'Die Nachtigall' - Seiten 097 - 193


  • So natürlich ist das gar nicht.
    Dass das Thema überhaupt behandelt wurde, begann, je nach Lehrer, Schule, Bundesland oder was weiß ich, wonach sich das auch immer gerichtet hat, m. E. irgendwann in den 60er oder 70er Jahren. Vorher startete man in der Zeit der alten Ägypter, Griechen und Römer und arbeitete sich durch bis zur Weimarer Republik. Und dann ging es wieder von vorne los. Und danach kam es auch lange noch darauf an, WIE unterrichtet wurde. Ich glaube, so richtig "neutral" wie zB über WKI wurde erst unterrichtet von Lehrern, die keinen allzu persönlichen Bezug zu der Zeit mehr haben.
    :wave

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

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  • Zitat

    Original von Rumpelstilzchen
    Ich glaube nicht, dass es neutrale Geschichtsschreibung überhaupt geben kann. Von jeder Seite sieht die Sache anders aus.


    Man kann sich bemühen, aber mehr geht wohl nicht.


    Stimmt, das sehe ich auch so. Es wäre schön, wenn die Menschen daraus lernen würden. Aber ich denke, das wird noch ein paar Tausend Jahre dauern. ;-)

  • Zitat

    Original von Rumpelstilzchen
    Ich glaube nicht, dass es neutrale Geschichtsschreibung überhaupt geben kann. Von jeder Seite sieht die Sache anders aus.


    Man kann sich bemühen, aber mehr geht wohl nicht.




    Bei uns wurde das Thema 2. Weltkrieg in Dr Schule gar nicht behandelt. Wohl alle anderen Geschichtlichen Themen, ich kam 1967 aus der Schule.
    Mein Wissen verdanke ich meinen Großmüttern, meiner Tante und meinen Eltern.
    Sie sprachen offen und ehrlich über die Zeit. Meine Opas sind früh gestorben, 1933 und 56 .
    Habe mir aber auch sehr vieles angelesen.

  • @ Rumpelstilzchen: Vielleicht hätte ich statt "neutral" besser "sachlich" schreiben sollen...


    @ Arietta: Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag! :bluemchen


    :wave

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

  • Isabelle spielt ein gefährliches Spiel, welches nicht nur sich selbst, sondern auch Vianne und deren Tochter in Gefahr bringt. :wow


    Im letzten Abschnitt fragte ich mich, warum der Vater nach dem Tod der Mutter die Mädchen wegschickte. In diesem Abschnitt ist mein Gedanke, warum auch in dieser Situation die Familie nicht zusammenhält. :hau


    :lesend


    @ Arietta: Auch von mir alles Gute Nachträglich zum Geburtstag!

    Mögen wir uns auf der Lichtung am Ende des Pfades wiedersehen, wenn alle Welten enden. (Der Turm, S. King)


    Wir fächern die Zeit auf, so gut wir können, aber letztlich nimmt die Welt sie wieder ganz zurück. (Wolfsmond, S. King)


    Roland Deschain

  • Ich habe im Laufe meiner Schulzeit den Zweiten Weltkrieg drei Mal durchgenommen. Im 12. Schuljahr sogar ein ganzes Semester, weil ich die Geschichte Wolfsburgs mit einer natürlich gewachsenen Stadt (Lübeck) verglichen habe. Trotz der intensiven Beschäftigung war in der damaligen Literatur kaum so anschaulich über die Schreckensherrschaft zu lesen wie in diesem Roman. Unsere Quellen waren eher bemüht objektiv und sachlich. Schon allein die Aussage "man hat die Ländereien des Grafen von der Schulenburg enteignet" hört sich viel distanzierter an als "die Nazis haben dem Großgrundbesitzer unentgeltlich alles weggenommen, um dort ein Automobilwerk am Mittellandkanal zu bauen". Je mehr wir also erfahren, desto anschaulicher können Autoren darüber schreiben. Leider lesen diese Romane meist nicht diejenigen, die es sollten.

  • Was für ein beeindruckender Abschnitt.


    Beck, ein deutscher Hauptmann wird bei Vianne einquartiert. Natürlich schäumt Isabel vor Wut, aber ich denke mal es ist klüger sich dem Geschehen zu beugen in dem Moment. Die Deutschen haben die Macht und Widerstand in der Situation bedeutet nur Enteignung oder weitere Schikanen. Es gibt einfach Momente, wo man mitschwimmen muß, um dann im richtigen Moment eingreifen zu können.


    Sehr naiv war es natürlich, Beck die Namen der Kollegen zu verraten, die nicht dem Schema der Nazis entsprachen. Sicherlich hätten die Deutschen die Namen auch so heraus gefunden, aber so hat sie ihnen das Leben doch deutlich leichter gemacht. Ihr muß doch klar gewesen sein, was sie da anrichtet.


    Isabel ist jetzt im Widerstand angekommen und geht mit dem Verteilen von Flugblättern ein erhebliches Risiko ein. Ich hatte schon Angst um sie, als sie das Victory Zeichen auf das Plakat gemalt hat und eine Hand nach ihr griff. Aber war ja Gott sei Dank nur eine Widerständler.


    Es ist interessant, wie anhand der beiden Schwestern die Besatzungszeit erzählt wird. Zwei extreme Reaktionen auf engstem Raum vereint. Das ist eine gute Mischung, um die Bandbreite der möglichen Reaktionen darzustellen.


    Es bleibt spannend und ich werde gleich noch ein Kapitel lesen.





  • Ich glaube Vivanne war sich garnicht so richtig bewusst was sie da tat, man hatte sie ja regelrecht überrumpelt.

  • Vianne und Isabelle können wirklich kaum unterschiedlicher sein. Natürlich ist Isabelle in gewissem Sinne eine idealistische Närrin. Aber in solchen Momenten braucht es halt Personen, die das Heft in die Hand nehmen und nicht auch noch ihre Arbeitskollegen verraten. Wobei ich Viannes Vorgehensweise nicht besonders präzise herausgearbeitet finde, sie handelt da auf eine so unverantwortliche Weise, dass ich die vorher beschriebene Frau gar nicht mehr wiedererkenne. Denn Verantwortlich Handeln tut Vianne, keine Frage. Ansonsten bin ich mit dem Abschnitt absolut zufrieden. Das alles ist sehr einfühlsam geschrieben, der geschichtliche Hintergrund kommt dabei nicht zu kurz, ohne in Langeweile abzugleiten.

  • Zitat

    Original von Arietta


    Ich glaube Vivanne war sich garnicht so richtig bewusst was sie da tat, man hatte sie ja regelrecht überrumpelt.


    Ich weiß nicht, ob man an der Stelle wirklich davon sprechen kann, dass Vianne naiv ist. Sie weiß schlicht und einfach nicht, was wir heute wissen. Sie ahnt nicht im Geringsten, was sie mit dieser Liste in Wirklichkeit anstellt. Zwar macht sie sich Gedanken, wofür die Liste wohl gedacht sein mag und fühlt sich auch nicht gut dabei, doch bezweifle ich, dass sie sich auch nur ansatzweise aumalen könnte, was für Konsequenzen das hat.

    Zitat

    Original von Booklooker


    So gutgläubig war sie nicht. Sie hat ja schon geahnt, dass es mit der Liste etwas auf sich hat und hat gezögert. Hat nicht Beck noch gesagt, sie soll sie drauf schreiben? Ich habe da sowas in Erinnerung.


    Genau, Rachel hatte sie zunächst ausgelassen, aber da Beck sie schon getroffen hatte, wusste er wohl schon, dass sie Jüdin ist. Somit hat er Vianne mehr oder minder dazu gedrängt Rachel ebenfalls auf die Liste zu schreiben.


    Das ist wieder eine der Szenen gewesen, bei denen mir aufgefallen ist, dass ich noch nicht so ganz weiß, was ich mit Beck anfangen soll. Auf der einen Seite scheint er wirklich zu versuchen, sich wie ein Gentlemen zu benehmen, auf der anderen nutzt er Viannes Stellung in der Schule aus, um an seine Liste zu kommen. Auch dass er Vianne die Liste mit den gefangen genommenen Männern übergibt, kaufe ich ihm noch nicht so ganz als Akt purer Selbstlosigkeit ab. Wobei er, als Vianne ihn besuchen kam zumindest den Eindruck erweckt hat, nicht frei sprechen zu können. Ob er mit ihr zuhause in Ruhe noch einmal darüber geredet hat?
    Erschreckend fand ich an dieser Szene auch das Horten der Lebensmittel in seinem Büro, während überall im Dorf und sogar in seinem derzeitigen Zuhause die Menschen am Hungertuch nagen. Natürlich sehe ich ein, dass er sich nicht einfach seinen Befehlen widersetzen kann und das Essen mit zu Vianne nehmen kann, trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, wie er so ruhig schlafen kann.


    Besonders aufgefallen sind mir im Zusammenhang damit, dass man die Nazis immer als Ungeheuer im Kopf hat, besonders die folgenden Zeilen von Seite 99:
    "Sie waren jung und glatt rasiert, wirkten dienstbeflissen mit ihren nagelneuen Hemden und blitzblanken Knöpfen an den graugrünen Uniformen. Und am meisten fiel ihre Jugend auf. Das waren keine Monster, sonder junge Männer. (...) Die Deutschen winkten ihr, sahen eher aus wie Touristen, nicht wie Eroberer."
    Ich fand es hier sehr bemerkenswert, dass die Deutschen eben nicht nur als Monster beschrieben werden, sondern eben auch als die Menschen, die sie waren. Auch bei Beck blitzt das immer wieder hervor, wenn er von seiner Frau und den Kindern spricht.

    :lesend Dan Simmons; Die Hyperion-Gesänge

    :lesend J.R. Ward; Black Dagger: Gefangenes Herz (eBook)

    :lesend J. R. R. Tolkien; The Two Towers (Hörbuch: Rob Inglis)

  • Zitat

    Original von krokus
    Isabelle spielt ein gefährliches Spiel, welches nicht nur sich selbst, sondern auch Vianne und deren Tochter in Gefahr bringt. :wow


    Im letzten Abschnitt fragte ich mich, warum der Vater nach dem Tod der Mutter die Mädchen wegschickte. In diesem Abschnitt ist mein Gedanke, warum auch in dieser Situation die Familie nicht zusammenhält. :hau


    Ich bin mir ehrlich nicht so sicher, ob sich Iabelle wirklich der Gefahr bewusst ist, in die sie ihre Schwester und ihre Nichte bringt. Sie scheint zwar zu wissen, dass sie sich selbst in Gefahr bringt und nimmt dieses Opfer gerne auf sich, einfach um etwas zu tun zu haben, doch glaube ich nicht, dass sie sich wirklich bewusst ist, was mit Vianne und Sophie passieren würde, wenn sie erwischt werden würde bzw. wenn jemand die Flugblätter in Le Jardin finden würde.
    Vielleicht ist sie es auch einfach nur nicht gewohnt, so weit an andere zu denken. Bis jetzt war sie ja in ihrem Leben immer auf sich alleine gestellt und musste sich so um niemanden kümmern, musste aber auch nie damit rechnen, dass jemand anderes Konsequenzen aus ihrem Handeln würde ziehen müssen. Ich vermute, dass sie auch in dieser Situation nur an sich denkt, wie sie es eben gelernt hat und so die Gefahren für die anderen nicht sieht.
    Bei Vianne habe ich ein wenig das Gefühl, dass sie mit ihrer impulsiven und aufmüpfigen kleinen Schwester immer noch etwas überfordert ist. Isabelle lässt sich ja nun wirklich nichts sagen und schafft es sogar die kleine Sophie aufzuwiegeln.

    :lesend Dan Simmons; Die Hyperion-Gesänge

    :lesend J.R. Ward; Black Dagger: Gefangenes Herz (eBook)

    :lesend J. R. R. Tolkien; The Two Towers (Hörbuch: Rob Inglis)

  • Zitat

    Original von Chroi


    Ich bin mir ehrlich nicht so sicher, ob sich Iabelle wirklich der Gefahr bewusst ist, in die sie ihre Schwester und ihre Nichte bringt. Sie scheint zwar zu wissen, dass sie sich selbst in Gefahr bringt und nimmt dieses Opfer gerne auf sich, einfach um etwas zu tun zu haben, doch glaube ich nicht, dass sie sich wirklich bewusst ist, was mit Vianne und Sophie passieren würde, wenn sie erwischt werden würde bzw. wenn jemand die Flugblätter in Le Jardin finden würde.
    Vielleicht ist sie es auch einfach nur nicht gewohnt, so weit an andere zu denken. Bis jetzt war sie ja in ihrem Leben immer auf sich alleine gestellt und musste sich so um niemanden kümmern, musste aber auch nie damit rechnen, dass jemand anderes Konsequenzen aus ihrem Handeln würde ziehen müssen. Ich vermute, dass sie auch in dieser Situation nur an sich denkt, wie sie es eben gelernt hat und so die Gefahren für die anderen nicht sieht.


    Anfangs wusste sicherlich keiner, WIE gefährlich es ist, also was die Deutschen genau tun würden. Aber später ... ich Spoiler mal, weil ich nicht mehr genau weiß, in welchem Abschnitt das alles kommt

    später hat sie es sicherlich gewusst, aber einfach immer auf ihr Glück vertraut.
    Junge Leute halten sich doch prinzipiell für unverwundbar. Ich denke da nur an die jugendlichen Verkehrsteilnehmer, die bei schweren Unfällen sterben, weil sie sich überschätzen und zu schnell fahren. :wow

  • Dieser Abschnitt hat mich desöfteren Schwer schlucken lassen. Die Autorin hat diese dunkle Stimmung finde ich extrem gut herübergebracht. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es den Menschen ging/geht die so etwas erlebt haben/erleben, wenn einem beim Lesen schon so ein düsteres Gefühl erfasst.


    Momentan habe ich mit beiden Schwestern so ein bisschen ein Problem. Isabell ist die euphorische, vielleicht auch oft unbedachte, die dadurch gerne über`s Ziel hinausschiesst und andere damit in Gefahr bringt. Ob sie sich dessen bewusst ist kann ich nicht sagen. Aber auch Vianne macht Fehler und letztendlich meint man, dass gerade sie zu solchen Dingen nicht fähig wäre. War ihr nicht klar, was sie tut ? Naiv scheint sie ja durchaus zu sein.

  • [quote]Original von Sandrah
    Dieser Abschnitt hat mich desöfteren Schwer schlucken lassen. Die Autorin hat diese dunkle Stimmung finde ich extrem gut herübergebracht. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es den Menschen ging/geht die so etwas erlebt haben/erleben, wenn einem beim Lesen schon so ein düsteres Gefühl erfasst.



    Mir ging es genauso, mich verfolgte manches bis in den Schlaf.

  • Obwohl ich ein paar Tage pausieren musste, war ich sofort wieder in der Geschichte drin. Was sehr für das Buch spricht!
    Auch ich empfinde beide Schwestern als extrem gegensätzlich. Mal fühle ich mit der einen, und kann nachvollziehen, was sie macht und wie sie sich verhält, mal bin ich bei der anderen.
    Was ich aber nicht schlimm finde, denn dadurch hält die Autorin bei mir die Spannung hoch!
    Ute

  • In diesem Abschnitt ist einiges passiert und irgendwie kann ich beide Schwestern verstehen.
    Das Land wird vollständig von den Deutschen übernommen und sie müssen darben und das alles und die Soldaten leben relativ normal weiter.


    Isabelle will sich mit der ganzen Situation nicht abfinden was ich verstehen kann, aber sie bedenkt einfach nicht was sie damit ihrer Schwester und ihrer Nichte antut.


    Vianne ist mir manchmal etwas zu Naiv, aber vielleicht liegt es wirklich daran, dass ie recht jung geheiratet hat und nie wirklich auf eigenen Füßen gestanden hat.


    Dann noch ihre beste Freundin bei der man ja schon vom Namen her sich denken konnte, dass sie Jüdin ist.


    Der Schreibstil ist wirklich toll und ich bin richtig gefangen von der Geschichte und ja ich bin gespannt wie es weitergehen wird und werde sofort weiterlesen und zwischendrin den Haushalt machen.



  • Ja, Isabelle ist ja noch Blutjung hat noch Temperament und Widerspruchsgeist , das sie sich nicht so weit unterordenen wollte und nie konnte , ist sie sehr oft Implusiv. Sie braucht einfach eine Aufgabe bei der sie Anerkennung findet.
    Ich stelle es mir sehr schlimm vor unser Land wäre besetzt und wir wären nur noch schikanen ausgeliefert. Ich kann beide verstehen.