Schnauze Alexa. Ich kaufe nicht bei Amazon - Johannes Bröckers

  • Mit all seinen Service- und Dienstleistungen macht uns Amazon zu gläsernen Konsumenten und transformiert unsere demokratischen Grundrechte in eine smarte Diktatur, totale High-Tech-Überwachung inklusive. (Seite 81)


    71wT-ydkDWL._AC_UL436_.jpg94 Seiten, kartoniert

    Verlag: Westend Verlag, Frankfurt/M. 2018

    ISBN-10: 3-86489-251-1

    ISBN-13: 978-3-86489-251-6


    Mit großem Bauchgrummeln > hier der Amazon Link <


    Zum Inhalt (eigene Angabe)


    Amazon verdrängt immer mehr die bisherigen Händler und duchdringt mehr und mehr das tägliche Leben. Inzwischen steht sein „Alexa“ in vielen Haushalten, um das Leben zu erleichtern. Doch ist das wirklich eine Erleichterung? Und was ist der Preis, der dafür zu bezahlen ist - jenseits des bloßen Kaufpreises? Ist Amazon der Orwellsche „Big Brother“, wie der kürzliche Skandal um das Mitschneiden von Alexa-Befehlen denken lassen könnte?



    Über den Autor (Verlagsangabe)


    Johannes Bröckers, Jahrgang 1960, studierte Germanistik und Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitete als Journalist, Texter und Creative Director in der Werbung. 2000 gründete er pleasant_net, das Büro für strategische Beeinflussung. Er lebt und arbeitet als Marketingberater, Autor und Dozent in Frankfurt am Main.


    Informationen im Internet:

    - Die Seite zum Buch beim Verlag (mit Leseprobe)


    Hinweis zur Rubrik


    Das Buch gehört eigentlich zur Warengruppe "Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft (973)". Da es diese hier nicht gibt, habe ich Politik & Geschichte gewählt.



    Meine Meinung


    Das moderne Leben kann so einfach sein. Sucht man etwas - gehe man auf die Amazon Webseite. Will man etwas kaufen - findet man es bei Amazon. Oder anders: erst mal Amazon, und nur, wenn es da nicht zu finden ist, haben andere eine Chance. Ganz einfach eben.


    Aber ist das Einfache immer das Gute? Und vor allem das Richtige? Was für Folgen zeitigt es, wenn immer mehr Menschen „alles aus einer Hand“ beziehen - eine „Hand“, die hemmungslos Daten sammelt und verknüpft, groß im vermeiden von Steuern, aber mindestens ebenso groß im Kassieren von Subventionen der öffentlichen Hand ist (vgl. S. 39)?


    Es gibt Science Fiction Filme und Serien (Continuum fällt mir da zum Beispiel ein), in der eine Zukunft geschildert wird, in der wenige Konzerne die Macht über alles haben - einschließlich der Politik. Irgendwann fing solch eine Entwicklung an - und der Autor weist darauf hin, daß wir am Beginn genau einer solchen Entwicklung stehen.


    Amazon ist nicht nur ein „Kaufhaus“, sondern auch der größte Cloud-Betreiber der Welt. Viele (auch große) Firmen nutzen diesen Service, Behörden ebenfalls - und sogar die CIA. Auf Servern, die in den USA stehen. Wo keine DSGVO gilt. Und die NSA erfahrungsgemäß mal so eben jeden ausspioniert, den sie möchte. Wie dumm muß man eigentlich sein, seine Daten dermaßen auf einen Präsentierteller zu legen?


    In Amerika wurden in den letzten zehn Jahren ca. 85.000 lokale Einzelhändler und 35.000 Hersteller vom Markt verdrängt (vgl. S. 44). Sieht so die „Jobmaschine“ Amazon aus? Es wäre interessant zu betrachten, wie das Verhältnis beispielsweise für Deutschland aussieht.


    Durch den Marketplace hat Amazon einen sehr guten Überblick, was läuft und was nicht. Und wenn etwas läuft - macht man es eben selbst, um möglichst viel zu verdienen. Das ist von Hause aus weder anrüchig noch verboten. Aber es zeigt, wohin eine Marktwirtschaft, in der das Recht des Stärkeren regiert, führt. „Der Stärkere macht den Schwächeren platt. The winner takes it all. So läuft das eben, wenn sich Märkte völlig unreguliert entfalten.“ (S. 63)


    Auch wenn Wolke das nicht gerne lesen wird, ich bestelle bei Amazon nur noch das, was sich gar nicht vermeiden läßt. Denn wie schreibt der Autor so schön auf S. 14: „Die Zukunft, auf die wir uns einlassen, ist die Gegenwart, in der wir leben werden.“ (nach Edward Snowden) Mag jeder für sich selbst entscheiden, in was für einer Gegenwart er leben möchte. In einer Amazon-Gegenwart möchte ich jedenfalls nicht leben.


    Mein Fazit


    Amazon ist auf dem Weg zum Monopol. Der Autor zeigt auf, was das für die Gesellschaft und den einzelnen Menschen für Folgen hat und zwingt zum Nachdenken darüber, ob man wirklich alles bei Amazon kaufen und von Amazon erledigen lassen sollte, will man auch künftig ein freies Leben in einem demokratischen Land führen.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Danke für diese Buchvorstellung. Ich würde mir wünschen, dass in der Öffentlichkeit viel stärker über dieses Thema gesprochen wird. Den meisten Verbrauchern, die Amazon nutzen, ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, was alles damit zusammenhängt.

    Viele wissen aber auch um die Problematik, doch die Vorteile überwiegen die Bedenken.

    Meine Freundin z.B. nimmt so ziemlich alles mit, was Amazon seinen Premiumkunden bietet, außer einer Alexa, glaub ich. Sie findet es einfach total praktisch und easy. Genau das will Amazon erreichen und sie machen das überaus geschickt.


    Am Wocheende wollte ich nach längerer Zeit einmal was bei Amazon bestellen, meine Schwiegertöchter schicken mir meist einen Amazonlink, wenn ich sie nach Wünschen und Bedürfnissen der Enkelkinder frage ;). Das gewünschte Produkt hätte ich nur kaufen können, wenn ich Prime-Kunde geworden wäre, das hat mich echt sauer gemacht. Meine Freundin, die Prime-Nutzerin, wollte ich dafür nicht bemühen, nachdem ich ihr stets erkläre, dass und warum ich mich nicht in das kuschelige Netz von Amazon begeben will :grin.

    Nach einer Weile suchen habe ich die Teile dann woanders für den gleichen günstigen Preis bekommen.

  • Ich habe das schmale Büchlein gestern gelesen, 90 kleine, großzügig bedruckte Seiten für 7,50 €, das sind so um die 8 Cent pro Seite. Normalerweise stelle ich solche Berechnungen nicht an, aber hier hätte ich wirklich etwas mehr fürs Geld erwartet. Das beste an diesem Text sind die Link- und Artikellisten am Ende. "Schnauze, Alexa" ist kein Sachbuch, sondern ein längerer, überwiegend lakonischer Sachtext, oder eine zusammengefasste Artikelserie etwa aus einem Blog.


    Obwohl. Das ist richtig und wichtig und gut und manchmal sogar witzig, was Johannes Bröckers da schreibt, aber es ist so neu und revolutionär wie ein Dieselmotor. Was er da zusammenfasst, das weiß man als jemand, der sich ein ganz klein wenig mit den Dingen befasst, die einen umgeben. Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon gehen regelmäßig durch die Medien, die extrem aggressive Marktpolitik kann man direkt z.B. in den verödenden Innenstädten miterleben, die unfassbare Ökobilanz des Versandwesens generell und speziell in der Retourensituation begreift man auch ohne Analyse durch ein Umweltinstitut, die Datensammelwut, Aufdringlichkeit und Lebensdurchdringung, nicht nur durch Echo und Alexa, sondern längst vorher, ist offensichtlich. Amazon ist der Antichristi, Amazon will die Welt, will uns beherrschen - und der Laden ist auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen, weil Bequemlichkeit Bedenken neutralisiert. Im Übrigen, und das merkt Bröckers leider nicht an, geht es nicht nur darum, dass Alexa lauscht, sondern auch und vor allem darum, wie wir drauf sind, wenn wir belauscht werden. Man kann an der menschlichen Stimme ablesen, welche Laune jemand hat, wie lange er möglicherweise schon wach ist, ob er kürzlich Sex hatte, ob er Drogen oder Medikamente zu sich genommen hat. Es ist eine extreme Verniedlichung, zu erklären, dass Amazon mehr über uns weiß, als wir selbst. Amazon weiß Dinge über uns, die überhaupt nicht zutreffen, weil niemand verifizieren kann, ob das Erraten von Verhaltensmustern im Einzelfall zutrifft. Das ist eine der größten Gefahren all dieser Dienste und Firmen: Dass wir Profile liefern, die uns überhaupt nicht beschreiben, und dadurch in Schwierigkeiten geraten, deren Ursachen wir nie erfahren.


    Trotz der Oberflächlichkeit würde ich jedem, der viel mit Amazon macht, Prime-Kunde ist und ein paar Alexas hier und da im Haus hat, dringend anraten, sich mit diesen Fragen und möglicherweise auch diesem Büchlein auseinanderzusetzen. Amazon ist nicht ohne Alternativen. Niemand zwingt uns, all den Krempel bei Bezos zu kaufen. Man muss ja nicht gleich alle Konten löschen, aber ein bewussterer und reduzierter Umgang würde nicht nur unser eigenes Leben verbessern, sondern auch noch dabei helfen, die bereits stark geschwächte Vielfalt des Marktes wenigstens für ein paar weitere Jahre zu erhalten.


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  • Amazon brauche ich nicht - und Amazon braucht mich nicht. Also eine klare Rollenverteilung. :)

    Ich kaufe schon seit sehr langer Zeit nicht bei Amazon und lebe trotzdem noch, leide auch nicht unter Entzug; denn alles das was ich kaufen will, gibt es woanders auch und zudem macht es auch mehr Sinn den Einzelhandel vor Ort zu unterstützen.

    Und Alexa - wenn es auch ein sehr schöner Name ist - hat bei mir eh Hausverbot.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • weil Bequemlichkeit Bedenken neutralisiert.

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    Danke für deine Meinung, die sich (nicht auf das Buch bezogen, sondern grundsätzlich) mit meiner deckt. Deine Bemerkung im Zitat finde ich zum Niederknien! Und nicht nur in diesem Zusammenhang sehr treffend.

  • :gruebel Ich habe nie verstanden, was an Alexa oder einem Smarthome so attraktiv sein soll. Dergleichen kann ich mir für Ganzkörpergelähmte gerade noch sinnvoll vorstellen, aber solange ich noch einen Knopf oder eine Taste selbständig bedienen kann brauche ich doch keine Spracherkennung. :pille

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Tom Liehr: Freitags bei Paolo

  • :gruebel Ich habe nie verstanden, was an Alexa oder einem Smarthome so attraktiv sein soll. Dergleichen kann ich mir für Ganzkörpergelähmte gerade noch sinnvoll vorstellen, aber solange ich noch einen Knopf oder eine Taste selbständig bedienen kann brauche ich doch keine Spracherkennung. :pille

    Für Blinde ist das auch eine absolut geniale Erfindung. Ansonsten gebe ich dir völlig recht.