Tatort - Das Sonntag-Abend-TV-Programm?

  • Tom :gruebel ... und doch wird es so dargestellt, als würde die Verbrechensbekämpfung so ablaufen und als hätte die Auswahl der Locations eine besondere Bedeutung für die unterschiedlichen Figuren. Schließlich soll der Zuschauer mit den Schauspielern mitfühlen können und die Spannung in der Story beruht auf der Nachvollziehbarkeit der dargestellten Szenen. Wenn man sich mehr mit den Unwahrscheinlichkeiten beschäftigen muss, lenkt das eben sehr von der Lösung des Falls oder der meist implizierten Hintergrundproblematik ab.

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Ulrike Renk: Zeit aus Glas

  • Wenn es nicht genau so gemacht wird, dann heißt das nicht, dass man es nicht so machen wollte. Es gibt Locations, an denen kann man mit vertretbarem Aufwand einfach überhaupt nicht drehen, oder nicht die Szenen, die man dort drehen müsste. Der Film, der nach meinem Roman "Leichtmatrosen" gedreht wurde, beginnt und endet (wie die Haupthandlung des Buchs) auf der Müritz, aber das Team war nie dort. Für die zwanzig Filmsekunden hätte es sich einfach nicht gelohnt, vom Hauptstandort der Dreharbeiten, einem Ort namens Zehdenick, bis hoch zur Müritz zu wechseln. Also hat man den Stolpsee genommen, der ist auch groß, aber eben ganz woanders. Ein sehr guter Revierkenner wird das bemerken, aber bei allen anderen geht das durch. Es gibt eine Biergartenszene, für die sehr, sehr lange nach einem passenden Biergarten in der Region gesucht wurde, und gedreht wurde sie dann letztlich am Schwielowsee in der Nähe von Potsdam, also ganz woanders. Bei der Gelegenheit wurde auch noch eine Szene mit einer Autofähre eingebaut, weil die Fähre Caputh quasi direkt um die Ecke lag. An der gesamten Mecklenburgischen Seenplatte gibt es meines Wissens keine einzige Autofähre. Im Übrigen durchqueren die Jungs die Schleuse Bredereiche in der falschen Richtung und auch noch in einem sehr unpassenden zeitlichen Abstand zum Erreichen des Gesamtziels. Ich könnte noch Dutzende weiterer Sachen aufzählen (die Szene, die in einem Rostocker Club spielen soll, wurde im Astra in Berlin gedreht). Okay, man wollte wirklich keinen Reisefilm drehen, aber man musste von einigen ursprünglichen Planungen abweichen, übrigens auch noch während der Dreharbeiten. Oder sich den Zeitplänen der Schauspieler beugen. Das ist alles so eng geplant und getaktet, dass sich das Team einiges einfallen lassen muss, wenn ein Drehort beispielsweise wegen der Witterung ausfällt, oder wenn ein Schauspieler ausfällt, der an einer Location auftreten soll, die man nur für einen bestimmten Tag bekommen hat. Da sind hunderte von Leuten beteiligt, ganze Trosse reisen durch die Gegend, Kolonnen aus Trucks und Cateringfahrzeugen und weiß der Geier noch was. Wenn jeder Film in dieser Hinsicht konsequent realistisch sein sollte, würde man mindestens doppelt so viel Drehzeit und das anderthalbfache Budget brauchen. Stattdessen nimmt man in Kauf, dass es nicht ganz stimmt, dass sich ein intimer Kenner sogar ein bisschen ärgert. So lange sich der Rest gut unterhalten fühlt, ist das okay.

    Und das ist es ja meistens auch. ;)


    Im Übrigen wird es in Krimis keineswegs so dargestellt, als würde die Verbrechensbekämpfung so ablaufen. Und das, was in Liebesfilmen passiert, hat, nebenbei bemerkt, auch wenig damit zu tun, wie echte Beziehungen ablaufen. 8)

  • Bei "Leichtmatrosen" wird zumindest deutlich, dass die drei Männer eher auf einer inneren Reise unterwegs sind als auf einer Landschaftsfahrt. :thumbup:

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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend Ulrike Renk: Zeit aus Glas

  • Im Übrigen wird es in Krimis keineswegs so dargestellt, als würde die Verbrechensbekämpfung so ablaufen. Und das, was in Liebesfilmen passiert, hat, nebenbei bemerkt, auch wenig damit zu tun, wie echte Beziehungen ablaufen.


    Damit hast du es sehr gut auf den Punkt gebracht - wenn ich mich gut unterhalten fühle, dann stört mich nicht, ob der Bauernhof, der im Film in der Provence steht, eigentlich im Odenwald um die Ecke ist....

    Ich habe mich bei dem Murmeltiertag-Tatort gefreut, dass Szenen aus meiner Nachbarschaft dabei waren....

  • Wenn ich einen Film sehe, der in Berlin (oder an einem anderen Ort, den ich sehr gut kenne) spielt, und dann sieht man in einer Szene irgendwas im Hintergrund, das ganz woanders ist als das, was man in der gleichen Szene zwei Sekunden später im Gegenschnitt im Hintergrund sieht, weil bei der Sichtung des Rohmaterials festgestellt wurde, dass es beim ersten Versuch misslungen ist und man woanders nachgedreht hat, weil es zu schwierig war, die erste Location dafür noch einmal absperren und alles drumherum lahmlegen zu lassen, dann amüsiere ich mich. Es ist nur ein Film. Es ist nicht die Realität.

    Ich sehe das auch so. Ich weiß nur nicht, worüber ich mich mehr amüsiere, die Szenen im Film, die nicht in "meiner" Stadt gedreht wurden, dort aber handeln sollen oder die Aufregung darüber am nächsten Tag in der Presse, beim Friseur, an der Supermarktkasse, unter Kollegen usw. Da sind sie hier schon sehr besonders und eigen. Das finde ich immer sehr lustig.

  • Ich erlaube mir trotzdem weiterhin von einem deutschen Fernsehkrimi weiterhin ein Mindestmaß an realistischer Darstellung zu erwarten - es sei denn er (der Krimi) ist als etwas anderes ausgewiesen. Natürlich ist es mir auch bewusst, das es fast an ein frevelhaftes Verhalten grenzt, wenn man es wagt den Forumsgurus zu widersprechen. ;)


    Beim Münster-Tatort erwarte ich eine gewisse Portion Satire, bei Tukur weiß ich, dass mich dort ein Krimi der völlig anderen Art erwartet. Beim Kiel-Tatort aber hat man bisher (auch seinerzeit bei den Folgen mit Klaus Schwarzkopf) immer wert auf eine realistische Darstellung gelegt. In diesem Zusammenhang sei einfach mal erwähnt, dass der geniale Tatort mit Nastasja Kinski und Christian Quadflieg aus 1977 "Reifezeugnis" - immer noch zu den echten Highlights dieser Reihe gehört.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Ich erlaube mir trotzdem weiterhin von einem deutschen Fernsehkrimi weiterhin ein Mindestmaß an realistischer Darstellung zu erwarten - es sei denn er (der Krimi) ist als etwas andereres ausgewiesen

    Das kann ich unterschreiben, ich möchte einen logischen, unterhaltsamen Krimi - wobei ich auf Feinheiten, wie einige posts vorher angebracht, nicht unbedingt achte - einfach weil ich nicht Herr der Materie bin...

    Da mein Tagewerk der medizinische Bereich ist, gehen mir eher Krankenhaus- und/oder Arztserien auf den Keks, in denen nicht genau recherchiert wird....

  • Ich kann dazu nur sagen, dass ich im TV nur noch den Tatort sehe, weil ich mir den anderen Schwachsinn einfach nicht antun kann. Da weiche ich lieber auf Netflix oder Amazon Prime aus, da kann ich mir aussuchen, was ich gucke und habe keine Werbung.

    Ich mag die meisten Tatorte. Oft sind sie nicht wahnsinnig spannend, aber ich mag es, die bekannten Gesichter immer wieder zu sehen.

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Wow. Eine Dreizehnjährige aus einem Hochhausghetto flüchtet mit einem sehr viel älteren Mann, aber nach zwei Jahren Odyssee quer durch Europa ist das Geld alle, also kehren die beiden nach Freiburg zurück, um sich Nachschub zu holen. Aus der Dreizehnjährigen ist eine Fünfzehnjährige geworden, die damals einen Helden und Befreier gesucht hat, aber bekommen hat sie einen alternden Verlierer, der sie abschirmt und unaufhörlich missbraucht. Und dann kommt es zu einem tödlichen Unfall ...


    Toll gemacht, eindringlich und schmerzhaft gezeichnet, wunderbar besetzt. Meira Durand, die die Emily spielt, ist übrigens tatsächlich neunzehn, war also zum Zeitpunkt der Dreharbeiten wahrscheinlich achtzehn. Aber man nimmt ihr das verstörte Teenagergör aus der Brennpunktfamilie ohne jeden Zweifel ab. Und Andreas Lust, der Darsteller ihres Peinigers, gibt ebenfalls alles. Aber auch die Nebenfiguren und das Ermittlerteam sind überzeugend - nur der Seitenplot mit der Schwangerschaft hätte eigentlich nicht sein müssen. Auf die Frage, ob man in diese Welt wirklich noch Kinder setzen sollte, sind bis dahin ausreichend Antwortmöglichkeiten geliefert worden.


    Spannend, eindringlich, exzellent erzählt - und, hey, ohne Selbstmord des Schänders am Ende. Allein dafür gibt's ein Sternchen extra.


    Weiter so!

  • Von einem gelernten Schlffen sollte man erwarten können, dass er den Unterschied zwischen sexuellem Mißbrauch Minderjähriger und Kinderschänder kennt. Oder ist das für Fiktion Krimi schon zu kleinkariert gedacht?

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Rundfunkbeiträge sinnvoll genutzt. Großartiger Tatort! Das fing schon beim Intro an, das die Atmo des genialen Thrillers „Sieben“ verströmte. Interne Konflikte schön herausgearbeitet. Gelungenes Spiel mit der Erwartungshaltung. Die Szene in der in der Tiefgarage - stark! Genial aus Versatzstücken gebastelt. Chapeau!