Sommerhit- Tom Liehr

  • Erschienen: 1. Juli 2011
    330 Seiten
    ISBN -13: 978-3-352-00814-6


    Kurzbeschreibung:


    Ein gutes Leben ist die beste Rache! Vom „Tal der Ahnungslosen“ ins West-Berlin der 80er Jahre – Falk Lutter hat es wirklich nicht leicht im vermeintlichen Land der Träume. „Sommerhit“ erzählt die Geschichte von einem, der auszog, es allen zu zeigen: eine meisterhaft ausbalancierte Tragikomödie über Heimatgefühle, Außenseitertum, Lebensträume und nicht zuletzt Familie und Freundschaft. „Ein Autor, den man in einem Atemzug mit Nick Hornby nennen kann.“ Radio AFK


    Über den Autor:


    Tom Liehr, geb. 1962 in Berlin, war Redakteur, Rundfunkproduzent und DJ. Seit 1998 Besitzer eines Software-Unternehmens. Er lebt in Berlin. Bislang erschienen seine Romane Radio Nights (2003), Idiotentest (2005), Stellungswechsel (2007), Geisterfahrer (2008) und Pauschaltourist (2009).


    Meine Meinung:


    Wer Tom Liehr schon gelesen hat, wird Tom Liehr wiedererkennen. Da geht es um die Themen Entwicklung, Musik, Freunschaft und Liebe, da geht es um die achtziger Jahre, da kommt auch der feine Humor des Autors zum Zuge. Aber- wer Tom Liehr kennt wird überrascht werden, denn dieses Buch ist vom Thema tiefer, reifer.


    Ein 14-jähriger Junge macht Urlaub mit seinen Eltern am Balaton. Ein Junge aus Dresden, DDR im Jahre 1980. Der erste Schock ist, als an der Grenze die Schwester nicht ausreisen darf und der Urlaub ohne sie fortgesetzt wird, der zweite Schock ist ein Kulturschock, als der junge Falk auf diese geheimnisvollen Wesen namens Westler trifft und sich noch gar in eines von diesen Wesen, Karen aus dem fränkischen, verguckt. Falk wird als Ostler in diesem Urlaub wie ein exotisches Maskottchen behandelt und setzt sich erstmals mit seinem Leben als DDR Deutscher auseinander- mit seinem bisherigen Leben, einer Selbstverständlichkeit musste er das ja nicht. Plötzlich erfährt er, dass seine Eltern diesen Urlaub zur Flucht in den Westen nutzen wollen und bevor er weiß wie ihm geschieht ist er im doppelten Boden eines Wohnmobils in den Westen verbracht. Der Vater, das erfährt er erst nach gelungenr Flucht, verbleibt im Osten um die Schwester zu suchen. Falk ist nun im Westen- und dort wird er als Ostler in Westberlin ausgegrenzt, der Looserfraktion zugeschlagen. Keine Markenklamotten, kein Geld, keine Englischkenntnisse- er kann mit den Rudelführern, den Siegertypen, nicht mithalten.


    1983 geschieht dann in einem Schullandheimaufenthalt im Elsass etwas, das das Leben alles Schüler der Klasse auf immer prägen und belasten wird. Doch jetzt - 27 Jahre später soll ein Klassentreffen stattfinden. Ein Klassentreffen dennoch. In Rückblicken reflektiert der erfolgreiche Musiker Michael Gold seinen Weg zum Erfolg und seine Jugend in der er Falk Lutter war. Er lehnt erst den Gedanken ab zu diesem Klassentreffen zu fahren, doch dann entschliesst er sich dieses Trauma endgültig zu verarbeiten- und seine Rache kalt zu geniessen. Dort im Spreewald erfüllt sich der Spruch auf dem Cover- "Siegertypen sind die erbärmlichsten Verlierer" - und was aus den Loosern wurde? Selber lesen ist unbedingt zu empfehlen.


    Ich lese etwa 3000 Seiten im Monat und nur wenige Autoren schaffen es, das ich nach der letzten Seite nicht sofort das nächste Buch in die Hand nehme und nur eine Handvoll schafft es, dass ich einen Tag oder mehr mit dem Lesen aussetze nach einem Buch, weil es mich so tief beschäftigt. Tom Liehr gehört seit diesem Buch dazu.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Vorab: ich finde es schwierig, in diesem Forum eine Buchvorstellung zu "Sommerhit" zu schreiben. Immerhin ist der Autor hier sehr präsent und ich möchte mir es hier durch meine Kritik nicht verscherzen. Da es allerdings das einzige Buchforum ist, in dem ich aktiv bin und da ich das Buch gelesen habe, möchte ich es dennoch tun.


    Die Handlung ist ja mittlerweile klar, es sind genau genommen eher zwei: die Geschichte eines jugendlichen DDR- Flüchtlings, Falk Lutter, der während der Flucht Vater und Schwester verliert und auf brutale Weise mit der in seinen Augen westlichen Klassenfeind- Kultur konfrontiert wird. In der Schule gehört er zur Verlierergruppe, die unter den "coolen" Mitschülern leiden muss und permanent auf das Fieseste drangsaliert wird. Obwohl (oder vielleicht grade deswegen) Falk nicht auf den Kopf gefallen und überdurchschnittlich sensibel ist. Sein Geruchssinn ist mehr als ausgeprägt- er riecht kritische, gewaltbereite Situationen sozusagen im Voraus. Auf einer Klassenfahrt ins Elsaß erreichen die schreckliche Erlebnisse ihren eklatanten Höhepunkt, nicht zuletzt Falk Lutters Leben erfährt durch diese furchtbaren Vorkommnisse eine rabiate Wende.


    In der zweiten Handlung beginnt eine Metarmorphose, die bei einem verschüchterten, übergewichtigen "Ostler"- Falk Lutter- beginnt und über dessen Flucht in die Musik bei einem sehr erfolgreichen, aber gefühlsverkümmerten Popstar -Martin Gold- endet. Dieser stellt sich durch einen Zufall schließlich den Geistern der Vergangenheit, blickt zurück und verarbeitet im Zuge eines Klassentreffens seine missglückte Jugend.


    Meine Meinung:


    Wie sehr habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Ich konnte es kaum erwarten, sind "Geisterfahrer". "Radio Nights" und "Idiotentest" einfach nur großartige Bücher.


    Leider konnte "Sommerhit" mich nicht so recht begeistern. Es ist zweifellos toll geschrieben, sehr flüssig, spannend und überaus leicht wegzulesen. Dieses gewisse Etwas aber, was Tom Liehrs Bücher für mich zu dem Besonderen machen, was sie sind, hat mir hier gefehlt. Das Gespür des Autors, Tragik mit feinfühligen, tiefsinnigen, liebenswerten Humor zu verbinden, konnte ich nicht finden. Was an sich kein Kritikpunkt wäre, wenn nicht in den Vorankündigungen immer wieder auf genau das hingewiesen werden würde. "Eine meisterhaft ausbalancierte Tragigkomödie", wie sie auf dem Umschlag beschrieben wird,war es für mich ganz und gar nicht. Dieser Roman ist in meinen Augen ausschließlich tragisch, ohne Komik. Aber natürlich kann es sein, dass irgendwer darin etwas Komisches findet. :)


    Die Hauptfigur Martin Gold war mir nicht sympatisch, sie befindet sich in meinen Augen irgendwo stark überzeichnet (beinahe übersinnlich) zwischen Grenouille, dem Zeck aus dem "Parfum" (kann er doch Angstschweiß von Übermutsschweiß von Sexualschweiß von anderen Schweißarten und Schweiß im Allgemeinen unterscheiden.) und einem moralischem Aushängeschild für die Smartphone- und Gameboy- verseuchte Jugend.


    Die Sache mit dem feinen Nase ist eine schöne Idee, die allerdings bis zum Exzess ausgereizt wird und der ich schnell überdrüssig wurde. Ebenso dieser Schreibe über das böse, böse Musikbusiness. An der Stelle, an der Martin Gold an einem Teenie- Tisch sitzt und den Jugendlichen einen Vortrag über Musik hält,


    (Ich will Dich nicht dissen, Whigger, aber es ist dieselbe Scheiße, die auf Deinem verkackten Player läuft. (.......) Musiker produzieren Konsumartikel und sie fronten Dich. Popkultur war immer ein Business und wird es immer sein, aber es ist ok, wenn Du glaubst, etwas Besseres zu sein und zu hören. Unterm Strich ist es nur Mucke, und Deine Mcs sind Geschäftsleute."),


    lief es mir lauwarm den Rücken runter und habe mich leicht fremdgeschämt. Der erhobene Zeigefinger eines gaaanz tollen Popstars, der diese naiven Backfische mit seinen hohlen und betont jugendlichen Phrasen in dieser Geschichte auch noch überzeugen kann. Soll das lässig sein, habe ich mich gefragt. Nun denn. Das mag sehr subjektiv sein, weil mir Leute aus diesem Business nicht fremd sind, aber ich finde Menschen, die so auftreten einfach nur arrogant, peinlich und nichts weiter. Dieses Verhalten passt m.E. nach nicht zu dem Charakter, den Martin Gold in diesem Buch darstellen soll. Es ist eher ein Widerspruch in sich.


    Am Rande gibt es noch mehr Punkte, die mir nicht schlüssig erschienen, wie beispielsweise der Umstand, durch welchen das Klassentreffen letztendlich zustande kam. Nach dieser Vorgeschichte und den Geschehnissen im Elsass halte ich das ganz und gar für unglaubwürdig und an den Haaren für den Abschluss herbeigezogen. Ach so: Eine "Grippe" kommt immer sehr plötzlich, nicht schleichend wie ein grippaler Infekt. Das ist nun wirklich erbsenzählerisch, jajaja, aber es war eben einer dieser kleinen Ungereimtheiten, die mich in der Summe gestört haben.


    Der Schluss war mir persönlich zu vorhersehbar, rachelastig und überzogen.


    In welchem Zusammenhang sich die (fantastische) Songlist am Ende des Buches zu dem Roman befindet, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Vielleicht gibt es gar keinen, was ja auch ok ist. Möglicherweise sehe ich den Zusammenhang auch nicht, aber durch diese Tatsache wirkt sie einfach nur rangeklatscht, als solle sie einen Musikgeschmack des Autors suggerieren und dessen Ahnung von Musik unterstreichen. Was ja nicht schlimm ist. :-) Wie gesagt- das alles nur sehr subjektiv am Rande.


    Das Buch ist kurzweilig, spannend und lesenswert, aber wahrscheinlich bin ich einfach so verwöhnt von den anderen tollen TL- Büchern, dass dieses hier mich eben mal nicht "emotional touchen" konnte, um mal beim Neusprech zu bleiben.


    Tom, sei mir bitte nicht böse. Edit: Ich finde es nicht richtig schlecht, wenn sich das vielleicht jetzt auch so anhört. Auf das nächste Buch freue ich mich jetzt schon. :-] :-] :-]


    Trotzdem habe ich jetzt das Gefühl, mich verkriechen zu müssen. :vergrab


    Edit: Rechtschreibfehler beseitigt und das Wort "lesenswert" ergänzt. Außerdem wollte ich mit sieben Punkten werten, wie mir aber grade auffällt, habe ich anscheinend nur sechs vergeben und mich verklickt. Sorry, also ich vergebe gute sieben Punkte, in der Wertung also einfach einen draufpacken. :-]

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

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  • Falk Lutter ist 14, als er während eines Urlaubs am Balaton mit seiner Familie an der Österreichisch-Ungarischen Grenze die Flucht in den Westen versucht. Doch nur Falk und seiner Mutter gelingt es, in den Westen überzusetzen. Hier muss sich Falk ganz neuen Herausforderungen stellen. Der dickliche Junge mit den auffälligen blauen Augen, der von der Natur aus mit der seltenen Gabe des absoluten Geruchssinnes ausgestattet ist, findet keine Freunde. Er ist der Ostler, der Looser und ständige Außenseiter in der Klasse. Auf der Abi-Abschlussfahrt nach Strassburg kommt zu einer Katastrophe, die Falk in den nächsten Jahrzehnten nie wirklich loslässt. Im Laufe der Zeit wird aus dem dicken Jungen von damals ein bekannter Musiker, der unter einem neuen Namen einen großen Hit landet. Und dann ist sie plötzlich da, die Gelegenheit, den ehemaligen Mitschülern die erlittene Schmach zu vergelten.


    Wenn man den Klappentext und die Inhaltsbeschreibung des neuen Buchs von Tom Liehr liest, könnte man glauben, es erneut mit einem Protagonisten zu tun zu haben, der trotz fortschreitenden Alters die Phase der Pubertät nie wirklich hinter sich lässt. Spätestens nach den ersten Seiten aber wird klar - Falk Lutter ist anders. Das mag zum einen an seinem ausgeprägten Geruchssinn liegen, der nicht nur Falk in manch abstruse Situation bringt, sondern auch den Leser oft genug rot werden oder grinsen lässt, zum anderen aber liegt es in Falk Lutters Persönlichkeit selbst, denn der Junge muss durch die Republikflucht und den Neuanfang im Westen schnell erwachsen werden. Der Weg zum Erwachsenwerden ist steinig, ist geprägt von Gruppenzwängen in der Klasse, die gelegentlich in Gewalttätigkeiten ausarten, Einsamkeit und familiären Schwierigkeiten. Dennoch wird aus Falk ein zufriedener Mensch, der dank seines musikalischen Talentes und eines Quäntchen Glücks seinen Platz im Leben findet. Die traumatischen Erinnerungen an die Abi-Abschlussfahrt lassen ihn jedoch nicht los und als sich über 25 Jahre später die Gelegenheit ergibt, schlägt Falk auf geniale Art und Weise zurück und lässt das Kartenhaus, das seine Mitschüler aus ihren Lebenslügen erbaut haben, auf einen Schlag zusammenbrechen. Zurück bleibt weder bei Falk noch beim Leser ein schales Gefühl für die genommene Rache, sondern die Erleichterung und das Wissen, die Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können.


    Ich habe Falk Lutter sehr gerne auf seinem langen Weg begleitet, der mich durch die frühen 80er, die Zeit der Wende, die Zeit nach der Wende, die 90er bis hin ins neue Jahrtausend geführt hat. Ich bin zwar 5 Jahre jünger als Tom Liehrs Protagonist, konnte mich aber in vielen Beschreibungen, Liedern, ja, Lebensgefühlen wiederfinden. Es war ein bisschen auch eine Reise in meine eigene Jugend- und Schulzeit und in die Zeit der Selbstfindung auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Es ist ein leiser, fast schon ernsthafter aber nie humorloser Weg, den Tom Liehrs Protagonist geht, aber einer, der ohne krachlederne Witze auskommt und sich statt dessen durch feine Zwischentöne und -nuancen auszeichnet. Tom Liehr gelingt hier die perfekte Gratwanderung zwischen Tragik und Komödie, sodass man dieses Buch wirklich mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest (im wahrsten Sinne des Wortes). Die hartgesottenen Tom Liehr-Fans sollte das nicht abschrecken, denn zwischendurch blitzt er doch wieder durch, der ganz besondere Humor des Autors. Ich sage nur - Bastelzombie (liebe Leser, nach der Lektüre dieses Buches werden sie wissen, wer damit gemeint ist).


    Es gab Bücher von Tom Liehr, da hätte ich den Protagonisten am liebsten dauerhaft an den Füßen aus dem Fenster gehängt, weil er mich so furchtbar genervt hat. Bücher, bei denen ich eher das Gefühl hatte, sie wären für die männliche Hälfte der Erdbevölkerung geschrieben worden und bei denen ich ehrlich gesagt froh war, als ich sie beendet habe. Umso schwerer ist es mir bei Sommerhit gefallen, Falk Lutter seines Weges ziehen zu lassen. Das Buch endet mit einem Satz, der genau das ausdrückt, was ich nach dem Umblättern der letzten Seite empfunden habe:


    Oh won't you stay just a little bit longer, sang Jackson Brown


    Schade, Falk Lutter, dass Du nicht noch ein bisschen länger bleiben konntest. Machs gut, vielleicht sieht man sich ja irgendwann mal wieder

  • Zitat

    Es gab Bücher von Tom Liehr, da hätte ich den Protagonisten am liebsten dauerhaft an den Füßen aus dem Fenster gehängt, weil er mich so furchtbar genervt hat. Bücher, bei denen ich eher das Gefühl hatte, sie wären für die männliche Hälfte der Erdbevölkerung geschrieben worden und bei denen ich ehrlich gesagt froh war, als ich sie beendet habe.


    Bei mir ist es genau umgekehrt. ;-)


    Edit: da es hier nun mittlerweile drei Rezis gibt, die den typischen Humor gefunden zu haben scheinen, den ich in dieser Tragik- KOMÖDIE so vermisst habe, werde ich das Buch im Urlaub noch mal ganz in Ruhe lesen. Vielleicht habe ich es zu schnell runtergerattert und es liegt an mir, dass ich eben nur die traurigen und nachdenklichen Seiten sehe. :-)

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

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  • Er war zu komisch, der Pauschaltourist, der letzte Liehr, erschienen vor knapp zwei Jahren. Ein Feuerwerk an Gags und Sprüchen, schön ironisch und boshaft, einfach herrlich.


    Dass er es auch anders kann, wussten wir schon lange. Radiofreak Donald Kunze aus „Radio Nights“, Taxifahrer Henry Hinze vom „Idiotentest“ und „Geisterfahrer“ DJ Tim Köhrey haben ihre Leser berührt, manchmal auch gerührt. Identifikation mit den Hauptfiguren war eher schwierig und wohl auch nicht wirklich gewollt.


    Und nun Falk Lutter. Oder eher Martin Gold. Oder beide. Hier der dicke Junge aus dem Osten, da der gefeierte Musiker. Hier das Mobbingopfer, da der Rächer mit Herz.
    Krachende Gags sucht man vergeblich. Zum Glück. Sie würden nicht passen.


    Was Liehr in seinen früheren Büchern andeutete, erweist sich im „Sommerhit“: Er ist besonders stark, wenn er Gefühl zeigt. Und hier zeigt er es immer wieder. Die Charaktere erscheinen ausgefeilter und vielschichtiger, die Beschreibungen sensibler, die Wertungen liebevoller und zärtlicher.


    Ja, es kommen bekannte Motive vor. Ein bisschen Jean-Baptiste Grenouille, ein bisschen Edmond Dantès, eine Prise Froschkönig – das kann gefährlich sein, wenn es bei platten Klischees bleibt. Die vermeidet der Autor aber und spielt stattdessen mit den großen Vorbildern.


    Auf den typisch liehrschen Humor brauchen wir trotzdem nicht zu verzichten. Wir müssen nur etwas genauer hinsehen, er springt uns nicht brachial ins Auge sondern versteckt sich zwischen Passagen, die traurig sind und nachdenklich machen.


    Und so ganz nebenbei kommen wir in den Genuss einer satirischen Betrachtung des Musik-Business' und seiner Protagonisten. Herrlich.


    Falk Lutter schafft es, erwachsen zu werden. Der Autor irgendwie auch.
    Ein tolles Buch.


    Kleine Kritik: Der Song „Cool sein“ braucht eine verdammt starke Musik, der Text überzeugt mich lyrisch nicht wirklich …

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • Zitat

    Original von churchill
    Kleine Kritik: Der Song „Cool sein“ braucht eine verdammt starke Musik, der Text überzeugt mich lyrisch nicht wirklich …


    Du weißt, dass Du dich damit gerade selbst dazu verurteilt hast, das Lied für das nächste Eulentreffen zu vertonen? :chen

  • churchill :


    :-)


    Zitat

    Kleine Kritik: Der Song „Cool sein“ braucht eine verdammt starke Musik, der Text überzeugt mich lyrisch nicht wirklich …


    Wie soll Dich auch etwas überzeugen, das (wenigstens teilweise, der Text ist überwiegend von Michael Höfler) lürisch von mir stammt? ;-)


    An der Vertonung wurde für die Buchpremiere am Samstag tatsächlich gearbeitet, aber der Musiker hat bereits signalisiert, dass es wahrscheinlich - leider - nicht klappt. Mal schauen ... oder hören.

  • Titel: Sommerhit
    Autor: Tom Liehr
    Verlag: Rütten und Loening
    Erschienen: Juli 2011
    Seitenzahl: 330
    ISBN-10: 3352008140
    ISBN-13: 978-3352008146
    Preis: 16.99 EUR


    Das sagt der Klappentext:
    Falk Lutter ist vierzehn, etwas blauäugig und zu dick, als er 1980 mit seiner Familie nach einem Balaton-Urlaub in den goldenen Westen flieht. Doch nur er und seine Mutter kommen an. Und was der Dresdner Junge dort erlebt, ist ein Kulturschock: Cool sein ist die Devise seiner neuen West-Berliner Mitschüler – eine Coolness, die während der Abi-Abschlussfahrt in ein Drama mündet. Und „Cool sein“ heißt auch sein Sommerhit, der in den 90er Jahren die Tanzflächen rockt. Zwanzig Jahre später kommt es dann zum Klassentreffen. Falk nennt sich jetzt Martin Gold und ist ein Star, der weiß, was er will, und den niemand mehr so richtig auf dem Schirm hat. Der Tag der Abrechnung ist gekommen.


    Der Autor:
    Tom Liehr, geboren 1962 in Berlin, war Redakteur bei P.M., 1990 Sieger und Drittplazierter des ersten "Playboy-Literaturwettbewerbs", seither diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Langjähriger Vorsitzender der "42erAutoren". Zwischenzeitlich tätig als Computerverkäufer, Unternehmensberater, Rundfunkproduzent und Diskjockey. Seit 1998 Besitzer eines Unternehmens für Softwareentwicklung. Er lebt in Berlin.


    Meine Meinung:
    Wer mit der Erwartung an dieses Buch herangeht, einen „typischen-Tom-Liehr“ zu lesen, der wird ganz sicher seine Erwartungen nicht erfüllt sehen. Diesmal steht nämlich nicht der besondere Lier’sche Humor im Vordergrund, nein – ganz im Gegenteil – diesmal hat Tom Liehr ein sehr ernstes Buch geschrieben, auch wenn an einigen Stellen schon mal sein typischer Humor hervorschaut.
    Es ist ein Buch welches die deutsch-deutsche Geschichte aus der Sicht der „normalen“ Menschen reflektiert, eine Sicht, in der die „große Politik“ eben keinen Platz hat, denn hier wird deutlich gemacht, wie die ganz normalen Menschen Zeitgeschichte erleben. Da ist kein Platz für dümmlichen Pathos und peinliche Sonntagsreden; denn dieser Platz ist bereits ausgefüllt mit dem was man als „wahres Leben“ bezeichnen könnte. Leben, so wie es wirklich ist – eben kein politisch-realitätsfernes geschöntes Leben. Die erzählte Geschichte hat auch sehr deutlich gemacht, dass nichts und niemand die verlogene und verharmlosende DDR-Nostalgie noch braucht; es wäre hier wirklich besser sich an die Tatsachen zu halten und diesen untergegangenen Staat danach zu beurteilen.


    Es gibt nur sehr wenige Autoren, die es schaffen, mit Worten Atmosphärisches realistisch zu beschreiben. Da wird nichts beschönigt oder abgestraft – da wird schlicht und einfach erzählt wie es gewesen ist. Trotzdem ist man als Leser so manches Mal überrascht, mit welcher Intensität, mit welchem Gefühl, der Autor erzählt. Aber nie wird er sentimental oder romantisiert dümmlich in der Gegend herum, denn auch gerade diese gefühlvollen Passagen sind stets von einer Realitätsnähe die den Leser überrascht.
    Für mich ist es ohne Frage das beste Buch von Tom Liehr. Und irgendwie habe ich so den Eindruck – ich mag jetzt total danebenliegen – dass er sehr viel von sich selbst in dieses Buch gesteckt hat, nichts Autobiographisches – aber man meint in diesem Buch sehr vieles von dem Menschen Tom Liehr zu erkennen. Da schreibt jemand über das Leben, der genau weiß wie das Leben eben so läuft, da beobachtet jemand die Menschen beim leben und schafft es dann, das Beobachtete so wiederzugeben, dass man als Leser meint, man wäre beim Leben dieser Menschen hautnah dabei. Das können nicht viele – auch wenn viele meinten sie könnten es. Es ist ein Buch das mich sehr berührt hat und das ganz sicher – auch wenn ich nicht weiß ob da noch was kommt und was da kommt – eines meiner Lesehighlights des Jahres 2011 ist – dieses Buch ist in meinen Augen sehr viel mehr als nur ein Sommerhit.
    Die handelnden Personen wirken ungeheuer authentisch und man sieht sie beim Lesen direkt neben sich stehen, sie wirken echt, nicht gekünstelt – es sind Menschen wie man ihnen jeden Tag begegnen kann – Menschen auch außerhalb der Buchseiten hätten leben können.
    Es ist dieser ungeheure Realismus, dieser gefühlvolle Realismus, der mich begeistert, der dieses Buch für mich zu einem sehr schönen Leseerlebnis gemacht hat.


    Vielleicht noch ein kleiner „Absacker“ am Schluss meiner Meinungsäußerung zu diesem Buch:
    Es ist doch immer wieder schön, wenn man in einem Buch alte „Weggefährten“ wieder trifft, da reicht schon die schlichte Nennung eines Namen und man ist in Gedanken in die Vergangenheit zurückgereist. In diesem Buch wird Jackson Browne erwähnt – und kaum hatte ich diesen Namen gelesen, da war das Konzert vom 2.11.1986 in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg wieder gegenwärtig. Es waren dieser, aber auch einige andere nostalgische „Piekser“, die dieses Buch für mich unter anderem so faszinierend machten.


    Fazit: Ein Buch über das Leben in all seinem Facettenreichtum, ein Buch über ein geteiltes Land und die Auswüchse davon, ein Buch über das Heranreifen junger Menschen und ein Buch über die Unerklärbarkeit der Liebe (man verzeihe mir mein Pathos. Danke) – und das alles wirklich großartig erzählt. Eine kaputte Welt wird niemals zur heilen Welt – auch wenn es vielleicht den Anschein haben mag, aber es gibt Risse und Gräben die man nie wird zuschütten können.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.

  • Zunächsteinmal habe ich beantragt, daß das Buch in Zeitgenössisches Verschoben wird. In Belletristik hat es nun wirklich nichts verloren und eine Tragik-KOMÖDIE habe ich auch nicht entdecken dürfen...


    Aber zu meiner Rezension...



    Tom ist ein lieber Bekannter, ein Mensch dessen Meinung mir wichtig ist, den ich sehr schätze und dessen spitze Zunge ich hier und da zu spüren bekomme, wenn wir unsere Ansichten nicht unter einen Hut bekommen oder er mich auch einfach nur zur Weißglut treiben will.
    Seit heute, denn heute habe ich Sommerhit beendet, ist er aber viel mehr.
    Er ist ein Vorbild.
    Ein Mensch, der etwas kann, was ich gerne können möchte, nämlich so schreiben wie er.
    "Radio Nights" traf nicht wirklich meinen Nerv, war ganz nett, unterhaltsam, konnte mich aber nicht begeistern.
    Gleiches galt für das halbgare irgendwie seichte "Stellungswechsel"
    Idiotentest schaffte es dann mich zu berühren und zu bewegen.
    "Pauschaltourist" liegt immer noch ungelesen im Regal....


    Doch der "Sommerhit" hat mir mitten in die Fresse geschlagen.


    Dreimal mußte ich das Buch aus der Hand legen, Tränen weg wischen, Wut unterdrücken oder auch einfach nur mich sammeln, um weiter der Geschichte folgen zu können.
    Sommerhit kommt ganz harmlos daher ein kleines Boot auf dem blaulastigen Strandcover ein seichter Titel, der Leser wähnt sich in Sicherheit, der Klappentext läßt ein bißchen Pop-Literatur vermuten, ein paar Einblicke ins Business, nichts bereitet einen auf den Rundumschlag vor, den Tom Liehr hier verteilt.
    Ich finde man sollte nicht zu viel von der Handlung verraten, damit jeder Leser diesen Tiefschlag in den Magen spürt, sich wieder erkennt, denn irgendwo in diesem Cliquengefüge und Menschengebilde findet sich jeder wieder...
    Tom Liehr findet die richtigen Worte für die falschen Situationen, die richtigen Worte für die falschen Gefühle und die richtigen Worte für die richtigen Menschen...


    Danke Tom


    und das schreibe ich jetzt nur exklusiv bei den Büchereulen und auch nur Tom und einige wenige Büchereulen werden es verstehen, wirklich verstehen:


    Selim Özdogan
    Ein gutes Leben ist die beste Rache!


    HIT IT! :rofl

  • Zitat

    Original von Batcat
    Jane,


    Dein Zitat macht mich nun ganz besonders neugierig auf das Buch. ;-)


    Ja... ich hatte ein fettes Grinsen im Gesicht.
    Für die ein oder andere Eule, die damals in Lindau mit dabei war wird es Schmunzelmomente geben. :-]