'Die Stadt des Zaren' - Seiten 275 - 386

  • Der Zar stellt sich mir immer wieder als recht widersprüchliche Person dar, von jähzornig mal abgesehen. Einerseits ist er sehr modern und will sein Land in die Moderne führen, andererseits zögert er nicht, althergebrachte Traditionen zu behalten, wo sie ihm in den Kram passen, vgl. S. 279 wo zu lesen ist, daß er bei seinen eigenen Landsleuten sehr wohl immer noch Stock oder Knute anwendet. Aber vermutlich passen bei so einem Mann, der eine solcherart abgehobene Stellung hat, eh keine normalen Maßstäbe. Denn wer sollte sich ihm entgegenstellen und ihr gar kritisieren? Kostja tut es ab und an, aber sonst?


    Dann kommt die große Flut. Ist die eigentlich historisch oder kam die aus „dramaturgischen Gründen“ nur im Buch? Daß Helena bei Erik ist und nicht bei einer Schneiderin, hatte ich schon vermutet. Nicht gerechnet habe ich damit, daß Paula wegrennt und dermaßen in Gefahr gerät. Ausgerechnet Erik ist es, der sie dann rettet, und für seine Taten während der Flut später vom Zaren eine passende Belohnung, nämlich die Freiheit, erhält. Am Ende des Abschnitts reist er dann zurück nach Schweden, um dort seine Verhältnisse zu regeln und wieder zu Helena zurückzukommen. Mir geht es da ähnlich wie Helena: ich bin mir nicht sicher, ob er wieder kommen wird. Vor allem, wenn er erzählt, wie Siris Bruder ums Leben gekommen ist: wird man ihn da nicht verurteilen und möglicherweise sogar hinrichten? An eine solche Möglichkeit denkt er überhaupt nicht.


    Die Gräfin spielt ein riskantes Spiel, indem sie ihre Tochter dem Zaren als „Spielzeug“ in die Arme treibt. Ihr Mann scheint zu ahnen, was läuft, aber er traut sich nicht, den Mund aufzumachen. Ob Arina sich von diesem Erlebnis je erholen wird? Und wie reagiert die Gräfin darauf? Vermutlich wird sie noch böser.


    Willem entfernt sich immer mehr von Paula, ob aus den beiden irgendwann noch etwas wird, steht auch in den Sternen. Die Flut hat anscheinend auch ihre Beziehung mit sich fort gerissen.


    Chiara kommt also hochschwanger nach St. Petersburg. Und Matteo reagiert, wie es von ihm zu erwarten ist. Ob Chiara irgendwann kapieren bzw. akzeptieren wird, was für ein Windhund der ist? Camillo erkennt sehr richtig, daß Francesco in sie verliebt ist, nur sie selbst sieht das (natürlich?) nicht. Ich schätze, entweder bleibt die den Rest des Lebens alleine (denn mit einem ledigen Kind hatte sie zu der Zeit vermutlich wenig Chancen) oder sie tut sich irgendwann doch noch mit Francesco zusammen.


    Der wiederum vergräbt sich und hat nicht die leiseste Ahnung, daß Matteo seine Zeichnungen als die seinen ausgibt. Das kann auf Dauer doch auch nicht gut gehen?! Kostja weiß ja wieder mal, was läuft, und steckt es dem Zaren. Doch der will es noch nicht hören. Wenn das mal nicht irgendwann zu einem bösen Erwachen führt.


    Zoja hat sich inzwischen selbst weitgehend aufgegeben. Sollte sie aus dieser Lethargie erwachen, möchte ich allerdings nicht in ihrer Nähe sein. Das könnte ein furchtbarer Ausbruch werden.



    Zitat

    Original von Schwarzes Schaf
    Insgesamt liest sich der Roman nach wie vor sehr gut, aber das Gefühl, dass er zu kurz ist, verstärkt sich. Viele Szenen lesen sich eher wie einzelne Episoden, die aneinandergereiht wurden. Das fällt vor allem immer wieder bei den Leibeigenen rund um Zoja sowie bei den Italienern auf. Das ist mir zu zerstückelt, zu kurz, und stört mich inzwischen eher.


    Teilweise :write Teilweise, weil ich es nicht als störend in dem Sinne empfinde, aber für die dargestellten Ereignisse und die verflossene Zeit ist das Buch um mindestens 200 Seiten zu kurz, eher gehört eine solche Geschichte in einen Tausendseiten-Wälzer. Ich habe ein paar Mal beim Kapitelwechsel gestutzt und erst mal geguckt, wie groß der Zeitsprung war. Es ergibt sich in der Tat, je weiter das Buch fort schreitet, der Eindruck eines „Episodenfilms“.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Zitat

    Original von xexos
    1715 musste die neue Stadt St. Petersburg unter der ersten Überschwemmung leiden, also genau 10 Jahre später als im Buch.


    Vielleicht die erste, die jemand für wert hielt, explizit in die Historie der Stadt zu schreiben? Wo hast du dieses Datum gefunden, xexos? In meinen Quellen ist in den ersten Jahren der Stadtwerdung stets allgemein von Überschwemmungen (und zahlreichen Bränden) die Rede.

  • Meine Recherche ist sicherlich nicht so umfangreich wie Deine gewesen, Tina. Eigentlich war ich da sogar recht fix unterwegs. Ich habe einfach die Worte "St Petersburg Überschwemmung" bei google eingegeben und bekam als erstes diese URL angezeigt: http://www.lexikus.de/biblioth…n-St-Petersburgs-bis-1825 Und dort heißt es:


    "Die erste Überschwemmung seit Erbauung der Stadt St. Petersburg ereignete sich im Jahre 1715. Sie setzte fast die ganze Stadt unter Wasser, riss alle Brücken fort, und zerstörte die hölzerne Einfassung der Newa, die in der Folge durch einen Kai von Granit ersetzt worden ist."

  • So einfach kann manchmal Recherche sein :-) Ein guter Artikel, aber er lässt er auch Raum für die Spekulation dafür, dass es vor 1715 bereits Überschwemmungen gab, die nicht aufgezeichnet wurden. Dass die finnischen Fischer ihre Hütten angebunden haben und dass es etwa alle fünf Jahre dazu kam, dass die Newa über die Ufer trat, haben mir auch meine Quellen vermittelt.

  • So, diesen Abschnitt habe ich gestern beendet. Durch die Einschulung meines Sohnes bin ich in letzter Zeit nicht so zum lesen gekommen.


    Die Überschwemmung von St. Petersburg war wirklich beängstigend! Paula und ihre Familie überstehen die Wassermassen - genau wie ihr Haus - ganz gut. Aber der Vater von Willem überlebt die Überschwemmung nicht. Willem sucht sich Arbeit - und ist jetzt stärker beschäftigt als zuvor. Paula leidet unter dieser Abwesenheit.
    Ob Erik wiederkommt? Ich würde es Helena gönnen, aber ich habe da meine Zweifel!


    Arina leidet (nach Zoja) unter ihrer Mutter. Sie wird zu dem Zaren ins Bett geschickt und danach beachtet dieser sie nicht mehr. Ob die Gräfin ahnt, was sie ihrer Tochter damit angetan hat? Und wieso lässt ihr Mann sie so gewähren?
    :gruebel


    Und dann sind da noch Chiara, Matteo und Francesco. Ich hoffe, dass Chiara schnell merkt, was für ein Mensch Matteo ist, und wendet sich seinem Bruder zu....
    :wave

  • Die Beschreibung der Sturmflut hat mich richtig mitgerissen.


    Warum lehnt sich Arina nicht gegen ihre Mutter auf, etwas Wiederstand hätte sie doch aufbringen können. Wenn sie sich in dieser Situation nicht gegen ihre Mutter stellt, kann sie es in Zukunft sicher auch nicht.


    Francesco, anstatt Chiara seine Hilfe anzubieten lässt er sie zu ihrem väterlichen Freund ziehen. Vielleicht hätte er eine Zukunft mit Chiara gehabt wenn er nur mehr Courage gezeigt hätte.


    Willem möchte lieber arbeiten als mit Paula zusammen zu sein, im Moment scheint Erik und Helena das einzig vernünftige Paar zu sein und
    Erik wird frei durch die Sturmflut, ich hoffe er kommt zu Helena zurück.


    Zoja sehe ich auch als tickende Zeitbombe, ich fürchte es geht für sie nicht gut aus.


  • Ich habe die Mutter beim Lesen als extrem dominant empfunden, sie wird ihrer Tochter schon immer eingebleut haben, dass ihr Wille Gesetz ist, so dass die gar nicht Selbstbewusstsein entwickeln konnte, sich gegen die Mutter zu wehren.

  • Und das Ganze spielt Anfang des 18. Jahrhunderts und Arina ist Nachkomme in einer russischen Adelsfamilie mit gehörigem Standelsdünkel. Ich vermute mal, dass Auflehnung in dieser sozialen Umgebund nicht sehr populär war. Die Leibeigenen fallen sogar vor den Adeligen mit dem Kopf in den Staub bzw. Dreck.

  • Dieser Abschnitt über die Sturmflut fand ich sehr spannend. Erik und Helena retten vielen Mitbürgern das Leben. Das macht Erik sehr sympathisch. Vor allem flieht er nicht, obwohl er ein paar Chancen dazu gehabt hätte. Als Dank dafür begnadigt Zar Peter ihn. Erik geht nach Schweden zurück um etwas zu klären und kommt dann zu Helena zurück. Das kann ich noch nicht so recht glauben. Wenn er erst einmal in Schweden ist, wer weiß was dann passiert ?


    Arina kann einem echt leid tun. Erst wird sie von der Mutter ermutigt sich dem Zaren anzubieten und dann nimmt sich Peter Arina wie selbstverständlich und lässt sie danach fallen. Kein Wunder wenn sie völlig verstört ist.


    Bei Francesco und Matteo klopft es eines Tages an die Tür und plötzlich steht die schwangere Chiara da und möchte zu ihrem verflossenen Matteo zurück. Der setzt sie eiskalt vor die Tür und möchte mit ihr nichts mehr zu tun haben.


    Francesco hat schon ein Auge auf Chiara geworfen nur leider traut er sich nicht.

  • Zum Thema zu kurz möchte ich auch noch etwas anmerken : ich weiß das die Autoren hier nicht viel machen können, aber grade bei Tinas Büchern fällt es mir jedes Mal neu auf...


    Es ärgert mich ein bisschen, wenn auf einem Buch ganz großartig : Der große St. Petersburg Roman steht, und ich dann so ein verkürztes 400 Seiten Dings vorgesetzt bekomme. Wo soll denn da die epische Breite sein, wo die Details und Einzelheiten. Um meinen Vorrednern zuzustimmen, hier fehlen mindestens 200 Seiten um sich wirklich in die Geschichte rein denken zu können, und zu den handelnden Personen eine wirkliche Beziehung aufzubauen. Das finde ich jedes Mal wieder sehr schade...