Deutscher Marketing-Buchpreis?

  • Der Deutsche Buchpreis bietet jedes Jahr Stoff für Diskussionen. Das ist natürlich systemimmanent, denn was wäre das für eine langweilige Welt, wenn 80 Mio Deutsche die selben Bücher gut fänden? Und die Diskussionen über die Listen sind ja auch gewollt, damit mal wieder mehr über Bücher gesprochen wird (ob das allerdings überhaupt einer der nicht ohnehin interessierten mitbekommt, bezweifle ich noch, solange es nicht solche Wellen schlägt wie beim Bremer Literaturpreis 1960).


    Aber auch in diesem Jahr ist die Kritik mal wieder viel allgemeiner. Marlene Streeruwitz, deren Roman auf der Longlist des Buchpreises steht, kritisiert eine Art Kartell der alten, weißen Männer und kritisiert in der Welt den deutlichen Herrenüberhang auf der Longlist und analog dazu, daß selbst die Frauen als "Autoren" bezeichnet werden. Michael Ziegelwagner, ebenfalls Autor eines Longlist-Romans, fordert in seinem wohl nicht ganz ernst gemeinten "Aufruf zum Schwänzen des Buchpreises" mehr Verteilungsgerechtigkeit beim Preisgeld und erklärt, daß nach momentaner Regelung "ein Roman zehnmal so viel wert ist wie ein anderer". Sein Vorschlag: Das Geld gleichmäßig durch zwanzig teilen. Wieso nur durch zwanzig, obwohl er doch zuvor die Jury-Entscheidung selbst angezweifelt hat, läßt er ebenso offen wie die Frage, ob er denn bei Prämierung mit den anderen teilen würde. Die ehemalige Gewinnerin Kathrin Schmidt erzählt in der WELT, wie sie es schaffte, den plötzlichen Reichtum schnell wieder loszuwerden.


    So unterschiedlich diese Meinungen auf den ersten Blick sind, so eindeutig ist doch die Kritik am Deutschen Buchpreis (und das nicht erst in diesem Jahr): Er ist ein reiner Marketing-Preis, und alle Bücher, die es nicht auf die Longlist geschafft haben, werden vom Leser gar nicht mehr beachtet.


    Mir stellen sich dabei zwei Fragen:


    Erstens: Ist es wirklich schlimm, wenn für einen sehr überschaubaren Zeitraum statt der üblichen Krimis, historischen Frauenromane und Chicklit mal zwanzig Bücher ausliegen, die sonst in der Ecke für Gymnasiallehrer versteckt werden?


    Zweitens: Funktioniert das mit dem Vermarkten überhaupt? Auf der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste steht kein einziges der Longlist-Bücher, obwohl die Liste nun lange genug raus ist, daß jeder Buchladen ein entsprechendes Tischchen vorbereitet haben müßte. Statt dessen finden sich zwei, die in so manchen Artikeln als auf der Longlist vermisste aufgezählt wurden: Robert Seethaler / Ein ganzes Leben und Judth Hermann / Aller Liebe Anfang, beide finden sich in den Top-Ten, obwohl sie doch laut Kritik von den Longlisttiteln längst verdrängt sein müßten?


    Mir persönlich ist ein Deutscher Buchpreis mit Longlist, ausgewählt von einer unbestechlichen Jury, allemal lieber als Aktionen wie "Buch des Monats", die von Verlagen eingekauft werden. Ich kann daher die Kritik am Marketing-Konzept des Buchpreises nicht ganz nachvollziehen. Wie sieht es bei Euch aus?

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Ich vermisse schon lange eine Eulen-Bestseller-Liste, die vielleicht einmal pro Jahr veröffentlicht wird. Steckt zwar viel Arbeit drin, könnte aber durchaus eine gute Idee sein, die Aufmerksamkeit erregt.

    Schon der weise Adifuzius sagte: Eine multiple Persönlichkeit als Begleitung auf einer einsamen Insel zu haben kann sehr abwechslungsreich sein! :chen

  • Der Deutsche Buchpreis geht an den "besten deutschsprachigen Roman", womit die Kriterien auch gleich wieder enden. Jeder Verlag kann zwei aktuelle Titel aus dem eigenen Haus nominieren, dazu kommen dann Nominierungen der Juroren, so dass z.B. von Hanser auch mal vier Titel auf der Longlist stehen können. Der Preis ging in den letzten neun Jahren sechsmal an Frauen und dreimal an Männer. Bei diesem Gewäsch über den Geschlechterproporz geht es lediglich um selbstdarstellerisches Blabla. Und wenn eine Frau nicht "Autor" genannt oder im Plural unter "Autoren" zusammengefasst werden will, sollte sie sich einen anderen Job suchen.


    Nein, die Longlist hat kaum Auswirkungen, und selbst die Shortlist wirkt sich nur geringfügig auf Verkaufszahlen aus. Und auch der Siegertitel - im vergangenen Jahr "Landgericht" von Ursula Krechel, derzeit auf einem hohen fünfstelligen Verkaufsrang bei Amazon - muss nicht oder nicht sehr lang zum Bestseller werden. Meiner Meinung nach ist der Deutsche Buchpreis als Qualitätsmerkmal noch längst nicht beim Konsumenten angekommen. Er ist ein Branchenpreis wie der "Deutsche Fernsehpreis" oder der "Echo", mit dem Unterschied, dass Verkaufserfolge noch keine Rolle spielen (können), weil auch Titel in die Auswahl kommen, die erst erscheinen werden. Deshalb die Jury, die - wie jede Jury - natürlich nicht objektiv entscheidet, was auch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Sie ist aber meiner Einschätzung nach wenigstens relativ unabhängig.


    Aus Autorensicht stellt sich das ein wenig anders dar. Der Deutsche Buchpreis ist zwar qualitativ nicht der wichtigste deutsche Literaturpreis (das gilt eher für den Georg-Büchner-Preis, den das Publikum weitgehend ignoriert), aber er gehört zu den sehr hoch dotierten - und jenen, auf die die Presse relativ intensiv reagiert. Longlist und Shortlist sind Ritterschläge. Wer dort mal verzeichnet war, kann mit Fug und Recht von sich behaupten, zu jenen deutschen Autoren zu gehören, die in gewisser Weise bedeutsam sind. Nicht in jeder Hinsicht, aber Long- und Shortlist und der Preis selbst berücksichtigen eben "beste deutschsprachige Romane", sind also ganz besondere Charts. Vielen Genres ist der Preis völlig verschlossen, weil es um zeitgenössische Literatur geht, obwohl das meiner Kenntnis nach nirgendwo festgelegt ist. Historische Romane o.ä. finden keine Berücksichtigung.


    Edit: Korrektur - Krechel war 2012, 2013 hat Terézia Mora gewonnen, Amazon-Rang derzeit auch fünfstellig, Durchschnittsbewertung knapp 3 Sterne.

  • Dieses ganze Buchpreis-Gedöns ist eh höchst überflüssig. Von wegen die Juroren sind unabhängig. Wer das glaubt, der glaubt auch das ein Zitronenfalter Zitronen faltet und das ein Abteilungsleiter eine Abteilung leitet.


    Schlechte Bücher werden gepushed und oftmals gute Bücher fallen unter den Tisch.


    Longlist, Shortlist oder irgendwelche andere Who-the-fuck-is-this-list sagen absolut nichts über die Qualität eines Buches aus. Und man muss sich auch vergegenwärtigen das schon beim Erstellen der Longlist ganz sicher großartige Bücher keine Berücksichtigungen finden.


    Und ich gehe davon aus, dass gerade beim Erstellen solcher Listen sich die Lobbyarbeit der bekannten Verlage auszahlt.
    Kleine Verlage bleiben in der Gruft.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Zitat

    Und man muss sich auch vergegenwärtigen das schon beim Erstellen der Longlist ganz sicher großartige Bücher keine Berücksichtigungen finden.


    Die Longlist speist sich aus den Nominierungen der Verlage, ergänzt um wenige Nominierungen der Juroren. Vor dem Hintergrund von fast 100.000 belletristischen Neuerscheinungen pro Jahr ist es völlig unmöglich, alle Titel zu berücksichtigen, die irgendwer für "großartig" hält. Und es ist ein Branchenpreis, der zwar fraglos niemals wirklich an den "besten deutschsprachigen Roman" gehen kann, weil es einfach keine sinnvollen Kriterien gäbe, um den zu finden, aber irgendwie muss man das Ding ja nennen. Wer mag, kann es um "unserer Meinung nach" als Präfix ergänzen.


    Wäre es ein Verkaufserfolg-Preis wie der "Echo", fänden sich nur "erotische" Romane oder Histo-Schmonzetten auf der Longlist, also die Bohlens und Bushidos der Literatur. Der "Deutsche Buchpreis" setzt sich hiervon ab, ist aber auch nicht so verkopft wie der Büchnerpreis.


    Und niemand wird gezwungen, den Preis anzunehmen. ;-)

  • Zitat

    Original von Tom
    Meiner Meinung nach ist der Deutsche Buchpreis als Qualitätsmerkmal noch längst nicht beim Konsumenten angekommen.


    Soll er das denn? In welcher Form? Qualitätsmerkmal als "Kaufempfehlung"? Dann wäre es ja doch wieder der kritisierte "Marketing-Preis"? :gruebel

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Hallo, LeSeebär.


    Nun, man meint (oder maßt sich an), den "besten deutschsprachigen Roman" zu küren. Wenn man das tatsächlich - auch nur annähernd - getan hätte, sollten wenigstens jene, die sich für gute zeitgenössische Literatur interessieren, reflexartig zum entsprechenden Buch greifen. Aber nach meiner Einschätzung tun sie das überwiegend nicht. Wobei es Ausnahmen gibt und gab - Uwe Tellkamp hatte es u.a. dem Deutschen Buchpreis zu verdanken, auch verkaufszahlenmäßig (die Lizenzen nicht zu vergessen) ganz weit vorne anzukommen.


    Und selbstverständlich ist das ein Marketing- und Marktpreis. Es gibt Dutzende anderer Preise - von Georg Büchner über Clemens Brentano bis Mara Cassens (bestes Debüt, Verlagsnominierungen) -, die nach wesentlich differenzierteren Kriterien ausgelobt werden, und deshalb Bücher honorieren, die vielleicht sogar Voltaire für großartig hält. Aber all diese Preise - es sind hunderte, das zusammengefasste Preisgeld wäre siebenstellig - werden zwar von Lektoren, Programmchefs und Autoren gefeiert, doch mit dem Aufkleber "Mara-Cassens-Preis 2014" dürften nur sehr, sehr wenige Konsumenten etwas anfangen können. Mit dem Aufkleber "Deutscher Buchpreis" sind es schon mehr, obwohl anzunehmen ist, dass jene, die wissen, wie er zustande kommt, auch eine Minderheit darstellen dürften.


    Der Preis ist ein Wettstreit der Verlage (bei einigen Titeln wird schon in der Programmplanungsphase überlegt, wie sie zeitlich zu platzieren sind, damit Longlist-Chancen entstehen), eine vergleichsweise medienwirksame Inszenierung und, ja, ein ziemlich beliebiger Preis, der an irgendein Buch geht. Aber das wiederum gilt für fast alle Literaturpreise. Kritisieren kann man immer, und es geschieht ja auch immer. Ich frage mich allerdings: Warum?

  • Zitat

    Original von Marlowe
    Ich vermisse schon lange eine Eulen-Bestseller-Liste, die vielleicht einmal pro Jahr veröffentlicht wird. Steckt zwar viel Arbeit drin, könnte aber durchaus eine gute Idee sein, die Aufmerksamkeit erregt.


    Deine Idee finde ich spannend. Hast du eine konkrete Vorstellung, wie diese Liste erstellt werden soll?

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Tom
    Nein, die Longlist hat kaum Auswirkungen, und selbst die Shortlist wirkt sich nur geringfügig auf Verkaufszahlen aus. Und auch der Siegertitel - im vergangenen Jahr "Landgericht" von Ursula Krechel, derzeit auf einem hohen fünfstelligen Verkaufsrang bei Amazon - muss nicht oder nicht sehr lang zum Bestseller werden.


    Hallo Tom :wave


    an dieser Stelle hake ich mich mal kurz ein, da ich vor kurzem ein ganz interessantes Dokument vor Augen hatte, in dem die Auswirkungen des Preises auf die verkauften Exemplare graphisch dargestellt wird.


    http://www.boersenverein.de/si…0Jahre_dbp_2014-08-14.pdf


    Bei den Siegertiteln ist der Effekt auf jeden Fall deutlich, wenn auch sehr unterschiedlich - auffällig ist da natürlich der Turm.


    Ansonsten finde ich auch, dass hier viel Wind um nichts gemacht wird - der Buchpreis scheint beim durchschnittlichen Leser und in den meisten Buchhandlungen noch gar nicht angekommen zu sein (warum auch immer). Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass die zwanzig angeblich besten Bücher irgendwelchen anderen Büchern Platz wegnehmen.

  • Zitat

    Original von Tom
    Nun, man meint (oder maßt sich an), den "besten deutschsprachigen Roman" zu küren. Wenn man das tatsächlich - auch nur annähernd - getan hätte, sollten wenigstens jene, die sich für gute zeitgenössische Literatur interessieren, reflexartig zum entsprechenden Buch greifen. Aber nach meiner Einschätzung tun sie das überwiegend nicht.


    Das mag sein, aber der Marketing-Effekt für die Gewinner ist durchaus vorhanden, siehe die von buzzaldrin verlinkte Statistik. NUR: Egal, wie man den Deutschen Buchpreis umgestalten würde, einen Gewinner gäbe es immer (evtl künftig dann zwei: Männlein und Weiblein...), das wird man nicht ändern können. Die Kritik in Sachen Marketing bezieht sich ja mehr auf das Prozedere davor, insbesondere die Longlist und da zweifle ich eben stark daran, daß es diesen kritisierten Marketingeffekt überhaupt gibt.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

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  • Zitat

    Original von Marlowe
    Ich vermisse schon lange eine Eulen-Bestseller-Liste, die vielleicht einmal pro Jahr veröffentlicht wird. Steckt zwar viel Arbeit drin, könnte aber durchaus eine gute Idee sein, die Aufmerksamkeit erregt.


    Wenn sich mehr Eulen daran beteiligen würden, dann würde die monatliche Lesestatistik (und die damit verbundene monatliche/jährliche Auswertung) doch genau diesen Zweck erfüllen. Klar, es ist keine Bestseller-Liste in dem Sinne, da nicht die gekauften sondern nur die tatsächlich gelesenen Bücher auftauchen - aber das ist aus meiner Sicht ja eher positiv zu bewerten. Oder stellst du dir da noch etwas ganz anderes vor? :wave

    "Es gibt einen Fluch, der lautet: Mögest du in interessanten Zeiten leben!" [Echt zauberhaft - Terry Pratchett]

  • Zitat

    Original von LeSeebär
    Michael Ziegelwagner, ebenfalls Autor eines Longlist-Romans, fordert in seinem wohl nicht ganz ernst gemeinten "Aufruf zum Schwänzen des Buchpreises" mehr Verteilungsgerechtigkeit beim Preisgeld und erklärt, daß nach momentaner Regelung "ein Roman zehnmal so viel wert ist wie ein anderer". Sein Vorschlag: Das Geld gleichmäßig durch zwanzig teilen. Wieso nur durch zwanzig, obwohl er doch zuvor die Jury-Entscheidung selbst angezweifelt hat, läßt er ebenso offen wie die Frage, ob er denn bei Prämierung mit den anderen teilen würde.


    Sehr geehrte Damen und Herren,


    da mir Ihr Forum beim Herumsurfen aufgefallen ist, hier eine kleine Verdeutlichung:


    "Nicht ganz ernst gemeint"? Doch, wohl.


    "Wieso nur durch 20"? Weil die Namen der anderen 176 ursprünglich eingesandten Autoren/ Autorinnen nicht bekannt sind. Falls jemand alle Namen recherchieren mag, kann man gern über eine Anpassung meines Vorschlags nachdenken.


    Ob ich denn "bei Prämierung mit den anderen teilen würde"? Diese (etwas hämische) Frage spielt in meinem Gedankenspiel eines Boykotts und Picknicks keine Rolle. Es geht doch gerade um die Verhinderung der Prämierung und um den Zusammenschluß im Vorhinein. Sollte der Boykott aber - wovon auszugehen ist - nicht stattfinden und sollte ich überdies einen Teil des Preises bekommen, dann müßte ich die Frage natürlich mit Ja beantworten. Wie denn sonst?


    Freundlich grüßt
    Michael Ziegelwagner

  • Ich teile ausnahmsweise die Meinung des Users mit dem verkniffenen Popeyegesichtsavatar. Aber da es diesen Preis nun Mal gibt will sich die Jury nicht lumpen lassen und einen "Ach ich bin so kultiviert und intelligent" Touch verleihen und nominiert und prämiert schlussendlich Bücher die 95 Prozent der Normalleser/-innen nicht Mal mit dem Arsch Hinterteil angucken und beim Lesen dann abbrechen werden weil es so hochgeistig aber sterbenslangweilig geschrieben wurde. Wobei ich vermute, dass Dreiviertel der Jurymitglieder und Jurymitohneglieder rund Dreiviertel der Longlist Bücher entnervt abgebrochen haben weil sie sie entweder nicht verstanden oder sich entsetzlich gelangweilt haben. Aber zugeben würden sie das latürnich nie.


    Ich bin gegen einen Eulen-Bestseller-Buchprämierungsliste-Preis-Wertungs-Hitparaden-Gedöns mit Swibbalasossa weil garantiert in den Top-Ten nur Leserunden-Bücher wären und die Begründung würde lauten: Die Autorin war in der Leserunde soooooooooooooooooooooooooo nett und kriegt dafür 10 Punkte. Und falls es doch sowas geben würde geht meine Stimme an die süsseste Versuchung seit es Büchereulentreffen@Hennies Samstagabend-Lesungen gibt. :grin

  • @ sapperlot:
    Du strafst Dich selbst Lügen. Immerhin hast Du mit "Kastelau" einen Titel der Longlist besprochen.


    Geht man die Longlist und die Vergabe des Deutschen Buchpreises pragmatisch an, so reicht ein Blick in dieses Forum. Von zwanzig nominierten Büchern sind aktuell zwei besprochen worden (Angelika Klüssendorf "April" und Charles Lewinsky "Kastelau").
    Geht man weiter davon aus, dass zumindest noch die Bücher von Michael Köhlmeier und Heinrich Steinfest Beachtung finden werden, dann fällt die Bilanz selbst in einem Literaturforum mäßig aus.


    Was mich betrifft, so verfolge ich die Vergabe des Preises bereits seit einigen Jahren, darf und muss für mich allerdings feststellen, dass mich kaum Titel ansprechen. Zu verkopft oder gar überkonstruiert erscheinen mir viele Geschichten, fern ab der Wirklichkeit und von meinem Leben. Möglicherweise tue ich damit der einen oder anderen Geschichte Unrecht, aber es warten noch unendliche viele Titel auf mich, die mich eher ansprechen.

  • Zitat

    Original von Ziegelwagner
    "Wieso nur durch 20"? Weil die Namen der anderen 176 ursprünglich eingesandten Autoren/ Autorinnen nicht bekannt sind. Falls jemand alle Namen recherchieren mag, kann man gern über eine Anpassung meines Vorschlags nachdenken.


    Ein Teil der öffentlichen Kritik geht ja dahin, daß sich die Jury auf 176 Titel beschränkt, obwohl der Buchmarkt doch eigentlich viel mehr Titel im Angebot hat, es werden also von vorneherein tausende Titel überhaupt nicht beachtet. So gesehen müßte der Betrag nicht auf 176, sondern prinzipiell auf alle Neuerscheinungen deutschsprachiger Romane des betreffenden Zeitraums erfolgen. Und damit würde der Anteil pro Autor nicht mal die Überweisungskosten der Deutschen Bank decken...


    Zitat

    Ob ich denn "bei Prämierung mit den anderen teilen würde"? Diese (etwas hämische) Frage spielt in meinem Gedankenspiel eines Boykotts und Picknicks keine Rolle. Es geht doch gerade um die Verhinderung der Prämierung und um den Zusammenschluß im Vorhinein.


    Sorry, aber wenn das wirklich ernst gemeint ist, halte ich das für ziemlich naiv. Nur weil keiner zur Preisverleihung kommt, wird die Preisverleihung abgesagt? Das wird es nicht geben. Man wird nicht mal symbolisch einen leeren Stuhl brauchen wie gelegentlich beim Friedensnobelpreis - man stellt das Buch vor, irgendein Buchhändler hält eine schöne Laudatio, fertig. Die einzige Frage ist, ob es zu einer Auszahlung des Preisgeldes kommen würde, wenn der Autor oder die Autorin die Preisverleihung "schwänzt".

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Jeder Preis - Literatur, Film, Musik, bildende Kunst, was weiß ich - ist ungerecht. Es werden einige wenige von Zehntausenden nominiert, und ein paar davon gewinnen, oder nur einer gewinnt. Der erhält dann überproportional viel Aufmerksamkeit. So ist es aber nicht nur in der Kultur, sondern auch anderswo. Ein einziger wird Olympiasieger in einer Sportart, die von Millionen Menschen ausgeübt wird. Wie schrecklich. Und möglicherweise war dessen Karriere von besonders günstigen Parametern beeinflusst, sozial wie wirtschaftlich. Er ist also vielleicht nicht einmal der beste, sondern nur derjenige mit dem meisten Glück. Oder: Viele Firmen machen ähnliches, aber eine wird plötzlich zum Standard, nicht einmal notwendigerweise mit dem besten Produkt. Die Welt ist schlecht.


    Man kann sich natürlich die Frage stellen: Brauche ich das? Ist es nötig, einen Olympiasieger zu küren (zuweilen auch über Juroren, nicht nur beim Eiskunstlauf), den "besten deutschsprachigen Roman", meinethalben auch nur den "Wettkönig" bei "Wetten, dass ...?". Man kann sich aber genauso gut fragen, ob es Monogamie braucht, Eltern-Kind-Beziehungen, Schule, Arbeit, Polizei, Sozialsysteme, Gerichte - eigentlich alles. Jede Struktur hat ihre kritikfähigen Seiten, Gewinner und Verlierer. Such is life.


    Ich möchte aber energisch der Behauptung widersprechen, die Longlists wären uninteressant, gar am (intelligenten) Leser vorbei ausgewählt, belanglos oder sogar unliterarisch. Da sind ein paar tolle Titel bei, zum Beispiel Thomas Melles "3000 Euro" - ein schmerzhaftes, unglaublich gut geschriebenes Buch, bei dem man fortwährend das Gefühl hat, die Schlagzahl könne nicht mehr erhöht werden, und dann passiert es trotzdem. Oder, oder, oder. Der vermeintlichen Subjektivität widerspricht das nicht, aber Subjektivität ist der zweite Vorname von Kunst.


    Die ganze Aufregung ist sehr künstlich und meiner Meinung nach ziemlich blöd, spießig und egoistisch. Und wer sich über Marketingerfolge aufregt, sollte sich mal ein wenig damit befassen, wie der gesamte Buchmarkt funktioniert. Das ist nämlich - huch! - ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Was übrigens niemanden davon abhält, sich aus dem irren Angebot seine ganz speziellen Lieblinge auszusuchen, vorbei an Buchhandlungsstapeln, Bestenlisten, Kundenempfehlungen und gerne auch Literaturpreisen.

  • Zitat

    Mir persönlich ist ein Deutscher Buchpreis mit Longlist, ausgewählt von einer unbestechlichen Jury, allemal lieber als Aktionen wie "Buch des Monats", die von Verlagen eingekauft werden. Ich kann daher die Kritik am Marketing-Konzept des Buchpreises nicht ganz nachvollziehen. Wie sieht es bei Euch aus?


    Mir ist das völlig egal. Ich gehe sogar noch weiter und frage mich, welcher Leser zum Geier sich eigentlich davon beeinflussen lässt. (Aus Lesersicht).


    Es ist das Gleiche, wie mit diesem ADAC- "Skandal" bzgl des Lieblingsautos des Deutschen. (Oder so ähnlich) Ich kann die Aufregung darum überhaupt nicht verstehen, bzw ich frage mich, was daran so schlimm sein soll, wenn das Lieblingsauto der Deutschen in Wirklichkeit kein graukarierter Golf Cayenne, sondern ein rotgetupfter VW Sharan ist. Wer und vor allen Dingen wieso fühlt sich davon betrogen? Kauft man sich nur ein Auto, weil alle Welt es dufte findet, oder kauft man sich ein Auto, weil man einfach eins braucht, weil es zu seinen Bedürfnissen passt?


    So verhält sich das doch letzlich mit all diesen Preisen und Auszeichnungen. Wie gesagt, aus reiner Lesersicht. Ich verleihe meine eigenen, kleinen Preise und brauche weder die eine noch die andere Jury. ;-) Edit: was nicht heißen soll, dass ich sie verteufele. ich bin da einfach gleichgültig. Wer sowas braucht- bitte. :)

    Ailton nicht dick, Ailton schießt Tor. Wenn Ailton Tor, dann dick egal.



    Grüße, Das Rienchen ;-)

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  • Zitat

    Original von rienchen
    Mir ist das völlig egal. Ich gehe sogar noch weiter und frage mich, welcher Leser zum Geier sich eigentlich davon beeinflussen lässt. (Aus Lesersicht).


    Es ist das Gleiche, wie mit diesem ADAC- "Skandal" bzgl des Lieblingsautos des Deutschen. (Oder so ähnlich) Ich kann die Aufregung darum überhaupt nicht verstehen, bzw ich frage mich, was daran so schlimm sein soll, wenn das Lieblingsauto der Deutschen in Wirklichkeit kein graukarierter Golf Cayenne, sondern ein rotgetupfter VW Sharan ist. Wer und vor allen Dingen wieso fühlt sich davon betrogen? Kauft man sich nur ein Auto, weil alle Welt es dufte findet, oder kauft man sich ein Auto, weil man einfach eins braucht, weil es zu seinen Bedürfnissen passt?


    Das sind aus meiner Sicht zwei völlig verschiedene Dinge.


    Der ADAC-Preis sollte ein Preis sein, bei dem das Publikum seinen Liebling kürt - im Gegensatz zum Buch glaube ich schon, daß viele beim Autokauf tatsächlich berücksichtigen, welches Image das Auto hat. Und da wird so eine Beliebtheitsumfrage offenbar tatsächlich relevant.


    Beim Buch liegt die Sache anders. Die Zeiten, als man Bücher "für den Kaffeetisch" kaufte, sind aus meiner Sicht vorbei - da legt man den Reader, das I-Phone und das Tablett hin und fertig. Dennoch halte ich den Buchpreis trotzdem für interessant. Ich lese die Longlist und die Diskussionen über die Bücher jedes Jahr ganz gerne, denn auch wenn ich mich Salonlöwin anschließen kann, daß das meiste aus der Longlist mich nicht interessiert, so habe ich doch auch in diesem Jahr wieder drei Bücher entdeckt, die mir zusagen und die mir vor allem vorher mal wieder entgangen sind, weil es eben gerade nicht die Bücher sind, die ohnehin Wochenlang auf der Bestsellerliste stehen.


    So gesehen stimmt natürlich auch die Behauptung, daß der Preis und die Longlist in gewissem Maße Marketing betreiben. Die Frage war aber ja eher, ob man damit die Aufmerksamkeit von anderen Bücher ablenkt und auf diese 20 Bücher konzentriert. Und das sehe ich weiterhin nicht. Die Bücher, die mit den Büchern auf der Longlist konkurrieren, würden in den meisten Fällen auch ohne die Longlist nicht beachtet, in einigen wenigen Fällen finden sie Beachtung, obwohl sie nicht auf der Longlist stehen, aber die meisten Bücher werden weiterhin völlig unbeeinflußt von der Longlist genauso verkauft wie vor der Einführung des Deutschen Buchpreises.

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Hallo, LeSeebär.


    Zitat

    Und da wird so eine Beliebtheitsumfrage offenbar tatsächlich relevant.


    Wenn ich recht informiert bin, findet/fand diese Umfrage unter ADAC-Mitgliedern statt. Ab der oberen Mittelklasse gibt es seit Jahren schon "Mobilitätsgarantien" der Hersteller, die quasi die ADAC-Dienstleistungen ersetzen (und interessanterweise vom ADAC geleistet werden ;-) ), wodurch diese Leute wenigstens teilweise aus dem Raster fallen. Anders gesagt: Auch ohne Manipulationen war diese Umfrage ein bisschen ungerecht, weil sie überwiegend Fahrzeug aus der Mittelklasse und darunter berücksichtigt hat.


    Zitat

    Die Frage war aber ja eher, ob man damit die Aufmerksamkeit von anderen Bücher ablenkt und auf diese 20 Bücher konzentriert.


    Die Aufmerksamkeit des größten Teils des Publikums, der aber den Buchmarkt beherrscht - Spontanleser, die zwei, drei, vier Bücher pro Jahr kaufen - wird ohnehin von Bestenlisten und Marketing gesteuert. Ob da nun noch zwanzig zeitgenössische Romane über diese Schwelle rutschen oder nicht, spielt letztlich keine große Rolle. Die allermeisten Neuerscheinungen reißen die 10.000-Exemplare-Marke im ersten Jahr sowieso nicht.

  • @Regenfisch/Saz: Ich hatte keine eigene Idee zur Realisierung, wollte das nur mal zur Diskussion stellen und sehen, wie darauf reagiert wird, letztlich spricht Wolke ja das letzte Wort dazu und irgendwie bliebe die Arbeit ja bei der Moderatoren-Kaste.

    Schon der weise Adifuzius sagte: Eine multiple Persönlichkeit als Begleitung auf einer einsamen Insel zu haben kann sehr abwechslungsreich sein! :chen