Die Misshandlung der Frau im (Fantasy)Roman

  • Zitat

    Original von Herr Palomar


    Hallo Voltaire,
    wenn jemand nicht mehr angegriffen und provoziert werden möchte, solltest Du das respektieren.
    Warum verfolgt Du Ginger Ale mit diesem Hass?


    Diesen Beitrag empfinde ich gelinde gesagt als unverschämt.
    Ich "verfolge niemand mit Hass".


    Desweiteren habe ich nicht provoziert, ich möchte lediglich eine gestellte Frage beantwortet haben. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn das als Provokation und Angriff hier im Forum so verstanden wird, dann kann ich eigentlich nur noch staunen.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Herr Palomar


    ein großes Danke an Dich, daß Du als Moderator ein gegriffen hast, um ein gutes Gespräch, das gezielt von einem User gestört wurde, wieder in die normalen Bahnen zu lenken und es nicht allein den GesprächsteilnehmerInnen überlassen hast, sich sowohl um guten Gesprächsverlauf als auch gleichzeitig noch um einen Störenfried zu kümmern. Letzteres kostet unnötige Energie und zwar auf Kosten des eigentlichen Themas.




    Zur Frage des neuen-uralten Rollenbilds vornehmlich in Unterhaltungsromanen:
    Gerade jungen Frauen wird heute wieder stark eingeredet wird, daß es das Wichtigste in ihrem Leben ist, einen Mann zu finden. Es gilt als höchstes Lebensziel. Nichts wird gesellschaftlich so positiv gewertet, keine Ausbildung, nicht der Beruf, auch nicht Kinder zu haben. Letzteres ist der zweite Schritt, wesentlich ist aber der erste.


    Dementsprechend werden alle anderen Lebensentwürfe abgewertet. Dem fällt zuallererst die Berufsausübung zum Opfer. Das entspricht auch der Alltagsrealität. Ausbildungs - wie Arbeitsplätze werden gestohlen und vernichtet. Für Frauen ist kein Platz mehr.
    Sie werden zurückverwiesen aufs Haus, wo letztendlich ein anderer die ökonomische Versorgung übernimmt. Mit einer Handvoll traditioneller Lügen, - es ist die weibliche Natur, Frauen sind nicht so stark, Kinder gehören zur Mutter, Frauen sind nicht gescheit genug und von Natur aus emotional und ähnlichem Quark-, die gebetsmühlenartig wiederholt werden, werden jungen Frauen gezielt verunsichert und gelenkt.


    Dazu wird ein Bild von jungen Frauen propagiert, das Stärke, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung umdefiniert auf Konsum.
    'Ich will so bleiben, wie ich bin' heißt nicht, ich bin ein Individuum und nehme meine Rechte wahr, sondern: ich bin schlank und will es bleiben.
    Um einmal eine dieser Umdefinierungen aufzuführen, die nichts anderes sind als Perversionen von Grundrechten auf Menschsein und Individualität.


    Wenn wir Bilder von jungen Frauen sehen, sind das zarte, elfengleiche Geschöpfchen, kaum fähig, sich auf den Füßen zu halten, umso weniger, als sie grad mal einen Pfennigabsatz zugestanden bekommen, um darauf zu balancieren. Diese Wesen sind nicht in der Lage, sich im Leben zu behaupten. Sie sind ganz schmal, sie haben kaum Gewicht. Wer kein Gewicht hat, nimmt keinen Raum ein. Frauen wird ja auch keiner zugestanden.


    Allein das propagierte Aussehen macht sie zu Abhängigen von Stärkeren.
    Dazu wird ihnen eingeredet, daß sie, auch um den Mann anzulocken, viele Stunden ihrer Lebenszeit damit zu bringen müssen, sich zu schmücken. Zeit aufwenden, um sich die richtige Ausstattung zu besorgen. Diese Wesen sind im Grund Sklavinnen. Opfer.


    Die wiederum sind an einen Beherrscher gebunden. Das ist schrecklich.
    Um diesen Schrecken zu ertragen, wird aus dem Beherrscher der wahre Liebende konstruiert. Er kann ganz wild sein, aber der einen Frau, die er liebt, tut er nichts. Zugleich kann die Frau der Illusion leben, daß sie auch jemanden am Zügel hat, durch ihre Liebe nämlich.
    Sie lebt mit einem Raubtier in desen Käfig, aber es frißt sie nicht, weil sie es gezähmt hat. Aus dem Opfer wird die Liebesleistung. Auf Unterwerfung folgt Belohnung. daß der Käfig stehen bleibt und das Raubtier den Schlüssel dazu behält, wird vir lauter Liebe übersehen.
    Das Opfer wird umso größer, je schlimmer das Raubtier ist. Die Belohnung dementsprechend größer.


    Ich nenne das immer Opferlektüre oder Sklavinnen-Literatur.


    Genau besehen sind diese bad-ass-Typen grausig. Sie sind rundum verlogen. Sie sollen gegen Konventionen verstoßen, tatsächlich leben sie nur Privilegien aus. Sich eine Frau nach Belieben zu schnappen, gehört dazu.
    Natürlich sind sie schrecklich traumatisiert, aber auch das ist Quatsch, sie sind bloß unfähig, angemessen und sozialverträglich mit Problemen umzugehen. Eine Frau soll sich dann aufopfern, um den Typen auf den rechten weg zu bringen. Klar, sie hat ja nichts anderes zu tun, außer gelegentlich ein bißchen Lippenstift aufzulegen.


    Alice Thierry


    ich würde die oben beschriebene Enwticklung auch zu gern den USA in die Schuhe schieben, aber leider muß ich sagen, daß wir das auch allein können. Die Traditionen stammen zum Teil direkt aus der französischen Revolution verbunden mit seltsamen Aufopferungsmythen aus dem Christentum. Europa war da - wieder mal ;-) - früher dran und hat das Recht auf dieses schauerliche Patent.


    Recht hast Du allerdings, wenn Du sagst, daß auch männliche Rollen dringend überprüft werden müssen.
    Das aber ergibt sich aus den alten Forderungen der Frauenbewegung. Die Befreiung der Frau ist letztendlich auch die Befreiung des Mannes.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Erstmal möchte ich mich für diesen interessanten Thread bedanken und natürlich auch für die Bücherliste. Ich hab davon gleich mal ein paar auf meinen Amazon-Wunschzettel geparkt.


    Es ist immer wieder spannend, wie so eine Diskussion sich entwickelt. Es wurde gefragt, warum gerade in Fantasyromanen so häufig unterdrückte Frauen zu finden sind. Und jetzt sind wir ganz allgemein bei Emanzipation und Feminismus angekommen.


    Mich hat es jedenfalls zum Denken angeregt. Ich erlebe in der Grundschule und auch privat immer wieder Dinge, die mich zweifeln lassen, ob sich in den letzten 100 Jahren in dieser Hinsicht wirklich was getan hat. Und ich frage mich auch, warum das so ist.


    Beispielsweise muss ich im Handarbeitsunterricht immer wieder diese Frage (in Variationen) beantworten: Warum muss ich als Junge häkeln/stricken/sticken/nähen? Das ist doch nur etwas für alte Omas.
    Wenn wir aber mit der Laubsäge, Raspel oder Feile arbeiten, dann beschwert sich kein Mädchen, dass das aber nur was für Opas ist.


    Oder man braucht nur Kataloge für Spielzeug anschauen oder im Kaufhaus durch die Spielwarenabteilung gehen: Rosa Krempel für Mädchen, Blaues Zeug für Jungs. Dann auch noch lauter Haushaltswaren für die Mädchen: Spielküche, Staubsauger, Bügeleisen, alles in hübschem Rosa gehalten. Für Jungs: Bohrmaschine, Werkbank, Säge usw. in den männlichen Farben Blau, Grün, Grau.
    Über die vorherrschende Kinderkleidung muss ich wohl nichts sagen, davon können die meisten hier wohl ein Lied singen.


    Es muss doch möglich sein, die Kinderküche in einer neutralen Farbe zu halten (bei Ikea gibts die ja auch in weiß und mein kleiner Neffe liebt sie).
    Mittlerweile gibt's auch Lego-Produkte speziell für Mädchen und speziell für Jungs. Bei den Mädchen sind dann mehr rosa Steine drin, bei den Jungs mehr blaue. Außerdem sind die Mädchen-Sets mit solchen Themen bestückt: Küche, Schönheitssalon, usw. Warum? Bisher war Lego doch für jedes Kind geeignet. Ohne da einen Unterschied zu machen.


    Was ich damit sagen möchte: Anstatt die Unterschiede zwischen Mann und Frau kleiner zu machen, werden sie verdeutlicht und die Trennlinie schon sehr früh gezogen. Die Kinder erfahren durch Medien und das Spielzeugangebot, welche Rollen sie zu spielen haben und was die Welt scheinbar von ihnen erwartet. Und das leben sie dann auch so weiter. Und sie ahmen ihre Vorbilder nach. Das sind die Eltern und die Erzieherinnen im Kindergarten, die Lehrerinnen in der Schule. Und auch da muss ich bewusst die weibliche Form wählen, weil hier Frauen die Norm sind. Ich kenne ganze 2 Grundschullehrer, und keinen einzigen Erzieher oder Kinderpfleger.
    Jedenfalls ahmen Mädchen Frauen nach und Jungen Männer. Und wenn der Vater keine Hausarbeit erledigt, dann wird das der Sohn nicht so ganz verstehen, wenn er das nun aber machen soll.



    Mit Büchern ist es so ähnlich wie mit dem Spielzeug: es gibt eine gewisse Norm. Verschiedene Stereotype, die immer wieder auftauchen. Weil es sich verkauft. Wie die rosa Mädchensachen. Es gibt auch andere Dinge, aber die muss man schon gezielt suchen. Ein Ausnahmebuch findet man nicht mal eben im Vorbeigehen. Und oft erkennt man auch erst, wenn man ein gutes Stück gelesen hat, dass man wieder das gleiche Stereotyp in der Hand hält. Und es ist gekauft und der Verlag ist in seiner Annahme bestätigt, dass Schema F immer noch gut läuft und produziert mehr davon.

  • Zitat

    Original von Finchen87


    Oder man braucht nur Kataloge für Spielzeug anschauen oder im Kaufhaus durch die Spielwarenabteilung gehen: Rosa Krempel für Mädchen, Blaues Zeug für Jungs. Dann auch noch lauter Haushaltswaren für die Mädchen: Spielküche, Staubsauger, Bügeleisen, alles in hübschem Rosa gehalten. Für Jungs: Bohrmaschine, Werkbank, Säge usw. in den männlichen Farben Blau, Grün, Grau.
    Über die vorherrschende Kinderkleidung muss ich wohl nichts sagen, davon können die meisten hier wohl ein Lied singen.


    Es muss doch möglich sein, die Kinderküche in einer neutralen Farbe zu halten (bei Ikea gibts die ja auch in weiß und mein kleiner Neffe liebt sie).
    Mittlerweile gibt's auch Lego-Produkte speziell für Mädchen und speziell für Jungs. Bei den Mädchen sind dann mehr rosa Steine drin, bei den Jungs mehr blaue. Außerdem sind die Mädchen-Sets mit solchen Themen bestückt: Küche, Schönheitssalon, usw. Warum? Bisher war Lego doch für jedes Kind geeignet. Ohne da einen Unterschied zu machen.


    Das seltsame dabei ist ja, dass wir uns diesbezüglich offenbar tatsächlich zurückbewegen. Und keiner merkt's.


    Etwa meine dreijährige Nichte: mein Schwager erzählt mir allen Ernstes, dass das ja erstaunlich wäre, dass die im Gegensatz zu ihrem großen Bruder ein typisches Mädchen wäre. Erstaunlich? Ich würde sagen zwangsläufig. Denn anstatt die Klamotten ihres nur wenig älteren Bruders aufzutragen, Bob der Baumeister und so, wurde sie komplett neu eingekleidet. Natürlich Mädchenkleider, ich glaube, der Erstkontakt mit Hello Kitty fand im Alter von vier Wochen statt. Mit zwei, als der Bruder eine Duplo-Eisenbahn bekommen hatte, bekam Nina eine Puppe, samt rosa Puppenwagen.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • @ magali


    Deine Ausführungen finde ich sehr interessant und überzeugend.


    Was mir ein Rätsel bleibt, ist, weshalb jungen Frauen heute wieder verstärkt eingebläut wird, dass das Lebensziel & -glück das Finden eines Partners und damit verbunden die Versorgung durch einen solchen sein soll.
    Resultiert das aus einer generellen Orientierungslosigkeit oder Bequemlichkeit?


    Für problematisch halte ich auch, dass immer herausgestrichen wird, dass Frauen und Männer angeblich verschieden wären. Gerade das ist ja der Ausgangspunkt für eine Ungleichbehandlung, weil es eine willkommene Rechtfertigung bietet.
    Ich halte das für ziemlichen Unsinn. Es gibt kein männliches Monopol auf Fußballgegröle und Rückwärtseinparken oder einen weiblichen Anspruch auf Shopping oder Kichern. Aber vielen Leuten scheint es sogar eine Art Trost zu sein, wenn sie sich darauf berufen können, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus kämen und deswegen Männer halt so sind (ist ja schließlich besser, als sich einzugestehen, dass in ihrer Beziehung etwas nicht stimmt). Tatsächlich sind wir aber alle nicht nur aus dem gleichen Material, sondern funktionieren auch alle nach denselben Mustern - daran ändern die paar Hormone hin und her auch nicht viel.
    Die Differenziererei kommt von außen, indem andauernd und überall Rollenbildern gepredigt werden. Und das fängt bei der Geburt an, wie Finchen87 schön veranschaulicht hat.


    Was kann man dagegen tun? Sich gedanklich frei machen, würde ich sagen. Vermeintlich selbstverständliche Dinge hinterfragen: Etwa weshalb etwa der Mann eine Familie ernähren soll oder Vollzeit arbeiten muss. Wer erwartet das?

    :flowersIf you don't succeed at first - try, try again.



    “I wasn't born a fool. It took work to get this way.”
    (Danny Kaye) :flowers

  • Zitat

    Original von Alice Thierry
    @ magali


    Deine Ausführungen finde ich sehr interessant und überzeugend.


    :write
    Fantasy ist zwar weniger mein Genre (Ausnahmen bestätigen hier wie üblich die Regel), aber ich lese in diesem thread sehr interessiert mit. Auch dem Dank an Herrn Palomar schliesse ich mich daher an.
    :anbet
    :wave

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

  • Zitat

    Original von maikaefer


    :write
    Fantasy ist zwar weniger mein Genre (Ausnahmen bestätigen hier wie üblich die Regel), aber ich lese in diesem thread sehr interessiert mit. Auch dem Dank an Herrn Palomar schliesse ich mich daher an.
    :anbet
    :wave


    Das ist gar kein Fantasy-Privileg.
    Mein Ausflug zu den Regionalkrimis hat ein ähnliches Bild ergeben (zwei Autoren, eine Autorin): der Kommissar macht sich fertig, um den Fall zu lösen (und arbeitet dabei hochgradig ineffizient, wie Männer eben so sind :grin). Die Frau sitzt zuhause und ärgert sich, dass der Alte nur an die Arbeit denkt und zu wenig Zeit für sie hat, oder es gibt keine Frau, weil die Tussen heutzutage ja nicht bereit sind, das kleine Opfer zu bringen, sich mit einem permanent um seine Arbeit (und damit mit sich selbst) kreisenden Mann einzulassen.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • Danke, Herr Palomar, dafür, dass du als Moderator im richtigen Moment eingegriffen hast.


    Zitat

    @Herr Palomarein großes Danke an Dich, daß Du als Moderator ein gegriffen hast, um ein gutes Gespräch, das gezielt von einem User gestört wurde, wieder in die normalen Bahnen zu lenken und es nicht allein den GesprächsteilnehmerInnen überlassen hast, sich sowohl um guten Gesprächsverlauf als auch gleichzeitig noch um einen Störenfried zu kümmern. Letzteres kostet unnötige Energie und zwar auf Kosten des eigentlichen Themas.


    Magali, danke dir für diese Worte.


    Ich bin froh, dass das Gespräch hier weitergeht.

  • Zitat

    Original von Alice Thierry
    @ magali
    Deine Ausführungen finde ich sehr interessant und überzeugend.


    Ich auch.


    Zitat

    Was mir ein Rätsel bleibt, ist, weshalb jungen Frauen heute wieder verstärkt eingebläut wird, dass das Lebensziel & -glück das Finden eines Partners und damit verbunden die Versorgung durch einen solchen sein soll.
    Resultiert das aus einer generellen Orientierungslosigkeit oder Bequemlichkeit?


    Ich könnte mir vorstellen, dass da mehrere Komponenten hineinspielen.


    Zum einen werden Rollenbilder und Verhaltensmuster sehr stark von Werbung und Medien geprägt (wobei die Medien auch wieder überwiegend kommerziell getrieben sind). Hinter Mädchen- und Jungsartikeln steckt gigantisches Verkaufspotential. Vor allem auch der Styling- und Schönheitswahn, der als Essenz des Frau-Seins zelebriert wird, damit auch ja keine dran vorbei kommt, die Produkte zu kaufen. Am besten zwei mal im Jahr aufs Neue. Die Traumpartner-Suche versieht das Schönheitsbrimborium mit einem höheren Ziel - wenn Du ihn nicht findest, warst du wohl nicht schön genug und musst mehr investieren.


    Sodann ist vielen Mädchen und jungen Frauen der nachwachsenden Generation nicht bewusst, welche Errungenschaft es bedeutet, dass sie über ihr Leben frei bestimmen können. Warum sollen sie für etwas kämpfen, das selbstverständlich ist?


    Zudem suggerieren die unzähligen Superstar- und Supermodel- und Supertalent-Shows im Wechsel mit It-Girl-Seifenopern und merkwürdigen Youtube-Selfmade-Stars, dass man sich (finanzielle) Sicherheit und Erfolg und Anerkennung über Abkürzungen besorgen kann. Das es gar nicht nötig ist, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich auf einen steinigen Pfad zu begeben, der Jahrzehnte bis zum Ziel dauern kann. Die Heirat des reichen Traumprinzen ist auch eine Abkürzung.
    Diese omnipräsenten Produktionen sind sehr erfolgreich, weil sie mit Sehnsüchten spielen und Zuckergussträume versprechen. Wer sich diesen Mist jahrelang reinzieht, glaubt es irgendwann auch. Man sieht es ja an den zigtausenden Bewerbern für die Shows, die auch die Vorstellung nicht abschreckt, auf der großen Bühne öffentlich gedemütigt und lächerlich gemacht zu werden.


    Was noch? Last but not least vielleicht noch eine Art Gegenschwung zu einer lange dominanten Strömung. Ich glaube nicht, dass das der Hauptgrund ist, aber es könnte mit reinspielen.
    Die offizielle Sprachregelung fordert auf allen Kanälen Selbstoptimierung, Selbstverantwortung, und formuliert für Frauen eine unablässige YES YOU CAN - Botschaft. Während sich Heidis langbeinige Hühner mit dümmlichem Lächeln vor den Scheinwerfern räkeln und für mehr Glitzer auf dem Pfennigabsatz eintreten, überschwemmen Horden von Gender Mainstreaming - Professoren die Feuilletons und diskutieren Details politisch korrekter Wortgeschlechter in einer epischen Breite, dass man sogar als Nicht-Huhn erschrocken auf die andere Straßenseite geht. Auf der einen Seite werden Frauenquoten für Vorstandsposten in DAX-Unternehmen eingeführt, während am anderen, unteren Ende die neue rosa Sklavinnen-Bewegung erwacht. Vielleicht ist das eine zumindest ein Stück weit auch instinktive Reaktion auf das andere.
    Vielleicht fühlt die eine oder andere sich überfordert und flüchtet erleichtert ins Heidi-Land.




    Tja, was kann man dagegen tun?
    Ich weiß es nicht so genau.
    Vielleicht mit Feuer und Schwert missionieren gehen ;-)

  • Zitat

    Original von DraperDoyle
    Das ist gar kein Fantasy-Privileg.
    Mein Ausflug zu den Regionalkrimis hat ein ähnliches Bild ergeben (zwei Autoren, eine Autorin): der Kommissar macht sich fertig, um den Fall zu lösen (und arbeitet dabei hochgradig ineffizient, wie Männer eben so sind :grin). Die Frau sitzt zuhause und ärgert sich, dass der Alte nur an die Arbeit denkt und zu wenig Zeit für sie hat, oder es gibt keine Frau, weil die Tussen heutzutage ja nicht bereit sind, das kleine Opfer zu bringen, sich mit einem permanent um seine Arbeit (und damit mit sich selbst) kreisenden Mann einzulassen.


    Das ist mir schon klar. Nur steht halt Fantasy, wenn auch in Klammern, im threadtitel; deshalb mein Nebensatz.
    Bei deinen Krimiausführungen fiel mir auch gleich ein Beispiel ein, und zwar einer in Nordeuropa.
    Zum Thema Gleichberechtigung allgemein habe ich selbst momentan nicht allzuviel beizutragen, denn für mich war es immer so definiert:
    Männer und Frauen sollen im Alltag gleiche Rechte und Pflichten haben.
    Inwieweit Jede(r) Erstere in Anspruch nimmt, sollte ihr/ihm überlassen bleiben.
    Und in der Beziehung regeln das die zwei Betroffenen gemeinsam (und nicht die Verwandtschaft oder die Kollegen).

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

  • Ein tolles Thema, Jass (zu dem ausführlicher beizutragen, mir leider die Zeit fehlt). Ich beklage auch gewisse literarische Entwicklungen in Bezug auf Frauenrollen, aber, 'was hilft's wenn ich lang lamentier?' Stattdessen setze ich meine eigenen Werke dagegen – selbstgeschriebene wie „Die Nebelburg“ (ganz unbescheiden nach dem feministischen Motto: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr) oder durch Lektüre erlebte.
    Nachfolgende Liste (kann auf Wunsch auch in den Buchtipp-Thread ausgelagert werden) soll keine Vollständigkeit suggerieren, aber es fällt schon auf, dass die Titel fast alle aus dem letzten Jahrtausend datieren, genau wie die unrosa Heldinnen meiner Kindheit, Pippi Langstrumpf, Ronja und die soften Brüder Löwenherz. LeGuin und andere Heroinnen wurden ja bereits genannt.


    Die Fantasy-Bücher von Mercedes Lackey handeln oft von starken Frauenfiguren (allerdings nicht unbedingt die ins Deutsche übersetzten Werke: Talia-Trilogie = ihr Debüt und einige Märchenadaptionen zB Gute Fee in Ausbildung). Frauen sind Söldnerinnen ebenso wie Heilerinnen oder Bibliothekarinnen, Heldinnen und Gesetzeshüter, Magierinnen, Königinnen und bisweilen einfach nur große Schwestern, die einspringen, weil keine Männer mehr übrig sind. Männer sind Helden und Heiler. Barden, Gesetzeshüter, Könige oder auch mal schwul.
    In der Welt Velgarth gibt es verschiedenste Lebensentwürfe und Ländereien, unterdrückende sowie auch Melting-Pot-Mäßige.


    Lois McMaster Bujold hat in ihrer Space Opera-Reihe um die Vorkosigans einen körperlich schwächlichen, männlichen Helden, der sich gegen die in seiner Kultur (ans alte Russland angelehnt) herrschenden Vorurteile und Männlichkeitswahn stellen muss. Glücklicherweise ist Miles Vorkosigan clever und ehrgeizig und setzt sich (auch mit Hilfe einiger kämpfender und kluger Frauen schließlich immer wieder irgendwie durch.) Ein unwiderstehlicher Kerl ohne Waschbrettbauch, Vampiratem oder Werwolfszähne.
    Zu dem Kosmos gehören tatsächlich auch reine Männerkulturen (ohne Frauen) und genetisch Veränderte (Quiddies).
    In der Vorgeschichte (Scherben der Ehre, Barrayar) um Miles Eltern prallen Kulturen aufeinander, in denen Männer/Frauenrollen unterschiedlich interpretiert werden. Durch technische Entwicklung ist eine Frau nicht mehr gezwungen, das Kind auszutragen, es wächst sozusagen bis zur Geburt in einem Langzeitbrutkasten heran (eine Tatsache, die dem vorgeburtlich durch einen Mordanschlag geschädigten Miles das Leben rettet).


    Ihre, ein wenig ans historische Spanien angelehnte, Fantasyreihe „Chalions Fluch“ „Paladin der Seelen“ und „Im Schatten des Wolfes“ zeichnet ein wunderbar ausgearbeitetes Götterpantheon aus und Figuren, die mehrheitlich nicht metzelnd und grunzend durch die Sümpfe laufen, sondern die bisweilen selbst auch auf der Opferseite standen. Auch hier soll einmal eine junge Prinzessin einen verhassten Alten heiraten, aber sie löst „das Problem“ auf ihre Weise.


    Die Hintergrundwelt des Fantasy-Rollenspiels „Das schwarze Auge“ ist zu 95 % gleichberechtigt. Per definitionem. Was die Autoren der Romane daraus machen, ist natürlich unterschiedlich, aber wo sonst begegnet man selbstverständlich einer Schmiedin?


    Und die Moral von der Geschicht: Fantasy/SF ist, was du draus machst.

  • Zitat

    Original von agu


    Sodann ist vielen Mädchen und jungen Frauen der nachwachsenden Generation nicht bewusst, welche Errungenschaft es bedeutet, dass sie über ihr Leben frei bestimmen können. Warum sollen sie für etwas kämpfen, das selbstverständlich ist?


    Guter Punkt.


    Stattdessen wird nach den Sternen gegriffen. Junge Frauen träumen in Scharen von der Modelkarriere, einem Jet-Set-Leben und dem Traumvampir/-prinzen. Das gab es zwar früher in ähnlichen Varianten, war aber wohl weniger Massenphänomen.
    Überhaupt scheinen mir Frauen früherer Generationen mehr Bodenhaftung besessen zu haben.
    Ich habe neulich das Remake von George Cukors "Die Frauen" gesehen. Das war einfach nur furchtbar. Die Frauen im Original von 1939 besitzen Würde und Stil, Meg Ryan & Co. sind dagegen überdrehte giggelnde Weibchen und einfach nur peinlich. Wenn das die Entwicklung ist, dann Gute Nacht.

    :flowersIf you don't succeed at first - try, try again.



    “I wasn't born a fool. It took work to get this way.”
    (Danny Kaye) :flowers

  • Nachdem ich hier in den letzten Tagen sehr interessiert mitgelesen habe, was noch an interessanten Aspekten oder Fragen hinzugekommen ist, habe ich mir auch noch einmal einige Gedanken gemacht.


    Zitat

    Original von agu
    Sodann ist vielen Mädchen und jungen Frauen der nachwachsenden Generation nicht bewusst, welche Errungenschaft es bedeutet, dass sie über ihr Leben frei bestimmen können. Warum sollen sie für etwas kämpfen, das selbstverständlich ist?


    von Alice Thierry: Stattdessen wird nach den Sternen gegriffen. Junge Frauen träumen in Scharen von der Modelkarriere, einem Jet-Set-Leben und dem Traumvampir/-p. Das gab es zwar früher in ähnlichen Varianten, war aber wohl weniger Massenphänomen.
    Überhaupt scheinen mir Frauen früherer Generationen mehr Bodenhaftung besessen zu haben.


    Wohin sollen sich denn Mädchen auch orientieren? Einerseits ist es allgemein akzeptierte Volksmeinung, dass Frauen heute alle Chancen offenstehen, dass es Unterdrückung der Frauen nur noch selten gibt, Feminismus ein Schlagwort ist und Emanzipation nicht mehr notwendig ist. Frauen, die Worte wie Solidarität unter Frauen in den Mund nehmen, werden schnell angegriffen und als verbissene Emanzen betrachtet, wie ja auch hier zu beobachten war.


    Aber sind die heutigen Mütter alle emanziperte, freie Frauen? Steht in den Familen alles zum Besten? Inzwischen ist auf höchster Ebene offiziell angekommen, dass da wohl doch noch vieles im Argen liegt. Wie man auf den Seiten des Bundesministeriums für Familie, Senioern, Frauen und Jugend (BMFSFJ lesen kann, gibt es in einem hochzivilisierten Land wie unserem immer noch einen erschreckend hohen Anteil an Männergewalt gegenüber Frauen. [URL=http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73010.html]Hier klicken[/URL]
    Und dass das nur die Spitze des Eisbergs sein dürfte, ist anzunehmen. Denn wenn 25% der Frauen ein- oder mehrmals Gewalterfahrungen mit ihrem Partner machen oder gemacht haben, wie hoch mag der Anteil der Frauen sein, die zwar nicht körperlicher, aber verbaler Gewalt ausgesetzt sind/waren in ihren Ehen/Partnerschaften? Und was heißt das für die Töchter und Söhne? Entweder sie erleben es direkt mit, dass ihre Mutter geschlagen oder anders gedemütigt wird, oder sie erleben es nicht direkt mit, merken aber an der Atmosphäre zu Hause, dass der Vater Macht über die Mutter hat. Dass eine solche Mutter sich eher anpassungsbereit und gefügig zeigt als sebstbewusst, wenn es zu Differenzen zwischen den Ehe/Partnern kommt, davon kann man wohl i.d.R. ausgehen.


    Da gibt es aber auch die 75% Frauen, die keine körperliche Gewalt seitens ihres Partner erleben oder erlebt haben. Somit ist anzunehmen, dass ein großer Teil der Mädchen in Familien aufwächst, in denen solche Gewalt-und-Machtstrukturen nicht existieren. Doch gibt es neben der körperlichen Gewalt ja auch die feineren Mittel der Machtausübung: verbale Gewalt, Herabsetzungen und Drohgebärden, die lediglich die Möglichkeit der Gewaltanwendung andeuten, erzeugen Angst. Angst erzeugt Vorsicht, Zurückhaltung und Unterwerfung.
    Die Häufigkeit verbaler Gewalt in Familien zu untersuchen, dürfte wesentlich schwieriger sein, da Menschen, die über längere Zeit an verbale Demütigung und Herabsetzung gewöhnt sind, realisieren ja i.d.R. nicht unbedingt, was mit ihnen geschieht, da es für sie normal (geworden) ist. Die Gefühle der Ohnmacht und Wut sind zwar vorhanden, die Ursache dafür wird aber oft nicht erkannt, da die Gewalt Ausübenden dem Opfer - also der Frau (oder der Tochter), einreden, dass sie selbst schuld daran ist, so behandelt zu werden. Sicherlich versuchen viele der betroffenen Frauen auch, sich zu wehren, doch zugleich ist da der Wunsch, in einer harmonischen Familie zu leben, so dass sie letztendlich oft nachgeben, sich die Sichtweise des (Ehe)Mannes aneignen und die Schuld für Streit und Gewalt bei sich selber suchen.
    Es ist also nicht gesagt, dass in den Familien, in denen die Mutter keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt ist, alles zum Besten steht.


    Da es eine derzeit in den Medien häufig genannte Tatsache ist, dass das Einkommen der Männer in Deutschland im Durchschnitt 23% höher ist als das der Frauen, kann man vermuten, dass es immer noch in der Mehrheit der Familien so aussieht, dass der Vater das meiste Geld verdient und damit auch de facto mehr Macht für sich beanspruchen kann, selbst wenn die Mutter halb- oder ganztags arbeitet. Da sie weniger verdient, ist sie mehr auf ihren Ehemann angewiesen, als er auf sie. Allein das Bewusstsein, weniger Geld zu verdienen, prägt das Selbstbild und das Gefühl der Abhängigkeit, auch wenn es keine Gewalt in der Beziehung geben sollte.
    Sicherlich gibt es etliche Männer, die löbliche Ausnahmen sind, ihre Macht nicht ausnutzen und eine partnerschaftliche Beziehung Ehe führen und freundliche Väter sind. Aber allein das Bewusstsein, dass sie mehr Geld und somit mehr Möglichkeiten in der Hand haben, also auch mehr Macht ausüben könnten, wenn sie wollten, prägt das Bewusstsein dieser Väter trotzdem. Und dies wird sich - auch ungewollt - vermutlich in den Beziehungen der Partner auswirken.
    Ein mehr-als-seine-Frau-verdienender-Ehemann und Vater kann sich, wenn er all sein Geld redlich teilt und mit der Partnerin alle Ausgaben bespricht, als ein großzügiger guter Mensch fühlen. Die weniger verdienende Frau wird sich Situationen, win denen es Differenzen gibt, vermutlich eher anpassungsbereit zeigen. Will sie Frieden, so muss sie sich anpassen. Sonst riskiert sie, dass sie von ihrem Partner als gierig empfunden wird.
    Und da fassen die traditionellen Werte auch heute noch. Redewendungen wie "Selbstlob stinkt" und "Bescheidenheit ist eine Zier" werden vielleicht nicht mehr oft ausgesprochen, aber sie scheinen immer noch oft zu gelten. Ich lerne jedenfalls weit mehr Mütter kennnen, die sich bescheiden geben, als solche, die offen und ohne Scham ihren Anteil an Entscheidungsfreiheit und Zeit für sich selbst im Familienleben nehmen.


    Zurück zum Ausgangspunkt, den Träumen der heutigen Mädchengeneration von Modellkarrieren und dem Erfolg der Traumvampir/prinzen-Bücher, -Filme.


    Viele Mädchen erleben, dass Frauen machtloser sind als ihre Ehemänner /Partner und sich bescheiden geben, zurückstecken, dabei oft auch frustriert sind. Dieses Vorbild ist nicht gerade das, was den Mädchen hilft, sich für ihre eigene Zukunft ein schönes oder auch nur angemessen angenehmes Leben vorzustellen. Und so manches von diesem Frust wird sicher auch direkte Auswirkungen auf das Mutter-Tochter-Verhältnis haben.
    Das Ausbleiben von feministischen breiteren Diskussionen und die erlebte Alltagsrealität in den Familien prägen so das Selbstbild der Mädchen und zeigen ihnen, dass das Leben der meisten Frauen bedeutet, mehr zu arbeiten und weniger zu verdienen, zudem auch oft auch weniger angesehen zu sein und weniger Zeit für sich selbst zu haben. Oder aber die Variante 2: erfolgreiche, aber sehr gestresste Mutter, die sich zusätzlich zur beruflichen Karriere auch noch mit Kindern und Haushaltshilfen/Au-Pairs beschäftigen muss, dafür aber nur wenig Zeit und Energie hat. Entspannt zurücklehen, das Leben genießen? Glücklichsein? Das ist unter Müttern (von Teenageren) doch wohl eher nicht so oft anzutreffen.
    Schönheit ist das Pfand, dass die Mädchen, solange sie jung sind, in der Hand haben. Damit können sie sich von ihren Müttern absetzen, können die Gewinnerinnen sein im Abnabelungsprozeß, der, wenn er gelingen soll, viele Machtkämpfe mit der Mutter beinhaltet. (Natürlich gilt das nicht für alle Mädchen, aber das näher auszuführen, sprengt hier den Rahmen).
    Dabei realisieren die schönen Mädchen nicht, was sie verlieren. Dass der Konkurrenzkampf, der zwischen den Mädchen entsteht, wenn es darum geht, wer die Schönere oder gar die Schönste ist, sehr häufig enge Mädchenfreundschaften zerstört und viel Leid und auch Einsamkeitsgefühle erzeugt, wird oft als normal betrachtet. Ist es aber nicht. Auf der Jagd nach einem der wenigen erreichbaren "coolen" Jungs wird im Zweifelsfall die Mädchenfreundschaft geopfert, wenn sich Freundinnen in denselben Jungen verlieben. Bei den Modellshows wird vorgeführt, dass Mädchen zwar zunächst eine Gruppe sind, doch sich dann gegenseitig ausstechen.
    Somit leiden die Mädchen zwar am Verlust ihrer Freundinnen, nehmen das aber als selbstverständlichen Kollateralschaden in Kauf.
    Förderlich für die Entwicklung von guten Frauenfreundschaften und Solidarität unter Frauen ist das nicht. Und es wird auch in derZukunft nicht gerade hilfreich dabei sein, mehr Frauensolidarität zu schaffen um endlich eine vernünftige Bezahlung für die unterbezahlten sogenannten Frauenberufe einzufordern. Frauen finden sich damit ab, wie es ist, weil "es ja schom immer so war" und weil sie sehen, dass es enorm schwierig ist, unter Frauen einen breiten Zusammenhalt hinzukriegen. Frauen zudem auch noch Angst, wenn sie feministische Standpukte vertreten würden, von den anderen (Kolleginnen, Müttern) möglicherweise ausgeschlossen oder gemobbt zu werden.


    Die Jugendlichen, die sich dem Schönheits-Hype so extrem unterwerfen, spiegeln nur die Schattenseite unserer Gesellschaft. Sie zeigen uns, was hinter der heilen Fassade liegt und von den Erwachsenen nicht gesehen werden will.
    Das passt dazu, dass das Ausmaß der Gewalt in Partnerschaften auch hierzulande erst so spät in disem Ausmaße untersucht und bekanntgegeben wurde. Diese Schattenseite wurde lange Zeit gut versteckt. Noch vor einigen Jahre hörte ich ständig das Argument, dass Gewalt gegen Frauen hier bei uns ja kein großes Thema mehr sei. Jede dritte Frau auf der Welt habe Gewalt erfahren, hieß es in den Medien. Sprach ich das an, kam regelmäßig das Argument: Ja, aber das betrifft nur die armen Länder der Erde, aber bei uns doch nicht.
    Immerhin ist es erfreulich, dass es einen Aktionsplan I und II gegen Gewalt gegen Frauen von unserer Regierung gibt (siehe Link weiter oben). Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung auch wirklich genug Mittel einsetzt, um eine möglichst schnelle Veränderung dieser Zustände zu erzielen.


    Dass unsere schönen Mädchen sich von Heidi Klumm öffentlich demütigen lassen und das auch noch toll finden, könnte frau/man sich auch erklären als den irregeleiteten Versuch der Mädchen, Mut zu beweisen, eine schwere Herausforderung zu meistern, quasi "Heldinnen im strahlenden Glanze" zu werden in einem Leben, das an erstrebenswerteren Herausforderungen für junge Mädchen anscheinend nicht viel zu bieten hat.
    Vielleicht finden sie ja das Leben, das ihre Mütter führen, nicht so attraktiv, dass sie Lust haben, sich ihre eigenen Zukunftsbilder daran zu orientieren? Wie attraktiv ist eine Mutter als Vorbild, die z.B. als Verkäuferin oder Erzieherin oder Altenpflegerin viel arbeiten muss, um wenig zu verdienen und sich dann auch noch um den Löwenanteil des Haushaltes kümmern muss. Wenn sie die Hausarbeit nicht sogar zum großen Teil auf die Tochter ablädt.
    Ich behaupte mal, dass die Mehrheit der Mütter nicht gerade hochspannende, interessante Berufe hat und sie ausübt. Und ich behaupte auch noch, dass die Mehrheit der Mütter sich nicht allzu oft am Feierabend entspannt zurücklehnen wird, weil sonst nichts im Haushalt zu tun ist. Ein schönes Leben, so wie die Mutter es lebt, wäre vermutlich eine gute Voraussetzung dafür, dass Mädchen sich nicht mehr massenhaft im Schönheits-Hype messen, sondern gelassener mit sich selbst und ihrer Schönheit und ihren Zukunftsträumne umgehen können. Dazu gehörten dann aber auch die Väter, die schon gekocht haben, wenn die Mutter heimkommt.
    Das ist wohl auch eher die Ausnahme als die Regel. Eher ist es die Tochter, die schon gekocht und/oder eingekauft hat.
    Hinzu kommt, dass die Brüder oft wie in alten Zeiten zu Hause zu keinerlei regelmäßigen Aufgaben verpflichtet werden. Wenn es hoch kommt, müssen die meisten Jungen alleine ihr Zimmer aufräumen, und sie helfen vielleicht gelegentlich mal dem Papa beim Rasenmähen. Aber kochen, waschen, putzen? Meine Eindrücke, die ich in Gesprächen mit Schulklassen und in Gesprächenmit Müttern gesammelt habe, ergeben, dass schätzungsweise 5% der Jungen zu Hause regelmäßig mithelfen müssen. Mädchen hingegen werden weit mehr beteiligt. Viele Mütter kommen leider nicht auf die Idee, ihre Söhne und Mädchen gleichermaßen zu behandeln.


    Was getan werden könnte? Interessante, aber schwierige Frage. Mir fiele eine Menge dazu ein, was Mütter tun könnten. Wenn sie es denn täten. Und was könnte sie dazu bewegen, den Kampf um hälftige Mitarbeit des Partners in Haushalt und Kindererziehung durchzusetzen? Was könnte ihnen helfen, den Streit zu riskieren, durchzuhalten und sich selbst sowie in der Folge ihre Famlien zu verändern?


    Ich denke, die vielen Trennungen sprechen dafür, dass viele Frauen dies durchaus versucht haben, aber es nicht geschafft haben.


    Wenn die Frauenfrage auch in der Öffentlichkeit wieder mehr diskutiert würde, wäre das auch eine große Hilfe. Sich nicht allein zu wissen, sondern mitzubekommen, dass es anderen Frauen ähnlich geht, ist schon mal der erste Schritt, um Mut zu fassen.



    (Falls noch Fehler im Text sein sollten, die ich übersehen habe: Korrektur erfolgt später per Edit.)

  • Zum Thema Geschlechterrollen: Mein Rabaukenmädchen (inzwischen fünf) spielt leidenschaftlich gerne Piraten und Ritter. Sie liebt Tiere, Löwen, Tiger und Drachen, hasst es, Prinzessin genannt zu werden, und trägt Spiderman- und Krokodilshirts. Trotzdem sieht sie aus wie ein Mädchen, nur eben kein "Hello Kitty" oder "Prinzessin Lillifee"-Mädchen, sondern farblich neutral gekleidet (meistens; die Klamotten bekomme ich allerdings fast ausschließlich in der Jungenabteilung, weil es für die Mädchen nur rosa in allen Schattierungen, Blümchen, Herzchen und Schleifchen gibt).


    Im Kindergarten haben ihr die anderen Mädchen erklärt, dass sie ja gar kein richtiges Mädchen sei, weil sie mit "Jungensachen" spiele.
    Ich könnte k...

  • Es ist schon erschreckend, das alles hier zu lesen. Ich will es eigentlich nicht glauben, leider deckt sich auch meine Erfahrung damit, vor allem dieser Rosa-Wahn. Manche Mädchen sind wirklich von Kopf bis Füßen in rosa gekleidet, nicht nur Pullover und Hose, auch Jacke, Mütze, Handschuhe und sogar Stiefel! Entsetzlich! Und das meine ich nicht vom optischen Standpunkt.


    Dass noch längst nicht alle Frauen emanzipiert sind, ist das eine, aber noch schlimmer sind die, die glauben, es zu sein. Lieber ist mir eine Frau, die zugibt: "Ja, ich weiß, ich bin nicht emanzipert, hat sich alles so ergeben, war meine Schuld, aber jetzt arbeite ich daran.", als eine, die meint, emanzipiert zu sein, aber dennoch eine gute Lehrstelle für ihren Sohn für wichtiger erachtet als für ihre Tochter. Dabei dachte ich und hoffe noch immer, dass das die Ausnahme ist.


    Weiterhin hoffe ich doch sehr, dass diese Einkommensdifferenz innerhalb eines Ehepaares nicht wirklich so häufig ein Machtansprüche auslöst, wie ginger ale schreibt. Allerdings habe ich auch hier die Beobachtung gemacht, dass Frauen deshalb eigenes Geld verdienen wollen, weil sie Hemmungen haben, Geld des vom Partner verdienten Einkommens für eigene Wünsche auszugeben. Aber in diesen von mir beobachteten Fällen, liegt die Ursache eher beim Minderwertigkeitsgefühl der Frauen als bei den Männern.

  • Ich möchte zwei Dinge unterscheiden. Einmal die Gleichstellung der Frau. Auch ich finde, dass es da noch einiges zu tun gibt. Allerdings will ich auch darauf hinweisen, dass in den paar Jahren, die seit der rechtlichen Gleichstellung vergangen sind, einiges passiert ist.
    Meine Mutter musste noch die Genehmigung des Ehemanns einholen, als sie arbeiten wollte. Das war nicht im 19.Jahrhundert, sondern im 20., in den 60er Jahren. In Bayern mussten Lehrerinnen den Dienst verlassen, wenn sie heirateten. Das war, glaube ich in den 50ern noch so.
    Von der Gleichstellung in Erziehungsfragen will ich gar nicht reden, da wurde das Entscheidungsrecht des Vaters noch später abgeschafft.
    Es braucht Generationen, bis solche Denkstrukturen aus den Köpfen verschwunden sind. Ich merke an mir selbst, dass da noch ganz seltsame Dinge in meinem Hirn rumspuken. Gedanken, die meiner jetzt erwachsenen Tochter völlig fremd sind, ebenso wie meinem Sohn.
    Insofern halte ich es schlicht für nötig, geduldig weiter Druck zu machen, wichtige Dinge, wie verlässliche Kinderbetreuung einzufordern. Was mir dabei ganz wichtig ist, dass die Eltern, wir alle, da auch Qualität fordern. Sowohl was die Qualifikation der Betreuung angeht, als auch die Qualtität von Verpflegung. Es kann nicht sein, dass Kinder im Kindergarten und in der Schulmensa mit Fertigessen abgefüttert werden, weil in unserem reichen Land kein Geld da ist, damit vernünftiges Essen auf den Tisch kommt. Die Prioritäten aufzuzeigen. Und dabei nicht mutlos zu werden.


    Die andere Seite ist die Überschwemmung mit Mist jeglicher Sorte sowohl in den Medien als auch in den Läden. Da bin ich mir weniger sicher, ob man da noch irgendwas ändern kann. Offensichtlich hat die geistig-moralische Wendung von Herrn Kohl in den 80ern da ganze Arbeit geleistet. Tag und Nacht kann ich Sendungen betrachten, in denen nichts anderes stattfindet als Zementierung von Rollen. In welche Richtung auch immer. Es ist ja nicht so, dass es das nicht mehr gäbe - Fernsehsendungen, die man ansehen kann, ohne Schreikrämpfe zu kriegen, Abteilungen mit Lebensmitteln, denen man noch ansieht, dass sie nicht aus der Chemiefabrik stammen. Aber diese Dinge führen scheinbar ein Nischendasein. Wenn meine Schwester mir aus ihrer Arbeit in einer Schule berichtet, dass aus einer Schulklasse genau ein Kind wusste, wie Petersilie aussieht....


    Manchmal habe ich den Eindruck, dass die vielen Möglichkeiten zwischen allen möglichen Dingen, Einstellungen und Meinungen zu wählen, zu einer Erstarrung führt, zu einem Festhalten an Vertrautem. So als ob nur dadurch noch Orientierung in einer rasenden Welt möglich wäre.

  • ElBe


    ginger ale hat hier eine Liste eingerichtet für Bücher mit im weitesten Sinn feministischen Inhalten. Deine würden gut dazu passen. Vielleicht kannst Du sie bei nächster Gelegenheit hinzufügen? Deien Titel gern auch.



    Ich bin etwas überwältigt von der Resonanz auf das Thema von Jass. Nun ist das Forum so alt, der überweigende Teil der User sind Userinnen und das Thema explodiert förmlich erst jetzt.
    Schön zu sehen, daß es doch viele plagt.
    :grin


    Ein, zwei Überlegungen noch:


    wenn gerade junge Frauen heutzutage sagen, sie seien doch emanzipiert, liegt das in meinen Augen nicht daran, daß sie auf Errungenschaften bauen. Sondern daran, daß sie tatsächlich politikfern sind, entpolistisiert und sich bloß nicht mit etwas auseinanersetzen wollen. Das ist viel zu negativ und vor allem angstbesetzt.


    Menschen, die sich für politische Veränderungen einsetzen, sind in Romanen (Thema, Thema, Thema :lache) selten positiv gezeichnet.
    Ich lese so einiges an Kinder - und Jugendliteratur und zwar regelmäßig. Ich stoße häufig auf das Phänomen und es stößt mir auf.


    Politisch engaierte Erwachsene sind dort oft als klischeehafte Figuren geziechnet. Das ist der bärtige Weichei-Typ in Sandalen, der zwar lieb ist, aber bei Problemen bloß schwätzt und nichts tut.
    Dann die kämpferische, umweltbewußte Oma, die in lila Latzhoden und Indien-Einschlag mit ihren ähnlich seltsam bekleideten Freundinnen, unter denen noch dazu mindestens eine Alibi-Lesbe sein muß, bunt und vergnügt gegen die Betonierung des Kinderspielplatzes demonstriert. Schräg, aber sympathisch und im Großen und Ganzen schadet's ja niemandem.


    Dazu kommt, und da wird es richtig hakelig, die Mutter, die im Vollkorn-Wahn lebt und die liebe Kleinen mit schrecklichen Gerichten plagt, anstatt ihnen, wie eine gute Mutter es tun würde, Fischstäbchen und Fertig-Pommes vorzusetzen. Wenn es ganz schlimm kommt, geht sie, nachdem sie den Getreideauflauf in den Ofen geschoben hat, den die armen Kinder auch noch selbst herausholen müssen, zu ihren Freundinnen zum Bauchtanz. Wie Papa das erträgt, können die Kinder nicht verstehen.
    Am Ende treffen sich dann alle bei MacDonald's und der Familienfriede ist wieder hergestellt.


    Beziehungen zwischen Gesellschaft, Familie und Veränderungen werden außer im rein privaten Bereich, Trennung, Tod, Neuanfang, kaum themantisiert. Das Private ist in der Mehrheit der Fälle nicht politisch, sondern rein privat.
    Wie politisch das tatsächlich ist, daß hiermit nämlich Ideologie verbraten wird, fällt offenbar niemand auf.


    Ich finde, auch AutorInnen von Unterhaltungsliteratur, gleich, welchen Genres, sollten sich klar machen, daß Unterhaltung nicht wertfrei und ganz bestimmt nicht unschuldig ist.
    Zumal die Quantität der Bücher auf dem Markt zunimmt. Ich neige nicht zu Niedergeschlagenheit, aber zweimal im Jahr stehe ich wirklich kurz vor einer Depression, nämlich dann, wenn ich unter den Neuerscheinungen nach tauglichen Kinder - und Jugendbüchern suche. Ich finde regelmäßig das reine Grauen vor.
    Ein großes Ärgernis sind die ewiggleichen Liebesgeschichten für junge Mädchen. Schönsein oder Schönwerden, einen Mann finden, mehr Inhalt hat das nicht. Der marktübliche Liebeskummer, Streit mit der besten Freundin, das wird zum 'Problem' aufgeblasen, mit dem sich die Protagonistin auseinandersetzen muß.
    Der Horizont ist schrecklich eng. In meinen Augen werden da schon die Gitterstäbe für Mädchen eingezogen. Von der Sorte gibt es bei weitem zu viele.


    Was bei dem Thema möglich ist, spottet oft jeder Beschreibung. Ich versuche es trotzdem. :grin


    Ich erwähnte weiter vorne in diesem Thread Die Flammende, einen Fantasy-Jugendroman von Kristin Cashore, der als zweites Buch aus einem neuartigen und erfolgreich auf dem Markt gelandeten Fantasy-Kosmos groß angekündigt wurde. Er erschien 2009, 2011 auf deutsch. Die Autorin war zu dem Zietpunkt Anfang dreißig.
    Grundsätzlich, das sage ich gleich dazu, scheiterte das Buch an der mangelnden Fähigkeit der Autorin eine Geschichte angemessen zu erzählen. Um über ihre Mängel hinwegzutäuschen, war die Handlung vollgestopft mit Gewaltszenen, deren Opfer vornehmlich Frauen waren.


    Aber das Frauenbild war darüber hinaus rundum rückständig. Ich dachte beim Lesen auf jeder dritten, vierten Seite, nun sei ich am Tiefpunkt angekommen, aber es gab tatsächlich einen so ca. 20 000 Meilen unter jedem Niveau.
    In dieser Szene findet die Hauptfigur ihre junge Leibwächterin, eine Kriegerin in Ausbildung, laut heulend des Nachts in einem abgelegenen Raum. Sie schluchzt dort, damit keine/r sie hört. Sie schluchzt, weil sie schwanger ist.
    Schwanger ist sie, weil sie kein Geld hatte, sich die in der fiktiven Welt existierenden empfängnisverhütenden Kräuter zu kaufen.
    Der männliche Beteiligte am Schwanger werden kann nicht auf Geld angesprochen werden, dazu fehlte dem Mädel (einer Leibwächterin!!) der Mut.
    Im Roman wird das Kind dann von der Hauptfigur in all ihrer mütterlich-weiblichen Güte adoptiert und wächst, da besagte Hauptfigur den König kriegt, am Königshof auf, während die leibliche Mutter selig im Hintergrund lächelt.


    Was lernt ( ;-)) uns das?


    Frauen haben kein Geld.
    Wenn sie schwanger werden, stehen sie allein da.
    Wenn sie allein dastehen, können sie ihre eigenen Probleme nicht mehr meistern.
    Männer tragen keine Verantwortung und dürfen auch um keinen Preis mit so etwas behelligt werden.
    Frauen können anderen nur helfen, wenn sie Könige heiraten und so ein König sich gnädig bereit erklärt, der Frau zu erlauben, das Problem mit seinem Geld lösen zu lassen.


    Ich war begeistert.


    Was ich damit sagen will, ist, daß abgesehen von Szenen offener Mißhandlungen in viel zu vielen Romanen grundsätzlich ein Frauenbild herrscht, daß es einer nur graust.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Zitat

    Original von Rumpelstilzchen
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass die vielen Möglichkeiten zwischen allen möglichen Dingen, Einstellungen und Meinungen zu wählen, zu einer Erstarrung führt, zu einem Festhalten an Vertrautem.


    Da sagst Du etwas Kluges.
    Die allermeisten Menschen kommen mit dem Überfluss an Wahlmöglichkeiten nicht klar. Sie wünschen sich Orientierung. Auch ein Grund, warum die explosionsartig anwachsende Zahl verfügbarer Medien zur Konsumierung (Bücher, Filme, Musik etc.) nicht unbedingt zu mehr Vielfalt in der Masse, sondern im Gegenteil zu einer immer stärkeren Konzentration auf einige wenige Platzhirsche führt.


    Die Orientierung kommt, wie schon im Thread ausgeführt, hauptsächlich von Rollenvorbildern aus dem täglichen Leben (Familie, Freunde...) und den omnipräsenten Medien. Warum die schlimmen Klischee-Inhalte auf ungleich fruchtbareren Boden fallen, warum Germanys Next Topf-Model also 10 Mio Zuschauer anzieht, während die wirklich tollen (und auf keinen Fall langweiligen) Reportagen auf den kleineren Sendern nur Nischenpublikum erreichen, liegt sicher auch an der leichteren Verdaulichkeit. Ich muss da immer an eine Jamie-Oliver-Sendung denken, bei der britische Schulkinder das frisch und lecker gekochte Essen für Aufback-Papp-Hähnchennuggets stehen lassen, selbst nachdem sie gelernt haben, was in den panierten Scheiben eigentlich drin ist. Billige Tränendrüsen-Soaps und Glamour-Talentshows sind wie vierzig Pfund Zuckerwatte und Pommes. Ist man mal auf den Geschmack der Alternativen gekommen, wird einem schlecht davon. Aber den muss man sich erarbeiten, und dafür brauchen die allermeisten Menschen einen äußeren Antrieb, einen Mentor, eine Inspiration.
    Diese Impulse sollten aus dem sozialen Umfeld kommen, also Elternhaus, Schule, Studienkollegen, Lehrer oder später auch Arbeitsumfeld. Wenn das nicht geschieht, bleiben viele Heranwachsende an der Zuckerwatte hängen, gewöhnen sich daran und halten sie für den Standard.



    @GingerAle -
    Ich sehe viele Punkte ähnlich wie Du, aber bei dem hier bin ich anderer Meinung:


    Zitat

    Ein schönes Leben, so wie die Mutter es lebt, wäre vermutlich eine gute Voraussetzung dafür, dass Mädchen sich nicht mehr massenhaft im Schönheits-Hype messen, sondern gelassener mit sich selbst und ihrer Schönheit und ihren Zukunftsträumne umgehen können.


    Zum einen ist die Definition eines 'schönen Lebens' sehr subjektiv. Ich bin mit meinem Bruder bei meiner allein erziehenden Mutter aufgewachsen, die nebenbei noch die beiden schwer bettlägerigen Großeltern gepflegt und sich von früh bis nachts nahezu totgearbeitet hat, denn Unterhalt gab es keinen. Geld für Luxus gab's natürlich nicht, dafür sehr viel Arbeit, auch für die Kinder. Trotzdem erinnere ich mich an meine Kindheit als extrem schöne und harmonische Zeit, weil es nie Streit gab, sondern ein starkes Verbundenheitsgefühl, als Familie das Leben zu meistern. Außerdem haben wir auf diese Weise ein starkes Stück Arbeitsethik und auch Selbstbewusstsein (aus selbst geschaffenen Werten) mitbekommen, das sich im weiteren Leben als unschätzbar erwiesen hat.


    Man braucht Herausforderungen, um daran zu wachsen. Wenn ein Kind oder eine junge Frau die nicht hat, sondern nur das diffuse Gefühl, einem abstrakten Ideal nacheifern zu müssen, ist das das viel größere Problem.