...Fortsetzung...
Tatsächlich hat Tartt aber eine weitere Hintertür, eine weitere Lesart vorgesehen:
Hier steht eine Szene am Anfang des Romans im Vordergrund: Die Begegnung von Burt D. dem Portier und dem von einem Sikh gefahrenen Taxi.
Burt D., D. für de Oro – wörtlich aus Gold – ausgesprochen klingt Burt wie Bird. Distelfink ist auf englisch ein goldfinch. Der Distelfink symbolisiert im Christentum die Passion Christi, der Mittler zwischen Gott und der Menschheit. Goldie ist also auch ein solcher Vermittler.
Goldie läuft in dieser Szene wiederholt rückwärts:
„Goldie, who adored her, walked backwards…“ „…walked backward on his heels to where my mother stood.“
Tartt setzt hier einen Aufruf zurückzukehren zu der Zeit vor der Aufklärung, dem alternativlosen Christentum. Metaphysisch ist dieser Aufruf reaktionär, eine Rückkehr in eine Welt, die durch die Aufklärung, Nietzsche, Popper und andere philosophische Bewegungen dekonstruiert worden ist.
In dieser Szene kommt plötzlich ein Taxi, es überfährt Goldie fast und es spritzt stinkendes Wasser durch die Gegend.
But just then - so suddenly that we all jumped - a cab with its light on skidded across the lane to us, throwing up a fan of sewer-smelling water.
"Watch it!" said Goldie, leaping aside as the taxi plowed to a stop.
Es sitzt ein Sikh mit Turban hinter dem Steuer.
Zunächst kann man hier der Lautmalerei folgen: Sikh klingt wie sick, der Turban erinnert an einen Verband. Die moderne Welt, die Welt nach der Aufklärung, sie ist krank im Kopf, ihre Werte stinken, sie hat das christliche Fundament verloren.
Im Taxi gibt es „religious claptrap dangling from the rear-view mirror“ und einen „turbaned, bearded guru“, der in den Rücksitz starrt.
Aber tatsächlich hat Tartt hier mehr intendiert, als nur diese Lautmalerei, die kranke moderne Welt.
Hier kommt die weitere Hintertür, die dritte Lesart ins Spiel.
Zunächst ließe sich die Szene humanistisch lesen. Dieses Taxi würde Theo und seine Mutter zu ihrem Ziel fahren. Sie müssten dazu nur die Unterschiede aushalten und die Gemeinsamkeiten annehmen, statt aus dem Taxi auszusteigen.
Betrachtet man genauer, wie Theos Mutter beschrieben ist, könnte diese Lesart naheliegen:
"She had black hair, fair skin that freckled in summer, China-blue eyes with a lot of light in them; and in the slant of her cheekbones here was such an eccentric mixture of the tribal and the Celtic Twilight that sometimes people guessed she was icelandic. In fact, she was half irish, half Cherokee, from a town in Kansas near the Oklahoma border; and she liked to make me laugh by calling herself an Okie even though she was as Glossy and nervy and stylish as a racehorse."
Hiermit ist aber vermutlich gemeint, dass der christliche Glaube universell anwendbar ist, für jeden passt.
Und irgendwann in diesem Roman tauscht Boris das Gemälde - Fabritius Distelfink - gegen einen vollgekritzelten Collegeblock mit Abbildungen von verschiedenen Ethnien – ein Symbol für Pluralismus und Diversität, also ein Collegeblock der moderne Werte reflektiert. Aus Tartts Sicht scheinen es leere Werte zu sein, das Gekritzel auf einem Collegeblock.
Nehmen wir das Camus-Zitat hinzu, das Absurde:
Metaphysisch betrachtet ist die Szene hier absurd: Der Distelfink – als Vermittler zwischen Gott und dem christlichen Glauben – winkt ein Taxi rückwärts herbei, doch das Taxi wird von einem Sikh gefahren, einem Anhänger eines anderen Glaubens, der moderner und liberaler ist als das Christentum. Der Sikhismus lehrt, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben (und ihrem Geschlecht, beides eigentlich eine Selbstverständlichkeit) vor Gott gleich sind. Es ist ein nicht missionierender Glaube. Alles ist Teil von Gott, in diesem Sinne ist der Sikhismus nahe an Einsteins Spinoza-Gott.
Theos Mutter, stellvertretend für den katholischen christlichen Glauben, steigt ein und ihr wird sehr schnell schlecht. Sie erkennt nicht die Gemeinsamkeiten, ist abgestoßen von den Differenzen, wie Theo auch.
Ganz hinten im Roman gibt es eine weitere Stelle, die sich auf das Camus-Zitat bezieht und hier einen Zusammenhang herstellt:
Tartt zieht dort einen Zusammenhang zwischen Camus’ Absurdität und Shirley Temple bei der Verteilung der Beute: Juri, der Fahrer und Shirley Temple, das Symbol für Absurdität, können die Beute nicht teilen.
Shirley Temple trifft u.a. in 'Wee Willie Winkie' auf einen Mann mit Turban, Khoda Khan, einem muslimischen Anführer. (Shirley Temple schlichtet zwischen der christlichen britischen Kolonialmacht und den einheimischen, muslimischen Indern durch die kindliche Schlichtheit, Konflikte zu sehen.)
Diese Referenz gibt dem Fahrer dieses Taxis eine weitere Religion und auch die Eigenschaften von Juri mit. Jetzt sitzt also mittlerweile der katholisch-christliche Glaube in einem Taxi gefahren vom Sikhismus, dem Islam und einem gott-skeptischen, radikal-moralischen Fahrer!
Camus Botschaft ist das Absurde zu akzeptieren, das Glück darin zu finden.
Tartt stellt hier implizit die Frage: Ist das möglich?
Es gibt einen Punkt an dem der Taxifahrer Theo und seine Mutter versucht rauszuschmeißen:
"The cab swung into a sharp sudden turn, onto Eighty-Six Street. My mother slid into me and grabbed my arm; and I saw she was clammy and pale as a cod."
To eighty-six bedeutet umgangssprachlich jemand/etwas rauswerfen.
Theos Mutter wird übel, Theo lässt den Fahrer anhalten. Ihre Kommunikation verläuft nur indirekt:
“Look,” I called through the grille, “this is fine, we’ll get out here, okay?”
The Sikh—reflected in the garlanded mirror—gazed at me steadily.
“You want to stop here.”
“Yes, please.”
“But this is not the address you gave.”
“I know. But this is good,” I said, glancing back at my mother - mascara smeared, wilted-looking, scrabbling through her bag for her wallet.
“Is she all right?” said the cabdriver doubtfully.
“Yes, yes, she’s fine. We just need to get out, thanks.”
Der Taxifahrer hätte Theo und seine Mutter an ihre Wunschadresse gebracht. Er äußert eine gewisse Besorgtheit. Bei einer direkten, offenen Kommunikation hätte das Ganze anders ausgehen können.
Aber sie steigen dennoch aus – die Gelegenheit ist verpasst.
Sieht Tartt tatsächlich diese Möglichkeit?
Es kommt später zu diesem kurzen Austausch:
"What did you say?" I asked, after a few confused beats, Walking faster to catch up with her. "Try more -?"
She looked startled, as if she'd forgotten I was there. The White coat - flapping in the wind - added to her long-legged ibis quality, as if she were about to unfurl her wings and sail away over the park.
“Try more what?”
“Oh.” Her face went blank and then she shook her head and laughed quickly in the sharp, childlike way she had. “No. I said time warp.”
Hier haben wir die beiden Alternativen: Modernisierung des christlichen Glaubens, Anerkennung der Gemeinsamkeiten, gemeinsam ein Ziel erreichen.
Oder den Weg, den Theos Mutter und Theo in diesem Roman gehen. In eine nihilistische Welt resultierend in den metaphysisch reaktionären Aufruf, in der Zeit zurückzugehen.
Die angedeutete Verwandlung von Theos Mutter in einen Ibis erinnert an eine vorchristliche Zeit. Der Ibis steht im alten Ägypten für die Inkarnation des Gottes Thot, der Gott der Weisheit und der Schreiber der Götter. Es wirkt, als würde sie alles aus einer transzendentalen, zeitlosen Vogelperspektive betrachten. Das kindliche Lachen hingegen erinnert an Shirley Temple und das kindliche Talent, komplexe Probleme auf den einfachen Kern herunterzubrechen.
Time warp hingegen klingt zum einen wie die Rückkehr aus dieser zeitlosen, transzendenten Sicht, aber es klingt auch das Gefängnis einer Zeitschleife an: Es wurde schon so häufig versucht, aber die Differenzen können nicht aufgelöst werden.
Etwas später: Die alltäglichen Routinen der Mutter verdeutlichen ihre Grenzen in der modernen Welt:
“I’m too old for this routine,” she’d said a few days before as we’d scrambled together over the apartment, rummaging under the sofa cushions and searching in the pockets of coats and jackets for enough change to pay the delivery boy from the deli.
Das Aussteigen von Theo und seiner Mutter aus dem Taxi führt zur nihilistischen Schöpfungsgeschichte: Theo, völlig unschuldig, wird ins Verderben gestürzt, sie selbst - Theos christlicher Glaube - stirbt.
Der Distelfink lässt sich also auch lesen als ein Aufruf zu Reformen innerhalb der Kirche, zu einer Öffnung des Glaubens. Tartt stellt die Frage, Ist es möglich das Gemeinsame mit anderen Religionen zu erkennen.
Und die eigentliche Absurdität hier, könnte in dem liegen, was im Sikhismus zentral ist:
Niemand besitzt die alleinige Wahrheit, und doch sind alle Teil desselben Gottes.
Vor Nietzsche hätte das keinen Bestand, Tartts Distelfink wäre in seiner Sicht keine Kunst, die lebensbejahenden Sinn ohne Transzendenz erschafft. Aber das ist ja ohnehin nicht Tartts Intention.
Und diese dritte Lesart stimmt mich etwas versöhnlicher.
Für amerikanisch-katholische Verhältnisse dürfte das geradezu progressiv sein.
Edit:
Eine Sache habe ich vergessen:
In einem nihilistischen Roman, in dem die römisch-katholische Autorin möchte, dass es keinen Lebenssinn gibt, ist es natürlich interessant zu schauen, an welchen Stellen sie trotzdem zulässt, dass etwas positives, tragfähiges entsteht. Es sind die Stellen, in denen Menschen sich mit anderen, durchaus sehr andersartigen Menschen arrangieren, diese schätzen lernen.
- Theo mit dem sozial unbeholfenen, nerdigen, völlig uncoolen Andy
- Theo mit der emotional sehr kühl wirkenden, aber sich kümmernden Mutter von Andy
- Theo mit dem kauzigen, weltoffenen Restaurator (Künstler) Hobie
- Theo mit dem lebensbejahenden, nach eigenen Gesetzen lebenden Boris
(Das liegt natürlich vor allem an den Möglichkeiten, denen so ein Roman unterliegt. Aber mir gefällt es dennoch, weil es die von mir präferierte Hintertür stärkt.)
Tom
Wir landen beide passend zu unseren Signaturen: Du bei der Kunst. Ich beim absurden. 
Khoda Khan und Shirley Temple in 'Wee Willie Winkie':
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