'Frauen und Töchter' - Seiten 436 - 541

  • Mr. Preston ist nun Verwalter auf dem Landsitz Cumnor Towers und damit räumlich wesentlich näher an der Familie Gibson.

    Eine erste Begegnung zwischen Mr. Preston und dem Squire verläuft nicht gerade angenehm, Roger verhindert ein Eskalieren der Auseinandersetzung, aber damit ist klar, dass Mr. Preston in seiner neuen Nachbarschaft nicht als netter Mensch wahrgenommen wird. Von mir als Leserin ja auch nicht, aber ich lauere weiter auf eine Erklärung.

    „Es ist nicht anzunehmen, dass eine Begegnung, wie sie Mr. Preston soeben mit Roger Hamley gehabt hatte, die Achtung steigerte, die die beiden jungen Männer in Zukunft füreinander hegten.“

    Als langfristige Konsequenz aus der Begegnung beschließen Roger und der Squire, die Arbeiten zum Trockenlegen des Landes – die wegen Osbornes Schulden aus Geldmangel eingestellt werden mussten – wieder aufzunehmen. Der Squire lebt dadurch wieder ein bißchen auf. Ich mag diese Figur.

    Es wird klar gesagt, dass Cynthia „nicht ein Tausendstel der Zuneigung Roger empfand wie dieser für sie“. Keine Überraschung...

    Für Roger kündigt sich eine zweijährige Forschungsreise an, die Mitglieder der Familie Gibson gehen aus ganz unterschiedlichen Gründen unterschiedlich mit dieser Information um. Mr. Gibson ist besorgt, weil er bei Osborne eine schwere Krankheit vermutet, auch wenn ein anderer Arzt ihm widerspricht. Cynthia verlobt sich mit Roger, allerdings will er sie nicht an dieses Versprechen binden, weil er lange fortbleiben wird. Es soll also eine „heimliches“ Eheversprechen sein, keinesfalls aber eine offizielle Verlobung, von dem aber viel zu viele Leute wissen, um es lange unter der Decke halten zu können ;-)

    Es folgt eine ernsthafte Auseinandersetzung der Eheleute Gibson. Mr. Gibson nimmt seine ärztliche Schweigepflicht offensichtlich ernst. So ernst, dass er seine Vermeidungstaktik aufgibt und gegenüber seiner Frau offen Missbilligung äußert, als er herausfindet, dass sie ein Gespräch über den Gesundheitszustand von Osborne Hamley belauscht hat. Und daraus folgerte, dass dieser bald sterben wird und Roger Hamley Erbe wird. Da sind die Leser klar im Informationsvorsprung gegenüber der berechnenden Mrs. Gibson.

    Der ehemalige Azubi Mr. Coxe kommt zu Besuch, nun selbst Erbe eines ansehnlichen Vermögens. Er nimmt ernsthafte Bemühungen um Molly auf – die schlichtweg kein Interesse an ihm hat. Ich habe bei diesem Abschnitt wieder fürchterlich gelacht – da hat Mr. Gibson nun Mrs. Gibson am Hals, die als Anstandsdame für die Tugend seiner Tochter fungieren sollte. Und Mollys Tugend war durch Mr. Coxe gar nicht in Gefahr.

    Cynthia jedoch flirtet mit ihm, was ihn hoffen lässt – vergeblich. Irgendwie wird Cynthia ja immer mehr als lockeres Mädchen hingestellt, was mir leid tut. Mit heutigen Maßstäben ist das Mädchen extrem harmlos. Aber im Vergleich zu der vollkommenen Molly kann sie nur verlieren.

  • Vermutlich bin ich die Falsche, um die Frage zu beantworten. :grin

    Mir hat das Buch von Anfang an gut gefallen, aus meiner Sicht gibt es also nichts, was Fahrt aufnehmen müsste.

    Dann bin ich mit dem Lesen auch deutlich weiter als mit dem Schreiben - ich muss gerade sehr aufpassen, um nicht versehentlich zu spoilern. ;)

    Ich wollte unbedingt wissen, was es mit Mr. Preston auf sich hat, bei der Frage bin ich in diesem Abschnitt immer noch nicht weiter...

  • Ich wollte unbedingt wissen, was es mit Mr. Preston auf sich hat, bei der Frage bin ich in diesem Abschnitt immer noch nicht weiter...

    Ich bin gerade mitten in diesem Abschnitt und genau darauf warte ich auch.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Der ehemalige Azubi Mr. Coxe kommt zu Besuch, nun selbst Erbe eines ansehnlichen Vermögens. Er nimmt ernsthafte Bemühungen um Molly auf – die schlichtweg kein Interesse an ihm hat. Ich habe bei diesem Abschnitt wieder fürchterlich gelacht – da hat Mr. Gibson nun Mrs. Gibson am Hals, die als Anstandsdame für die Tugend seiner Tochter fungieren sollte. Und Mollys Tugend war durch Mr. Coxe gar nicht in Gefahr.

    Cynthia jedoch flirtet mit ihm, was ihn hoffen lässt – vergeblich. Irgendwie wird Cynthia ja immer mehr als lockeres Mädchen hingestellt, was mir leid tut. Mit heutigen Maßstäben ist das Mädchen extrem harmlos. Aber im Vergleich zu der vollkommenen Molly kann sie nur verlieren.

    Mein Eindruck war, dass damals nur zwei extreme Frauentypen bekannt waren: das bis zur Ehe asexuelle Mädchen, das sich mit dem von den Eltern erwünschten Verehrer zufrieden gibt - und die schamlose Frau, die sich von jedem Mann gern umgarnen lässt und sogar eigene Vorstellungen davon hat, wie ihr Zukünftiger sein sollte.


    Mollys Desinteresse an sämtlichen Männern kommt mir ziemlich unrealistisch vor - wo es doch in ihrer Umgebung ständig hauptsächlich um Verbindungen geht und sie auch Bücher liest, in denen Liebesgeschichten vorkommen.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend ?

  • Nach der Unterbrechung für die offizielle Leserunde bin ich also hier wieder dabei; um den Anschluß zu finden, habe ich erst noch etwas vom vorigen Kapitel gelesen. Aber dann war ich doch rasch wieder hier dabei, es ergaben sich nur wenige unbedeutende Erinnerungslücken.


    Mr. Hamley gerät also mit Mr. Preston aneinander, und als Folge davon sorgt Roger dafür, daß es mit den Trockenlegungsarbeiten weiter gehen kann. Um das Geld dafür zu bekommen, geht er auf Forschungsreise - nicht ohne vorher um Cynthias Hand anzuhalten. Also ein bißchen anzuhalten, denn eigentlich ist ja alles offen, bis er zurück kommt. Dumm, daß Mr. Gibson zuvor Mr. Hamley versichert habe, es laufe gar nichts zwischen den jungen Hamleys und den jungen Damen in seinem Haus. Tja, so kann man sich irren. :chen


    Cynthia scheint aber gar keine ernste Absicht zu haben, ihn zu heiraten. Zum Einen äußert sie sich Molly gegenüber dahingehend, zum Anderen schließe ich das aus der absoluten Geheimhaltung. Ob das wegen der Sache mit Mr. Preston ist?


    Aber erst mal ist es typisch britisch, S. 448 (Kapitel 31):

    "All dies war durchaus befriedigend und folgerichtig. Und wenn Lord Hollingford nicht wieder als Whig-Abgeordneter der Grafschaft ins Parlament eingezogen wäre, wie sein Vater vor ihm, ehe er den Titel geerbt hatte, so wäre Lord Cumnor höchstwahrscheinlich der Meinung gewesen, die britische Verfassung sei in Gefahr und die Vaterlandsliebe seiner Vorfahren werde mit Füßen getreten.“

    Da mußte ich unwillkürlich, wer weiß weshalb, an das ganze Brexit-Theater (wenn es nur Theater wäre!) denken, das die Briten derzeit veranstalten. Ohne das rational näher begründen zu können, paßt das für mich alles irgendwie. Die spinnen, die Briten, wie man früher in Gallien zu sagen pflegte. :grin


    Derweil erfahren zumindest wir Leser mehr über die Ehe von Osborne. Ich fürchte, je länger er das geheim hält, um so übler wird es, wenn das dann ans Tageslicht kommt.


    Ansonsten ist Mrs. Gibson unverändert und tut viel, es ihrer Umgebung schwer zu machen. Etwa S. 496 (Kapitel 35):

    „Im allgemein saß sie [Mrs. Gibson] lieber in ihrem Lehnstuhl oder in der Sofaecke oben im Salon und gestattete Molly nur selten, das von der Stiefmutter nicht beanspruchte Vorrecht selbst auszuüben. Molly wäre an den Abenden, da ihr Vater bei diesen einsamen Mahlzeiten saß, gern hinuntergegangen und hätte ihm Gesellschaft geleistet; aber um des lieben Friedens willen unterdrückte sie ihre Wünsche.“


    Die Frau geht mir wirklich auf die Nerven. Zumal sie so auf Wahrheit bedacht ist - falls diese in ihre Pläne paßt. Ansonsten wird das eben so zurechtgebogen, daß es paßt. Und das dann als Wahrheit bezeichnet. Und eingebildet ist sie gar nicht; wie kann Mr. Kirkpatrick nur Cynthia einladen und nicht sie! So was aber auch. Dabei kommt dann wieder ein kleines Puzzleteil von Mr. Preston zum Vorschein. Zusammen mit früheren Bemerkungen nehme ich an, daß Cynthia bei ihm Geldschulden hat, weshalb auch immer, und sie diese von ihrem verfügbaren Geld zurückzahlt - deswegen kauft sie auch keine neuen Kleider. Ich bin gespannt, was da letztlich wirklich ans Tageslicht kommt.


    Inzwischen kommt es auch zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen Mr. und Mrs. Gibson. Er erkennt zunehmend, daß die Heirat ein Fehler war, aber so richtig Konsequenzen zieht er auch nicht, Hauptsache, er hat seine Ruhe. Ich meine jetzt nicht die Scheidung, sondern ein klärendes Gespräch über die Situation und zu Molly. Aber die leidet ja lieber still vor sich hin, als daß sie irgendetwas sagt. So weiß er vielleicht gar nicht, wie es seiner Tochter ergeht.


    Wie lange Molly ihr „Engelsdasein“ noch aushalten kann, bleibt auch abzuwarten. Für den Leser offensichtlich, ist sie in Roger verliebt. Da muß doch mal mehr kommen als „stilles vor sich hinleiden“?!


    Schmunzeln mußte ich darüber (S. 528, Kapitel 37):

    „Das kann nicht sein!“ rief Mr. Coxe. „Mr. Gibson, da muß ein Irrtum vorliegen. Ich bin im Ausdruck meiner Gefühle so weit gegangen, wie ich es wagen konnte, und ihre Reaktion war äußerst gnädig. Sie kann meine Absicht nicht mißverstanden haben.“

    Wie wohl das „so weit, wie ich es wagen konnte“, ausgesehen haben mag? :chen

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Ich habe bei diesem Abschnitt wiederfürchterlich gelacht – da hat Mr. Gibson nun Mrs. Gibson am Hals,die als Anstandsdame für die Tugend seiner Tochter fungieren sollte.Und Mollys Tugend war durch Mr. Coxe gar nicht in Gefahr.

    :write :lache :grin




    Irgendwie wird Cynthia ja immer mehrals lockeres Mädchen hingestellt, was mir leid tut. Mit heutigenMaßstäben ist das Mädchen extrem harmlos. Aber im Vergleich zu dervollkommenen Molly kann sie nur verlieren.

    Ich weiß nicht recht, "lockeres Mädchen" - den Eindruck habe ich eigentlich nicht. Sie ist anscheinend nicht sonderlich gebildet oder interessiert, das waren aber wohl viele zu der Zeit. Aber die Regeln des Anstands verletzt sie, wie ich das überblicke, nicht. Mir erscheint sie vor allem undurchsichtig - in dem Sinne, daß mir als Leser zu wenige Hinweise gegeben wurden, wie sie eigentlich ist und was sie eigentlich will.


    Da dürfte Manches auch aus dem Konflikt mit ihrer Mutter, der immer wieder mal kurz angesprochen wird, resultieren.



    Wow, in ca. 100 Seiten ist doch einiges passiert. Klingt nicht nach langatmigen Stellen. Nimmt die Geschichte nun Fahrt auf?

    "Fahrt aufnehmen" ist für dieses Buch für meine Begriffe ein eher nicht passender Ausdruck. Es geht, wie bisher, in der im "Vor-Eisenbahnzeitalter" üblichen eher langsamen Geschwindigkeit weiter. "Langatmig" empfinde ich das Buch auch überhaupt nicht; was aber daran liegen kann, daß ich eine eher langsame, ausführliche, bisweilen ausschweifende Erzählweise sehr mag. Insofern ist die Rückkehr zu diesem Buch nicht nur ein harter Kontrast zum zwischengeschobenen zweiten "Greifenau"-Band, sondern auch stilistisch eine Erholung nach einem (stilistisch) modernen Buch.



    Mein Eindruck war, dass damals nur zwei extreme Frauentypen bekannt waren: das bis zur Ehe asexuelle Mädchen, das sich mit dem von den Eltern erwünschten Verehrer zufrieden gibt - und die schamlose Frau, die sich von jedem Mann gern umgarnen lässt und sogar eigene Vorstellungen davon hat, wie ihr Zukünftiger sein sollte.

    Hm, ähm. Etwa dreißig Jahre früher Lebte ( ;-) ) eine gewisse Elizabeth Bennet, die in dieses Schema für meine Begriffe überhaupt nicht paßt. Und wiederum rund dreißig Jahre später eine gewisse Margaret Hale (Elizabeth Gaskell "Norden und Süden"), auf die diese Beschreibung auch nicht zutrifft.



    Mollys Desinteresse an sämtlichen Männern kommt mir ziemlich unrealistisch vor - wo es doch in ihrer Umgebung ständig hauptsächlich um Verbindungen geht und sie auch Bücher liest, in denen Liebesgeschichten vorkommen.

    Bei Molly stimme ich Dir allerdings in gewisser Hinsicht zu. Brigitte hat, wenn ich mich recht entsinne, in einem früheren Abschnitt zwar mal versucht, auch dunkle Seiten von ihr aufzuzählen, aber sie ist so strahlend weiß und rein, daß man fast schon eine Sonnenbrille braucht, will man sie anschauen. ;-)

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Lorelle

    Ich werde erst morgen substantiell im Buch weiter kommen, drum kann ich hier nur auf Grund dessen, was ich bisher gelesen habe, urteilen. Oder wie ich weiter oben schrieb: "...daß mir als Leser zu wenige Hinweise gegeben wurden, wie sie eigentlich ist und was sie eigentlich will."


    Wenn mehr Informationen kommen, muß ich ja möglicherweise meine jetzige Einschätzung ändern. :wave

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Mrs. Gibson läuft immer mehr zu "Hochform" auf; jetzt kommen auch noch immer haarsträubendere Aussagen dazu:


    "Innerhalb des Hauses war sie eifersüchtig auf die Zuneigung, die Lady Harriet offensichtlich zu ihrer Stieftochter gefasst hatte, und sie versuchte, einem zu häufigen Verkehr zwischen den beiden insgeheim Hindernisse in den Weg zu legen."

    "Molly, mein Liebling, du hättest mich nie so missverstehen können." :huh:


    Cynthia kontert mal wieder schlagfertig und gleichzeitig recht respektlos, wie ich finde, obwohl sie natürlich Recht hat:


    "Ich werde mich bemühen, zu vergessen, wo du hingehst, so dass von mir niemand von mir erfährt, wo du bist; und für Mamas Gedächtnisschwund bürge ich."


    Auch Squire Hamley zeigt nach dem Tod seiner Frau ein paar unsympathische Seiten (was angesichts der Situation natürlich irgendwo auch ein bisschen verständlich ist); er ist schon "kurz davor, mit seinem eigenen Schatten zu streiten", und wie er Osborne offen vor Roger beschuldigt, ohne einen Beweis zu haben, ist schon übel:


    "Nur den Arbeitern von Lord Cumnor gönnte er kein Stück. Nein, keine einzige Röhre!"

    "Ich nehme noch mehr Geld auf, und wenn ich zu den Juden lauf'; Osborne hat mir gezeigt, wie's geht, und Osborne wird dafür zahlen - soll er."


    Nett finde ich die Anmerkung Nr. 64 zu König Philipp:


    "Philipp von Mazedonien soll in betrunkenem Zustand eine Frau verurteilt haben, worauf die Frau ankündigte, sie werde gegen das Urteil Berufung einlegen. Als der zornige König sie fragte, bei wem, antwortete sie: 'Bei Philipp dem Nüchternen.' " :)