich erwartet hatte, gehören zu den besten Romanenden, die ich je gelesen habe.


    Es ist mir eine Freude, dass du das genauso siehst, wie ich es dir unlängst, als wir (in Leipzig oder in Putlitz, ich weiß nicht mehr genau) begeistert geschildert hatte. Da wolltest du noch nicht so recht ran an das Buch. Wenn Voltaire es dann geschafft hat, dich endlich dazu zu bringen, es zu lesen - umso besser. Es ist schlicht so, dass gerade ein Schriftsteller, der an allererster Erzählkunst ja ein vitales Interesse hat, dieses Paradebeispiel einer solchen gelesen - besser noch: erfahren - haben MUSS, finde ich.

  • Es war mein "Weihnachtsbuch" und das beste, was ich im Jahr 2014 gelesen habe. Voltaire hat bereits alles gesagt über die Wirkung, die es auch bei mir hinterlassen hat.


    Der Erzählstil ist brillant, die Geschichte in ihrer Einfachheit erschreckend und das Wissen, dass das Buch in den Sechzigerjahren geschrieben wurde, verleiht dem Stoff einen zusätzlichen Charme.


    10 Punkte und großen Respekt - auch von mir.