Sommerhit- Tom Liehr

  • Zitat

    Original von Rosenstolz
    Muss ich mir das Buch nach diesen Rezis jetzt doch noch zulegen?? :gruebel


    Unbedingt! Mehr als unbedingt! Überunbedingt! :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Als eingefleischte Krimi- und Thriller-Leserin ist das mal ein etwas anderes Genre für mich. Wie ich das mag ist „Sommerhit“ schön flüssig und flott zu lesen, spannend und kurzweilig. Manche Details aus der DDR der 80er Jahre erinnerten mich an früher, genauso wie die Zeit der Wiedervereinigung, und ich musste schmunzeln angesichts eines feinen, manchmal etwas zynischen Humors. Obwohl „Sommerhit“ kein lustiger Roman ist, sondern eher nachdenklich macht, und man an der Handlung eine Weile zu verdauen hat, habe ich das Buch sehr genossen.

  • Da hier schon viele schöne Rezis zu SOMMERHIT stehen und ich wenig bis nichts zu ergänzen habe, möchte ich nur mitteilen, dass mich das Buch, trotz der teilweise wirklich unschönen Ereignisse und ihrer Folgen gut unterhalten hat. Moralinsäure, erhobene Zeigefinger und bierernste Gesellschaftskritik, die aus dem Leser einen deprimierten Schlechtelauneverbreiter machen, sucht man vergebens. Seltsamerweise haben mich die dramatischen Passagen über den jungen Falk mehr überzeugt, als die über den Musiker Martin Gold. Dazu interessiert mich die Musikbranche zu wenig. Noch einmal aus der Sicht eines "Ossis" über die Zeit der Wende zu lesen und noch einmal in die Untiefen der Schuljahre abzutauchen, hat viele Erinnerungen in mir geweckt. Das Happy End auf ganzer Linie lässt mich das Buch zufrieden zuklappen und da ich jetzt gerade im Tom-Liehr-Modus bin, nutze ich die Gunst der Stunde und ziehe den Pauschaltouristen aus meinen SUB.

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    "Es hat alles seine Stunde und ein jedes seine Zeit, denn wir gehören dem Jetzt und nicht der Ewigkeit."

  • KLAPPENTEXT:
    Falk Lutter ist vierzehn, etwas blauäugig und zu dick, als er 1980 mit seiner Familie nach einem Balaton-Urlaub in den goldenen Westen flieht. Doch nur er und seine Mutter kommen auch an. Und was der Dresdner Junge dort erlebt, ist ein Kulturschock: Cool sein ist die Devise seiner neuen West-Berliner Mitschüler – eine Coolness, die während der Abi-Abschlussfahrt in ein Drama mündet. Und „Cool sein“ heißt auch sein Sommerhit, der in den 90er Jahren die Tanzflächen rockt. Zwanzig Jahre später kommt es dann zum Klassentreffen. Falk nennt sich jetzt Martin Gold und ist ein Star, der weiß, was er will, und den niemand mehr so richtig auf dem Schirm hat. Der Tag der Abrechnung ist gekommen.


    ZUM AUTOR:
    (Quelle: Rütten & Loening)
    Tom Liehr, geboren 1962 in Berlin, war Redakteur, Rundfunkproduzent und DJ. Seit 1998 Besitzer eines Software-Unternehmens. Er lebt in Berlin. Bislang erschienen seine Romane „Radio Nights“, „Idiotentest“, „Stellungswechsel“, „Geisterfahrer“ und „Pauschaltourist“.


    EIGENE MEINUNG:
    Wie vermutlich einige andere auch, wurde ich zunächst von Cover und Titel des Buches etwas in die Irre geleitet und erwartete ein fröhliches Sommerbuch. Liest man den Klappentext kann man eigentlich nicht auf so falsche Gedanken kommen, doch der Text auf der Rückseite des Buches ist da nicht so eindeutig.
    Obwohl ich also ganz falsche Erwartungen in das Buch gesetzt hatte, wurde ich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Kaum ein locker leichtes Sommerbuch hätte mich so mitziehen können, wie „Sommerhit“ es getan hat.
    Das liegt vor allem an der Schreibe des Autors, den ich zwar so vom Hören-Sagen kannte, von dem ich aber noch nie etwas gelesen hatte. Ich muss zugeben, ich hatte auch ihn etwas unter der Kategorie der lustigen deutschen Autoren abgespeichert, was wiederum ein Fehler war.
    Seine Schreibe ist bildgewaltig, facettenreich und obwohl es keine Geschichte mit unerwarteten Überraschungen ist, ist es Tom Liehr gelungen mich so zu fesseln, dass ich das Buch in zwei Tagen durchgelesen hatte.
    Der Autor verarbeitet in seinem Buch gleich zwei Themen, die mich auch im Nachhinein zum Nachdenken angeregt haben. Zum einen geht es um die DDR, die Machtstrukturen dort, Geheimnisse und Spielchen, die mit den Bewohnern gespielt wurden. Prägend ist hier vor allem mit welcher Naivität gerade auch Falks Eltern an die Sache gehen. Nur das Ziel vor Augen nach Westdeutschland überzusiedeln, mit dem Hintergedanken dort ein besseres Leben zu führen ohne zu Hinterfragen. Eine Naivität, die vielleicht sogar ein bisschen typisch ist, für die Menschen, die in der DDR lebten. Ich weiß es nicht genau und will mich da auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn es besteht die Möglichkeit, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als das hinzunehmen, was man ihnen vorgegeben hat. Sei es nun in Bezug auf alltägliche Dinge, wie z.B. Musik, Lebensmittel etc. oder aber in Hinblick auf Ausbildung, Arbeit usw. Eigentlich eine Tatsache, die ich mir, als im Westen, sowohl geographisch als auch zeitlich fernab der DDR aufgewachsen, nur sehr schwer vorstellen konnte, die in „Sommerhit“ aber interessant und spannend umgesetzt wurde. Ich musste direkt gestern mal eine Doku über den Mauerfall anschauen...
    Das zweite große Thema ist Macht an sich. Wer hat Macht? Wie kommt es zu Macht? Was macht Macht aus? Und, muss man Macht immer ausnutzen? Ein Thema, das im kleinen Kreis beginnt (Schule, Cliquen) und sich auf große Geschehen ausweiten kann (2. Weltkrieg). Egal in welchem Ausmaß die Ausnutzung der eigenen Macht stattfindet, das Ergebnis bleibt immer gleich. Menschen werden unterdrückt, schikaniert und manch einer ist nicht stark genug, dies zu ertragen. Ich bin immer wieder geschockt, in welche Situationen Menschen durch das gedankenlose handeln anderer getrieben werden können. Wie fesselnd Gruppenzwang sein kann, wie verwerflich auch mitlaufen sein kann und wie sehr manche Menschen ihre Machtpositionen ausnutzen. Zum Glück kann sich manchmal das Blatt wenden....Ob man dies allerdings ausnutzen sollte, wenn man selbst auf einmal in der „oberen Position“ ist und über Macht verfügt, ist die andere Frage...


    FAZIT:
    Ein lesenswertes Buch, das nicht nur ausgesprochen fesselnd unterhält, sondern auch sehr zum Nachdenken und vor allem Überdenken der eigenen Handlungen anregt. Sprachlich so überzeugend, dass ich dringend auch andere Bücher des Autors lesen muss.

  • "Man weiß nicht, ob etwas ein Fehler war, wenn man nie die Gelegenheit hatte, die Alternative auszuprobieren." (Seite 190)


    „Sommerhit“ ist ein Buch, das ich mit einer gewissen Voreingenommenheit begonnen habe sowie einer Unsicherheit, ob und vor allem wie es mir gefallen würde. Um es kurz zu machen: meine Vorbehalte waren absolut unbegründet. Das Buch ist für mich einer der positiven Leseüberraschungen dieses Jahres.


    Das ist mein erstes Buch von Tom, den ich ansonsten nur durch seine Beiträge hier im Forum kenne. Es liegt außerhalb meines sonstigen „Lesehorizonts“, so daß ich wenig Vergleichsmöglichkeiten habe. Allerdings braucht das Buch weder Vergleichsmöglichkeiten noch Vergleiche zu scheuen, es steht sehr souverän für sich selbst. So ziemlich alles, was mir zu dem Buch eingefallen ist, habe ich schon in der Leserunde geschrieben, so daß ich mir hier eine Wiederholung spare.


    Tom Liehr hat im „Sommerhit“ beeindruckende Figuren zum Leben erweckt, deren Schicksal lange im Gedächtnis bleiben wird. Fast bin ich versucht, Tom nach der Adresse der „Goldküste“ zu Fragen, um die Protagonisten mal live zu erleben. Aber ich fürchte, daß der mir da auch nicht groß weiterhelfen kann... ;-)


    Die Problematik von Macht und Gruppenzwang in ihren Facetten ist ein wiederkehrendes Thema und wird auf eine Weise präsentiert und verarbeitet, daß man überhaupt nicht umhin kommt, sich eigene Gedanken, auch über das Buch hinaus, zu machen.


    Der Roman ist in diesem Lesejahr für mich zu etwas geworden, womit ich zu Beginn sicher nicht gerechnet habe: nämlich - nicht nur für den Sommer - zu einem Hit.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

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  • Das Buch liest sich flüssig und ist interessant geschrieben und regt auch zum Nachdenken an.


    Es handelt von einer vierköpfigen Familie in der DDR die in den 80er Jahren nach Berlin auswandert. Auf der Flucht geht etwas schief und der Vater bleibt mit seiner Tochter in der DDR zurück. Die Mutter schlägt sich mit dem Sohn in West-Berlin alleine durch. Der Sohn, ein Außenseiter in der Schule, möchte seinen Lebenstraum verwirklichen und Musiker werden, um es allen zu zeigen. Nach 20 Jahren Schulzeit findet ein Klassentreffen statt...

  • Was für eine Geschichte!


    Zum Inhalt und zum Autor wurde ja schon viel geschrieben, so daß ich das jetzt einfach auslasse.


    Ich habe es im Rahmen der Leserunde hier gelesen und mich eigentlich nur dafür angemeldet, weil ich endlich mal ein Buch von diesem Forumsmitglied Tom hier lesen wollte und sich sein neuer Roman in Verbindung mit der Leserunde für mich da einfach anbot.


    Ich hatte also keine große Erwartungen an dieses Buch, außer, daß ich mir sicher war gut unterhalten zu werden. So richtig neugierig wurde ich erst als ich die Rezensionen hier las.


    Und was soll ich sagen bzw. schreiben? Diese Geschichte ist tiefgründig, niemals oberflächlich, absolut zeitgemäß, nein eigentlich zeitlos und - da schließe ich mich Babyjane an - gehört aus all diesen Gründen eigentlich in die Rubrik "Zeitgenössisches".


    Es ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man es liest und dann einfach so weglegen kann, ohne sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Diese Geschichte muß man erst einmal sacken lassen. Zumindest geht es mir so. Ich werde es sicher irgendwann noch einma lesen müssen und darauf freue ich mich jetzt schon.
    Ich habe Falk und seine Familie sehr lieb gewonnen und würde mich freuen, ihnen irgendwann noch einmal zu begegnen.


    Die ehrliche, tiefgründige Sprache hat es mir angetan und ich bin sicher, daß dies zwar mein erster aber ganz sicher nicht mein letzter Liehr war.


    Auch von mir bekommt dieses Buch 10 Punkte, weil es für mich ein besonderes Buch ist!


    Edit: Auch mir ist jetzt "schon" aufgefallen, daß es ja nun unter "Zeitgenössisches" zu finden ist. Oh man... :lache

  • Ihr wisst ja: Die Textstellen innerhalb der Spoilermarkierungen kann man mitlesen, muss es aber nicht tun. Sie enthalten keinen Geheimnisverrat, sondern nur weitere Informationen über Personen und Handlungsverlauf.


    * * * * *


    Tom Liehr: Sommerhit, Berlin 2011. Rütten & Loening/Aufbau Verlag, ISBN 978-3-352-00814-6, Softcover, Klappenbroschur, 330 Seiten, Format 21,4 x 12,8 x 2,8 cm, EUR 16,99.


    „Wir sind stärker als du, und das werden wir immer bleiben, so oder ähnlich hatte er es damals formuliert. Vielleicht funktionierte die Lebenslüge, in der er es sich bequem gemacht hatte, immer noch, und er glaubte, wie damals, im Frühjahr 1984, der Stärkere zu sein, der Gewinner, derjenige, der zuletzt lachte. Aber ich wusste es besser. (...)“ (Seite 281)


    Da staunt der erfolgreiche Musiker, als er nach 27 Jahren eine Einladung zum Klassentreffen erhält. Gerichtet ist die Einladung an Falk Lutter. Dass er den Namen schon seit vielen Jahren nicht mehr führt und unter dem Namen Martin Gold Karriere gemacht, das wissen seine ehemaligen Mitschüler nicht. Sie hätten auch keine Chance, ihn in den Medien oder auf der Bühne wiederzuerkennen, denn äußerlich und innerlich ist er heute meilenweit entfernt von dem dicklichen blonden Ostler, der 1980 als Republikflüchtling nach West-Berlin und in ihre Klasse kam.


    Der Künstler selbst hält sein altes Leben vor der Öffentlichkeit unter Verschluss. So erfreulich, dass er sich gerne daran erinnern würde, war seine Jugend nämlich nicht. Das heißt, bis zu jenem denkwürdigen Plattensee-Urlaub im Sommer 1980 war für Falk Lutter die Welt eigentlich ganz in Ordnung. Doch dass die Familie in Ungarn nicht nur zelten, sondern von dort aus in den Westen fliehen will, hat dem 14-Jährigen keiner gesagt.


    Der Kulturschock in West-Berlin ist für den Jungen aus Dresden groß. „Cool“ muss man sein, und er weiß nicht, wie das geht. Seine Schulzeit wird fürchterlich. Wegen seiner fehlenden Kenntnisse in Englisch und Französisch wird er in eine Klasse eingestuft, in der alle jünger sind als er. Und dort herrscht eine Cliquenwirtschaft, der ihresgleichen sucht. Das Wort „Mobbing“ kennt man zwar noch nicht, das Phänomen aber schon. Falk gerät in die Gruppe der „uncoolen“ Außenseiter und wird unter der Führung des Triumvirats – Thomas, Henning und Gerry – fortwährend drangsaliert. Nicht besser ergeht es dem Hobbyfilmer Arndt, dem stoischen Heiko, einem der Martins und der kleinwüchsigen Christine.



    Und jetzt schickt ihm diese mobbende Schweinebande allen Ernstes eine Einladung zum Klassentreffen! Die haben vielleicht Nerven! Natürlich wird er da nicht hingehen, sagt er ... und fährt nach einigen Überlegungen doch. Inkognito, als zufällig anwesender Hotelgast, taucht er auf, spielt den unbeteiligten Beobachter und schaut sich die „Siegertypen“ seiner Jahrgangsstufe genau an. Ob sie wohl auch gute Verlierer sind? Er lässt sich sogar von einem Teilnehmer zu einem Kurzauftritt „überreden“. Die Schulkameraden können ja nicht ahnen, dass genau das seine Absicht war. Wenn sie erst wüssten, wie gut sich ihr Opfer von damals auf dieses Wiedersehen vorbereitetet hat ...!


    Das ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was in dem Buch passiert. Schließlich begleiten wir den Helden durch drei Jahrzehnte seines Lebens und werden Zeuge der schmerzhaften Metamorphose vom hilflosen Mobbingopfer zum erfolgreichen Künstler, der weiß, was er will und mit seinem Leben zufrieden ist. Wir verfolgen das zum Teil tragische Schicksal seiner Familie und den Fortgang seiner Karriere. Ausgerechnet mit einem spontan hingehudelten Stück übers Coolsein landet Martin Gold einen Sommerhit, mit dem er mehr verdient als mit all seinen übrigen Platten zusammen.


    Eine Konstante in seinem Leben ist Karen, die er als Teenager am Plattensee kennengelernt hat und mit der ihn eine enge Freundschaft verbindet. Sie als einzige kennt seine ganze Geschichte.


    Die ungeheuerlichen Ereignisse im Leben des Helden sind für den Leser eigentlich nur deshalb zu ertragen, weil sie in Rückblicken erzählt werden. Wenn Martin Gold uns schildern kann, was ihm als Falk Lutter widerfahren ist, dann heißt das schon mal, dass er das alles überlebt hat. Und einigermaßen weggesteckt noch dazu, denn Martin geht es offensichtlich gut.


    Obwohl man nach kurzer Zeit schon das Gefühl hat, die Menschen in dem Roman persönlich zu kennen, besteht zu den Ereignissen in Falks Vergangenheit eine gewisse Distanz. Ja, das ist alles passiert, es war schlimm, aber es ist vorbei und kein Grund mehr zum Heulen und Zähneklappern. Zum einen sind Jahre vergangen, zum anderen hat Martin Gold den Falk Lutter vor Jahrzehnten schon hinter sich gelassen. Was Falk passiert ist, das sind Geschichten aus ein einem anderen Leben. Es ist, als spreche der Schmetterling über sein früheres Dasein als Raupe.


    Dazu werden die Erlebnisse noch aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel erzählt. Oder sollte man in dem Fall „Schnupperwinkel“ sagen? Falk/Martin hat einen überdurchschnittlich empfindlichen Geruchssinn und nimmt auf diesem Weg viel mehr wahr als der Normalbürger. Während man als Leser noch darüber staunt, was dieser Mann alles registriert und was ihm seine Nase über das Tun und Treiben seiner Mitmenschen verrät, berichtet er von schlimmen Schicksalsschlägen, menschlichen Abgründen und abscheulichen Schandtaten.


    In den dramatischen Ereignissen auf der Klassenfahrt sieht Martin Gold den Punkt, ab dem sich sein Leben zum Besseren gewendet hat. Christine aus der Verlierer-Clique, inzwischen eine erfolgreiche Geschäftsfrau, findet gar: „Heute, rückblickend, bin ich fast froh darüber, dass sie mir Gelegenheit gegeben haben, mich mit mir selbst zu beschäftigen, meine Stärken zu entdecken. Ich musste nicht mit einer blöden Clique rumhängen, idiotische Musik hören und Starschnitte aus der BRAVO schnippeln.“ (Seite 299) – „Eigentlich sollten wir ihnen dankbar sein. Oder ist es immer so, dass Leute wie wir zum Schluss als diejenigen dastehen, die die Nase vorn haben?“ (Seite 311)


    Mobbing als Starthilfe ins Leben? Interessante Überlegung! Oder aber ein Versuch der Opfer, ihrem Leiden rückblickend einen Sinn zu geben. Leute mit Verstand, Kreativität und Biss brauchen keine traumatisierenden Erlebnisse in ihrer Jugend, um ihren Weg zu machen. Dass fiese Siegertypen und Rädelsführer irgendwann scheitern, wenn sie keine anderen Erfolgsstrategien gelernt haben als ihre Mitmenschen zu schikanieren, das ist nachvollziehbar. Glück und Zufriedenheit lassen sich eben nicht herbeimobben.


    Die Figuren wirken lebendig und authentisch und werden einem auch nach dem Zuklappen der Buchdeckel im Gedächtnis bleiben. Wer sich noch an Vorwende-Urlaubsreisen nach Ungarn oder ans Schwarze Meer erinnern kann, mit den damals noch als exotisch geltenden Ost-West-Begegnungen, der kann beurteilen, wie gut die Stimmung dieser Zeit hier getroffen wurde. Ein bisschen Falk Lutter wird fortan auch durch diese Urlaubs-Erinnerungen geistern. Möge die Zeitgeschichte unsere Urlaubsbekanntschaften von damals nicht gar so sehr gebeutelt haben wie die Lutters!

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner

  • Bislang war ich der Meinung, die vor "Sommerhit" erschienenen Bücher von Tom Liehr fallen nicht in mein Beuteschema.
    Neugierig wurde ich durch die Leserunde und die begeisterten Aussagen einiger User, die (so schien mir) ansonsten nicht ganz konform mit Tom gehen.


    Gerade habe ich "Sommerhit" ausgelesen und habe noch einen Kloß im Hals. Der Roman hat meine Erwartungen übertroffen und ich vergebe volle Punktzahl.


    Vielleicht noch ein kleiner Hinweis an Tom, über den du vielleicht mal nachdenken solltest: Mit Hinweisen, wie dem auf dem Klappentext „Ein Autor, den man in einem Atemzug mit Nick Hornby nennen kann“, tust du dir meiner Ansicht nach keinen Gefallen. Mir ist zwar nicht so ganz klar, wo es hier Parallelen zu Nick Hornby geben soll, aber ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass solche Aussagen auch abschreckend wirken können ;-)
    Ganz davon abgesehen bin ich nach der Lektüre deines Buches der Meinung, dass du das gar nicht "nötig" hast :-)

  • Was könnte ich zu Toms neuestem Roman sagen, was hier nicht schon vielfach bereits erwähnt und gelobt wurde? Wohl nur wenig.


    Ich habe einige Male begonnen, eine Rezi hierzu zu schreiben, aber irgendwie las sich alles so platt und „wie schon mal dagewesen“. Also dachte ich mir: dann schreibe ich eben keine, es gibt ja schon so viele tolle Rezis zu diesem Buch. Aber dieses Buch ist so schön, daß es eine Schande wäre, es unkommentiert zu lassen.


    Daher möchte ich mich nur kurz bei Tom bedanken, daß er dieses ganz wunderbare Buch geschrieben hat. Danke, lieber Tom. Ich mochte bisher alle Deine Bücher – aber dieses ist in der Tat Dein erwachsenster Roman… und zumindest für mich auch Dein bisher Bester. Definitiv mein Lesehighlight des Monats!


    Ich freue mich schon sehr auf das, was als nächstes kommen wird. :-]


    P.S. Was das Etikett Nick Hornby angeht: das haftet dem armen Tom schon lange an, das ist garantiert Verlagsssache. :grinWobei ich Toms Bücher lieber lese als die von Nick Hornby - die kommen mir immer ein wenig vor wie "Kennste eines, kennste alle". Das empfinde ich bei Tom nicht so.

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)