'Emilia und das Flüstern von Liebe' - Seiten 001 - 094

  • Oh , ich bin die erste! Ganz ungewohnt für mich - gehöre ich doch eher zu den langsameren Leserinnen. Aber hier hat das E-Book super gepasst - konnte ich doch endlich nachts lesen, ohne meinen Göttergatten zu stören. :fingerhochDeswegen werde ich zwar trotzdem nicht umsteigen, aber so hin und wieder ist es ganz praktisch!


    Jetzt bin ich etwas abgewichen - zurück also zum Buch. Erwartet hatte ich eine schöne, gemütliche, unterhaltsame Liebesgeschichte mit durchaus eigenen Persönlichkeiten in Theateratmosphäre. Bei der Atmosphäre wurden meine Erwartungen voll erfüllt. Ich mag das geschilderte Theaterumfeld mit der leicht staubigen und auch mal muffigen Kulisse, den Liebeleien und Kabbeleien und natürlich auch sehr den Hausmeister Emil mit seinem Dialekt.


    Bei den Persönlichkeiten - allen voran Emilia - war ich (um es mal linde auszudrücken) erstaunt. Ich hatte nicht erwartet, auf eine Protagonistin mit dermaßen heftigen psychischen Problemen zu stoßen. Jetzt ist das mit Erwartungen ja so eine Sache - an sich finde ich Überraschungen ja gut, denn zu vorhersehbar gefällt mir auch kein Buch. Aber Emilia - puh. Ich dachte mir beim Lesen öfter: "Mädel, du brauchst professionelle Hilfe!" Damit meine ich jetzt wirklich nicht ihren Kleidungsstil oder ihre Tagebucheinträge (die ich tatsächlich sehr gerne mag), aber dieses völlige Abkapseln und beruhigen mit Kinderliedern finde ich schon bedenklich. Kein Wunder, dass Herr Berthé sofort an Autismus denkt. Dazu ihre völlig fehlende Alltagskompetenz. 8|


    In der Hinsicht bin ich auch richtiggehend sauer auf die Mutter. Ich kann doch nicht 30, 40 Jahre versäumen, mein Kind auf die Selbstständigkeit vorzubereiten und dann so Knall auf Fall es von einer Woche auf die andere ins raue Leben hinausschubsen. Bei allem Verständnis, dass sie sich auch einmal von ihrer Tochter emanzipieren will - so gehts doch wirklich nicht! Die Hugo-Sache ist seltsam und nachdem ich von Emilia schon geplättet war, dachte ich nur: "Bitte nicht noch mehr psychische Störungen!". Wobei ich in ihrem Alter gleich an Demenz denken musste und mich eigentlich gewundert habe, warum das so gar kein Thema war. Mittlerweile habe ich aber den Verdacht, dass Mutter Canotti dieses Theater nur inszeniert, um ihrer Tochter das Gefühl zu vermitteln, dass die Seniorenresidenzsache gut ist.


    Vor Emilias Hintergrund kann ich mich (momentan) auch gar nicht mit der anbahnenden Liebesgeschichte anfreunden. Für mich sollten beiden Partner ungefähr auf einer Ebene sein, um sich ebenbürtig zu sein. Auch wenn Emilia durchaus ihre Stärken hat (gerade im Beruf), sehe ich diese gleiche Augenhöhe hier überhaupt nicht. Das läuft sehr auf ein Abhängigkeitsverhältnis hinaus.


    Nun ja, am besten lasse ich alle Erwartungen mal weg und mich lieber überraschen, was noch so alles kommt. :grin Wie seht ihr denn Emilia? Da bin ich wirklich gespannt drauf.


    Gut gefallen haben mir die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Ich finde es unmöglich, wenn Verlage dies als "zu schwierig" empfinden - was soll denn das? Gerade die unterschiedliche Sichtweise von Emilia über Herrn Berthé auf der einen und Antoine auf der anderen finde ich echt witzig. Und dann kommt ja auch noch seine eigene dazu! :fingerhoch Das "Intermezzo" ist sicher nicht zwingend notwendig, aber es passt hervorragend zu der Theateratmosphäre - da freue ich mich schon auf das nächste!

    "Jetzt gehe ich einfach los. Irgendwo werde ich schon ankommen, und sei es am Ende einer Sackgasse. Auch dort kann es ja so schön ein, dass man nicht umkehren mag." Meike Winnemuth, Bin im Garten, S. 312, Penguin Verlag 2019

  • Erwartet hatte ich eine schöne, gemütliche, unterhaltsame Liebesgeschichte mit durchaus eigenen Persönlichkeiten in Theateratmosphäre.

    Genauso ging es mir auch :-) Ich hab auch zuerst gedacht, dass Emilia fast ein bisschen zu viele Probleme hat - das Singen, um sich zu beruhigen, finde ich echt gruselig. Aber beim Weiterlesen ist sie mir ans Herz gewachsen. In dem Zusammenhang mag ich die Tagebucheinträge sehr. Ich bin gespannt, was wir noch über ihre Geschichte erfahren.


    Ich denke (leider) nicht, dass die Mutter die Hugo-Sache inszeniert. Aber vielleicht kommen ihr manchmal selbst Zweifel und das ist mit ein Grund, warum sie Emilia so plötzlich in die Selbstständigkeit schubsen will?


    Mir haben die Szenen zwischen Antoine und Emilia bisher sehr gefallen. Ich habe aber auch gedacht, dass sie jetzt hoffentlich nicht Antoine für ihre Mutter eintauscht und weiterhin in ihrer Isolation und Abhängigkeit bleiben wird...

    It’s not enough for the phrases to be good; what you make with them ought to be good too. - Aldous Huxley

  • Auch ich habe nun den ersten Abschnitt beendet. Es hat ein bisschen länger gedauert, was aber definitiv nicht am Buch lag. Anfangs hatte ich Bedenken, dass das Buch zu romantisch werden könnte, das hätte ich im Moment nicht lesen wollen. Aber so wie es ist, gefällt es mir bisher gut.


    Was mir insbesondere gefällt, ist die Theateratmosphäre, die in der Geschichte mitschwingt. Die Idee des Intermezzos finde ich dabei absolut gelungen. Klar, wie Lese-rina schon schrieb, ist es nicht zwingend notwendig, aber um den Theater-Eindruck zu untermauern finde ich es klasse.

    Wie seht ihr denn Emilia?

    So einfach die Frage ist, so schwierig ist sie zu beantworten, scheint mir. Emilia ist außergewöhnlich, ohne Zweifel. Sie ist im realen Leben maximal schüchtern, blüht in ihrer (sicheren) Theater-Umgebung aber auf. Und sie tut mir ausgesprochen leid. Ich kann nicht verstehen, wie Eltern (hier liegt die Verantwortung ja nicht nur bei der Mutter allein) ihren Kindern nicht zumindest ein kleines bisschen Lebensfähigkeit vermitteln können. Man hätte Emilias Eigenständigkeit in Bezug auf eine eigene Wohnung oder auch nur die Selbstverwaltung ihrer finanziellen Mittel schon viel eher fördern/fordern/forcieren müssen. Und ich finde es äußerst ungewöhnlich, dass die Mutter Emilia nun so "mir nichts, dir nichts" aus ihrem Leben wirft. Da spielt die eigene, seltsame Anwandlung (Hugo) sicher eine große Rolle.


    Die Mutter macht auf mich tatsächlich nicht den Eindruck einer Glucke, die Emilia von vorne bis hinten bemuttert. So ganz will die Mutter-Tochter-Beziehung hier nicht passen, was die Abhängigkeit von einander anbelangt.


    Mit Emilias Tagebucheinträgen habe ich mich anfangs, ehrlich gesagt, ein wenig schwer getan. Das liegt weniger daran, was sie schreibt, sondern wie sie schreibt. Ihre Ausdrucksweise ist für mich doch recht gewöhnungsbedürftig, untermauert aber das Bild, das ich von ihr gewonnen habe. Ihre Verhaltensweise ist eher kindlich, sie flüchtet sich auch in eine imaginäre Traumwelt (Antoine als Ansprechpartner in ihrem Tagebuch, der Plüschteddy, der sich ihre Probleme anhören darf). Ich bin sehr, sehr gespannt, wie sie im Verlauf der Geschichte nach und nach aus ihrem Schneckenhaus ausbricht und selbständiger/selbstbewusster wird (das stelle ich mir zum aktuellen Zeitpunkt jedenfalls so vor). Und wie Antoine (der reale) ihr dabei helfen mag.


    Antoine ist auch so eine Sache für sich. Ein waschechter Casanova mit Bindungsangst, würd ich sagen. Schubert mag mit seiner Einschätzung schon richtig liegen, wahrscheinlich wurde er von einer Frau schon einmal sehr enttäuscht. Emilia ist so viel anders als die Frauen, die ihn begehren (gerade das tut Emilia ja offensichtlich nicht ), so wundert es mich nicht, dass er sich auf eigentümliche Art zu ihr hingezogen fühlt. Vor allem, da sie ihm für seine Arbeit eine so wichtige Stütze ist - als Star-Schaupieler hätte er an einem anderen Theater ohne Emilia wahrscheinlich keine Chance, groß rauszukommen. Was eine mögliche Liebesbeziehung zwischen den beiden anbelangt, bin ich ganz bei Lese-rina:

    Für mich sollten beiden Partner ungefähr auf einer Ebene sein, um sich ebenbürtig zu sein. Auch wenn Emilia durchaus ihre Stärken hat (gerade im Beruf), sehe ich diese gleiche Augenhöhe hier überhaupt nicht.

    Dennoch halte ich es für möglich, dass sich beide gegenseitig stützen können und der eine etwas von dem anderen lernt. Ob diese Beziehung dann lebenslang Bestand hat, wird der Leser sowieso nicht erfahren. :chen Aber - und das ist doch ein vordergründiger Anspruch an die Geschichte - träumen darf erlaubt sein.


    Emilia muss man nehmen (und ins Herz schließen), wie sie ist. Ich bin gespannt, wie sie die ihr gestellten Herausforderungen mit Umzug und Start in einen neuen Lebensabschnitt auf den folgenden Seiten meistert...

    Aktuelle Lektüre: Die Frauen vom Nordstrand - Marie Sanders | Emilia und das Flüstern von Liebe - Angelika Lauriel
    SUB: 78

  • Vielen Dank für eure Eindrücke, die sind für mich sehr interessant.


    Ich hätte nicht gedacht, dass es durch den Klappentext so gar nicht klar wird, wie Emilia gestrickt ist. Aber das ist auch nur sehr schwer einzuschätzen, wenn man die Geschichte ja selbst geschrieben hat ;-). Allzu viel kann ich jetzt dazu gar nicht sagen, um nicht zu spoilern, aber - ich wiederhole mich - eure Gedanken sind für mich extrem interessant! Mir war übrigens auch bewusst, dass Emilia polarisieren kann, weil sie ja wirklich äußerst verpeilt wirkt und so gar nicht in die Gänge kommt (jedenfalls am Anfang).


    Was ihre Eltern anbelangt, können wir am Ende, wenn ihr komplett durch seid, nochmal über ihre Erziegungsmethoden sprechen, wenn dann noch Fragezeichen bleiben. Aber vielleicht wird das Bild für euch im Lauf der Geschichte auch rund.


    Ich bin sehr gespannt darauf, wie ihr den Fortgang der Geschichte empfindet, und wünsche euch auf jeden Fall weiterhin Spaß damit. LeseBär , die Tagebucheinträge hören irgendwann tatsächlich auf. :-)

  • So ich habe es dann auch mal geschafft, mit dem Buch anzufangen.

    Ich habe mich schon richtig auf "Emilia" gefreut, weil mir letztes Jahr "Der Duft der Stille" so gut gefallen hat.:) Und ich mag Emilia als Person gleich richtig gerne.Ich habe sie sofort in mein Herz geschlossen. Ich finde jetzt gar nicht, dass sie so wahnsinnig schlimme psychische Störungen hat. Sie lebt natürlich sehr zurückgezogen, ohne soziale Kontakte außer ihrer Mutter. Sie ist sehr weltscheu und menschenscheu. Aber ich mag sie richtig gerne und finde, dass ihre Mutter kränker ist als Emilia. Wie kann man denn seine Tochter 40 Jahre lang bei sich wohnen lasse und so komplett vor der Welt abschotten?? Das finde ich gar nicht normal. Und auch dieser eingebildete Freund Hugo ist für mich eine psychische Störung. Ich glaube auch nicht ,dass die "Hugo"-Sache von ihr inszeniert ist. Sie glaub wohl wirklich, einen Freund zu haben. Und jetzt will die Mutter Emilia einfach ins kalte Wasser werfen indem sie sich nun urplötzlich selbst eine Wohnung suchen soll. Sie stellt sie einfach vor vollendete Tatsachen und will ich plötzlich nicht mehr helfen. Also ich mag die Mutter und ihr Verhalten überhaupt nicht!

    Ich glaube Emilia ist super intelligent. Sie kann die ganzen Texte von den Theaterstücken auswendig. Sie muss ein wahnsinnig gutes Gedächtnis haben.


    Mit Emilias Tagebucheinträgen habe ich mich anfangs, ehrlich gesagt, ein wenig schwer getan. Das liegt weniger daran, was sie schreibt, sondern wie sie schreibt.

    :write Das geht mir leider auch so. Ich finde es schön, dass das Buch aus verschiedenen Perspektiven geschrieben ist. Das macht es sehr lebendig und abwechslungsreich. Aber die Tagebucheinträge finde ich anstrengend zu lesen, wegen dem etwas seltsamen Schreibstil von Emilia. Ich lese die Teile des Buches, die kein Tagebuch sind wesentlich lieber. Ich hoffe, die Tagebucheinträge werden vielleicht im Laufe des Buches etwas weniger.

  • Ich bin nach dem ersten Abschnitt noch nicht so richtig im Buch angekommen. Mit Emilia tue ich mich schwer, ich hatte nicht erwartet, dass sie so, ich sage mal extrem ist. Und als sich dann noch Hugo als Fiktion entpuppt hat, das war mir echt zu viel. Ich hoffe ja, dass die Mutter das Ganze nur inzeniert hat, obwohl das auch ziemlich seltsam wäre ...


    Die Tagebucheinträge lese ich dagegen recht gerne, auch wenn es sehr seltsam ist, damit die fiktive Idealisierung einer realen Person anzusprechen, aber das passt zu Emilia.

  • So, nun kann ich endlich auch mitschreiben! :-)

    Wie finde ich Emilia? Das einzige, was mir momentan zu ihr einfällt, ist "sperrig" - so richtig komme ich noch nicht mit ihr zurecht. Als erstes ist mir aufgefallen, dass die Rechtschreibreform definitiv an ihr vorbeigegangen ist - ob sie das nun bewusst macht, kann ich gar nicht sagen, dafür wirkt sie fast nicht souverän genug. Auch ihre Ausdrucksweise in den Tagebucheinträgen wirkt wie aus der Zeit gefallen, als sei sie irgendwo in der Vergangenheit stecken geblieben. Und dann ihr geliebter Antoine - anfangs dachte ich, sie schwärmt für den Schauspieler, aber anscheinend ist es ja eher die "Idee" dieses Schauspielers, nicht der reale Mensch selbst, wobei sich das vermutlich noch ändern wird.
    Ein bisschen frage ich mich schon, wie man so komplett weltfremd sein kann wie Emilia - wie war da nur ihre Kindheit und Schulzeit, hatte sie Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Familie? :gruebel Der Gedanke an Autismus ist da nicht weit, zumal sie ja auch eine Begabung fürs Text-Lernen zu haben scheint, wenn sie sich problemlos alle Stücke auswendig merken kann.


    Mit Luise hab ich echt ein Problem - und ich bin sehr gespannt, ob es für ihr Verhalten und ihren Erziehungsstil noch eine für mich nachvollziehbare Erklärung geben wird. Ich habe ja selber 3 Kinder (die älteste wird jetzt 18) und gebe mir alle Mühe, sie zu unabhängigen, selbstständigen Menschen zu erziehen - da kann ich sowas überhaupt nicht nachvollziehen. Von daher bin ich sehr gespannt, wie die Famliengeschichte noch aufgedröselt werden wird.
    Der imaginäre "Hugo" hat mich ja schon überrascht - ich hätte ja fest damit gerechnet, dass Luise tatsächlich einen Lover hat hat. Dass das ganze eine Inszenierung ist, glaube ich nicht.


    Antoine Berthé kommt mir auch sehr widersprüchlich vor. Der Star des Theaters, der komplett aus dem Konzept gebracht wird, wenn die angestammte Souffleuse mal nicht da ist??? Das erscheint mir doch sehr unprofessionell... :gruebel Dass er sein Päckchen mit sich herumschleppt, ist ja wohl offensichtlich - Krampfanfälle und Zuckungen, wenn die Herzensdame beim Sex "Ich liebe dich" sagt? :yikes Und dass er insgeheim etwas (mehr) für Emilia empfindet, liegt ja wohl auf der Hand - man darf gespannt sein, wie lange es wohl noch dauert, bis er es sich eingesteht. Und ob er wohl irgendwann Emilias Tagebuch in die Hand bekommt? :teufel

    Der Hausmeister Schubert gefällt mir sehr gut, bis jetzt eigentlich fast meine Lieblingsfigur.


    Bis jetzt gefällt mir der Stil des Buches übrigens sehr gut, die Mischung aus Tagebuch-Einträgen, Erzählung und dann das Intermezzo als Theaterszene - schöne Idee! :-)


    LG, Bella

  • Mit Luise hab ich echt ein Problem - und ich bin sehr gespannt, ob es für ihr Verhalten und ihren Erziehungsstil noch eine für mich nachvollziehbare Erklärung geben wird. Ich habe ja selber 3 Kinder (die älteste wird jetzt 18) und gebe mir alle Mühe, sie zu unabhängigen, selbstständigen Menschen zu erziehen - da kann ich sowas überhaupt nicht nachvollziehen. Von daher bin ich sehr gespannt, wie die Famliengeschichte noch aufgedröselt werden wird.


    Mein Jungs sind 21, 19 und 16 Jahre alt. :-) Mein Ältester ist bereits seit drei Jahren aus dem Haus, er studiert in Aachen.


    Was Hausmeister Schubert angeht: Ich liebe ihn auch sehr. Kürzlich ist mir auch aufgefallen, dass ich in meinem Romanen sehr oft ältere männliche Nebenfiguren habe, die von den Lesern und Leserinnen besonders gut aufgenommen werden. Das habe ich nicht bewusst so gewählt, es hat sich so ergeben. Aber vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich für diese Nebenfiguren (die oft wirklich nicht mal ins Handlungsgeschehen eingreifen, also keine wichtige Rolle spielen) meistens jemanden vor Augen hatte, den es in echt gab oder gibt. Für diese Nebenrollen habe ich allerdings nie eine "Charakterentwicklung" gemacht wie für die Hauptfiguren, zu denen es immer ein kleines oder auch größeres Dossier gibt. Das gehört bei mir zur Vorarbeit: die Figuren von der Geburt (ggf. auch davor) bis zum Heute zu entwickeln. Das ist spannend und lässt mich sie richtig kennenlernen.

  • Als erstes ist mir aufgefallen, dass die Rechtschreibreform definitiv an ihr vorbeigegangen ist - ob sie das nun bewusst macht, kann ich gar nicht sagen, dafür wirkt sie fast nicht souverän genug. Auch ihre Ausdrucksweise in den Tagebucheinträgen wirkt wie aus der Zeit gefallen, als sei sie irgendwo in der Vergangenheit stecken geblieben.

    Du hast sehr gut ausgedrückt, was ich so empfinde, aber nicht in Worte packen konnte: Emilia wirkt, wie in der Vergangenheit stecken geblieben. Für mich irgendwo vor der Pubertät (und zeitlich passt da auch hin, dass sie immer noch - bewusst oder unbewusst - die alte Rechtschreibung verwendet). Damit passt vieles zusammen: Emilia hatte nie den Drang oder zumindest den Wunsch, sich von ihren Eltern abzunabeln, ihr eigenes Leben zu führen oder gar gegen Grenzen zu rebellieren. Kind halt, keine Jugendliche. Und für die Eltern - LeseBär : du hast ganz recht: natürlich gehören da beide Elternteile dazu, nicht nur die Mutter! - ist es natürlich viel einfacher, ein pflegeleichtes, folgsames Mädchen zu haben als ein anstrengendes Pubertier. Als erfolgreiche Künstler haben sie sicher auch nicht soviel Zeit für ihr Kind bzw. nicht für Reibereien und das ganze Leben ist viel einfacher, wenn Emilia einfach so mitläuft. Von daher kein Bedarf an beiden Seiten, an dieser Situation zu rütteln. Und so vergeht ein Jahr ums andere, ein Jahrzehnt ums andere und irgendwann kommen wir an den Punkt, wo wir jetzt sind. Da unterstelle ich nicht mal böse Absicht der Eltern oder Gluckenhaftigkeit, sondern einfach zu wenig Mitdenken, welche Erziehungsziele man denn eigentlich hat oder haben sollte.


    Ich hätte nicht gedacht, dass es durch den Klappentext so gar nicht klar wird, wie Emilia gestrickt ist. Aber das ist auch nur sehr schwer einzuschätzen, wenn man die Geschichte ja selbst geschrieben hat ;-). Allzu viel kann ich jetzt dazu gar nicht sagen, um nicht zu spoilern, aber - ich wiederhole mich - eure Gedanken sind für mich extrem interessant! Mir war übrigens auch bewusst, dass Emilia polarisieren kann, weil sie ja wirklich äußerst verpeilt wirkt und so gar nicht in die Gänge kommt (jedenfalls am Anfang).

    Ich bin ja sehr froh, dass du nicht gekränkt/traurig bist, wenn wir Emilia als "schwierig" empfinden. :knuddel1Der Klappentext verrät für mich jetzt nicht soviel (vielleicht sollte man da aber auch "Die fabelhafte Welt der Amelie" kennen ;)). Aber das muss auch nicht sein - Klappentexte, die zuviel verraten, nerven mich eh.

    "Jetzt gehe ich einfach los. Irgendwo werde ich schon ankommen, und sei es am Ende einer Sackgasse. Auch dort kann es ja so schön ein, dass man nicht umkehren mag." Meike Winnemuth, Bin im Garten, S. 312, Penguin Verlag 2019

  • Du hast sehr gut ausgedrückt, was ich so empfinde, aber nicht in Worte packen konnte: Emilia wirkt, wie in der Vergangenheit stecken geblieben. Für mich irgendwo vor der Pubertät (und zeitlich passt da auch hin, dass sie immer noch - bewusst oder unbewusst - die alte Rechtschreibung verwendet). Damit passt vieles zusammen: Emilia hatte nie den Drang oder zumindest den Wunsch, sich von ihren Eltern abzunabeln, ihr eigenes Leben zu führen oder gar gegen Grenzen zu rebellieren. Kind halt, keine Jugendliche. Und für die Eltern - LeseBär : du hast ganz recht: natürlich gehören da beide Elternteile dazu, nicht nur die Mutter! - ist es natürlich viel einfacher, ein pflegeleichtes, folgsames Mädchen zu haben als ein anstrengendes Pubertier. Als erfolgreiche Künstler haben sie sicher auch nicht soviel Zeit für ihr Kind bzw. nicht für Reibereien und das ganze Leben ist viel einfacher, wenn Emilia einfach so mitläuft. Von daher kein Bedarf an beiden Seiten, an dieser Situation zu rütteln. Und so vergeht ein Jahr ums andere, ein Jahrzehnt ums andere und irgendwann kommen wir an den Punkt, wo wir jetzt sind. Da unterstelle ich nicht mal böse Absicht der Eltern oder Gluckenhaftigkeit, sondern einfach zu wenig Mitdenken, welche Erziehungsziele man denn eigentlich hat oder haben sollte.

    Du hast das perfekt in Worte gefasst! Damit erklärst du meine Überlegungen, als ich Emilia und ihre Eltern als Charaktere entwickelte. Das ist toll.


    Und natürlich bin ich nicht gekränkt, sondern mir war ja klar, dass Emilia ein Mensch ist, der durch seine verträumte, fast verpeilte Art die Leserinnen regelrecht auf die Palme bringen kann. Mich hat sie zwischenzeitlich auch sehr genervt.


    Noch eine Info: Auf die Idee, sie noch in der alten Rechtschreibung schreiben zu lassen, kam ich durch eine Haftnotiz meiner Schwägerin (ist schon einige Jahre her), auf der ich das ß entdeckte, und mir war dann mit einem Schlag klar, dass Emilia so schreiben "musste".


  • Und natürlich bin ich nicht gekränkt, sondern mir war ja klar, dass Emilia ein Mensch ist, der durch seine verträumte, fast verpeilte Art die Leserinnen regelrecht auf die Palme bringen kann. Mich hat sie zwischenzeitlich auch sehr genervt.

    :lache Kann die Protagonistin ihre Erschafferin so nerven?


    @ Belladonna: Du hast natürlich recht! Ihre Liebe zu (alten) Theaterstücken färbt sicher auch auf ihre Sprache ab.

    "Jetzt gehe ich einfach los. Irgendwo werde ich schon ankommen, und sei es am Ende einer Sackgasse. Auch dort kann es ja so schön ein, dass man nicht umkehren mag." Meike Winnemuth, Bin im Garten, S. 312, Penguin Verlag 2019

  • Kann die Protagonistin ihre Erschafferin so nerven?

    Ich finde das immer wieder spannend, wenn Autoren bei Lesungen berichten, die Figuren hätten ein Eigenleben entwickelt. Ich kann mir das nur schwer vorstellen, denn es ist ja immer noch der Autor selber, der sich die Geschichte ausdenkt und schreibt, aber anscheinend kommt da ein Prozess in Gang, bei dem die Geschichte bzw. die Figuren tatsächlich ein Eigenleben entwickeln und der Erfinder dann quasi nur noch "hinterherschreiben" kann... :gruebel


    LG, Bella

  • Ich finde das immer wieder spannend, wenn Autoren bei Lesungen berichten, die Figuren hätten ein Eigenleben entwickelt. Ich kann mir das nur schwer vorstellen, denn es ist ja immer noch der Autor selber, der sich die Geschichte ausdenkt und schreibt, aber anscheinend kommt da ein Prozess in Gang, bei dem die Geschichte bzw. die Figuren tatsächlich ein Eigenleben entwickeln und der Erfinder dann quasi nur noch "hinterherschreiben" kann... :gruebel


    LG, Bella

    Ich gebe das Zepter nicht aus der Hand, aber ich sage oft bei Lesungen, dass es so ist, als würde ich nach einem Faden greifen, der von irgendwo aus dem Himmel herunterhängt, und wenn ich diesen Faden zu mir ziehe (oft auch in langwierigen Prozessen, in denen ich die Charaktere zuerst einmal für mich entwickle - oder vielleicht nur "freilege"?), erkenne ich erst das gesamte Bild.


    Ich mag es sehr, den Charakteren ihr eigenes Ding zu überlassen, aber ich will vorher doch wissen, wie die Geschichte in groben Zügen verläuft, damit sie mich nicht komplett hinauskatapultieren. ;-)


    Ich glaube, es ist eines der Dinge, die für uns das Schreiben so faszinierend machen. Die größten Glücksgefühle habe ich, wenn ich während des Schreibens das Gefühl habe, ein anderer Mensch zu sein oder das Leben eines anderes Menschen zu spüren. Es lässt sich nur schwer erklären.


    Emilia hat mich in den Momenten, in denen ich die Szenen schrieb, nicht genervt, aber beim Überarbeiten habe ich oft diesen inneren Drang gehabt, ihr in den Hintern zu treten. Und bei Antoine? Dem hätte ich am liebsten von vorne in den Hintern getreten. Aber ich mag meine Charaktere trotzdem sehr. Und wenn sie solche Gefühle auslösen, heißt es ja auch, dass sie lebendig sind.

  • Ich finde das immer wieder spannend, wenn Autoren bei Lesungen berichten, die Figuren hätten ein Eigenleben entwickelt. Ich kann mir das nur schwer vorstellen, denn es ist ja immer noch der Autor selber, der sich die Geschichte ausdenkt und schreibt, aber anscheinend kommt da ein Prozess in Gang, bei dem die Geschichte bzw. die Figuren tatsächlich ein Eigenleben entwickeln und der Erfinder dann quasi nur noch "hinterherschreiben" kann... :gruebel


    LG, Bella

    Ich gebe das Zepter nicht aus der Hand, aber ich sage oft bei Lesungen, dass es so ist, als würde ich nach einem Faden greifen, der von irgendwo aus dem Himmel herunterhängt, und wenn ich diesen Faden zu mir ziehe (oft auch in langwierigen Prozessen, in denen ich die Charaktere zuerst einmal für mich entwickle - oder vielleicht nur "freilege"?), erkenne ich erst das gesamte Bild.


    Ich mag es sehr, den Charakteren ihr eigenes Ding zu überlassen, aber ich will vorher doch wissen, wie die Geschichte in groben Zügen verläuft, damit sie mich nicht komplett hinauskatapultieren. ;-)


    Ich glaube, es ist eines der Dinge, die für uns das Schreiben so faszinierend machen. Die größten Glücksgefühle habe ich, wenn ich während des Schreibens das Gefühl habe, ein anderer Mensch zu sein oder das Leben eines anderen Menschen zu spüren. Es lässt sich nur schwer erklären.


    Emilia hat mich in den Momenten, in denen ich die Szenen schrieb, nicht genervt, aber beim Überarbeiten habe ich oft diesen inneren Drang gehabt, ihr in den Hintern zu treten. Und bei Antoine? Dem hätte ich am liebsten von vorne in den Hintern getreten. Aber ich mag meine Charaktere trotzdem sehr. Und wenn sie solche Gefühle auslösen, heißt es ja auch, dass sie lebendig sind.