Wenn ein Roman nur noch gebraucht und zu 'Mond'preisen zu bekommen ist, Buzz Aldrin im Titel enthält und von Tom
empfohlen wurde, sind meine Erwartungen groß. Von Harstad hatte ich noch nichts gelesen, ehrlich gesagt sogar nie von ihm gehört. Was schade ist, denn dieser wunderbare Roman hätte wirklich viele Leser verdient. Nein, es ist eher andersherum, uns allen würde ich viele Leser dieses Romans wünschen.
Für eine Rezension ist man weiter oben bei Tom und Voltaire besser aufgehoben, hier ein paar Gedanken zum Roman...
Im Mittelpunkt steht - als Ich-Erzähler - Mattias. Er glaubt zum Zeitpunkt geboren zu sein, in dem Buzz Aldrin den Mond betreten hat und heroisiert diesen - und damit vor allem sich selbst - als jemanden, der im Schatten agiert und anderen den Erfolg ermöglicht. Er sieht in Buzz Aldrin das unsichtbare Rädchen, das die ganze Welt trägt und anderen ermöglicht im Licht zu stehen. Der eigentliche Held hinter dem für alle sichtbaren Helden:
“It takes vast willpower, luck, and skill to be the first. But it takes a gigantic heart to be number two.”
Das ist von Mattias natürlich ganz schön zurecht gebogen und um die Ecke gedacht, aber diese Heroisierung dient Mattias als Begründung seine Komfortzone nie verlassen zu müssen und sich dabei auch noch auf die Schulter zu klopfen.
Aber beginnen wir vorne, bei diesem grandiosen Satz, der mich nicht nur durch den ganzen Roman begleiten sollte, sondern mich von Anfang an so fasziniert hat, dass ich ihn wahrscheinlich nicht mehr vergessen werde:
The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks. (gelesen habe ich niederländisch, deutsch ist schwer zu bekommen, deswegen hier mal englisch...)
Harstad nutzt in diesem Roman eine Erzählstimme, die ich so noch nie gelesen habe: Mattias Erzählstimme kommt mir vor wie die eines unzuverlässigen Analytikers. Wir sehen nicht durch Mattias Augen, wir sehen die Welt vor allem durch seine Analysen. Mattias scheint dabei sehr genau und durchaus emotional und empathisch zu beobachten, und wir bekommen eine nach der anderen der aus seinen Beobachtungen abgeleiteten Schlüsse präsentiert, häufig verpackt in einer Art stream of consciousness, langen atemlosen Kommasätzen, ein bisschen so wie dieser hier, aber jederzeit gut lesbar, mit gut nachvollziehbaren Gedanken, auch wenn sie einem immer mal wieder schräg vorkommen, sie sind interessant, faszinierend, zuweilen auch poetisch, aber sie können auch ganz schön daneben liegen, man möchte Mattias dann am liebsten mal ordentlich durchschütteln. Für ihn aber bilden diese Beobachtungen und Analysen das Skelett seiner Lebensweise. Oder eher der Astronauten-Schutzanzug.
Mich fasziniert dabei, wie Harstad es schafft, diese Lebensweise von Mattias auf seine Leser zu übertragen, sie quasi zu einer Selbstverständlichkeit zu machen, so dass die Rechtfertigung von Mattias Komfortzonen-Lebensweise mittels Buzz Aldrin zunächst sogar eine moralisch scheinbar tragfähige Note bekommt. Dabei ist die verquere Logik von Mattias bereits in diesem ersten Satz enthalten:
The person you love is 72.8% water, and it hasn't rained for weeks.
Klar, Lebewesen bestehen vor allem aus Wasser und Wasser ist lebensnotwendig, wissen wir alle. Und ja, Liebe ist auch lebensnotwendig, genauso wie Regen. Aber es gibt schon gute Gründe, dass Regen typischerweise nicht die erste Assoziation ist, die man mit Liebe verbindet. Und auch nicht die zweite, um im Bild von Buzz Aldrin zu bleiben...
Trotzdem, die Kodierung für Liebe ist gesetzt und wir lesen ein paar Zeilen später wie ein einziger Tropfen, den Mattias von ganz weit oben auf sich herabfallen sieht, mitten auf seine Stirn fällt. Und ahnen, dass es sich um eine Art Echo aus der Zukunft handelt.
Nach einer kurzen Episode in der Gegenwart, in der wir mit Mattias Gedankenwelt vertraut gemacht werden, wird die eigentliche Ausgangslage dieser Geschichte durch eine Rückblende erzählt. Und je nachdem, ob man Mattias Analysen folgt oder seine eigenen Schlüsse zieht, entsteht ein vollkommen anderes Bild. Auf diese Weise macht Harstad aus einer simplen Geschichte eine ganz neue, gibt ihr eine völlig andere Dimension.
Ich empfehle folgenden Spoiler erst aufzuklappen, wenn man nach dem Lesen des Romans ggfls nochmal tiefer einsteigen möchte.
Diese in der Rückblende erzählte Ausgangslage steht im krassen Gegensatz zur Analyse die uns Mattias in seiner Erzählstimme so glaubhaft versucht auf die Nase zu binden. Der in der Rückblende erzählte Plot ist der traditionelle des 'american way of life': Mattias - verkleidet als Buzz Aldrin - findet sich dabei - Alkohol ist mit im Spiel - in der klassischen Heldenrolle, im Kontext hier also die von ihm so abgelehnte Neil-Armstrong-Rolle: Er betritt in einem Astronautenanzug die Bühne - ein Ort, der für ihn so unwahrscheinlich ist, wie der Mond - und verlässt sie wieder als von allen gefeierter Sänger. Wie im traditionellen Plot des 'american dream' üblich, kommt mit diesem Erfolg auch alles andere: Als Belohnung bekommt er seine große Liebe, die zauberhafte Helle, an seine Seite. Wie bei Armstrongs Mondlandung ist es aber ein singuläres Ereignis, ein einmaliges Betreten des Mondes, von dem Mattias die nächsten 13 Jahre zehren wird. Auch Helles Name - eine estnische Variante von Helena verbunden mit der Bedeutung weich/zart - ist ambivalent. Bei dem amerikanischen Bezug hier - es laufen auf dieser Verkleidungsparty allerhand Kinohelden des amerikanischen Films herum - findet man in Helles Namen auf amerikanisch auch das wieder, was Harstad tatsächlich von diesem Lebensentwurf hält. Sowohl von den Heldengeschichten des 'american dream', wie auch von Mattias angebliche 'Buzz Aldrin'-Variante.
Und es wird auch deutlich, dass es Helle ist, die hier in gewisser Weise die von Mattias für sich beanspruchte 'Buzz Aldrin'-Heldenrolle im Hintergrund innehat. Sie ist in dieser Geschichte nicht nur tatsächlich quasi unsichtbar, sondern ihre Beziehung beginnt auch mit einem Schneeball - gefrorenem Regen - den Mattias auf ihren Wunsch über das Dach der Schule wirft. Helle gibt ihm daraufhin einen Kuss.
Nachdem Helle Mattias verlassen hat, wird deutlich, dass auch Jørn - im Gegensatz zu Mattias - die unsichtbare, heldenhafte Rolle des Buzz Aldrin hat. Jørn - selbst Sänger einer Band - möchte Mattias wieder auf die Bühne bringen, indem er ihm auf der Tour mit seiner Band den Vortritt überlässt, er überredet Mattias mit auf ihrer Tour zu den Färoerinseln zu kommen, auch wenn Mattias nicht singen möchte.
Es hat eine Zeit gedauert - lange nachdem ich den Roman beendet hatte - bis ich Mattias in dieser Rückblende tatsächlich als den gesehen habe, wie Harstad es nahelegt: Ein Mensch wie in einem Raumanzug, der seine Umgebung nur durch ein Visier sieht, ständig analyierend wie gefährlich es sein könnte, den Helm abzunehmen. Er ist in diesem Sinn die Umkehrung von Armstrong, der für wenige Stunden den Anzug getragen hat und den dieser kurze Moment berühmt gemacht hat. Mattias machte das kurze Abnehmen des Helms - wenn auch nur unter Alkoholeinwirkung - immerhin so 'sichtbar', dass er Helle und Jørn lange an sich binden konnte. Für 'Regen' zu sorgen, war danach die Zuständigkeit der anderen, der unsichtbaren Buzz Aldrins die ihn tragen mussten.
Aber der Schwerpunkt dieses Romans - und das macht ihn so herausragend - ist keine Gesellschaftskritik, sondern die Konstruktion - und hier beginnt dann der eigentliche Roman - der Alternative dazu.
Harstad hat hier - zumindest zunächst - die eigentlichen 'Buzz Aldrins' der Gesellschaft im Sinne: Es sind Menschen die unsichtbar sein wollen, nicht weil das ihr Wunsch ist, sondern weil sie zu stark von der gesellschaftlichen Norm abweichen, um sich in Gesellschaft wohl zu fühlen. Z.B. Menschen, die sich in einer Gruppe einsamer fühlen, weil die Gruppe lediglich das Gefühl verstärkt, nicht dazu zu gehören. Oder Menschen, die tatsächlich Angst vor sozialer Interaktion haben. Oder Menschen mit Trauma-Erfahrungen. Menschen die Schwierigkeiten haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Um es in der Sprache des ersten Satzes dieses Romans zu sagen: Menschen, für die Liebe wie Regen ist, lebensnotwendig, aber die Exposition ist unangenehm. Und die selbst auch nicht in der Lage sind, es 'regnen' zu lassen. Zumindest im Fall von Mattias.
Und so landet Mattias dank Jørn, dessen Buzz Aldrin-Rolle in dieser Geschichte tatsächlich so undankbar ist, wie die von Mattias für sich beanspruchte, auf den Färoer-Inseln, dem eigentlichen Mond in dieser Geschichte. Nur sozusagen ohne Schutzanzug. Und wir erleben wie der Regen ihn im Nacken trifft, wie er von seinen Haaren tropft, von ihm abperlt, zu Boden fällt und wegfließt. Und wir ahnen, dass das Echo der ersten Seiten, der Tropfen, der von weit her mitten auf seiner Stirn landen wird, im Anflug ist...
Tom
Ja, das ist tatsächlich ein Buch wie ein guter Freund. Vielen Dank für diese wunderbare Empfehlung!