Beiträge von Maarten

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    Tom Ja, das sind seltsame Tage zwischen den Jahren und ich habe auch den Eindruck, dass die Zeit anders tickt in diesen Tagen. Ich liebe das! Es fällt mir zwischen den Tagen viel leichter mal Sachen liegen zu lassen und stattdessen anderes zu machen, wie z.B. mal ein bisschen über Harstad nachzudenken und was dazu zu schreiben.
    Es ist nicht so, dass ich auf einer anderen Etage unterwegs bin, wenn ich lese. Ich lese typischerweise nur die vordergründige Geschichte. Aber bei bestimmten Büchern - dieses ist eines davon - hallt es eine Zeit lang nach und es kommen neue Gedanken dazu. Du weißt, was ich meine. Und Du baust ja selbst diese Etagen in Deine Romane ein...
    Es ist jetzt bereits ein paar Monate her, dass ich Buzz Aldrin gelesen habe, und ich habe lange gewartet überhaupt etwas dazu zu schreiben, weil immer wieder Gedanken dazu kamen. Und da gibt es sicherlich noch viel mehr und ich bin eigentlich mittlerweile zu weit weg vom Text. Beim nachträglichen Denken wird's ja immer mehr zu einem Modell und gehen Einzelheiten verloren. Eigentlich müsste ich ihn auch noch mal lesen, aber es gibt ja noch besagten Glücklichmachziegel.
    Ich frage mich immer, wie viel dieser Tiefenstruktur beim Leser tatsächlich ankommt. Bei mir ist es ein unbewusster Prozess, der schließlich an die Oberfläche kommt. Ein Text, der rein vordergründig arbeitet, scheint mir in gewisser Weise effektiver vorgehen zu können, er muss nicht auf diese tiefe Stimmigkeit achten, kann vordergründig plakativ gestalten. Wie stark wirkt diese Tiefenstruktur unbewusst? Empfindet man als Leser das Buch als besser oder belastet diese zusätzliche Tiefe den Text auch? Vermutlich kommt es wie immer auf die Balance an... Und auf das Publikum...


    Danke Dir für Deine vielen und vielsagenden Rezensionen, die mir ermöglichen Perlen wie diese rauszupicken!:)

    Wenn ein Roman nur noch gebraucht und zu 'Mond'preisen zu bekommen ist, Buzz Aldrin im Titel enthält und von Tom empfohlen wurde, sind meine Erwartungen groß. Von Harstad hatte ich noch nichts gelesen, ehrlich gesagt sogar nie von ihm gehört. Was schade ist, denn dieser wunderbare Roman hätte wirklich viele Leser verdient. Nein, es ist eher andersherum, uns allen würde ich viele Leser dieses Romans wünschen.

    Für eine Rezension ist man weiter oben bei Tom und Voltaire besser aufgehoben, hier ein paar Gedanken zum Roman...

    Im Mittelpunkt steht - als Ich-Erzähler - Mattias. Er glaubt zum Zeitpunkt geboren zu sein, in dem Buzz Aldrin den Mond betreten hat und heroisiert diesen - und damit vor allem sich selbst - als jemanden, der im Schatten agiert und anderen den Erfolg ermöglicht. Er sieht in Buzz Aldrin das unsichtbare Rädchen, das die ganze Welt trägt und anderen ermöglicht im Licht zu stehen. Der eigentliche Held hinter dem für alle sichtbaren Helden:

    “It takes vast willpower, luck, and skill to be the first. But it takes a gigantic heart to be number two.”


    Das ist von Mattias natürlich ganz schön zurecht gebogen und um die Ecke gedacht, aber diese Heroisierung dient Mattias als Begründung seine Komfortzone nie verlassen zu müssen und sich dabei auch noch auf die Schulter zu klopfen.


    Aber beginnen wir vorne, bei diesem grandiosen Satz, der mich nicht nur durch den ganzen Roman begleiten sollte, sondern mich von Anfang an so fasziniert hat, dass ich ihn wahrscheinlich nicht mehr vergessen werde:

    The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks. (gelesen habe ich niederländisch, deutsch ist schwer zu bekommen, deswegen hier mal englisch...)

    Harstad nutzt in diesem Roman eine Erzählstimme, die ich so noch nie gelesen habe: Mattias Erzählstimme kommt mir vor wie die eines unzuverlässigen Analytikers. Wir sehen nicht durch Mattias Augen, wir sehen die Welt vor allem durch seine Analysen. Mattias scheint dabei sehr genau und durchaus emotional und empathisch zu beobachten, und wir bekommen eine nach der anderen der aus seinen Beobachtungen abgeleiteten Schlüsse präsentiert, häufig verpackt in einer Art stream of consciousness, langen atemlosen Kommasätzen, ein bisschen so wie dieser hier, aber jederzeit gut lesbar, mit gut nachvollziehbaren Gedanken, auch wenn sie einem immer mal wieder schräg vorkommen, sie sind interessant, faszinierend, zuweilen auch poetisch, aber sie können auch ganz schön daneben liegen, man möchte Mattias dann am liebsten mal ordentlich durchschütteln. Für ihn aber bilden diese Beobachtungen und Analysen das Skelett seiner Lebensweise. Oder eher der Astronauten-Schutzanzug.


    Mich fasziniert dabei, wie Harstad es schafft, diese Lebensweise von Mattias auf seine Leser zu übertragen, sie quasi zu einer Selbstverständlichkeit zu machen, so dass die Rechtfertigung von Mattias Komfortzonen-Lebensweise mittels Buzz Aldrin zunächst sogar eine moralisch scheinbar tragfähige Note bekommt. Dabei ist die verquere Logik von Mattias bereits in diesem ersten Satz enthalten:

    The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks.

    Klar, Lebewesen bestehen vor allem aus Wasser und Wasser ist lebensnotwendig, wissen wir alle. Und ja, Liebe ist auch lebensnotwendig, genauso wie Regen. Aber es gibt schon gute Gründe, dass Regen typischerweise nicht die erste Assoziation ist, die man mit Liebe verbindet. Und auch nicht die zweite, um im Bild von Buzz Aldrin zu bleiben...

    Trotzdem, die Kodierung für Liebe ist gesetzt und wir lesen ein paar Zeilen später wie ein einziger Tropfen, den Mattias von ganz weit oben auf sich herabfallen sieht, mitten auf seine Stirn fällt. Und ahnen, dass es sich um eine Art Echo aus der Zukunft handelt.


    Nach einer kurzen Episode in der Gegenwart, in der wir mit Mattias Gedankenwelt vertraut gemacht werden, wird die eigentliche Ausgangslage dieser Geschichte durch eine Rückblende erzählt. Und je nachdem, ob man Mattias Analysen folgt oder seine eigenen Schlüsse zieht, entsteht ein vollkommen anderes Bild. Auf diese Weise macht Harstad aus einer simplen Geschichte eine ganz neue, gibt ihr eine völlig andere Dimension.
    Ich empfehle folgenden Spoiler erst aufzuklappen, wenn man nach dem Lesen des Romans ggfls nochmal tiefer einsteigen möchte.



    Aber der Schwerpunkt dieses Romans - und das macht ihn so herausragend - ist keine Gesellschaftskritik, sondern die Konstruktion - und hier beginnt dann der eigentliche Roman - der Alternative dazu.


    Harstad hat hier - zumindest zunächst - die eigentlichen 'Buzz Aldrins' der Gesellschaft im Sinne: Es sind Menschen die unsichtbar sein wollen, nicht weil das ihr Wunsch ist, sondern weil sie zu stark von der gesellschaftlichen Norm abweichen, um sich in Gesellschaft wohl zu fühlen. Z.B. Menschen, die sich in einer Gruppe einsamer fühlen, weil die Gruppe lediglich das Gefühl verstärkt, nicht dazu zu gehören. Oder Menschen, die tatsächlich Angst vor sozialer Interaktion haben. Oder Menschen mit Trauma-Erfahrungen. Menschen die Schwierigkeiten haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

    Um es in der Sprache des ersten Satzes dieses Romans zu sagen: Menschen, für die Liebe wie Regen ist, lebensnotwendig, aber die Exposition ist unangenehm. Und die selbst auch nicht in der Lage sind, es 'regnen' zu lassen. Zumindest im Fall von Mattias.


    Und so landet Mattias dank Jørn, dessen Buzz Aldrin-Rolle in dieser Geschichte tatsächlich so undankbar ist, wie die von Mattias für sich beanspruchte, auf den Färoer-Inseln, dem eigentlichen Mond in dieser Geschichte. Nur sozusagen ohne Schutzanzug. Und wir erleben wie der Regen ihn im Nacken trifft, wie er von seinen Haaren tropft, von ihm abperlt, zu Boden fällt und wegfließt. Und wir ahnen, dass das Echo der ersten Seiten, der Tropfen, der von weit her mitten auf seiner Stirn landen wird, im Anflug ist...


    Tom  
    Ja, das ist tatsächlich ein Buch wie ein guter Freund. Vielen Dank für diese wunderbare Empfehlung!

    Mir kommt "Yellowface" eher wie eine Sammlung von (teilweise widersprüchlichen) Argumenten vor als eine schlüssige, gar eindeutige Stellungnahme, und gerade das hat mir gut gefallen.

    Du beantwortest meine Frage besser als ich sie gestellt habe :)
    Aber ja, genau das war mir letzten Endes nach Lesen Deiner Rezension unklar...

    Ich stecke gerade mitten in Tartts Distelfink, nehme mir vor die Tage auch etwas über Harstads lang nachhallenden Buzz Aldrin... zu schreiben und Deine Einschätzung hier lässt mich erwägen auch Yellowface zu lesen.

    Aber...

    Verstehe ich Dich richtig, dass es in diesem Roman um eine Gesellschaftskritik geht, die die rasante Entwicklung von eigentlich guten Ideen und einer ethisch motivierten Praxis (Sichtbarkeit, Respekt, Fairness) zu einer sich selbst referenzierenden Moraltechnik entwickelt hat, die ihre eigene Richtigkeit aus der Verwendung des "richtigen" Codes bezieht und sich dadurch der kritischen Selbstprüfung entzieht?
    Also der Übergang von ethischen Anliegen in institutionelle und soziale Codes, die dann nicht mehr nach Wirkung, sondern nach formeller Richtigkeit bewertet werden und wie sich Akteur*innen moralisch absichern, indem sie den richtigen Duktus sprechen, unabhängig von Integrität oder Kontext.

    Das erkenne ich zwar seit Jahren genau so in der Gesellschaft wieder und finde es auch bedenklich, aber insbesondere in den aktuellen Auswirkungen, dass dies als Begründung der Gegenrichtung verwendet wird, um damit genau das Gegenteil von Sichtbarkeit, Respekt und Fairness zu legitimieren.

    Ist dieser Roman in dieser Hinsicht - die Themen sind natürlich zeitlos, die Codes hingegen nicht - bereits von der Realität überholt oder lohnt er sich dennoch?

    Hier ein offizieller Artikel vom weißen Haus, bei dem Antifa und politisch links schon möglichst nahe zusammengebracht werden (
    https://www.whitehouse.gov/art…ng-radical-left-violence/)

    President Donald J. Trump is right: the violence problem is on the Left. That’s why he just designated Antifa — a network of Radical Left terrorists that aim to overthrow the government through violence and agitation — as a domestic terrorist organization.

    Es folgt eine Aufzählung von einzelnen Begebenheiten über einen Zeitraum von 2017-jetzt, insgesamt 32 Begebenheiten. Dabei werden für die Täter Begriffe wie Antifa cell, deranged rioters, transgender Antifa terrorist, Antifa radicals, Antifa members, Antifa supporter, self-identified Antifa member verwendet, um dann zu wechseln auf Leftists.

    Und um obige Aufzählung in Relation zu setzen:
    2024 gab es in den USA 360 Schusswaffenunfälle verursacht durch die Kombination Kinder / ungesicherte Waffe, resultierend in 136 Toten und 231 Verletzungen (https://everytownresearch.org/maps/notanaccident)

    Natürlich sind Antifaschismus und "Die Antifa" nicht dasselbe (mein hingegen in Antifaschismus hingegen ist eine demokratische Grundhaltung mag das zu dünn wiedergeben...).

    Politisch rechtsextrem scheint mir aber genau das in einen Topf werfen zu wollen. Erst mal eine offizielle Einschätzung der "Antifa" - was auch immer darunter verstanden werden soll - als Terrororganisation und anschließend dann möglichst viel dazuzählen. Sie werden dabei nur zu gerne den Bogen bis zum Antifaschismus spannen. Darauf wollte ich hinaus.


    Nebenbei: "Die Antifa" in der Niederlande ist nicht vergleichbar mit der in Deutschland, deswegen fällt die Bewertung der zuständigen Stellen in der Niederlande harmloser aus, als die des Verfassungsschutz in Deutschland. Das macht die Intention dieses Vorhabens in der Niederlande noch offensichtlicher.

    Die Entwicklung in der NL ist bereits wieder weiter. Hier in den Medien weniger präsent, gab es am 20.9. eine Demonstration gegen die Asylpolitik und für strengere Einwanderungsregeln auf dem Malieveld in Den Haag. Aufgerufen hatte dazu die Aktivistin "Els Rechts". Die Kundgebung sollte friedlich sein, eskalierte aber sehr schnell. Große Teile der Menge zogen in Richtung Innenstadt (Binnenhof, Sitz von Parlament und Regierung) und warfen u.a. Scheiben des D66-Parteibüros (sozial-liberal) ein. Es wurden Fahnen verschiedener rechtspopulistischer Parteien mitgetragen, vereinzelt auch Flaggen der NSB (niederländische faschistische Partei 1931-1945, während der deutschen Besetzung die einzige zugelassene Partei).
    Der Binnenhof wurde von der Polizei mit massivem Einsatz erfolgreich mit Wasserwerfern und Tränengas verteidigt, sodass ein Eindringen verhindert werden konnte.

    Die Parteien, die vor wenigen Tagen für die Einstufung der Antifa als Terrororganisation gestimmt haben, spielen jetzt diesen Vorfall als 'Hooligan-Krawalle' herunter und weisen einen rechtsextremen oder auch nur politischen Hintergrund zurück.

    Trump hat am 17.9. auf X geäußert, die Antifa als 'major terrorist organization' einstufen zu wollen:
    "I am pleased to inform our many U.S.A. Patriots that I am designating ANTIFA, A SICK, DANGEROUS, RADICAL LEFT DISASTER, AS A MAJOR TERRORIST ORGANIZATION. I will also be strongly recommending that those funding ANTIFA be thoroughly investigated in accordance with the highest legal standards and practices.

    Am 18.9. nimmt eine Mehrheit des niederländischen Parlaments unter dem Punkt Allgemeine politische Betrachtungen einen Antrag an, der sich explizit auf Trumps Tweet bezieht und die niederländische Regierung auffordert, die Antifa als terroristische Organisation einzustufen. Der Antrag wurde von den Rechtspopulisten PVV, FvD, BBB eingebracht und fand die Unterstützung von VVD, SGP und JA21.

    Am 19.9. nimmt Orbán Trumps Äußerung in einem Radio-Interview auf: "Antifa is indeed a terror organisation. In Hungary too, the time has come for us to classify organisations such as antifa as terrorist organisations, following the American model."

    Die Einschätzung des niederländischen Parlament steht konträr zu der des niederländischen Geheimdienst, die in ihrem letzten Jahresbericht zu folgender Einschätzung des Linksextremismus in der Niederlande kam (Linksterrorismus findet in diesem Bericht erst gar keine Erwähnung, im Gegensatz zu Rechtsterrorismus):
    "The AIVD did not see a large willingness for violence amongst the left-wing extremist movement as a whole...".
    mit dem Fazit:
    "In general, the goal or consequence of these actions was not the undermining of the democratic legal order. So long as this remains the case, it is not within the AIVD's remit to investigate such actions."

    Die Einschätzung des NCTV (Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding en Veiligheid) ist ähnlich (aus dem Niederländischen übersetzt):
    "Der organisierte Linksextremismus in den Niederlanden ist fragmentiert, zahlenmäßig gering und ideologisch vielfältig. ... Linksextremisten in den Niederlanden nutzen für ihre Aktionen gewaltfreie Mittel. Manche Aktivitäten können jedoch einschüchternd wirken."

    Es gibt in der Niederlande keine Antifa im Sinne einer abgegrenzten Organisation, es gibt unterschiedliche Gruppierungen die ihre Aktionen im Sinne einer Antifa sehen. Ein diffuses Netzwerk verschiedener Gruppen, die sich als antifaschistisch verstehen.
    Antifaschismus hingegen ist eine demokratische Grundhaltung. Die niederländische Verfassung ist - wie auch die deutsche - antifaschistisch.

    Hier wird der Begriff antifaschistisch von einem demokratischen Wert zu einem vermeintlichen Sicherheitsrisiko umgedeutet - obwohl es dafür faktisch keine Grundlage gibt. Damit geraten auch Menschen, die sich auf friedliche Weise antifaschistisch engagieren, unter Verdacht und können in Frage gestellt oder gar kriminalisiert werden.
    Es ist für mich erschreckend, wie schnell der Antifaschismus in Europa in Frage gestellt wird.

    Die tausend Herbste... war mein erster Mitchell. Eine dringende Empfehlung meiner Mutter, die mir und meinen Geschwistern mit den Worten 'Das müsst ihr lesen!' - ok, sie sagte es auf Niederländisch - in die Hand drückte. Thematisch weckte es nicht das geringste Interesse bei mir, es blieb deswegen lange liegen.
    Als mein erster Mitchell, hatte ich durchaus meine Probleme damit. Klar, unfassbar gut geschrieben, aber gerade deswegen hatte ich häufig das Gefühl nur Bruchteile von dem mitzubekommen, was Mitchell alles unterbringt. Trotz der vielen Seiten, ist es so verdichtet, stecken in jeder Szene, jedem Satz so viel drin, dass es mir immer mal wieder zu viel wurde.
    Jetzt wo ich Mitchell besser einschätzen kann, würde ich wahrscheinlich einiges mehr mitnehmen können, dieses steht deswegen auf meiner doch noch mal lesen, ganz oben. Aber da warten ja noch die anderen Mitchells und vieles andere auch...

    Tom Du wirst vermutlich demnächst gleichziehen? Neben denen die Du jetzt gelesen hast, habe ich noch Slade House gelesen und seit Anfang des Jahres stecke ich in Number9Dream fest - aber irgendwie bin ich da noch nicht richtig reingekommen und dadurch kommt immer wieder was anderes dazwischen.
    Sehr gespannt bin ich hingegen auf das, woran er gerade arbeitet, was hoffentlich bald rauskommt.
    Mitchell April 25:
    And to anyone waiting for the new novel, thanks for your patience, too. Sorry it's taking so long. It's the strangest, trickiest fish I've ever tried to land, but hopefully it'll be worth the wait. Home straight now.

    Ich sehe da fließende Grenzen. Bei spiritueller Esoterik geht es dem direkten Wortsinn nach um einen "inneren, elitären Kreis", der zu einer (spirituellen) Erkenntnis Zugang hat, der anderen versagt bleibt. Das ist also eine philosophische Komponente. Phantastik demgegenüber ist in aller Regel nur eine Grenrebezeichnung.


    Ich wollte mit dieser Anmerkung auch in erster Linie darauf hinaus, dass in in "Die Knochenuhren" in meinem bisherigen Mitchell-Kanon zum ersten Mal einer sehr faktischen, sozusagen verkörperten nichtweltlichen Ebene begegnet bin. Bei allen anderen Romanen blieb es eher im Metaphorischen, auf der Deutungsebene, wurde nicht bis zuletzt ausgeführt. Und Menschen, die "Seelen verzehren" können, sind definitiv im Esoterischen anzusiedeln, zumal die Existenz einer vom Körperlichen getrennten Seele - Grundlage vieler Religionen - ganz zweifelsohne dorthin gehört. Nicht, dass es mich gestört hätte, und das ist ja auch vor allem ein dramaturgisches und stilistisches Mittel (und kein missionarisches, jedenfalls nicht direkt - Mitchell ist aber nach meinem Dafürhalten, wie sehr viele Autorinnen und Autoren, deren Begeisterung fast ins Zwanghafte geht, durchaus auch ein Missionar, wenn es um Weltsichten und Haltung geht).

    Ah, jetzt verstehe ich, wie und warum Du da so abbiegst. Und ich lese es tatsächlich ganz anders, sogar entgegengesetzt.

    Zunächst wieder, was Mitchell selbst dazu sagt (https://glyn-morgan.blogspot.c…ith-david-mitchell.html):


    GM: A key part of the fantasy section (von Knochenuhren) are two themes which you’ve used repeatedly throughout your work: the spirit and reincarnation, and human predation. This seems to be the section within the book where they meet.


    DM: I’d add a third, if I may, and that’s mortality. The book, in that section, offers a Faustian pact which is me having my midlife crisis really. If you could not grow old, if you could keep the looks you have when you’re young, if you could have an endless, squanderable bank account of days, what would you be prepared to pay for that? Would you, for example, be willing to amputate your conscience? Would you be willing to have all that if someone else had to pay? I mention this now because fantasy is in service of that. It’s sort of a real theme, not the Faustian pact they’re offered, but a need to come to a working accommodation with ageing, with the fact kids are being born the whole time: people are moving into their twenties and thirties as we’re moving into our forties and fifties. The moment you’re on the centre stage of the world, the world begins nudging you towards the wings. It’s Make Room! Make Room! or the old kids song “and the little one said: roll over, roll over”. As we become members of an older generation to be superseded by a younger one. This is a social realist topic, it isn’t fantasy. This is something we need to do! We need a healthier relationship with aging than fear! And so the jiggery-pokery with genre is in service of all this.


    Der Fantasy-Teil von Knochenuhren (der sich ja durch alle Teile zieht), ist in gewisser Weise eine Herr der Ringe-Abwandlung mit Holly Sykes als Frodo. Wir haben aber mit Hugo Lamb auch einen Frodo auf der Gegenseite. Statt eines physischen Artefakts der Macht, gibt es ein spirituelles: Hollys und Hugos gemeinsame Nacht.
    An Holly tritt eine Art Gandalf heran, an Hugo ebenfalls. Aber Hugos Seite ist die böse Seite, die Anachoreten. Sie verführen Hugo, versprechen ihm ein ewiges Leben und ewige Jugend.

    Der meines Wissens erste Anachoret der in einem Roman von Mitchell auftaucht ist ein Mönch.

    Mitchell äußert sich in einem anderen Interview über Religionen folgendermaßen (https://damiengwalter.com/2020…-nominee-is-a-true-geek):
    I’m a content-enough agnostic with a now-common built-in wariness of both mega-religions and cults. I’ve read books about Buddhism that I’ve found instructive and helpful for my relationship with my mind, but I have little doubt that Buddhist institutions in East Asia are every bit as capable of mafioso practices and predatory violence as the Catholic Church has proven itself to be in Ireland.


    Die Anachoreten tragen im Roman den satirisch überzogenen Namen:
    The Anchorites of the Chapel of the Dusk of the Blind Cathar of the Thomasite Order of Sidelhorn Pass

    und sie nennen die Menschen Knochenuhren, weil sie an ihnen das Fortschreiten der 'Krankheit' Altern ablesen können.

    Mir scheint ziemlich klar zu sein, was Mitchell von Esoterik und insbesondere der Ausbeutung esoterisch veranlagter Menschen durch Religionen hält: Religionen ernähren sich von den 'Seelen' dieser Menschen.

    Ich empfand bisher nur eine Stelle in Mitchells Werk (dem mir bekannten Teil) als esoterisch aufgeladen: Am Ende von Utopia Avenue, wo er sie über die Figur Dean Moss mit seinen eigenen Initialen verknüpft. Aber diese Stelle ist eingebettet in einen LSD-Trip und sie ist lediglich ein Gedanke, ein gefühlter Moment der Klarheit in einem Rauschzustand.

    Edit: Phantastik ermöglicht die Verkörperung einer nichtweltlichen Ebene, es ist die Verkörperung von Träumen, Alpträumen, Fantasien. Esoterik ist etwas anderes. Es kann natürlich Überschneidungen geben, die sehe ich hier aber nicht.

    Edit2: Missionarisch? Ich habe den Eindruck, Mitchell versucht in seinen Romanen die Welt so dazustellen, wie sie ist. Diese Darstellung ist unvermeidlich seine persönliche Sicht. Er recherchiert für seine Romane sehr viel, um seine Sicht zu objektivieren, aber es bleibt unvermeidlich seine persönliche Sicht. Ich wüsste nicht, wie ein Autor dem entkommen kann.

    Was mich übrigens am meisten an Knochenuhren geflashed hat, ist der Vergleich eines unsterblichen, also unendlichen Lebens mit der Unsterblichkeit eines Moments, der von Lamb gezogen wird.

    Es hat mich an den Unterschied zwischen einer abzählbaren Unendlichkeit und einer überabzählbaren Unendlichkeit erinnert. Die Unsterblichkeit der Lamb nachstrebt, ist eine abzählbare Unendlichkeit, sie besteht sozusagen aus abzählbaren Zeiteinheiten, keine einzige davon im Grunde wichtiger als eine andere.

    Die Menge der natürlichen Zahlen ist diese abzählbare Unendlichkeit. Zwischen zwei beliebig nahe beieinander liegenden Zahlen hingegen gibt es - betrachtet man die reellen Zahlen - die überabzählbare Unendlichkeit, sie ist größer als die Unendlichkeit der natürlichen Zahlen und befindet sich in jeder beliebig kleinen Zahlendifferenz. Auf Zeit übertragen kann ein winziger Moment eine größere Unendlichkeit besitzen, als ein unendliches Leben. Das ist es letzten Endes, was Lamb im Showdown umtreibt.

    Zur esoterischen Richtung dann doch ein paar Worte, weil mir das einfach zu sehr nach Coelho klingt.
    Es ist keine esoterische Richtung die Mitchell hier einschlägt, sondern eine phantastische, denn das ist die literarische Wurzel aus seiner Kindheit. Und er ist diesbezüglich sehr klar in Interviews, z.B. hier (https://chatelaine.com/living/…d-atlas-the-bone-clocks):
    The resurfacing of characters handily ties in with one of Mitchell’s recurring themes: that of reincarnation, which he readily confesses he doesn’t actually believe in, though he does admit there is “solace in the notion we can have another go and try and fix things and make a better job. Reincarnation is a useful idea.” And he concedes, “Even in one life we metaphorically die and are reborn a number of times. I’m not getting religious or New-Agey or anything here,” he adds, his eyebrows raising comically. “The first time you’re unceremoniously dumped is a kind of death. And you come back from it. Marriage — one former way of life has to die to make the marriage work.”

    Er erzählt diese Wiedergeburt neben der 'großen', epischen, phantastischen Form (die Horologen), auch ganz konkret im 'Kleinen', also in Hollys Leben, das er mit den Horologen verknüpft.
    Und auch bei den Anachoreten gibt es die konkrete Ausgestaltung im 'Kleinen' und die epische Verknüpfung in Form von Hugo Lamb. Der sich eben nicht für eine Art 'Wiedergeburt' in Form einer Liebschaft mit Holly entscheidet, sondern für 'Unsterblichkeit'. Die ja bei den Anachoreten nicht unendlich ist, sondern eine Art Seelennahrung benötigt, bei der andere draufgehen. Es ist keine Unsterblichkeit. Auch bei den Horologen nicht, sie wissen nicht, ob sie nach der nächsten Dämmerung wiederkehren, es war nur bisher so.

    Ein Ableger von Knochenuhren ist übrigens Slade House, über das ich hier ein paar Zeilen geschrieben habe:

    David Mitchell - Slade House

    Uralter Thread, aber dennoch werf ich mal was rein.

    Bei dieser 'First Law'-Trilogie ist ja die eigentliche Frage, was diese ominöse 'First Law' ist. Im Buch gibt's zwar mal ein Gespräch dazu, dabei kommt aber nur raus, dass es Gerüchte gibt, aber eigentlich keiner weiß, was diese 'First Law' tatsächlich ist.

    Nach meiner Lesart ist die 'First Law' eine von Abercrombie, die er für sich beim Schreiben aufgestellt hat: Diese Trilogie erzählt von einer deterministischen Welt, in der es aber eine Handvoll einzelner Charaktere gibt, die diesem nicht unterworfen sind, der Großteil der Welt aber schon.

    Abercrombie ist es gelungen das Ganze so zu erzählen, dass es niemand merkt, u.a. indem die Charaktere Tiefe zu haben scheinen, auch die, die ausschließlich deterministisch handeln können, also fast alle.
    Am Deutlichsten wird der Determinismus, wenn die Gruppe um Rudd Threetrees, Black Dow, Dogman (ich habe die englische Version gelesen) mal wieder etwas plant. Sobald es losgeht, setzt sich ein Räderwerk in Bewegung, bei dem der komplette Plan sich in Luft auflöst und alles abläuft, als würden ein paar Dominosteine umfallen. Dabei setzt Abercrombie, der Psychologie studiert hat, klare Trigger die zu sehr plausiblen Abläufen führen. Meist wirkt der Determinismus dadurch wie sinnvolle Entscheidungen, bei den Plänen der Nordmänner hingegen vor allem humoristisch.

    Genau das macht First Law für mich zu einer so lesenswerten Trilogie, diese Verhandlung über Determinismus und was das für die wenigen bedeutet, die dem nicht (zumindest nicht immer) unterworfen sind.

    Über Amor gegen Goliath zu schreiben, vermutlich überhaupt über ein Buch von Frank Schulz zu schreiben, heißt zunächst über Sprachvirtuosität zu schreiben.

    Ich fühlte mich bei Amor gegen Goliath sehr schnell an die 10 rules for good writing von Elmore Leonard erinnert.


    Z.B. die 2. Avoid prologues

    Schulz bringt davon gleich eine Handvoll mit, netterweise auch hinten am Roman angehängt.


    Oder die 3. Never use a verb other than "said" to carry dialogue.
    Das ist so'n Lieblingsding von Lektoren, nur bestimmte Verben - Verben des Sagens - dürfen verwendet werden. Und weil das so 'ne einfache Regel ist, wird entsprechend lektoriert, egal ob der Text funktioniert oder auch nicht.
    Scholz setzt sich da nicht nur souverän drüber weg, sondern reibt es Lektoren geradezu ins Auge (dabei nebenbei auch noch der uns allen bekannte Regel, Wortwiederholungen zu vermeiden, eine Faust ins Auge donnernd):

    "Aber", aberte Büttner, ...

    Nehmen wir Leonards 10. Regel, Try to leave out the part that readers tend to skip.
    Würde man diese Regel befolgen, es bliebe wohl nichts aus Amor gegen Goliath übrig.
    Oder eben doch alles.


    Amor gegen Goliath und vermutlich auch andere Bücher von Frank Schulz, sind die Antithese zu Leonards Schreibregeln. Bzw. zu Schreibregeln überhaupt.
    Und genau das ist es, was Schulz so lesenswert macht: Hier ist ein Meister der Sprache unterwegs, für den vermutlich jede Regel ein Ansporn wäre, sie mit einem Gegenbeispiel zu widerlegen. Und er kann das ohne Zweifel nicht nur immer, sondern es wäre auch immer die bessere Lösung. Kann nur sonst keiner (naja kaum einer, Tom Robbins fällt mir da z.B. spontan ein).


    (Ich habe auch mal in die Leseprobe des ersten Onno Viets-Romans reingelesen, dort wird die Mutter aller Schreibregeln Show, don't tell auf die Schippe genommen, indem ein Rechtsanwalt erzählt, was er in einem Internetvideo sieht und hört inkl. der eingeblendeten Untertitel, die den Dialekt übersetzen [Achja und naturlich auch gegen Regel 7 Elmore Leonard verstoßend: Use regional dialect, patois, sparingly])


    Amor gegen Goliath strotzt vor sprachlicher Virtuosität mit intelligenten Wortspielen weitab von allen Klischees. In den besten Momenten ist es, als würde unsere Sprache neu erfunden. Es ist, als würde man einen neuen Kontinent mit neuen Möglichkeiten entdecken.

    Gleichzeitig, und das könnte man, wenn man möchte - ich sicherlich nicht - diesem Roman vorwerfen, ist Schulz diese Virtuosität häufig wichtiger als die Geschichte. Anders als z.B. bei David Mitchell, bei dem die Sprache in ihrer Virtuosität immer der erzählten Geschichte (und ihrer Metaebene) dient und sich immer stark der jeweiligen Perspektive anpasst, kommt es mir vor, als wäre hier die Geschichte vor allem die Bühne für diese Sprachvirtuosität.


    Dieser Eindruck liegt natürlich auch daran, dass es kaum eine Handlung gibt, die hier auf über 700 Seiten erzählt wird. Wer sich nicht an dieser Sprache erfreuen kann, wird mit Amor gegen Goliath nicht viel anfangen können.


    Inhaltlich bildet das Buch aus meiner Sicht gut unsere Gesellschaft in der (erlebnisarmen) Corona- und der (ihren Zielen nicht näherkommenden) Fridays for future-Zeit ab.

    Erschreckend war dabei für mich vor allem, das es mir angesichts der aktuellen Entwicklungen, also der Geschwindigkeit mit der die Welt überall in Richtung von nationalen Me First-Autokratien zu rutschen scheint, so vorkommt, als läge die Corona/Fridays For Future-Zeit etwa so lange zurück, wie die Datenschutz-Diskussion in den Achtzigern.


    Klimawandel ist vordergründig das zentrale Thema hier. Und die Polarisierung der Gesellschaft, der begegnet werden soll, entsprechend auch. Trumps erste Amtszeit wird angesprochen. Und die Superreichen. Und vieles andere auch.

    Aber es wirkt schon jetzt wie ein Blick von gestern auf diese Themen, nicht weil diese nicht aktuell sind, sondern weil sich durch Trumps zweite Amtszeit die Entwicklung nochmal unglaublich beschleunigt hat. Z.B. die kurze Episode über Wokeness war sicherlich vor 2 Jahren ein Thema, vielleicht auch letztes Jahr noch, aber dieses Jahr sind wir bereits in einer sehr heftigen Gegenbewegung. Das Harvard zerstört werden soll, weil es zu woke ist, war letztes Jahr einfach noch völlig undenkbar.


    Es ist eine schwere Zeit für Autoren, wenn sie auf aktuelle politische Entwicklungen in einem Roman eingehen wollen.
    Amor gegen Goliath ist einerseits hochaktuell, andererseits schon überholt. Das ist der Nachteil davon, dass dieser Roman in Teilen sehr konkret ist, statt hintergründiger auf einer Metaebene zu agieren.
    Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen...

    Ja, ich traue mir das Original auch nicht zu. Und auch ich finde die Übersetzungen von Volker Oldendorp bewundernswert. Mitchell bringt aber so viel gleichzeitig rein, dass es schlicht unmöglich ist, alles zu transportieren, da wäre ich gerne in der Lage das Original mit dem Verständnis eines Muttersprachlers zu lesen. Bei Black Swan Green ist das eher möglich.

    Das sehe ich genauso. Obwohl ich "Wolkenatlas" auch so großartig fand, dass ich mich nie an die Verfilmung heran getraut habe. Ich persönlich fand auch nicht, dass die Knochenuhren Längen hatten. Ich habe jedes Wort genossen. Was für ein wunderbarer Autor Mitchell doch ist.

    Utopia Avenue liegt leider seit seinem Erscheinen auf Englisch noch ungelesen hier.

    Längen ist von mir als Bezeichnung dafür schlecht gewählt. Mitchell schreibt so dicht, dass ich beim Lesen immer mal wieder überfordert bin, trotzdem weiterlese und das mit dem Bewusstsein, dass ich gerade viel verpasse.

    Utopia Avenue hat auch diese Dichte, aber es liest sich leichtgewichtiger und hat in dem Sinne weniger 'Längen'.


    Und ich bin fast ein bisschen neidisch auf Dich, dass Du im Original liest. Ich habe es bei Black Swan Green/Der dreizehnte Monat ein bisschen verglichen und obwohl es gut übersetzt ist, geht doch einiges verloren. Aber selbst dann...