Das Schwert der Vorsehung - Andrzej Sapkowski

  • OT: Miecz przeznaczenia 1992


    Der zweite Band um den Hexer Geralt von Riva besteht, wie der erste, aus einer Reihe längerer Erzählungen, diesesmal ohne verbindende Rahmenhandlung. Die sechs Geschichten sind, wie beim erstenmal, eine Mischung aus bekannten Märchen, wildem Abenteuerroman und einer Form von Weltbetrachtung, die ansatzweise hin und wieder als Philosophieren durchgehen kann. Auch die derb-deftige Erzählweise erkennt man sofort wieder.
    Geändert hat sich der Ton, man kommt beim Lesen der Hauptfigur näher. Das bringt zum einen eine Menge überraschender Wendungen mit sich, macht den Hexer aber deutlich menschlicher. Der Wind weht weniger rauh hier, bei allen Schrecknissen, von denen Sapkowski erzählt, ist das Buch milder und warmherziger als der erste Band. Es ist schwer zu entscheiden, ob das am guten Herzen des Autors liegt oder an der Eigendynamik romantischer Setzungen, die, wenn man nicht scharf aufpaßt, unweigerlich dem Rosarot-Sentimentalen zustreben. Nicht leicht zu entscheiden ist auch, ob die Gestalt des Hexers durch diese Vermenschlichung gewinnt oder aber verliert, weil er sich eben immer mehr wie der vertraute seelisch verletzte Held verhält und nicht wie das fremdartige Wesen, als das er angelegt wurde.


    Die Grenze des Möglichen, die erste Geschichte, berichtet von einer ganz speziellen Drachenjagd. Sapkowski wartet mit herrlichen Überraschungen auf, im Handlungsverlauf ebenso wie bei der Beschreibung aller Personen. Seine Fähigkeiten, eine Gruppe von sechs, sieben oder auch mehr Figuren auftreten und miteinander agieren zu lassen, sind beträchtlich und man folgt den unterschiedlichen Drachenjägern mit größten Vergnügen. Für Geralt ist die Drachenjagd eine weitere Episode in seiner unglücklich-glücklichen Liebesgeschichte mit Yennefer, der schönen Zauberin. Daß der Drache etwas besonderes ist, versteht sich von selbst. Glück und Trauer, derber Humor und große Gefühle sind fein ausbalanciert.


    Ein Eissplitter beginnt fulminant und höchst unappetitlich mit einem detaillierten Einblick ins Geralts Berufsalltag. Ebenso detailliert, geradezu intim ist dann der Einblick in die Beziehungsprobleme zwischen Geralt und Yennefer. Ein Eissplitter ist unter den Geschichten dieses Bands die düsterste und traurigste, leider auch die, die am wenigsten überzeugt, auch der offene Schluß ändert daran nichts.


    Das ewige Feuer, Geschichte Nummer drei, ist ganz anderer Art. Hier versucht sich Sapkowski an purer Komödie und das gelingt ihm, man braucht allerdings etwas Geduld dazu. Dafür bekommt man die Lebensweise einer neuen Spezies vorgeführt, die Geralt, den Sänger Rittersporn und einen mehr oder weniger braven Kaufmann in Bedrängnis eigener Art bringt. Der Dreh dabei ist schön, aber hier wandert Sapkowski schon in sentimentale Gefilde ab. Man nimmt es nur deswegen nahezu widerspruchslos hin, weil er gleichermaßen lustig wie ernsthaft vom Guten erzählt. Immerhin ist das für einmal eine Abwechslung, in der Regel gilt die Aufmerksamkeit ja dem Bösen.


    Ein kleines Opfer ist ein wirklich großer Wurf. Er gelingt auch nahezu. Grundlage der Geschichte ist Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau - daraus ergibt sich das Problem des ‚Opfers’, das dann gründlich durchdiskutiert wird. Die traurige Liebesgeschichte ist allerdings eine andere, als erwartet, und eben das macht diese Erzählung so gut. Die mahnenden Worte an die Herren der Welt sind ein wenig zuviel des Guten, sie wirken wie ein Fremdkörper. Da sie mit Überzeugung gesprochen werden, nimmt man es hin.


    Das Schwert der Vorsehung hat ein ähnliches Problem mit den ‚großen Themen’, es geht um Dryaden und die Verteidigung ihres angestammten Landes, den Wald Brokilon, in dem man unschwer das sagenhafte Brocéliande erkennt. Die Geschichte ist spannend, ausgezeichnet erzählt, nur eben etwas überfrachtet, und das umso mehr, als es zugleich um eine private Verstrickung Geralts mit einem Kind der Vorsehung geht. Daß es als zehnjährige Rotzgöre auftaucht (das ‚Rotz’ ist wörtlich zu nehmen, wir sehen den Autor förmlich ein Auge kneifen) ist witzig und witzig gelöst, macht die Sache an sich aber nicht weniger sentimental.
    Grundsätzlich problematisch ist die Diskussion von Vorsehung in einem Roman. Schließlich ist die/der jeweilige AutorIn die/der SchöpferIn des Konstrukts, die Vorsehung also für ihre/seine Figuren. Es ist schwer, ihr/ihm solche Überlegungen abzunehmen.


    Ähnlich ist es bei der letzten, Etwas mehr. Die Einblicke in Geralts Leben sind jetzt sehr tief, eigentlich ist er nun ein leidender Mensch geworden. Schade um den ursprünglichen Entwurf. Daß das Lesen trotzdem höchstes Vergnügen bereitet, liegt am Autor. Er erzählt so gut. Er hat so viele Einfälle, einer verrückter als der andere. Und überhaupt kann man keinem vorwerfen, ein richtig netter Mensch zu sein.


    Es empfiehlt sich, den ersten Band der Hexer-Geschichten zuerst zu lesen, da zum Verständnis von vier der sechs Geschichten gewisse Vorkenntnisse nötig sind.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • :gruebel und sie liest weiter...


    Ja, es ist verblüffend zu betrachten, wie Sapkowski's geschichten immer länger und dann seine bücher immer dicker wurden,


    Und im nächsten buch, dem ersten der fünf geht's dann mit der Rotzgöre, die er so gar nicht als vorsehungskind haben wollte, erst so richtig los... wegen dieser blöden vorsehung, mit der keiner was zu tun haben und die jeder verhindern will, und je mehr man verhindern will, umso blöder wird's.

    DC :lesend


    Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens I


    ...Darum Wandrer zieh doch weiter, denn Verwesung stimmt nicht heiter.
    (Grabinschrift F. Sauter )

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  • Der Hexer Geralt von Riva ist wieder unterwegs, um die Welt von Ungeheuern zu befreien. Dies ist der zweite Kurzgeschichtenband über Geralts Abenteuer.


    Geralt ist ein vielschichtiger Charakter, der oft mit seiner Bestimmung zu kämpfen hat. Seine Geschichten sind meist mit Humor erzählt, jedoch gibt es auch hin und wieder traurigere Klänge. Hexern wird unterstellt, keine Gefühle zu haben, bei Geralt ist das aber anders, auch wenn er es selbst nicht zugibt, hat er doch eine ausgesprochen lebhafte Gefühlswelt.


    Es gibt auch das eine oder andere Wiedersehen, Geralts Freund Rittersporn ist genauso wieder dabei wie seine große Liebe Yennefer. Und auch über Geralts Beziehung zu Ciri wird einiges erzählt. Dazu gibt es eine ganze Reihe Ungeheuer, mir gefällt, dass es nicht die sonst so üblichen sind sondern dass es hier viele Ungeheuer, womöglich aus dem östlichen Legendenkreis (der Autor ist Pole) gibt, die man hier gar nicht kennt.


    Die Anthologie enthält sechs Geschichten, die allesamt begeistern können. Andrzej Sapkowski ist ein toller Geschichtenerzähler. Teilweise bauen seine Geschichten auf bekannten Märchen oder Legenden auf, z. B. gibt es eine Geschichte, die an „Die kleine Meerjungfrau“ erinnert, doch es gelingt ihm, jeweils ganz eigenen Geschichten daraus zu machen. Alle Geschichten sind flüssig zu lesen und spannend.


    Ich kann die Geralt-Geschichten sehr empfehlen. Wer die PC-Spieleserie „The Witcher“ kennt, sollte auf jeden Fall einen Blick wagen, denn diese baut auf den Geralt-Geschichten und -Romanen auf. Wer gerne Fantasy liest ist hier auch auf jeden Fall richtig. Der Autor hat bisher zwei Kurzgeschichtenbände und mehrere Romane über Geralts Abenteuer geschrieben, so dass für viel unterhaltsamen Lesestoff gesorgt ist. Absolute Leseempfehlung!

  • Zitat

    Original von MagnaMater
    :gruebel und sie liest weiter...


    Ja, es ist verblüffend zu betrachten, wie Sapkowski's geschichten immer länger und dann seine bücher immer dicker wurden, und Geralt sich schliesslich als - gut, die meisste zeit abwesender und wegen dringender monsterjagd verhinderter - familienvater durchschlägt.


    :bonk:fetch . Schön für Dich, wenn Du alles schon weißt. Ich aber bin gerade mit "Das Schwert der Vorsehung" fertig und habe die anderen Bände noch vor mir. :-(
    Schade, wenn einem solche unnötigen Auswürfe zu unpassender Zeit den Spaß verderben.
    Find ich nicht gut :nono

  • Lol, ich hab mein gespräch mit Magali gespoilert.
    Aber wenn der spoiler kopiert ist, ist er zusätzlich vervielfältigt, und ich kann ihn nicht spoilern.

    DC :lesend


    Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens I


    ...Darum Wandrer zieh doch weiter, denn Verwesung stimmt nicht heiter.
    (Grabinschrift F. Sauter )

  • :lache :alter Aber deinen meinen spoiler musst du spoilern, vielleicht sind andere auch so vergesslich, und fühlen sich dann auch gespoilert, wenn die vorhersehung eben doch trotz aller versuche sie zu umgehen, mitleidlos zuschlägt.

    DC :lesend


    Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens I


    ...Darum Wandrer zieh doch weiter, denn Verwesung stimmt nicht heiter.
    (Grabinschrift F. Sauter )

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  • Der zweite Band von Erzählungen hat mir deutlich besser gefallen als der erste, obwohl Geralt sich hier in eine Richtung entwickelt, die der Figur vielleicht nicht zuträglich ist. Im ersten Band hat mir die Innensicht manches Mal gefehlt und ich fand die Rahmenhandlung nicht gut umgesetzt, hier nun hängen die Geschichten zusammen, ohne dass viel drumherum gesprungen wird, das gefällt mir einfach besser. Die Geschichten sind ganz unterschiedlich, am besten haben mir die beiden mit Ciri gefallen, ich hätte mir nur gewünscht, dass sich Geralt nicht gleich als derart perfekter Familienvater erweist, aber gut. Nun bin ich gespannt, was die Romane bringen werden.

  • Dass ich den ersten Teil gelesen habe, ist schon watt her. Mehrere Jahre...


    Den zweiten Teil musste ich aus dem Alt-SUB befreien, und er hat mir sehr gut gefallen!
    Nun habe ich wohl das Problem der Beschaffung der weiteren Teile. Ich bin mir nur nicht sicher, ob sich das Weiterlesen wirklich lohnt, da die Meinungen bei der Serie so auseinanger gehen. Ich will mir ja nicht den Eindruck der ersten beiden Bände mit Langeweile kaputt machen (wie es mir leider zum Schluss mit den "Game of Thrones"-Büchern erging).
    Andererseits wüsste ich schon gern, wie sich Ciri entwickelt.
    Und ob Geralt seinen Anstand wieder verliert, der ihn in diesem zweiten Teil ja fast schon liebenswert macht (ich komme nicht dagegen an, aber er erinnert mich stark an Daryl aus TWD).


    Also Fakt ist: das Buch ist mir glatte 9 Punkte wert. Mir gefällt der Schreibstil super, der Humor ist klasse, genau mein Ding, die Figuren sind einfach toll.


    Wenn diese Serie irgendwann mal jemand so richtig gut verfilmte, wäre ich eine der Ersten, die ins Kino rennen würden.

    „An solchen Tagen legt man natürlich das Stück Torte auf die Sahneseite — neben den Teller.“

  • Ich fand den zweiten Kurzgeschichtenband sogar noch einen Ticken besser, als den ersten.


    Haben wir im ersten bereits herausgefunden, wie Geralt seinen Kumpel Rittersporn und seine On/Off-Geliebte Yenefer kennengelernt hat, ist in diesem Buch Geralts hevorbestimmtes Treffen mit Cirilla der Kern der Handlung, der wohl für die eigentliche Buchreihe noch sehr wichtig sein wird.


    Ansonsten hat man hier wieder mehrere, großartige und kurweilige Geschichten, die das Lesen des Buches zu einem Vergnügen machen. Keine der Geschichten fühlt sich langweilig oder in die Länge gezogen an. Sie haben genau die richtige Länge.


    Das reicht diesmal für 9/10 Punkten. 'Das Erbe der Elfen' liegt auch schon bereit!

  • Ich besitze "Das Schwert der Vorsehung" auch, aber es ist noch ungelesen, habe aber "Der letzte Wunsch" gelesen und der war richtig gut:thumbup:. Ich bin auf die Geschichten von dem Hexer "Geralt von Rivia" aufmerksam geworden, durch die "The Witcher-Spiele", denn ich besitze auch "The Witcher 2" für meine Xbox 360 und finde die Geschichten, rund um den Hexer, sowie in den Bücher und in den PC/Video-Spielen, sehr Spannend ;).