Vanora Bennett: Bildnis einer jungen Frau

  • Originaltitel: Portrait of an unknown woman


    Inhalt (amazon)


    Es ist das Jahr 1526. Der berühmte Maler Hans Holbein kommt nach England, zu Sir Thomas More. Sein Auftrag: ein Portrait Mores im Kreis seiner Familie. Holbein lernt nicht nur den Kanzler Heinrichs VIII. gut kennen, sondern auch Meg, Mores Ziehtochter. Sie, die kluge, medizinkundige junge Frau, fasziniert den ehrgeizigen Maler. Aber auch John Clement, ein Mann mit dunkler, rätselhafter Vergangenheit, wirbt um Megs Gunst. Meg wird einen der beiden Männer heiraten und den anderen lieben. Und nur in Holbeins Gemälde wird das Geheimnis auf immer bewahrt ...
    Mitten in den Umbrüchen der Tudor-Zeit entfaltet sich die Geschichte um zwei der wichtigsten Gemälde Holbeins und das Schicksal einer jungen Frau, die nach der Wahrheit hinter den Bildern sucht.


    Autorin (Klappentext)


    Vanora Bennett stammt aus London. Nach dem Universitätsabschluss in
    Russischer Literatur ging sie als Journalistin für Reuters ins Ausland
    und berichtete aus Angola, Kambodscha, Russland und Simbabwe. In London
    arbeitete sie dann als politische Redakteurin für "The Times", bevor
    sie mit "Bildnis einer jungen Frau" ihren ersten Roman veröffentlichte.
    In "Times Online" schreibt sie weiterhin eine wöchentliche Kolumne.
    Vanora Bennett lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London.


    Meine Meinung


    Wer den Klappentext liest, erwartet vielleicht einen seichten Liebesroman mit dem Motiv "eine Frau zwischen zwei Männern". Weit gefehlt!
    Es handelt sich hier um einen sehr anspruchsvollen, intelligenten Roman in einer ebenso anspruchsvollen Sprache mit teils sehr langen, verschachtelten Sätzen, die die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordern.
    Der Roman spielt zur Zeit Heinrichs VIII, nimmt allerdings auch immer wieder Bezug auf die Jahre zuvor, als die Tudors an die Macht kamen. Die Hauptfigur ist jedoch nicht der König, sondern Thomas Morus und seine Familie. In einem zweiten Handlungsstrang, der sich teilweise mit dem ersten verbindet, steht der Maler Hans Holbein der Jüngere im Mittelpunkt, der viele Jahre seines Lebens in England verbrachte und Portraits nicht nur der Königsfamilie, sondern auch der Familie Morus und anderer damaliger VIPs anfertigte.
    Der Handlungsstrang um die Familie Morus wird aus der Ich-Perspektive der Ziehtochter Meg Giggs erzählt, der andere ist eine Erzählung in der 3.Person über Hans Holbein.
    Die eigentliche Thematik dieses Romans ist in meinen Augen der Konflikt zwischen der Katholischen Kirche und dem Protestantismus, der auf dem europäischen Festland bereits tobt und nun -nicht zuletzt wegen der "geheimen Sache" des Königs (sein Scheidungsbegehren und die gewünschte Heirat mit Anne Boleyn) - auf England übergreift. Der Humanist Morus ist innerlich zerrissen: einerseits ist er fortschrittlichem, wissenschaftlichen Denken zugetan, andererseits ist er ein eifriger Verfechter des katholischen Glaubens, der sich dazu berufen fühlt, das Ketzertum auszurotten, indem er vermeintliche Ketzer foltern und verbrennen lässt. Als Ketzer qualifiziert man sich schon, wenn man es wagt, die frühneuenglische Bibelübersetzung des William Tyndale lesen zu wollen, weil man vom lateinischen Wort Gottes nichts versteht!
    Seine Härte und Unnachgiebigkeit in Glaubensfragen führt zu großen Unstimmigkeiten zwischen ihm und seiner Ziehtochter Meg, die sich von seiner religiösen Intoleranz abgestoßen fühlt. Als auch ihr Ehemann John Clement, der frühere Hauslehrer der Morus-Kinder, sie enttäuscht, weil er ihren (Stief)vater verehrt und nicht für sie Partei ergreift, flieht sie in die Arme Hans Holbeins...
    Die Figuren in diesem Roman sind alle historisch belegt, jedoch wird auch eine ungeheuerliche Theorie aufgestellt, die sich nach Meinung einiger Betrachter aus dem Familienportrait der Mores ableiten lässt:





    Das berühmte Familiengemälde soll auch noch andere Geheimnisse verbergen, deren Wahrheitsgehalt ich nicht beurteilen kann, die aber intelligente Gedankenspiele der Autorin darstellen.
    Dieses Buch lässt sich nicht leicht herunterlesen und erfordert (vor allem für Nicht-Anglisten) einige Extra-Recherchen, aber es ist faszinierend und für Leser, die sich für die Tudors interessieren, absolut zu empfehlen.
    Sehr informativ ist auch die Homepage der Autorin , die umfangreiche Hintergrundinformationen zum frühen 16.Jahrhundert bietet.

  • Liebe €nigma :wave
    Danke für die schöne und sehr interessante Rezi.
    Das Buch wandert gleich mal etwas höher in meinem RUB :lache
    Ich habe es mir gleich nach Veröffentlich gekauft, ich habe es nur noch nicht gelesen


    :gruebel Charlie, wäre das nicht genau ein Buch für Dich???
    Der Roman spielt zur Zeit Heinrichs VIII.


    LG
    bonomania :wave

    to handle yourself, use your head, to handle others, use your heart
    SUB 15
    _______________________________________________________
    :kuh:lesend

  • Ebenfalls Danke für die tolle Rezi! :wave


    Ich verschieb es gleich mit auf die WL, da es sich wieder klasse anhört und mein Geschmack trifft. :-]

    :oha Lg Bellamissimo
    ~~~~~~~~~~~~~~
    Habent sua fata libelli- Bücher haben ihre Schicksale:pferd
    :lesend Der Fluch der Hebamme- Sabine Ebert
    Mit offenen Karten- Agatha Christie

  • @ bonomania & Bellamissimo


    Habt Ihr dieses Buch inzwischen gelesen? Eure Meinungen dazu würden mich interessieren.
    Ich lese gerade "Die zwölfte Nacht" und habe einge Dinge bezüglich der religiösen Konflikte aufgrund der Lektüre von "Bildnis einer jungen Frau" wesentlich besser verstanden als wenn ich das Buch von Vanora Bennett nicht gelesen hätte.


    Ich denke auch, dass dieses Buch ein Muss für Charlie ist, vermute aber, dass sie es längst gelesen hat... ;-)

  • Ich habe es noch nicht gelesen. Es steht noch immer in meine RUB, sogar noch in Folie eingeschweißt :lache
    Kommt aber auch noch dran!


    Edit:

    Zitat

    Original von €nigma
    Ich denke auch, dass dieses Buch ein Muss für Charlie ist, vermute aber, dass sie es längst gelesen hat..


    Frag sie doch einfach im September per PN danach, wenn sie wieder aus dem Urlaub zurück ist

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    :kuh:lesend

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von bonomania ()

  • Zitat

    Original von €nigma
    Habt Ihr dieses Buch inzwischen gelesen?


    Ich habe das Buch in meinen Tudor-Wochen gelesen und es hat mir gut gefallen. Meine ausführlichere Meinung kommt, aber ich muss mich erst noch von den Eindrücken von Charlies Roman frei machen.


    Viele Grüße
    Kalypso

  • Ich hatte das Buch schon vor einigen Wochen gelesen und es hat mir richtig gut gefallen. Schön fand ich, dass der Focus mal nicht auf den Königshof gerichtet ist und nebenbei auch ein anderes Thema behandelt, sondern dass die Familie More im Vordergrund steht.


    Die Zeit war vom Umbruch der Kirche und der Abspaltung von Rom geprägt. Die Autorin lässt den Leser nachempfinden, warum Thomas More sich nicht vom katholischen Glauben lossagte und deswegen später hingerichtet wurde. Bemerkenswert sind die gut recherchierten politischen Ereignisse, die in ein alltägliches Familienleben des 16. Jahrhunderts eingebettet werden. Die Charaktere wirken natürlich und passen zur Epoche. Vanora Bennett berichtet weiterhin von verbotenen Bibelstunden, an denen Meg teilnimmt und lässt die Ziehtochter kritisch den Entscheidungen ihres Vaters gegenüber stehen. Dadurch tritt der Zwiespalt zwischen Religion, politischer Figur und Menschsein plastisch hervor.


    Zum Ende der Romanbiografie serviert Bennett eine ausführliche Bildbeschreibung zu einem der bekanntesten Gemälde Holbeins. Sie deutet Metapher und liefert Erklärungen zu den fast unbemerkten Hinweisen. Diese kann man auf der Rückseite des Buchumschlags gleich nachschauen. Das Porträt wird immer wieder von Historikern zur wahren Identität John Clements herangezogen, der dabei einer der Prinzen aus dem Tower darstellen soll. Die Prinzen sind die eigentlichen Erben des Throns der Plantagenets. Allerdings wurde diese Theorie bislang nicht bestätigt. Die Lektüre ist gut strukturiert und kommt ohne übermäßige Aktionen aus. Dennoch ist sie alles andere als langweilig. Geschichtsinteressierten Lesern kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

  • Endlich mal wieder eine schöne Buchentdeckung!
    Nach €nigmas Rezi war ich ja schon zuversichtlich und ich bin nicht enttäuscht worden.


    Der Roman legt volles Augenmerk auf seine Personen und die Zeit, in der sie leben. Die meisten Figuren sind sehr genau angelegt und haben eine gewisse Ambivalenz. Wir begleiten Meg, die Ich-Erzählerin, durch ihre Entwicklung. Ebenso sehen wir viele Dinge durch Holbeins Augen. Das ermöglicht einen besseren Blick auf das ganze. Ich mag es, wenn z.B. Meg uns John Clement mit den Augen einer Verliebten schildert und ein paar Seiten weiter Holbein ihn nicht ganz so sympathisch findet. So sieht man die Dinge von zwei Seiten.


    Der Roman bezieht auch nicht klar Stellung. Welche Art Mensch nun Thomas More genau war, das muss man sich als Leser selber überlegen. Die politischen Ereignisse, der religiöse Konflikt, wird aus nächster Nähe geschildert und doch liegt der Schauplatz nicht ganz in der Mitte des Geschehens.


    Zudem erfährt man einiges über Kunst und die Bildersprache in Gemälden. Eine Kunst, die uns heute verloren gegangen ist.


    Der Roman erzählt seine Geschichte auf andere Weise, als es die meisten Romane tun. Zudem ist Bennetts Sprache wirklich sehr angenehm und ansprechend. Ich fand ihn nicht schwer zu lesen, trotz Schachtelsätze. Vielmehr zog es mich in seinen Bann und die Seiten flogen nur so dahin. Das alles hebt ihn wohltuend ab von der Masse. Zum Schluß war mir Meg etwas zu wankelmütig, sprang zu schnell hin und her. Auch endet der Roman für meinen Geschmack etwas abrupt. Dafür gibts einen Punkt abzug (und nicht die vollen 10 Punkte) für einen ansonsten rundum gelungenen, anspruchsvollen historischen Roman!

  • @ Darcy


    Es freut mich, dass auch Dir dieses Buch gefallen hat.
    Ich habe mir inzwischen "Figures in silk" im englischen Original bestellt (eine deutsche Übersetzung scheint noch nicht in Sicht zu sein?) und bin sehr gespannt.
    Dieses Buch ist zeitlich vor den Tudors angesiedelt (Edward IV), auch hier scheint der Inhalt jedoch weitgehend historisch verbürgt zu sein.
    Ich hoffe, dass ich es bis Weihnachten bekomme, im Moment scheint es Lieferprobleme zu geben...

  • Zitat

    Original von €nigma
    Inzwischen gibt es ein weiteres Buch von Vanora Bennett, "Figures in silk", das ich mir unbedingt unter den Nagel reißen muss. :lesend


    Um dieses Buch schleiche ich auch, seitdem ich das Bildnis gelesen habe. Auf der Homepage der Autorin (hier) kann man nur etwas mehr nachlesen als bei Amazon.

  • "Bildnis einer jungen Frau" ist als TB lt. Amazon inzwischen lieferbar. Meine Buchhandlung hat es bestellt, aber noch nicht geliefert bekommen. Ich möchte doch so gern mal drin blättern und schauen, ob es wirklich was für mich ist. Die englische Leseprobe fand ich gut, aber das reicht mir noch nicht zur Entscheidungsfindung.

  • Zitat

    Original von €nigma
    @ bonomania & Bellamissimo


    Habt Ihr dieses Buch inzwischen gelesen? Eure Meinungen dazu würden mich interessieren.
    Ich lese gerade "Die zwölfte Nacht" und habe einge Dinge bezüglich der religiösen Konflikte aufgrund der Lektüre von "Bildnis einer jungen Frau" wesentlich besser verstanden als wenn ich das Buch von Vanora Bennett nicht gelesen hätte.


    Ich denke auch, dass dieses Buch ein Muss für Charlie ist, vermute aber, dass sie es längst gelesen hat... ;-)


    :nerv:bonk:nerv


    Hab es jetzt erst zufällig gelesen. :rolleyes


    Nein bis jetzt noch nicht gelesen, weil sich immer wieder Bücher vordrängeln die aller nötigst gelesen werden wollen. ;-)
    Aber vergessen wird dies nicht.

    :oha Lg Bellamissimo
    ~~~~~~~~~~~~~~
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    :lesend Der Fluch der Hebamme- Sabine Ebert
    Mit offenen Karten- Agatha Christie

  • mir hat es auch und gerade als ergänzung zu charlies 12night gut gefallen.
    ich schicke ihr mal den link zu diesem thread...


    edit: sie kennt das buch und mag es auch! :grin

    "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute ohne Laster auch sehr wenige Tugenden haben." (A. Lincoln)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von drehbuch ()

  • Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Die bereits angesprochene Sicht auf die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven durch die unterschiedlichen Erzähler und vor allem auch die versteckten Bilder in den Gemälden. Besonders interessant fand ich Thomas Moore als Familienmenschen zu sehen und wie er von der Familie wahrgenommen worden sein könnte.


    Für mich war es ein Buch, das mich auf besondere Weise angesprochen und nachdenklich gemacht hat, das mich aber auch zu weiterer Beschäftigung mit dieser Zeit und den Personen angeregt hat. Und überdies hat es mir schöne Lesestunden bereitet.