Der Zopf von Laetitia Colombani

  • In diesem Thread virtueller Lesekreis haben wir uns für das Buch "Der Zopf" von Laetitia Colombani als erstes Lesekreisbuch entschieden. Ich hoffe, alle haben mittlerweile fleißig gelesen, aber mit 288 Seiten war dieses Buch ja nicht so eine große Herausforderung.


    Rezensionen zum Buch: Der Zopf - Laetitia Colombani


    Kurzbeschreibung:

    Drei Frauen, drei Leben, drei Kontinente – dieselbe Sehnsucht nach Freiheit
    Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.
    Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.


    ASIN/ISBN: 3596701856

  • Einfach ein paar Fragen als erste Anregung. Das sollen aber keine Vorgaben sein.


    Was hat euch am Buch gefallen?

    Welche der drei Länder und der drei Frauen fandet ihr am spannendsten?

    War inhaltlich etwas Neues für euch dabei?

    Ist das Buch zurecht auf der Bestsellerliste?

    Freut ihr euch auf die angekündigte Verfilmung?

    War das Buch zu lang oder zu kurz?

    Würdet ihr an dem Buch bzw. dem inhaltlichen Ablauf gerne etwas verändern?

    usw. usf.

  • Guten Morgen :wave

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich finde es irgendwie "zeitlos". Gut, es wird ja auch keine Zeit angegeben, es könnte also in den 60er, 80er Jahren oder eben auch in 2020 spielen.

    Wir haben hier 3 Frauen, die jede auf ihre Art stark sind. Ich persönlich bevorzuge die Geschichte um Smita. Sie zieht sich quasi an den eigenen Haaren aus der Misere, in der sie sich befindet. Ihr Leben scheint ja vorgezeichnet au sein, aufgrund ihrer Herkunft und doch vertraut sie auf ihren Gott Vishnu und auch sich selbst, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie denkt in erster Linie an ihre Tochter und deren Zukunft. Und gerade bei ihr würde ich gern wissen, wie ihr Leben weitergeht. Bleibt sie vielleicht im Tempel und kehrt die abgeschnittenen Zöpfe zusammen, oder verpackt sie vielleicht die Haare für den Versand nach Italien? Ich würde es ihr wünschen.

    Sarah war für mich eine Frau, die mir fremd geblieben ist. Auch wenn ich gerade bei ihr und ihrer Lebensweise Parallelen zu meinem Leben sehen konnte. Und doch konnte ich es einfach nicht verstehen, daß sie niemandem von ihrer Krankheit erzählt und alles allein stemmen will. Da hätte ich ihr am Liebsten den Kopf gewaschen. "Mädel! Du kannst nicht alles allein durchstehen! Manchmal braucht man jemanden, der bei Entscheidungen helfen oder einfach nur da sein kann!" Das waren meine Gedanken beim Lesen ihrer Geschichte.

    Giulia wird Knall auf Fall mit der Pleite ihres Familienunternehmens und dem "Unfall" ihres Vaters konfrontiert. Sie lernt den Inder Kamal kennen und der nimmt sie quasi an die Hand und hilft ihr, ihre Firma zu retten. Und genau das braucht es machmal im Leben. Eben jemand, der da ist und seine Hand reicht.

    Das solls jetzt erstmal gewesen sein. Mehr ergibt sich sicher im Austausch mit euch :wave

  • Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich finde es irgendwie "zeitlos". Gut, es wird ja auch keine Zeit angegeben, es könnte also in den 60er, 80er Jahren oder eben auch in 2020 spielen.

    Dieses Zeitlose hat mich am Anfang etwas irritiert, vorallem weil der Teil in Italien auf mich so "alt" gewirkt hat, Sarah in Canada aber nicht. Ein paar wenige Hinweise gibt es aber doch. Irgendwo hängen Papstbilder, ich glaube auch von Papst Franziskus. Und ein oder zwei Jahreszahlen sind auch mal aufgetaucht.

  • So, nun aber noch zum Rest. ;-)


    Das erste Kapitel mit Smita fand ich erschütternd und ich hatte überhaupt nicht mit dieser Intensität und Brutalität gerechnet. Gleichzeitig hatten aber besonders die Kapitel mit Smita eine besondere Sogwirkung und ich habe diese Frau bewundert, wie sie trotz widrigster Umstände für ihre Tochter kämpft.

    Indien als Schauplatz finde ich immer faszinierend, über die Totenstadt habe ich erst neulich irgendwie einen Bericht gehört. Nur die Haarspende war mir neu.

    Interessant fand ich auch solce Details, wie das Bindi mit Nagellack.


    Guilia dagegen blieb mir das ganze Buch über eher fremd.


    Sarah hätte ich zwar zwischendurch gern mal geschüttelt, aber dennoch konnte ich mit ihr viel mehr anfangen. Hart, was sie alles auf sich nimmt für ihre Karriere, aber leider nach wie vor sehr real.

    Dass sie so auch ihre Krebskrankheit erst mal wegorganisieren will, war traurig, aber verständlich. Sie hat ja auch niemand, dem sie sich anvertrauen kann.

    Ich kam auch erst mit der Diagnose darauf, was die 3 Frauen verbindet.


    Mit den Gedichten konnte ich gar nichts anfangen.


    Eigentlich mag ich das Präsens als Erzählzeit nicht sonderlich, aber hier war es stimmig und es ist ein ziemliche Tempo dadurch entstanden. Ich hätte gern gewusst, wie es mit den 3 Frauen weitergeht, fand den Schluss trotzdem gelungen.

  • Bei der Zeit helfen die Kapitel von Guilia. Sie surft im Internet und bezahlt in Euro. Das hatte mich am meisten schockiert, denn alle drei Geschichten sind ja in der gleichen Zeit und alle sind heute. Italienische und kanadische Probleme konnte ich noch nachvollziehen. Dass aber Millionen Inder heute noch so leben, hat mich erschüttert. Das klang für mich nach Mittelalter und ich werde mal nach weiteren Geschichten aus Indien gucken.

  • Vielleicht nicht ganz, was du suchst xexos aber ich habe "Die Reise nach Benares" von Mukul Kesavan gelesen. Da geht es zwar eher um die Zeit um 1948 (wenn ich mich recht entsinne) und die Entscheidung muslimischer Inder gen Pakistan auszuwandern. Aber das Buch hat mir gefallen :wave


    Jetzt, wo du es sagst... richtig, Giulia bewegt sich im Internet

  • Ich habe das Buch auch beendet und fand es wirklich gut. Eigentlich bin ich ja mehr in anderen Genren unterwegs. Doch in letzter Zeit schaue ich mich auch gern in anderen Bereichen um. Und da passte es jetzt mit dem Lesekreis für mich sehr gut.


    Smita hat mich sehr bewegt mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit ihrer Tochter ein besseres Leben ermöglichen zu wollen.

    Dass aber Millionen Inder heute noch so leben, hat mich erschüttert. Das klang für mich nach Mittelalter und ich werde mal nach weiteren Geschichten aus Indien gucken.

    Ja, dass hat mich auch schockiert. Ich habe einen Bericht über eine junge Frau gesehen, die aus der unteren Kaste, der Dalits, stammt und nun als Lehrkraft an einer Universität in Indien arbeitet. Es war ein harter Weg und auch heute noch, wird sie von einigen Studenten wegen ihrer Herkunft beschimpft.


    Bei Guilia hat mich beeindruckt, dass sie sich zum Schluss durchgesetzt hat. Wozu die Unterstützung von Kamal sicher einen großen Teil beigetragen hat.

    Die Last, die sie zu tragen hatte, als sie von den finanziellen Schwierigkeiten erfahren hat, war auch sehr groß für eine so junge Frau. Da hat mich die Engstirnigkeit der Mutter und Schwestern doch etwas geärgert. Neues ausprobieren wollen sie nicht, aber die Tochter mit jemandem verheiraten, der Geld hat, den die Tochter aber nicht zum Mann möchte, ist ok.


    Sarah hätte ich zwar zwischendurch gern mal geschüttelt, aber dennoch konnte ich mit ihr viel mehr anfangen. Hart, was sie alles auf sich nimmt für ihre Karriere, aber leider nach wie vor sehr real.

    Dass sie so auch ihre Krebskrankheit erst mal wegorganisieren will, war traurig, aber verständlich. Sie hat ja auch niemand, dem sie sich anvertrauen kann.

    Sarah hat bei mir auch verschieden Gefühle hervor gerufen.

    Das mit dem schütteln möchten, kann ich gut nachvollziehen. Sie hat viel für die Arbeit geopfert. Vieles nach ihrer Kariere ausgerichtet und geplant. Sie hat hart dafür gearbeitet und gekämpft so weit zu kommen.

    Und dann... wird sie krank und ausgemustert.


    Die Reaktion der Arbeitskollegen hat mich wütend gemacht. Funktioniere oder geh... Nicht, dass es das im echten Leben nicht so geben würde....Ich weiß, dass es das gibt. Für mich ist das einfach unverständlich und sehr traurig.



    Ich hätte auch gern gewusst, wie es mit den Frauen weitergeht. Vor allem wie es mit Smita und Lalita weitergeht interessiert mich. Ob der Mut und die Entschlossenheit belohnt wird und Lalita zur Schule gehen kann ohne dort gedemütigt und geschlagen zu werden.

    Es geht uns mit den Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber wenige erwählen wir zu unseren Freunden, unseren vertrauten Lebensgefährten.
    Ludwig Feuerbach (1804-1872)

  • Wobei man bei Sarah auch sehen muss, dass sie letztlich nur ihr eigenes Verhalten zu spüren bekommt. So wie sie sich vorher verhalten hatte, hat oder hätte sie sicherlich auch immer die Kranken und Schwachen aussortiert. Sie war ja sogar sich selbst und ihren Kindern gegenüber gefühllos. Man könnte in dem Fall auch sagen, dass es mal die richtige getroffen hat. Sie war zuvor selbst auch Täterin oder hätte es jederzeit werden können.

  • Guilias Geschichte fand ich ein wenig holzschnittartig und fast märchenhaft. Das liebe Mädchen, dass in Angst vor dem Vater fast zergeht und dann durch ein kleines Wunder die Familie und die ganze Belegschaft rettet. Über die Liebe bzw. Begierde zu Kamal vernachlässigt sie sogar den Vater. Zeitweise war nichts davon zu lesen, dass sie noch im Krankenhaus war.


    Erschreckend fand ich auch hier wieder den Einfluss von Tradition und Religion. Lieber Untergang und Ruin als ein Abweichen von tradiertem Verhalten.

  • Ja, dass hat mich auch schockiert. Ich habe einen Bericht über eine junge Frau gesehen, die aus der unteren Kaste, der Dalits, stammt und nun als Lehrkraft an einer Universität in Indien arbeitet. Es war ein harter Weg und auch heute noch, wird sie von einigen Studenten wegen ihrer Herkunft beschimpft.

    Oweh. Und bei den Bräuchen und Traditionen, die im Buch so erwähnt wurden, überraschen die Vergewaltigungsmeldungen der letzten Jahre leider auch nicht wirklich.


    Gleichzeitig finde ich vieles so unwirklich, weil ich täglich mit indischen KollegInnen in Chennai zu tun habe und das (fast) keinen Unterschied macht zu den Kollegen hier in Europa - wobei ich von denen privat sehr, sehr wenig mitbekomme. Keine Ahnung, wer da hinter seiner Business-Maske wie tickt.


    Zum Thema Perücke fiel mir wieder ein, dass ich als Kind mal eine Autoreise-Zugfahrt lang (von Stuttgart nach Niebüll) mit einer jungen Frau im Abteil saß, die stundenlang an einer handgefertigten Perücke geknüpft hat für ihre Ausbildung. Hat mich sehr fasziniert damals.


    Hat jemand schon Das Haus der Frauen gelesen?

    ASIN/ISBN: 3103900031

  • Die Erzählung um Smita und Lalita fand ich am eindrücklichsten, allein schon deswegen, weil das für mich alles exotisch und unbekannt ist. Religion wirkt da wie eine Droge und jeder versucht den anderen zu betrügen und auszunehmen. Nicht einmal dem Kartenverkäufer bei der Bahn kann man vertrauen und überall musste Smita aufpassen, dass ihr nicht auch noch die letzten Lumpen im Schlaf geklaut werden.


    Der blödsinnige Glaube an irgendeinen Gott hat zur Folge, dass die Menschen barfuß oder auf Knien einen Berg hochrobben und ihre Haare spenden und opfern und sich anschließend durch diese Aufopferung sogar noch glücklich fühlen. Das, was wirklich passiert ist, dass ein Engländer nach dem Verkauf der Haare Cocktails am eigenen Pool schlürfen kann. Aufgebaut auf dem Elend von anderen Menschen.

  • Gleichzeitig finde ich vieles so unwirklich, weil ich täglich mit indischen KollegInnen in Chennai zu tun habe und das (fast) keinen Unterschied macht zu den Kollegen hier in Europa - wobei ich von denen privat sehr, sehr wenig mitbekomme. Keine Ahnung, wer da hinter seiner Business-Maske wie tickt.

    Leben und denken die auch immer noch in ihrem Kastensystem?

  • "Die Reise nach Benares" von Mukul Kesavan

    "Die Reise nach Benares" spielt im Indien der 40er Jahre, in der Zeit also, in der das Land unabhängig wurde und sich in zwei Staaten teilte. Der Ich-Erzähler jedoch - und das gibt diesem Roman die außergewöhnliche Note - ist ein Zeitgenosse von uns, der plötzlich und ganz unfreiwillig in das Jahr 1942 versetzt wird. Diese Zeitreise ist der Auftakt zu einer bewegten Odyssee durch Indien, die sich mehr und mehr als Suche des Erzählers nach seiner Indentität und der seines Landes herausstellt. Mit erzählerischer Kraft, Witz und Ironie präsentiert Mukul Kesavan in seinem Erstlingswerk auf ungewöhnliche und originelle Weise ein wichtiges Stück indischer Geschichte.


    ASIN/ISBN: 3453131355


    Kannst Du denn das Buch empfehlen?

  • Spontankauf, das Ebook ist gerade im Angebot. Der Kilopreis :grin und einige Rezensionen wirkten überzeugend.


    ASIN/ISBN: 359614583X

    Bombay 1975. Vier Menschen treffen aufeinander. Ihre Schicksale verknüpft Rohinton Mistry meisterlich zu einem großen Roman. Wir bedgenen Dina Dalal, einer Frau Anfang Vierzig und Maneck Kohlah, einem Studenten aus dem Gebiet des Himalaja; dem unglaublich optimistischen Ishvar Darji und seinem widerspenstigen Neffen, zwei Schneidern, die vom Land in die Stadt geflohen sind.

    Seine großen erzählerischen Bögen spannt Misty von den grünen Tälern des Himalaja bis in die Straßen von Bombay. Er erzählt von Rajaram, dem Haarsammler; dem geschäftstüchtigen Bettlermeister, Herr über eine Bettlerarmee; oder Mr Valmik, einem Korrekturleser, der eine Allergie gegen Druckerschwärze entwickelt.

    ›Das Gleichgewicht der Welt‹ läßt den indischen Subkontinent vor den Augen der Leser entstehen - ein Kosmos, der nur auf den ersten Blick fremd erscheint.

  • Leben und denken die auch immer noch in ihrem Kastensystem?

    Das weiß ich leider nicht. Schon Small Talk kommt bei hauptsächlichem Kontakt per Mail oder Chat irgendwie viel zu kurz. Defintiv anders als hier ist die hierarchische Denkweise. Sobald man auch nur den Hauch einer weiterführenden Frage stellt, kommt die Antwort nicht mehr vom Mitarbeiter, sondern vom Chef. Und das wirklich schon bei Kleinigkeiten.


    Überraschend fand ich, wie viele IT Kolleginnen es dort gibt und auch durchaus in gehobeneren Positionen.