Sommerhit- Tom Liehr

  • Mir spukte schon immer im Kopf herum, dass ich mal ein Buch von unserem Tom lesen möchte. Per Zufall fiel mir dieses in die Hände.


    Die Thematik Ost und West ist für mich absolut neu, ich habe mich noch nie damit befasst, weiss als Schweizerin leider auch recht wenig darüber. Umso mehr hat mich die Geschichte beeindruckt, richtig umgehauen.


    Ich ahnte die ganze Zeit, dass sich hier Falk rächen wird. Rächen ist hier für mich nicht ganz das richtige Wort. Einfach mal hinstehen und Klartext reden. Irgendwann muss es raus, auch Jahre später können solche Erinnerungen belasten.

    Der Schluss war für mich Gänsehaut pur.


    Tolles Buch, traurig, lustig, nachdenklich, tiefgründig, …


    Das Buch stimmt nachdenklich. Wie war das in der eigenen Schulzeit? Gemobbt wird in der Schule schon immer - nur das Wort Mobbing ist neu.


    Oh ja, liebe Lesebiene. Da werde ich mal wieder schmerzlich an die eigene Schulzeit erinnert.

  • Hey, Faraday.


    Freut mich sehr, dass Dir das Buch gefallen und Dich so berührt - sogar umgehauen - hat. Das ist ein Buch, das mir vor allem thematisch besonders viel bedeutet.

    Im November bin ich zu einer Lesung an einer Schule in Berlin-Treptow eingeladen, und dort werde ich dann auch aus "Sommerhit" vorlesen, weil es einfach gut passt und ein Thema bearbeitet, das nach wie vor aktuell ist. Zu diesem Roman hatte ich auch gerade von Schülern und aus Deutschkursen bislang die meisten Rückmeldungen. Er ist verblüffend und beglückend oft Thema an Schulen, insbesondere in den Sekundarstufen.

  • Sommerhit von Tom Liehr


    Anfangs war ich richtig begeistert. Die Formulierungen, das Tempo und die Spannung stimmte für mich. Falk fand ich gleich sympathisch und sein Schicksal als DDR-Flüchtling interessant. Die Schilderungen der Ungarn-Reise aus olfaktorischer Sichtweise hatte oft etwas Rührend-komisches. Da ich es nicht besser weiß, habe ich die beschriebenen Umstände als durchaus wahrscheinlich akzeptiert.


    Sonja wäre mein Jahrgang und auch ich habe einen ebenso jüngeren Bruder, der zufällig Martin heißt. Von daher hatte ich gleich einen sehr persönlichen Bezug zu der Familiengeschichte. Auch was Cliquenbildung und Außenseiterrolle in der Schule angeht kam mir einiges sehr vertraut vor. Unsere Abschlussfahrt 1980 war auch eher eine negative Erfahrung für mich. Bis hierhin war für mich alles authentisch.


    Mit der Musikkarriere konnte ich nicht so viel anfangen. Dafür interessiert mich dieser Bereich nicht genug. Ich habe Falk gegönnt, dass er hier Glück hatte und seinen eigenen Weg gehen konnte. Er hat seine eigene Bedeutung von „Cool sein“ entwickelt.

    Die Familienzusammenführung fand ich enttäuschend. Vom Vater hätte ich gern mal gehört, warum er ursprünglich die DDR verlassen wollte. Dass Sonja erstmal nichts mehr von den Eltern wissen wollte, war einleuchtend aber natürlich auch besonders traurig. Falk hätte seinen Eltern schon deutlicher sagen sollen, was seine Schwester erleiden musste.


    Die Spannung wird ja von Anfang an auf das Klassentreffen hin aufgebaut. Das ist schon raffiniert gemacht. Dann platzt endlich die Bombe und … ?!

    Irgendwas störte mich an dieser Art der Abrechnung. Ich habe nun die ganze Leserunde und die Rezensionen mit den Diskussionen nachgelesen - unter anderem in der Hoffnung einen Hinweis, was mir hier so sauer aufstößt, zu finden.


    Wie mehrfach vom Autor betont geht es in diesem Buch um Macht und Machtmissbrauch. Und um Schuld und der Umgang damit. Um Suizid und inwiefern die Umwelt des Verzweifelten dafür verantwortlich gemacht werden kann.


    Ich fand es sehr schade, dass der nette Falk sich so zum fiesen Racheengel entwickelte, der es nicht bei einer schlichten Vorführung seines Erfolgs belässt sondern vor den versammelten Klassenkameraden mit ihren Ehe- oder Lebenspartnern deren lang zurück liegenden Jugendsünden auf schockierende Weise vorführt. Besonders perfide war das vorherige Einschleimen bei den Sprösslingen mit dieser Jugendsprechdemonstration, um sich deren Akzeptanz und Aufmerksamkeit zu sichern.


    Wie Macht korrumpieren kann wird hier sehr deutlich beschrieben. Falk nutzt nicht nur seine Prominenz als Martin Gold sondern auch die Daten, die ihm sein privater Geheimdienstler verschafft hat. (Wie der an das Foto aus der Polizeiakte gekommen ist möchte ich lieber gar nicht wissen.)



    Mein Kompliment Tom ! So sehr es mich persönlich auch geschmerzt hat, bin ich Dir nicht böse, dass Du den netten Falk quasi auf dem Altar der Erkenntnis geopfert hast. Dazu ist die Konstruktion des Romans einfach zu genial. :thumbup:

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von Tante Li ()

  • Huhu, Tante Li.


    Danke für die ausführliche Besprechung. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich sie richtig verstanden habe, aber mich beschleicht das Gefühl, dass Dir das Buch überwiegend gefallen hat. ;)


    Es wird durchaus erklärt, warum sich Falks Vater in der DDR nicht wohlfühlt, warum er weg will. Aber vielleicht nicht ausführlich genug.

  • Tom Das Buch hat mir überwiegend gefallen - teilweise sogar mehr als das. Die Abstriche mache ich nur, weil mir eine sympathisch gewordene Figur zum Schluss verloren ging und ich es schade fand, dass Falk sich seine Coolness nicht erhalten hat sondern seinerseits zum Fiesling wurde. Kurz hatte sich ja sein Gewissen gemeldet, bevor er zum zweiten Mal auf die Bühne trat, aber da war er wohl schon zu tief im Machtrausch versunken. :sumu


    Wenn Du noch weitere Fragen zum Verständnis meiner Darstellung hast, darfst Du sie mir gerne stellen. :wave

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

  • Fiesling? ;(


    Rache hat immer einen unguten Beigeschmack, aber eigentlich rächt er sich nicht (daher auch "Ein gutes Leben ist die beste Rache" als Einleitung des Klappentextes), sondern verhindert nur, dass die Vergangenheit und die Erinnerung daran verfälscht werden, dass alle so tun, als wäre nichts geschehen, weil sie sich noch immer nicht dem Druck der Clique entziehen können, auch Jahre später. Rache im Sinne einer Vergeltung findet ja nicht statt. Die Rache besteht darin, dass es Falk - und einigen anderen - gut geht, während die echten Fieslinge bis zu den Knien in ihrem eigenen Glibber stehen.


    Und er schleimt sich auch nicht bei den Jugendlichen ein. Jedenfalls war es nicht so gedacht, aber diese Szene haben viele kritisiert, aus ganz unterschiedlichen Gründen.


    So oder so. Danke! :anbet


    (Und ich merke gerade wieder, wie ungeheuer wichtig mir dieser Roman nach wie vor ist, auch acht Jahre nach dem Erscheinen und neun Jahre nach seiner Fertigstellung.)

  • Wären wirklich nur die damals Beteiligten bei der Erinnerungsvorführung anwesend gewesen, hätte ich es wohl auch so wie Du gewollt gesehen.

    Aber da waren die Kinder und Angeheirateten dabei:!:

    Ich stelle mir eben vor, was die Klassenkameraden in der Folge des Klassentreffens von ihren Angehörigen sich haben anhören müssen. Gut möglich, dass da einige Ehen und Eltern-Kind-Beziehungen daraufhin kaputt gegangen sind. Wer ist schon gern mit jemandem zusammen, der sich als Schwächling oder Charakterschwein entlarven lässt - und das auch noch von so einer prominenten Persönlichkeit.

    :gruebel Hätte nur noch gefehlt, dass die Presse von der Sache Wind bekommt. :yikes Da wäre auch noch so manche Berufskarriere beendet gewesen.

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

  • Fiesling? ;(

    Täte mir leid, wenn ich Deine Intention grundlegend falsch verstanden hätte. :brabbel


    :


    :keks Nichtsdestotrotz habe ich heute noch eine Ausgabe dieses Romans bei Medimops bestellt (und zweimal Leichtmatrosen woanders noch) zum Verschenken.

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Tante Li ()

  • :gruebel Nur noch eine kleine Frage am Rande: auf Seite 322 (Tb) steht:


    >> - und meine Stieftochter Nicole, die hübsche, inzwischen neunzehnjährige Prinzessin, die den Restaurantinhaber und ... gab es dafür eine Bezeichnung? ... Stiefcousin keine Sekunde aus den Augen ließ.<<


    Von wem ist da die Rede? Hat Nicole einen Sohn? Dann wäre das ein Stiefenkel!

    Oder ist von Michael die Rede? Dann wäre das schlichtwegs Falks Neffe. :gruebel

    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

  • (Und ich merke gerade wieder, wie ungeheuer wichtig mir dieser Roman nach wie vor ist, auch acht Jahre nach dem Erscheinen und neun Jahre nach seiner Fertigstellung.)

    Das sollte er auch sein. Es ist dein bester. :wave


    „Sommerhit“ schimmert als Perle zwischen den wenigen bedeutenden Werken der aktuellen deutschen Gegenwartsliteratur hervor, ist anrührende (nicht rührselige) personalisierte Zeitgeschichte, dabei gnadenlos präzise analysierend, nichts verklärend, sensibel beobachtend, nie aufdringlich, nie betroffenheitsschwanger, voll Melancholie, mit feinsinnigem Humor, mitreißend, vor allem aber, ja!, liebevoll geschrieben." (Aus meiner Eulen-Rezi von 11/2012)

  • Danke, Didi. Aber es stimmt nicht. Mein bester ist der nächste. Das ist immer so. ;)

    Bei meinen persönlichen Favoriten liegt "Nachttankstelle" einen Hauch vor "Sommerhit", aber das hat vor allem etwas mit Sprache und Bildhaftigkeit zu tun.

    zu 1: Klar, das mit dem nächsten sagen wir Schreiberlinge immer gern. Da spielt eben auch viel Hoffnung mit ... :lache


    zu 2: Was Duktus und Stilistik angeht, magst du sogar recht haben. Ich erinnere mich, dich nach der Lektüre von "Nachttankstelle" als "Meister der brillanten Metaphern" bezeichnet zu haben. Dem Buch kommt dennoch - immer nur aus meiner Sicht! - nicht ganz dieselbe literarische Bedeutung zu wie "Sommerhit", das einer der herausragenden Wendezeitromane - und damit ein sehr wichtiges Buch deutscher Zeitgeschichte - ist und immer bleiben wird.