Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen - Margaret Craven

  • “Sieh nicht zurück. Wende nicht den Kopf. Geh immer geradeaus. Du gehst ins Land der Eule.“



    154 Seiten, Taschenbuch
    Originaltitel: I Heard the Owl Call My Name
    Übersetzt von: Kai Molvig
    Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 3. Auflage 2002
    ISBN-10: 3-499-22786-X
    ISBN-13: 978-3-499-22786-8



    Kurzinhalt / Klappentext


    Mark Brian, ein todkranker junger Geistlicher, wird als Seelsorger in eine entlegenes Indianerdorf an der Westküste Kanadas geschickt. Inmitten der Wildnis lernt er, im Gleichklang mit der Natur zu leben und den Tod als Einmünden in diese Harmonie zu begreifen. An einem kalten Winterabend hört Mark Brian den Ruf der Eule, und er ist bereit.


    „Mit größter Einfachheit und Selbstverständlichkeit, hinter denen sich jedoch großer Kunstverstand verbirgt, hat Margaret Craven einen Roman geschrieben, den man nicht vergißt, den man aufbewahren, immer wieder aufschlagen und weiterempfehlen möchte.“ (Neue Züricher Zeitung)



    Über die Autorin


    Margaret Craven (13.März 1901 - 19. Juli 1980), geboren in Helena (USA), verbrachte ihre Jugend im Staate Washington. Nach Studien an der Stanford University war sie sechs Jahre lang Kolumnistin für eine Zeitung. Danach arbeitete sie als freie Schriftstellerin.
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    Meine Meinung


    Der Arzt sagte zum Bischof: „Das bedeutet, Hochwürden, länger als drei Jahre wir Ihr junger Vikar nicht mehr zu leben haben, aber er weiß nichts davon. Werden Sie es ihm sagen? Und was haben Sie mit ihm vor?“


    Vor einiger Zeit wurde in einem anderen Fred diskutiert, daß Bücher unter vierhundert Seiten eigentlich nichts sein könnten; überspitzt gesagt, man sich damit eigentlich gar nicht erst abgeben müsse, weil die ja viel zu kurz seien, um eine ganze Geschichte erzählen zu können. Es scheint, wir haben uns geirrt. 154 Seiten können ausreichend sein, eine Geschichte, die mit den obigen Worten beginnt, zu erzählen. Zu berichten davon, wie ein junger Mann als Geistlicher in ein entlegenes Indianerdorf gesandt wird, nur um eines zu lernen: zu sterben.


    Kein Wort zu wenig, kein Wort zu viel. Sprachlich fast knauserig knapp, und dennoch ist am Ende alles gesagt. Manchmal sind 154 Seiten mehr als genug.


    Sein Gesicht war das eines Indianers, seine Augen die eines Indianers, und in ihnen lag eine abgrundtiefe Trauer. So sieht Mark das Christusbild in seiner neuen Kirche, als er sie zum ersten Mal betritt. Irgendwann, wenn er längst selbst Teil dieser kleinen indianischen Welt geworden ist, wird auch er diese Trauer in den Augen haben.


    Es ist ein stilles Buch, bei dem man beim ersten Satz schon weiß, wie es (zwangsläufig) enden wird, getragen von einer melancholischen Grundstimmung, nicht nur, weil Mark gehen muß, sondern auch, weil das Dorf irgendwann „gehen“ und verschwinden wird, aufgesogen und verdrängt von der modernen Lebensart, in der das Althergebrachte, das Ursprüngliche, vielleicht sogar das Wesentliche, keinen Platz mehr haben.


    (...) und seine Augen leuchteten vor Unternehmungslust wie die Augen seiner drei jüngeren Kameraden. Und keiner von ihnen wußte, daß er, als das Kanu vom Ufer abstieß und von der Strömung ergriffen wurde, seine Kindheit hinter sich ließ und sie nie wiederfinden würde.


    Es ist ein Buch der leisen Töne, das uns immer wieder daran erinnert, daß das Leben aus Werden und Vergehen, Kommen und Gehen besteht. Nichts bleibt, wie es ist. Und nicht gegen alles können wir uns wehren. Ein Buch des Abschieds und des Abschiednehmens.


    Hier kannte jeder Vogel und jeder Fisch seinen Weg. Jeder Baum hatte auf dieser Erde seinen bestimmten Platz. Nur der Mensch hatte seinen Weg verloren.


    Aber es ist auch ein Buch des Findens. Still und leise scheint es auf, daß wir eingebunden sind in einen ewigen Kreislauf. Und daß die Akzeptanz dessen zu innerer Ruhe, zu innerem Frieden, zum Einssein mit der Schöpfung führen kann.


    In dieser Nacht stürzte der Frühjahrsregen in wahren Wolkenbrüchen vom Himmel, während der junge Vikar damit rang, woran kein Mensch zweifelt und dem doch kein Mensch je bereit ist ins Auge zu sehen.


    Letztlich müssen wir lernen, uns einzureihen in den Kreislauf des Lebens, den Kreislauf von Werden und Vergehen, Kommen und Gehen, Leben und Tod. Damit wir bereit sind, wenn es einstens so weit ist. In Ruhe und Frieden. Wenn der Ruf der Eule an uns ergeht.


    Am Dorf vorbei floß der Fluß - wie die Zeit, wie das Leben selbst. Er wartete darauf, daß der Schwimmer wiederkäme, auf dem Weg zum Höhepunkt seines abenteuerreichen Lebens und zu dem Ende, für das er geschaffen wurde.


    Wa Laum
    (Das ist alles)



    Kurzfassung:
    Ein kleines Buch über eine große Reise.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Und hier die amerikanische Originalausgabe.


    Edit. ISBN-Nummer korrigiert.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

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  • Ich weigere mich ja schon seit vielen Jahren ziemlich erfolgreich, noch einmal irgend einen Roman zu lesen ......


    .....ganz selten aber lasse ich mich doch davon überzeugen, dass dieses oder jenes Werk mir auch wieder einmal ein ganz spezielles Lesevergnügen bringen könnte.


    Nun habe ich Deine Rezi mit zunehmendem Interesse gelesen....und wenn ich mich jetzt recht erinnere, ist das tatsächlich der erste Roman, der nun auf meiner Eulen-Wunschliste landet.


    Ich mag sie eben auch, diese stillen Bücher....sehr sogar.


    Danke Dir für diese Buchvorstellung....Joan

    Avatar: James Joyce in Bronze... mit Buch, Zigarette und Gehstock.
    Diese Plastik steht auf seinem Grab. (Friedhof Fluntern, Zürich)
    "An Joyces Grab verweht die Menschensprache." (Yvan Goll)

  • Danke für diese wunderbare Rezi. Das Buch muss ich haben.

    LG, Uhu :katze


    Bücher bergen mehr Schätze als jede Piratenbeute auf einer Schatzinsel... und das Beste daran ist, daß man diese Reichtümer an jedem Tag im Leben aufs neue genießen kann. (Disney, Walt)

  • Auf meine Liste kommts auch - und da fällt mir auch gleich spontan noch wer ein, dem/der ich das schenken kann.
    Danke für die Rezi! :-)

    Liebe Grüßle
    Mondi :groehl


    Ein Optimist ist ein Mensch, der alles halb so schlimm oder doppelt so gut findet. ~Heinz Rühmann~

  • Danke für Eure Reaktionen!


    Ich habe das Buch jetzt zum zweiten Mal gelesen, und fand es genau so gut wie beim ersten Mal. Wobei vielleicht noch angemerkt sei, daß das Ende zwar schon am Anfang klar ist,die Art des wie jedoch etwas anders als ursprünglich vermutet. Wenn die Zeit da ist (bzw. eben die Eule gerufen hat), passiert es eben. Egal wie krank oder gesund man ist. Ob man damit rechnet oder nicht.


    Und die Frage nach dem Taschentuchverbrauch muß wohl jeder für sich selbst beantworten. Das Buch ist nach meinem Empfinden überhaupt nicht kitschig oder auf "Tränendrüsen drücken" geschrieben. Ich habe trotzdem eine Packung Taschentücher verbraucht.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • SiCollier


    was mich jetzt noch interessiert hätte, inwieweit denn dieser Geistliche in diesem Indianerdorf auch missioniert hat....wird überhaupt diese Problematik des Missionierens in diesem Buch auch angesprochen?

    Avatar: James Joyce in Bronze... mit Buch, Zigarette und Gehstock.
    Diese Plastik steht auf seinem Grab. (Friedhof Fluntern, Zürich)
    "An Joyces Grab verweht die Menschensprache." (Yvan Goll)

  • @ Joan


    Die Antwort spoilere ich lieber mal, weil von der "inneren Handlung" viel enthalten ist:



    Der Bischof schickt Mark ja dorthin, damit er lernt, sein Schicksal - den Tod - zu akzeptieren, weil er Vertrauen zu diesen indianischen Menschen hat. Mark integriert sich weit mehr, als zu Beginn zu erwarten ist, in die Dorfgemeinschaft. Eher wird er zum Indianer als daß er zu "missionieren" versucht (zumal die meisten Indianer Christen sind). Eben deshalb wird er letztlich nicht nur respektiert, sondern auch völlig akzeptiert als Teil der Dorfgemeinschaft. Als der Bischof in abberufen will, weil er seine "Lektion" gelernt hat, bitten die Indianer ihn bei ihnen zu bleiben bis zum Ende. Daß dies dann schneller und anders kommt, als vermutet, habe ich im letzten Post schon angedeutet. Letztlich wird er das Dorf und seine Umgebung nicht mehr verlassen. Weder lebend noch tot.


    Das Buch ist sicherlich nicht "religiös" im eigentlichen Sinn. Doch wenn ein Geistlicher eine Hauptrolle spielt, wenn Indianer und ihre Mythen und Götter ins Spiel kommen, ist das Thema Religion nicht vollständig auszuklammern. Allerdings für jemanden, für den das Thema "Religion" oder "Mythen" ein rotes Tuch ist, wird dieses Buch sicher eher nichts sein, weil diese Dinge zwangsläufig auftauchen und eine Rolle spielen müssen.


    Edit. Schreibfehler berichtigt.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

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  • Oooh, wie schööööön......


    Eine Buchvorstellung, die ich sehr gerne gelesen habe,
    da möchte ich auch das Buch unbedingt kennenlernen...
    Lieben Dank, SiCollier

    Nicht wer Zeit hat, liest Bücher, sondern wer Lust hat, Bücher zu lesen,

    der liest, ob er viel Zeit hat oder wenig. :lesend
    Ernst R. Hauschka

    Liebe Grüße von Estha :blume

  • Freut mich, wenn es euch gefällt!


    Das dritte Mal werde ich es dann wohl auch im englischen Original lesen, wenngleich die Übersetzung sehr gut ist. Ich habe mir inzwischen das zweite Buch von ihr "Again Calls the Owl" bestellt, wohl eine Art Autobiographie.


    Übrigens habe ich inzwischen festgestellt, daß man auf der Website von Randomhouse in das englische Buch hineinlesen kann. Auf Seite 11 beginnt dann der eigentliche Text.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Zitat

    Das dritte Mal werde ich es dann wohl auch im englischen Original lesen,


    Du hast es vor zum dritten Mal zu lesen :wow :wow :wow, das muss aber wirklich ein ganz tolles Buch sein, freue mich drauf :trippel

    Nicht wer Zeit hat, liest Bücher, sondern wer Lust hat, Bücher zu lesen,

    der liest, ob er viel Zeit hat oder wenig. :lesend
    Ernst R. Hauschka

    Liebe Grüße von Estha :blume

  • Zitat

    Original von SiCollier
    Danke für Eure Reaktionen!


    Ich habe das Buch jetzt zum zweiten Mal gelesen, und fand es genau so gut wie beim ersten Mal. Wobei vielleicht noch angemerkt sei, daß das Ende zwar schon am Anfang klar ist,die Art des wie jedoch etwas anders als ursprünglich vermutet. Wenn die Zeit da ist (bzw. eben die Eule gerufen hat), passiert es eben. Egal wie krank oder gesund man ist. Ob man damit rechnet oder nicht.


    Und die Frage nach dem Taschentuchverbrauch muß wohl jeder für sich selbst beantworten. Das Buch ist nach meinem Empfinden überhaupt nicht kitschig oder auf "Tränendrüsen drücken" geschrieben. Ich habe trotzdem eine Packung Taschentücher verbraucht.



    *auf die wunschliste hau* :chen

  • Da ich das Elend der in Kanada lebenden Indianer selbst gesehen habe, konnte ich alles gut nachvollziehen. Ein wundervolles, warmes, ruhiges, manchmal auch trauriges Buch. Ich hätte am liebsten ewig weitergelesen. Danke für den Tip.

  • SiCollier, nochmals vielen Dank für Deine tolle Rezension.


    Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, bleibt mir dazu eigentlich nichts mehr hinzuzufügen - ein tolles Buch, das sprachlich wunderbar geschrieben ist und eine lange Reise so herrlich beschreibt; auch, wenn das Ende vorhersehbar ist, ist es doch anders, als erwartet und man taucht regelrecht ein in diese Welt an der Westküste Kanadas - ich bin begeistert und werde es sicher demnächst noc hmal in Ruhe lesen, nachdem ich es gestern an einem Tag verschlungen habe!


    Danke

    :lesend Anthony Ryan - Das Heer des weißen Drachen; Navid Kermani - Ungläubiges Staunen
    :zuhoer Tad Williams - Der Abschiedsstein

  • Jetzt habe ich es auch gelesen. Wirklich ein wunderbares Buch, das darauf wartet nochmals gelesen zu werden.
    Ich kann nur unterschreiben was Si und Caia schrieben.


    Und dieses wunderbare Zitat gehört ab sofort zu meinen Lieblingszitaten


    Zitat

    Am Dorf vorbei floß der Fluß - wie die Zeit, wie das Leben selbst. Er wartete darauf, daß der Schwimmer wiederkäme, auf dem Weg zum Höhepunkt seines abenteuerreichen Lebens und zu dem Ende, für das er geschaffen wurde.


    Wa Laum
    (Das ist alles)


    :anbet

    LG, Uhu :katze


    Bücher bergen mehr Schätze als jede Piratenbeute auf einer Schatzinsel... und das Beste daran ist, daß man diese Reichtümer an jedem Tag im Leben aufs neue genießen kann. (Disney, Walt)