Beiträge von Buecherturm

    Peggy Guggenheim, eine Frau, die Geschichte geschrieben hat


    Im Allgemeinen bin ich nicht für Biographien zu haben. Aber bei Peggy Guggenheim und der Buchautorin mache ich gerne eine Ausnahme. Der nüchterne, klare Stil ist passend zum Sachbuch und zum Thema. Sie scheut sich nicht, den Finger tief in die Wunde zu drücken und den Antisemitismus in den Vereinigten Staaten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts offen zu legen. Mit anderen Worten, der Antisemitismus ist nicht eine deutsche Erfindung.

    Mona Horncastle romantisiert und beschönigt nichts. Peggy Guggenheim polarisiert. Für die einen ist sie die große Mäzenin, die die moderne Kunst im 20. Jahrhundert gefördert hat, hat vielen Künstlern zum Durchbruch verholfen, hat sie gefördert, hat sie aus Deutschland und Frankreich zur Zeit des Nazi-Terrors herausgeholt, hat ihre “entartete” Kunst durch die Wirren des Krieges gerettet und mit Ausstellungen, Retrospektiven, Gründung von Museen und Sammlungen die Kunst gerettet. Für die anderen ist sie nur ein Vamp, eine Frau mit zu vielen Liebschaften, eine schlechte Mutter, schlechte Ehefrau, usw. Das sind aber nur die, die einer Frau ein eigenes Leben aberkennen, sie auf die Rolle des Heimchens am Herd und der Mutter reduzieren wollen. Aber das wollte Peggy Guggenheim nie. Als junge Frau weigert sie sich, einen der “begehrenswerten jungen Männern aus jüdischen Kreisen” (S. 34) zu heiraten.

    Nach dem Ersten Weltkrieg reist Peggy nach Europa, verbringt viel Zeit in Paris, lernt die jungen angesagten Künstler kennen und beginnt damit ihre Karriere als Mäzenin. Das Buch verfolgt akribisch ihr Leben, ohne voyeuristisch zu wirken. Zahlreiche Bilder zeigen Peggy auf ihren Stationen im Leben.

    Mona Horncastle hat bewusst einige Themen aus Peggy Guggenheims Leben ausgelassen, so z.B. ihr Liebesleben, denn das “gehört in den Boulevard”. (S. 194)

    Sie stellt auch die Frage, wenn Peggy Guggenheim ein Mann gewesen wäre, wie er dann beurteilt worden wäre? Niemand hätte ihn nach Ehefrauen, Kindern, Geliebten oder Aussehen gefragt. Man hätte sich nur für seine Sammlungen und Kollektionen, für sein Lebenswerk interessiert. “Das steht auch Peggy Guggenheim zu”. (s. 194)

    Von Menschen und Elefanten


    Noch während der Scholz-Regierung hatte die Bundesregierung beschlossen, die Einfuhr von Jagdtrophäen und Elfenbein zu beschränken, beziehungsweise zu erschweren. Dieses Gesetz wurde zwar von den Grünen sehr begrüßt, stieß aber auf wenig Gegenliebe bei den afrikanischen Ländern. Der Präsident Botswanas bot an, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu senden. Aus dieser kleinen Randnotiz hat Gaea Schoeters einen herrlichen Roman gemacht!

    Allein schon der Gedanke von 20.000 Exemplare einer invasiven Art in Berlin lässt allen Nicht-Berlinern das Herz höher schlagen. Aber im Buch taucht auch der Gedanke der Umverteilung auf, und sofort sind Baden-Württemberg und Bayern auf den Barrikaden und verweigern den Elefanten den Zutritt. Spannend (oder eigentlich nicht) war auch die Haltung der Parteien zu beobachten. Anfangs waren die Grünen voll dafür und verteidigten die Rechte der Elefanten, nahm die Zustimmung ab, in den Maßen in denen die Elefanten immer lästiger wurden. Die AfD blieb ihren Leitsätzen treu. In diversen hetzerischen Artikeln ziehen sie über die afrikanischen Elefanten her, die den Deutschen Lebensraum wegnehmen, die deutschen Äcker, den deutschen Wald, die deutschen Flüsse, die deutschen Vorgärten betreten und vor allem DEUTSCHE Autos zerstören. (Der ahnungslose Deutsche rast halt mit seinem deutschen Wagen auf einer deutschen Autobahn in eine Elefantenkuh die die Fahrbahn überqueren wollte) Aber außer den hetzerischen Artikeln und Reden trägt die AfD mit keinem Jota oder Gedanken zur Problemlösung bei. Es geht um den “totalen” Wahlkampf. Denn natürlich stehen Wahlen bevor. Und pünktlich zur Wahl gelingt das Wunder: die Bundesregierung findet einen Abnehmer in Afrika für alle Elefanten.

    Die Probleme, die während des Aufenthaltes der Elefanten in Deutschland entstehen, wie z.B. das Futter für die Elefanten, tausende von Tonnen Dung, die täglich anfallen, durchwühlte Äcker, usw., werden auch angesprochen, mehr oder weniger elegante Lösungen, sogar Export von Dünger, gefunden. Aber der Abtransport nach Afrika löst alle Probleme, die bestehende Regierung gewinnt knapp die Wahlen, zweitstärkste Kraft ist die AfD, Und die kleine Notiz in der Zeitung auf eine der hinteren Seiten geht unter, in der Euphorie der Wahlen.

    Satire in Reinstform, ich habe jede Seite einzeln genossen, wohlwissend, dass 20.000 Elefanten wohl nie in Deutschland Fuß fassen werden.

    Inseln und ihre Bewohner

    Kleine bewohnte Inseln an der US-Atlantik Küste. Die Menschen die hier leben, sind in zwei Lager geteilt. sie stehen sich auf keinen Fall feindlich gegenüber, aber eine Trennung besteht doch: einerseits die ständigen Bewohner der Inseln, andererseits sind da die Sommergäste, die vor Beginn der Herbststürme zurück in ihr Leben auf dem Festland der USA kehren. Aber es gibt auch Menschen, die kommen und dann bleiben. Die hier ihr Zuhause finden, Und da keiner der Bewohner der Inseln vor der Küste von Maine zu der indigenen Gruppe gehört, sind sie alle im Laufe der Zeit mal hinzugekommen. Es ist nur der Unterschied, gekommen um zu bleiben oder als Sommergast. Die drei Frauen, Ann (72), Julie (24) und Mina (28) gehören unterschiedlichen Generationen an, Julie und Mina sind hinzu Gekommene, alle drei werden zu Hummerfischerinnen, essen aber keinen Hummer. Hummer ist ihr Broterwerb.

    Ann ist Witwe, sie denkt oft an ihren verstorbenen Mann und an ihr Leben zurück, an die Rückschläge aber auch an die schönen Momente. Julie überlebte einen schweren Unfall, arbeitete viele Jahre als Hummerfischerin auf der Insel, hatte zum Schluss ihr eigenes Boot. Als NAt, ein Hummerfischer, Witwer wird, verliebt sich Julie in ihn, aber beide tun sich schwer mit ihrer Liebe. Nats verstorbene Ehefrau hatte schon in ihren letzten TAgen bestimmt, Nat müsse Julie heiraten, damit er versorgt ist. Aber Julie will mehr vom Leben, von Nat. Sie müssen beide einige Stolpersteine aus dem Weg schaffen, bis sie zueinander finden. Mina, die jüngste, der drei Hummerfischerinnen, war als Kind jeden Sommer auf der Insel, war unzertrennlich mit Sam, dem Sohn eines Hummerfischers. Die Väter waren auch gut befreundet, nur Minas Mutter hat nie in die Gesellschaft der Insel Zugang gefunden. In einem Sommer weigert sich die Mutter, auf die Insel zurückzukehren. Und dabei bleibt es. Mina ist unglücklich, kann nicht verstehen, weshalb. Und so kehrt Mina, als Erwachsene, allein auf die Insel zurück. Dabei wäre sie fast ertrunken. Sie findet Zuflucht bei Ann, so wie Jahre zuvor auch Julie bei Ann einen sicheren Hafen fand. Ihr Wiedersehen mit Sam, dem Jungen aus ihrer Kindheit, mit dem sie so viele glückliche Stunden verbracht hatte, verläuft etwas holprig. Ein Wiederanknüpfen an ihre Kindheit ist nicht möglich, sie müssen von Neuem zusammenfinden. Sam musste, nach dem Tod seines älteren Bruders, seine Träume aufgeben und Hummerfischer werden, obwohl er ganz andere Lebenspläne hatte. Die drei gEschichten von Ann, Julie und Minna haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Sie verbindet die Hummerfischerei, die Liebe zum Meer und zu der Insel, und sie geben sich Halt einander. Das Ganze wird so einfühlsam, ohne Pathos, und unaufgeregt erzählt. Erst ein Satz am Ende eines Gespräches, eine Bemerkung im Weggehen, eine kurze Erklärung, zeigt die unausgesprochenen Probleme auf, den Schmerz, der in den Menschen steckt, aber auch die Liebe und die Freude.

    Last but not least, ist Mr. Darcy da. ein großer blauer Hummer, der in Anns Haus in einem Aquarium lebt, wird von den drei Frauen gerne aus dem Aquarium geholt, gestreichelt und an den Fühlern gekrault. Alle Versuche, ihn wieder ins Meer zu lassen sind gescheitert, Mr. Darcy kehrt jedes Mal zurück zu Ann. Ein Hummer als Haustier ist ein stoischer und hartnäckiger Geselle

    Man muss dieses Buch nicht gelesen haben, aber es bereichert den Lesenden und lässt einen leisen, wehmütig-schönen Geschmack zurück- Lest es!

    Schon das Titelbild mit der Gerichtsperücke versetzt uns in die Atmosphäre des Romans. Am Anfang steht eine Schlägerei zwischen Jugendlichen, die für einen der Teilnehmer tödlich endet. die anderen Teilnehmer an der Prügelei laufen weg, zurück bleibt Emmet, der versucht dem Opfer noch zu helfen. Das Opfer ist weiß, Emmet ist schwarz. Sofort ist für alle klar, nur und allein Emmet kann der Mörder sein. Emmets Pflichtverteidigerin, Rosa Mercedes Higgins, gehört auch zu den colored people. Sie spürt instinktiv, da stimmt etwas nicht und beginnt selbst mit den Ermittlungen, schon weil Emmet jede Aussage zum Mordfall verweigert.


    Der flüssige Schreibstil, die angenehm kurzen Kapitel halten die Spannung auf konstant hohen Level auch wenn ab und zu kleine Absacker drohen. Die Spannung bleibt bis zum Schluss auch deswegen erhalten, weil an unerwarteten Stellen plötzlich Wendungen ins Spiel kommen, die das Geschehen in ein anderes Licht tauchen.


    Die Darsteller kommen sehr sympathisch und lebensecht rüber. Die Rechtsanwältin, ihre Großmutter, ihr kleiner Bruder, aber auch Emmet, der vermeintliche und schon vorverurteilte Mörder.

    Grandios fand ich, wie Higgins vor Gericht einem anderen Delinquenten bis zum Prozess das Gefängnis ersparte, indem sie in den altehrwürdigen Mauern des Gerichtssaals ihr Handy zum Einsatz brachte.


    Das Buch gewährt interessante Einblicke in das britische Justizsystem und deckt den immanenten Rassismus darin auf. Obwohl, ob die deutsche Justiz und ihre Behörden zu 100% frei von jedweden Rassismus oder Vorurteilen sind, wage ich in Frage zu stellen, zumindest sehr zaghaft.


    ASIN/ISBN: 3518474863

    Dat du min Leevsten büst

    Den trockenen Humor Anna Maschiks muss man erst mal bringen, begreifen und auf der Zunge zergehen lassen. Einen Absatz im gleichen Wortlaut wiederholen und nur der erste und der letzte, kürzeste Satz ist leicht geändert. Welch ein Unterschied!

    Dabei sagt sie Unsägliches, wie Leben in einer Diktatur oder wie der Krieg auf die Daheim gebliebenen wirkt. Wenn alles plötzlich für kriegswichtig erklärt wird, muss man ein Schaf heimlich schlachten, um die Familie zu ernähren.

    Mein Urgroßvater hatte damals, in Siebenbürgen, einen Weinberg. Als die Wehrmacht ins Dorf einmarschierte, wurde der Wein plötzlich auch für kriegswichtig erklärt. Die Soldaten machten im Herbst die Weinlese, kelterten den Wein und füllten ihn in Fässern ab, die auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Pferde, Rinder, die Weizenernte, alles war kriegswichtig und verschwand. Nur die Offiziere und Soldaten die unentgeltlich bei den Dorfbewohner einquartiert waren, blieben bis der Befehl zum Abzug kam. Da war nichts mit heimlich schlachten, die Besatzer wohnten ja mit im Haus. Also ja, ich kann Henrike gut verstehen, die in der verhangenen Waschküche das Schaf heimlich schlachten muss. Oder wieso dem Metzger der Prozess gemacht wird, weil er einen Schweinehuf zu viel bei einer Überprüfung hatte. Das gab es im Dorf meines Urgroßvaters auch.

    Mit ganz wenigen Worten und 21 Wiederholungen stellt Anna Maschik das Drama einer Mutter dar, die um ihren schlafenden Sohn bangt und die Tochter dabei vernachlässigt. Zum Glück hat Hilde noch den Vater, der versucht, die Kälte der Mutter wettzumachen. Als der schlafende Sohn nach 16 Jahren aufwacht, lebt auch die Mutter auf. “An diesem Tag ist nicht nur Benedikt erwacht, sondern Henrike mit ihm. Georg verzeiht ihr nicht, dass sie nicht auch für Hilde erwachen konnte.” (S. 56) Dieser letzte Satz macht das ganze Drama dieser Familie offensichtlich.

    Als der Krieg nun endgültig ins Land kommt und die Flieger über das Dorf hinwegfliegen, wendet Maschik wieder das Stilmittel der Wiederholung an: Vier Absätze beginnen mit dem gleichen Satz: “Als die Flieger kommen, ist…” und die Position und Haltung der Mitglieder dieser Familie wird beschrieben: Hilde, die Mutter ist bei den Schafen im Stall, ihr erster Gedanke ist, wie gut, dass die Vorratskammern gefüllt sind, weil auch dieser Krieg länger dauern wird. Sie hat kein Vertrauen in Kriege, den ersten hat sie noch nicht richtig verwunden. Georg, ihr Mann, ist mit dem Pflug auf dem Feld. “Es wäre besser, denkt er, wenn sein Sohn noch nicht aufgewacht wäre” (S. 72). Denn der Sohn hängt braunem Gedankengut nach. Benedikt selbst ist beim Schuster im Dorf. “Er denkt, das wurde aber auch Zeit”. (S. 73) Allein Hilde ist auf einer Brücke über dem Bach. Das ist bezeichnend. Brücken sind eine Verbindung zwischen Wegen, zwischen hier und dort, zwischen morgen und gestern. Hilde weiß nicht, was Krieg bedeutet, Sie lacht mit der ganzen Unschuld eines unwissenden Kindes. Danach, als der Krieg sich jahrelang hinzieht und immer mehr Opfer fordert, wird sie den Krieg in all seiner Bitterkeit kennenlernen. Vater und Bruder werden eingezogen, ihr Verlobter, ein österreichischer Soldat, muss auch an die Ostfront.

    Die Geschichte wiederholt sich einigermaßen. Hilde hat mit Konrad zuerst einen Sohn, Wolfgang, der die ersten Jahre Vaterlos aufwächst, nach Konrads Heimkehr zieht die junge Familie nach Österreich, zu seiner Familie. Wolfgang wird von der Großmutter geliebt und aufgezogen, die Mutter muss im Betrieb des Vaters mithelfen, der Vater kann keine richtige Beziehung zum Kind aufbauen. Erst das zweite Kind, David, wird von den Eltern mit Liebe überschüttet und Wolfgang weiter an den Rand gedrängt. Und wieder wird die Wiederholung zum Stilmittel der Wahl, an Davids Bett singt die Mutter immer ein und dasselbe Lied, für Wolfgang sind keine Lieder übrig. Wolfgang versteht das nicht und lässt seinen Frust an David aus, während David aus einer anderen Perspektive sieht: “Er fragt sich, was Wolfgang falsch gemacht hat, und nimmt ihm übel, dass er die Eltern ganz allein glücklich machen muss.” (S. 145)

    Egal wo die Familie ist, ob im hohen Norden, an der See oder in Österreich, jedes Mal kommt die Hebamme Anna zu den Geburten und Nora, um die Toten zu begleiten. Und die schon Vorausgegangenen, die Verstorbenen kommen um die Sterbenden abzuholen, ihnen den Weg zu weisen. Dies ist auch so eine Art Wiederholung, die sich durch das Buch zieht und auf die Kontinuität der Familie hinweist. Als Hilde an der Reihe ist, steht Nora schon da, hinter ihr stehen Henrike, Georg, Benedikt und Konrad. Genauso auch bei Miriams Tod, der Mutter der Ich-Erzählerin. Es kommen Henrike, Georg, Benedikt, Ludwig, Maria, Ludwig, Hilde, Wolfgang, David. Zuletzt kommen Anna, die Hebamme und Nora, die freundliche Todesbotin. Das ist die letzte Wiederholung im Roman, sie schließt und rundet die Geschichte ab. Es liegt nun an Miriams Tochter, die Geschichte fortzusetzen, mit den Wiederholungen und der Gewissheit, die Vorangegangenen sind in irgendeiner Form immer noch dabei.

    Die Wiederholungen ziehen sich durch das Buch, als Stilmittel und als Wegweiser



    ASIN/ISBN: 3630878148

    Neuer Blick auf Afrika

    Die beiden weiblichen Hauptgestalten, Mira - Tantine Mireille und Bijoux wirken sehr lebensecht und natürlich. Beide werden in Zaire, bzw. Kongo geboren, leben eine Zeitlang in Kinshasa, bevor sie nach Europa auswandern. Im Abstand von 12 Jahren kommen sie nach Europa. zuerst Mira, über Belgien, Paris und dann London, danach ging Bijoux direkt nach London zu Tantine Mireille. Bijoux hat mir richtig leid getan. Ihre glückliche Kindheit bei ihren Eltern und Großeltern in Kinshasa geht jäh zu Ende, als nach Ausbruch von Unruhen in der Hauptstadt, ihre Mutter sie nach London bringt, zu der kaltherzigen Tantine Mireille. Dabei hat Mireille nur Angst vor erneuten Unruhen in der Demokratischen Republik Kongo und will das Kind in Sicherheit bei sich wissen.

    Peu á peu erfahren wir, wie aus Mira, dem jungen Mädchen voller Liebe, die kaltherzige Tantine Mireille wurde, wie sie überhaupt überlebte. In Paris verliebt sie sich in einen Mann, Alexandre, sie heiraten und kurz darauf stirbt er an Aids. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre war Frankreich von einem Skandal erschüttert. Es starben etliche Menschen an AIDS wegen verseuchter Bluttransfusionen. Alexandre ist einer von ihnen. Nach Bekanntgabe der Todesursache wird Mira sofort von der schwarzen französischen Parallelgesellschaft gemieden. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als nach London zu gehen. Ohne die Sprache zu sprechen, ohne einen Menschen zu kennen, ist sie verloren, bis sie auf streng evangelikale Schwarze trifft, Schwester Francine, Vater und Mama Pasteur, die sie aufnehmen, ihr helfen, auf die Füße zu kommen. Sie wird auch streng gläubig und in diese Atmosphäre holt sie Bijoux zu sich.

    Bijoux entwickelt sich anders. Sie wird zur Lesbe, versucht die Ehe mit Bruder Fabrice, nachdem sie einen Exorzismus über sich ergehen lässt. Doch ihre wahre Natur kann sie nicht leugnen. Ihre Ehe ist ein Fiasko, die Liebe zu Chancey ist die Rettung für Bijoux. Endlich akzeptiert auch ihre Familie das und sogar Bruder Fabrice und seine Mutter akzeptieren Chancey.

    Das Ende des Buches endet in einem versöhnlichen Ton, die offenen Fragen werden geklärt, das Kind, das Bijoux in sich trägt, wird in eine harmonische bunte Familie hineingeboren werden.

    Die Handlung des Buches findet auf verschiedenen Zeitebenen und unterschiedlichen Orten und Ländern statt. Afrika und Europa sind die geografischen Parameter, 1974 bis 2007 ist die Zeitachse, entlang derer die Stationen im Buch spielen, aber nicht linear, sondern abhängig davon, welche Person gerade im Blickpunkt ist, ist mal ein Jahr, mal ein anderes im Vordergrund. Gleichzeitig wird damit auch der gesellschaftliche Wandel illustriert. Zwischen 1974 und 2007 liegen Welten.

    In einem einzigen schmalen Buch bringt Christina Fonthes viele schwere Themen zur Sprache: Strenggläubige, Femizid, Aids, Queere Menschen, Bürgerkrieg, Zweitfrauen, Vergewaltigung, Flucht, Exil, Ausgrenzung, Parallelgesellschaft, Vorurteile, Gewalt, um nur ein paar Schlagworte zu nennen.

    Diogenes setzt mit dem Schutzumschlag die Tradition fort, auf weißem Hintergrund ein Bild zu bringen. Dieses Mal ist es ein Gemälde von Tamara Tashna Downes “Ngozi” (=gesegnet), das unglaublich gut zum Buch passt.

    Kennt ihr “The Fiddler on the Roof”, Buch und Film und Musical? Die Juden, die nach Pogromen und Verfolgungen nach Amerika auswandern? Auch da nehmen sie ihre Bräuche, strengen Gebote und Verbote mit, in Form des Fiddlers on the Roof. Wer braucht eigentlich einen Geiger auf dem Dach? Niemand. Und doch wird er überallhin mitgenommen. Die Iren, die nach der großen Hungersnot nach Amerika auswanderten, nahmen ihre Angewohnheiten, Traditionen und Gebräuche mit. Genauso die Italiener, mit der Mafia oder die Chinesen, die in jeder größeren amerikanischen Stadt ihr eigenes China Town bauten und bewohnten. Genauso tun es nun die Afrikaner.

    Was mich fasziniert hat, ist die Parallelgesellschaft der Afrikaner in Europa, egal ob Brüssel, Rotterdam, Paris oder London (wahrscheinlich auch Berlin, München, Köln). Die Afrikaner bleiben unter sich, helfen oder töten sich gegenseitig, lieben sich oder verstoßen ihre Mitglieder, aber kein Wort nach außen. Keine der Personen im Buch hat europäische Freunde, nur gesichtslose Arbeitskollegen. Das ist ein Zeichen von total missglückter Integration. Die Schulen sind graue Institutionen mit teuren Uniformen und kostspieligen Schulmaterialien. Auch da kommt es zu keinen Interferenzen. Die Afrikaner haben eigene Kirchen und Gebetsräume.

    Auch das Essen ist typisch afrikanisch, und wenn sie nicht an die Zutaten kommen, wird auch mit Spinat gekocht. Aber Speisen wie Fufu, Fumbwa, Kwanga, Madesu, Mikaté, Ngai-Ngai, Pondu, Tshaka Madesu lassen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, sie klingen so erdig und exotisch zugleich. Ich würde mal gerne einen Bulukutu Tee probieren. Er scheint für alles gut zu sein.

    Eine spannende neue Welt voller Magie und Gefahren


    Es ist eine Zeit des Umbruchs, in die uns Hazel McBride da stürzt. Nichts und niemand ist so, wie es scheint. Das altbewährte Matriarchat wird von Anhängern einer neuen Religion, die verdächtig an das Christentum erinnert, verdrängt, die Priester des neuen Gottes gewinnen Zulauf, vor allem durch die Menschen, die nicht der Magie mächtig sind. Neid und Missgunst sind schon eine starke Motivation, den Glauben zu wechseln. Die, die der Magie aber mächtig und kundig sind, müssen sie verstecken, dürfen sie auf keinen Fall offen zu Tage treten lassen. Die Priester der neuen Religion versuchen die Kneipenbesucher zu bekehren und sind entsetzt, dass sie keine neuen Proselyten machen können. Ich habe die Prügelei im Wirtshaus geliebt. Hat mich ein wenig an die Bud Spencer – Terence Hill Filme erinnert. Spielkarten wurden zu Waffen, Frauen kämpften mit, wunderschönes, heilloses Chaos.

    Aemyra, die Heilerin und Schmiedin, entpuppt sich als die wahre Thronerbin, die ihr Recht einfordert. Die Zweckehe mit Prinz Fiorean, dem mächtigsten Drachenreiter, ist zuerst nur ein politisches Bündnis, wird dann, im Laufe der Zeit, wie könnte es anders sein, zu mehr, und endet in Liebe. Aber mehr will ich nicht verraten. Die Intrigen und Kämpfe, die beide einzeln und gemeinsam bestehen müssen, sind Teil der Spannung und Faszination des Buches und lassen die Protagonisten mal mehr, mal weniger sympathisch erscheinen. Wir sind vielleicht nicht mit jeder ihrer Entscheidungen einverstanden, aber letzten Endes heiligt der Zweck die Mittel.


    Fazit: im Kampf Matriarchat gegen das schnell an Dominanz gewinnende Patriarchat haben mutige Frauen immer noch ein Wort mitzureden.


    ASIN/ISBN: 3352010137

    Im 20. Jahrhundert war es schwer, den Begriff Völkermord zu akzeptieren. Manche Länder, wie die Türkei, weigern sich auch heute noch den Völkermord an den Armeniern zuzugeben. Aber wie steht es mit Femizid? Das ist noch viel schwieriger. Es ist der stillschweigende, vielmals im Unterbewusstsein verankerte Schulterschluss der Männer, die die Anerkennung des Femizids verhindern. Ein gesellschaftliches Phänomen wird hier eingehend in Romanform geschildert.

    Die Handlung beginnt mit Lilianas Schwester, die 29 Jahre nach Lilianas gewaltsamen Tod Akteneinsicht bei den Behörden verlangt. Sie wird von Pontius zu Pilatus geschickt, alle wollen helfen, aber die Akte ist nicht da, sie ist drüben. Drüben auch nicht, vielleicht hüben. Diese Irrfahrten von einer Behörde der Stadt zu einer anderen, in verschiedenen Städten sogar, und die Akte bleibt unauffindbar. Wenn das Thema nicht so schrecklich wäre, müsste man an Asterix und Obelix im römischen Ämtergebäude denken, auf der Jagd nach einem nicht existierenden Formular. Aber hier geht es um eine real ermordete Frau und der Täter, obwohl bekannt, nie gefasst wird.

    Die meisten Femizide geschehen im häuslichen Milieu, Männer aus der Familie, Ehegatten, Partner sind die Täter. So auch Liliana, sie wurde von ihrem Ex-Freund getötet, der sie auch vorher schon misshandelt und geschlagen hat.

    Cristina Rivera Garza, die Autorin des Buches und Lilianas Schwester, lässt im zweiten Teil des Buches die Menschen aus Lilianas direktem Umfeld, Freundinnen, Freunde, Kollegen, Kommilitonen, Verwandte zu Wort kommen. Sie erzählen, wie beliebt Liliana war, was für eine Lebensfreude sie ausstrahlte. In all diesen Erinnerungen wird Liliana wieder lebendig. Alte Briefe, Notizen, Tagebücher, alles, was Cristina in Lilianas Unterlagen und der Familie findet, wird im Buch verwendet. Alte Fotos, die eine sympathische, lebensbejahende junge Frau zeigen, finden auch hier Eingang. Dadurch wird der Mord an der jungen Frau noch eindringlicher aber auch sinnloser. Gewalt ist immer sinnlos,

    Das Buch ist kein Roman im klassischen Sinn, obwohl er mit einer Handlung beginnt: Rivera Garzas Suche nach der verschollenen Akte durch die Ämter Mexikos kommt einer Romanhandlung sehr nahe. Aber, da die Ermittlungsakte unauffindbar bleibt, lässt die Autorin Liliana vor unseren Augen wieder lebendig durch die schriftlichen Zeugnisse, die sie hinterlassen hat, und durch die Erinnerungen all jener, die sie geliebt und geschätzt haben. So wird Liliana greifbar, sie ist das Opfer, das durch dieses Buch nicht in Vergessenheit gerät.

    Cristina Rivera Garza setzt mit diesem Werk ihrer Schwester ein eindringliches und ehrliches Denkmal wider das Vergessen.


    ASIN/ISBN: 3608966749

    Fantasy mit einem Quäntchen Wahrheit

    Innerhalb der eigenen Burg oder Stadt, innerhalb der Landesgrenzen, sind die von den Oberen postulierten Wahrheiten Gesetz, werden geglaubt und befolgt, ohne sie in Frage zu stellen. Klingt nach Diktatur? Ja. Nordkoreaner sind auch überzeugt, im besten Land der Welt zu leben und ihr Präsident liebt sein Volk. Und wenn aber Menschen dieses enge Land verlassen, erleben sie eine andere Welt, die bisher unumstößlichen Wahrheiten verschwinden, werden ersetzt.

    In Saara El-Arifis Roman erschließt sich den Lesenden eine komplett neue Welt. Eine Welt voller Magie, Zauber, Schönheit aber auch Leid, Hunger und Tod.

    Einst gab es Menschen, Elfen und Fae. Die Menschen und die Fae bekämpften sich, bis die Menschen ausstarben, die Elfen besiegten die geschwächten Fae die dann auch starben. Zumindest ist dies die offizielle Variante bei den Elfen. Aber in einer Höhle tief im Untergrund konnten die Fae überleben, wie wir erfahren. Frage: könnten auch die Menschen in einem anderen Roman der Trilogie überlebt haben?

    Das Buch beginnt mit einem Feldzug der Elfen gegen ein anderes Elfenvolk, bei dem dem Anführer der Elfen, die Kriegerin Yeeran ein fataler Fehler unterläuft, sie muss ins Exil, obwohl die Königin, die sie verstößt, ihre Geliebte ist. Lettle, Yeerans Schwester und Rayan, ein Krieger folgen ihr. die totgeglaubten Fae nehmen sie gefangen. Von da an entwickelt sich die Story mal mehr, mal weniger spannend.

    Die Themen, die im Buch behandelt werden sind komplex und sehr aktuell: Queere Verbindungen und Liebe, zwischen Fae und Elfen, aber hurra! auch Hetero-Liebe,Treue, Mord, Diskriminierung, arme und reiche Elfen. Die Fae sind stolz, bei ihnen hungert niemand und alle haben die gleichen Rechte. Alle, die über magische Kräfte verfügen. Die anderen Fae werden diskriminiert, werden “lichtlos” genannt und müssen niedrige Arbeiten verrichten.

    Fabelwesen gibt es auch, die Obeahs. Ein Obeah ist eine Art Reittier, Seelenverwandter mit seinem Reiter, sie sind aber auch zum Kuscheln und Trösten da, sind ihrem Fae oder Elfen treu und folgen ihm überallhin. Eigentlich wählt sich der/die/das (?) Obeah den Fae oder Elfen aus und nicht umgekehrt. Und wenn ein Obeah stirbt, stirbt auch der Fae oder Elf mit. Eigentlich wünsche ich mir auch solch ein Obeah. Gibt’s die bei Amazon?


    Fantasy und Queer vereint


    ASIN/ISBN: 3455019749

    Habe die Ehre, Herr von Herzfeldt!


    Schon zum vierten Mal beehrt uns Herr Leopold von Herzfeldt mit seinen wunderbaren Krimis. Ihm zur Seite steht immer noch Julia Wolf, nun nicht mehr Polizeifotografin, sondern Reporterin bei einer Wiener Zeitung, und Augustin Rothmayer, Totengräber am berühmten Wiener Zentralfriedhof. Auch in diesem Buch hat jeder von Ihnen mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, von Herzfeldt mit dem Antisemitismus der ihn umgibt und mit der Entfremdung von seinem Vater, Julia Wolf kümmert sich um Sissy, ihre gehörlose fünfjährige Tochter, muss sich mit einem zurückgewiesenen Liebhaber auseinandersetzen. Sie macht langsam aber sicher Karriere bei der Zeitung mit hoch interessanten Reportagen, die vom Publikum sehr goutiert werden, auch wenn sie nicht immer über Mord und Totschlag schreibt, sondern ganz attraktive Pratergeschichten zum Besten gibt.

    Augustin Rothmayer sorgt sich einerseits um Anna, das junge Waisenmädchen, das bei ihm am Friedhof lebt und in die Lehre geht und die nun in der Pubertät ihre eigenen Wege gehen will und andererseits wird er von Polizei und dem Rechtsmedizinischen Institut um Hilfe gebeten. Augustin ist ein Experte des Todes, Ob es um Verwesungsgrade, Entomologie, Tötungsarten, sein Wissen ist allumfassend. Sein dritter Dorn im Fleisch sind die Bestattungsunternehmer, die die Angehörigen der Verstorbenen mit horrenden Preisen in den Ruin treiben.

    Und nun kommen ein paar Morde hinzu. Eine buchstäblich bei lebendigem Leibe zersägte junge Frau in einer Zauberschau und ein paar verschwundene junge Frauen, einfache Dienstmädchen oder Varieté Tänzerinnen, um die sich keine Familien oder andere Angehörige Sorgen machen. Schnell finden unsere drei Hauptermittler heraus, dass die Morde zusammenhängen.


    Die mitunter unorthodoxen Ermittlungsmethoden Herzfelds, die uns denken lassen, der Zweck heiligt die Mittel, lassen uns an gegenwärtige TV-Detektive denken. Die genauen Beschreibungen von Wien und Prater im ausgehenden 19. Jahrhundert haben mich richtig nostalgisch gestimmt. Ich liebe Wien, habe den Prater etliche Male besucht und nun kenne ich auch den historischen Prater, mit Klein-Venedig und den Kinemathoskop-Sälen. Die bewegten Bilder sind zu der Zeit gerade der größte Schrei in Wien und einige haben auch die Schattenseiten der neuesten Technik-Errungenschaft erkannt, die pornographischen Filme.

    Es gibt auch ein paar atemberaubende Showdowns, um Anna oder Augustin und vor allem um Julia. Aber die Verbrecher werden letzten Endes erwischt und kommen zu Tode, so dass die Honoratioren der Stadt und der hohe Adel nicht mit kompromittierenden Enthüllungen konfrontiert werden. Denn die verbotenen pornographischen Filme gehen restlos im Feuer auf und außer den Mördern kommt niemand zu Schaden.


    Und auch die Anfänge des Fußballs lassen sich in Wien nun feststellen. Von englischen Gärtnern eingeführt, findet das Spiel ums runde Leder schnell Liebhaber und die ersten beiden halbwegs professionellen Fußballmannschaften treten gegeneinander an.


    Über dem ganzen Buch schwebt der Wiener Scharm und Schmäh, die uns über die zuweilen gruseligen Szenen hinweghelfen.


    Ein Stück authentisches Wien, voll Schmäh und Charm

    10 Jahre nach dem Krieg

    Auch zehn Jahre nach dem Krieg hat sich an der Mentalität der Menschen noch nichts verändert. Ledige Mütter werden verdammt, müssen arbeiten und ihr Kind verschweigen, verheiratete Mütter dürfen nicht arbeiten, müssen nur für Mann und Kinder da sein. Die 68er Studentenproteste hatten Recht mit ihrem Slogan “Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren”.

    Hamburg 1955 ist aufgeräumt, vom wüsten Bombardement des Weltkrieges ist nicht mehr viel übrig, Der Wirtschaftsaufschwung ist im vollen Gange. Aber der Krieg wirkt immer noch nac. Viele Familien wurden auseinandergerissen, auf der Flucht oder durch Bombardements, und nun sind Kinder auf der Suche nach ihren Eltern und Eltern suchen verzweifelt ihre Kinder. Das rote Kreuz hat einen Kindersuchdienst eingerichtet, der Familien wieder zusammenführen soll. Ganz unterschiedliche, aber warmherzige Frauen arbeiten da, haben einen nicht gerade angenehmen Vorgesetzten, gegen den sie sich gegenseitig unterstützen, mit Tipps und Ratschlägen. Unter diesen Frauen sind in diesem ersten Roman der Reihe besonders Annegret und Charlotte im Fokus. Annegret weil sie alleinerziehend ist und das nicht bekannt werden darf. Sonst würde sie sofort ihre Stelle verlieren und sie ist eben auf das Geld sehr angewiesen. Annegret spart sich das Essen vom Mund ab, um ihrem kleinen Sohn Nahrung und Kleidung und ab und zu ein Eis zu gönnen. Dann muss die Gartenlaube im Winter auch beheizt werden, Strom gezahlt, und dergleichen mehr. Würde sie ihre Arbeit verlieren, wäre das eine Katastrophe. Annegret hat sich in der Schule nicht leicht getan, sie hat Lese- und Schreibschwierigkeiten. Heute würde man das wahrscheinlich Legasthenie nennen, aber 1955 nannte man das einfach nur “dumm” oder “zurückgeblieben”. Dabei ist Annegret nicht dumm, das bemerkt man, wie sie an die Fälle vermisster Kinder rangeht, was für einfühlsame Fragen sie stellt, und wie sie sich durchschlägt.

    Die andere junge Frau im Fokus dieses Buches ist Charlotte, Tochter aus gutem Hause, die es aber vorzieht, sich allein ohne der Hilfe ihrer Familie durchzuschlagen.

    Genau wie Annegret gelingt es auch Charlotte, vermisste Kinder aufzufinden.

    Die Freundschaft zwischen Annegret und Charlotte ist warm und echt. Ihre Zusammenarbeit, aber auch die Geheimnisse, die jede mit sich trägt, und ihre kleinen Makel, wenn man das so nennen darf, lassen uns, den Leserinnen, die beiden jungen Frauen ans Herz wachsen.

    Sehr realistisch werden die Bedingungen beschrieben, in denen die Mitarbeiterinnen des Kindersuchdienstes ihre Arbeit verrichten. Mit mühseligen Karteikarten, auf der einen Seite für die Kinder, auf der anderen für die Eltern. Die Angestellten fragen nach Namen, nach Erinnerungen, nach Orten, nach anderen Personen, die Auskunft geben könnten. Danach beginnt das mühselige Durchforsten beider Karteisysteme, ob man eine Treffer landet. Oder man fährt kurz entschlossen sogar ins feindliche, weil Osten, Lager nach Kaliningrad. Wohlgemerkt, alles ohne Computer, ohne Fax, ohne E-Mail, heutzutage undenkbar.

    Allgemein, was für Schwierigkeiten die Frauen in jener Zeit, eigentlich bis weit in die 70er Jahre hinein, hatten, merkt man auch an der Gesetzgebung der Bundesrepublik: Eigenes Konto - nur mit Zustimmung des Ehegatten oder des Vaters, Führerschein ebenso. Wenn sie eine Arbeitsstelle antrat, konnte der Ehegatte, der Vater oder auch nur der Verlobte, hinter dem Rücken der Frau und ohne ihr Wissen für sie kündigen. Weiterführende Schulen und Studium waren noch lange nicht selbstverständlich. Gewalt an den Frauen, Vergewaltigungen, Femizide - da gab man den Frauen die Schuld. Die armen Männer mussten ja auf die Provokation adäquat antworten.

    Dieses Buch erfüllt alle Anforderungen an eine gute Lektüre: angenehmer, flüssiger Schreibstil, sehr interessante und teilweise spannende Handlung, realer historischer Hintergrund, hinreißender Lokalkolorit, Liebe, Freundschaft und ein ergreifendes Titelbild. Alles da, alles richtig gemacht.

    Frauenrechte in der jungen Bundesrepublik? Weit gefehlt!

    Ein Thriller wie ein Blockbuster


    Ein rasanter Thriller, der mir allein schon durch die Vielzahl der geographisch weit auseinander liegenden Schauplätze aufgefallen ist. Denn irgendwie und irgendwo und logisch nachvollziehbar hängen die Schauplätze miteinander zusammen. Ein Flugzeug, das in München explodiert, hat Auswirkungen in Tokio. Macht Sinn? Ja, wenn man die Umstände kennt.

    Interessant fand ich, wie plötzlich die Menschheit um 70 Jahre zurückging, auf Abakus und Amateurfunk. Wenn man diesen Gedanken zu Ende spinnt, funktioniert auch keine Supermarktkasse, die Wasserversorgung, Ampelsysteme in den Städten, Müllabfuhr, alles, wo ein Fünkchen Elektronik dabei ist, muss runtergefahren werden.

    Doch zurück zum Buch: der rasante Stil gekoppelt mit den intensiven Dialogen, die Charaktere, die in kürzester Zeit sich zu einem funktionierenden und siegreichen Team zusammen schweißen, die Hollywoodartigen Showdowns, all das zusammen machen das Buch für Liebhaber dieses Genres sehr empfehlenswert.


    Interessant, wie wichtig alte Technologien plötzlich werden können


    ASIN/ISBN: 3423284722

    Mädchen aus dem Trailerpark

    Zuerst dachte ich, es handelt sich um eine Trailerpark-Geschichte: Mädchen aus unterprivilegierten Kreisen arbeitet sich hoch, rettet ihren Ziehbruder, setzt sich zur Wehr gegen die abusiven Pflegeeltern, besteht die Sculprüfungen und beginnt vom College zu träumen.

    Aber da ist viel mehr dran. Nicht menschliche Wesen bedrohen oder retten die Welt, magische Giftschlangen werden zu Freunden, heiße gefährliche Krieger der griechischen Antike werden zu Alexis Mentoren, zwei Lehrer der Spartan War Academy beschützen sie unauffällig, In all dieser dunklen Welt hat sie nur eine Freundin, eine unsichtbare Giftschlange, Nyx. Gemeinsam bestehen sie Abenteuer und Prüfungen und Kämpfe und Geländeläufe, alles tödliche Gefahren.

    Das Buch ist eine Dark Fantasy vom allerfeinsten, mit etlichen Showdowns, Theaterschlägen, viel Dunkelheit und Mystery. Die Kombination aus der griechischen Mythologie und moderner Dystopie fand ich sehr gelungen. Ab und zu wird die schwere Handlung von ein paar wenigen erotischen Szenen durchbrochen oder erhellt, die aber nicht in den Vordergrund drängen, sondern uns, der Leserschaft, eine kleine Abwechslung von all den Kämpfen, dem Hauen und Stechen gönnen.

    Die Zwiegespräche Alexis - Nyx, Alexis sarkastische Kommentare über ihre Umstände oder die Wesen, die sie umgeben, erheitern ab und zu das Geschehen, lockern den Stil etwas auf. Überhaupt, der flüssige Schreibstil, mal umgangssprachlich salopp, mal l humorvoll oder sarkastisch, nimmt einen immer mit.

    Insgesamt ist das Buch ein Page Turner reinsten Wassers. Ob in der Akademie in den Dolomiten oder in den wenigen Wochen der Erholung auf Korfu, ich habe das Buch in einem Rutsch ausgelesen.

    Dark Fantasy, dark Romantasy, Die Qual der Wahl bleibt den Lesern/Innen überlassen




    ASIN/ISBN:
    ISBN 978-3-596-71242-7

    Kann eine Liebesgeschichte mit einem Amoklauf an einer Schule beginnen?


    Ja, sie kann. Die Überlebenden der ungeheuerlichen Tat helfen sich gegenseitig in der ersten Zeit, das Unsägliche zu verarbeiten, sie stehen sich bei, finden Trost in der kleinen Gemeinschaft. Doch dann kommt das Leben dazwischen.

    Lina geht in die Großstadt, baut sich dort ein Leben auf, findet langsam Zutrauen zu ihrer WG-Mitbewohnerin, findet eine neue Liebe. Dass Tom sich aber als die große Niete entpuppt, merkt sie erst viel zu spät. Sie ist lange in dieser toxischen Beziehung gefangen, merkt nicht, wie Tom sie von ihren Freunden isoliert, ihr alles verbietet. Sie entschuldigt auch immer wieder seine Gewaltausbrüche, im Namen der Liebe, die längst keine mehr ist, erduldet sie alles für Tom.


    Liam, dessen große Liebe beim Amok zu Tode kam, bleibt daheim, hat die Holzwerkstatt seines Vaters übernommen und kämpft ums Überleben, weil der Vater etliche Fehlentscheidungen getroffen hat.

    Über den sozialen Medien sind sie in loser Verbindung, tauschen sich aus, merken immer mehr, was sie aneinander haben.


    Die Geschichte wird aus Linas und Liams Sicht erzählt, die Zeit des Amoklaufs und kurz danach alterniert mit der Gegenwart. So erfahren wir nur nach und nach, was damals in der Schule geschah.


    Amoklauf an Schulen, Kindergärten, in Kaufhäusern, in öffentlichen Verkehrsmitteln und an öffentlichen Plätzen oder Gebäuden, dieses beängstigende Thema ist aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Es betrifft uns alle,


    Was die toxischen Beziehungen betrifft, so ist das auch ein hoch aktuelles Thema, sonst wären in ganz Deutschland die Frauenhäuser nicht überfüllt.


    Justine Prus hat in ihrem Buch diese brisanten Themen sehr gut zu Wort gebracht, sie macht den Menschen Mut, nicht aufzugeben, sich gegen toxische Gewaltbeziehungen zur Wehr zu setzen und sich von Amok-Mördern nicht besiegen zu lassen.



    Zwei schwere Themen in einem Buch vereint


    ASIN/ISBN: 3453292731

    Britischer Humor at its best!

    Woher haben die Briten nur ihren herrlichen und schrägen so typisch britischen Humor? Was passiert, wenn eine Frau als Rechtsanwalt im Templebezirk praktizieren will? Abgesehen davon, dass sie nicht zum Studium des Rechts zugelassen wird, müssten noch Vater und Bruder zustimmen. Frauen dürfen nur als Ehefrauen im Hintergrund sichtbar sein. Unverheiratete Frauen dürfen sich um die Kinder der verheirateten Familienmitglieder kümmern.

    Der Bezirk des Inner Temple ist in diesem historischen Krimi eine in sich geschlossene Welt. Eigene Kirche, eigenes Speiselokal mit eigener Küche, eigene Druckerei spezialisiert auf Fachliteratur der Jurisprudenz, manche der Anwälte wohnen sogar im Bezirk.

    Der Betreiber der Buchdruckerei und -ladens gibt Anlass zu einer Parallelhandlung zum eigentlichen Krimi. Das Manuskript eines Kinderbuches wurde ihm anonym auf die Türschwelle gelegt, er druckte es, das Buch wurde ein Riesenhit, der Verleger konnte seinen Laden, seine Finanzen und sein Haus sanieren. Aber nun meldet sich eine junge Frau, die behauptet, die Autorin des Buches zu sein und verlangt das ihr zustehende Geld.

    Der arme Oberrichter, noch nicht richtig tot und schon beginnt das große Hauen und Stechen um die Nachfolge. Gleich zwei Anwälte bewerben sich um diesen Posten.

    Der Anwalt Gabriel Ward wohnt ebenfalls im Inner Temple. Auf seiner Türschwelle wurde die Leiche des Lord Oberrichters entdeckt. Ward soll nun den Mord am Oberrichter klären und auch den Fall des Buchverlegers vor Gericht vertreten. Lord William Waring, Schatzmeister im Temple, verheiratet, zwei Töchter, eine Geliebte und diverse gelegentliche Gespielinnen, zwingt Gabriel, sich um die Aufklärung des Mordes zu kümmern, ansonsten droht er ihm mit dem Rauswurf aus seiner komfortablen Wohnung im Inner Temple. Waring nennt diese Erpressung euphemistisch eine “ausgesprochen erquickliche Unterredung” (S. 47)

    Ward zur Seite steht der junge Constable Maurice Wright von der City of London Police, ein Mann von außergewöhnlicher Beobachtungsgabe und liberalen Denken. Ohne viel Schulbildung und ohne ein Buch gelesen zu haben, besitzt er eine natürliche Intelligenz, die ihn Zusammenhänge schnell erkennen lässt. Die Zusammenarbeit zwischen dem trockenen, scheuen und vielbelesenen Rechtsgelehrten Ward und Wright, der “in der Schule nur Buchstaben und Zahlen gelernt und noch nie ein Buch besessen” hat (S. 72) gestaltet sich als äußerst erquicklich, für die beiden, aber auch für uns, die Leserschaft. Als Ward dem Constable einen trockenen Sherry anbietet und ihn fragt, ob der Sherry zu trocken sei, antwortet dieser ehrlich und treuherzig: “Nein, danke Sir… Er ist tatsächlich ziemlich nass.” (S. 73)

    Es ist die Zeit, in der sich neue Methoden in der Kriminologie langsam durchsetzen aber noch nicht von allen Polizisten beachtet werden. So gibt es den Sergeant, der den Tatort kontaminiert, und überall herumtrampelt und alles anfasst, weil er solch neumodische Methoden für Humbug hält.

    Ein anderes erheiterndes Thema, obwohl nichts daran lustig ist, die Kindermädchen im Buch lieben den Roman Jane Eyre von Charlotte Bronte, weil sie insgeheim die tiefe vergebliche Hoffnung hegen, dass ein reicher Gutsbesitzer sie einmal ehelichen wird.

    Ich habe den britischen Humor sehr genossen. Understatement, oft nur angedeutete Antworten, Gesten, deren Bedeutung sich dem Leser erst im Nachhinein erschließen, einfach herrlich. Für dieses Buch muss man sich Zeit lassen, um dem Humor und Iroie Gelegenheit zu geben, sich so richtig zu entfalten.


    Sehr feiner britischer Humor gepaart mit einer interessanten Krimihandlung und die Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft

    Lieben oder nicht lieben, als ob man sich das aussuchen könnte!

    Also, das Coverbild ist morbide schön. Die Kombination aus Totenschädel und Rosen ist zwar nicht neu, aber dieses Mal ästhetisch ansprechend.

    Die Handlung ist sehr spannend, gewisse Anklänge an die Tribute von Panem stören nicht, im Gegenteil. Es gibt auch genug Unterschiede zu den Hunger Games: In Phantasma gibt es übernatürliche Wesen, die Teilnehmer werden nicht gezwungen teilzunehmen, sie tun es freiwillig, aus diversen Motiven.

    Andere, keinesfalls störende Assoziationen fand ich im Gebäude, in dem die Spiele stattfinden, und zwar dieses Mal mit Hogwarts. In beiden gibt es einen Ort der Wünsche: Jedes Mal, wenn Ophelia fliehen muss, oder an einen Raum denkt und eine Türe öffnet, öffnet sich dieser Raum vor ihr.

    Ort der Handlung ist zwar New Orleans, weil das beim Leser Assoziationen zu Mardi Gras und Woodoo erweckt, aber die Stadt selbst kommt so gut wie gar nicht vor im Roman, es könnte auch Nebraska oder Braunschweig sein.

    Das Buch ist eine recht gelungene Mischung aus Fantasy, Thriller und Liebesroman. Die Sexszenen sind richtig heiß, ohne ins Vulgäre oder Gemeinplätze zu fallen. Und sie fügen sich organisch in die Handlung ein. Bei anderen Büchern hatte ich oft das Empfinden, die Rahmenhandlung ist nur eine dürftige Kulisse für die viel zu expliziten Sexszenen. Hier ist der Wortschatz angemessen, die erotischen Szenen lassen noch Raum für die Fantasie.

    Leider fällt das Ende recht flach aus. Als ob Smith die ihr vom Verlag zugestandenen Seiten erfüllt hat und nun zwingend und abrupt ein Happy End schreiben musste. Schade, denn ich hätte gerne erfahren, wie und ob Vater und Sohn sich aussöhnen, ob noch ein klärendes Gespräch zwischen Mutter und Töchter stattfindet, was mit den anderen Überlebenden der Spiele geschieht. Und etwas würde mich brennend interessieren: wie bringt man eine Bank dazu, die Hypotheken auf solch ein stattliches und großes Anwesen wie Grimm House zu erlassen, beziehungsweise, mit was für Argumenten (außer finanziellen) kann man die Bank überzeugen, die Schulden wären längst abbezahlt.


    Der Böse ist der Gute ist der Böse ist der Allerbeste


    Fazit: durchaus lesenswert


    ASIN/ISBN: 3746642000

    Das war also Waco

    Der Name Waco weckt triste Erinnerungen und Assoziationen an Fanatismus, religiöse sinnlose Gewalt und Tod. Ein selbsternannter Sektenführer, charismatisch und sehr überzeugend, schart Menschen um sich, überzeugt sie von sich und seinem Messianismus. Die Gläubigen folgen ihm bis in den Tod. Dabei war Perry Norman Cullen ein verlogener Schweinepriester, der den männlichen Anhängern seiner Sekte Enthaltsamkeit predigte, er selbst aber sich in Massenorgien an Frauen und Mädchen verging. er “heiratete” gleich mehrere Frauen, zeugte etliche Kinder und war von sich selbst und seiner Sendung überzeugt. Heimlich trieb er Waffenhandel. Er zwang seine Anhänger in prekären Verhältnissen zu leben, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Toiletten. Und doch, sie glaubten an ihn blindlings.

    Das Buch ist aus zwei Perspektiven geschrieben: der 15jährigen Jaye, deren Mutter an Perry the Lamb glaubt und mit ihrer Tochter nach Waco gekommen ist, einerseits, und andererseits der gleichaltrige Roy, Sohn des Sheriffs von Waco. Die Geschichte, wie sie sich 1992-1993 abgespielt hat, wird aus der Sicht dieser Teenager erzählt. Der dritte Standpunkt im Roman, ist eigentlich ein Podcast von Coop, Roys bester Freund aus der Kindheit. Den Podcast betreibt er nun, in der Gegenwart, 30 Jahre später. Darin kommen viele der damals agierenden Personen zu Wort: der Sheriff, sein Gehilfe, Sozialarbeiter, Überlebende von Waco, Polizisten, FBI-Agenten, usw. So baut sich langsam, Schicht für Schicht ein komplexes Bild der Ereignisse von damals vor unseren Augen auf.

    Das Ende verrate ich hier nicht, aber es ist unerwartet und irgendwie versöhnlich. Und damit kann ich leben.

    Johnston hat aus einer wahren Begebenheit einen spannenden historischen Roman geschrieben. Den Namen des falschen Priesters hat er zwar geändert, sich aber ansonsten an die Vorgaben des Massakers von Waco gehalten.


    ASIN/ISBN: 3406836925

    Rache ist süß

    Charlotte Runcie hat ein besonderes und vielschichtiges Romandebüt vorgelegt. Ort der Handlung ist in Edinburgh im August, während des berühmten Fringe Festivals. Alex Lyon (Nomen est omen) ist Theaterkritiker, berühmt für seine knallharten und mitleidlosen Rezensionen. Gnadenlos zerreißt er die Premiere einer jungen Schauspielerin, Hayley Sinclair, vergibt nur einen Stern (die Zeitungsredaktion erlaubt ihm nicht, keinen Stern zu vergeben) und sendet die Kritik am gleichen Abend an seine Zeitung, am nächsten Morgen ist der Artikel frisch gedruckt. Eine Performance nicht zu mögen, ist unser alles gutes Recht, steht auch Alex Lyons zu. Was ihm aber nicht zusteht, ist Hayley in derselben Nacht, nach der Aufführung, in einer Bar kennen zu lernen (ok, das doch), sie mit in seine Wohnung zu nehmen, mit ihr einen One Night Stand zu haben, ohne ihr zu sagen, er habe ihre Show verrissen. Für ihn ist das sein gutes Recht, eine schlechte Kritik zu schreiben und anschließend mit der Künstlerin in die Kiste zu steigen.

    Es kommt wie es kommen muss, Hayley erfährt noch in seiner Wohnung vom Verrat und läuft wütend davon, während Alex ihr unberührt und Kaffee trinkend, hinterher sieht. So weit, ein klarer Fall von Me Too, Hayley könnte sich jetzt verkriechen und leiden. Nun, sie leidet zwar, dreht aber den Spieß um. Sie wandelt ihre Show um, nennt sie „Die Sache mit Alex Lyon“ und stellt ihn bloß. Mehr noch, sie fordert alle Frauen auf, die je von Lyon schlecht behandelt, betrogen, verlassen, wurden, kurz, die wegen ihm gelitten haben, sich zu melden. Und was dabei herauskommt, ist ein Shitstorm der Extraklasse, es melden sich viele Frauen, und die sozialen Medien explodieren.

    Das Ganze wird aus Sophies Perspektive erzählt, Kollegin von Alex Lyon, Kritikerin an der gleichen Zeitung, Mitbewohnerin von Alex in Edinburgh und junge Mutter mit einem festen Partner, daheim in London. Sophie ist einerseits loyal zu Alex, obwohl sie, wenn man es genau betrachtet, auch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hätte. Andererseits ergreift sie auch Hayleys Partei, denn sein Verrat ist ungeheuerlich und geschmacklos und sie kann sehr gut mitfühlen, was jene empfindet. Mit Sophie bleiben wir immer nah dran an der Handlung, fühlen die Anspannung, die sich fast bis zum Ende durch den Roman zieht. Mit Sophies Augen gesehen, fühlt sich der Konflikt zwischen Alex und Hayley besonders aufrichtig und wahr an.

    Die neue Show von Hayley ist für die Dauer des Festivals komplett ausgebucht, sie wird zum Selbstläufer, entgleitet irgendwie Hayleys Händen, denn es melden sich auch andere Frauen, die von anderen Männern für ihre Zwecke missbraucht wurden. Alex Lyon wird zum Stellvertreter aller Männer, die sich an Frauen etwas zuschulden haben kommen lassen.

    Daheim, vom PC aus verfolgt Alex wie er öffentlich zerfleischt wird, fassungslos, wie viele Frauen sich nun auf ihn stürzen. Dabei sieht er sich als Opfer, er habe ja schließlich keine der Frauen je vergewaltigt. Doch wenn ein Erwachsener eine Siebzehnjährige verführt um sie danach fallen zu lassen, wie einen abgegessenen wertlosen Apfelstrunk, dann hinterlässt das einen sehr bitteren Beigeschmack. Alex aber ist empathielos, kaltschnäuzig, im höchsten Grade unsympathisch, während Hayley aus ihrer Demütigung gelernt hat, den Spieß umgedreht und nun zum großen Halali auf Alex gerufen hat. Das Schlagwort der Cancel Culture kommt mir in den Sinn, denn Hayley erreicht Alex‘ zumindest partiellen Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Er wird auf Parties geschnitten, andere Künstler fühlen sich geehrt, von ihm vernichtende Kritiken zu erhalten, weil sie sie nicht für voll und ernst nehmen. Und auch bei der Zeitung daheim in London wird Alex auf Nachrufe angesetzt. Sein bester Freund wendet sich von ihm ab, nachdem er erfährt, dass Alex auch seine Schwester mies behandelt hat. Alex Ausrede ist: er habe ja kein Gesetz gebrochen, strafrechtlich könne man ihm nichts vorwerfen, also ist er unschuldig. Aber vom moralischen Aspekt her, steht er sehr wohl in der Schuld der Frauen.

    Die vielen Nebenschauplätze (Sophies Partner Josh, der Tod von Sophies Mutter, Alex‘ Verhältnis zu seiner berühmten Mutter und Schauspielerin) erklären zwar einiges in der Haltung und Handlung der Hauptgestalten, aber sind auch etwas ermüdend, lockern den Fokus auf Hayleys Rachefeldzug.

    Der Roman endet in einer versöhnlichen Note. Alex, Hayley aber auch Sophie finden zu einem neuen Modus Vivendi, weil sie daraus ihre Lehren ziehen mussten.

    Das Buch leitet zum Nachdenken an, über die Macht der Rezensionen, über wie weit Rache gehen darf , inwieweit der Rachefeldzug dem Opfer und dem Rache Ausübenden zusetzt, denn keiner kommt ungeschoren davon.

    Frauen sind Engel. Wenn Männer ihnen die Flügel abschneiden, fliegen sie trotzdem weiter. Auf einen Besen. Und genau das passiert in diesem Buch.

    Mein Fazit: absolut lesenswert!


    ASIN/ISBN: 3492074022

    Leben im Zeugenschutzprogramm

    Das Buch hat mich so richtig in Atem gehalten, von der ersten Seite an. Pauss hat es verstanden, den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten. Immer wieder interessante Wendungen der Geschichte zu geben: vermeintliche Freunde werden zu Feinden, böse Nachbarn zu Lebensrettern, die Beschützer zur Bedrohung, usw.

    Eine junge Großstädterin (und was ist Washington DC, wenn nicht Großstadt?) deckt geheime illegale Machenschaften auf und wird vom FBI im Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Ihre neue Heimat ist die Kleinstadt Echo auf Kodiak Island in Alaska. Zunächst fällt es ihr schwer, sich da einzugewöhnen, doch im Laufe der Zeit gelingt es ihr, hier Fuß zu fassen.

    Der flüssige Erzählstil, die manchmal humorvollen Dialoge, und die spannenden Szenen im Buch lassen keine Langeweile aufkommen. Die gekonnte Mischung aus Thriller und Liebesroman bietet weiblichen und männlichen Lesern einen angenehmen Zeitvertreib.

    Das hinreißende Titelbild hat mich eigentlich zum Buch greifen lassen.


    ASIN/ISBN:
    ISBN978-3-492-06631-0

    Ist Venator wirklich der Traumjob?

    Also, was haben wir denn da alles? Ein Mädchen mit drei Brüdern, komische gefährliche Tiere, feuerspeiende Drachen, fiese schmierige Bösewichte, einen tapferen megacoolen Krieger und eine potentielle Kaleesi, Mother of Dragons als neues Traumpaar, Herz was begehrst du mehr? Und ein tolles Cover hat es auch!

    Leider entpuppt sich der Traumjob Venator doch nicht als so traumhaft und toll. Und viele der bösen, gefährlichen Fabelwesen sind eigentlich gar nicht so böse und gemein. Ganz im Gegenteil. Dann gibt es noch Shifter, das sind Gestaltwandler, die im Untergrund agieren und genau genommen die Guten sind.

    Der spannende, mitreißende Stil des Buches erlaubt es nicht, es aus der Hand zu legen. Und wie so üblich in den Action-Büchern, taucht immer am Ende eines Kapitels eine neue Gefahr auf, eine neue Wendung, die der Geschichte einen neuen Twist gibt. Das Buch endet in einem “sanften” Cliffhanger, sprich, das Kapitel und viele Spuren werden zu Ende gebracht, aber neue Abenteuer stehen den Helden bevor.


    Spannende Geschichte für Teenies: typischer Underdog mausert sich rasant zum Retter


    ASIN/ISBN: 3745704851