Beiträge von Maarten

    ...noch ein paar Zitate...

    Zur Zeitschleife oder 'Wo ist Popper?':

    And that was it: infinite loop; no alt-tab out. You could force close, shut down the computer, start all over and run it again, and the game would still lock up and freeze at the same place. "Where's Popper?" No cheat code. Game over. There was no way past that moment.

    Über unterschiedliche Glaubensrichtungen:

    A great sorrow, and one that I am only beginning to understand: we don’t get to choose our own hearts. We can’t make ourselves want what’s good for us or what’s good for other people. We don’t get to choose the people we are.

    Well—I have to say I personally have never drawn such a sharp line between ‘good’ and ‘bad’ as you. For me: that line is often false. The two are never disconnected. One can’t exist without the other. As long as I am acting out of love, I feel I am doing best I know how. But you—wrapped up in judgment, always regretting the past, cursing yourself, blaming yourself, asking ‘what if,’ ‘what if.’ ‘Life is cruel.’ ‘I wish I had died instead of.’ Well—think about this. What if all your actions and choices, good or bad, make no difference to God? What if the pattern is pre-set? No no—hang on—this is a question worth struggling with. What if our badness and mistakes are the very thing that set our fate and bring us round to good? What if, for some of us, we can’t get there any other way?


    Can’t good come around sometimes through some strange back doors?


    Über die Wahl zwischen Glauben und Aufklärung:
    Only here's what I really, really want someone to explain to me. What if one happens to be possessed of a heart that can't be trusted--? What if the heart, for its own unfathomable reasons, leads one willfully and in a cloud of unspeakable radiance away from health, domesticity, civic responsibility and strong social connections and all the blandly-held common virtues and instead straight toward a beautiful flare of ruin, self-immolation, disaster?...If your deepest self is singing and coaxing you straight toward the bonfire, is it better to turn away? Stop your ears with wax? Ignore all the perverse glory your heart is screaming at you? Set yourself on the course that will lead you dutifully towards the norm, reasonable hours and regular medical check-ups, stable relationships and steady career advancement the New York Times and brunch on Sunday, all with the promise of being somehow a better person? Or...is it better to throw yourself head first and laughing into the holy rage calling your name?

    ...Fortsetzung...

    Tatsächlich hat Tartt aber eine weitere Hintertür, eine weitere Lesart vorgesehen:

    Hier steht eine Szene am Anfang des Romans im Vordergrund: Die Begegnung von Burt D. dem Portier und dem von einem Sikh gefahrenen Taxi.


    Burt D., D. für de Oro – wörtlich aus Gold – ausgesprochen klingt Burt wie Bird. Distelfink ist auf englisch ein goldfinch. Der Distelfink symbolisiert im Christentum die Passion Christi, der Mittler zwischen Gott und der Menschheit. Goldie ist also auch ein solcher Vermittler.


    Goldie läuft in dieser Szene wiederholt rückwärts:

    „Goldie, who adored her, walked backwards…“ „…walked backward on his heels to where my mother stood.“

    Tartt setzt hier einen Aufruf zurückzukehren zu der Zeit vor der Aufklärung, dem alternativlosen Christentum. Metaphysisch ist dieser Aufruf reaktionär, eine Rückkehr in eine Welt, die durch die Aufklärung, Nietzsche, Popper und andere philosophische Bewegungen dekonstruiert worden ist.


    In dieser Szene kommt plötzlich ein Taxi, es überfährt Goldie fast und es spritzt stinkendes Wasser durch die Gegend.

    But just then - so suddenly that we all jumped - a cab with its light on skidded across the lane to us, throwing up a fan of sewer-smelling water.

    "Watch it!" said Goldie, leaping aside as the taxi plowed to a stop.

    Es sitzt ein Sikh mit Turban hinter dem Steuer.

    Zunächst kann man hier der Lautmalerei folgen: Sikh klingt wie sick, der Turban erinnert an einen Verband. Die moderne Welt, die Welt nach der Aufklärung, sie ist krank im Kopf, ihre Werte stinken, sie hat das christliche Fundament verloren.

    Im Taxi gibt es „religious claptrap dangling from the rear-view mirror“ und einen „turbaned, bearded guru“, der in den Rücksitz starrt.


    Aber tatsächlich hat Tartt hier mehr intendiert, als nur diese Lautmalerei, die kranke moderne Welt.

    Hier kommt die weitere Hintertür, die dritte Lesart ins Spiel.

    Zunächst ließe sich die Szene humanistisch lesen. Dieses Taxi würde Theo und seine Mutter zu ihrem Ziel fahren. Sie müssten dazu nur die Unterschiede aushalten und die Gemeinsamkeiten annehmen, statt aus dem Taxi auszusteigen.


    Betrachtet man genauer, wie Theos Mutter beschrieben ist, könnte diese Lesart naheliegen:

    "She had black hair, fair skin that freckled in summer, China-blue eyes with a lot of light in them; and in the slant of her cheekbones here was such an eccentric mixture of the tribal and the Celtic Twilight that sometimes people guessed she was icelandic. In fact, she was half irish, half Cherokee, from a town in Kansas near the Oklahoma border; and she liked to make me laugh by calling herself an Okie even though she was as Glossy and nervy and stylish as a racehorse."

    Hiermit ist aber vermutlich gemeint, dass der christliche Glaube universell anwendbar ist, für jeden passt.


    Und irgendwann in diesem Roman tauscht Boris das Gemälde - Fabritius Distelfink - gegen einen vollgekritzelten Collegeblock mit Abbildungen von verschiedenen Ethnien – ein Symbol für Pluralismus und Diversität, also ein Collegeblock der moderne Werte reflektiert. Aus Tartts Sicht scheinen es leere Werte zu sein, das Gekritzel auf einem Collegeblock.


    Nehmen wir das Camus-Zitat hinzu, das Absurde:

    Metaphysisch betrachtet ist die Szene hier absurd: Der Distelfink – als Vermittler zwischen Gott und dem christlichen Glauben – winkt ein Taxi rückwärts herbei, doch das Taxi wird von einem Sikh gefahren, einem Anhänger eines anderen Glaubens, der moderner und liberaler ist als das Christentum. Der Sikhismus lehrt, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben (und ihrem Geschlecht, beides eigentlich eine Selbstverständlichkeit) vor Gott gleich sind. Es ist ein nicht missionierender Glaube. Alles ist Teil von Gott, in diesem Sinne ist der Sikhismus nahe an Einsteins Spinoza-Gott.

    Theos Mutter, stellvertretend für den katholischen christlichen Glauben, steigt ein und ihr wird sehr schnell schlecht. Sie erkennt nicht die Gemeinsamkeiten, ist abgestoßen von den Differenzen, wie Theo auch.


    Ganz hinten im Roman gibt es eine weitere Stelle, die sich auf das Camus-Zitat bezieht und hier einen Zusammenhang herstellt:

    Tartt zieht dort einen Zusammenhang zwischen Camus’ Absurdität und Shirley Temple bei der Verteilung der Beute: Juri, der Fahrer und Shirley Temple, das Symbol für Absurdität, können die Beute nicht teilen.

    Shirley Temple trifft u.a. in 'Wee Willie Winkie' auf einen Mann mit Turban, Khoda Khan, einem muslimischen Anführer. (Shirley Temple schlichtet zwischen der christlichen britischen Kolonialmacht und den einheimischen, muslimischen Indern durch die kindliche Schlichtheit, Konflikte zu sehen.)


    Diese Referenz gibt dem Fahrer dieses Taxis eine weitere Religion und auch die Eigenschaften von Juri mit. Jetzt sitzt also mittlerweile der katholisch-christliche Glaube in einem Taxi gefahren vom Sikhismus, dem Islam und einem gott-skeptischen, radikal-moralischen Fahrer!

    Camus Botschaft ist das Absurde zu akzeptieren, das Glück darin zu finden.

    Tartt stellt hier implizit die Frage: Ist das möglich?


    Es gibt einen Punkt an dem der Taxifahrer Theo und seine Mutter versucht rauszuschmeißen:

    "The cab swung into a sharp sudden turn, onto Eighty-Six Street. My mother slid into me and grabbed my arm; and I saw she was clammy and pale as a cod."

    To eighty-six bedeutet umgangssprachlich jemand/etwas rauswerfen.


    Theos Mutter wird übel, Theo lässt den Fahrer anhalten. Ihre Kommunikation verläuft nur indirekt:

    “Look,” I called through the grille, “this is fine, we’ll get out here, okay?”

    The Sikh—reflected in the garlanded mirror—gazed at me steadily.

    “You want to stop here.”

    “Yes, please.”

    “But this is not the address you gave.”

    “I know. But this is good,” I said, glancing back at my mother - mascara smeared, wilted-looking, scrabbling through her bag for her wallet.

    “Is she all right?” said the cabdriver doubtfully.

    “Yes, yes, she’s fine. We just need to get out, thanks.”


    Der Taxifahrer hätte Theo und seine Mutter an ihre Wunschadresse gebracht. Er äußert eine gewisse Besorgtheit. Bei einer direkten, offenen Kommunikation hätte das Ganze anders ausgehen können.

    Aber sie steigen dennoch aus – die Gelegenheit ist verpasst.


    Sieht Tartt tatsächlich diese Möglichkeit?

    Es kommt später zu diesem kurzen Austausch:


    "What did you say?" I asked, after a few confused beats, Walking faster to catch up with her. "Try more -?"

    She looked startled, as if she'd forgotten I was there. The White coat - flapping in the wind - added to her long-legged ibis quality, as if she were about to unfurl her wings and sail away over the park.

    “Try more what?”

    “Oh.” Her face went blank and then she shook her head and laughed quickly in the sharp, childlike way she had. “No. I said time warp.”

    Hier haben wir die beiden Alternativen: Modernisierung des christlichen Glaubens, Anerkennung der Gemeinsamkeiten, gemeinsam ein Ziel erreichen.

    Oder den Weg, den Theos Mutter und Theo in diesem Roman gehen. In eine nihilistische Welt resultierend in den metaphysisch reaktionären Aufruf, in der Zeit zurückzugehen.

    Die angedeutete Verwandlung von Theos Mutter in einen Ibis erinnert an eine vorchristliche Zeit. Der Ibis steht im alten Ägypten für die Inkarnation des Gottes Thot, der Gott der Weisheit und der Schreiber der Götter. Es wirkt, als würde sie alles aus einer transzendentalen, zeitlosen Vogelperspektive betrachten. Das kindliche Lachen hingegen erinnert an Shirley Temple und das kindliche Talent, komplexe Probleme auf den einfachen Kern herunterzubrechen.
    Time warp hingegen klingt zum einen wie die Rückkehr aus dieser zeitlosen, transzendenten Sicht, aber es klingt auch das Gefängnis einer Zeitschleife an: Es wurde schon so häufig versucht, aber die Differenzen können nicht aufgelöst werden.


    Etwas später: Die alltäglichen Routinen der Mutter verdeutlichen ihre Grenzen in der modernen Welt:

    “I’m too old for this routine,” she’d said a few days before as we’d scrambled together over the apartment, rummaging under the sofa cushions and searching in the pockets of coats and jackets for enough change to pay the delivery boy from the deli.


    Das Aussteigen von Theo und seiner Mutter aus dem Taxi führt zur nihilistischen Schöpfungsgeschichte: Theo, völlig unschuldig, wird ins Verderben gestürzt, sie selbst - Theos christlicher Glaube - stirbt.


    Der Distelfink lässt sich also auch lesen als ein Aufruf zu Reformen innerhalb der Kirche, zu einer Öffnung des Glaubens. Tartt stellt die Frage, Ist es möglich das Gemeinsame mit anderen Religionen zu erkennen.


    Und die eigentliche Absurdität hier, könnte in dem liegen, was im Sikhismus zentral ist:

    Niemand besitzt die alleinige Wahrheit, und doch sind alle Teil desselben Gottes.


    Vor Nietzsche hätte das keinen Bestand, Tartts Distelfink wäre in seiner Sicht keine Kunst, die lebensbejahenden Sinn ohne Transzendenz erschafft. Aber das ist ja ohnehin nicht Tartts Intention.

    Und diese dritte Lesart stimmt mich etwas versöhnlicher.

    Für amerikanisch-katholische Verhältnisse dürfte das geradezu progressiv sein.

    Edit:
    Eine Sache habe ich vergessen:
    In einem nihilistischen Roman, in dem die römisch-katholische Autorin möchte, dass es keinen Lebenssinn gibt, ist es natürlich interessant zu schauen, an welchen Stellen sie trotzdem zulässt, dass etwas positives, tragfähiges entsteht. Es sind die Stellen, in denen Menschen sich mit anderen, durchaus sehr andersartigen Menschen arrangieren, diese schätzen lernen.
    - Theo mit dem sozial unbeholfenen, nerdigen, völlig uncoolen Andy

    - Theo mit der emotional sehr kühl wirkenden, aber sich kümmernden Mutter von Andy

    - Theo mit dem kauzigen, weltoffenen Restaurator (Künstler) Hobie
    - Theo mit dem lebensbejahenden, nach eigenen Gesetzen lebenden Boris
    (Das liegt natürlich vor allem an den Möglichkeiten, denen so ein Roman unterliegt. Aber mir gefällt es dennoch, weil es die von mir präferierte Hintertür stärkt.)



    Tom Wir landen beide passend zu unseren Signaturen: Du bei der Kunst. Ich beim absurden. :)


    Khoda Khan und Shirley Temple in 'Wee Willie Winkie':

    https://i.pinimg.com/736x/47/0…cbff9c69ff05d0b2b2551.jpg

    "Das Absurde befreit nicht, es bindet."


    Mit diesem Camus-Zitat leitet Donna Tartt den ersten Teil von "Der Distelfink" ein, einem brillant geschrieben Roman, bei dem man jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen kann, bei dem man allerdings auch sehr tief graben muss, um ein Verständnis dafür zu bekommen, worum es Tartt dabei geht.


    Was hier folgt ist keine Rezension, sondern meine Lesart dieses Romans, eine Entblätterung seines strukturellen Aufbaus und zentraler Andeutungen.

    Im folgenden verwende ich amerikanische Zitate, um Tartts Text unverfälscht zu zitieren.


    "Der Distelfink" signalisiert von Anfang an, dass er auf einer symbolischen Ebene arbeitet. Eine exemplarische Stelle relativ am Anfang, wichtig für das Verständnis, ist Theos Erinnerung an das Abendessen mit seiner Mutter in einem italienischen Restaurant, bei der sie einen Geburtstag beobachten.
    Es wirkt fast liturgisch.
    Der Geburtstagskuchen wird „in procession“ getragen, ein „faint circle of light wavering in across the dark ceiling“ erscheint, und „blaze[s] amidst the family“.
    Diese Szene kann als Eucharistiefeier gelesen werden. Der Vatikan wird durch das italienische Restaurant symbolisiert, die Hostie durch den Geburtstagskuchen. Theo nennt es „a tableau vivant of the daily, commonplace happiness that was lost when I lost her.“
    Mit ihrem Tod verschwindet nicht nur Theos Mutter aus seinem Leben, er verliert den christlichen Glauben (und die Welt mit ihm).


    Das Bombenattentat im Museum symbolisiert die Urknall-Theorie und ihre Auswirkungen auf den christlichen Glauben. Theos Vater - er wird in dem Roman klar mit Einstein assoziiert - verkörpert die Wissenschaft, wird aber von Tartt als alkoholkranker Spieler dargestellt, der Theo und seine Mutter bereits vor dem Bombenattentat verlassen hat.
    Durch die Aufklärung, durch die Urknall-Theorie, die auf Einsteins Relativitätstheorie aufbaut, verschwindet die Gewissheit in Gott als oberste Autorität. Das Bombenattentat signalisiert diesen Zusammenbruch:
    Die moralische und metaphysische Ordnung, die Gewissheit des christlichen Glaubens zerfällt. Tartt erzählt eine nihilistische Schöpfungsgeschichte mit Theo und Pippa wie Adam und Eva in einer chaotischen, gottlosen Welt, in der Sinn und Moral neu konstruiert werden müssen.


    Nietzsche hatte die Hoffnung, dass Kunst neuen lebensbejahenden Sinn erschaffen könnte, Tartt zitiert ihn vor dem letzten Teil dieses Romans: "Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.", stellt diese These aber als falsch dar: Hobie symbolisiert den Künstler, seine Arbeiten bei denen er verschiedene antike Einzelteile zu etwas Neuem kombiniert, dabei auf die Maserung unter der Lasur achtet, ist wie eine Einarbeitung unterschiedlicher Inspirationen mit einem Subtext in ein neues Werk. Das Ergebnis - u.a. 'Der Schubladenschrank' - ist aber hier lediglich eine Antiquitäten-Fälschung. Zur Einordnung geeignet, aber nicht sinngebend. Sinngebend ist in diesem Roman hingegen sakrale Kunst, wie z.B. der Distelfink von Fabritius.


    Tartt symbolisiert Nietzsche in der Figur eines Drogendealers, assoziiert ihn als Nazi-Philosophen, indem sie ihn Horst (in Anlehnung an Wessel) nennt und Nazi-Blutgeld nahelegt. Sie zieht außerdem eine problematische Verbindung zum Islam.

    Weitere Symbolfiguren der Wissenschaft und rationalistische Philosophen verspottet Tartt:
    Einstein – Theos Vater – ist wie bereits geschrieben ein alkoholkranker Spieler, er wirkt wie eine Kombination aus Rationalismus (den Tartt häufig mit Drogen assoziiert) und Nietzsches amor fati,
    Karl Popper – die Symbolfigur rationalistischer Vernunft – ist hier nur ein Hund, in einer Szene versteckt in einem Karton unter einer Ausgabe der USA Today. Er bellt hin und wieder aufgeregt, was niemand weiter beachtet. Irgendwann wird er von Juri - dem gottesskeptischen, radikal-moralischen Fahrer von Boris Gang, eng angelehnt an Dostojewskis Iwan Karamasow - alleine durch die Gegend gefahren. Theo ist dann in großer Sorge, weil er Popper ganz vergessen hat,
    Isaac Newton wird in einem Nebensatz als ein Meerschweinchen namens 'Pig Newton' erwähnt.


    Tartts Aussage ist klar: Aufklärung und die auf Nietzsche aufbauende Philosophie kann weder moralische noch metaphysische Orientierung bieten.


    Im letzten Kapitel bietet Tartt zwei mögliche Lesarten an:

    - Theos nihilistisches Bekenntnis – das Leben als Jauchegrube, nur durch Drogen erträglich, endend im Tod

    - oder - als Hintertürchen - eine christliche Lesart von Theos Bekenntnis: Das Leben ist dann immer noch eine Jauchegrube, aber es wird erträglich, wenn man weiß, dass am Ende die Erlösung, der Aufstieg der Seele, das ewige Leben kommt.


    Der Leser hat die Wahl.


    ... wird fortgesetzt im nächsten Post ...

    So Whitey wouldn't be the only one in the room with a gun


    antworten die beiden schwarzen Ermittler Ed Morgan und Jim Davis gleichzeitig auf die Frage, warum sie Polizisten geworden sind, obwohl niemand Polizisten mag. Und genau so sieht es wohl auch Everett, der im literarischen Raum Rassismus begegnen möchte. Everett dreht dabei den Spieß um, indem er Weiße kollektiviert und verspottet.


    Entsprechend sind Ed und Jim die normalen in diesem Roman, der durchzogen ist von unglaublich verblödeten, zutiefst rassistischen Rednecks mit abstrusen Namen. Ed und Jim bilden ein Team, weil es immer Probleme mit ihnen gab in anderen Konstellationen. Je besser man sie kennenlernt, umso klarer wird, dass es nur daran liegt, dass sie schwarz sind und alle anderen Kollegen eben nicht.


    Thema des Buchs sind - unschwer am Titel erkennbar - die Lynchmorde in den USA. Everett sucht sich als Ort der Handlung Money, Mississippi und bezieht sich auf einen historischen Fall von Lynchmord dort.

    Er umschreibt den Ort etwa so: Ein Ort der beweist, dass auch jahrhundertelange Inzucht nicht zum Aussterben führt.
    Der Rassismus in Money, Missisippi wird von ihm dabei dargestellt als eine Mischung aus tief verwurzelter Tradition und Freizeitvergnügen.


    Die Geschichte beginnt mit dem Fund der Leiche eines weißen Mann namens 'Junior Junior'(!). Neben dessen Leiche liegt aber auch noch die eines unbekannten schwarzen Mannes. Besagte Ermittler Jim und Ed vom Missisippi Bureau of Investigation werden ausgeschickt mitten unter den Rednecks den Fall zu klären. Eine besondere Rolle spielt dabei Dixie, die Kellnerin im 'Dinah'-Restaurant.


    Everett schreibt in einer einfach gehaltenen, präzisen, trockenen Sprache, durchsetzt mit bissigem Humor. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, er möchte glasklar verstanden werden, keine Fehldeutungen ermöglichen, obwohl einiges implizit erzählt wird. Die Erzählung selbst ist ein wüster Mix aus Detektivstory und Zombiehorror mit manchmal nahezu comichaft anmutenden Übertreibungen, aber immer von messerscharf treffender Intelligenz. Schriftsteller, die Everett schätzt sind u.a. Lewis Carroll und Gertrude Stein.


    Everybody talks about genocides around the world, but when the killing is slow and spread over a hundred years, no one notices. Where there are no mass graves, no one notices.


    Es ist eine große offene schwärende Wunde, die Everett hier aufzeigt, entsprechend ist der Schluss. Dennoch erzählt er mit einem lakonischen Humor, der das Buch unterhaltsam macht, ohne jemals dieses große, schwere, traurige Thema des Rassismus aus den Augen zu verlieren.


    Dr. No liegt seit Weihnachten bei mir bereit, ich freue mich schon darauf.


    Edit: Ich sehe gerade, ich bin hier in der Kategorie Hörbücher gelandet. Ich beziehe mich aber auf die deutsche Buchausgabe, nicht das Hörbuch. Wobei ich amerikanische Zitate genutzt habe, weil das Amerikanische es tatsächlich passender rüberbringt.

    Kunterbuntkirmesheiter wäre ja auch langweilig.


    In Mitchells neuem Roman wird es meines Wissens um den Tod gehen. Vinland wurde mal als Arbeitstitel genannt, also irgendwas mit Wikingern. Es wird sicher ebenfalls düster werden, aber ich bin mir auch sicher, dass er eine Art (säkularen) Leuchtturm darin unterbringen wird.

    Utopian Avenue mochte ich in dieser Hinsicht sehr.

    Ich habe gerade dieses Interview im Kontext Deiner Rezension gelesen:
    https://www.deutschlandfunkkul…limmste-habe-ich-100.html

    u.a.

    Interviewer:
    ... Man hat das Gefühl, dass Literatur Ihnen genauso viel, ja wenn nicht vielleicht sogar mehr bedeutet als das Leben. Ist das ein dummer Gedanke?

    Knausgard:
    Nein, das ist wirklich eine sinnvolle, zulässige Frage, denn darum geht es ja in dem Buch: um Leben und Literatur und das Verhältnis der beiden.
    ...
    Ich hatte am Beginn des Projektes ja tatsächlich auch einige Abschnitte über den Tod eingefügt: den Tod in unserer Gesellschaft, den Tod meines Vaters, und jetzt gegen Ende wollte ich den Faden wieder aufnehmen und dieselben Themen aus der Sicht der Literatur, der Kunst aufnehmen.
    Das würde die Bedeutung des Ganzen erhöhen. Das reichert mein eigenes Leben mit Sinn an, und das steht wohl auch wirklich im Kern dieses ganzen Buches, dass ich eben dieses Gefühl habe, mein eigenes Leben ist sinnlos. Ich habe eine Frau, ich habe Kinder, ich habe ein Haus, aber das kann doch nicht der Sinn sein, und das ist eine der sieben Arten, mit denen man dem Ganzen Sinn verleihen kann, dass man eben in der Literatur, in der Kunst rauszufinden versucht, worin der Sinn des Ganzen besteht, und ich kann das dann sehen, was ich vorher nicht gesehen habe, und das ist für mich eine unbändige Lust – nicht für die Leser, aber für mich selbst.


    Puuuh, das klingt ganz schön düster.
    Ich glaube, ich warte da lieber auf den neuen Mitchell...

    Diese Art des Lesens hat mir das Lesen für ein paar Jahre fast verleidet, und übrigens habe ich dabei herausgefunden, dass alle sowieso nur mit Wasser kochen, und sehr viele sogar mit abgestandenem.

    Das kenne ich sehr gut, mir hat es vor allem das Lesen verleidet, als ich währenddessen den Stil versucht habe zu analysieren. Heutzutage lese ich einfach die ersten Zeilen eines Romans und entscheide mich ihn zu lesen oder nicht. Dann lese ich ihn rein vordergründig. Und denke erst danach darüber nach, was ich da eigentlich gelesen habe. Oder auch nicht.


    In diesem Fall war es mir ein Bedürfnis, dem ich nicht ausweichen konnte. Das hat viel mit der Machtlosigkeit zu tun, die ich gegenüber den aktuellen Entwicklungen drüben empfinde, und auch hier bei uns, die wir dieser Entwicklung hinterherlaufen. Entwicklungen, die wiederum sehr viel damit zu tun haben, dass Menschen den Subtext nicht lesen - den Subtext in der politischen Werbung. Die Formulierungen, die notwendig sind, um Verbrechen gegen die Menschheit zu maskieren.
    Solche Worte findet man ja bereits in Literaturforen, in denen ich manchmal - wenn ich 'ne kurze mentale Pause brauche - reinlinse (ich habe mich dann dort angemeldet, um auch etwas dazu zu schreiben, der Thread wurde aber kurz vor Abschicken geschlossen. Es ging dann nur an den Vorstand...)

    In diesem Fall war es für mich also vor allem eine Ersatzhandlung anhand der Ohnmächtigkeit, die ich den aktuellen Entwicklungen der Welt gegenüber verspüre. Eine winzige Stelle in der Welt, an der ich Reaktionäres aufdecken kann - wenn auch bedeutungslos.


    Ich lese dieser Tage viel auf Fox News mit, studiere die Propaganda dort und die der US-Regierung, die natürlich immer das in den Vordergrund stellt, was die größte Lüge ist. Denn so funktioniert Werbung meist, sie sucht ihre eigene Achillesferse und behauptet das Gegenteil.


    Wenn ich gläubig wäre, wüsste ich, dass Gott selbst gerade subtextet, um uns zu zeigen, dass wir auf den Straßen das Gute und das Schöne erschießen.
    Aber das ist auch ohne Subtext offensichtlich. Würde man denken...


    Ich weiß leider nur, wie man diesen Subtext in diesem Roman an die Oberfläche zerrt.


    (Und Rätsel mag ich. Das weiß niemand besser als Du... ;))

    Weiteres...


    Theos Vater und die Bombe im Museum:


    Das Bekenntnis eines Nihilisten (aber auch eines Christen):

    Und wie sieht Tartt unsere moderne Welt?


    Was schlägt Tartt vor?


    Was verspricht sie uns?

    Und einen letzten Beitrag, um einen Abschluss zu finden. Ich ärgere mich zu sehr über Donna Tartt...

    Die Stelle in der Horst über den Distelfink redet. Tartt lässt damit Nietzsche selbst zu Wort kommen und sein eigenes Wirken auf die Naivität eines 12-jährigen reduzieren. Tartt entwirft das Doppelbild eines 12-Jährigen und eines verkommenen Drogendealers. Die Stelle beginnt etwa mit:
    Aber Fabritius... er macht sich einen Witz mit dem Genre...
    und geht bis
    "Dicht. Genau. Das ist das Wort. Und der Hintergrund - sehr viel weniger gelb als in meiner Kindheit. Das Bild ist gereinigt worden - ich glaube, Anfang der Neunziger. Nach der Konservierung ist es heller."
    und noch ein bisschen darüber hinaus.
    (Nietzsche entdeckte Dostojewskis Werk - das er schätzte - erst 1887, es hat sein Spätwerk 'in den Neunzigern' beeinflusst...)


    Ein rothaariges Mädchen, das ich gut kenne, war in seiner Jugend ein Jahr in den USA. Dort wurde es zurechtgewiesen von einer Frau der Austauschorganisation, weil es sich angefreundet hatte mit einem Mädchen in der Schule, das eine gefärbte Haarsträhne hatte - laut dieser Frau eine Punkerin.
    In dem Gespräch wurde dem rothaarigen Mädchen vermittelt, diese Punkerin würde an satanischen Messen teilnehmen, bei denen Babys geopfert und gegessen werden würden. Alle Punker wären so.


    Donna Tartt ist diese Frau. Sie verpackt es nur sehr viel besser.


    Vor dem Lesen dieses Romans schrieb ich:

    Tom mit diesem auf eigenwillige Weise schönem, rothaarigen Mädchen bin ich verheiratet ...

    und habe damit scheinbar zufällig diesen Roman schon vorab widerlegt.
    Aber das ist kein Zufall, denn das Leben - die Realität - widerlegt diesen Roman. In jeder Hinsicht...

    Ok eine Stelle noch: Juri, der Boris und Theo durch die Gegend fährt:

    "Bis dann, Wadim. Halte mir das Tor auf, Bruder. Halte mir einen Platz frei da oben, wo Du bist. Nur, Gott..."

    Bitte, dachte ich und bemühte mich, gefasst auszusehen, während ich Poptschik auf den Schoß nahm und festhielt, verdammte Scheiße, bitte schau auf die Straße.

    "... Fjodor, bitte hilf mir, ich habe zwei große Fragen wegen Gott. Du bist College-Professor" - (was?) - "und kannst mir vielleicht beantworten. Erste Frage", er sah mich im Rückspiegel an und hielt den ausgestreckten Finger hoch, "hat Gott Humor? Zweite Frage: Hat Gott grausamen Humor? Zum Beispiel: Spielt Gott mit uns, quält uns für Seine eigene Unterhaltung, wie bösartiges Kind mit Garteninsekt?"

    "Das ist nicht der richtige Mann für diese Fragen." Boris bot mir eine Zigarette an und reichte dann Juri eine.

    "Gott hat Theo reichlich gequält. Wenn Leiden adelt, dann ist er ein Fürst..."


    Ich erwäge da mal weiterzulesen...

    Ich habe das gestern ja ganz grob rausgehauen, das Buch hallt bei mir noch nach.
    Hier ein paar passende Romanstellen dazu und etwas weiterer Nachhall:

    Auch wenn ich den Roman als metaphysisch reaktionär empfinde, er ist so verdammt gut geschrieben, dass ich ihn mir gerne zurechtbiegen möchte. Irgendetwas in die Richtung, es ist nicht katholisches Christentum gemeint, sondern eine andere Art von Transzendenz, wie sie z.B. Mitchell meiner Lesart nach ganz ohne Religion findet. Oder meinetwegen als - durchaus berechtigte - Kritik an die Oberflächlichkeit unserer heutigen Gesellschaft.
    Aber gleichzeitig täte ich Tartt damit unrecht, sie meint es schon so, wie sie schreibt.


    So oder so: Ein fantastisch gut geschriebener Roman.

    Ah, noch eine Ergänzung:

    Tom danke für die beiden Anstupser, die machen alles viel klarer.

    Stimmt, Juri steht für den Existentialismus, Horst für den deutschen Nihilismus, Boris den russischen, Shirley Temple: Akzeptiere das Absurde (da sind wir bei Camus, vermute ich?). Das bisschen Stammtisch-Philosophie von mir reicht bei weitem nicht, um einordnen zu können, was Tartt hier alles reinbringt.
    Die Szene zB in der Juri und Shirley Temple das Geld teilen sollen. Ist das nur das Paradox das ein Existentialist mit dem Absurden die Beute teilen soll und das Absurde kann natürlich nichts Materielles annehmen oder steckt mehr dahinter?


    Aber vor allem das Gesamte wird mir jetzt klar:

    Jo, Guardian, ein Text ohne Subtext. Überhaupt, was für ein Unsinn in den Feuilletons immer so drinsteht...


    Aber ja, was für eine großartige künstlerische Leistung. Die ich nur leider als reaktionär empfinde.

    Edit:
    Harstad und Mitchell zB sind bereits die Kunst, die Nietzsche sich erhofft.

    Edit2:
    Nationalismus durch Nihilismus ersetzt... (Ich sollte nicht mit Smartphone schreiben...)

    Edit: Dass allerdings gerade der Distelfink für viele Christen ein besonders symbolischer Vogel ist, war mir vor der Lektüre klar und bekannt.

    Ah, das wusste ich jetzt wieder nicht.
    (Und meine Nietzsche-Kenntnisse sind auch nur 'Hören-Sagen', aber diese äußerst deprimierende Welt, die Tartt da auf die Bühne wirft, die musste eine Herkunft haben... Und die zitiert sie ja selbst.)

    Ich bin mittlerweile ganz durch, die letzten 20% wurden dann wirklich zum Pageturner, das ging dann schnell voran.

    Tom , Du findest mich zwiegespalten.

    Einerseits schreibt Donna Tartt einfach unglaublich gut, es ist alleine in dieser Hinsicht ein Genuß diesen Roman zu lesen.

    Und ja, es finden sich ähnliche Themen wie bei Mitchell wieder.

    Sie ist dabei aber viel klassischer unterwegs als Mitchell und es klingt für mich bei Tartt im Subtext - es mag ein Vorurteil von mir sein, weil ich weiß, dass sie römisch-katholisch ist - ein katholischer Unterton mit an, den ich nicht mag.



    Das klingt jetzt so, als hätte ich den Roman nicht gerne gelesen. Im Gegenteil, es ist ein großartiger Roman, Tartt eine großartige Schriftstellerin und sie lässt genug Raum für unterschiedliche Deutungen.

    Mitchell ist mir nur mit der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen viel näher.

    So viel als erster Eindruck...

    Ich bin noch nicht durch, bin gerade bei dieser wunderbaren Szene in der Pippa und Theo zusammen den Glenn Gould-Film schauen und anschließend in einer Weinbar sitzen.

    Aber trotzdem mal zwischendurch, weil ich mich so amüsiert habe:
    Es gibt im Guardian einen Verriss vom Distelfink, Untertitel:
    Donna Tartt's overlong and tediously Potteresque adventure leaves Julie Myerson baffled and disenchanted
    in diesem Verriss geht es u.a. um den fehlenden Subtext:
    Nothing wrong, I suppose, with a Harry Potter homage, but it's hard for an adult reader to be gripped by a tale with no real subtext and peopled entirely by Goodies and Baddies.
    ...
    And when she describes the eerie life of inanimate objects, the way that antique furniture, nurtured and respected down the centuries, can acquire an almost talismanic power, then I believe her absolutely. Here at last her prose comes alive.
    (https://www.theguardian.com/bo…dfinch-donna-tartt-review)

    Es ist natürlich immer gefährlich zu behaupten, ein Text besitze keinen Subtext, dabei scheint sie ihn ja gleichzeitig geradezu gespürt zu haben.

    Ich habe mal einen guten Freund - Autor/Zeichner - gefragt, was es für ihn ist, dieser geheimnisvolle Subtext, den Kunst auszumachen scheint. Die Metapher, die er wählte, war ein Stück Holz mit verschiedenen Lasuren. Eine Maserung unter den Lasuren, die je nach Blickwinkel und Lichteinfall unterschiedlich aussieht eine unterschiedliche Bedeutung hervorhebt, angelegt im Kontext der Lasuren vom Künstler.
    Tartt verwendet ebenfalls diese Metapher.
    U.a. anhand von Hobies und Theos Antiquitäten-Tätigkeiten diskutiert Tartt nicht nur was Kunst ist (und wie sie abgegrenzt wird von Handwerk), sondern auch den Umgang mit Kunst, den Einfluss von Kunst auf uns und ihre Rezeption. Ein Aspekt dieses Subtexts ist dabei, dass Tartt die Rezension im Guardian vorweg nimmt:
    Hobies Tätigkeit, wenn er Antiquitäten 'fälscht', ist die eines Künstlers. Anders als Chippendale, der ein meisterhafter Handwerker war, muss er - obiger Metapher folgend - den passenden Subtext finden und einbringen. In seinen 'Fälschungen' greift er zusätzlich unterschiedliche Inspirationen auf, kombiniert was er findet, so wie ein Künstler seine Inspirationen von anderen Künstlern zieht, und bringt diese zusammen, als würden sie zusammengehören. Die von Hobie erstellten 'Fälschungen' sind - dem Subtext folgend - die eigentliche Kunst, die authentischen Antiquitäten hingegen im besten Fall das Ergebnis von meisterhaftem Handwerk oder ggfls auch einfach nur alter Plunder.
    Tartt selbst referenziert dabei z.B. sowohl JK Rowlings Harry Potter in Theos Spitznamen, wie auch die Kunst niederländischer Meistermaler in seinem Namen. 'Der Distelfink' ist wie einer dieser 'Fälschungen'.

    Hobies Beziehung zu Theo, Pippa, Mrs DeFrees zeigt die Rolle von Kunst in unserer Welt in unterschiedlichen Beziehungen. Hobie ist dabei der Stützpfeiler, derjenige der der Welt ihren Halt gibt.


    Aufgedeckt wird eine dieser 'Fälschungen' durch Lucius Reeves. Lucius in Anlehnung an Lucius Malfoy, einem Todesser aus Harry Potter. Reeve stammt aus dem normannisch geprägten England, ein Vertreter des Earl, Ankläger und Richter in einem.

    Lucius Reeves also, dem Subtext folgend ein Kunstkritiker, der Kunst als Fälschung entlarvt obwohl sie Kunst ist. Jemand der Kunst anhand der Oberfläche beurteilt, weil er den Subtext nicht sehen kann. :)

    Tom Ja, das sind seltsame Tage zwischen den Jahren und ich habe auch den Eindruck, dass die Zeit anders tickt in diesen Tagen. Ich liebe das! Es fällt mir zwischen den Tagen viel leichter mal Sachen liegen zu lassen und stattdessen anderes zu machen, wie z.B. mal ein bisschen über Harstad nachzudenken und was dazu zu schreiben.
    Es ist nicht so, dass ich auf einer anderen Etage unterwegs bin, wenn ich lese. Ich lese typischerweise nur die vordergründige Geschichte. Aber bei bestimmten Büchern - dieses ist eines davon - hallt es eine Zeit lang nach und es kommen neue Gedanken dazu. Du weißt, was ich meine. Und Du baust ja selbst diese Etagen in Deine Romane ein...
    Es ist jetzt bereits ein paar Monate her, dass ich Buzz Aldrin gelesen habe, und ich habe lange gewartet überhaupt etwas dazu zu schreiben, weil immer wieder Gedanken dazu kamen. Und da gibt es sicherlich noch viel mehr und ich bin eigentlich mittlerweile zu weit weg vom Text. Beim nachträglichen Denken wird's ja immer mehr zu einem Modell und gehen Einzelheiten verloren. Eigentlich müsste ich ihn auch noch mal lesen, aber es gibt ja noch besagten Glücklichmachziegel.
    Ich frage mich immer, wie viel dieser Tiefenstruktur beim Leser tatsächlich ankommt. Bei mir ist es ein unbewusster Prozess, der schließlich an die Oberfläche kommt. Ein Text, der rein vordergründig arbeitet, scheint mir in gewisser Weise effektiver vorgehen zu können, er muss nicht auf diese tiefe Stimmigkeit achten, kann vordergründig plakativ gestalten. Wie stark wirkt diese Tiefenstruktur unbewusst? Empfindet man als Leser das Buch als besser oder belastet diese zusätzliche Tiefe den Text auch? Vermutlich kommt es wie immer auf die Balance an... Und auf das Publikum...


    Danke Dir für Deine vielen und vielsagenden Rezensionen, die mir ermöglichen Perlen wie diese rauszupicken!:)

    Wenn ein Roman nur noch gebraucht und zu 'Mond'preisen zu bekommen ist, Buzz Aldrin im Titel enthält und von Tom empfohlen wurde, sind meine Erwartungen groß. Von Harstad hatte ich noch nichts gelesen, ehrlich gesagt sogar nie von ihm gehört. Was schade ist, denn dieser wunderbare Roman hätte wirklich viele Leser verdient. Nein, es ist eher andersherum, uns allen würde ich viele Leser dieses Romans wünschen.

    Für eine Rezension ist man weiter oben bei Tom und Voltaire besser aufgehoben, hier ein paar Gedanken zum Roman...

    Im Mittelpunkt steht - als Ich-Erzähler - Mattias. Er glaubt zum Zeitpunkt geboren zu sein, in dem Buzz Aldrin den Mond betreten hat und heroisiert diesen - und damit vor allem sich selbst - als jemanden, der im Schatten agiert und anderen den Erfolg ermöglicht. Er sieht in Buzz Aldrin das unsichtbare Rädchen, das die ganze Welt trägt und anderen ermöglicht im Licht zu stehen. Der eigentliche Held hinter dem für alle sichtbaren Helden:

    “It takes vast willpower, luck, and skill to be the first. But it takes a gigantic heart to be number two.”


    Das ist von Mattias natürlich ganz schön zurecht gebogen und um die Ecke gedacht, aber diese Heroisierung dient Mattias als Begründung seine Komfortzone nie verlassen zu müssen und sich dabei auch noch auf die Schulter zu klopfen.


    Aber beginnen wir vorne, bei diesem grandiosen Satz, der mich nicht nur durch den ganzen Roman begleiten sollte, sondern mich von Anfang an so fasziniert hat, dass ich ihn wahrscheinlich nicht mehr vergessen werde:

    The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks. (gelesen habe ich niederländisch, deutsch ist schwer zu bekommen, deswegen hier mal englisch...)

    Harstad nutzt in diesem Roman eine Erzählstimme, die ich so noch nie gelesen habe: Mattias Erzählstimme kommt mir vor wie die eines unzuverlässigen Analytikers. Wir sehen nicht durch Mattias Augen, wir sehen die Welt vor allem durch seine Analysen. Mattias scheint dabei sehr genau und durchaus emotional und empathisch zu beobachten, und wir bekommen eine nach der anderen der aus seinen Beobachtungen abgeleiteten Schlüsse präsentiert, häufig verpackt in einer Art stream of consciousness, langen atemlosen Kommasätzen, ein bisschen so wie dieser hier, aber jederzeit gut lesbar, mit gut nachvollziehbaren Gedanken, auch wenn sie einem immer mal wieder schräg vorkommen, sie sind interessant, faszinierend, zuweilen auch poetisch, aber sie können auch ganz schön daneben liegen, man möchte Mattias dann am liebsten mal ordentlich durchschütteln. Für ihn aber bilden diese Beobachtungen und Analysen das Skelett seiner Lebensweise. Oder eher der Astronauten-Schutzanzug.


    Mich fasziniert dabei, wie Harstad es schafft, diese Lebensweise von Mattias auf seine Leser zu übertragen, sie quasi zu einer Selbstverständlichkeit zu machen, so dass die Rechtfertigung von Mattias Komfortzonen-Lebensweise mittels Buzz Aldrin zunächst sogar eine moralisch scheinbar tragfähige Note bekommt. Dabei ist die verquere Logik von Mattias bereits in diesem ersten Satz enthalten:

    The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks.

    Klar, Lebewesen bestehen vor allem aus Wasser und Wasser ist lebensnotwendig, wissen wir alle. Und ja, Liebe ist auch lebensnotwendig, genauso wie Regen. Aber es gibt schon gute Gründe, dass Regen typischerweise nicht die erste Assoziation ist, die man mit Liebe verbindet. Und auch nicht die zweite, um im Bild von Buzz Aldrin zu bleiben...

    Trotzdem, die Kodierung für Liebe ist gesetzt und wir lesen ein paar Zeilen später wie ein einziger Tropfen, den Mattias von ganz weit oben auf sich herabfallen sieht, mitten auf seine Stirn fällt. Und ahnen, dass es sich um eine Art Echo aus der Zukunft handelt.


    Nach einer kurzen Episode in der Gegenwart, in der wir mit Mattias Gedankenwelt vertraut gemacht werden, wird die eigentliche Ausgangslage dieser Geschichte durch eine Rückblende erzählt. Und je nachdem, ob man Mattias Analysen folgt oder seine eigenen Schlüsse zieht, entsteht ein vollkommen anderes Bild. Auf diese Weise macht Harstad aus einer simplen Geschichte eine ganz neue, gibt ihr eine völlig andere Dimension.
    Ich empfehle folgenden Spoiler erst aufzuklappen, wenn man nach dem Lesen des Romans ggfls nochmal tiefer einsteigen möchte.



    Aber der Schwerpunkt dieses Romans - und das macht ihn so herausragend - ist keine Gesellschaftskritik, sondern die Konstruktion - und hier beginnt dann der eigentliche Roman - der Alternative dazu.


    Harstad hat hier - zumindest zunächst - die eigentlichen 'Buzz Aldrins' der Gesellschaft im Sinne: Es sind Menschen die unsichtbar sein wollen, nicht weil das ihr Wunsch ist, sondern weil sie zu stark von der gesellschaftlichen Norm abweichen, um sich in Gesellschaft wohl zu fühlen. Z.B. Menschen, die sich in einer Gruppe einsamer fühlen, weil die Gruppe lediglich das Gefühl verstärkt, nicht dazu zu gehören. Oder Menschen, die tatsächlich Angst vor sozialer Interaktion haben. Oder Menschen mit Trauma-Erfahrungen. Menschen die Schwierigkeiten haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

    Um es in der Sprache des ersten Satzes dieses Romans zu sagen: Menschen, für die Liebe wie Regen ist, lebensnotwendig, aber die Exposition ist unangenehm. Und die selbst auch nicht in der Lage sind, es 'regnen' zu lassen. Zumindest im Fall von Mattias.


    Und so landet Mattias dank Jørn, dessen Buzz Aldrin-Rolle in dieser Geschichte tatsächlich so undankbar ist, wie die von Mattias für sich beanspruchte, auf den Färoer-Inseln, dem eigentlichen Mond in dieser Geschichte. Nur sozusagen ohne Schutzanzug. Und wir erleben wie der Regen ihn im Nacken trifft, wie er von seinen Haaren tropft, von ihm abperlt, zu Boden fällt und wegfließt. Und wir ahnen, dass das Echo der ersten Seiten, der Tropfen, der von weit her mitten auf seiner Stirn landen wird, im Anflug ist...


    Tom  
    Ja, das ist tatsächlich ein Buch wie ein guter Freund. Vielen Dank für diese wunderbare Empfehlung!

    Mir kommt "Yellowface" eher wie eine Sammlung von (teilweise widersprüchlichen) Argumenten vor als eine schlüssige, gar eindeutige Stellungnahme, und gerade das hat mir gut gefallen.

    Du beantwortest meine Frage besser als ich sie gestellt habe :)
    Aber ja, genau das war mir letzten Endes nach Lesen Deiner Rezension unklar...

    Ich stecke gerade mitten in Tartts Distelfink, nehme mir vor die Tage auch etwas über Harstads lang nachhallenden Buzz Aldrin... zu schreiben und Deine Einschätzung hier lässt mich erwägen auch Yellowface zu lesen.

    Aber...

    Verstehe ich Dich richtig, dass es in diesem Roman um eine Gesellschaftskritik geht, die die rasante Entwicklung von eigentlich guten Ideen und einer ethisch motivierten Praxis (Sichtbarkeit, Respekt, Fairness) zu einer sich selbst referenzierenden Moraltechnik entwickelt hat, die ihre eigene Richtigkeit aus der Verwendung des "richtigen" Codes bezieht und sich dadurch der kritischen Selbstprüfung entzieht?
    Also der Übergang von ethischen Anliegen in institutionelle und soziale Codes, die dann nicht mehr nach Wirkung, sondern nach formeller Richtigkeit bewertet werden und wie sich Akteur*innen moralisch absichern, indem sie den richtigen Duktus sprechen, unabhängig von Integrität oder Kontext.

    Das erkenne ich zwar seit Jahren genau so in der Gesellschaft wieder und finde es auch bedenklich, aber insbesondere in den aktuellen Auswirkungen, dass dies als Begründung der Gegenrichtung verwendet wird, um damit genau das Gegenteil von Sichtbarkeit, Respekt und Fairness zu legitimieren.

    Ist dieser Roman in dieser Hinsicht - die Themen sind natürlich zeitlos, die Codes hingegen nicht - bereits von der Realität überholt oder lohnt er sich dennoch?