Sommerhit- Tom Liehr

  • Da sitze ich nun, habe "Sommerhit" gestern beendet und ringe nun mit den rechten Worten für diese Rezi.
    Ach, und im Hintergrund läuft die im Buch verlinkte Playlist...


    Um es kurz zusammenzufassen: Dieser Roman hat mich wirklich umgehauen und sehr berührt.


    Zu Anfang des Buches waren da die Erinnerungen an die eigene Jugend in der DDR, die Tom Liehr fernab jeglicher verklärender Nostalgie heraufbeschwört, so dass ich an manchen Stellen schmunzeln musste, während es mir an anderen kalt über den Rücken lief.
    Eingefasst wurde die Geschichte über Falk Lutters schwierigen Weg heraus aus seinem vermeintlich vorgegebenen Leben von der Einladung und am Schluss dem schließlichen Stattfinden des Klassentreffens, auf das ich seit der seltsamen, telefonischen Einladung und allem , was wir über diese Klasse im Verlauf des Romans erfuhren, ungeduldig gewartet habe.


    Tom Liehrs Figuren sind alle echt und glaubwürdig, und man meint sogar, diesen oder jene auch mal gekannt zu haben. Sie haben ein Leben, machen Fehler und lernen daraus (oder manche eben auch nicht), sind mal feige, mal mutig, mal angepasst und dann wieder Individualisten, die aus ihren Mauern ausbrechen. Sie werden verletzt, zerbrechen daran oder rappeln sich auf. Sie sind Menschen wir du und ich.


    Ein sehr lebendiger Roman, der Schubladen für mein Kopfkino wieder geöffnet hat, die schon lange geschlossen waren und die Bilder freigaben, die das Lesen zu einem sehr persönlichen Erlebnis machten.
    Großes Kompliment an den Autor! :anbet


    10 Punkte von mir!

  • Ich kann mich den lobenden Kritiken nur anschließen:
    Das Buch weckte Erinnerungen (teilweise beklemmende (Grenzübergang, Mobbing), teilweise bewegende (Mauerfalltage) teilweise zum Schmunzeln bringende ("Apfelshampoo" und "Urst" :lache), regte zum Nachdenken an (Fluchtfolgen, Machtgedanken und Schuldfragen).
    Es ist ein völlig anderes Liehr-Buch, für mich das bisher beste.
    Die anderen gefielen mir auch, zumal die Entwicklung von "Radionights" bis zu "Geisterfahrer" schön zu beobachten war und eigentlich immer Denkanstöße UND lockere Sprüche ihren besonderen Reiz ausübten ("Stellungswechsel" nimmt für mich einen Sonderstatus ein, "Pauschaltourist" fiel in meinen Augen etwas ab).
    In "Sommerhit" wird aber noch einmal eine besondere Qualität erreicht!
    Ich freue mich auf das nächste Buch...
    10 von 10 Punkten

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

  • Nach vier Seiten voller Kommentare brauch ich sicherlich nicht mehr viel zum Inhalt sagen. Und so reih ich mich einfach in die Liste ein, die von dem Buch begeistert waren. Der leicht lesbare Schreibstil lies es mich innerhalb von 2 Tagen verschlingen


    Ich habe "Sommerhit" im Rahmen eines deutschsprachigen Lesekreises in unserer Stadt gelesen. Das hat gut funktioniert, da das Buch sehr viel Gesprächsstoff auf verschiedenen Ebenen bietet. Sei es, dass man eigene (Jugend-)Erinnerungen hervor holt oder ganz politisch wird. Und genau das macht das Buch auch so wirksam fuer den Leser - man soll sich Gedanken darüber machen, ob und wie man selber von einer Gruppendynamik und den Möglichkeiten der Macht manipuliert werden kann.


    Gesprächsstoff gab es aber auch durch ein paar Kritikpunkte, die von jedem doch etwas anders empfunden werden. Die Fragen, ob das Ende wirklich passt und vor allem wie man das Verhalten der Eltern bewertet, die ihre Tochter doch letztlich ganz bewusst im Stich gelassen haben. Aber auch heiße Debatten sollten zu einem guten Buch hinzu gehören ;-)

    Gruss aus Calgary, Canada
    Beatrix


    "Well behaved women rarely make history" -- Laura Thatcher Ulrich

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  • Ich habe eine Weile gezögert, etwas von Tom zu lesen, denn ich war der Meinung, dass mich eine zu intensive Beschäftigung mit "Eulen-Autoren" (damit meine ich Autoren, die sich aktiv am Forumsleben beteiligen, nicht diejenigen die lediglich ihre Leserunden begleiten) von eventuell relevanteren Büchern da draußen ablenken könnte, dass dieses Kochen im eigenen Eulen-Saft meine Sichtweise verzerren würde. Da mein Zeitkontingent zum Lesen ohnehin ziemlich begrenzt ist, hat mich das bislang auch wenig gestört. Die Lesung beim Eulentreffen im März hat mich dann zumindest bezüglich Tom schonmal umschwenken lassen, denn was ich da zu hören bekommen habe, hat zumindest die Befürchtung relativiert, dass ich meine Zeit verschwenden könnte. Deshalb stand ein "Liehr" für dieses jahr auf meiner Lese-Agenda.


    "Sommerhit" ist eine Abrechnung mit dem "cool" sein. Das hat mich schon ziemlich überrascht, denn genau das ist die Attitüde, mit der ich Tom im Forum wahrgenommen habe: cool. Für mich nicht überraschend, taucht dieses Wörtchen auch in seiner E-Mail-Adresse auf. Deshalb stellt sich nach der Lektüre die Frage, ob das Buch vielleicht einen selbstironisch reflektierenenden Hintergrund hat oder ob uns eine neue Neudefinition des Begriffes nahe gebracht werden soll: Uncool ist das neue cool? Nur wer durch die Schule der Uncoolness gegangen ist, kann am Ende wahrhafte Coolnes präsentieren?


    Wie auch immer, das Buch hat mich überzeugt. eine liebenswert sentimentale Geschichte, die mich das ganze Spektrum menschlicher Gefühlswelten hautnah miterleben lässt. Manchmal muss ich erschrocken den Atem anhalten, dann wieder werde ich zum Schmunzeln angehalten, auch eine sehr zu Herzen gehende Liebesgeschichte ist dabei. Die Auflösungen am Ende stellen dann anrührendes Hollywood-Kino im besten Sinne dar. Besonders dieser "Graf-von-Montechristo"-Gedanke hat mich begeistert. Gut identifizieren konnte ich mich mit der Geruchssensibilität Falks, die ich zwar bereits bei Süsskinds Grenouille schonmal gelesen habe, für mich aber trotzdem eine sehr anschauliche Komponente darstellt, da ich bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen kann, da ich auch ein Geruchsmensch bin. Natürlich verzichte ich gerne auf die Fähigkeit "Sex" zu erriechen ;-)


    Als ehemaliger Ostler der Generation von Falk habe ich natürlich die Beschreibungen der DDR-Vergangenheit ziemlich genau unter die Lupe genommen. Ich würde diesen Part gerne mit einem Zitat Toms beurteilen, das er im zusammenhang mit dem Martin-Gold-Song "Cool sein" brachte: "Nicht alles muss authentisch sein, solange es ehrlich ist". Natürlich hat Tom ausführlich recherchiert und gewiss auch Betroffene interviewt. Dennoch gelingt die Beschreibung der DDR-Verhätnisse aus meiner Sicht nur zu 3/4 . Ich möchte jetzt nicht korinthenkackerisch ungenaue Details aufzählen, mir geht es hier eher um die Aussage, die mit dem Thema der Geschichte zu tun hat. Der Autor bedient das Klischee des hinterwäldlerischen Exoten, dem die Grundzüge westlich geprägter Vorstellungen von dem Gefühl des "cool"-Seins völlig fremd sind. Vielleicht ist Falk auch für Ost-Verhältnisse ziemlich uncool gewesen, aber selbst ihm sollte das Gefühl nicht unbekannt gewesen sein, dass man durch Zugehörigkeit einer als "cool" (ob man 1980 in der DDR schon diesen Begriff verwendet hat kann ich nicht mehr rekapitulieren, ich denke aber schon) angesehenen Gruppe gesellschaftliche Aufwertung erfährt. Und als "cool" wurden nach meiner Erfahrung ausschließlich die Insignien der westlichen Konsumgesellschaft eingestuft: Levis-Jeans (zur not auch Wrangler), westliche Musik(etwa Sex-Pistols, Ramones , AC/DC waren in der Zeit angesagt - Billi Joel wurde sogar im DDR-Radio gespielt) Westfernsehen (nach dem gerade im Raum Dresden eine große Sehnsucht herrschte). Extrem uncool war es, das "Blauhemd" der FDJ zu tragen, zu "Freundschaftstreffen" zu reisen oder an "Clubabenden" teilzunehmen. Die Institutionen des Apparats waren potemkinsche Dörfer, hinter deren Kulissen das wahre Leben stattfand, das sich bezüglich der Thematik des Buches gar nicht so sehr vom Westen unterschied. Das wusste sogar die Stasi und nie wäre etwa ein Mitarbeiter der Abteilung "Horch und Guck" darauf verfallen, einen Jugendlichen mit dem Gruß der FDJ anzusprechen, selbst die wussten, wann sie sich lächerlich machten. Um wirklich authentisch zu sein, hätte dies für mich zumindest durchklingen müssen. Letztlich ging es aber um die Person Falk, die sicherlich auch in der DDR kein Gewinner der ersten Stunde gewesen wäre.


    Dass ich mich über dieses Thema jetzt besonders ausführlich geäußert habe, soll nicht die Tasache schmälern, dass mich dieses Buch sehr überzeugt hat, dass ich eine unbedingete Leseempfehlung ausspreche und mir sicherlich auch weitere Liehr-Bücher zu Gemüte führe werde. Ich vergebe 9 von 10 Punkten.


    [SIZE=7]Edit fügt ein paar geflohene Wörter wieder hinzu.[/SIZE]

  • Hallo, arter.


    Schöne Rezension, die mich sehr freut, und es freut mich natürlich noch mehr, Dich quasi indirekt angenehm überrascht zu haben. Es geht mir übrigens ganz ähnlich, was den Umgang mit Eulenautoren anbetrifft. ;-)


    Nein, der Begriff "cool" wurde Anfang der Achtziger in der DDR noch nicht verwendet - gerade das habe ich (u.a.) sehr ausführlich recherchiert, was nicht ganz einfach war. Er hielt auch erst etwas später Einzug in die Alltagssprache des Westens. Und ich verstehe, wenn Dir Falk nebst Familie etwas klischeehaft hinterwäldlerisch vorkommt, aber er sollte erstens natürlich nicht unbedingt exemplarisch sein, und zweitens stammt seine Familie ja nicht von Irgendwoher, sondern auch noch aus dem "Tal der Ahnungslosen" rund um Dresden. Ich kann nicht widersprechen, wenn Du der Meinung bist, die Atmosphäre wäre nur zu drei Vierteln getroffen, kann aber immerhin entgegenhalten, dass mir viele ehemalige DDR-Bürger relativ begeistert mitgeteilt haben, ihr Lebensgefühl und ihre Lebensweise doch sehr exakt getroffen zu haben, verbunden mit der etwas ungläubigen Frage, ob ich tatsächlich selbst kein Ostler wäre. Übrigens gibt es einen echten Fehler, als an einer Stelle vom Pioniergruß die Rede ist, obwohl der Stasi-Mann tatsächlich den FDJ-Gruß entbietet.


    Wie auch immer, ich wiederhole mich gerne: Ich bin erfreut. :-)


    Ach so, noch ein persönliches Wörtchen am Rande. Ich halte mich selbst auch für ziemlich cool, vorsichtig ausgedrückt. Aber in einer anderen Definition als sie im Buch von Bedeutung ist. Es lässt mich ziemlich kalt, was andere von mir denken, vor allem Leute, die mich nicht kennen. Das entspricht auch der positiven Wertung dieses Begriffs, die ich für mich vorgenommen habe: Man sollte sich nicht dem aussetzen, was andere von einem erwarten, sondern den eigenen Weg finden und relativ unbeirrt gehen. Das kann man als "cool" bezeichnen; ich verstehe das eher als eine Form von Lässigkeit, wenn es um Klischees, Vorurteile oder ganz simple Dummheit geht. Die Menschen in "Sommerhit" sind auf andere, unschöne Weise "cool".

  • Beim Herbst-Eulentreffen habe ich Tom erstmals persönlich getroffen. Vorher kannte ich nur seine Beiträge im Eulenforum und bei den 42er-Autoren. Ein Buch von ihm hatte ich nie gelesen, da ich ihn im Bereich “Humorvolle, eher belanglose Szene-Literatur“ verortet hatte. Ein saudummes Vorurteil! Warum ich es hatte, kann ich nicht einmal sagen – gemeinhin versuche ich ernsthaft, nicht in derlei Fallen zu tappen.


    Wieder zu Hause, habe ich mir überlegt, welches Liehr-Buch ich mir kaufen solle und bin dann bei „Sommerhit“ gelandet, einfach, weil es das neueste war. Deshalb kann ich hier auch keine Vergleiche zu anderen Werken des Autors ziehen, wie dies von einigen Eulen schon getan wurde.


    Ich habe dieses Buch verschlungen, weil es grandios geschrieben ist. Während ich es aber las, ahnte ich schon, dass mich am Ende ein Dilemma erwarten würde. Und so ist es auch gekommen. Ich frage mich jetzt, wie es wohl aufgenommen wird – von den belesenen Eulen ebenso wie vom Autor selbst -, wenn ich als vergleichsweise unbedeutender Schreiberling tatsächlich das über dieses Buch sage, was zu sagen mich drängt?
    Ich entschließe mich, das Risiko einzugehen, als Schleimer oder Schlimmeres verdächtigt zu werden und hau einfach mal dieses Satzungeheuer raus:


    „Sommerhit“ schimmert als echte Perle zwischen den wenigen bedeutenden Werken der wirklich aktuellen deutschen Gegenwartsliteratur hervor, ist anrührende (nicht rührselige) personalisierte Zeitgeschichte, dabei gnadenlos präzise analysierend, nichts verklärend, sensibel beobachtend, nie aufdringlich, nie betroffenheitsschwanger, voll Melancholie, mit feinsinnigem Humor, mitreißend, vor allem aber, ja!, liebevoll geschrieben.


    Ein ganz wunderbares Buch, Tom – hoffentlich entdecken noch viele Menschen es für sich!

  • Schöne Rezi Didi. Tipp: Verzichte auf das Geschreibsel vom unbedeutenden Schreiberling und vom Schleimerrisiko! Wie dich der Leser einschätzt, kannst du eh nicht ändern. Oh, Kritiker, bleib bei deinen Ecken und Kanten!

  • Wer das Buch gelesen hat, der weiß außerdem, dass es lediglich die Wahrheit ist. Das Buch hat mich wirklich begeistert. Vielen anderen ging es ebenfalls so. Daher glaube ich auch kaum, dass dich jemand aufgrund der Rezi für einen Schleimer hält. :wave

  • Hallo, Dieter.


    Beides freut mich sehr - dass Dir "Sommerhit gefallen hat und natürlich diese Rezension. Ich mag das Buch auch sehr, sehr gerne und bin redlich stolz darauf.


    Als Schleimerei o.ä. habe ich die Besprechung auch nicht empfunden. Nur der Nebensatz mit dem "vergleichsweise unbedeutenden Schreiberling" - das hättest Du präziser formulieren können. Vergleichsweise unbedeutend sind wir schließlich fast alle - es kommt immer darauf an, mit wem man vergleicht. ;-)


    Anyway: :anbet :anbet

  • Schöne Rezension, Dieter, der ich absolut zustimme.


    Ich muss gestehen, ich war demselben Vorurteil aufgesessen und habe daher erst vor kurzem "Sommerhit" gelesen und das war sicher nicht das letzte Buch, das ich von Tom gelesen habe.

    Man möchte manchmal Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.


    Johann Nepomuk Nestroy
    (1801 - 1862), österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor

  • Was soll ich jetzt über das Buch sagen? Inhaltlich wurde schon vieles in den Rezensionen erwähnt und ich kann mich der positiven Meinung über das Buch nur anschließen.


    Es ist einfach phantastisch und es hat mich sehr berührt. Ich bin ja auch ein Kind der DDR und dürfte so annähernd der gleichen Generation wie Falk angehören. Daher waren mir viele Dinge einfach nur vertraut und weckten Erinnerungen bei mir. Bedrückend dann die Erkenntnis, das auch im Westen nicht alles Gold ist was glänzt und wie schwer es ist, wenn durch eine Mauer eine Familie auseinander gerissen wird. Oder auch die Außenseiterrolle diverser Jugendlicher in der Klasse ( so etwas kannte ich aus meiner Schulzeit nicht und ich dachte bisher eigentlich, das Mobbing erst viel später in den Schulen Einzug gehalten hat ). Bitter auch die Erkenntnis, wie schnell ein Scherz unter Jugendlichen aus dem Ruder laufen kann und welche Konsequenzen so etwas haben kann.


    Für mich ist das Buch bis jetzt mein Monatshighlight und eines der besten und berührendsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.


    10 von 10 Punkten

    Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht auf irgendeine Weise nütze.
    (Gaius Plinius Secundus d.Ä., röm. Schriftsteller)

  • Darauf das der Roman endlich als Taschenbuchausgabe erscheint, habe ich lange gewartet. :-) Habe ihn mir dann auch bald darauf gekauft. Und ihn mir für den Sommer aufgehoben und am Freitag mit lesen begonnen und vorhin habe ich ihn ausgelesen. ...


    Schade. Und jetzt? Muss ich hoffentlich nicht so lange warten, bis es ein neues Buch von Tom gibt.


    Ich liebe DDR-Fluchtgeschichten. Bisher habe ich aber nur Filme gesehen. Ein gutes Buch darüber habe ich noch nicht gefunden. Doch dann kommt "Sommerhit".


    Ein wundervoll rührendes Buch das sehr zum Nachdenken anregt und einem hier und da Tränen in die Augen treibt. ... Ich habe mit Falk Lutter, dem Protagonisten mitgefiebert und mitgelitten und es war schön zu lesen wie er seinen Lebensweg erfolgreich gemeistert hat und am Ende der Gewinner war. Die Figur war mir von Anfang an sympathisch. Irgendjemand hat bei den Rezis jemand geschrieben, er oder sie hätte/n Falk noch ein Stückchen begleitet. Das hätte ich auch sehr gerne. ...
    Gut gefallen haben mir auch die beschriebenen Gerüche.


    Dann kam das Kapitel (2005 - Rückkehr) wo ich doch ein kleines Deja vu hatte und ich an "Leichtmatrosen" denken musste.


    Danke Tom für dieses wundervolle Buch das mir schöne Lesestunden beschert hat. Für mich bekommt "Sommerhit" 10 von 10 Punkten und die Chancen fürs Monatshighlight stehen sehr gut! :-)

    Zündet man eine Kerze an,erhält man Licht.Vertieft man sich in Bücher,wird einem Weisheit zuteil.Die Kerze erhellt die Stube, das Buch erleuchtet das Herz.


    (Sprichwort aus China)

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  • Letztes Jahr in der Leserunde wurde es hoch gelobt und uns beim Eulentreffen von Voltaire ans Herz gelegt. Der Schreibstil gefällt mir und ich kann vieles aus unserer DDR-Vergangenheit nachempfinden. Falk landet nach einem Ungarnurlaub in Westberlin. Als 15 Jähriger hat er es in dem Gymnasium nicht leicht. Aus der Dresdner POS war er ein anderes Schulsystem gewöhnt und musste nun die 8. Klasse wiederholen. Er wird gemobbt und rächt sich bei einem späteren Klassentreffen, durch Aufdeckung ihrer Taten und sein eigener Erfolg ist die beste Rache. War toll geschrieben und eine gute Geschichte über Macht und Unterdrückung Schwächerer.
    Das waren meine Gedanken nach dem Lesen des Sommerhits und nun weiß ich, dass Tom auch nachdenkliche Bücher schreibt, was ich vorher nach seinen Titeln nicht vermutet hätte.

  • Zitat

    Original von Zuckelliese


    Das waren meine Gedanken nach dem Lesen des Sommerhits und nun weiß ich, dass Tom auch nachdenkliche Bücher schreibt, was ich vorher nach seinen Titeln nicht vermutet hätte.


    Tom schreibt eigentlich (fast) immer nachdenkliche Bücher. Manchmal versteckt, verpackt oder "verfickt" er die Gedanken nur ein bisschen ... ;-)

    Das Verhalten und das Kennzeichen des Ungebildeten ist, keinen Nutzen oder Schaden von sich selber zu erwarten, sondern alles von außen. (Epiktet)

  • Warnung: mich hat dieses Buch sehr geärgert, meine Besprechung ist entsprechend hitzig ausgefallen. Dazu habe ich auch einiges geschrieben, das spoilersensible Eulen evt als „zuviel verraten“ betrachten könnten. Die sollten Folgendes vielleicht besser nicht lesen


    Falk ist dick, naiv und auch noch DDRler. Aber das ist eigentlich kein Problem, sind doch eigentlich alle Ostdeutschen derartig uncool. Außerdem wissen sie gar nicht, dass sie uncool sind, zumindest in den Augen ihrer westdeutschen Altersgenossen, sie kennen ja noch nicht mal dieses Wort.
    Erst als Falk diesen seltsamen Urlaub mit seinen Eltern am Balaton macht, wird ihm das alles ein bisschen klar. OK, unterwegs kommt seine Schwester abhanden, aber das ist natürlich kein Grund, diese Reise abzubrechen. Die Eltern sind dann ein wenig traurig, Falk irgendwie auch, das ist aber schnell vergessen, als er mit seinen Westdeutschen Urlaubsbekanntschaften sensationelle Ferien erlebt: echte Coca-Cola, unpeinliche Badehosen (die DDR-Badehosen sind natürlich unter aller Kanone), richtiger Kaffee und das erste mal Sex.
    Dumm nur, dass er anschließend nicht zurück nach Dresden fährt, sondern in einem Wohnmobil in die BRD geschmuggelt wird. Alleine mit Mutti, denn der Vater kehrt zurück in die DDR, er will dann doch mal gucken, wo seine sechzehnjährige Tochter abgeblieben ist.
    Doch Falk kommt vom Regen in die Traufe, statt langweiliger Pioniernachmittage erwartet ihn im Westen eine absolut bösartige Klasse, die ihm und ein paar anderen Außenseitern das Leben zur Hölle macht.
    Aber das hindert Falk, der sich jetzt Max, sorry, Martin Gold nennt, natürlich nicht, eine sensationelle Karriere als Musiker hinzulegen


    Geärgert hat mich an diesem Buch zunächst diese völlig klischeehafte Darstellung der DDR. Das Hauptproblem scheinen doofe Jeans, eklige Cola und die schauderhaft klingenden Monorekorder gewesen zu sein. Selbst die Campingstühle sind so klapprig, dass der souveräne Westler Sorge hat, dass sie zusammenbrechen könnten.
    Auch die DDRler selbst sind irgendwie Aliens. In Restaurants bestellen sie immerzu Letscho, auch mit 14, wo sie doch auf der POS schon zwei Jahre Englisch gelernt haben sollten, können sie einfache englische Sprüche auf (West)-T-Shirts nicht entziffern und Schlauchboote pusten sie per Mund auf, Luftpumpen waren in der DDR offenbar unbekannt, der Bundi muss sie im erst zeigen.


    Neben den grauen Häusern und stinkenden Autos erfahren wir wenig über die DDR, eigentlich nur, dass einem dort so ziemlich jede Ungerechtigkeit passieren konnte, Zwangsumsiedlung, etwa oder Zwangsprostitution.
    Was dem Vater genau widerfahren ist, warum er seinen Job aufgeben und „zwangsweise“ in das Kaff bei Dresden ziehen musste, bleibt vollkommen im Dunkeln, alleine muss es als Erklärung dienen, warum die Lutters ganz dringend die DDR verlassen wollten. Aber was hat er genau eigentlich gemacht, dass ihm so herbe Sanktionen auferlegt. Und warum darf ausgerechnet so einer einfach mal nach Ungarn fahren? Hier verlässt die Phantasie offenbar den Autor. So war es eben in der DDR, das müssen wir schon glauben
    Und die Geschichte um Sonja? Mittlerweile wundert einen ja nicht mehr, dass in der DDR Minderjährige an der Grenze weggefangen werden und ekligen Parteifunktionären als Sexsklaven zugeführt werden konnten. Dass Sonja aber das Kind, das aus dieser „Verbindung“ hervorgegangen ist, über alles liebt, scheint mir, wie so vieles in dieser Geschichte, unplausibel.
    Selbst das Gefühl des Eingesperrtseins war offensichtlich nicht prägend, warum sollte Falks Mutter sich sonst ausgerechnet in Berlin niederlassen, einer, wie der Autor ganz richtig schreibt, eingemauerten Stadt, die geflohene DDR-Bürger nur auf dem damals exorbitant teuren Luftweg verlassen konnten?


    All das wirkt so, als sei die DDR für den Autor das Herz der Finsternis, über das er freilich nur verschwommene Vorstellung hat. Ebenso wie sein Held Falk. Der ist nämlich 14, hat aber in einem Alter, in dem viele Altersgenossen sich bereits konspirativ in irgendwelchen Kirchenkellern getroffen haben und Punkkonzerte besuchten (das gab's sogar in Dresden!), keine Ahnung, wie sein Staat funktioniert. Zum Beispiel hat er die wage Vorstellung, in die Partei eintreten zu müssen, falls er Musiker werden wollte. Was natürlich Quatsch ist, allerdings hätte er durch Besuche von NVA-Vertretern an seiner Schule durchaus mitbekommen können, dass er, um studieren zu können, sich mehrere Jahre zur Armee verpflichten müsste. Was genau betrachtet bedeutend schlimmer ist, als einer Partei beizutreten.


    Das ist aber eh wurscht, immerhin wurde Falk ja in den Westen zwangsverfrachtet. Es folgt nun die Adoleszenz im Westen der Achtziger, hier erhoffte ich mir wenigstens den einen oder anderen Wiedererkennungseffekt, schließlich entspricht das auch meiner Sozialisation. Aber es wurde leider nicht besser. Es folgte nämlich eine simple Rachegeschichte, die in ungefähr dem Schema folgt: „Die letzten werden die Ersten sein“ Die Letzten sind zunächst einmal die Außenseiter der Klasse, unter ihnen Falk Lutter, mit kleinen körperlichen Mängeln behaftet, zu klein oder zu dick, sind sie ansonsten kluge und gute Menschen. Auf der anderen Seite sind die Platzhirsche der Klasse, die natürlich bedeutend blöder und hässlich bis zur Rattengesichtigkeit sind, aber dummerweise das Sagen haben. Und die sind nicht nur echte Kotzbrocken, sondern sogar gemeingefährlich.
    Aber auch das überlebt Falk, der jetzt Martin heißt, erstaunlich unbeschadet

    .


    Die verschiedenen Charaktere sind messerscharf in schwarz und weiß geschieden, Grautöne kommen selten vor und wirken mutwillig platziert. Aussehen, Intelligenz, Geruch, ja selbst Musikgeschmack: daran erkennt der Leser schnell und zuverlässig, welcher Fraktion die Beteiligten am Ende zugeordnet werden können.


    Genaugenommen ist „Sommerhit“ einfach nur eine Schmonzette, die durch den pseudopolitischen Erzählstrang „DDR“ eine historische Dimension zu erhalten hofft. Es ist eine Aschenputtel-Geschichte, die einer Groschenheft-Dramaturgie folgt:

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)