Beiträge von Buecherturm

    Mafiöse Strukturen im eigenen Garten

    Elke Schwarzer erbringt die ultimativ unschlagbaren Beweise. Nicht die Literatur, nicht Hollywood, nein, das Leben schreibt die spannendsten Krimis und Thriller. Und sie geschehen gleich in unserem Garten, ob bei Tag oder Nacht. Sie greift 20 Fälle auf, aus dem Tier- und Pflanzenreich, baut sie wie Fallakte auf, mit Tatort, Indizien, Zeugenvernehmungen, Verdächtigen und schließlich Lösung des Falls. Unterhaltsam, spannend und mit einem fantastischen Blick fürs Detail führt uns Schwarzer an die Fälle ran. Das Schöne: Sie erklärt auch, wie es zu der “Tat” kommt, beschreibt den Täter und seine Motivation - meistens Heißhunger - und damit nicht genug, sie erklärt uns, wie wir selbst “Beihilfe zur Tat” leisten können. Ob Käfer, Fliegen, Vögel (da sind anscheinend manche Meisenarten besonders kriminell zu Wege), Waschbären, Mäuse, Pflanzen, Kröten, Ameisen, Läuse, und ja, sogar der Mensch werden da als Übeltäter entlarvt.

    Jedes Kapitel hat einen humorvollen Titel, wie “Krawall im Kräuterbeet”, "Schlankheitskur für die Fette Henne”, “Der apokalyptische Schneckenreiter” oder mein Favorit “Summ mir das Lied vom Tod”. Diese Titel erhöhen die Neugier der Lesenden auf den Mordanschlag oder Raub, oder erinnern uns an manche unserer eigenen Laster: “Nächtliche Heißhunger-Attacken”. Wer kann da diesem Buch widerstehen?

    Die Aufnahmen sind wunderschön und exakt, so dass wir Sympathie für die Täter entwickeln können. OK, ich tue mich schwer, eine Kröte als sympathisch zu empfinden, aber wie Elke Schwarzer zeigt, hat auch sie ihre Daseinsberechtigung.

    Ich oute mich: ich bin eine von jenen, die Blattläuse vernichten. Vor allem, wenn ich Holunderblütendolden für Sirup pflücken will. Oder Nacktschnecken aus dem Salatbeet entfernt und sie den Hühnern hinwirft! Aber dieses Buch eröffnet neue Perspektiven. Fällt mir zwar schwer, an ihre Existenzberechtigung zu glauben, aber “Im Zweifel für den Angeklagten” (Nur bitte nicht auf meiner Holunderblütendolde). Immerhin, so weit war ich schon vor diesem spannenden Buch: Ich entferne keine Raupen mehr von Brennnesseln, denn daraus werden die wunderschönen Tagpfauenaugen, Kleiner Fuchs oder Admiral, Schmetterlinge, die in den letzten Jahren leider Seltenheitswert haben.

    Der Ulmer Verlag hat einen Meistergriff mit diesem Buch getan.

    Tiefschwarzer britischer Humor at its best

    Jedes Buch der Reihe Slow Horses ist ein Genuß, ist ein sprachliches Feuerwerk und eine herrliche Fundgrube an Beleidigungen und Seitenhiebe, die präzise verteilt, immer den Solar Plexus des Gegenüber treffen. In dem vorliegenden Buch - Bad Actors - sind es entweder das billige Essen (Kaviar) in der russischen Botschaft während des Gala-Empfangs, oder die Intrigen des MI5 und der grauen (gar nicht so grau, aber niederträchtig) Eminenz aus der Downing Street 10, die Flatulenz Attacken von Jackson Lamb, und mein persönlicher Hochgenuss: die Anspielungen auf den hochrangigsten und blondesten Politiker Englands während der Corona-Pandemie, der zwar Wasser predigt, aber selbst bis zum Abwinken Party feiert und den Engländern ein Schlaraffenland nach dem Brexit verspricht. Da im Buch keine Namen genannt werden, wollen wir es hier auch nicht tun, allein die Adresse Downing Street 10, London, sagt schon alles.

    Bad Actors bedeutet schlechte Schauspieler. Aber wer sind hier Bad Actors? Die Mitglieder des Slow House, also die Slow Horses, sind es einmal definitiv nicht. Sie tauchen irgendwie immer am falschen Ort auf, verhindern aber dadurch Entführungen (zwei Mal) und Verhaftungen (1 Mal).

    MI5 (britischer Inlandsgeheimdienst), da gibt es so manche Bad Actors, könnte sein. Downing Street 10 - definitiv ja, Bad Actors auf jedem Schritt und Tritt. Angefangen mit der möchte gern grauen Eminenz Anthony Sparrow, der für seine eigene Karriere über Leichen geht und Intrigen spinnt. Nur leider mischen da die realen grauen Eminenzen mit, wie Jackson Lamb, der Leiter des Slow House.

    Und wieder taucht die Frage auf: Sind im Slow House wirklich nur Geheimdienstler, die im aktiven Dienst versagt haben, auf dem Abstellgleis für Statistiken zuständig? Oder wurden sie unter diversen Vorwänden hierher verwiesen, weitab von den Kabalen und Intrigen des MI5, um schwierige und kritische Fälle zu lösen. Wir lernen die aktuellen Mitglieder des Slow House detailliert kennen. Roderick Ho, der Computer As und Freak, Louisa Guy, die durchgeknallte Shirley Dander, die findige Ashley Khan, Catherine und Lech Wicinski. Jeder/Jede auf seine/ihre Art ein Außenseiter, aber im Slow House werden sie zu einem unschlagbaren Team. Es ist ein Genuß zu sehen, wie die Rädchen ineinander greifen, die Slow Horses zur Höchstform auflaufen und ihre Zusammenarbeit bis ins Detail klappt. Während im MI5 oder Downing Street die Bad Actors sich gegenseitig behindern oder Fallen stellen und tödliche Intrigen spinnen. Aber wie heißt es so schön: Wer anderen eine Grube gräbt … landet selbst im Wald!

    Die Sprachbilder im Buch sind einfach unübertroffen. Die offizielle Tätigkeit bei Slow Horses ist: “eine Menge Arbeit, nichts davon wichtig und alles komplett hirnverbrannt.” (S. 175)

    Details, die Spurensicherung und MI5 übersehen, werden plötzlich wichtig, wie zwei verschwundene Whiskyflaschen, die an einer ganz anderen Stelle wieder auftauchen und interessante Tatsachen enthüllen.

    Kein Wunder, dass die Slow Horses als erfolgreicher Serienfilm auf Apple TV zu sehen sind. Leider nur auf Apple TV.




    [buch][/buch ISBN 9783257301144

    Spannender Thriller mit einem unerwarteten Twist

    Der Anfang ist sehr spannend. Zuerst fiebern und bangen wir mit der Frau, die vor ihrem gewalttätigen Freund aus dem Trailerpark fliehen muss. Als die Flucht gelingt, atmen wir auf. Sind alle Beziehungen in einem amerikanischen Trailerpark gewalttätig und die Frauen immer das Opfer? Doch zurück zum Buch: Stephanie tritt eine normale, banale Geschäftsreise für ihren Sender an. Im Flugzeug sitzen Stephanie und Jasmine nebeneinander, sie kommen ins Gespräch und der Thriller kann richtig loslegen. Na ja, eigentlich dann doch noch nicht. Das ist eine taktische Finte von Jessie Garcia: Alle beteiligten Personen erzählen die Geschehnisse, so wie sie sie sehen, wie sie sie erleben, was sie dabei denken und empfinden. Aber nach den ersten Szenen des Flugs kommen alle anderen zu Wort, Nachbarn, Kollegen, Freunde, Vorgesetzte, Katzensitter, usw. usf., aber Jasmine oder Stephanie nicht mehr, erst in der zweiten Buch Hälfte hören wir wieder von Jasmine. Irgendwann war ich kurz davor, das Buch aufzugeben, weil ich eigentlich von Stephanie und Jasmine hören wollte, nicht von Kollegen, Teilnehmern an der Konferenz und anderen. Doch dann meldet sich Jasmine zu Wort. Und das ist nicht so schön, was sie da schildert und uns innehalten lässt. Eigentlich hat Jasmine es faustdick hinter den Ohren. Erstens kann sie blitzschnell umdisponieren, komplett gegensätzliche Entscheidungen treffen und danach auch handeln. Weil sie der Meinung ist, das Leben schulde ihr etwas, holt sie sich einfach was sie will, schreckt auch vor Mord nicht zurück. Und nun erfahren wir auch ein weiteres verstörendes Detail aus ihrer Kindheit. Was mich ein wenig verwundert: Jasmine wohnt in einem Trailerpark, hat nur ein Handy, keinen Laptop oder PC, ihre Kollegin muss ihr zeigen, wie sie sich einen Uber bestellt. Und doch kann sie später mit Stephanies Laptop problemlos umgehen, Bankgeschäfte tätigen, Geld abheben, und dergleichen mehr. Sie kann auch einen Mietwagen bestellen, wo sie vorher nicht ein Uber rufen konnte. Sie kann einmal Gedachtes sofort in die Realität umsetzen. Sie denkt an Latexhandschuhe, an große Koffer, an Scheren und Haarfarben, an Beutel mit Eis und an Gewichtshanteln. Woher hat sie die Fähigkeit, Pläne bis ins kleinste Detail auszuarbeiten und umzusetzen? Und vor allem, keine Fehler dabei zu machen. Schon die vielen falschen Fährten und Spuren, die sie legt, in ihrem und Stephanies Umfeld. Das war genial. Moralisch ist es falsch, was sie da tut, auch ihre Begründung, mit der sie ihre Taten vor sich selbst rechtfertigt, ist falsch. Aber die Resultate sind genial. Was sich Jasmine in den Kopf setzt, das gelingt ihr. Sie, die kleine, unterdrückte Trailer-Maus kommt gleich bei ihrem ersten richtigen Ausbruchsversuch aus dem Trailer groß raus.

    Das Ende, dieser unerwartete Twist, der irgendwie aus dem Nichts auf Jasmine herabstürzt, ist großartig. Ich hatte fast Mitleid mit Jasmine. Irgendwie hätte ich ihr das kleine blaue Haus gegönnt. Aber bei zwei Morden, einer im Affekt, der andere kaltblütig, da wird sie in der US-Justiz lebenslänglich erwarten, Der Epilog des Buches, als alle Fragen geklärt waren und nichts mehr offen war, hat mir auch sehr gut gefallen, das war der richtige Schlussstrich unter dieser bösen, faszinierenden, spannenden, schönen, schockierenden Geschichte.

    Sehr spannend, wie alle skandinavischen Krimis

    Sandra Aslund hat einen wunderschönen Auftakt zu einem spannenden Krimi präsentiert. Oder (hoffentlich) mehrere Krimis mit Maya und Pär.

    Die Anfangsszene mit Johan der den Nebel beim Spazierengehen so richtig genießen kann, zeugt von seiner Liebe zur Natur. Diese Wanderung, die Beschreibung des Nebels, des Waldes, der mächtigen Burgruine, verzaubern auch die Lesenden. Dass Johan bei seiner Wanderung durch die Burgruine eine Leiche findet, ist weniger schön. Aber so kann die Geschichte ihren Lauf nehmen. Maya und Pär nehmen die Ermittlungen auf, sie kommen recht bald dahinter, dass die Morde einen rechten politischen Hintergrund haben. Es kommt zu mehreren sehr spannenden Szenen, die uns den Atem anhalten lassen und auch zu einem großen Showdown, während dem die Verbrechen verhaftet werden, nach einer wilden Schießerei. Der Kopf der Rechtsradikalen versucht zu fliehen und wird im letzten Moment verhaftet, als er sich von Schweden nach Rostock absetzen will, zu den dortigen Neonazis.

    Die jetzigen Ermittlungen führen einerseits tief in die Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs und andererseits in die Kindheit von Maya und ihren Freundinnen. Die eine Schulkollegin, Ingrid, konnte sich nie so richtig zurecht- und einfinden mit den anderen Mädchen. Sie war gewaltbereit und hat die anderen Mädchen bedroht. Ihr Bruder hat diese Bedrohungen auf die Spitze getrieben. Doch eines Tages melden die Eltern Ingrid als verschwunden und ziehen nach einiger Zeit fort, weil sie den Verlust der Tochter nicht überwinden können. Maya und Clara, die Freundinnen von einst, finden nun heraus, was mit Ingrid damals wirklich geschah und wo sie jetzt lebt. Wie die Ereignisse aus der Vergangenheit und der Kindheit sich mit der Gegenwart verknüpfen, und ein organisches Ganzes ergeben, ist Sandra Aslunds großer Erzählkunst zu verdanken.

    Nachkriegszeit 1946

    So liebe ich diese Bücher: einerseits hervorragend recherchierte Lokalgeschichte , in diesem Fall die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs inklusive das tatsächliche Leben der einfachen Leute. Sie leiden an Unterernährung, Kälte und feuchten Unterkünften. Wer in diesen Zeiten dick ist, lebt nicht von ehrlicher Arbeit. Der Duft von frischem Brot oder von Bohnenkaffee treibt den Menschen Tränen in die Augen. Die Kälte ist schon ab November allgegenwärtig. Die Bäume, die die Straßen, Gärten und Innenhöfe schmückten, sind längst gefällt und das Holz unter den Nachbarn aufgeteilt. Lou Faber, die arbeitslose Fotografin und ihr halb dementer Mitbewohner verbrennen ab und zu, wenn die Kälte zu sehr drückt, Bücher. Wenigstens für ein paar Minuten kommen sie in den Genuss der Illusion von Wärme. Der elektrische Strom wird in den Wohnvierteln täglich abgeschaltet, nur Institutionen wie die Polizei haben permanent Strom. Obwohl, auch da gibt es gelegentliche Ausfälle.

    Und in all diesem Elend geschehen Morde, die wie eine Rache für Untaten, die während des “Tausendjährigen Reich” an der Menschlichkeit begangen wurden. Die Anfänge dieser Morde geschehen in der Hitlerzeit und werden durch seine unmenschliche Gesetzgebung sanktioniert und werden fortgeführt, bis in die letzten Kriegstage, als schon Russen und Alliierten praktisch schon in Berlin einmarschieren. Die Morde geschehen durch die mehr als willigen Helfershelfer des Unrechtregimes, die sadistisch und grausam Unschuldige Menschen töten. Als klar wird, dass diese Täter nach Kriegsende ungesühnt davonkommen, nimmt ein Mensch die Gerechtigkeit in die eigenen Hände. Leider werden auch andere Opfer dieser Gewalt, weil, wenn man einmal anfängt, man nicht mehr aufhören kann. Gewalt gebiert Gewalt.

    Wie einen Schlussstrich ziehen, wenn überall die ehemaligen Handlanger des Hitlerregimes wieder in Schlüsselpositionen gelangen, durch einen Stempel entnazifiziert sind und sogar ihre alten Berufe wieder ergreifen. In Amt und Würden und Essensboni wieder dastehen. Plötzlich wollen alle den Juden geholfen haben, sie versteckt haben, sie beschützt haben. Wie wollen Millionen Juden vergast worden sein, wenn jeder arische Deutsche so viele Juden gerettet hat? Und trotzdem, sobald ein Mensch die anderen auch nur entfernt an Juden erinnert, wird hinter ihm her getuschelt und gezischt, wird ihm am liebsten der Zugang verwehrt. würden ihn die rechtschaffenen Deutschen am liebsten auch jetzt noch vergasen. Woran haben die Menschen andersartige Menschen erkannt? Was unterscheidet einen Juden äußerlich von einem Christen? Eine Frage, die seit Nathan dem Weisen immer noch offen im Raum steht. Genauso - denken die ach so rechtschaffenen Deutschen - werden alle, die von den Nazis eingesperrt waren und nun frei sind, geächtet. Hitler hat ja keine Unschuldigen einsperren lassen, oder?! Jeder Hausmeister fühlt sich noch als Blockwart, will immer noch bestimmen, wer das Haus betreten darf und wer nicht. Diejenigen, die früher bespitzelt und verraten haben, tun es auch heute noch. Umdenken? In sich gehen? Neue Saiten anschlagen? Fehl am Platz. Die Mentalität sitzt so tief in den Menschen drin, Kuschen vor der Obrigkeit, andere ausspionieren und melden, oder quälen und töten, das kann nicht aus der Welt geräumt werden. Sonst wären die heutigen rechtsgerichteten Parteien nicht so stark und eine Bedrohung für die Demokratie sein.

    Doch zurück zum Buch. Es ist spannend, es reißt einen mit. Schöne heitere Szenen wie Schneeengel im Wald machen, alternieren mit tristen, grauen Szenen, wie der Schwarzmarkt oder die Polizeistation mit dem inkompetenten aber politisch gut vernetzten Oberkommissar Zeiss, der jetzt zwar auf die KPD schwört, aber sein politischer Hintergrund sehr trübe ist. Dann sind noch die fast friedvollen Szenen bei den Fundorten der Leichen. Und zum Schluss der große Showdown, in dem sich letztlich alles klärt. Das Buch endet mit einem Hoffnungsschimmer. Wenn Lou Faber als Polizeifotografin arbeiten kann, wird sie ein geregeltes Einkommen haben, vielleicht besser essen, denn sie wird auch eine Zuteilung von Essensmarken bekommen.

    Und, was mir persönlich am besten gefällt: das Ende des Buches enthält ganz interessante Fährten, die hoffentlich zu einem oder mehreren Folgeromanen führen werden.

    Die Büchse der Pandora

    Wer einmal die Büchse der Pandora geöffnet hat, kann nichts mehr rückgängig machen, er entfesselt Stürme und lässt großes Unheil auf die Menschheit los.. Manchmal habe ich das Gefühl, dass KI das Zeug zu dieser Büchse hat.

    Ich arbeite in einem Institut, wo auch an und für KI für unterschiedliche Bereiche geforscht wird. Einer der Gründe, weshalb ich mich entschloss, dieses Buch zu lesen. Anitra Eggler wendet sich dem für Laien zugänglicheren Teil der KI, der Chat GPT zu. Das Buch ist ein Augenöffner. Da bin ich mir bewusst geworden, KI läuft doch im Hintergrund längst mit, sobald wir einen Computer oder Handy öffnen. Auf Google kommen lauter Anzeigen von Shops oder Rezepte oder Kleidungsstücke, die mich interessieren könnten, auf Youtube nur noch Clips mit putzigen Haus- oder Wildtieren, die Sänger, Kabarettisten und Schauspieler, die ich mag, Amazon bietet mir auch immer wieder Ware an, die ich früher mal gekauft habe oder ähnliche Gegenstände, usw. Sogar Netflix hat einen Algorithmus entwickelt, mir nur solche Serien- und Filmangebote zu zeigen, die mich interessieren könnten. “The Shop” von Marc-Uwe Kling lässt grüßen. Zuletzt hat auch meine Online Bank auf KI umgestellt. Sobald ich eine Frage online an die Bank stelle, antwortet mir ihre KI. Präzise, verständlich in ganzen Sätzen, so wie ich mir immer Bank- oder Steuerberater gewünscht habe. Leider klingen die Aussagen oft nach Sätzen aus Abreißkalendern.

    Stillschweigend und aus dem Hintergrund werde ich verführt zuzugreifen, mir die Contents anzusehen, die irgendwo gespeichert werden und der KI und ihren Machern mich gläsern erscheinen lassen. Ich hatte es geahnt, aber durch dieses Buch wurde es mir bestätigt. Digital Detox, here I come! Aber nicht heute. Denn Digital Detox ist “Therapie für Dopaminsüchtige.” (S. 29) Aber das wird sich lohnen, denn “Flugmodus ist kein Kontrollverlust, sondern ein Freiheitsmodus”. (S. 54)

    Das Buch ist in zehn Kapitel plus einem Nachwort von ChatGPT unterteilt. Die Kapitel widmen sich unterschiedlichen Bereichen des menschlichen Lebens: Arbeit, Erfolg, Bildung, Kapital, aber auch sehr privaten, intimen Teilen unseres Lebens, wie Liebe und Sex sind. Das ist so ziemlich unser Leben, und überall ist KI schon anwesend. Ich musste an die Fabel mit dem Wettrennen zwischen Hase und Igel denken. So schnell der Hase auch läuft, der Igel, sprich KI, ist schon da.

    Das Buch ist schnell durchgelesen, wenn man will. Ich wollte nicht. Ich bin immer wieder ein paar Seiten zurückgekehrt, habe manche Passagen wiederholt gelesen, Eggler fragt ChatGPT zu einem Thema nur um gleich darauf von ChatGPT zu verlangen, Gegenargumente zu behaupten. Und ChatGPT liefert jedes Mal. Da steckt keine echte Meinung oder Standpunkt dahinter. (Unter uns gesagt, hat mich stark an Politiker erinnert…) Die Autorin warnt selbst: “Vergiss beim Lesen nie: ChatGPT ist keine Person. Es ist ein Sprachmodell aus Nullen und Einsen - entwickelt, trainiert und betrieben von einem profitorientierten Unternehmen.” (S. 14). Auf der gleichen Seite: “Sei dir bewusst: ChatGPT wirkt, als würde es denken, es denkt nicht - es berechnet Wahrscheinlichkeiten und rekombiniert Daten. Das reicht, um uns zum Denken zu bringen”

    Ganz ausdrücklich werden wir auf die Gefahren der KI hingewiesen. Eggler stellt ChatGPT ein paar Fragen, die ich mittlerweile lesen kann, ohne dass mir der Atem stockt: “Passwort1234567? Einladung zur digitalen Hausdurchsuchung. … Deepfake? Wahrheit mit Filter. Nur ohne Wahrheit. … Smart Home? Dein Toaster kennt dich besser als dein Partner. … Privatsphäre? Früher Grundrecht. Heute Cookie-Hinweis.” (S. 27)

    Das Buch polarisiert. Das Thema polarisiert. Entweder man verteufelt die KI, oder man macht mit. Aufgeklärt und mit eigenständigem Denken bewehrt, könnte es klappen. Und mit regelmäßigen Detox-Kuren. Denn zurücknehmen kann man KI nicht mehr. Wie schon Friedrich Dürrenmatt in “Die Physiker" sagte, einmal etwas Gedachtes kann man nicht mehr aus der Welt schaffen.


    ASIN/ISBN: 3903638005

    Das bewegte Leben der Schwiegermutter der Queen

    Die weit verzweigten familiären Verstrickungen der europäischen Adelshäuser sind beachtlich. Wo in anderen Fällen wegen Inzucht die Ehen verboten wären, wurden sie an den königlichen Höfen gefördert. Alice von Battenberg, später Mountbatten, eine Enkelin von Königin Victoria, heiratet den Prinzen Andrew von Griechenland und hat mit ihm vier Töchter und einen Sohn, Philipp, den späteren Prinzgemahl der Königin Elisabeth die Zweite von England. Prinzessin Alice war auch mit dem Hause Romanow von Rußland verwandt und mit vielen deutschen Fürstenhäusern. Ihr Leben ist wie ein Roman: taub geboren, lernt sie trotzdem in mehreren Sprachen Lippen lesen, sprechen und schreiben. Alles ohne Zeichensprache, denn Ende des 19. Jahrhunderts galt die Zeichensprache als “Affensprache”. In den Jahren des Exils in Paris, wo sie auf die Unterstützung ihrer weit verzweigten Familie angewiesen ist, findet sie zu Gott und wird zu einer extrem religiösen Frau, die im täglichen Gebet ihre Erfüllung findet. IRene Dische schreibt, dass sie von ihren Kindern entfremdet ist, in anderen Quellen aber wird die innige Beziehung zwishcen Mutter und Töchter beschrieben. Auf jeden Fall spielen ihr ihre eigene Mutter und ihre Schwägerinnen ganz böse mit. Edwina ist die Ehefrau von Alices Bruder Dickie, während Maria Bonaparte (ja, aus der Familie) einen der Brüder von Alice's Gemahl geheiratet hat. Alice wird zwangsinterniert in zwei psychiatrische Kliniken, in der einen werden ihre Eierstöcke mittels Röntgenbestrahlung zerstört, in der anderen wird sie zweieinhalb Jahre gefangen gehalten. Was hat Alice ihren Schwägerinnen und ihrer Mutter nur angetan, dass sie sich derart brutal und zerstörerisch in ihr Leben einmischen?

    Als die Monarchie in Griechenland in den dreißiger Jahren wieder eingeführt wurde, zieht sich Alice nach Griechenland zurück, lebt da bescheiden und zurückgezogen, die Öffentlichkeit meidend. In der Zwischenzeit haben ihre vier Töchter in den deutschen Hochadel geheiratet, haben aber, laut Dische, keinen Kontakt zur Mutter. Als die Deutsche Wehrmacht die Nebenfront in Griechenland eröffnen muss, wegen der Unfähigkeit der italienischen Armee, beginnt Alice im Untergrund jüdische Familien bei der Flucht zu unterstützen und nimmt Familie Cohen bei sich auf. Das wird ihr posthum hoch angerechnet, im Jahr 1994 wird ihr in einer feierlichen Zeremonie der Titel “gerechte unter den Völkern” verliehen, bei der Prinz Philipp auch teilnahm.

    Das Buch wird von Prinzessin Alice erzählt, wir erfahren ihre Sicht der Dinge, wie übel ihr mitgespielt wurde. Trotzdem hegt sie weder Rachegedanken, noch Neid oder Missgunst. Das viele Gute, das sie im Leben getan hat, ist mit ihren Augen betrachtet nicht so einzigartig, nicht so großartig, sondern ihre einfachste Menschenpflicht. Noblesse oblige heißt es, Prinzessin Alice vereint den Standesadel mit dem Adel des Herzens, eigentlich der einzig wahre Adel.


    ASIN/ISBN: 3546101561


    Edit: ISBN berichtigt / Batcat :wave

    Enemies to Lovers

    Es ist ein altbewährtes Rezept, aus Feinden werden Liebende. Es verspricht Spannung, gute Unterhaltung, viele Möglichkeiten unerwarteter Wendungen und vieles mehr. In diesem Buch kommen noch Magie hinzu, interessante und sympathische Hauptgestalten und gut definierte Nebenfiguren.

    Feinde, die zu Verbündeten und sogar Geliebten werden, geraubte Schwester, die befreit werden soll, die aber nicht befreit werden will, der feindliche König, den es nun zu retten gilt, ein übergroßer mächtiger Feind, gegen den sich die anderen verfeindeten Kriegsparteien nun verbünden, eine geheimnisvolle Magie, die sich nur allmählich offenbart. Das Ganze gepaart mit filmreichen Schlacht- und Kampfszenen, ab und zu eine heiße Sexszene, die den Fifty Shades of Grey in nichts nachsteht, interessante Enthüllungen und Einblicke in das Machtgefüge dieser magischen Welt.

    Ja, das Buch hat sich schnell und spannend gelesen. Positiv zu vermerken: das Buch endet zwar in einem Cliffhanger, aber es ist in meinen Augen ein positiver Cliffhanger. Die gröbsten Handlungsstränge des Buches werden zu einem Abschluss geführt und nun brechen die neuen und alten Gefährten und Verbündeten auf, den Feind endgültig zu besiegen. Damit kann ich leben.


    ASIN/ISBN: 3745705068

    Indien in seiner ganzen Pracht und Gloria

    Das Titelbild mit dem Dolch ist schon ein richtiger Hingucker. .Der Klappentext ist sehr interessant und verspricht Mega Spannung.

    Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine junge Frau lebt in magischer Gefangenschaft, bis auf einmal die beiden Wächter verschwinden. Die junge Frau entkommt und reitet davon, endlich den ABenteuern ihres Lebens entgegen. Sie hilft eine Stadt zu verteidigen, sie kämpft gegen Dämonen, findet Freunde, findet die große Liebe. Leider endet das Buch, gerade, als sie ihre wahre Bestimmung findet. Aber die nachfolgenden Bücher sitzen schon in den Startlöchern.

    Was mich an dieser Lektüre so fasziniert hat, ist die indische Welt, in der das Buch angesiedelt ist. Die Bekleidung der Personen, das Essen, das fast aus dem Buch heraus nach Curry und Muskatblüten duftet, die Waffen die gehandhabt werden, die Heilmethoden die Anwendung finden und stark an Ayurvedische Medizin erinnern, die Stadt, die Straßen, die Paläste, die beschrieben werden, alles erinnert an Indien. Dann las ich, Nisha J. Tulli hat indische Wurzeln und auf diese greift sie in ihren Büchern oft und gerne zu. Deswegen erinnerten mich einige der Kampfpassagen gegen die Dämonen an das Ramayana-Epos aus dem alten Sanskrit. Es ist eine neue fantastische Welt, die wir in diesem Buch betreten, wie ein Märchen aus einer orientalischen Nacht. Und wieder einmal ein Beweis, die alten Bücher, wie Ramayana, können auch heute noch, auf diese Weise, uns in ihren Bann schlagen.

    Wunderschönes, buntes und facettenreiches Buch, das den uralten Kampf zwischen Gut und Böse im Zentrum hat.


    ASIN/ISBN: 3426560844

    Das alltägliche Chaos einer Familie


    Ich liebe alle Bücher, Comics und Hörbücher von Marc-Uwe Kling. Sein Humor ist unnachahmlich.

    Schon die Zeitenbildung im Konjunktiv über Mama, die nicht gedurft gewerdet hätte: Wenn sie nicht packen gewollt gehätte, dann hätte sie nicht Mama gewerden gedurft” (S. 10). Oder AC-DC, vier Buchstaben, die in Tiffanys Augen in der falschen Reihenfolge da stehen, weil Erwachsene komisch buchstabieren.

    Das geht so weiter, zieht sich durch das ganze Buch. Tiffany, fast acht Jahre alt, erzählt und kommentiert die Erlebnisse des Tages: eine Familienfahrt zur 4. Hochzeit von Großtante Ilse nach Wuppertal. Dafür hat Papa extra von seinem Chef einen großen Mercedes ausgeliehen, damit alle sieben Personen mitfahren können. Armer Mercedes. Als ob jemand (Papa) Murphy’s Liste abgehakt hätte, geht alles schief mit dem Auto. Hauptsächlich durch Papas und Maxens Schuld. Aber “man muss ja nicht immer alles so genau nehmen”.

    Die Sticheleien unter den Erwachsenen, die Situationskomik, die naiv-hintersinnigen Kommentare Tiffanys, alles lassen das Buch zu einem wahren Schmankerl werden, für Kinder und für Erwachsene.

    Astrid Henns Illustrationen zum Buch sind anschaulich, humorvoll und voller Mitgefühl. Allein schon die Darstellung von Max mit seinem leidenden Kater erweckt mein Mitgefühl. Obwohl ich es da eher mit Luisa halte, wenn sie von “toxischer Männlichkeit” spricht.

    Fazit: Marc-Uwe Kling at its best!


    ASIN/ISBN: 3551523193

    Wenn der geliebte Mensch geht

    Da bahnt sich eine schöne neue Liebesgeschichte an. Adam, die große Liebe stirbt schon in jungen Jahren tragisch an Krebs, die zweite große Liebe, Josh, der Freund aus Kindheitstagen ist verschollen.

    Aber auf dem Sterbebett verlangt Adam von Lily Josh zu suchen und mit ihm Frieden zu schließen, denn Lily und Josh sind im Streit auseinander gegangen, kurz vor der Hochzeit von Lily und Adam. Wie in jedem guten Kunstmärchen, erfahren die Lesenden peu à peu immer mehr Einzelheiten aus der Vergangenheit der Protagonisten und letztendlich, wie es zu dem großen Zerwürfnis kam. Ein wenig an den Haaren herbeigezogen, ein wenig (aber nur ganz wenig) kitschig, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch. Welche Frau träumt nicht davon, von solch zwei gut aussehenden Männern so stark geliebt zu werden?

    Ich dachte, mit der zweiten Hochzeit käme nun das Happy End , aber Dani Atkins hat noch ein Kapitel drangehängt, das als würdiger Abschluss dieser Liebesgeschichte gelten kann.

    Der schlichte Stil, der sich auch zu Pathos steigern kann, je nachdem, wie es die Szene gerade erfordert, liest sich angenehm und hat nur leichte Anklänge an die triviale Sprache. Die überliest man leicht.

    Aber, und das frage ich mich schon die ganze Zeit: wer tanzt hier wo und warum? Nicht einmal der Hochzeitswalzer wird erwähnt im Buch. Also, warum der deutsche Titel? Im englischen Original heißt das Buch “Always You and Me”. Das leuchtet ein. Aber wieso ein Tanzversprechen???


    Fazit: Nett, mit einigen Schwächen, die aber der Geschichte keinen allzu großen Abbruch tun.


    ASIN/ISBN: 3426561042

    Nett aber …

    Titelbild ok, kann bleiben. Viel Rot, viel Gold, ein stilisiertes Schloss angesiedelt zwischen Neuschwanstein und die Törzburg (für Laien: Dracula-Schloss) in Siebenbürgen, und die vielen kleinen Feuer rings ums Schloss, wirkt sehr suggestiv.

    Aber der Prolog muss weg! Liebe Alessia Gold, hätten Sie nur ein wenig über Rumänien recherchiert, hätten Sie erfahren, die Rumänen sind orthodox. Das bedeutet, am Tag des Jüngsten Gerichts brauchen sie einen unversehrten Körper, sonst können sie nicht vor dem Weltengericht erscheinen. Das bedeutet, in Rumänien und in allen Ländern Osteuropas die orthodoxen Glaubens sind, hat NIE ein Scheiterhaufen gebrannt. Nie! Mit Ihrem Prolog, Frau Gold, war der Rest des Buches für mich unglaubwürdig. Beim nächsten Buch machen Sie bitte Ihre Hausaufgaben!

    Die Handlung an sich war dann interessant, an manchen Stellen spannend, bis es zum ersten Ménage à trois kam. Das war sehr grafisch und explizit. Danke, TMI (Too much information). Da bleibt ja der Phantasie nichts mehr überlassen. Lustig fand ich die vielen Gehirnwäschen, die den Dörflern da verpasst werden, seit hunderten von Jahren und sie glauben es immer noch. Wenn unsere Politiker das auch könnten! Die Idee der Manipulation und Volksverdummung scheint ja im Buch ganz gut zu klappen.

    Was mich wirklich gestört hat, ist der Cliffhanger, mit dem das Buch aufhört. Also, sie hört ein Geräusch, dreht sich um und… Diese Art von Cliffhanger mag ich überhaupt nicht. Ich lasse mich nicht erpressen, die nächsten Kapitel des Buches zu kaufen. Deal Breaker. Den zweiten Teil des Buches werde ich nicht mehr lesen.


    Von mir unverdiente drei Sterne


    ASIN/ISBN: 3426565714

    Grand Seigneur und Patriarch der deutschen Literatur und seiner Familie

    Hätte Thomas Mann 2025 nicht solch ein Jubiläum, deb 150. Geburtstag, hätten wir nicht diese ganze Flut von Thomas Mann Neuauflagen, Biographien und Romane. Und nun auch Florian Illies. Sein Stil ist einzigartig. Ganze Sätze, dann Bruchstücke eines Satzes, aber alles durchdrungen von einer gestochen scharfen Logik.

    Das Buch ist eine elegante und äußerst gelungene Mischung aus Roman und Biographie der gesamten Mann-Familie,von den Schwiegereltern, zum Bruder, den 5 Kindern und natürlich Thomas Mann selbst. Nur “K.”, wie Thomas Mann seine Frau in seinen Tagebüchern nennt, kommt etwas zu kurz. Sie hat sich immer zurück gehalten, ihr Leben in den Dienst ihres berühmten Gatten gestellt. Wenn sie doch einmal hervortreten sollte, weiß Thomas Mann das sofort zu unterbinden. So. z.B. bei einer Gartenparty auf der Katia mit anderen Gästen französisch redet, fühlt sich Thomas Mann urplötzlich unpässlich und drängt auf baldigen Aufbruch. Er kann es nicht ab, nicht im Mittelpunkt zu stehen.

    Dabei sind im Sommer 1933 in Sanary, berühmte und bekannte Literaten, Bildhauer und Maler da, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Aldous Huxley, Heinrich Mann, René Schickele, Arnold Zweig, alle mit jeweils ihren Familien, Sekretärinnen, Kindern, usw. Thomas Mann könnte seiner Frau wohl die paar Minuten Freude gönnen. Aber das geht nicht. Er ist bei diesen Gesprächen nicht im Mittelpunkt.

    Das Buch ist eine Anreihung von Anekdoten und Geschichten aus dem Leben der Exildeutschen in Sanary, gespickt mit Nachrichten aus Deutschland, aus Berlin und München. Nachrichten von Familie Pringsheim, Katias Eltern, Zeitungsnachrichten über sich häufende Gräuel und Ungerechtigkeiten des Nazi-Regimes. Dabei haben die Manns Glück, Golo Mann, dem Sohn, gelingt es, einen beträchtlichen Teil des Vermögens aus dem Land zu bringen mittels Diplomatenpost und Erika Mann gelingt der große Coup, die wertvollen Möbel, Tafelsilber, kostbares Porzellan usw. der Eltern in die Schweiz zu schmuggeln, kurz bevor das Haus von den Machthabern beschlagnahmt wurde. Diese Bravourtaten beschreibt Illies so lebendig, als ob wir dabei gewesen wären.

    Wie Thomas Mann über seine Familie bestimmt und herrscht wäre heute undenkbar. Mit einer gehobenen Augenbraue, mit einer Geste, mit einem strengen Blick, beherrscht er alle 6 Kinder. Klaus und Golo machen sich heimlich Notizen, um den Vater unterhalten zu können, wenn der Vater es denn wünscht. Für fünf der sechs Kinder sind die sakrosankten Mittagsmahlzeiten eine Tortur. Allein Medi (Elisabeth Veronika Mann), der erklärte Liebling der Eltern stösst sich nicht daran, findet nichts Beschwerliches an den Mahlzeiten. Thomas Mann liebt streng getaktete und strukturierte Tage. Mahlzeiten zu festen Stunden, dazwischen immer die gleichen Aktivitäten. “Ohne dieses feste Gefüge hätte Thomas Mann die Ungewissheit des Exils nicht ertragen können.” (S. 265)

    Illies verwendet viele Zitate aus den Tagebüchern der Personen (damals schreiben wohl alle Tagebuch, heute ist das eher aus der Mode gekommen), aus ihren Werken, aus überlieferten Dialogen. Besonders kreative Wortschöpfungen von Thomas Mann, wie “Behagensminderung”, die uns heute etwas seltsam klingen, sind aber dennoch immer noch klar verständlich, wir lassen sie auf der Zunge zergehen, genießen sie.

    Zum Schluss des Buches erhalten wir den Stammbaum der Familie Mann und ein “Who is Who” der Personen in Sanary. Schmankerl: auch die Häuser aus München und Sanary finden hier ihren Eintrag. Schon während des Buches wird so liebevoll und achtsam von diesen Häusern gesprochen, dass sie personalisiert werden, wesentlicher Teil der darin wohnenden Menschen sind.

    Thomas Manns erster Teil der Josef-Trilogie erscheint noch Herbst 1933 beim Fischer Verlag in Berlin und “Wenn die Sonne untergeht” von Illies wird vom S.Fischer Verlag publiziert. Fast wie eine Heimkehr des Patriarchen zu seinem Verlag.


    ASIN/ISBN: 3103971923

    Dero Majestät Vea Kaiser


    Ich liebe die Bücher von Vea Kaiser. Schon beim Rückwärtswalzer bin ich dahin geschmolzen. Und nun freue ich mich auf Ihr neuestes Buch Fabula Rasa. Der unnachahmliche Stil der Autorin, ihre Art die Hauptgestalten zu skizzieren und sie mit Leben zu füllen, die Handlung des Buches, sind lauter hervorragende Lesegründe sein.

    Die Rahmenhandlung lässt sich mit einem Satz zusammenfassen. Eine Buchhalterin erleichtert ihren Arbeitgeber über die Jahre hinweg um 3,320 Millionen Euro. Das ist alles.Aber dahinter steckt ein ganzes Universum. Das Leben der Buchhalterin Angelika, in Armut aufgewachsen, von der von der strengen alleinerziehenden Mutter selten unterstützt oder liebkost. die zwar gute Schule aber mit engstirnigen, reichen Kindern als Kollegen hat sie es nicht leicht. Dann erlernt sie den Beruf als Buchhalterin und heuert im Grand Hotel in Wien an. Von sich aus wäre Angelika nie auf den Gedanken gekommen, Geld zu entwenden. Aber sie wird in die Machenschaften des Direktors verwickelt. Als alleinerziehende Mutter muss sie sich gleichzeitig um ihre halb demente Mutter kümmern. Beides verschlingt viel Geld. Vom Kindsvater kann sie nicht viel finanzielle Hilfe erwarten. Er ist ein nicht angepasster Musiker, der sein Talent vergeudet, kurz vor Plattenverträgen steht, die er dann doch nicht honoriert.

    Angelika bekommt tagtäglich mit, wie der Hoteldirektor seine privaten Ausgaben über das Hotel abrechnet, mit der Begründung, das wären auch Ausgaben für das Hotel. Urlaubsreisen mit der Familie werden zu Dienstreisen umfunktioniert, teure Einkäufe sind zwar für den privaten Gebrauch aber werden als Ausgaben für das Hotel ausgewiesen und dergleichen mehr. Ist es da verwunderlich, dass Angelika ihre finanziellen Engpässe ebenfalls aus den Konten des Hotels überbrückt?

    Angelika wirkt auf mich sympathisch, ich verstehe ihre Beweggründe, leide und hoffe mit ihr. Mit dem Geld, das Direktor Frohner oder seine verschwenderische Schwiegertochter für sich selbst ausgeben, könnte man mehr Personal einstellen und dem bestehenden Personal anständige Löhne zahlen. Aber der zynische Kommentar des Direktors: "Die vorhandenen Beine haben schneller zu laufen” (S. 333). Es wird niemand zusätzlich eingestellt für Housekeeping oder Etagenservice, solange der Dachausbau für eine Luxuswohnung für Frohner Junior und Gemahlin nicht fertig ist. : Kein Wunder also, dass Angelika sich selbst immer wieder einen Kredit aus der Hotelkasse gewährt. Als Buchhalterin hat sie tiefe Einblicke in die privaten Ausgaben ihrer Arbeitgeber, die auch alle von der Hotelkasse beglichen werden, Angelika muss alles abrechnen, auf Wunsch des Direktors.Angelika findet auch heraus, dass in der Nazizeit, als das Grandhotel Frohner und einem jüdischen Mann gehörte, Frohner ihn übervorteilt hatte, seine Kunstwerke übernommen hatte und sich nach dem Krieg geweigert hat, die Gemälde herauszurücken. Zu solchen Menschen kann man nicht aufsehen,

    Vea Kaiser tritt in diesem Buch selbst in Erscheinung, sie besucht Angelika im Gefängnis, spricht mit ihr, lässt sich von ihr ihre Lebensgeschichte erzählen. Dadurch gewinnt das Buch an Authentizität, die Autorin tritt als objektive Chronistin auf und enthält sich jedwelcher persönlicher Kommentare.

    Und das Ganze in Vea Kaisers charmanten Stil, mit dem Wiener Schmäh und Ausdrücken, die die Sprache erst lebendig werden lassen. Ein unangenehmer Mensch wird zum Oarsch,ein dummer Mensch ist deppert, ein Vollidiot ist ein Fetzenschädel, aber ein Freund ist ein Hawara. Hier fand ich das alte wianerische “Hawidehre” aus meiner Kindheit wieder, das mein Vater und Großvater sich zum Abschied sagten. Man fühlt sich in dieser Sprache gleich wohl, die zunächst vielleicht fremden Begriffe sind selbsterklärend und werden heimisch. Man kann nämlich in einer Sprache sehr wohl beheimatet sein. Vea Kaiser schafft diese Heimat spielend für uns Leser aus dem Piefkeland.

    Wien von seiner dunklen, unbekannten Seite


    Die Zeit ist 1881. Die Nachricht vom tödlichen Attentat auf den Zaren verbreitet sich rasend schnell. Da die Hochzeit des Kronprinzen Rudolf in Wien kurz bevorsteht, befürchtet der Polizeipräsident Marx, ein ähnliches Attentat auch am Wiener Hof. Deshalb aktiviert er seine geheime Waffe, den Sonderermittler Kern, er soll im Arbeitermilieu ermitteln. Und wo gibt es die meisten Arbeiter? Wo ist die Unterdrückung am größten und unmenschlichsten? In den Wiener Ziegelwerken. Kern lässt sich da anheuern und beginnt mit seinen Ermittlungen. Er erlebt am eigenen Leib wie brutal die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen da abläuft. Viele der Ziegelarbeiter stammen aus Böhmen, haben gar keine Rechte, werden bei jedem Aufmucker abgeschoben, geschlagen und getreten. Sie werden nicht mit echtem Geld bezahlt sondern mit Blechmarken, die nur in den Ziegelwerken gültig sind. Sie müssen zu überteuerten Preisen kaufen, weil außerhalb der Ziegelwerke dieses Geld nicht gültig ist.


    Das Ganze wird so eindringlich und ehrlich beschrieben, dass man an der Glaubwürdigkeit der Schilderungen keinen Zweifel hegt. Peter Lorath hat hervorragend recherchiert. An der Authentizität der Darstellungen gibt es nichts zu deuten und rütteln. Seine Quellen sind Aufsätze, Artikel, Zeitungsreportagen aus der Zeit. Dabei mag die Realität viel schrecklicher gewesen sein. Wie die wahren Lebensumstände der Arbeiter waren, werden wir wohl nie erfahren. Aber sie waren überall gleich, ob in Deutschland, Frankreich, England oder den USA, die Verhältnisse waren wohl knapp über einem KZ.


    Historisch verbriefte Persönlichkeiten in diesem Krimi sind Professor Hofmann, einer der besten Gerichtsmedizinern jener Zeit, Polizeipräsident Marx, Staatsanwalt Lamezan, Kommissar Weihs und Kommissar Frankl gab es wirklich, genauso wie Franz Schuhmeier, der radikale Klassenkämpfer.


    Inmitten der allumfassenden Decke aus Gewalt und Brutalität versteht es Lorath auch eine zarte Romanze einzuweben, dadurch den schweren Stoff etwas erträglicher zu machen. Die atemberaubenden und gefährlichen Szenen die filmreif wirken, werden zwar nicht durch die Liebe abgemildert aber leidlich gemacht. Wie ein einziger Sonnenstrahl an einem Regen und Nebel verhangenen Novembertag. Der Tag bleibt zwar dunkel aber man weiß, man kommt durch. Wie sich wohl die Arbeiter der Wienerbergen gefühlt haben damals, 1881? Es sollte noch sieben Jahre dauern, bis sie streikfähig waren. 1888 fand der erste Streik der Ziegelarbeiter statt. Mein Vergleich hinkt gewaltig, wir schweben nicht ständig in Lebensgefahr, von einem Büttel erschlagen zu werden, den Hungertod zu sterben oder an Auszehrung und Berufskrankheiten, wie die Ziegelarbeiter im 19. Jahrhundert. Wir wissen, die Sonne wird wieder scheinen, aber 1881 waren die Ziegelarbeiter Tausende Tote von 1888 entfernt.


    Wir kennen nur das heutige Wien, die prachtvolle Ringstraße, die Paläste, die Oper, die herrschaftlichen Häuser, die großen Museen. Wir bewundern sie, besuchen sie oder gehen daran vorbei. Aber wie und womit sie gebaut wurden, daran verschwenden wir keinen Gedanken. Dieses Buch hat .mich eines besseren gelehrt. Weder in Wien, Berlin, Nürnberg, Paris sonstwo werde ich achtlos an Gebäude vorübergehen, ohne in Gedanken ein paar Blumen für die unbekannten Ziegelbrenner, Bauarbeiter und deren Familien zu hinterlegen.


    Ein Fünf Sterne historischer Krimi der Extraklasse

    Unschlagbar das Team Kling - Kissel

    Was in den Känguruh-Comics vom gleichen Autorenduo Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel auf Seite 51 mit einem Eierkuchen begann, hat sich nun verselbstständigt zu einem eigenen Comic. Die zwei super reichsten Männer der Erde, Jeff Jezos und Elon Dusk fliegen zum Mars und sind, dank KI für immer (hoffentlich) an den Mars gebunden.

    Das Buch trieft direkt vor bitterer Ironie, hintersinnigen Humor und bösen Anspielungen. so, z.B. dass Elon Dusk einen Clon von sich auf der Erde gelassen hat, der nun komplett aus dem Ruder läuft (S. 7). Man denke da an die unheilige Allianz zwischen Elon und Donald, wo Elon mit einer Kettensäge eine Bühne betritt und die Staatsausgaben drastisch kürzen will.


    Oder auf Seite 25, wo Elon überlegt, für seine eventuelle Hochzeit mit seinem eigenen Clon Venedig zu kaufen.. Was Jeff nicht getan hat. Ich meine, für seine Hochzeit mit Lauren Sanchez Venedig zu kaufen. Er hat Venedig gemietet für ein ganzes Wochenende, für viele Millionen Dollar an Venedig und an viele venezianische Institutionen. Dafür waren aber die Touristen für die Zeit verbannt und die Venezianer mussten daheim bleiben oder auf Terra Ferma ausweichen. Einerseits blieb Venedig für drei Tage vom Massentourismus verschont, andererseits kamen all die über 200 Gäste aus den USA mit eigenen oder gemieteten Flugzeugen an. Nicht gerade umweltfreundlich. Doch zurück zum Buch.


    Anfangs gibt es noch eine Person auf dem Mars, Matt Damon wurde von Elon Dusk (Herrliches Wortspiel, dusk bedeutet auf Englisch Dämmerung, Zwielicht) mitgebracht auf den Mars, weil er die Hauptfigur im Film “Der Marsianer” war. Jeff benötigt ihn, damit Matt ihm den Marsianer in echt vorspielen kann. Nun, Matt Damon hält es bis Seite 16 aus und fliegt wieder zurück auf die Erde. Auf Seite 81 erklärt Matt in einem Interview trocken: “die Landschaft ist toll. Aber die Leute dort sind schwierig”.


    Ab Seite 68 erklären die beiden Autoren wie es zu diesem Comic Buch kam, wie die Zeichnungen entstanden, das Mobiliar in der Raumstation (Star Trek und Men in Black), welche Comic Strips in den Känguruh-Comics den Anfang machten. Oder die Umsetzung der Idee neue comic Strips zu kreieren: wenn Marc-Uwe Kling sich Zurufe aus dem Publikum während der Tourneen notiert und später daraus Comic Strips werden. Einfach genial!


    Ich musste auf jeder Seite schmunzeln oder lachen: wenn z.B. nach umständlicher Ankleidung des Weltraumanzugs (ein Greifarm kämmt zuerst Elon, bevor ihm der Helm aufgesetzt wird), und sie den Mars betreten, es plötzlich Elon einfällt, er müsse auf die Toilette. Oder Jeff schlägt vor, Kaufladen zu spielen. Lustig, aber Jeff ist der Gründer von Amazon, der Mann der den Einzelhandel vernichtet hat. Im aktuellen Comic ist er auch der Gründer von “The Shop” (aka Amazon), der in Quality Land von Kling eine ewig störende Rolle spielt.


    Das Lachen blieb mir aber auch oftmals im Halse stecken, So auf den Seiten 19 bis 21, als Elon und Jeff darüber sinnieren, weshalb die Menschen Multimilliardäre nicht mögen, und sie zur einzigen Schlussfolgerung kommen, es wäre der pure Neid. Die Menschen gönnen ihnen den Reichtum nicht. Ebenfalls konnte ich nicht richtig lachen, als die beiden zur Erde zurück wollen, aber wegen dem Kessler Syndrom nicht zurück können. “Das Kessler-Syndrom, oder auch Kessler-Effekt, ist die angenommene kaskadierende Zunahme der Zahl kleiner Objekte des Weltraummülls durch zufällige Kollisionen.” (Wikipedia). 2009 kam es zu einer ersten bekannten Kollision zweier Satelliten. Im Januar 2025 zerfielen 120 Starlink Satelliten (gehören zu SpaceX, d.h. Elon Musk) von derzeit 8542 Starlink Satelliten im Orbit. Wer kann da noch lachen?


    Der Text ist genial herrlich. Ironisch, humorvoll, oftmals sarkastisch und voller Anspielungen auf aktuelle Personen

    Wie grausam können Menschen sein?

    Ein Mordopfer mit dem Kopf eines Nilkrokodils liegt in einer Barke im Wasser. Die Art von Barke kennt man in Skandinavien nicht. Ich musste sofort ans alte Ägypten denken. Sobek, der Gott mit Krokodilskopf, Beschützer, der aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht wurde. Und der Kahn erinnert an eine altägyptische Barke. Als ein weiterer Mord mit Bezieung zur altägyptischen Mythologie und Kultur geschieht, wissen Jon Nordh und Svea Karhuu, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben und zusammen mit ihrem Team beginnen sie mit den Untersuchungen. Es verschwinden noch ein dreizehnjähriges Mädchen und eine True Crime Podcasterin.

    Immer wieder wird dieser Erzählfluss unterbrochen durch kursiv geschriebene Kapitel, die scheinbar nicht hierher gehören, eine Tragödie, die sich 1980 ereignet hatte, als ein Schiff eine Brücke zum Umsturz brachte und dadurch etliche Menschen die die Brücke in ihren Autos überqueren wollten, zu Tode kamen. Die nächste kursiv geschriebene Erinnerung begleitet Peter, ein deutscher Junge, als Kindersklave in der Colonia Dignidad in Chile, danach sein Ausbruch und wie er als Matrose auf einem Schiff anheuert, da einige Jahre verbringt. bis er schließlich 1985 mit einem anderen Matrosen in Port Said in Ägypten von Bord geht. Ihr Leben in Ägypten wird von einer Schatzsuche bestimmt. Das letzte Kapitel ist auch in der Kursivschrift und führt zum Lösen des Falls.

    Die kursiven Kapitel und die Ermittlungen der beiden Kommissare bilden die Haupthandlung des Thrillers. Parallel dazu aber gibt es noch die persönlichen Geschichten und Fälle von Svea Karhuu und Jon Nordh. Karhuu wurde nach Malmö strafversetzt, nachdem sie in Notwehr einen korrupten Polizisten getötet hat. Nordh trauert immer noch um seine Frau, die in einem Autounfall verstarb. Aber neben ihr saß ein Polizist, Nordhs bester Freund und anscheinend Geliebter seiner Frau. Beide, Karhuu und Nordh ermitteln auf eigene Faust in ihren privaten Fällen, keiner sagt dem anderen, woran sie nebenbei arbeiten. Im Hauptfall, den sie beide verfolgen, arbeiten sie exemplarisch zusammen. Man möchte ihnen am liebsten zurufen, sprecht euch aus, unterstützt euch auch in diesen privaten Fällen, vielleicht könnt ihr dann auch hier zu einer restlosen Klärung und inneren Frieden finden. Aber vielleicht ist das für einen der nächsten Krimis von Voosen und Danielsson angedacht, wir wollen hoffen.

    Der Thriller ist absolut aufregend, mit spannenden Verhören, in denen sich die Verhörten durch Mimik und Gestik selbst verraten, atemberaubenden Action-Showdowns, wie sie Quentin Tarantino kaum besser ins Bild setzen könnte. Dazwischen kleine Exkurse in die altägyptische Mythologie, die interessant, aber keinesfalls belehrend sind. Sie unterstützen die Handlung, helfen uns, die quere Denke des Täters zu begreifen.

    Von mir klare Leseempfehlung: Thrillerfans kommen voll auf ihre Kosten.

    Chick Lit reinsten Wassers

    Bei solchen Büchern, so nah am Kitsch gebaut, ist das Ende wohl immer klar. Aber das ist nicht das Problem. Spannend ist der Weg bis zum Traualtar. Wird die eng- und kaltherzige strenge Mutter ihren Widerstand aufgeben und den Mann als Schwiegersohn akzeptieren? Wie werden Sopran und Heldentenor ihre Schwierigkeiten und Ängste überwinden? Bei diesen Büchern ist immer der Weg das Ziel, nie das Ende.

    Und Rebecca Yarros hat uns wieder einen schönen meanderreichen Weg geliefert in diesem Buch. Es dauert zwar etwas, bis alle Geheimnisse offenbart und alle Hindernisse überwunden und beseitigt sind, aber dann löst sich die Geschichte leider in Friede Freude Eierkuchen auf.

    Die Handlung ist schnell erzählt: eine einheimische bodenständige Familie mit drei Kindern, eine Tochter und zwei Söhne, warmherzig, offen, fröhlich, auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine reiche Familie, bestehend aus den Eltern und vier Töchtern, die jedes Jahr in diesen Ferienort eintreffen, sich abschotten und nur der Leidenschaft zum Ballett der Mutter frönen. Alle vier Töchter müssen Ballett tanzen, weil die Mutter ehemals eine Primaballerina war und die Töchter müssen den Traum der Mutter weiterführen. Hier regiert Strenge und Kaltherzigkeit. Klingt vorbestimmt. Aber die älteste Tochter steigt irgendwann aus dem Reigen aus und weigert sich zu tanzen. Die nächste Tochter ist sehr talentiert, die Mutter konzentriert sich voll auf sie. Als diese Tochter in einem Autounfall stirbt, muss die nächste Tochter ran. Und da kommen die Söhne der einheimischen Familie ins Spiel. sie verlieben sich in die Töchter 2 und 3. Aber nach dem Tod der einen Tochter ändert sich alles. Nun wird Tochter Nr. 3 von der Mutter gezwungen, die Rolle der verstorbenen Tochter zu übernehmen und ein Star der Ballettszene zu werden am Balletttheater in New York, wo die Mutter einst eine berühmte Tänzerin war. Der Junge wird zum Rettungsschwimmer und rettet zahllosen Menschen das Leben.

    Nach Jahren sehen sie sich wieder, die Liebe ist immer noch da, aber durch die Umstände und die Lügen der Mutter, die sich gegen diese Liebe stemmte, wird es dauern bis sie zueinander finden. Die Komplikationen sind wirklich interessant und spannend, denn die Mutter hatte weit mehr Schuld auf sich geladen, als anfangs vermutet. Das ganze Ausmaß ihrer Intrigen wird erst zum Schluss offenbart. Aber wahre Liebe kennt keine Hindernisse.

    Da hier ganz klar der Weg das Ziel ist, war es interessant das Buch zu lesen, die Irrungen, Kabalen und Verwicklungen, auf die ich hier nicht näher eingehen will, zu lesen. Ein paar explizite Sexszenen gibt es hier auch, kommt wohl kein Buch heutzutage mehr ohne aus. Manchmal frage ich mich, wie Jane Austen, die Brontè Schwestern oder Thomas Hardy ohne sie ausgekommen sind

    Glücklich durch Krankheit


    Was Neil Shusterman da präsentiert ist eine solche skurrile und schräge Utopie, dass sie schon wieder gut ist. Man stelle sich vor, ein neuer Corona Virus grassiert in der Welt, die Sterblichkeitsrate ist genauso hoch wie bei dem Corona-Virus 2020 - 2022, aber die Menschen, die daran sterben, sterben glücklich und die Überlebenden wissen die wahren Werte des Lebens wieder zu schätzen. Eine Krankheit, die die Menschen glücklich macht, die all ihre Sorgen und Ängste reduziert, die ihnen hilft, besser durchs Leben zu kommen und zufrieden zu sein, mit dem, was sie haben. Das ist reinstes Nirvana. Solch eine Krankheit wünsche ich mir auch.

    Die Reichen verschenken ihre Häuser, ihre Autos, ihr Hab und Gut, helfen den Bedürftigen, leben nun frei und ohne Sorgen um den nächsten Tag. Nur hat das Ganze auch einen Haken: die Menschen frönen nicht mehr der Konsumgesellschaft. Der Verkauf von Autos, Kleidung, Elektrogeräten, alles ist zurückgegangen. Luxusgüter werde überflüssig, da die Menschen nur danach trachten, ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Und weder Porsche noch Caviar gehören dazu.


    Und es kommt, wie es kommen muss. Die Großindustriellen, Die Reichen und Superreichen,d ie die Krankheit noch nicht hatten, wehren sich dagegen, isolieren ich, suchen fieberhaft nach einem Impfstoff gegen Crown Royale, wie der neue Virus heißt, während die Überlebenden zufrieden sind mit dem was sie haben und ihrerseits versuchen, den Virus weiter zu verbreiten. Mitten drin, Mariel und Ron. Mariel ist eine der wenigen Personen, die immun gegen Crown Royale ist und Ron ist nach der Krankheit genesen und wird zum Superspreader, er kann alle Menschen um sich anstecken. Alle außer Mariel. Parallel dazu gibt es andere Menschen, die auch gegen oder für die Krankheit sind und nichts unversucht lassen, ihren Standpunkt zu behaupten. Es kommt zu einigen sehr rasanten und spannenden Showdowns. Das Ende hat mir am besten gefallen. Es endet ohne ein klares Ergebnis. Die Bösen und die Guten überleben, der Impfstoff bekämpft zwar Crown Royale aber ist auch sehr gefährlich. Es stellt sich nun die Frage, die Neal Shusterman leider nicht beantwortet: was passiert wenn jemand, der schon Crown Royale hatte, nun den Impfstoff verabreicht wird? Denn um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, muss die Menschheit wieder in ihren ursprünglichen Stand zurück gesetzt werden, mit dem Streben nach Reichtum, Besitz, Porsche und Caviar.


    Wunderschön schräge Utopie die existentielle Fragen aufwirft

    Magische Farben

    Ein junges Mädchen mit magischen Fähigkeiten versucht diese zu verbergen. Ihre Eltern und die Dorfgemeinschaft, in der sie lebt, sind gegen ihre Magie, halten sie für tollpatschig und einen Störenfried. Sie darf auch nicht am Dorffest teilnehmen. Sie bleibt allein zu Hause und während sie im Garten ihre Magie anwendet, wird sie beobachtet von einem Mann. Es ist der stumme Henker der Königin. Der Mann entführt sie in der stille der Nacht, bringt sie auf die Hauptinsel. Da soll sie ihm helfen, die böse Fae Königin zu stürzen. Dafür muss sie sich als seine Geliebte ausgeben. Aber zwischen Emelin und Creon knistert es, sie fühlen sich zueinander hingezogen. Die Szenen sind lustig und gefährlich, wo sie vor der Königin ein verliebtes Paar spielen. Sie gibt sich als das verliebte Dummchen, das ihre Liebe laut deklariert, während Creon sie still duldet, aber sie zwingt, sich auf seinen Schoß zu setzen.

    Die Magie der Fae, und Emelin ist auch eine Fae, ist ein Zauber der Farben. Rot kann zerstören, blau kann heilen. In den richtigen Händen. Die Ich-Erzählerin, Emelin, kann das, muss ihre Kräfte aber verbergen. Weder Menschen noch auf der Hauptinsel die anderen Fae dürfen etwas davon erfahren.

    Lisette Marschall webt ein zauberhaftes Band durch diese Geschichte, hält die Leserschaft mal durch Spannung, mal durch erotische Szenen oder ganz interessante Gestalten, die im Buch auftauchen, bei der Stange.

    Am besten gefiel mir der geheimnisvolle Berg, der voller magischer Fähigkeiten steckt und dem Emelin seine Geheimnisse entlockt. Der Berg hilft ihr dann bei ihrem Plan, die Königin zu erblinden.

    Leider endet das Buch in einem Cliffhanger. Zumindest hängen Emelin und Creon nicht tatsächlich an einem Felsen fest, aber sie werden auf eine andere Insel oder andere Welt teleportiert. Wie es da wohl weitergeht? Wird es ihnen gelingen, die böse Fae-Königin zu bezwingen?


    ASIN/ISBN: 3499017733