Edward Snowden und die Heuchelei

  • Hallo zusammen,


    überrascht stelle ich fest, dass ich es hier noch gar keinen Thread zum Thema gibt - ich mache mal einen auf, weil mich interessiert, wie andere darüber denken:
    Edward Snowden hat sich - aus welchen Gründen auch immer - mit den übermächtigen USA angelegt und den größten Datenschnüffelskandal der letzten Zeit öffentlich gemacht. Jetzt will ich weder über seine Motive spekulieren (ob es nun persönliche Eitelkeit war oder tatsächlich edlere Ziele), noch darüber, wie gut oder schlecht er sich auf das zu erwartende persönliche Disaster vorbereitet hat.


    Aber was mich wirklich unfassbar wütend macht, ist die allgemeine Reaktion der Weltöffentlichkeit und die Abgründe, die sie offenbart.


    Zunächst mal drängt sich einem das Gefühl auf, dass fast alle Staaten der westlichen Welt (und nicht nur diese) erstaunlich still zum Thema sind. Länder (auch Deutschland), in denen die Google-Streetview-Macher mit brennenden Heugabeln verjagt wurden, weil ja die Privatsphäre auf dem Spiel stünde und in denen es ein Riesengeschrei um Vorratsdatenspeicherung gibt, die gucken einfach betreten zur Seite und hoffen, dass der Kelch irgendwie an ihnen vorübergeht.
    Heute lese ich, dass Frau Merkel den Herrn Obama angerufen hat, um ihn zu diesem unglücklichen kleinen Lapsus zu befragen - und was ist das Highlight der Meldung? Herr Obama "versichert, ihre Bedenken ernst zu nehmen."
    Geil.
    Diese nichtssagende englische Floskel - ja natürlich, ich verstehe deine Sorgen, sei versichert, dass ich sie ernst nehme (übersetzt: und jetzt sei lieb, quengel nicht rum und lass mich mit dem Scheiß in Ruhe) - das ist alles??
    Die Reaktionen der moralisch ach so überlegenen und die demokratischen Grundwerte hochhaltenden westlichen Welt ist ungefähr so, als habe die Schulleitung ihre allerbeste Vorzeige-Schülerin, deren Eltern auch noch alljährlich große Geldbeträge für die Instanthaltung des Schulgebäudes spenden, beim Beklauen ihrer Mitschüler erwischt: Keiner will's wahrhaben und deshalb wird es totgeschwiegen.


    Den Mund reißen nur die auf, die gerade nicht die politische Verantwortung tragen und demzufolge nichts riskieren, sondern nur Sympathiepunkte für den nächsten Wahlkampf gewinnen können.
    Alle anderen benehmen sich, als hätten sie ein geheimes Memo zur Eskalationsvermeidung über Staaten- und Parteigrenzen hinweg bekommen, an das sie sich um den Preis von Leben und Tod zu halten haben. Da stellt man sich doch die Frage: Was führt zu der plötzlichen Einigkeit? Die gemeinsame Furcht, dass eigene Beteiligungen ans Licht kommen könnten? Die kollektive Angst vorm großen Bruder USA?
    Wie ist es möglich, dass nur solche Staaten Hilfe für den armen Typen in Erwägung ziehen, der sich jetzt vermutlich auf einer Flughafentoilette versteckt, die in Beziehungen mit den USA ohnehin nichts mehr zu verlieren haben? (PS. Ich wünsche ihm ja, dass er längst über einen Hinterausgang den Weg zu einer verschwiegenen Datsche am Kaspischen Meer gefunden hat, um den Sturm auszusitzen...)
    Wieso kann die Bolivianische Präsidentenmaschine einfach mal so zwölf Stunden festgesetzt werden, und es interessiert nicht so wirklich jemanden??


    Viel schlimmer als der Datenskandal an sich ist die Perspektive, die diese Geschichte auf das weltweite Machtgefüge offenbart, auf das unfassbare Ausmaß an Heuchelei, auf das Messen mit zweierlei Maß, auf die krasse Abhängigkeit, die sich von einer einzigen Supermacht ergibt.
    Die Welt wird öffentlich düpiert und jeder ignoriert es - als sei hinter den Kulissen klar, dass man ja sowieso nichts machen könne und sich lieber in Schadensbegrenzung üben sollte.
    Ich bin wirklich kein USA-Feind, ich habe jahrelang in dem Land gelebt und ich mag es immer noch sehr, trotz seiner vielen Fragwürdigkeiten.
    Aber nach diesem Vorfall und der Art, wie damit umgegangen wird, wird mir ganz schlecht ob der Diskrepanz, die da zwischen Anspruch und Realität westlicher Rechtsstaatlichkeit aufklafft ...


    Wie seht ihr das?


    Schöne Grüße,
    Andrea

  • Wer die USA und viele andere Staaten der westlichen Welt für "Rechtsstaaten" hält - der muss wohl in den letzten Jahren in einem fulminanten Tiefschlag versunken sein.


    In den USA werden die Menschenrechte mit Füssen getreten, die Gerichte entscheiden oftmals neben normalen rechtsstaatlichen Grundsätzen. Aber das ist doch alles längst bekannt.


    Und ist es denn bei uns anders? Man schaue nur auf staatliche Willkür und beispielsweise auf die Nichthaftung der rechtssprechenden Gewalt bei offensichtlichen Fehlentscheidungen.


    Und meint wirklich jemand ernsthaft, der Bundesnachrichtendienst, der MAD und auch die Verfassungsschutzämter würden sich an rechtsstaatliche Normen halten? Da wird unter Garantie auch im Inland rechtswidrig zu Werke gegangen. Und genausowenig ist es vorstellbar, dass die Regierung davon nichts weiß.


    Seit dem 11.9.2001 werden die Grundrechte der Menschen immer weiter beschnitten, mit der vorgeschobenen Begründung der Terrorismusbekämpfung. Das gerade die Anschläge von 9/11 eine willkommene Gelegenheit waren, "Big Brother" langsam aber sicher zu installieren, wird leider in diesem Lande nur von wenigen ausgesprochen.


    Aber wer seine gesamte Lebensgeschichte und persönlichen Daten Facebook und ähnlichen Formaten anvertraut, dem dürfte die fast schon lückenlose Überwachung durch die Geheimdienste - auch fremder Mächte - doch eigentlich völlig egal sein. Man hat ja nichts zu verbergen..... :grin


    .......und die Kolonne Merkel wird im Herbst wiedergewählt. :-(

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Ehrlih gesagt, haben mich Snowdens Enthüllungen nicht wirklich überrascht....


    Im Internet wird doch alles in irgendeinerweise ausgewertet, und sei es nur um uns bei Amazon die passenden Bücher vorzuschlagen.
    Wir geben bereitwillig bei Facebook an, wo wir uns rumtreiben und was uns gefällt und während wir bei Payback und Co eifrig Punte sammeln, sammeln die Daten über uns.


    Das Geheimdienste dann auch Daten sammeln, sollte uns nicht verwundern, und das diese eben nicht nur zur Terrorismusbekämpfung eingesetzt werden ja wohlauch nicht. Denn wenn die Daten schon mal da sind, kann man ja gleich noch ein paar andere Sachen mit auswerten.
    Und wenn es der eigenen Wirtschaft schlecht geht, schustert man bei der Gelegenheit auch gleich nochmal den eigenen Firmen die Geschäftsdaten der Konkurrenz zu. Tut man ja für's eigene Land.


    Das es nicht ok ist, ist klar, aber glaubt ihr wirklich, das ist neu? In Vor-Internetzeiten wurde halt anders spioniert, jetzt tut man sich viel einfacher.


    Datenschutz fängt aber auch bei einem selbst an. Wenn man auf Facebook für alle sichtbar postet, daß man sich gerade für drei Wochen in Urlaub begeben hat, muss sich nicht wundern, wenn hinterher evtl. die Bude ausgeräumt ist.
    Nicht umsonst werden die Kinder in der ersten Klasse schon drauf aufmerksam gemacht, daß sie ihre Namen nicht gut sichtbar an Schulranzen oder Warntrapeze schreiben sollen, weil Fremde sie sonst mit ihrem Namen ansprechen können.


    Und ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß sich da von irgendwelchen Regierungen her was tun wrd. Die haben im Moment einfach andere Probleme, irgendwas ist doch immer wichtiger....

  • Zitat

    Original von streifi
    Ehrlich gesagt, haben mich Snowdens Enthüllungen nicht wirklich überrascht....


    Überrascht haben sie mich auch nicht, und ja, wer seine Lebensgeschichte auf Facebook veröffentlicht, seinen Beziehungsstatus via Twitter diskutiert und seine sensiblen Daten auf irgendwelchen dubiosen Cloud Services lagert, statt auf der lokalen Festplatte, ist selbst schuld.
    Das ist meines Erachtens aber nicht so sehr der Punkt.


    Viel dramatischer ist die Art und Weise, wie nach der Offenlegung damit umgegangen wird, weil sie leider sehr tief blicken lässt.
    Dass die USA nicht gerade ein Hort rechtsstaatlicher Ideale sind, ist auch kein Geheimnis. Wirklich schlimm finde ich aber, dass für einen Großteil Europas und der Welt die Angst vor den amerikanischen Freunden offenbar schwerer wiegt als die Sorge, das eigene Gesicht zu verlieren und sich als heuchlerischer Erfüllungsgehilfe brandmarken lassen, dessen Ideale beim ersten Windhauch in sich zusammenklappen.

  • Wären wir an Merkels Stelle, wir hätten - trotz unserer Empörung - ebenso reagiert, weil wir angemessen und professionell auf die Situation reagieren müssten. Aufgrund unserer allumfassenden Analyse, vor allem unter Berücksichtigung aller Zielkonflikte, war es eine gute Entscheidung, die sich Angie angemessen entlohnen lassen wird. Obama hat sich schon fast entschuldigt und muss den Worten Taten folgen lassen, denn Europa und vor allem Deutschland sind als 'Strategische Verbündete' viel zu wichtig.
    Das ist Politik!

  • Bei der Politik geht es mittlerweile nur noch um Wirtschaft und wirtschafltiche Interessen. Maxime: Was der Wirtschaft hilft hilft auch dem Land.


    Olympiade in Peking... Die Chinesen haben die Meinungsfreiheit auch während der Olympade mit Füssen getreten und kein einziges Land bzw. Regierungschef/-in hat dagegen protestiert. Grund: China ist DIE Wirschaftsmacht und man fürchtete Repressalien gegen die eigen Wirtschaft.


    Amerika ist immer noch eine Wirtschaftsmacht die enorm viel konsummiert und viele Güter auf dem Weltmarkt nachfragt. Da protestiert man doch nicht dagegen. :nono Und wer sagt denn, dass irgend eine deutsche Behörde/Geheimdienst nicht genau das Gleiche macht???


    Merkelchen dürfte enorm erleichtert gewesen sein das ihr die Franzosen die Sache mit den Überflugsrechten abgenommen haben, sonst hätte die "mächtigste" Frau der Welt noch eine Entscheidung fällen müssen. Und das macht das Duckmäuschen, Entschuldigung Bundeskanzlerin gar nicht gerne.


    Ich habe meine Illusionen betreffend amerikanischem Präsidenten mit Obama definitiv und für alle Zeiten begraben. Es mag in Amerika vielleicht innenpolitisch eine Rolle spielen ob ein fortschrittlicher Demokrat oder ein stockkonservativer Republikaner Präsident ist aber für den Rest der Welt wird der amerikanische Präsident immer die Rolle des stockkonservativen, ultranationalen Republikaners vertreten. Obama, eine einzige Enttäuschung!

  • Zitat

    Original von sapperlot
    Bei der Politik geht es mittlerweile nur noch um Wirtschaft und wirtschafltiche Interessen. Maxime: Was der Wirtschaft hilft hilft auch dem Land.


    Nur gerade da liegt ja bei dem Überwachungsskandal die eigentliche Crux. Auch wenn es für uns Privatleute erst einmal untragbar erscheint, dass unsere privaten Konversationen ausspioniert und irgendwo abgespeichert wurden, so ist doch der Nutzen für die Abhörer in der Regel von eher geringer Bedeutung. Was aber ist mit den Daten, die in Wirtschaftsunternehmen ausgespäht worden sind? Hier wurden vermutlich systematisch Innovationen, Produktionsmethoden usw. usw. abgegriffen. Und da kann mir kein Mensch erzählen, dass diese Informationen lediglich irgendwo gespeichert und nicht genutzt werden. Das ist Wirtschaftsspionage auf Staatsgeheiß und ich frage mich wirklich, warum so etwas nahezu stillschweigend hingenommen wird. Es spricht alles dafür, dass hier jede Seite Dreck am Stecken hat. Für mich absolut untragbar.

    With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? - Oscar Wilde


    :lesend Rock My World - Christine Thomas

  • Zitat

    Original von beisswenger
    Wären wir an Merkels Stelle, wir hätten - trotz unserer Empörung - ebenso reagiert, weil wir angemessen und professionell auf die Situation reagieren müssten. [...] Das ist Politik!


    Ja, genau.
    Das ist es, was mich so ankotzt.
    Man hätte genauso gehandelt, 'for the greater good'. Vernünftig sein, obwohl die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit.
    Snowden, dem stinkigen Nestbeschmutzer, der versucht hat, uns unsere weißgewaschenen Illusionen kaputt zu machen, hilft das leider nicht.
    In heiliger Entrüstung draufgehauen wird eben immer nur, wenn man sich eine faire Chance ausrechnen kann, dass der andere nicht zurück haut. Irgendwelchen drittrangigen Stasi-Zuträgern wird heute noch, zwanzig Jahre später, die gerechte kollektive Empörung entgegengeschleudert. Aber das sind ja auch nicht die mächtigen Amerikaner, deren Dollars überall gern genommen werden.
    Und mal ehrlich, gegen das, was andere so mit ihren Dissidenten machen, ist das, was Snowden blüht, doch ein Fliegenschiss, also was regen wir uns auf? Immerhin hat dem Geheimnisverräter noch keiner die Arme und Beine abgehackt und die Zunge rausgetrennt, wie das gewisse islamistische Rebellen in gewissen afrikanischen Schurkenstaaten machen, oder? Vielleicht könnte er im Knast ja ein Buch schreiben, und Random House zahlt ihm ein Vermögen für die Rechte und viele tausend weiblicher Fans schicken ihm Nacktfotos und Teddybären. Ist doch nicht so schlecht.
    Außerdem ist die ganze Aufregung spätestens in drei Wochen wieder vergessen, wenn Kate und William ein Baby kriegen. Oder Apple das iPhoneX präsentiert. Oder mal wieder Fotos von verschütteten Textilarbeitern in Bangladesh um die Welt gehen. Was war da gleich noch mal gewesen ... ?

  • made : Genau - Marionetten, 'deshalb'

    @sapperlot: mittlerweile schon immer - Obama hat nur einen klitzekleinen Spielraum, um Idealisten befriedigen zu können.


    @Echantress: US-Behörden sind viel zu schlampert, um die Daten auch nutzen zu können, siehe 11/9, Marathon... und andere Pleiten - bei deutschen Behörden hätte ich eher Angst vor einer professionellen Nutzung der Daten durch den von der Banalität des Bösen durchsetzten Behördengeist.


    agu : So ist es!

  • Zitat

    Original von sapperlot
    Bei der Politik geht es mittlerweile nur noch um Wirtschaft und wirtschafltiche Interessen. Maxime: Was der Wirtschaft hilft hilft auch dem Land.


    So ist es. Ob Außen-, Bildungs-, Sozial-, Umweltpolitik.
    Wo führt das hin? Ausbeutung der Masse durch wenige Mächtige. Das macht mir Angst, ich sehe alles den Bach runtergehen. Und was machen die Leute? Sie schauen zu ......
    ... wie andere im Dschungel hausen, auf dem Laufsteg dahinstelzen, für Deutschland ins Mikrofon grölen.
    Wir haben es nicht anders verdient. Kein Wunder, wenn die Oberen Zehntausend kein schlechtes Gewissen haben.

  • Zitat

    Original von beisswenger
    @Echantress: US-Behörden sind viel zu schlampert, um die Daten auch nutzen zu können, siehe 11/9, Marathon... und andere Pleiten - bei deutschen Behörden hätte ich eher Angst vor einer professionellen Nutzung der Daten durch den von der Banalität des Bösen durchsetzten Behördengeist.


    Diese Formulierung finde ich jetzt sehr gewagt. Setzt man doch deutsche Behörden mit dieser Hannah-Arendt-Formulierung, die sie in Bezug auf Adolf Eichmann vornahm, gleich. Sicher treten deutsche Behörden auch sehr oft geltendes Recht mit Füßen - aber ihnen quasi eine Eichmann-Mentalität und Eichmann-Motivation indirekt zu unterstellen finde ich mehr als grenzwertig.


    Und als Teil einer deutschen Behörde wehre ich mich entschieden gegen einen solchen Vergleich.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Zitat

    Original von beisswenger
    @Echantress: US-Behörden sind viel zu schlampert, um die Daten auch nutzen zu können, siehe 11/9, Marathon... und andere Pleiten.


    Ich kaufe ein N für meinen Namen. :grin


    Ob eine Nutzung durch US-Behörden stattfindet, wage ich nicht zu beurteilen (möglicherweise sind sie bei der Wirtschaftsspionage versierter als bei der Terrorabwehr), aber die Daten könnten durchaus mal kurz an die Wirtschaft durchgereicht werden und die halte ich für pfiffig genug, etwas damit anfangen zu können.

    With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? - Oscar Wilde


    :lesend Rock My World - Christine Thomas

  • Enchantress, sorry! Da stimme ich dir zu, schätze die Effizienz der Aufarbeitung und Nutzung nicht sehr hoch ein und komme deshalb zum Kollegen
    Voltaire, der sich zurecht besschwert.


    Eigentlich hätte ich da weiter ausholen müssen, zugegebenermaßen ist das, was ich meine, nicht ganz klar geworden. Ich meine damit mein Ressentiment (vielleicht ist es auch mehr als das) gegenüber der schlampigen Arbeit der US-Behörden im Vergleich mit den bundesdeutschen, die ich wesentlich effizienter einschätze, was in mir eine größere Angst auslösen würde, falls Daten in deren Hände gerieten. Insofern ist das, was ich meine, eher als Lob zu werten - oder auch nicht.

  • An der ganzen Situation hat mich überhaupt gar nichts überrascht. Was mich aber richtig ankotzt, ist, dass der jetzt irgendwo festsitzt und keiner ihm helfen will. Aus Angst irgendjemanden zu verärgern. Könnte man ihn nicht zum professionellen Spion machen?


    Und noch ein Wort zum Datenschutz usw. Ich habe mich ja zu Facebook überreden lassen, aber seitdem frage ich mich andauernd, wie leichtfertig Menschen sein können. Bei vielen kann ich sogar live die Joggingroute mitverfolgen. Für Spanner oder Massenmörder/Vergewaltiger ist das doch auf dem Silbertablett serviert. Über einige könnte ich ganze Wochenpläne erstellen, weil ich quasi zu jeder Zeit weiß, wo sie sich grade befinden. Da stell ich mir doch nur eine Frage: WARUM?

  • Zitat

    Original von agu
    Die Reaktionen der moralisch ach so überlegenen und die demokratischen Grundwerte hochhaltenden westlichen Welt ist ungefähr so, als habe die Schulleitung ihre allerbeste Vorzeige-Schülerin, deren Eltern auch noch alljährlich große Geldbeträge für die Instanthaltung des Schulgebäudes spenden, beim Beklauen ihrer Mitschüler erwischt: Keiner will's wahrhaben und deshalb wird es totgeschwiegen.


    Sehr treffend beschrieben, genau das ist hier der Fall. Nach Frankreich sind die USA der zweitgrößter Abnehmer unserer Exporte, und das dürfte für so ziemlich alle Länder der Erde ähnlich aussehen. Von daher überlegen es sich alle Regierungschefs zweimal, ob sie sich mit diesem (Wirtschafts-)Giganten anlegen. Wieso man dabei (mit vorauseilendem Gehorsam?) sogar Regierungsflugzeuge stoppen muß, erschließt sich mir allerdings auch nicht mehr.


    Selbst wenn Snowden an Bord gewesen wäre, was hätte man denn machen wollen? Wäre es möglich gewesen, ihn festzunehmen (in der Regierungsmaschine eines souveränen Staates)? Und wenn er wirklich nach Südamerika flüchten könnte, wäre das für die USA schlimmer als der derzeitige Aufenthaltsort Russland? Sind Bolivien oder Ecuador tatsächlich die von den USA mehr gefürchteten Feinde? Also: Raushalten, Kopf unter die Decke stecken und Asyl aus formalen Gründen ablehnen wie die deutsche Kanzlerin läßt sich mit obigen Gründen eventuell noch erklären, aber warum und ob die Flugzeug-Aktion notwendig war, verstehe ich nicht.


    Trotzdem hätte ich von der Bundesregierung bedeutend mehr Mumm / Selbstbewußtsein erwartet. Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder, bei dem die wirtschaftliche Abhängigkeit in beide Richtungen besteht. Ein Handelsembargo gegen Deutschland zwecks Auslieferung Snowdens können sich die USA nicht erlauben - wir sind einer der Hauptabnehmer amerikanischer Exporte. Nur deshalb konnte sich Schröder einst erlauben, beim Irak-Krieg auszuscheren. Aber dieser "Affront gegen unserer Freunde aus den USA" war ja damals schon für Merkel und Co ein absoluter Tabubruch. Eine Wende für die Bundestagswahl sehe ich trotzdem nicht, da sich auch Steinbrück sehr zurückhaltend äußert und keineswegs, wie die Grünen, Asyl für Snowden fordert.


    Von den USA bin ich nicht wegen der Spionage enttäuscht, weil ich nach all den Jahren nichts anderes erwartet habe. Mich entsetzt allerdings, welche Hebel sie in Bewegung setzen, um Snowden zu fangen. Meiner Ansicht nach kann es dafür nur zwei mögliche Gründe geben: Erstens: Snowden weiß noch wesentlich gravierenderes oder zweitens: Wenn man ihn nicht erwischt, fürchtet man Nachahmer. Genug Mitarbeiter scheint diese umfangreiche Überwachung ja zu benötigen.


    beisswenger : Ich denke, die US-Behörden arbeiten bei der Terrorabwehr so schlampig, weil sie bedeutend mehr Energie auf die Wirtschaftsspionage aufwenden.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

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  • Zitat

    Original von Enchantress
    Das ist Wirtschaftsspionage auf Staatsgeheiß und ich frage mich wirklich, warum so etwas nahezu stillschweigend hingenommen wird. Es spricht alles dafür, dass hier jede Seite Dreck am Stecken hat. Für mich absolut untragbar.


    Und weil jeder Dreck am Stecken hat wird keiner anfangen mit dem Finger auf die Anderen zu zeigen, wer weiss, was die alles über einen selber wissen....

  • Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, die US-Behörden würden bei der Terrorabwehr schlampig arbeiten. Dient doch jeder Terroranschlag auch dazu, die Grundrechte der Menschen in den USA weiter einzuschränken. Man muss sich da nur einmal vor Augen führen mit welchen Rechten die US-Heimatschutzbehörde ausgestattet ist. Und diese Rechte - die übrigens die verfassungsmässigen Rechte der US-Bürger immer mehr einschränken - werden immer weitergefasst.


    Da ist nichts mit schlampig - das erscheint alles sehr wohlüberlegt. Unabhängig davon, werden natürlich auch die Erkenntnisse der US-Geheimdienste der Wirtschaft zugänglich gemacht.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Ich vergleiche die politischen Entscheidungen, die wir miterleben dürfen immer mit der Spitze eines Eisberges. Das, was unterm Wasser liegt, bleibt verborgen. Wäre doch schlimm, wenn wir zuviel wüssten ...
    Überrascht haben mich die Enthüllungen nicht, auch nicht die Reaktion darauf. Was mich eher beunruhigt ist das, was wir nicht wissen ... Oder glaubt irgendjemanden, es sähe bei uns anders aus ? Ich erinnere mich da dunkel an Diskussionen um Datenschutz und Ausspähen der persönlichen Computer ... Und irgendwann wird die Entscheidung bekanntgegeben...


    http://deutsche-wirtschafts-na…schutzes-in-europa-durch/

  • Zitat

    Original von LeSeebär



    beisswenger : Ich denke, die US-Behörden arbeiten bei der Terrorabwehr so schlampig, weil sie bedeutend mehr Energie auf die Wirtschaftsspionage aufwenden.


    Ich habe gerade Streiflichter aus Amerika gelesen, eine Kolumnensammlung von Bill Bryson.
    Das Buch ist Ende der Neunziger erschienen und darin gibt es eine Kolumne in der er sich über die Ineffektivität amerikanischer Behörden amüsiert... Fand ich sehr passend.....