'Frauen und Töchter' - Seiten 135 - 247

  • Ich muss gestehen, dass ich mich durchaus für Mrs. Gibson erwärmen kann.

    Sie ist so herrlich schlicht und doch durchdacht und berechnend. Elizabeth Gaskell hat Mr. Gibson eine passende Partnerin verpasst.

    Recht erfrischend fand ich den Heiratsantrag, der heute wohl durch kein Lektorat mehr durchgehen würde. Von einer Minute auf die andere wird aus einer distanzierten Bekanntschaft eine säuselige Beziehung, was ich mir selbst zu Gaskells Zeiten nicht so recht vorzustellen vermag. Doch damals wie heute gab und gibt Menschen denen jegliches Gefühl für Situationen abhanden kommt.

  • Ich muss gestehen, dass ich mich durchaus für Mrs. Gibson erwärmen kann.

    Sie ist so herrlich schlicht und doch durchdacht und berechnend. Elizabeth Gaskell hat Mr. Gibson eine passende Partnerin verpasst.

    Also die passende Partnerin ist sie für Mr. Gibson auf jeden Fall.

    Was mich an ihr stört ist, daß sie ohne Rücksicht auf andere oder jegliche Verluste "ihr Ding durchzieht", siehe die Renovierung von Mollys Zimmer.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Nach einiger Zeit habe ich das Buch mal wieder zur Hand genommen, bin bis S. 210 gekommen und schaue mal, ob ich es schaffe, euch noch hinterherzuhinken.

    Wobei Lady Harriet mich auch überrascht hat. Ob von der noch etwas zu erwarten ist?

    Die "furchterregende" Lady Harriet und ihren Dialog mit Molly finde ich wirklich sehr interessant:


    "Ich bin zu bequem, (...) um Fallen zu umgehen. Außerdem bewundere ich die Schläue, mit der sie aufgestellt werden."

    " 'Pecksy' und 'Flapsy' habe ich [die Misses Browning] genannt"

    "Da kommt der Tee, gerade rechtzeitig, um mich vor allzu großer Demut zu bewahren."


    'Pecksy' und 'Flapsy' (die Misses Browning) sind auch ein nettes Gespann:


    "Phoebe soll lieber nichts davon erfahren, sie hält mich nämlich für unfehlbar, und wenn wir zu zweit sind, kommen wir besser aus, wenn eine von uns glaubt, die andere könne nichts falsch machen."

    Recht erfrischend fand ich den Heiratsantrag, der heute wohl durch kein Lektorat mehr durchgehen würde.

    ^^schön ausgedrückt


    Auf S. 193 verstehe ich das Zitat nicht ganz:


    'Der Mann genas bald von dem Biß;

    Es war der Hund, der starb"


    Wahrscheinlich, weil Miss Browning aus Versehen Molly aufmerksam macht anstelle von Phoebe, statt andersherum; sie "beißt" also letztlich sich selbst statt Molly, aber so ganz scheint mir das Zitat so nicht zu passen.

  • Nein.

    Es ist so zu verstehen, dass dem Mann der Hundebiss nichts anhaben konnte. Dass aber im Gegenzug der Hund starb - weil anscheinend das Blut des Mannes für den Hund tödlich war. Oder dass der Hund wegen des Beißens getötet wurde. Britischer schwarzer Humor ;)

    Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar. Oscar Wilde

  • Okay, das Zitat an sich hatte ich schon verstanden; ich hatte mich etwas falsch ausgedrückt: Miss Browning "beißt" sich nicht selbst, aber sie schadet sich selbst durch ihren "Biss" (wenn das Zitat in diesem Kontext so gemeint ist). Aber da scheinen mir Situation und Zitat nicht so ganz kongruent zu sein, deshalb hatte ich gefragt; vielleicht hätte Gaskell da auch ein passenderes Zitat finden können. :)


    Noch ein nettes Zitat von Lady Harriet:


    "Sagen Sie die Wahrheit, jetzt und immerdar. Die Wahrheit ist im allgemeinen wenigstens amüsant."


    Ganz schön mutig ist Molly gegenüber Harriet, als diese ihre Besuchsabsicht ankündigt; so hatte ich Molly dann doch nicht eingeschätzt:


    "Nein, bitte nicht (…). Sie dürfen nicht kommen, auf keinen Fall." :wow


    Mollys Held zu sein, ist jedenfalls ziemlich anstrengend - man muss sich bei Mahlzeiten mehr oder weniger mit einer Handvoll Erbsen und Wasser zufriedengeben können (siehe Anmerkung Nr. 34). Aber OK, immerhin kann man dann noch der poetische Held sein, wenn auch nicht der ritterliche.


    Und wieder was gelernt, vor welchen Lebensmitteln man sich fernhalten sollte:


    "Meine Schwester (…) hat Kopfweh - vor Aufregung, nehme ich an; sie behauptet, es käme vom frischen Brot."

  • Hm, ist Miss Phoebe Veganerin? Wenn sie das, was sie sagt, konsequent meint, müsste sie das sein; zumindest dürfte sie keinen Honig essen:


    " 'Wie undankbar von den Menschen, sich an ihrem Honig [von den Bienen] gütlich zu tun!' Sie seufzte bei diesem Gedanken, als wäre er gar zu unerträglich für sie."


    Interessant, dass Osborne durch seine "Zartheit" älter wirkt statt jünger; ich wäre eher vom Gegenteil ausgegangen (aber OK, diese Art von "Zartheit" wird hier auch mit Zerbrechlichkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht).


    "Diese offenkundige Zartheit ließ ihn älter wirken, als er war."


    Dagegen hat er die Fähigkeit, gedanklich zu schielen (?).


    "dass Osborne in dem Gespräch, das er mit seiner Mutter führte, gedanklich nach ihr, Molly, schielte."


    Immerhin wird er bald darauf von Molly "in ihrer Vorstellung schon wieder auf seinen Thron gesetzt". :S

  • Hm, ist Miss Phoebe Veganerin? Wenn sie das, was sie sagt, konsequent meint, müsste sie das sein; zumindest dürfte sie keinen Honig essen:

    Ich glaube nicht, daß man es sich damals leisten konnte, als Veganer zu leben. Falls man damals überhaupt schon gewußt hat, was das ist.



    Dagegen hat er die Fähigkeit, gedanklich zu schielen (?).


    "dass Osborne in dem Gespräch, das er mit seiner Mutter führte, gedanklich nach ihr, Molly, schielte."

    Och, das kann ich mir schon vorstellen. Als ich noch als Aussteller auf der Buchmesse war, habe ich, während ich mit einem Standbesucher sprach, mit den anderen Ohr hingehört, was neben mir gesprochen wurde. Das ging immer ganz gut, denn ich mußte wissen, was jeweils am Stand los war. Ähnlich stelle ich mir das hier auch vor.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • OK, dann war Miss Phoebe vielleicht eine Vorläuferin der heutigen Veganer und ihrer Zeit weit voraus...


    Noch eine etwas widersprüchliche Beschreibung von Molly, diesmal von Lady Harriet:


    "Sie sind ein wildes Geschöpf, und ich würde Sie gern zähmen. Kommen Sie, setzen Sie sich auf den Hocker neben mich."



    Roger erscheint wie der helfende Ritter.

    Hm, ihr Ritter ist eigentlich zumindest bald danach schon wieder Osborne ("Mollys zaghafte Mädchenphantasien weilten bei dem unbekannten Osborne, der bald ein Troubadour, bald ein Ritter war"), während Roger für sie bald schon die Rolle als 'Papst' einnimmt:


    "Jedes siebzehnjährige Mädchen, das überhaupt nachdenkt, neigt dazu, aus dem ersten Menschen, der ihm ein neues oder weiter gefasstes Pflichtbewusstsein nahebringt als das, von dem es sich bisher unbewusst hat leiten lassen, einen Papst zu machen. Solch ein Papst war Roger für Molly."


    (übrigens eine interessante Theorie, die Gaskell hier aufstellt)

    Roger musste sich dafür allerdings nicht gerade besonders anstrengen:


    "Dabei hatte er nur ein paar Gedanken kurz und bündig formuliert." :grin

  • Das zeigt eben, wie beeinflussbar Molly war.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Tania Blixen: Nordische Nächte

    Babettes Fest (1950)