Leo Berlin - Susanne Goga

  • Titel: Leo Berlin
    Autorin: Susanne Goga
    Seitenzahl: 276
    Verlag: dtv
    Erschienen: Juli 2005
    ISBN: 3423244682
    Preis: 14,00 EUR


    Kurzbeschreibung:
    Berlin 1922. Die Inflation läuft sich warm. Deutschland ist politisch zerrissen, die Menschen finden nach dem verlorenen Krieg keine Ruhe. Kriminalkommissar Leo Wechsler, verwitweter Vater von zwei Kindern, bekommt es mit einem mysteriösen Mord zu tun: Ein Wunderheiler, der Patienten und vor allem Patientinnen aus den besten Kreisen behandelte, wurde mit einer Buddhafigur aus Jade erschlagen. Es gibt keine Zeugen, keine Spuren. Doch der Heiler war kein unbeschriebenes Blatt: Er hat, wie sich herausstellt, viele seiner Patienten mit Kokain versorgt. Wenig später wird im Scheunenviertel eine Prostituierte ermordet. Leo vermutet eine Verbindung zum Tod des Heilers. Seine Ermittlungen führen ihn in elegante Villen, ärmliche Hinterhöfe, Kokainhöhlen und Rotlichtbezirke, doch erneut drohen alle Spuren im Sande zu verlaufen. Dazu kommt noch, daß Leos Kollege von Malchow, der aggressiv seine adlige Herkunft und seine rechtsnationalen Ansichten zur Schau trägt, ihm Steine in den Weg legt, wo er nur kann. Aber Leos Hartnäckigkeit ist berüchtigt …


    Über die Autorin:
    Susanne Goga, geboren 1967, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und arbeitet seit 1995 als freie Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen. Sie lebt mit ihrer Familie in Mönchengladbach. "Leo Berlin" ist ihr erster Roman.


    Meine Meinung:
    Im Berlin Anfang der 20er Jahre sieht es nicht besonders gut aus. Steigende Arbeitslosigkeit und zunehmende Inflation fördern die Unzufriedenheit und Angst der Bevölkerung. Als plötzlich der berühmte Wunderheiler Sartorius ermordet wird, beginnt Leo Wechsler zu ermitteln. Leo ist ein politisch korrekter, sympathischer Polizist, der weder Adelstitel noch Kriegsehren vorweisen kann, sondern sich aufgrund seiner ausgezeichneten Arbeit bewährt hat. Dieser neue Fall hat es in sich, denn der ermordete Wunderheiler Sartorius verkehrte in besten Kreisen, zu seinen Patienten zählte vor allem die Berliner Prominenz. Doch wer von ihnen hatte ein Motiv ihn zu töten?


    Susanne Goga hat in ihrem Debütroman einen sympathischen Ermittler geschaffen, der durch seine Menschlichkeit und seine Abneigung gegen den typisch preußischen Gehorsam die Herzen der Leser gewinnt. Als Polizist im so genannten Adelsclub hat er es nicht immer leicht und auch privat sieht er sich Problemen gegenüber. Seit dem Tod seiner Frau führt ihm seine Schwester den Haushalt und sorgt sich um seine Kinder, was zu Unzufriedenheit und Konflikten führt. Leo Wechsler ist kein Mensch ohne Ecken und Kanten, die Vorwürfe seiner Schwester haben Hand und Fuß und dennoch kann er mit ihr nicht offen sprechen. Die Gratwanderung zwischen Pflichtgefühl und Sehnsucht nach einer eigenen Beziehung prägen und belasten das Zusammenleben.


    Durch den Kunstgriff der Autorin, schon direkt zu Beginn kurze Szenen aus der Sicht des Täters einzubinden, beginnt sich der Leser ein eigenes Bild über den Fall des ermordeten Wunderheilers zu machen und hat so die Möglichkeit, zu Beginn mitzurätseln. Die Auflösung wird zwar relativ schnell ersichtlich, doch das hat meinem Lesevergnügen überhaupt keinen Abbruch getan, denn das Motiv des Täters und die Jagd auf ihn sind fast ebenso spannend wie die Lösung selbst. Susanne Goga schafft trotz einiger Vorgriffe in der Handlung einen runden Spannungsbogen, führt den Leser gekonnt ins Berlin der Weimarer Republik, zeichnet lebendige Personen und bietet so einen guten Krimi der anderen Art aus einer interessanten Zeit. Wen die Umstände eines Verbrechens und die Psyche des Täters mehr oder ebenso interessieren wie die Frage nach der Identität des Täters, ist mit „Leo Berlin“ gut beraten. Auch wenn gegen Ende kaum Fragen offen bleiben, hoffe ich sehr, Leo Wechsler bei weiteren Fällen über die Schulter sehen zu dürfen!

  • Ich habe das Buch vor ein paar Tagen ebenfalls beendet.


    Zitat

    Original von milla
    Susanne Goga hat in ihrem Debütroman einen sympathischen Ermittler geschaffen, der durch seine Menschlichkeit und seine Abneigung gegen den typisch preußischen Gehorsam die Herzen der Leser gewinnt.


    Sehr schön gesagt, Milla! :anbet


    Mir ist Leo auch gleich ans Herz gewachsen. Er hat es nicht gerade leicht, neben dem Beruf auch noch alleinerziehender Vater zu sein ist nicht ohne. Ist zwar wirklich toll, dass ihm seine Schwester den Haushalt führt und sich um die Kinder kümmert, aber auch daraus ergibt sich durchaus Konfliktpotenzial.


    Dennoch macht Leo auf mich den Eindruck durchaus ein lebenslustiger Mensch zu sein. :-)


    Zitat

    Original von milla
    Durch den Kunstgriff der Autorin, schon direkt zu Beginn kurze Szenen aus der Sicht des Täters einzubinden, beginnt sich der Leser ein eigenes Bild über den Fall des ermordeten Wunderheilers zu machen und hat so die Möglichkeit, zu Beginn mitzurätseln.


    Das hat mir auch sehr gut gefallen. So wird eine Spannung aufgebaut, bei der es Spaß macht mitzurätseln.


    Zitat

    Original von milla
    Auch wenn gegen Ende kaum Fragen offen bleiben, hoffe ich sehr, Leo Wechsler bei weiteren Fällen über die Schulter sehen zu dürfen!


    Das kann ich nur :write


    Ich freue mich auf weitere Fälle Leo Wechsler´s ! :-] ;-)

  • 1922 nahm die Inflation Fahrt auf, die Menschen stehen vor riesigen Problemen. Auch die Polizeibeamten bildeten da keine Ausnahme, auch sie trafen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit voller Wucht. Schon damals konnte man sehen, dass die Weimarer Republik nur auf Sand gebaut war und bereits 1922 wurde deutlich, dass dieser erste demokratische Versuch in Deutschland über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt war. Susanne Goga schafft es auf eine bemerkenswerte Art und Weise, diese Stimmung in ihrem Buch einzufangen. Die Menschen stehen bei ihr im Vordergrund. Sie schildert ihre Hauptfiguren mit großen Sensibilität und der Leser kann schon zu Beginn einen Bezug zu ihnen herstellen. Gerade das macht das Buch auch so lesenswert. Oft steht bei einem Kriminalroman die Handlung im Vordergrund, die handelnden Figuren bleiben blass, bei diesem Buch ist die Handlung zwar auch wichtig, aber es ist mehr ein zeitgeschichtlicher Roman mit einer Mordermittlung. Susanne Goga schafft es, diese Zeit in ihrem Buch wieder lebendig werden zu lassen.
    Leo Wechsler, der ermittelnde Kommissar und Hauptperson dieses Buches ist ein ganz normaler Mensch, ein Mann der nach dem Tode seiner Frau mit zwei Kindern dasteht und der mit seiner Schwester in einer nicht unproblematischen Wohngemeinschaft lebt. Beide haben es offensichtlich nicht gelernt miteinander zu reden, eigentlich eint sie nur die Sorgen um die beiden kleinen Kinder.
    Ein sehr gut erzählter, ein sehr sensibler Kriminalroman aus einer Zeit, wo in Deutschland schon das Unheil die Hand zum Anklopfen erhoben hielt.
    Sehr empfehlenswert.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Zitat

    Original von Voltaire
    Schon damals konnte man sehen, dass die Weimarer Republik nur auf Sand gebaut war und bereits 1922 wurde deutlich, dass dieser erste demokratische Versuch in Deutschland über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt war. Susanne Goga schafft es auf eine bemerkenswerte Art und Weise, diese Stimmung in ihrem Buch einzufangen. Die Menschen stehen bei ihr im Vordergrund. Sie schildert ihre Hauptfiguren mit großen Sensibilität und der Leser kann schon zu Beginn einen Bezug zu ihnen herstellen. Gerade das macht das Buch auch so lesenswert. Oft steht bei einem Kriminalroman die Handlung im Vordergrund, die handelnden Figuren bleiben blass, bei diesem Buch ist die Handlung zwar auch wichtig, aber es ist mehr ein zeitgeschichtlicher Roman mit einer Mordermittlung.


    Schöner kann ich das auch nicht ausdrücken. ;-)


    Ich habe mit dem Buch heute einen sehr anregenden und kurzweiligen Nachmittag auf der Couch verbracht. Mir sind bei einem Krimi die Menschen wichtiger als die Handlung, vor allem mag ich es, wenn man auch das Privatleben der Ermittler kennen lernt. So habe ich mich gegen Schluss fast schon geärgert, dass ich immer schneller lesen musste ;-) - denn da wurde es so spannend, dass ich unbedingt wissen musste, ob es nun in letzter Minute noch gut ausgeht oder der Täter, dessen Gedanken und Handlungen man ja die ganze Zeit mitverfolgt hatte, zum Schluss doch die Nase vorn haben würde. Schön daher, dass sich der Kreis am Ende doch im Privatleben Leo Wechslers schloss - und, das nehme ich doch wenigstens an, einige Weichen für Band 2 gestellt wurden. ;-)



    Ich bin jedenfalls gespannt auf Band 2, und das nicht zuletzt auch deshalb, um auf angenehme Art und Weise noch mehr über das Leben im Berlin der 1920er Jahre zu erfahren.

    Surround yourself with human beings, my dear James. They are easier to fight for than principles. (Ian Fleming, Casino Royale)

  • Nach Millas toller Rezi habe ich mir das Buch gestern in der Bücherei ausgliehen und es auch gleich angelesen. Mit Leo Wechsler hat die Autorin einen sehr sympathischen Protagonisten erschaffen. Ilse, Leos Schwester, finde ich sehr eigenartig.
    Schade, dass meine Bücherei den zweiten Teil noch nicht hat. :-(

    Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht. (Abraham Lincoln, 12.02.1809 - 15.04.1865)

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  • Da ich derzeit einen besonderen Faible für Krimis, die in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten spielen, auslebe, habe ich u. a. auch Susanne Gogas Leo Berlin empfohlen bekommen.


    Allerdings habe ich, trotz der schönen Aufmachung, bei dem Preis von Euro 14,00 für ein 276-seitiges Debüt etwas zurückgeschreckt. Ist immerhin ein Seitenpreis von 5 Cent. Mehr als sehr viele HCs. Habe es mir dann als Mängelexemplar bei amazon-marketplace für 8 Euro inkl Versand besorgt, also zum Taschenbuchpreis... und nach dem ich es jetzt gelesen habe, nicht bereut.


    Ein atmosphärisch dichter Roman, der in die Zeit des Berlin der 20er Jahre führt, mit starken Charakteren und einer interessanten, schlüssigen Handlung.
    Vieles wurde bereits gesagt, dem ich mich anschließe, aber zwei Dinge sind mir besonders aufgefallen:


    Die Motivation des Täters ist endlich wieder einmal etwas anderes, als das Übliche. Zum Schluß hatte ich Mitgefühl mit dem „Bösen", der durch die Verkettung unglücklicher Umstände dazu geworden ist.


    Das Alltagsleben der „normalen wie du und ich", mit all seinen Problemen damals, ist sehr nachvollziehbar eingestreut, ohne die Spannung und Krimihandlung zu beeinträchtigen.
    Das Leben in der damaligen Zeit ist durch kleine Randszenen geschickt eingefangen und eingebunden, wie der aufkommende Nationalismus und Judenhass durch die Schulszenen mit Georg, die Inflation durch Ilses Einkaufen oder der Nebenfall mit Matussek, der die alltägliche Gewalt demonstriert.


    Der Roman hält mit den für mich mit den besten zu diesem Thema, denen von Rudolf Hültner und seinem Inspektor Kajetan im München der 20er, fast schon problemlos mit.
    Die Autorin hat es geschafft, eine Krimi zu schreiben, der sehr viel in verhältnismäßig wenig Seiten packt und das ganze richtig rund wirken läßt. Kein Wort zu viel und keines zu wenig. Respekt.


    Für den zweiten Fall von Leo Wechsler werde ich wohl in den nächsten Wochen irgendwie Budget freischaufeln müssen. Qualität im Aussehen und Inhalt hat halt seinen Preis.


    Da aber die Autorin ab und zu hier „rumeult" einige Anmerkungen, die aber mein Lesevergnügen nicht wirklich eingeschränkt haben: Aber bei einem Kriminalroman sind mir halt auch die Details wichtig. Das ist jetzt nicht als rumgemeckere zu sehen, sondern als dezente Hinweise für hoffentlich noch einige weitere Romane mit Leo Wechsler und Co:


    Gleich am Anfang
    Doch dann stieß ihn jemand von hinten, zerrte an seinem Jackett, „riss ihm den Hosenschlitz auf".
    Hat schon mal jemand bei einer Stoffhose mit geknöpften Hosenschlitz versucht den aufzureißen? Ist, wenn man es selbst macht und den obersten Hosenknopf bereits aufhat, weil es pressiert. schon nicht einfach und dann erst von hinten mit geschlossenem Bund. Da es in meiner Kinder- und Jugendzeit noch selten Hosen mit Reißverschluß gab, behaupte ich aus eigener Erfahrung: Es ist schlicht unmöglich


    Auf Seite 24, als die Kriminalbeamten beim Haus von Satorius ankommen, sagte der Schutzpolizist, der öffente:
    „Guten Abend. Kommen Sie bitte mit. Der Arzt ist schon da."
    Auf Seite 28 trifft dann Dr. Lehnbach vom kriminalärztlichen Bereitschaftsdienst ein. Von einem Arzt war dazwischen nciht mehr die Rede.


    Auf Seite 168 der Besuch von Wechsler und Walther in dem Bordell, in dem Erna Klante gearbeitet hatte:
    „Elvira Blank setzte sich und zündete sich eine Zigarette an, ohne auf Feuer zu warten."
    Auf Seite 169, nach vielleicht zwei Minuten Gespräch:
    „Sie stand auf und holte sich aus einer Schrank eine neue Schachtel türkischer Zigaretten."
    Da ich selbst schon türkische Zigaretten, Marke Senussi, geraucht habe, man raucht länger daran.


    Zu Maries Aufenthalt in der Klinik auch eine Anmerkung aus eigener Erfahrung:
    Mitte der 50er war ich wegen Diphtherie auf einer Isolierstation im Krankenhaus. Eine meiner frühesten und intensivsten Erinnerungen darin ist die Entlassung. Ich durfte wegen Ansteckungsgefahr keines der Dinge, die mir ins Krankenhaus gebracht wurden, mitnehmen und das waren meine Lieblingsstofftiere und Bilderbücher!!!


    Auch das mit dem Morddezernat habe ich nicht ganz verstanden. Hab es jetzt eins, obwohl es keine feste Mordkommissionen, sondern nur von Fall zu Fall zusammengestellt Ermittlergruppen gab??


    Was ist eigentlich aus Fräulein Meinelt geworden? Nachdem sie Leo mit zwei Zuckerstangen versorgt hatte, gab es sie nicht mehr.


    Ach und das Bild hat Leo für 200 Mark gekauft, wobei doch schon ein Kilo Roggenbrot 15 Mark und das Suppenfleisch 110 Mark kosten.



    Genug des rumnölens, für diesen Roman gibt es auf jeden Fall von mir eine LESEEMPFEHLUNG.


    LG Dyke

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

  • Hallo Dyke,


    danke für deine schöne Rezi und die Hinweise, die ich natürlich aufmerksam gelesen habe.


    Zu der Geschichte mit dem Arzt: Das fiel mir bei meiner allerersten Lesung während des Lesens auf, ich hätte mir in den Hintern treten können. Das ist - meines Wissens - außer dir und mir übrigens noch niemandem aufgefallen.


    Hosenschlitz und Zigarettenszene wie auch die Spielsachen von Marie werde ich mir merken, falls es zu einer weiteren Auflage kommt. Da werde ich einiges korrigieren ;-).


    Zur Organisation der Kripo: Die Kripo war die Abteilung IV des damaligen Polizeipräsidiums. Sie bestand wiederum aus neun Fachinspektionen, die noch einmal in Spezialdezernate unterteilt waren. Morde (dazu Raub und andere Kapitelverbrechen) wurden von der Inspektion A, der das Morddezernat unterstand, bearbeitet. Bis 1926, als die Kripo von Ernst Gennat grundlegend reformiert wurde, arbeiteten die einzelnen Mordkommissionen völlig unabhängig voneinander, was dazu führte, dass Zusammenhängen zwischen einzelnen Verbrechen, zumal bei Serientätern, nicht erkannt wurden. Ab 1926 wurde alles viel effektiver und schlagkräftiger, was sich auch in der Aufklärungsquote widerspiegelte.


    Danke für deine Hinweise, und es freut mich, dass dir das Buch "trotzdem" ;-) gefallen hat.


    Liebe Grüße,
    Bücherfrau

  • Ich habe das Buch auch gerne gelesen, und es hat mir recht gut gefallen, obwohl es für meinen Geschmack ruhig 100 Seiten dicker hätte sein können, das gesellschaftliche Umfeld wird doch nur relativ knapp behandelt.


    Ich möchte mich allerdings dykes Kritikpunkten anschließen und noch einige logische Mängel auflisten
    - anhand der Fingerabdrücke des Heilers finden die Ermittler heraus, dass der Tote polizeilich bekannt ist. Das hätten sie über den Namen einfacher kriegen können
    - Spurensicherung am zweiten Tatort: der Ermittler meint, es gäbe nur Fingerabdrücke der Toten. Das kann er noch gar nicht wissen, wem die gehören.
    - Leo befragt die ehemalige Puffmutter Ernas, die sich zunächst auf ihre "Schweigepflicht" beruft, aber schon kurze Zeit später herausplappert, wer denn damals mit dabei war.


    Das wird mich aber nicht hindern, mir auch den Folgeband zuzulegen.

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • Zitat

    Original von Bücherfrau
    Danke für deine Hinweise, und es freut mich, dass dir das Buch "trotzdem" ;-) gefallen hat.


    Gerne geschehen.


    Zum "trotzdem": In der Regel setze ich mich nur so mit Büchern auseinander, die mir gefallen und die ich empfehlen kann.
    Zu schlechten Büchern halte ich meist die Finger von der Tastatur, um nicht noch mehr Zeit an sie zu verschwenden.
    Im März ist mein Budget leider kanpp, aber im April werde ich intensiv den 2. Band "auseinadnerpflücken" :grin
    Du bist also gewarnt.


    LG Dyke - Revisor

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

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  • Das Buch habe ich auch gelesen und gerade meinen Mann empfohlen... -
    nach euren "Bemängelungen", die mir persönlich nicht soooo auffällig waren, warte ich gespannt auf die Beurteilung von Franzl.... *lol*
    Ich freue mich auch auf die Fortsetzung!

  • Hallo,


    ich glaube, mein nächstes Buch schicke ich euch vor der Veröffentlichung ;-)
    Meine Lektorin und ich haben es so gründlich durchforstet, aber das eine oder andere ist uns dann doch durch die Lappen gegangen.
    Hut ab, euch entgeht tatsächlich nichts. :anbet
    Selber schreiben und andere Autoren lesen ist nicht dasselbe; irgendwann sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ein Problem für mich ist z.B., ob und wie früh man den Täter erahnt (nicht bei LB, da ist er ja relativ früh bekannt). Das kann ich gar nicht richtig beurteilen, weil ich die Story ja von Anfang an kenne.
    Die rege Diskussion freut mich sehr.


    Liebe Grüße,
    Bücherfrau :wave

  • Da mir selbst schon ein "psychologisches Beendigungsproblem" attestiert wurde, habe ich allen Respekt vor Leuten, die sagen können: Nun ist das Buch nach bestem Wissen und Gewissen fertig.
    Deine Gefühle bei der Lesung kann ich sehr gut verstehen: bei der Verteidigung meiner Dissertation fiel mir auf, dass ich im Vortrag eine ganz andere Tabelle zeigte als in meiner Arbeit :bonk. (das typische Problem mit den Bäumen und dem Wald)
    Ich hätte im Boden versinken können, aber zum Glück hat's keiner bemerkt...

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • Darf ich mal, quasi zum Üben, meine eigene Besprechung zu LEO BERLIN hier reinstellen?
    Wenn es Probleme gibt, weil ich die ISBN auch da oben ins Feld geschrieben habe, dann nehme ich sie halt wieder raus.


    ***
    Packender Krimi aus dem Berlin der 20-er Jahre


    Susanne Goga: Leo Berlin. Kriminalroman, München 2005, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, ISBN: 3-423-24468-2, Flexibler Einband, 278 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2,6 cm, EUR 14,–


    Berlin 1922: Schreck in der Abendstunde für die Haushälterin Elisabeth Moll: Ihr Arbeitgeber, der Wunderheiler Sartorius, liegt tot im Wohnzimmer, erschlagen mit einer Buddha-Statue aus Jade. Zu seinen Patienten zählte vor allem die Berliner Prominenz. Hatte aus diesem Personenkreis jemand ein Tatmotiv?


    Kriminalkommissar Leo Wechsler ermittelt und findet schnell heraus, dass Sartorius nicht unbedingt ein blütenreiner Saubermann war. Einige seiner Patienten therapierte er mit Kokain – damals so illegal wie heute. Nahm er es mit der Diskretion vielleicht auch nicht so genau? Ist gar Erpressung im Spiel?


    Die Ermittlungen in den besseren Kreisen erweisen sich schnell als heikle Angelegenheit. Die eigenmächtigen Aktionen seines Kollegen von Malchow machen Leo Wechsler zusätzlich das Leben schwer.


    Da geschieht ein zweiter Mord: Im ärmlichen Scheunenviertel wird Erna Klante, eine ältere Prostituierte, erdrosselt aufgefunden. Einziges Indiz: Ein teurer Knopf, der am Tatort gefunden wird und der nicht zur Bekleidung der Toten gehören kann.


    Eine innere Stimme sagt Kommissar Wechsler, dass diese beiden Mordfälle womöglich zusammenhängen. Eine Theorie, die weder Kollegen noch Vorgesetzte nachvollziehen können. Was soll der Wunderheiler der besseren Gesellschaft mit der alternden Hure zu tun gehabt haben? Doch Leo Wechsler ist für seine Hartnäckigkeit bekannt. Vielleicht gab es ja in der in der Vergangenheit eine Verbindung zwischen Sartorius und dem zweiten Opfer? Wer war Erna Klante, bevor sie in der Gosse landete? Er forscht nach …


    Parallel zu der Geschichte von Leo Wechsler wird die des Mörders erzählt. Immer wieder streut die Autorin seine Gedanken ein. Dadurch ist der Leser den Ermittlern stets einen Schritt voraus. Und die Frage heißt hier nicht, wie im klassischen Krimi: „Wer war es?“, sondern: „(Wie) werden sie ihn kriegen?“ Die Spannung entsteht aus dem Katz- und Maus-Spiel zwischen dem Täter und der Polizei. Manchmal möchte man aus seiner wissenden Position heraus die Personen in dem Roman in die richtige Richtung schubsen, wenn wieder eine Chance auf Aufklärung haarscharf verpasst wurde: „Jetzt sag doch schon, was du weißt, Mann! Das ist kein Geschwätz, das ist WICHTIG!“


    Die zwei ungelösten Mordfälle sind jedoch nicht Leo Wechslers einziges Problem. Ständig hat er Ärger mit seinem Kollegen von Malchow. Der ist ebenso arrogant wie unfähig, gehört aber – wie ein Großteil der Kriminalpolizei – dem Adelsstand an und genießt dadurch unfassende Protektion. Und wenn es noch so kontraproduktiv ist, was er tut: Er kommt damit durch. Wechsler, den weder Adelstitel noch Kriegsehren auszeichnen, sondern nur seine gute Arbeit, treibt von Malchows impertinentes Verhalten zur Weißglut.


    Auch in Wechslers Privatleben gibt es Spannungen: Er ist seit drei Jahren verwitwet und hat zwei Kinder. Seit dem Tod seiner Frau führt ihm seine jüngere Schwester Ilse den Haushalt, die so langsam das Gefühl hat, vor lauter Pflichterfüllung ihr eigenes Leben zu versäumen. Dann erkrankt auch noch Tochter Marie …


    Das Privatleben des Kommissars ist ein zentrales Element des Romans, ohne dass es den Kriminalfall dominiert. Gerade an den häuslichen Verhältnissen und an der familiären Situation Wechslers wird der gesellschaftliche Hintergrund deutlich. Wenn Ilse über die irrwitzigen Preissteigerungen klagt und sich die Familie zu Mittag mit Pellkartoffeln und Margarine begnügen muss, wenn Leos Sohn vom Lehrer Prügel bezieht, weil er einen jüdischen Schulkameraden gegen ungerechtfertigte Angriffe verteidigt, dann ist das Geschichte zum Mitfühlen. Oder wie es die Autorin Rebecca Gablé formuliert: „Leo Berlin ist eine Zeitreise erster Klasse.“


    Wer sich unbedingt davon überraschen lassen möchte, wer der Täter ist, für den ist LEO BERLIN wohl nicht der richtige Tipp. Wer aber gerne schlauer ist als die ermittelnden Beamten – und deshalb vielleicht sogar zu den Menschen gehört, die den Schluss eines Kriminalromans zuerst lesen – schwebt hier im siebten Krimihimmel. Wenn Sie sich also für die Hintergründe und Umstände einer Tat genauso interessieren wie für die Ermittlungsarbeit, werden Sie sich bestens unterhalten. Glaubwürdige Charaktere, eine lebendige Sprache sowie der wohl dosierte Einsatz von Zeitgeist und Lokalkolorit tragen das Ihrige dazu bei.


    Für alle, denen nach Abschluss der Ermittlungen der Abschied von Leo Wechsler und dem Berlin der 20-er Jahre schwer fällt: Der Kriminalkommissar ermittelt weiter … in dem Band TOD IN BLAU.

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Vandam ()

  • @ALL, die mehr als die bisherigen 2 Bände über Leo Wechsler haben wollen.


    Die bereits geschrieben Rezi einfach einmal bei dtv als Kommentar zum Buch einstellen


    Leo Berlin


    Tod in Berlin


    Vielleicht nützt es ja etwas und schaden tut's eh nicht


    meint Dyke - der noch für Tod in Blau etwas mehr formulieren muss.

    "Sie lesen?"
    "Seit der Grundschule, aber nur, wenn's keiner sieht."


    Geoffrey Wigham in "London Calling" von Finn Tomson

  • Ich kann mich den Vorrezensenten nur anschließen. Ein hervorragend recherchierter, atmosphärisch dichter Krimi, der das Berlin der 20er Jahre wieder lebendig werden lässt, und ein sympathischer Ermittler, von dem wir hoffentlich noch mehr lesen werden. Wer einen klassischen "Whodunit" sucht, ist hier sicher falsch beraten, denn es ist recht früh klar, wer der Mörder ist. Wenn man sich jedoch für das "warum" interessiert und gerne tiefer in die Charaktere eintaucht, sollte zu diesem wirklich gut geschriebenen Kriminalroman greifen.