'Die fremde Spionin' - Seiten 001 - 083

  • Das ist in meinen Augen genau der richtige Ansatz. Und eigentlich auch das, was ich ausdrücken wollte: Der Nutzen des Gebäudes entscheidet, nicht dessen Vergangenheit.

    Wenn so sensibel mit dem Erbe umgegangen wird wie im Beispiel von Regenfisch ist das auf alle Fälle perfekt. Doch in der Nachkriegszeit war dafür sicher weder Gelegenheit (da war man wahrscheinlich froh um jedes noch stehende Gebäude) noch ein Bewusstsein. Für Nicht-Betroffene wird in den meisten Fällen der momentane Nutzen im Vordergrund stehen und nicht dessen Vergangenheit. Was ist aber mit Menschen, die z. B. ein Gebäude mit Folter und brutalen Verhören verbinden, wenn dieses Haus ein Polizeigebäude wird? Da kann der Kopf doch noch so oft sagen, das ist jetzt ein anderer Staat mit anderen Gesetzen - das Gefühl und das Unterbewusstsein werden lange mit Schrecken so einen Ort betreten.


    Wie schwierig das manchmal sein kann zeigt das Beispiel von Hitlers Geburtshaus in Braunau. Da wird schon jahrelang um eine geeignete Nutzung gerungen - ein Ende nicht in Sicht.

    "Alles vergeht. Wer klug ist, weiß das von Anfang an, und er bereut nichts." Olga Tokarczuk (übersetzt von Doreen Daume), Gesang der Fledermäuse, Kampa 2021

  • Was ist aber mit Menschen, die z. B. ein Gebäude mit Folter und brutalen Verhören verbinden, wenn dieses Haus ein Polizeigebäude wird? Da kann der Kopf doch noch so oft sagen, das ist jetzt ein anderer Staat mit anderen Gesetzen - das Gefühl und das Unterbewusstsein werden lange mit Schrecken so einen Ort betreten.

    Da frage ich mich gleich, ob dieser Schrecken, den ein Gebäude ins Unterbewusstsein platziert, nicht viel eher durchbrochen werden kann, wenn man den Nutzen positiv besetzt? Wenn die Folterräume zu einer Kindertagesstätte umgewandelt werden zum Beispiel.

    Die Erinnerungen eines Betroffenen werden immer bestehen bleiben, das ist klar. Aber maßgebend sind nicht die Räume, sondern die Erfahrungen, die darin gemacht wurden. Ja, ein Haus erzählt eine Geschichte. Aber auch hier darf sich Geschichte weiterentwickeln.

  • Da frage ich mich gleich, ob dieser Schrecken, den ein Gebäude ins Unterbewusstsein platziert, nicht viel eher durchbrochen werden kann, wenn man den Nutzen positiv besetzt? Wenn die Folterräume zu einer Kindertagesstätte umgewandelt werden zum Beispiel.

    Die Erinnerungen eines Betroffenen werden immer bestehen bleiben, das ist klar. Aber maßgebend sind nicht die Räume, sondern die Erfahrungen, die darin gemacht wurden. Ja, ein Haus erzählt eine Geschichte. Aber auch hier darf sich Geschichte weiterentwickeln.

    Das finde ich auch, viele Gebäude haben eine Vergangenheit, auch dunkle aber ich finde man sollte sie auch erhalten als Mahnmal, an eine unserer dunkelsten Epochen. Sie waren ja nicht vorher von den Nazis in Beschlag genommen worden.

  • Ich denke, man sollte abwägen, wie gut sich das Gebäude als Mahnmal eignet und ob andere Orte in der Gegend schon zur Erinnerungskultur beitragen. Dann würde ich sagen, genügt eine Gedenktafel an der Wand oder am Platz und das Gebäude kann nach den Bedürfnissen der heutigen Bürger genutzt werden.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Tom Liehr: Freitags bei Paolo

  • Das ist ja mega spannend. Ich musste erst mal wieder einige Sachen googeln, daher habe ich etws länger gebraucht. Und ich musste mich erst mal an dieses Misstrauen an allen Ecken gewöhnen, denn mein Kopf wusste schon, dass es um die ehemalige DDR ging, aber ganz verinnerlicht hatte ich es nicht.


    Ria tut mir schon sehr leid. Ich kann ihren Hass auch richtig gut verstehen. Vor allem, wenn man nie wieder was von den Familienangehören gehört hat und einfach einer fremden Familie vorgesetzt wird.


    MIr gefallen die Dialoge total gut. Ich habe dabei Stimmen im Kopf :lache


    Ich finde Spiongeschichten äusserst spannend, weil ich niemals auf solche Dinge kommen würde wie mich mit einem Kinderwagen in ein fremdes Haus schleichen. Ich wäre definitiv nicht als Spionin geeignet. Ich habe ja auch kein Pokerface und würde mich sofort verraten, wenn einer mir komisch kommt :lache


    Über den BND weiß ich fast nichts. Also lerne ich jetzt wieder dazu. Das mag ich :-)


    Zu Beginn hatte ich Sorge, dass ich was wichtiges vergesse, daher habe ich alles mögliche (auch Personen) gegoogelt. Ich finde es normal, dass man am Anfang immer etwas wirr ist, weil man die Figuren noch nicht kennt und man ja auch erst mal verstehen muss wer wohin gehört und wer was macht. Schlimm fand ich das nicht und ich habe relativ schnell durchgeblickt. Glaube ich zumindest.


    So wie dir ging es mir anfangs auch, hollyhollunder  ;)

    Ich bin jetzt total gespannt, wie es sich weiter entwickelt.

  • Der Anfang war nicht "einfach", aber auf alle Fälle sehr spannend! :grin Ich persönlich fand auch nicht die drei Erzählstränge verwirrend, sondern vor allem das unerwartet "Politische" im ersten Abschnitt. Unabhängigkeitskämpfer der Ukraine 1961 - alles klar 8|! Mittlerweile weiß ich, dass er im Verlauf des Buches überhaupt keine Rolle mehr spielt, aber am Anfang wusste ich das nicht und wollte auch nichts überlesen. Dazu kommen die vielen verwirrenden Namen bei KGB und BND. Aber mittlerweile habe auch ich mich prima eingefunden.

    Vielen Dank für die genauere Erklärung. Das hilft mir weiter! (Ich habe extra selber nochmal die ersten Seiten angeguckt, um die Schwachstellen zu finden. :))

  • eine Dampflok – wie lange fuhren noch Dampfloks im Regelbetrieb?



    Das ging noch bis in die siebziger Jahre. 1961 sind beide nebeneinander im Einsatz, Dieselloks und Dampfloks.

    Ria wird entführt und einfach in den Westen gebracht. Gab es damals keine Grenzkontrollen zwischen Ost- und West-Berlin?


    Es gab immer wieder Kontrollen, vor allem fischte man Leute raus, die pralle Taschen trugen. Aber gleichzeitig fand jeden Tag ein umfangreicher "Bevölkerungsaustausch" statt, fürs Einkaufen, Kino, Besuchen von Freunden, und vor allem für die tägliche Arbeit: 1961 pendelten täglich noch 12.000 Westdeutsche für die Arbeit nach Ost-Berlin und 60.000 Ostdeutsche nach Westberlin, darunter etwa 3.000 Aufwartefrauen (=Putzfrauen), fast alle Putzfrauen in Westberlin kamen aus dem Osten, außerdem die Hilfskräfte in Krankenhäusern und Altersheimen, auch viele Prostituierte, die nachts am Ku’damm und dem Tauentzien standen, aber auch Verwaltungsangestellte oder BVG-Angestellte, vor allem SPD-Mitglieder, denen man in Ost-Berlin das Leben schwer machte, weil in der restlichen DDR KPD und SPD seit 1946 zur SED vereinigt waren (in Berlin ging das nicht so einfach.)


    Und Studenten! Ein Drittel der Studenten an FU und TU waren damals DDR-Bürger.


    Durch das Brandenburger Tor konnte man hindurchspazieren, auch Autos fuhren munter hin und her, da wurde immer mal rausgewinkt und kontrolliert.

  • Im anderen Handlungsstrang hat mir besonders der sehr raffinierte Mord mit Blausäuregas gefallen. Gestern bin ich mit einem Freund spazieren gegangen, der Professor an einer Polizeihochschule ist und habe natürlich von diesem fast perfekten Mord erzählt. Das hat ein sehr interessantes Gespräch zur Folge gehabt über die Entwicklung der Polizeiarbeit. Ich war nämlich erstaunt, dass ein Ermittler seine Nase in ein verschrumpeltes Organ hält. Nach wie vor sind alle Sinne bei jeglicher Art von Ermittlung äußerst wichtig. Ein großes Lob meines Freundes an den Autor. :anbet

    Wow, vielen Dank! Ich freue mich. :knuddel1


    Hab mir für diesen Mordfall (den es ja wirklich gab) die Autobiografie des Mannes beschafft, der die Leiche untersucht hat. Wolfgang Spann: Kalte Chirurgie. Ein Leben zwischen Recht und Medizin. Darin schreibt er einiges zu dem Fall. Aber obwohl er ein berühmter Rechtsmediziner war und sein Buch toll geschrieben ist, gab es in seiner Erklärung zum Blausäuregas noch kleine Fehler, die mir mein Bruder zu lösen geholfen hat. Er unterrichtet in den USA als Biochemiker an der Uni. Viel Herumfragerei, umso mehr freut es mich, dass die Szene für dich gut "funktioniert" hat. :) Dann hat es sich gelohnt.

  • Titus Müller Ich schließe mich dem Wunsch von Regenfisch an: Magst du erzählen, wie es zu dem Titel/Cover kam?


    Das Cover gefällt mir dagegen sehr gut, ich mag solche Schwarz-Weiß-Grafiken mit Farbakzent.

    Dass die "Spionin" im Titel vorkommen sollte, war ziemlich schnell klar. Mein Lektor Oskar Rauch und ich haben dann lange Listen ausgetauscht mit möglichen Titeln, und am Ende sind wir auch deshalb bei "Die fremde Spionin" gelandet, weil wir drei Titel brauchten und nicht nur einen, die Titel der Reihe sollten zueinanderpassen. Da fanden wir es schön mit "Die fremde Spionin", "Das zweite Geheimnis", "Der letzte Auftrag".


    Das Cover habe ich zum ersten Mal gesehen, als ich Oskar besucht habe für einen kleinen Filmdreh im Verlag (damit die LeserInnen auch mal ins Haus reingucken können), ihr könnt Oskar und die Verlagsräume hier kennenlernen:


    In seinem Büro machte er dann am Bildschirm die Covervorschläge auf, und ich war gleich happy damit (was mir nicht bei jedem Buchcover so gelingt). Das Brandenburger Tor mochte ich schon immer. Und ich finde, das Cover hat Größe und Weite. Aber in meiner Vorstellung ist die rotgekleidete Frau nicht Ria. ;)


    Übrigens, guckt euch lieber nicht den Trailer an, den es bei Youtube zum Roman gibt. Ich bereue im Nachhinein, dass ich da so viel gespoilert habe. :nerv

  • Aber in meiner Vorstellung ist die rotgekleidete Frau nicht Ria.

    Ach das finde ich ja sehr interessant. Ich stelle mir nämlich beim Lesen Ria auch ganz anders vor, als die rotgekleidete Frau auf dem Cover. Ich habe das Cover schon einige male angeschaut und mir immer gedacht: also das kann irgendwie nicht Ria sein. Das rote Kleid passt in meiner Vorstellung gar nicht zu ihr.;)

  • Ich packe Bücher zum Lesen in eine Stoffbuchhülle und habe mir vorhin das Cover vom Roman noch einmal genauer angeschaut. Die Frau in rot ist für mich auch nicht Ria.


    Den Verlagstrailer gucke ich mir noch am größeren Bildschirm an. Bin gespannt. ☺

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)

  • Übrigens, guckt euch lieber nicht den Trailer an, den es bei Youtube zum Roman gibt. Ich bereue im Nachhinein, dass ich da so viel gespoilert habe.

    Danke für den Tipp, dann schaue ich mir den Trailer am Ende der Lektüre an.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Das Cover habe ich zum ersten Mal gesehen, als ich Oskar besucht habe für einen kleinen Filmdreh im Verlag (damit die LeserInnen auch mal ins Haus reingucken können), ihr könnt Oskar und die Verlagsräume hier kennenlernen:

    Ein ganz tolles Video! :thumbup:Es zeigt auch, dass die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor immens wichtig ist und da auch die Chemie stimmen muss. Sicher nicht immer einfach, umso schöner, dass dies bei euch passt!


    Vielen Dank für diesen Einblick (auch wie es zum Titel kam) und viele Grüße an Oskar :wave!


    Titus Müller Du hast recht, als LeserIn merkt man es, ob ein Autor/eine Autorin hinter den Geschichten steht oder einfach nur ein Buch veröffentlichen will (zumindest bilde ich mir das ein ;)). Dass hat auch überhaupt nichts damit zu tun, wie lang oder kurz es dauert, bis die Geschichte fertig ist. Bei „der fremden Spionin“ empfinde ich bisher viel Herzblut und einen ganz ganz tiefen Einstieg in die Zeit und die (durchaus schwierige) Materie. :thumbup:

    "Alles vergeht. Wer klug ist, weiß das von Anfang an, und er bereut nichts." Olga Tokarczuk (übersetzt von Doreen Daume), Gesang der Fledermäuse, Kampa 2021

  • Dampfloks fuhren noch sehr lange, ich habe sie als Kind geliebt, wegen der schönen weißen Wolke, die aus dem Schlot kam. Bis 1977 fuhren waren sie noch im Betrieb…

  • Da habe ich mich an der Stelle gewundert, wie lange die Reise von München nach Berlin dauerte. Abfahrt des D-Zugs ist um 19:37 Uhr, gegen 22 Uhr in Nürnberg, gegen 8 Uhr in Berlin, 12,5 Stunden Fahrt.

    Und fast zeitgleich ist Hähner unterwegs, 21:48 Uhr ab Berlin, 11 Ihr vormittags in München. Das waren noch richtige Strapazen. Heutzutage braucht man keine 5 Stunden dafür.

    Und noch zur Szene im ersten Kapitel, als Sorokin Bandera ermorden soll und die zwei „Gegenmittel“ dabei hatte. Da habe ich schon vermutet, dass auch er erledigt werden sollte.

  • Da habe ich mich an der Stelle gewundert, wie lange die Reise von München nach Berlin dauerte. Abfahrt des D-Zugs ist um 19:37 Uhr, gegen 22 Uhr in Nürnberg, gegen 8 Uhr in Berlin, 12,5 Stunden Fahrt.

    Und fast zeitgleich ist Hähner unterwegs, 21:48 Uhr ab Berlin, 11 Ihr vormittags in München. Das waren noch richtige Strapazen. Heutzutage braucht man keine 5 Stunden dafür.

    Und noch zur Szene im ersten Kapitel, als Sorokin Bandera ermorden soll und die zwei „Gegenmittel“ dabei hatte. Da habe ich schon vermutet, dass auch er erledigt werden sollte.

    der Flug von Frankfurt nach Berlin, vor dem Fall der Mauer, dauerte über 2 Stunden, Schikane damals, durfte nur mit englischen Flieger fliegen, und sie mussten sehr tief und langsam über die Ostzone fliegen. Heute ist das ein Klacks, und auch deutsche Flugzeuge dürfen wieder fliegen.

  • Das Video mit dem Lektor fand ich auch interessant. Überrascht hat mich seine Jugend. Bei so einem Spionageroman hätte ich mir einen Lektor mit mehr Lebenserfahrung als günstiger für diese Geschichte der jüngeren deutschen Vergangenheit vorgestellt.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Tom Liehr: Freitags bei Paolo

  • Mich hat mehr überrascht, dass er ohne Studium (zumindest erwähnt er dies nicht) als Lektor tätig sein kann. Klar gibt es immer mal Seiteneinsteiger. Ich hätte ja auch sehr gern meine Ausbildung zur Verlagskauffrau in einem Belletristik- oder Jugendbuchverlag gemacht. So wurde es dann mit Zeitschriften, (Fach-)Büchern, Verzeichnissen und digitalen Medien auch sehr abwechslungsreich. Denn die Buchverlage ballen sich nun einmal in anderen Bundesländern.

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)