'Das Scheißleben meines Vaters ...' - Seiten 001 - 065

  • Es ergibt sich auch ein Portrait der Nachkriegsgesellschaft mit starren Rollenverhalten in Familie und Schule, das manches an Machtmissbrauch erst ermöglicht. Zweifellos hat sich einiges davon auch lange, teils bis heute, gehalten.


    Zitat

    Original von Rosenstolz
    Ich durfte schon zweimal live im "Nachtcafè" mit dabei sein als auch Andreas Altmann als Gast auf dem Sofa saß.


    Einmal beim Thema "Lebe wild und gefährlich": http://www.swr.de/nachtcafe/ru…2249778/2bh8ii/index.html


    Danke für den Link! Ich sehe die Sendung gerade!

  • Zitat

    Original von Herr Palomar
    Es ergibt sich auch ein Portrait der Nachkriegsgesellschaft mit starren Rollenverhalten in Familie und Schule, das manches an Machtmissbrauch erst ermöglicht. Zweifellos hat sich einiges davon auch lange, teils bis heute, gehalten.



    Danke für den Link! Ich sehe die Sendung gerade!


    Gerne. :wave

  • Altmann schreibt nachvollziehbar, wie sich im "Kriegsgebiet" Familie vorhersehbare Ausbrüche aufbauen. Zum Beispiel immer wieder beim Essen: der Vater wird verbal auf die Mutter losgehen.
    Man kann sich die Szene vorstellen, wie der Junge starr am Tisch sitzt. Da bleibt einem der Bissen im Hals stecken.


    Auch in der Schule, wenn der sadistische Lehrer die Schüler demütigt und straft, kann man verstehen, wie sich das auswirkt.
    Altmann schreibt: "Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich die Herabwürdigung der anderen so tief empfunden hatte, als wäre ich selber gerade die Beute von Spahn gewesen."

  • Zitat

    Original von Herr Palomar
    Es ergibt sich auch ein Portrait der Nachkriegsgesellschaft mit starren Rollenverhalten in Familie und Schule, das manches an Machtmissbrauch erst ermöglicht. Zweifellos hat sich einiges davon auch lange, teils bis heute, gehalten.


    Unbedingt! Obwohl Altmanns Familie im Mittelpunkt des Buches steht, rechnet er gleichzeitig mit dem bigotten, reaktionären Umfeld in Altötting ab, das sein persönliches Leiden nicht nur ignoriert, sonden sogar in Form von ekelhaften, moralisch heruntergekommenen Lehrern und Priestern noch fördert. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto allgemeiner und heftiger wird Altmanns Kritik an Gesellschaft und insbesondere der katholischen Kirche. Im vergleichsweise liberalen Hamburg aufgewachsen, erscheint mir das von Altmann beschriebene Altötting als ein Vorhof der Hölle.

    "Lieber losrennen und sich verirren. Lieber verglühen, lieber tausend Mal Angst haben, als sterben müssen nach einem aufgeräumten, lauwarmen Leben"

    Andreas Altmann

  • Ich habe gestern ja noch die ersten Seiten gelesen ( schon die ersten Lebensjahre waren ja der Horror ) und mir an manchen Stellen ( Beschreibung des Familienfotos mit der langersehnten Schwester oder optische Beschreibung des Vaters ) Fotos dazu gewünscht.

  • Danke Rosenstolz für den Link. Als das Buch herausgekommen ist wurde er auch in die NDR Talkshow eingeladen. Ich habe mir das damals im Fernsehen angeschaut. Sehr interessant. Ich such später mal nach dem Post und setze ihn dann hier rein. :-)

    Man muß noch Chaos in sich haben um einen tanzenden Stern gebären zu können - frei nach Nietzsche
    Werd verrückt sooft du willst aber werd nicht ohnmächtig - frei nach Jane Austen - Mansfield Park

  • Zitat

    Original von Rosenstolz
    Ich habe gestern ja noch die ersten Seiten gelesen ( schon die ersten Lebensjahre waren ja der Horror ) und mir an manchen Stellen ( Beschreibung des Familienfotos mit der langersehnten Schwester oder optische Beschreibung des Vaters ) Fotos dazu gewünscht.


    Ich denke, dass es kaum Fotos von Altmann und seinen Geschwistern als Kinder geben wird. Vielleicht ein paar offizielle aus der Schule.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Keine Ahnung, aber das war halt so ein Gedanke, der mir sofort durch den Kopf schoss.
    Ich liebe Fotos, kann stundenlang Fotoalben anschauen und mir Gedanken zu den Personen auf den Bildern machen.
    Er beschreibt seinen Vater sehr anschaulich, das hat mich neugierig gemacht. :-)
    Und dieses Foto mit seiner Schwester hat er ja auch extra erwähnt, wie alle Brüder andächtig auf die Schwester runterschauen müssen. ;-) Und dass dieses Bild ohn Vater war, sehr bewusst ohne Vater, wie er sich heute denkt.


    Ich finde es ja auch krass, dass sein Vater in den ersten neun ( ich glaube, neun ) Jahren in seiner Erinnerung überhaupt nicht vorkommt..........

  • Ich weiss nicht, aber waren Fotos damals nicht teuer in der Herstellung? :gruebel Hatte man damals überhaupt Zeit und Müßiggang Fotos zu machen? Ist ja nicht so wie heute, wo man 24 Stunden seinen Foroapparat bei sich trägt ;-).



    Zitat

    Ich liebe Fotos, kann stundenlang Fotoalben anschauen und mir Gedanken zu den Personen auf den Bildern machen.


    Meine Eltern haben zuhause ein Familienfoto von meiner Mutter väterlicherseits auf einer Kommode stehen. (Mein Opa - Ihr Vater war damals ca. 7 Jahre alt). Auf diesem Foto zeigen die Kinder wie sie waren. Sie stehen nicht stramm und gucken starr in die Linse sondern jeder in seiner eigenen Pose. Und das ist das erstaunliche, denn meine Mutter sagt jedesmal immer wieder, das genau die kleinen Kinder in Ihrem Leben so gelebt haben wie sie auf dem Foto dargestellt wurden. Ich finden das sehr erstaunlich.

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  • Zitat

    Original von WaterPixie
    Oder eine Mingvase, wenn sie fällt und am Boden zerschällt, ist sie kaputt. Man kann sie mit Tesafilm und Schnur grob flicken, so dass sie eingiermaßen wieder "in Form gebracht wird". So wie hier. Die Hülle ist wieder da, die Funktion, aber wie sieht es im Inneren aus? Die Wunden, die sichtbaren und die unsichtbaren sind noch vorhanden, und werden niemals verschwinden.


    Aber das gilt doch in ganz besonderem Maße auch für den prügelnden und widerlichen Vater. Es ist doch sehr eindrücklich beschrieben, wie er vom Beau und Bräutigam durch den Krieg zu einer Bestie wurde. Alles keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Das bedeutet doch einfach, dass der Krieg 1945 noch lange nicht beendet war, sondern in den Familien lange weiterging. Mein Vater wurde 1930 geboren. Glücklicherweise war er damit zu jung, um sich genauso zu entwickeln. Spuren hatte aber auch er mitbekommen, einiges könnte ich auch dazu erzählen, wenn auch nicht ganz so dramatisch wie Altmann.


    Zitat

    Original von harimau
    ..., erscheint mir das von Altmann beschriebene Altötting als ein Vorhof der Hölle.


    Vielleicht nicht gleich die Hölle, aber zumindest sehr bigott. Ähnliches wurde doch in den letzten Jahren auch vom Kloster Ettal und der Odenwaldschule bekannt. Macht in den Händen von Menschen, die damit nicht umgehen können, sondern sich auf Kosten Schwächerer ausleben.

  • Das ist wohl das erste Mal, dass ich in einer Leserunde vor meinem Laptop sitze und kaum weiß, was ich schreiben soll. Der erste Absatz lässt mich fast sprachlos zurück - so viel Hass, Gewalt und Bigotterie ist schwer zu ertragen. Die kurzen Kapitel machen es fast noch schlimmer - da werden wie im Blitzlicht einzelne Szenen, Aspekte, Elemente seiner Jugend beleuchtet, ich habe mich beim Lesen gefühlt, wie in einer Geisterbahn, in der immer wieder im Stroboskoplicht ein gruseliges Element angeleuchtet wird, einem der Atem stockt und dann geht es auch schon mit dem nächsten weiter.


    Wichtig finde ich, genau wie einige andere hier, dass auch die Gründe für das Verhalten der Eltern beleuchtet werden. Ja, der Vater ist widerlich und grausam, allerdings gibt es Gründe dafür, dass er so ist. Vor einigen Jahren habe ich die Bücher von Sabine Bode gelesen (Die vergessene Generation, Nachkriegskinder, Kriegsenkel) und davon hier auch einiges wiedergefunden. Man vergisst gerne, was Krieg alles kaputtmacht, im Großen wie im Kleinen, und wie weitreichende Folgen er noch für die nächste und übernächste Generation hat.


    Ich fange gleich mit Absatz 2 an, das ging so direkt hinterher einfach nicht. Da musste ich erstmal abschalten und sacken lassen.

  • Lieder komme icj im Moment kaum zum Lesen, so dass ich den ersten Abschnitt heute erst beendet habe.
    So schrecklich der erste Abschnitt zu lesen war, hat mich das Buch trotzdem so gefesselt, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte.


    Zitat

    Original von Regenfisch


    Altmann muss aus dieser ganzen Scheiße eine solche Stärke entwickelt haben, dass sowohl dieses schonungslose Buch (und damit meine ich vor allem der Umgang mit seinen Erinnerungen) als auch die Kraft, öffentlich darüber zu sprechen, entstanden ist.
    Er schreibt so offen, dass ich das kaum Lesen kann und freue mich gleichzeitig darüber, dass er das schafft.
    Das Buch muss unendlich viel Kraft gekostet haben und jede Zeile muss eine Art Befreiiung gewesen sein.


    Das finde ich auch absolut erstaunlich, überhaupt schon dieses Buch schreiben zu können und dann auch noch eine Lesung aus diesem Buch, das beweist eine unglaubliche Stärke, finde ich.

  • Der Einstieg ins Buch ist gelungen, man weiß direkt woran man ist. Der Schreibstil ist rauh und schonungslos. Ehrlich und dabei unglaublich mitreißend. Altmanns Sprache beeindruckt mich echt. Und die kurzen kapitel ermutigen immer wieder zum weiterlesen.
    Trotzdem muss ich das Buch immer wieder aus der Hand legen, weil Andreas eine so heftige Kindheit hatte. Ich habe so viel Mitgefühl für Andreas und die Mutter und so eine Wut auf den Vater, der mir aber auch Leid tut. Ich denke nicht, dass er so glücklich war.


    Zitat

    Original von Rosenstolz
    Ich finde es ja auch krass, dass sein Vater in den ersten neun ( ich glaube, neun ) Jahren in seiner Erinnerung überhaupt nicht vorkommt..........


    Ja, geht mir auch so. So ein Gedächtnisverlust kann ja auch schon mal bei einem traumatischen Erlebnis entstehen. Ich würde gerne wissen, was sonst dahinter stecken könnte. Aber das ist eine Frage, die vermutlich ungeklärt bleibt.


    Das Buch ist wirklich schwere Kost.


  • Da kann ich nur zustimmen. Detta ist nur an ihrem persönlichen Vorteil interessiert, unfreundlich und aufplusternd. Passt ja perfekt zu Franz. ;-(


    Zitat

    Original von WaterPixie
    Das letzte Kapitel in diesem Abschnitt - ein Unendlichkeitssatz, ich habe bis dato -und werde mal mit Fug und Recht behauptet, dass ich es in Zukunft in dieser Form nicht mehr lesen werde- noch niemals so einen Satz gelesen. :wow


    Ich auch nicht. Ich fand den Satz/Abschnitt aber sehr bewegend und habe es bisher noch zwei mal mehr gelesen.