'Anna Karenina' - Teil 5, Kap. 18 - 33

  • Die zweite Hälfte des fünften Teils schildert den Tod von Lewins Bruder Nikolaj (Kap. 17 – 20), die Begegnung von Annas Ehemann mit der Gräfin Lydia Iwanowna (Kap. 21 – 25), die Ausbildung des jungen Serjoscha im Hause des Vaters (Kap. 26 – 27) und die Ereignisse nach Annas und Wronskijs Rückkehr nach St. Petersburg (Kap. 28 – 33).


    M.E. ist schon bemerkenswert, dass Tolstoj einen solch zerrissenen und alles andere als rational handelnden Charakter wie den Anna Kareninas in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Von den bislang abgegebenen Statements teile ich am ehesten die Auffassung, wonach Anna entweder nicht richtig weiß, was sie überhaupt will, oder aber gerade das eigentlich Unvereinbare unter einen Hut bekommen möchte: sie will sowohl Teil der Gesellschaft sein, als auch von Alexej getrennt leben; sie will den Sohn behalten und ihre Beziehung mit Wronskj pflegen... Möglicherweise ist es auch die „Lust am Untergang“, die Anna antreibt – die insgeheime Erkenntnis, dass die Welt für sie einfach zu klein ist. Den „Amoklauf“ ins Petersburger Theater könnte man sowohl mit Realitätsblindheit als auch mit einer tief sitzenden Verzweiflung erklären. Wronskij jedenfalls wird das Heft des Handelns vollkommen aus der Hand genommen. Er ist in den letzten Kapiteln nicht mehr Herr der Lage und kommt mir vor wie ein Fahrlehrer, dessen begeisterte Schülerin soeben mit Vollgas in die entgegengesetzte Richtung der Autobahn einfädelt...


    Dass Anna der eigene Sohn vorenthalten wird, ist natürlich schlimm. Andererseits stellt sie mit ihrer Nacht-und-Nebel-Geburtstagsbesuchsaktion erneut unter Beweis, dass sie sich für die Gefühle ihres Mannes nicht wirklich interessiert. Eine kurze Abstimmung mit Alexej kommt Anna nicht in den Sinn. Und auch hinsichtlich des Zeichens, dass sie bei Serjoscha setzt, habe ich meine Zweifel: ich glaube, dass es Anna im Kern darum geht, von ihrem Sohn „freigesprochen“ und damit bestätigt zu werden. Mit Liebe hat das wenig zu tun.


    Insgesamt fällt auf, dass Tolstoj (jedenfalls nach meiner Wahrnehmung) kein Urteil über seine Charaktere spricht – Anna, Wronskij und auch Alexej: sie alle sind ja nicht ganz unschuldig an der „verfahrenen“ Situation. Dennoch hält sich Tolstoj mit Bewertungen sehr zurück.

  • Zitat

    Original von John Dowland
    Insgesamt fällt auf, dass Tolstoj (jedenfalls nach meiner Wahrnehmung) kein Urteil über seine Charaktere spricht – Anna, Wronskij und auch Alexej: sie alle sind ja nicht ganz unschuldig an der „verfahrenen“ Situation. Dennoch hält sich Tolstoj mit Bewertungen sehr zurück.


    Das ist mir auch aufgefallen und hat die ganze Geschichte für mich noch aufgewertet, da es so jedem Leser überlassen bleibt, sein eigenes "Urteil" zu fällen. Das dem Leser zuzutrauen und auch zu ermöglichen, finde ich sehr gut! :-]

  • Wiederaufnahme der LR ab 5.12.11


    Es passierte so allerhand in diesem Abschnitt. Lewins Bruder Nikolai stirbt, und er tut es recht realistisch. Kitty zeigt, dass aus dem verwöhnten Mädchen aus gutem Hause eine mitfühlende, zupackende Frau geworden ist.


    Was in diesem Abschnitt wirklich überdeutlich wird, ist Annas Zerrissenheit und ihr offensichtliches Verkennen der eigenen Situation. Sie ist wieder in Petersburg. Am Geburtstag ihres Sohnes tat sie mir Leid. Ihre Sehnsucht, ihre Gefühle, ihre Verzweiflung - alles echt. Andererseits verkennt sie ihre Lage völlig, vielleicht auch nur aus Selbstschutz. Irgendwie muss sie ja auch weiterleben. Sie versucht es auch, geht ins Theater und wird bloßgestellt, beleidigt. Man möchte meinen, dass sie es hätte wissen können, nachdem keine ihrer "Freundinnen" sie besuchen oder ihren Besuch empfangen wollte, wenn sie nicht sicher war, dass keine der Bekannten anwesend sein würde. Wronskij ist da realistischer, versucht sie noch aufzuhalten.
    Welche Chance hat ihre Beziehung? Anna ist so verletzt, Wronskij auch im Ruf beschädigt. Aber er ist ein Mann, das heißt, dass er sich noch überall zeigen kann, von den Regimentskollegen aufgefordert wird, doch mal vorbei zu kommen. Ich bin mir sicher, dass ihm alle Türen wieder offen stehen würden, sollte er sich je von Anna trennen, was er nicht tun wird.

  • Zitat

    Original von Clare
    Wiederaufnahme der LR ab 5.12.11


    Es passierte so allerhand in diesem Abschnitt. Lewins Bruder Nikolai stirbt, und er tut es recht realistisch. Kitty zeigt, dass aus dem verwöhnten Mädchen aus gutem Hause eine mitfühlende, zupackende Frau geworden ist.


    Das habe ich genauso empfunden. Der Tod kommt hier auf Raten und Nikolai stirbt nicht, wie in so vielen anderen Romanen, vollkommen selig mit einem Lächeln auf den Lippen. Auch die Schilderungen der Gereiztheit aller Beteiligten und der Wunsch, daß es doch endlich vorbei sein möge, fand ich sehr realistisch beschrieben.


    Kity wächst hier über sich hinaus und scheint nun endgültig erwachsen geworden zu sein. Sie gefällt mir immer besser. Am Todestag ihres Schwagers erfährt sie dann auch, daß sie schwanger ist.


    Sie soll wohl das genau Gegenteil von Anna darstellen, die, zurück in St. Petersburg, so gar nicht mehr wirklich in der Realität zu leben scheint.


    Sie hat mir sehr leid getan, als sie ihren Sohn besucht hat und so schnell wieder gehen mußte. Noch mehr hat mir Sergej allerdings leid getan.


    Leider führte diese Begegnung auch erneut zu eine Art psychischen Zusammenbruch und zu der Erkenntnis, daß sie ihre kleine Tochter niemals so sehr lieben wird wie ihren Sohn. Diese Gefühlsschwankungen tauchen anscheinend immer öfter auf und machen ihr und Wronskij das Leben schwer. Er kann jedenfalls immer schwerer damit umgehen, scheint es.


    Diese ganzen Ereignisse wühlen sie so sehr auf, daß sie als eine Art Trotzreaktion ins Theater geht, dort aber alles andere als freundlich empfangen und lautstark beleidigt wird.
    Wronskij scheint sich von ihr langsam aber sicher zu distanzieren. Er hat es viel weniger schwer als Anna in den höheren Gesellschaftskreisen. Die beiden sind nun wieder abgereist. Ich bin gespannt, wohin sich ihre Beziehung entwickelt.

  • Den Tod von Nicolai fand ich auch sehr eindringlich und realistisch geschildert, Kitty hat mich hier sehr überrascht, sie ist für mich die einzige, die mit dieser sehr komplizierten Situation halbwegs souverän umgeht. Hätte ich ihr nicht zugetraut.


    Anna scheint an ihrer Situation immer mehr zu zerbrechen. Ihr Besuch im Theater ist wohl ein verzweifelter Versuch ein bisschen Normalität zu wahren, aber auch unglaublich naiv.
    Da zeigt sich auch sehr schön, dass in so einer Situation damals immer die Frauen die Dummen waren. Anna ist völlig isoliert, während Wronskij von seinen alten Regimentskameraden immer noch geachtet wird, zumindest wird er lange nicht so geächtet wie Anna.
    Und, wie eigendlich immer, leiden die Kinder am meisten, der arme Serjoscha kann einem einfach nur leid tun.

  • Nikolais Tod fand ich auch sehr bewegend. Lewin kann nur sehr schwer mit dieser Situation umgehen. Er hat Hemmungen, sich unbeschwert seinem Bruder gegenüber zu geben. Interessanterweise erklärt er dies damit, daß er im Gegensatz zu Kitty ( die einfach tut, was zu tun ist ) intelligenter ist und sich mit dem Thema Tod mehr auseinandersetzt als sie. :pille Meiner Meinung nach hat Kitty weitaus mehr Stärke damit bewiesen als er.


    Das Kapitel 20 ist das erste Kapitel in dem ganzen Buch mit einer Überschrift: "Der Tod" ( oder zumindest ist mir keines vorher aufgefallen ). Was dies wohl zu bedeuten hat ?


    Zitat

    Original von Saiya
    Leider führte diese Begegnung auch erneut zu eine Art psychischen Zusammenbruch und zu der Erkenntnis, daß sie ihre kleine Tochter niemals so sehr lieben wird wie ihren Sohn. Diese Gefühlsschwankungen tauchen anscheinend immer öfter auf und machen ihr und Wronskij das Leben schwer. Er kann jedenfalls immer schwerer damit umgehen, scheint es.


    Das ist ein Charakterzug an Anna, der mir so gar nicht gefällt. Ich habe das Gefühl, daß sie ihre persönlichen Gefühle immer auf die Liebe der Kinder projiziert. Als sie sich in Wronski verliebt hat und ihren Ehemann auf einmal als häßlich empfand, hat sie genau dasselbe für ihren Sohn empfunden und diesen bei Karenin zurückgelassen. Nun, da sie merkt, daß ihr Leben mit Wronski vielleicht keine Zukunft hat, mag sie die Tochter nicht mehr.


    Zitat

    Original von Clare
    Welche Chance hat ihre Beziehung?


    Ich bin auch sehr gespannt, ob diese Beziehung dem ganzen Druck standhalten kann ....

  • Zitat

    Original von -Christine-


    Das ist ein Charakterzug an Anna, der mir so gar nicht gefällt. Ich habe das Gefühl, daß sie ihre persönlichen Gefühle immer auf die Liebe der Kinder projiziert. Als sie sich in Wronski verliebt hat und ihren Ehemann auf einmal als häßlich empfand, hat sie genau dasselbe für ihren Sohn empfunden und diesen bei Karenin zurückgelassen. Nun, da sie merkt, daß ihr Leben mit Wronski vielleicht keine Zukunft hat, mag sie die Tochter nicht mehr.


    Anna hat immer mit sich selbst zu tun, damit, sich selbst aufrecht zu erhalten. Ich glaube, da bleibt nicht viel übrig an Liebe, Freude, Zuwendung für andere, die mehr als nur oberflächlich ist.

  • Das war jetzt der erste LR-Abschnitt, in dem mir die Kapitel über Anna mehr zugesagt haben als die anderen. Langsam kann ich sie verstehen, mich immer besser in sie hineinversetzen. Sie ist sicherlich kein Unschuldsengel und ich mag sie auch immer noch nicht, aber ihre Zerissenheit ist so einfühlsam und detailliert beschrieben, dass ich gar nicht anders kann, als Mitleid mit ihr zu haben. Während dem Lesen konnte ich richtig fühlen, wie verfahren ihre Situation ist, wie sie darum kämpft einen Ausweg zu finden, wie verzweifelt sie ist...


    Dass ihr der Kontakt zu Serjoscha verboten ist, ist genau das, was sie immer gefürchtet hat, alles was sie je vermeiden wollte. Dieses Lady I... (wie hieß die?) ist ja ein wirkliches Miststück :hau Mir hat sich beim Lesen ein Lächeln auf die Lippen gestohlen, als klar wurde, dass der kleine Sergej die Lüge, seine Mutter sei tot, nicht geglaubt hat. Das ließ auf ein Wiedersehen hoffen - und tatsächlich, Anna lässt es sich nicht nehmen ihrem Sohn zu gratulieren. Dass sie dafür eine Begegnung mit ihrem Mann riskiert, ist natürlich nicht die feinste Art, aber eine durchdachtere Lösung hätte ich von Anna auch nicht erwartet :rolleyes


    Die Sterbeszene (bzw. die Sterbekapitel, es zog sich ja ganz schön) von Lewins Bruder hat mich sehr beeindruckt. Tolstoi schafft es, die Situation, die Angst von Nikolai so realistisch zu beschreiben, dass es schwer fällt sich zu erinnern, dass das alles nur Fiktion ist - Tolstoi ist ein Meister seiner Kunst :anbet
    Mir ist auch aufgefallen, dass das Kapitel 20 das einzige bisher war, das eine Kapitelüberschrift trug - ob das was zu bedeuten hat? In dem Kapitel erfährt der Leser ja auch, dass Kitty ein Kind erwartet. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

  • Lewins Bruder ist qualvoll gestorben. Tolstoi schafft es hervorragend die einzelnen Personen und deren Umgang mit dem Tod darzustellen. Während Lewin lieber die Vogel Strauß Politik durchführt und vor allem was mit dem Tod zu tun hat Angst hat, greift Kitty beherzt zu und versucht durch kleine Handhabungen für alle die Lage zu verbessern. Ich staune über Kitty, sie ist doch eher verwöhnt und von allem Unheil abgeschottet aufgewachsen und wächst so über sich hinaus. Ich denke, der Umgang mit Warenka im Ausland hat viel dazu beigetragen, bloß das sie jetzt aus ihrem Herzen heraus hilft. Ich kann aber auch Lewin verstehen, ich persönlich kann auch mit dem Tod schwer umgehen und würde eher in seine Richtung tendieren.


    Serjosha kann einem nur leid tun. Zum Glück hat er "Freunde" in seiner Umgebung wie den Portier oder der Kinderfrau. Sein Vater schüchtert ihn ja mehr oder weniger ein. Selbst wenn der Vater Serjosha liebt, kann er es wie bei seiner Frau nicht zeigen. Schön finde ich, das er nicht an den Tod der Mutter glaubt.


    Anna tut mir jetzt so richtig leid. Zum einen fehlt ihr der Sohn und die Szene am Geburtstag ist einfach nur traurig. Dann merkt sie das das Verhältnis mit Wronski doch von der Umwelt überschattet wird. Während er sich in der Gesellschaft noch sehen lassen kann, wird sie mehr oder weniger eingesperrt. Als sie dann ausbricht und in die Oper geht, kommt es natürlich auch zum Eklat.


    Verstehen kann ich allerdings nicht, warum sie ihre kleine Tochter nicht bedingungslos lieben kann. Sicherlich ist sie kein Ersatz für Serjosha, aber es ist doch das Kind ihrer Liebe zu Wronski, rein theoretisch müsste sie es doch vergöttern.

    Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht auf irgendeine Weise nütze.
    (Gaius Plinius Secundus d.Ä., röm. Schriftsteller)

  • Zitat

    Original von Macska
    ....
    Verstehen kann ich allerdings nicht, warum sie ihre kleine Tochter nicht bedingungslos lieben kann. Sicherlich ist sie kein Ersatz für Serjosha, aber es ist doch das Kind ihrer Liebe zu Wronski, rein theoretisch müsste sie es doch vergöttern.


    Ich denke, das ist wirklich schwer zu verstehen, auch für mich. Das Kind kann schon mal gar nichts dafür. Es wurde in eine sehr schwierige Situation hinein geboren, schwierig für alle Beteiligten. Ungewollt und zu einem ungünstigen Zeitpunkt in einer ungeklärten Lage empfangen und geboren, ist es mit einem Makel belastet, gesellschaftlich. Die Schwangerschaft zwingt die Beziehung zwischen Wronskij und Anna auf eine neue Stufe. Heimlichkeit ist nun endgültig vorbei.
    Andererseits ist Annas Tochter ein Kind einer großen Liebe, so dass man erwarten könnte, dass sie geliebt werden würde, egal was kommt. Aber so ist es nicht.


    Ich weiß nicht, ob ich mich täusche, aber vielleicht hätte Anna ihre Liebe zu Wronskij gerne einfach so weiter laufen lassen, in der Stille. Vielleicht hat es auch mit dem Schuldverständnis zu tun, was auch Anna hat, denn genau genommen ist das kleine Mädchen ein Kind der Sünde. Auch Anna und Wronskij sind den geltenden gesellschaftlichen Normen verhaftet und können nicht aus ihrer Haut und aus ihrer Erziehung ausbrechen.


    Leid tut mir die Kleine auf jeden Fall sehr.

  • Lewins Bruder ist nun gestorben.


    Anna ist eine Person, einerseits mag ich sie und sie tut mir unendlich leid, auf der anderen Seite würde ich sie gerne wachrütteln, weil sie sich selbst so fertig macht.
    Der Besuch bei ihrem Sohn ist wunderschön beschrieben und ich hatte ein paar Tränen in den Augen. Dann kam für mich wieder das unfassbare, dieser Wechsel bei Anna, dass sie ihre Tochter nicht so lieben kann, wie ihren Sohn.
    Am Anfang hat sie ihren Sohn ja auch nicht mehr lieben können.


    Aber wie Clare schon schrieb:

    Zitat

    Anna hat immer mit sich selbst zu tun, damit, sich selbst aufrecht zu erhalten. Ich glaube, da bleibt nicht viel übrig an Liebe, Freude, Zuwendung für andere, die mehr als nur oberflächlich ist.

  • Ich glaube ja, dass Anna, wenn sie sich selbst nicht leiden kann, wenn sie sich ihrer Fehler bewusst wird, dieses Gefühl schnell auf andere überträgt... mehr oder weniger als Schutzmechanismus. Sie ist halt eine, die gerne die Schuld bei anderen sucht, oder sich durch fremde Fehler ablenkt.
    Dass sie so über ihre Kinder denkt... gut, ich kann es auch nicht nachvollziehen, aber wenn sie so schlecht über sie denkt, geschieht das meist in Gegebenheiten, in denen sie enorme Zweifel an sich selbst und ihrer gesamten Situation hat.
    Sie muss sich selbst halt immer den Anschein bewahren, und es ist einfacher, jemand anderen nicht zu mögen, als sich selbst.
    Dass sie ihre Kinder nicht liebt, ist meines Erachtens ausgeschlossen. Man braucht nur an die Szene zu denken, wo sie Serjoscha wiedersieht, was ja lange ihr Wunsch war und auch der Grund, warum sie nach Petersburg zurückgekommen ist. Aber ihre Prioritäten liegen eben eher bei ihr selbst als bei ihren Kindern. Ich denke, sie ist in vielen Dingen doch sehr egoistisch.
    Um Serjoscha mache ich mir jetzt nicht allzu viele Sorgen... er hat zwar seine Mutter verloren, aber wenn man es genau bedenkt, so war diese davor wohl auch nicht immer so präsent. Aufgezogen wurde er von Kindermädchen und Erziehern und das ändert sich dadurch nicht. Natürlich verliert er eine wichtige Bezugsperson, aber ich denke, dies wird seine Entwicklung und sein späteres Leben nicht allzu sehr negativ beeinflussen.
    Anni hat es, so denke ich, da irgendwann viel schwieriger, sofern sie nicht irgendjemandes Mündel wird... rein gesellschaftlich gesehen, meine ich und in ihrer Entwicklung? das kann ich nicht sagen, das hängt, denke ich, sehr davon ab, bei wem sie dann schlussendlich aufwächst.


    Ich fand es auch ein wenig lächerlich, als Anna meinte, sie müsse jetzt zu dieser Veranstaltung erscheinen... zumindest hat sie es sich damit bestimmt nicht leichter gemacht ihr und ihrem Ansehen ist es wohl keinesfalls zuträglich. Aber ich verstehe sie auch, sie tut mir im Prinzip sehr leid. Sie wird niemals mehr so ein Leben führen können wie früher.
    Auch ihre Zweifel an Wronkis Liebe zu ihr verstehe ich. Alles ist dermaßen aus dem Lot - aus eigener Schuld und doch will sie es nicht rückgängig machen - in so einer Situation zweifelt ma,n denke ich so ziemlich an allem. Und ohne Wronskis Liebe würde auch die "Entschädigung" für ihre jetzige Situation wegfallen.



    Nikolais Sterbeszene hat mir ziemlich imponiert, ihn selbst empfand ich immer als recht interessante Figur. Auch Kittys Verhalten, das anfangs von Lewin so fehlgedeutet und geringgeschätzt wurde, zeugt von Charakter. Und auch, wie Lewin einsieht, dass Kitty rein intellektuell vielleicht nicht auf selber Stufe mit ihm steht, doch in anderer Hinsicht sehr wohl Ahnung hat, mehr als er, vom "richtigen Leben" wie er meint. Ich frage mich, ob es wirklich so ist, dass, wenn man keine Angst/Furcht/Abscheu/etc. vor einem Sterbenden, auch keine Angst vor dem Tod ansich hat. :gruebel Aber ich denke, dieser Gedankengang macht Sinn, denn wenn man mit einem Sterbenden zu tun hat, konfrontiert mach sich gleichzeitig auch mit dem eigenen Tod. Und hat man Angst vor dem Tod, so will man natürlich nicht damit konfrontiert werden, auch nichts mit einem Sterbenden zu tun haben...

  • Kitty und Lewin entwickeln sich im Roman indirekt proportional zueinander. Kitty wächst, wird stärker, macht einen klugen und besonnenen Eindruck und ich mag sie immer mehr.


    Lewin hingegen wird immer alberner, schwächlicher, emotional labil. Inzwischen tut mir Kitty schon leid, dass sie mit diesem Ehemann geschlagen ist.

  • Ich war wirklich berührt von der Art, wie Tolstoi den Tod von Lewins Bruder schilderte. Ich glaube, dass ich etwas derartiges noch nie gelesen habe.
    Sehr interessant zu sehen hierbei waren die einzelnen Reaktionen der anwesenden Personen.
    Vor allem der Unterschied zwischen Lewin und Kitty:
    Während er gar nicht mit der Situation klar kommt, sogar äußerst hilflos und ratlos wirkt, ist sie sehr stark. Sie handelt in dieser Situation einfach nur 'souverän'. Wie sie den Sterbenden begleitet und alles... Wow!
    Ich bin gespannt wie die Entwicklung der beiden weitergeht.


    Irgendwie tut mir Anna wirklich leid. Sie hat sich in eine solch ausweglose Situation manövriert, in der sie nun gefangen zu sein scheint.
    Sie und Wronski leben mittlerweile doch sehr distanziert voneinander (diesem Eindruck hatte es jedenfalls auf mich).
    Wirklich bewegend war die Szene in der Anna auf ihren Sohn traf. Sie ist wirklich nicht zu beneiden.
    Allerdings ging es mir in Bezug auf ihre Tochter so wie euch - ich kann es kein bisschen nachvollziehen, dass sie ihre Tochter nicht lieben kann. Natürlich wurde die Kleine in eine undankbare Situation hineingeboren doch nichtsdestotrotz ist es ihre Tochter... Dazu hat mich auch wirklich irritiert, dass das Baby wirklich lieb und süß beschrieben wird.
    Annas Verhalten war und ist mir oftmals einfach unbegreiflich...

  • Zitat

    Original von Nabi
    Allerdings ging es mir in Bezug auf ihre Tochter so wie euch - ich kann es kein bisschen nachvollziehen, dass sie ihre Tochter nicht lieben kann. Natürlich wurde die Kleine in eine undankbare Situation hineingeboren doch nichtsdestotrotz ist es ihre Tochter... Dazu hat mich auch wirklich irritiert, dass das Baby wirklich lieb und süß beschrieben wird.
    Annas Verhalten war und ist mir oftmals einfach unbegreiflich...


    Ich denke wir duerfen hier nicht vergessen, dass Anna wohl ziemlich in einer postnatalen Depression gefangen ist. Die Gedankengaenge, die in einer von dieser Krankheit betroffenen Person vorgehen, basieren auf einer verzerrten Wahrnehmung der Realitaet und sind daher mit unserem Masstaeben an Logik und "normalen" Verhaltensmustern unbegreiflich.


    Tolstoi mag zu seiner Zeit noch nicht diese Begriffe der Psychologie benennen koennen, hat aber das Krankheitsbild treffend beschrieben.

    Gruss aus Calgary, Canada
    Beatrix


    "Well behaved women rarely make history" -- Laura Thatcher Ulrich

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Beatrix ()

  • Zitat

    Original von Beatrix
    Ich denke wir duerfen hier nicht vergessen, dass Anna wohl ziemlich in einer postnatalen Depression gefangen ist. Die Gedankengaenge, die in einer von dieser Krankheit betroffenen Person vorgehen, basieren auf einer verzerrten Wahrnehmung der Realitaet und sind daher mit unserem Masstaeben an Logik und "normalen" Verhaltensmustern unbegreiflich.


    Tolstoi mag zu seiner Zeit noch nicht diese Begriffe der Psychologie benennen koennen, hat aber das Krankheitsbild treffend beschrieben.


    Wahrscheinlich hast du Recht...
    Das erklärt dann wohl allgemein ihre Handlungen, deren Beweggründe man schlecht nachvollziehen kann. Ich meine, dass man oftmals nur den Kopf schüttelt, sie jedoch stark von ihrem Vorgehen überzeugt ist. Wahrscheinlich denkt sie in ihrer Situation tatsächlich ganz anders.

  • Zitat

    Original von melancholy
    ...
    Ich frage mich, ob es wirklich so ist, dass, wenn man keine Angst/Furcht/Abscheu/etc. vor einem Sterbenden, auch keine Angst vor dem Tod ansich hat. :gruebel Aber ich denke, dieser Gedankengang macht Sinn, denn wenn man mit einem Sterbenden zu tun hat, konfrontiert mach sich gleichzeitig auch mit dem eigenen Tod. Und hat man Angst vor dem Tod, so will man natürlich nicht damit konfrontiert werden, auch nichts mit einem Sterbenden zu tun haben...


    Ich habe schon drei mir nahestehende Menschen in den Tod begleitet und jedesmal hat es mir etwas mehr die Angst vor dem eigenen Tod genommen. Ich spreche jetzt nicht von Krankheit und einem Leidensprozess, sondern wirklich von den Sterbestunden. Es war für mich jedesmal ein friedlicher, ja fast heiliger Moment und wirklich eine Erlösung.
    Das hat Tolstoi wunderbar geschafft, zu beschreiben. Sehr gefühlvoll und trotzdem realistisch. :anbet

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Paradise Lost
    Das zwischen Anna und Karenin ist eine sehr komplizierte Geschichte. Man erfährt ja nun auch, dass er damals wohl von ihrer Tante mehr oder weniger zum Heiratsantrag genötigt wurde (war wohl eine Ähnliche Situation wie zwischen Wronskij und Kitty, nur ist Karenin eben kein solcher Bruder Leichtfuß wie Wronskij) und da er eine gute Partie war haben die Eltern zugestimmt und Anna, die von Liebe damals wohl auch keine genaue Vorstellung hatte, dachte sich auch gut versorgt. Sie war ja auch zufrieden, bis Wronskij kam und sie merkte, dass es da noch etwas anderes gibt. Ich werfe Anna nicht vor, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt und mit diesem zusammen sein möchte, das ist verständlich. Was ich ihr vorwerfe ist ihr absolut irrationales und widersprüchliches Verhalten mit dem sie alle (mich inklusive) in den Wahnsinn treibt!!!


    Das sehe ich auch so. Niemand kann ihr vorwerfen, dass sie in Wronskij erkennt, was es bedeutet, einen Mann zu lieben. Und auch nicht, dass sie diese Erfahrung mit Karenenin nicht gemacht hat.
    Ich denke, sie handelt so unrational, weil sie in einer Depression steckt. Darin sehe ich auch den Grund, warum sie für ihre Kinder wechselnde Gefühle empfindet.
    Ich möchte mit ihr nicht tauschen. Sie glaubt an ihre Liebe, aber leben kann sie sie nicht. Die Gesellschaft duldelt die ehelose Beziehung, aber nur, so lange es nicht in der Öffentlichkeit ist.
    Ich kann Anna verstehen, auch wenn ich einiges an ihrem Verhalten kritisiere.


    Zitat

    Original von Paradise Lost
    Trotzdem hat die Szene, als sie zu Serioschas Geburtstag plötzlich an seinem Bett steht mich gerührt und ich habe Mitleid empfunden, aber vermutlich eher mit dem Jungen. Der versteht doch die Welt nicht mehr.


    Mich hat der Junge auch beeindruckt. Ich hatte das Gefühl, dass er sich eine eigene Welt geschaffen hat, in die er sich flüchtet. Er hat ja auch keine andere Wahl. Wie stark sie Bindung zu Anna ist, ist mir erst in diesem Abschnitt deutlich geworden.


    Zitat

    Original von Clare
    ...
    Kitty zeigt, dass aus dem verwöhnten Mädchen aus gutem Hause eine mitfühlende, zupackende Frau geworden ist.


    Kitty hat diese mitfühlende und caritative Ader schon mehr gezeigt, z.B. als sie Dolly bei der Pflege der scharlachkranken Kinder geholfen hat. Ich empfinde sie auch als einen wirklich positiven Charakter.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin