'Deutsches Haus' - Seiten 223 - 308

  • Endlich gefällt mir Eva! Sie sagt was, handelt und vor allem verlässt sie Jürgen.

    Trotz allem hoffe ich, dass wir noch raus finden, was Jürgen so geprägt hat, dass er Priester werden wollte. Irgendwie passt da aber sein Verhalten im Ferienhaus nicht zu.


    Annegret wird mir auch immer unsympathischer. Dasssie in diesen Doktor nicht verliebt ist, war ja ziemlich klar, aber die geht ja total ab :gruebel Was hat sie für Dreck am stecken?

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Eltern nichts bemerkt haben und glaube trotzdem, dass sie froh waren, dass der Vater diesen Job hatte. Ich hätte dort keine Sekunde leben können. Schon die wenigen Sätze über das Lager sind so beklemmemd.

  • Ach naja, die Psychiatrie hat auch nur eingeschränkt Ahnung von sich selbst - die Ursachen der meisten psychiatrischen Erkrankungen gelten als ungeklärt. Selbst die Diagnosen an sich werden regelmäßig angepasst, sowie die Grenzen, ab wann etwas krankhaft ist (siehe die Änderungen vom DSM IV zum neuen DSM 5).


    Wenn wir für Annegrets Verhalten nun einfach mal das bereits von Saiya erwähnte Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom annehmen, dann sagt bspw Wikipedia dazu: "Eine allgemein anerkannte Erklärung für diese Verhaltensweise gibt es in der medizinischen Fachliteratur bisher nicht".


    Von daher finde ich es auch gar nicht schlecht, dass das Buch nicht feststellt: x führt zu y. Wir beobachten sie einfach von außen, so wie wir real auch nur beobachten könnten.

    So kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Annegret lebt in ihrer ganz eigenen Hölle. Möglich, sie hat die medizinischen Experimente beobachtet? Sie hatten ja doch ab und an Zugang zum Lager. Vielleicht wollte sie deshalb auch nicht nochmal zum Lagerfriseur. Auf jeden Fall braucht sie ein Ventil für ihr Empfinden.

    Wenn man auch überlegt, wieviele Frauen sich an Häftlingen abreagiert haben, ist ja nicht so, dass das ein Privileg der Männer war. In den Frauenblocks gab es ja weibliches Personal.

  • Hier sollte eigentlich ein Zitat von Rumpelstilzchen sein. Ich bekomms nicht mehr hin.


    Zitat: Es geht ihr auch nicht um die Ereignisse in den KZs an sich, sondern um den Umgang mit den Erinnerungen und dem langen Schweigen und Nicht-wissen-wollen, meine ich jedenfalls.

    Es war gar nicht selbstverständlich, dass es überhaupt zu diesem Prozess gekommen ist und das beschreibt sie ja auch sehr deutlich.



    Ja, so empfinde ich das auch. Der Prozess, der der Angeklagten sowie der des Erinnerns ist wichtig. Nur so kann man ja auch aufarbeiten. Alles andere ist ungesund. Man sieht das an Annegret die komplett verweigert. Oder auch Jürgen, denn auch er leugnet und verdrängt, was auch immer.

    Nein, die Autorin muss nichts erfinden. Das würde den Opfern auch nicht gerecht. Ich finde allerdings, dass sie eher andeutet, als zu direkt zu beschreiben. Das, was in Auschwitz und vielen anderen dieser Orte, geschehen ist, habe anderswo schon schonungsloser und direkter gelesen. Ich meine das allerdings nicht als Kritik, denn dafür ist diese Art Roman aber auch nicht das richtige Mittel.

    Habe ich auch, also schlimmer und direkter, auch und vor allem von KZ-Überlebenden.

    Die Autorin schreibt ein Buch gegen das Vergessen, keine Anklageschrift. Sicher könnte sie manche Probleme mehr erklären, mehr in die Tiefe gehen, aber das wäre dann vermutlich eher eine psychologische Abhandlung denn ein Roman.

  • Ich bin noch nicht fertig mit dem Abschnitt und habe auch eure Posts noch nicht gelesen. Passend zur Diskussion im 1. Abschnitt über Verdrängen/Verschweigen, finde ich Evas Reaktion sehr interessant, als sie erfährt, dass ihre Familie (und sie) tatsächlich in Ausschwitz waren. Eva ist schockiert und durchaus willens, dieses heikle Thema anzuschneiden. Aber sie schafft es nicht, weil ihr das Leben einen Strich durch die Rechnung macht. Sie verdrängt also auch erstmal und weicht dem erwarteten Familienkrach aus. Ich bin gespannt, ob sie es anspricht, sobald sie von Juist zurück ist.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • Zwei Tage offline bin ich nicht nur mit dem Abschnitt fertig, sondern auch mit dem gesamten Buch. Deswegen will ich hier nur noch kurz schreiben.

    Nur Annegret verändert sich nicht...

    Annegret kann sich auch nicht verändern, weil sie sich dem total verweigert. Sie blockt alles ab und lässt nichts an sich heran. So wie es hollyhollunder beschreibt habe ich es mir auch vorgestellt. Da müsste sie sich erstmal innerlich bewegen, um sich auch verändern zu können.

    Die Szenen in Auschwitz haben mich damals sehr mitgenommen, das ist einfach grandios geschrieben....

    Ja, das fand ich auch. An sich sehr dezent, aber trotzdem kann sich jeder das Grauen vorstellen. Und sie ruft wirklich genau die Gefühle wach, die alle diejenigen kennen, die ein ehemaliges KZ besucht haben. Was ich sehr interessant fand: dass schon damals das KZ Ausschwitz eine Art Gedenkstätte war - nicht erst seit der Wende.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020