'Die linke Hand der Dunkelheit' - Kapitel 18 – Ende

  • Gestern abend habe ich dieses Erlebnis beendet, es war für mich wirklich genau das richtige Buch zur richtigen Zeit!


    Der letzte Teil beendet die Reise von Ai und Estraven, so, wie sie zuende gehen musste. Nicht unbedingt so gelaufen wie geplant, aber die Umwege und die dann doch tatsächlich kürzere Strecke haben sich ausgeglichen. Was ich auch als Metapher für das Leben wahrgenommen habe - Umwege müssen sein, das (Zwischen)ziel ist manchmal aber doch näher als gedacht.


    Diese Reise finde ich schwer zu unterteilen zwischen den Teilen 4 und 5. Die so gewählte Isolation der beiden Hauptcharaktere ist elementar für dieses Buch, für die Gedanken über die Geschlechter, über Freundschaft, über Wahrheit und Vertrauen.


    Das Estraven schlussendlich stirbt - durch einen Verrat sowie als letzte Tat von Tide, der nach dem Befehl abdankte, ist auch so passend für dieses Buch und die porträtierte Gesellschaft. Und so lange wurden von jedem keine Ratschläge erteilt, wurde um den heißen Brei herumgeredet, wurden die gegenseitigen Kulturunterschiede nicht gesehen. Auch ein Spiegel heutiger Gesellschaft. Aber zu Guter letzt nahm Ai einen Ratschlag von Estraven an, handelte gegen seine eigenen Überzeugungen (zwei mal), und sein Sternschiff kommt, der Anschluss an die Ökumene scheint geglückt. Und Ai erkennt: Er war direkt im richtigen Teil des Landes.


    Wie sich alles am Ende auflöst, finde ich toll dargestellt von le Guin. Die politischen Wege gefallen mir gut. Auch das am Ende Ai zur Familie von Estraven kommt, und sein Sohn wissbegierig alles hören möchte, ist ein würdiger Abschluss des Buches und von Harth / Themar!


    In der Besprechung habe ich absichtlich nicht Harth oder Genly geschrieben, da auch in der Erzählform des Buches immer Estrevan und Ai verwendet wurde außer in der direkten Rede.

  • Woran ich eigentlich nicht mehr geglaubt habe: ich habe das Buch beendet :)

    Irgendwie bin ich stolz darauf, denn bis zur Hälfte habe ich mich wirklich damit gequält. Dann hat doch meine Sturheit gesiegt, weil ich sehr ungern aufgebe.


    Es gab einige Kapitel, die mir sehr gefallen haben (vor allem die der Flucht und dem Annähern von Estraven und Ai) und andere, die mich entsetzlich gelangweilt haben. Es gab ein paar nette Kalendersprüche, aber mitgerissen hat mich das Buch wirklich nicht. Vor allem diese abstrusen, meist nicht erklärten unverständlichen Wortschöpfungen fand ich extrem nervig.


    Der Schluss ist akzeptabel, aber der Sinn hinter dem Ganzen hat sich mir bis zur letzten Seite nicht erschlossen.

    Ein Buch, das ich gleich doppelt gelesen habe: zum ersten- und zugleich letztenmal.

  • Das Ende ist versöhnlich, trotzdem fand ich es schade, dass Estraven gestorben ist. Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, die stärksten Passagen waren auch für mich die Kapitel der Reise und des langsamen Annäherns. Dass Verrat, krankhafter Ehrgeiz, politischen Intrigen und Ränkespielchen nicht unbedingt vom Geschlecht abhängen, also nicht automatisch „typisch männlich“ sondern eher typisch menschlich sind, ist für mich eine der Aussagen des Buchs.

  • Ja, es war ja schon im vorigen Abschnitt klar, dass Estraven sterben würde, die Frage war nur, unter welchen Umständen ;(


    Was mir gestern Abend im Bett noch auffiel: in den letzten Kapitel spielten Geschlechterrollen für Genly gar keine Rolle mehr. Estraven war einfach Estraven. Diese Haltung ist so absolut wünschenswert für unsere Gesellschaft, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

  • Das kann ich genauso unterschreiben. :write

    Die Flucht von Estraven und Ai über das Eis war echt spannend zu lesen, aber das war's dann auch schon.


    Ich habe die ganze Zeit auf die Bedeutung der Geschlechterrolle gewartet, aber abgesehen von ein paar Kommentaren, was angeblich typisch weiblich oder typisch männlich ist, war da für mich nichts zu erkennen.

  • Ich habe das Buch jetzt auch beendet. Mir geht es ein wenig wie Alice und Tilia Salix, ab der Flucht aus dem Arbeitslager und der langen, beschwerlichen Reise der beiden nach Karhide hat mich die Geschichte mehr gefesselt und ich konnte das Buch beenden. Der politische Eiertanz in Karhide und in Orgoreyn hat mich eher gelangweilt und war schwer zu lesen. Die Entwicklung von Genry Ai, das Verständnis und die Beziehung, das sich zwischen ihm und Estraven entwickelt und die extremen Wetterbedingungen hat Ursula Le Guin so gut beschrieben, dass es mich voll ein seinen Bann gezogen hat. Vieles in der ersten Hälfte der Geschichte war mir allerdings zu unverständlich.


    Das Gedicht auf Seite 308 hat mir gut gefallen und der Leser bekommt dadurch die Verbindung zum Titel des Buches:

    "Das Licht ist die linke Hand der Dunkelheit,

    die Dunkelheit die rechte Hand des Lichts.

    Zwei sind eins, Leben und Tod, sie liegen

    beisammen wie Liebende in Kemmer,

    wie aneinandergelegte Hände,

    wie das Ziel und der Weg."

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    "Es hat alles seine Stunde und ein jedes seine Zeit, denn wir gehören dem Jetzt und nicht der Ewigkeit."

  • Beendet habe ich das Buch schon lange, nur nichts mehr gepostet. :( Aber zumindest jetzt noch als Nachtrag: das Ende war wirklich eine runde Sache und hat für manche Längen vorher entschädigt. Mitgenommen habe ich einiges aus dem Buch, vor allem, die komplett andere Welt, in der sich Ai befindet.


    Was mir gut gefallen hat: das vieles ganz anders ist, als es auf den ersten Blick scheint - vor allem im Vergleich der beiden Staaten. Was mir gefehlt hat, hat Zwergin schon formuliert:

    Ich habe die ganze Zeit auf die Bedeutung der Geschlechterrolle gewartet, aber abgesehen von ein paar Kommentaren, was angeblich typisch weiblich oder typisch männlich ist, war da für mich nichts zu erkennen.

    Das kann ich so nur :writeund ich ärgere mich hier mal wieder über Klappentextschreiber, die ein ganz anderes Buch suggerieren, als es eigentlich ist.

    Also ist Gleichberechtigung nur möglich zwischen Menschen, die eine persönliche Bindung miteinander haben?

    Nein. Für mich ist das entscheidende, dass sich Menschen kennenlernen müssen, um sich gegenseitig verstehen und akzeptieren zu können. Nicht als Individuen, sondern als Gruppe. Also Frauen müssen sich Männern annähern und natürlich umgekehrt, um eine Beziehung (welcher Art auch immer) aufbauen zu können, aber nicht jeder einzelne sondern als Ganzes. Für die heutige Zeit ist das sicher gegeben und kein Thema mehr. Aber ich kann mir vorstellen, dass zur damaligen Zeit eine große Kluft zwischen den Geschlechtern herrschte und man voneinander wenig wusste, was über den "ersten Blick" hinausgeht (da wäre ich wieder beim Thema von oben). Für mich ist Le Guins Botschaft, diese Kluft zu überwinden und den Kontakt zu suchen und eben auch, sich nicht auf den ersten, oberflächlichen Blick zu verlassen. Von daher - wie gesagt - ein runde Sache, aber eben nicht mehr das Thema von heute.

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263