Der Jahrhundersturm - Richard Dübell

  • Taschenbuch: 1056 Seiten
    Verlag: Ullstein Taschenbuch
    erschienen am 6. Februar 2015

    zum Autor:
    Richard Dübell stellt sich auf seiner Homepage so umfassend vor, dass ich hier keine Zusammenfassung machen möchte.


    zum Inhalt:
    Levin von Briest erbt von seinem Vater zwei Güter. Sein Bruder Alvin geht dagegen leer aus. Um seinen Platz in der Familie betrogen nimmt er den Ratschlag seines Freundes und Nachbarn an und bewirbt sich bei einem Preußischen Regiment. Otto von Bismarck kann selber durch ein Leiden keine Karriere beim Militär beginnen. Ihm schwebt stattdessen die Politik vor.


    Paul Baermann ist leidenschaftlicher Verehrer der Eisenbahn. Als die erste dampfbetriebene Zugmaschine in Nürnberg ist, muss er sie sehen. Als er sich nachts sogar unbefugt auf das Gelände begibt und durch ein Missgeschick der englische Triebwagen Adler beschädigt wird, steckt er in einer ernsthaften Misere. Das Geld, das er von seinem Vater bekommen hat, um beim englischen Eisenbahnbauer eine Ausbildung zu beginnen, gibt er nun zur Reparatur des Zugs aus.


    In Paris lebt Louise mit ihrer Mutter in heruntergekommenen Verhältnissen. Ihr Vater hatte seinen Reichtum am Spieltisch gelassen, bevor er sich selber richtete. Seitdem sind ihre Mutter und sie auf die Zuwendungen anderer Herren angewiesen. Louise lässt sich ebenfalls auf einen zwielichtigen Mann ein. Als sie ihre hoffnungslose Lage erkennt und Pierre dabei verletzt, flieht sie nach Deutschland.


    meine Meinung:
    Um diese vier Personen dreht es sich im historischen Roman von Richard Dübell. Die Charaktere sind überaus lebendig herausgearbeitet. Sowohl die fiktiven als auch die historisch belegten Personen bekommen so Leben eingehaucht. Auch die Umgebung der Preußischen Güter Briest und Kniephof werden farbig gezeichnet, sodass beim Lesen der Wind spürbar wird, der über die Felder weht oder das rhythmische Stampfen der Dampflokomotive bei ihrer Fahrt gen Westen.


    Richard Dübell hat mehrfach bewiesen, dass er ein großartiger Erzähler historischer Ereignisse ist. Auch seine neuzeitlichen Kriminalfälle sind immer gut durchdacht und vor allem spannend. Allen gemein ist der unterschwellige Humor, der den Leser mit einem Schmunzeln auf manche Szenen blicken lässt. Der Jahrhundertsturm vereint alles. Er ist eine spannende Geschichte um den Eisenbahnbau, intrigante Familiengeschichte, berührende Liebesgeschichte, historisch exakt recherchierte Dokumentation und Biografie eines der wichtigsten Deutschen Staatsmänner. Immer wieder blitzt dabei durch Wortwitz oder einer überraschenden Situation der Humor des Autors auf. Die Umstände rufen Sorgen und Nöte hervor, die der Autor durch die Figuren transportiert. Er lässt sie an der Missernte leiden, in den Fabriken zu unmenschlichen Bedingungen schuften und Hoffnung schöpfen, wenn sich Unternehmen für den Wohnungsbau und die Sozialkasse einsetzen.


    Die Entwicklung Europas war vor allem im 19. Jahrhundert rasant. Der industrielle Fortschritt ermöglichte es. Auch die Menschen mussten sich an diese Reformen anpassen. Nicht alle Neuerungen brachten jedoch mehr Zufriedenheit. Gerade die Arbeiter litten unter schlechten Bedingungen, was letztendlich zur Deutschen Revolution führte. Kurze Zeit später führte der Preußische Staat gegen Frankreich Krieg, der wieder Hunger und Armut brachte. Vor dieser Kulisse schildert der Autor eine ergreifende Lebens- und Liebesgeschichte dreier Menschen, die jeweils auf der Suche nach ihrem Platz im Leben sind. So unterschiedlich wie sie sind, verbindet sie doch eine tiefgehende Freundschaft. Jeder für sich ist so sympathisch vorgestellt, dass es mir schwer fiel, eine Lieblingsfigur zu finden. Ich bin ihnen gern quer durch Europa zu den verschiedenen Ereignissen gefolgt. Ob nun in Berlin die Proklamation des Kaisers stattfand, sich in Paris das Heer gegen den Feind formierte oder Alfred Nobel in Hamburg seine neueste Erfindung vorstellte, stets ist man als Leser hautnah dabei und hört den Jubel. Der Umbruch der Gesellschaft ist zwischen den Zeilen spürbar und fesselt dementsprechend.


    Nach 1045 Seiten sollte eigentlich alles gesagt sein. In diesem Fall sind sie fast ein bisschen wenig. Dübells Schreibstil trägt die Geschichte so überzeugend vor, dass man sich nur schwer wieder lösen kann. Gut 50 Jahre begleitet man den Werdegang des ersten Deutschen Reichskanzlers und dessen Freund Alvin von Briest. Wenn man jemanden so lange „kennt“ fällt der Abschied auf den letzten Seiten sehr schwer. Zudem gibt der Roman so viel Einblick in das Leben der Personen, dass manche Zusammenhänge deutlich hervorkommen, die in anderen Geschichtsbüchern nur am Rande erwähnt wurden. Nach derart intensiver Beschäftigung mit dem Thema bleibt dann nur noch das Revuepassieren beim Anblick der Landkarten auf der Umschlaginnenseite. Diese kann nur annähernd das wiedergeben, was das Jahrhundert noch zu bieten hatte und man ahnt, wieviel wohl unter den Tisch fallen musste. Ich habe hier eindeutig einen neuen Favoriten unter meinen historischen Romanen gefunden und hatte hundertprozentigen Lesespaß.

  • Hallo Büchersally,
    das Buch steht auf meiner Wunschliste ! Deine Rezi hört sich hervorragend an .
    Das Buch entspricht genau meinem Lesegenre , wäre was für meinen nächsten Urlaub mit 1056 Seiten.... Mal schauen vielleicht hat es ja jemand zum Tauschen....


    Gerade das 19. Jahrundert im Umbruch zu einer neuen Ära des Fortschritts...

  • Kurzbeschreibung (Quelle: amazon)
    Alvin von Briest ist ein echter Preuße. Er fühlt sich den alten Traditionen seines Heimatlandes verpflichtet, auch wenn es ihm nicht immer leicht fällt. Auf Rat seines Freundes Otto von Bismarck entscheidet er sich sogar für eine Militärlaufbahn. Ganz anders sein Freund Paul Baermann. Paul stammt aus dem Münchner Bürgertum und ist ein Mann des Fortschritts. Seine einzige Liebe gilt der Eisenbahn. Bis er in Paris Louise Ferrand kennenlernt, die ihn mit ihrer Schönheit verzaubert. Doch Louise ist schon einem anderen versprochen - seinem besten Freund. Sie heiratet Alvin von Briest, der sie vor Hunger und Tod gerettet hat. Ihr Herz aber gehört Paul. Während in Berlin Barrikaden gebaut werden, die Industrialisierung ihren Lauf nimmt und sich Deutschland schließlich unter Bismarck eint, müssen Alvin, Paul und Louise in einem Jahrhundert der Gegensätze ihren Weg finden.
    Berlin, Paris, München: die große historische Saga zur Bismarckzeit !


    Autor (Quelle: Einbandklappe)
    Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen bei Landshut. Als Autor von historischen Romanen stürmt er seit Jahren die Bestsellerlisten und legt nun mit Der Jahrhundertsturm ein großes Epos zur deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert vor.


    Allgemeines
    Erscheinungstermin: 6. Februar 2015 bei Ullstein, Taschenbuch mit 1056 Seiten
    Vier Bücher mit nummerierten Kapiteln, ausführliches Nachwort
    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven
    Die Handlung spielt an verschiedenen Orten (u.a. Paris, Berlin, München) im Zeitraum von 1840 bis 1871


    Zum Inhalt
    Die untereinander verbundenen Lebenswege der drei Protagonisten spielen sich vor dem Hintergrund bedeutender politischer und technischer Entwicklungen des 19.Jahrhunderts ab.
    Alvin von Briest, der als jüngerer Sohn eines traditionsbewussten preußischen Junkers bei dessen Tod leer ausgegangen ist, während sein Bruder das Gut geerbt hat, geht zum Militär, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zu diesem Schritt ermutigt ihn kein Geringerer als Otto von Bismarck, der - von einem benachbarten preußischen Gut stammend - in einer ähnlichen Lage ist wie Alvin.
    Paul Baermann, ein junger Münchner aus einfachen Verhältnissen, ist von der Erfindung der Eisenbahn fasziniert, sein Lebenstraum ist es, in Nürnberg die "Adler" (erste in Deutschland verkehrende Dampflokomotive) zu sehen und dann bei Robert Stephenson eine Ausbildung zum Ingenieur zu machen. Durch Leichtsinn und Pech "verspielt" er das Geld, das seine Eltern eigentlich als Mitgift für seine Schwester Lily vorgesehen haben. Lily entwickelt einen mörderischen und lebenslangen Hass auf den ihr gegenüber stets bevorzugten Bruder.
    Louise Ferrand ist in Not geraten, als ihre verwitwete Mutter Amélie von dem Mann, der sie als Geliebte ausgehalten hatte, verlassen wird. In den Slums von Paris kämpfen die Frauen um das Überleben, als Louise Alvin und Paul trifft, die einander erst vor Kurzem begegnet sind und die es entgegen ihrer vorherigen Pläne nach Paris verschlagen hat.
    Beide Männer verlieben sich in Louise, auch sie liebt beide Männer. Obwohl sie Alvin heiratet, bleibt sie auch Paul verbunden. Über drei Jahrzehnte hinweg kreuzen sich die Lebenswege der drei Hauptfiguren immer wieder, auch Otto von Bismarck, der Alvin freundschaftlich verbunden bleibt, tritt immer wieder in Erscheinung und nimmt wesentlichen Einfluss auf Alvins Lebensweg...


    Beurteilung
    Repräsentiert von den zwei Handlungssträngen um Alvin von Briest und seinen Freund Otto von Bismarck einerseits und Paul Baermann andererseits entrollt sich vor dem Leser ein großartiges Panoramabild des 19.Jahrhunderts. Man erlebt den Verlauf der Karriere Bismarcks vom unbekannten Gutsherrensohn bis zum Kanzler und "Schöpfer" des Deutschen Reichs, in diesem Teil des Romans über die politische Geschichte Deutschlands lässt der Autor bedeutsame geschichtliche Ereignisse (Barrikadenkämpfe in Berlin 1848, Dänenkrieg, Schlacht bei Königgrätz, Deutsch-Französischer Krieg ) in anschaulicher Weise aufleben.
    Der zweite Handlungsstrang, präsentiert anhand der Berufslaufbahn des technikbegeisterten Paul Baermann, geht detailliert auf die technischen Neuerungen der Epoche ein und zeigt auf, wie diese Neuerungen auch politischen Zielen (Truppentransporte per Eisenbahn, Kommunikation im Kriegsfall über Telegraphen etc.) dienen können. Auch hier zeichnet sich der Roman durch gründlichste Recherche aus, so wird z.B. das Eisenbahnunglück von Avenwedde vom 21. Januar 1851 detailliert und anschaulich geschildert.
    Louise pendelt sozusagen zwischen den beiden Welten und versucht, sich ein eigenes Betätigungsfeld aufzubauen, so ist sie maßgeblich mit der Versorgung verwundeter Soldaten (als Delegierte des Roten Kreuzes) befasst.
    Der Schreibstil ist lebendig und anschaulich, durch die Umtriebe der hasserfüllten Lily Baermann und eines früheren kleinkriminellen Liebhabers von Louise ist für reichlich Spannung gesorgt. Lediglich die Liebesbeziehung - die beiden Männer akzeptieren es, Louise quasi abschnittsweise zu "teilen" - ist etwas zu sehr im Vordergrund des Geschehens angelegt, ein solches Arrangement wirkt angesichts der geschilderten Epoche und des preußischen Ehrverständnisses nicht sehr glaubwürdig. Auch die Gefühlslage der Männer scheint in ihrer Sentimentalität etwas überzeichnet.
    Die Charakterisierung Bismarcks ist umso gelungener, er wird als Egozentriker, aber auch als Visionär dargestellt, eine widersprüchliche und wohl auch die interessanteste Figur in diesem Roman.
    In einem ausführlichen Nachwort erläutert der Autor Hintergründe zu geschichtlichen Fakten, eine Landkarte Deutschlands und Frankreichs im vorderen und hinteren Einband erleichtert dem Leser die Orientierung.


    Fazit
    Ein fesselnder historischer Roman, der Lesern mit Interesse für die Geschichte des 19.Jahrhunderts im Allgemeinen und Preußen / Bismarck im Besonderen uneingeschränkt zu empfehlen ist!
    9 Punkte

  • „Historischer Roman“ als Genre ist sehr weit gefasst. Selten passt er so gut wie für in diesem Fall. „Historisch“, da sich sehr viel reale Zeitgeschichte in dem Buch findet. Nicht nur bedeutende Persönlichkeiten wie Otto Bismark, Kaiser Wilhelm, Alfred Nobel oder Henry Dunant sowie zahlreiche historische „Nebenpersonen“ treten auf. Vor allem werden sehr viele überlieferte Ereignisse in die fiktive Romanhandlung eingeflochten. Dazu kommt der Zeitgeist, der ebenfalls hervorragend geschildert und transportiert wird - die Gedankenwelt der Revolutionäre oder des Militärs genauso wie der Erfindungsgeist und die Visionen von Ingenieuren.


    Dieses sehr detaillierte geschichtliche Hintergrundwissen ist eingewebt in die fiktive Romanhandlung um Alvin, dem preußischen Junkerssohn; Paul, dem Eisenbahnliebhaber und ihrer beider großen Liebe der Französin Louisa. Sehr fein aufeinander abgestimmt symbolisieren sie ganz unterschiedliche Strömungen des 19. Jahrhunderts und wirken doch harmonisch zusammen. Es macht großen Spaß, diese drei auf ihren Leben in den sehr bewegten Zeiten zu begleiten. Nur hin und wieder fand ich ihre Erlebnisse zu „zufällig“, um noch glaubwürdig zu sein und gegen Ende musste die Ausgewogenheit einem actionlastigen Schluss weichen.


    Mit über 1 000 Seiten ist es ein sehr umfangreiches Buch. Anfangs habe ich diesen Umfang mit leichten Bedenken entgegengesehen, doch im Nachhinein kann ich Büchersally nur zustimmen: es gäbe noch so viel mehr zu erzählen. Durch die sehr angenehme Schreibweise hätte ich auch gerne noch mehr gelesen. Durch die unaufgeregten und trotzdem detailgetreuen Schilderungen konnte ich mich zwar perfekt in die Zeit einfinden, wurde aber emotional nicht zu sehr belastet. Die Seiten lesen sich so weg wie nichts.
    Fazit: Ein hervorragend komponierter historischer Roman, der Historie und Fiktion perfekt miteinander verbindet. Für Freunde dieses Genres ein „Muss“. Da ich ein paar (fiktive) Ereignisse zu übertrieben fand, vergebe ich gute 8 Punkte.

    "Alles vergeht. Wer klug ist, weiß das von Anfang an, und er bereut nichts." Olga Tokarczuk (übersetzt von Doreen Daume), Gesang der Fledermäuse, Kampa 2021

  • Der Jahrhundertsturm ist das erste Buch, welches ich von dem Autor Richard Dübell gelesen habe und ich bin einfach begeistert.

    Das Buch spielt in den Zeitraum von 1840 bis 1871. In diesen über 30 Jahren begleiten wir die vier Personen Alvin von Briest, Louise Ferrand, Paul Baermann und Lily Baermann durch das Buch, welches das Schicksal zusammengeführt hat.


    Ich finde es gut beschrieben, wie sich Europa in der Zeit des Umbruchs befindet. Es gibt Revolutionen, in dem die Arbeiterschaft, auf die Barrikaden geht. Die Technik versucht sich gegen die Tradition durchzusetzen. Und im Hintergrund wird die Geschichte von Otto von Bismarck erzählt. Richard Dübell ist mit diesem Roman ein guter historischer Roman gelungen.


    Das Buch hat zwar über 1000 Seiten, aber ich war dennoch traurig, als ich es ausgelesen habe. Ich hätte gerne noch mehr gelesen, wie es weiter geht.


    Ich gebe diesem Buch 9 Punkte.

  • Meine Gedanken zum Roman
    Die Romanhandlung setzt im Jahr 1840 ein, endet im Sommer 1871 und wird auf zwei Ebenen entwickelt. Eine führt den Leser ins Preußische. Alvin von Briest, Zweitgeborener, geht nach dem Tod seines Vaters leer aus und schlägt auf Ratschlag seines Freundes Otto von Bismarck die Militärlaufbahn ein. Zur gleichen Zeit will sich der Münchener Paul Baermann zum Dampfmaschineningenieur ausbilden lassen. Ein Zwischenfall setzt diesem Traum aber ein jähes Ende. Beide begegnen sich in Berlin und ihr Weg führt sie nach Paris, dort arbeiten sie für Eisenbahngesellschaft und planen das Streckennetz. Schließlich verlieben sie sich in die gleiche Frau, aber Alvin heiratet Louise.


    Anhand des Schicksals der drei Hauptfiguren breitet Richard Dübell für seine Leser ein beeindruckendes historisches Panorama aus, in dem Zeitgeist sowie politische und technische Entwicklungen für das entsprechende Kolorit sorgen. So wird deutlich, welche Bedeutung der Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Entwicklung der Telegrafie sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für das Militär hat. Paul, als Vertreter der Zivilisten und Alvin als Militärangehöriger stehen mit ihrem Gedankengut jeweils für ihre Gesellschaftsschicht. Die politische Ebene wird hauptsächlich durch Otto von Bismarck geprägt, dem als Freund Alvins zwar keine Hauptrolle, aber trotzdem eine bedeutende in diesem Roman einnimmt. Die historischen Ereignisse reichen von der Märzrevolution im Jahr 1848 bis hin zur Gründung des Deutschen Reiches 1871.


    Das Verknüpfen von historischem Geschehen, technischem Fortschritt, Reflexion der gesellschaftlichen Entwicklung und fiktiver Romanhandlung ist Richard Dübell ausgesprochen gut gelungen. Er hat meisterlich erzählt und in dem über 1000 Seiten umfassenden Roman keine Längen aufkommen lassen. So baute sich vor meinem inneren Auge ein umfassendes authentisches Zeitbild auf. Ein wenig habe ich mich lediglich an der Ménage-à-trois zwischen Louise, Alvin und Paul gestoßen. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, dass diese Beziehung in aller Öffentlichkeit ohne Konsequenzen – zumindest für Alvins militärische Laufbahn – in der beschriebenen Zeit gelebt werden konnte. Das schmälert meinen sehr positiven Eindruck nicht wesentlich. Denn Richard Dübell ist es gelungen, mich wie ein stiller Beobachter zu den einzelnen Schauplätzen zu führen und mir die Atmosphäre hautnah zu vermitteln.


    „Der Jahrhundertsturm“ ist ein sehr interessanter und ebenso unterhaltsamer Roman, gut durchdacht und intelligent aufgebaut, dazu ist er nicht nur leicht zu lesen, sondern auch noch sehr lesenswert. Wer wie ich die Verbindung von erzählter und erdachter Geschichte und einem faktischen historischen Rahmen sehr mag, wird bei diesem sehr gut aufgehoben sein.

  • Alvin von Briest muss nach dem Tod seines Vaters erkennen, dass dieser alles seinem älteren Bruder Levin vermacht hat. Er selbst bekommt nichts! Und das obwohl das Erbe aus zwei Gütern besteht. Natürlich ist er enttäuscht, denn jetzt ist er auf die Gnade seines Bruders angewiesen oder er muss zum Militär gehen, wie ihm Otto von Bismarck den er zufällig trifft, sagt.
    Paul Baermann will bei Stevenson in England eine Ausbildung beginnen. Seine Eltern haben alles was sie hatten für ihn zusammengekratzt und sogar noch ein Darlehen aufgenommen, damit er diese Stelle bekäme. Doch Paul will bei einem Abstecher nach Nürnberg den ‚Adler‘ sehen, jene legendäre Lok, die die Strecke von Nürnberg nach Fürth gefahren ist. Doch in Nürnberg ist schon Feierabend. Was soll er tun? Da ihm seine Zeit nicht reicht um bis zum nächsten Tag zu warten, versucht er über das Tor zu klettern. Das endet in einer Katastrophe…
    Lily Baermann ist Pauls Schwester und wütend, weil ihr Erbteil für Pauls Leichtsinn draufgegangen ist. Sie hasst ihrem Bruder, weil er immer an erster Stelle stand. Und sie will ihn dafür Büßen lassen…
    Louise Ferrand wohnt mit ihrer Mutter in Paris. Ihr Vater hat alles verspielt und nun versucht ihre Mutter sich und ihre Tochter von einem Adligen aushalten zu lassen. Es geht auch einige Zeit gut, bis Louise mit ansehen muss, wie dieser ihre Mutter verlässt. Zwar gibt er ihr noch Geld, mit dem sie ein paar Monate überleben können, aber was dann. Louise lernt Pierre kennen und denkt er meint es ehrlich mit ihr…. Und dann retten zwei Deutsche, zwei Alboche wie sie in Frankreich genannt werden, Louise aus Pierres Händen: Alvin von Briest und Paul Baermann. Beide verlieben sich in das Mädchen, und das Louise verliebt sich in beide! Paul beschützt sie, denn er arbeitet in Paris bei einem Eisenbahnbauer, Alvin muss zurück nach Berlin und hofft, Louise bald nachholen zu können. Zwar wissen das beide, Louise und Paul und doch schlafen sie miteinander…
    Paul erhält aufgrund der Ereignisser in Nürnberg in Bayern keine Anstellung und zieht nach Berlin, wo Alvin seinen Freund bittet, sein Trauzeuge zu sein. Die beiden halten es nicht aus, und schlafen nochmal miteinander in der Nacht vor der Hochzeit Louises mit Alvin…
    Es geht in diesem Buch um die Liebe der drei Menschen, aber auch um Otto von Bismarck wie er zu dem geworden ist, der er letztendlich war. Und um die Kriege, die in der Zeit von 1840 – 1871 stattfanden. Und natürlich um die Beteiligung Alvins und Pauls an denselben.
    Wer wissen will, ob Alvin je herausgefunden hat, dass Louise etwas mit Paul hatte, was Lilly getan hat um ihrem Bruder zu töten und wer letztendlich das ganze Drama überlebt hat, sollte dieses Buch lesen.
    Das Buch ließ sich leicht und flüssig lesen. Zu Anfang war es etwas langatmig, bis dann endlich etwas Schwung hineinkam. Es war durchaus auch am Anfang interessant, aber halt ein bisschen gezogen. Aber trotzdem kam ich sofort in die Geschichte hinein konnte mich in die Protagonisten hineinversetzen. Ich konnte Lilys Wut verstehen, allerdings nicht ihre Wut auf ihren Bruder, denn der konnte schließlich am wenigsten dafür, dass eine Eltern ihn vorzogen. Doch damals hatten halt Frauen noch nichts oder nur wenig zu sagen. Und dann kam die Spannung auf, und sie blieb bis zum Ende des Buches. Auf jeden Fall hat es mich gefesselt und ich konnte mich fast nicht davon lösen, musste weiterlesen, wollte unbedingt wissen, wie es ausgeht. Es hat mir, trotz des etwas schleichenden Anfangs sehr gut gefallen und es war mir ein Vergnügen, es zu lesen.

  • Der Jahrhundertsturm - für mich ein wahres Jahrhundertepos um bei der Begrifflichkeit zu bleiben.


    Eine Geschichte, die gut ein halbes Jahrhundert umfaßt, die Figuren in dieser Zeit wirken und reifen läßt, so daß man sie als Leser ungern ziehen läßt.
    Zumindest ging es mir so.
    Für mich wird dieses Buch bestimmt zu meinen diesjährigen Jahreshighlights zählen, da bin ich mir jetzt schon sicher.



    Die drei Hauptcharaktere, Alvin von Briest, Paul Baermann & Louise Ferrand kommen anfangs aus verschiedenen Welten und doch lernen sie sich kennen und werden Freunde.


    Alvin, der zusehen muß, wie sein älterer Bruder das heimatliche Gut erbt, selber leer ausgeht und sich daher entschließt, zum Militär zu gehen.
    Paul, dessen größter Traum es ist, Eisenbahnen zu bauen, da diese seine große Leidenschaft sind.
    Louise, die mit ihrer Mutter in Frankreich lebt, durch den Alkoholismus des Vaters aus ihrem Haus vertrieben und in die Armutsviertel von Paris gestrandet.
    Trotz aller Unterschiedlichkeiten übersteht ihre Verbundenheit die Jahrzehnte.


    Die Geschichte wird begleitet von einem Nebencharakter, der Weltgeschichte schrieb. Otto von Bismarck.
    Durch die Freundschaft Alvin von Briests zu Otto von Bismarck ist der Leser beim Werdegang und Aufstieg des Kanzlers dabei, erlebt dessen Entscheidungen sozusagen aus erster Hand mit.


    Man könnte es so formulieren - Das Leben Alvins, Pauls und Louises wird mit dem Bismarcks verwoben und beide Seiten begleiten sich über ein halbes Jahrhundert.
    So werden die realen und fiktiven Personen geschickt miteinander verwoben, zudem wird die Geschichte Deutschlands und auch Frankreichs im 19. Jahrhundert erzählt. Dem Jahrhundert der industriellen Revolution, der großen Sprünge fortschrittlicher Ereignisse.


    Auch Nebenfiguren, wie bsp. Lily Baermann, Pauls Schwester, bekommen großen Raum, werden lebensecht dargestellt.


    Am Ende des Romans, der einem gar nicht so lang vorkommt mit seinen über 1000 Seiten, da er sich so flüssig und schnell lesen läßt, fiel es mir schwer, mich von den Figuren, insbesondere Paul, der mein Lieblingscharakter war, zu trennen.



    Fazit
    Ein sehr spannender Roman über die Entwicklung und den Lebensweg dreier sehr interessanter Charaktere, die begleitet werden vom Werdegang Otto von Bismarcks.
    Wunderbar flüssig geschrieben und eine sehr spannende Darstellung des 19. Jahrhunderts.


    Ich kann ihn nur empfehlen für wunderbare Lesestunden, die einen in eine zwar vergangene, aber noch nicht allzu lang zurückliegende Zeit eintauchen lassen.

  • Deutschland im Umbruch.Eine Generation zwischen Technik und Tradition. Drei junge Menschen, die in einem Jahrhundert voller Gegensätze ihren Weg finden müssen.
    Alvin von Briest , Junker und Preuße, schlägt die Militärlaufbahn auf Vorschlag Bismarcks ein, nachdem er im Testament seines Vaters nicht berücksichtigt wurde. Er versucht das jeweils beste aus der Situation zu erreichen, lange fragt sich der Leser,ob er die offensichtlichen Verhältnisse bemerkt.
    Paul Baermann aus München ist ein Anhänger der neuen Technik und begeistert sich für die Welt der Eisenbahn. Seine Träume für die zivile Nutzung der neuen Technologien zerplatzen, als diese auch für das Militär bedeutend werden.
    Beide treffen in Berlin aufeinander,sie werden Freunde.Bei einem Aufenthalt in Paris lernen beide Louise kennen und verlieben sich in sie.
    Louise Ferrands Leben hat sich komplett gedreht, sie versucht der Armut zu entkommen und heiratet Alvin, fühlt sich zu beiden Männern hingezogen. Ihr Leben in Preußen gestaltet sich nicht einfach, diese Situation wird gut vorstellbar beschrieben.
    Lilly,Schwester Pauls,fühlt sich benachteiligt,ist unzufrieden, geht einen anderen Weg und möchte für diese Ungerechtigkeit Rache nehmen.
    Diese unterschiedlichen Beziehungen begleiten den Leser bis zum furiosen Finale.
    Otto von Bismarck mit allen seinen Eigenheiten ist treffend beschrieben, er zieht seine Fäden in der Politik mit diversen Mitteln, seine Frau wird sehr unfreundlich dargestellt.
    Ein Roman, der mit spitzfindigen Dialogen; Unterhaltungen, die den Leser zum schmunzeln bringen angenehme Lesestunden bereitet. Manche Wörter, wie „ausgebrannt“ und „Papa“ lassen einen stutzen.
    Die zackigen Gespräche der Militärs,sowie der Junker sind der damaligen Zeit angepasst.
    Das politische und soziale Leben,die Unterschiede der Bevölkerungsschichten, die rasante industrielle Entwicklung werden sehr detailliert beschrieben.Man lernt die die Anfänge vieler bis heute bekannter Firmen kennen, erlebt den Barrikadenbau bei der Märzrevolution,die Schlacht bei Königsgrätz,den deutsch-französischen Krieg,der zur Gründung des deutschen Kaiserreiches führte.


    Das passende Cover, eine Karte auf der Innenseite und ein Nachwort des Autors runden den Roman ab..
    Ein facettenreicher,unterhaltsamer Roman,der dem Leser das Geschehen der damaligen Zeit sehr gut vermittelt und den man nur empfehlen kann.

  • Wir werden eher erleben, daß ein Telegramm einen Krieg auslöst als einen beendet, das versichere ich Ihnen. (Seite 709)


    Meine Meinung


    Einen langen Zeitraum umfaßt dieses Buch und das Gefühl, es seien seit Handlungsbeginn viele Jahre verflossen, stellte sich mehr und mehr ein, womit angedeutet ist, daß Form und Inhalt sich durchaus entsprechen. Wenn man zudem bedenkt, was in der Zeit zwischen Anfang und Ende (zwischen ca. 1840 und 1871) des Buches alles geschehen ist, wird einem klar, daß der Autor in der Tat (wie er im Nachwort schreibt) vieles weglassen mußte - und der Roman dennoch rund tausend Seiten umfaßt. Trotz des langen Zeitraumes und mancher Zeitsprünge empfand ich das Buch wie aus einem Guß, nie schien es mir, als ob etwas fehlen würde.


    Der Autor versteht es hervorragend eine Welt im Umbruch lebendig werden zu lassen, indem er seine Figuren an die Brennpunkte schickt, an denen - wie wir heute wissen - sich entscheidende Momente der Geschichte befinden. Das ist ziemlich zu Beginn die Begegnung mit dem „Adler“ - der ersten Lokomotive in Deutschland. Zu dem Zeitpunkt ist sie etwa fünf Jahre alt und Entwicklung wie Verbreitung der Eisenbahn stehen noch ganz am Anfang. Welch ein Unterschied zum Ende des Buches, als es bereits ein weitverzweigtes Eisenbahnnetz gab!


    Das Buch ist gut lesbar geschrieben, die Balance zwischen Beschreibung und Handlung empfand ich als sehr ausgewogen und genau richtig. Figuren wie Orte konnte ich mir gut vorstellen, durch den flüssigen Stil war ich nach einer Lesepause immer schnell in der Geschichte drin, ohne daß ich lange überlegen mußte, was denn bisher geschehen ist.


    Als „alter Eisenbahnnarr“ hat mich natürlich deren „Separatgeschichte“ innerhalb des Buches besonders interessiert. Auch in dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht, läßt der Autor doch quasi nebenbei die Umstände des Eisenbahnbaus mit in die Geschichte einfließen. Soll heute eine Bahnstrecke neu gebaut werden, so ist das ein Unterfangen von vielen Jahren, bis alleine die Planung so weit abgeschlossen ist, daß mit dem Bau begonnen werden kann. Denn kaum tauchen Gerüchte über eine Neubaustrecke auf, formiert sich auch schon Widerstand dagegen. Wäre das damals bereits so gewesen, die Eisenbahn wäre vermutlich schon in ihren ersten Jahren mit Pauken und Trompeten gescheitert und zur Randnotiz der Geschichte geworden. So aber wurden ohne viel Federlesens die Strecken geplant und gebaut, eine „Bürgerbeteiligung“ gab es nicht. Es versteht sich, daß es dabei auch zu eher unschönen Szenen und Entwicklungen kam.


    Immer wieder ein Thema ist auch die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ und die gegenseitigen Animositäten. Wenn ich die im Buch geschilderten gegenseitigen Vorurteile mit den heutigen gegenüber Ausländern vergleiche, so hat sich eigentlich in den letzten einhundertfünfzig nicht viel verändert.


    Ein Handlungsstrang, der mir nicht so zusagte und den ich am Ende denn doch als zu lang empfand, war der um Pauls Schwester Lily. Diese fühlt sich von ihm um ihr Erbe und um Anerkennung betrogen und trachtet ihm darob das ganze Buch hindurch nach dem Leben. Das, in Verbindung mit einer weiteren Motivation, die ich hier nicht spoilern möchte, brachte zwar ein Element der Spannung und des Abenteuers mit in das Buch, aber letztlich war mir das, vor allem gegen Ende hin, doch zu viel. Da hätte ich mir gewünscht, daß dieser Handlungsstrang deutlich früher zu einem Ende geführt worden wäre.


    Etwas irritierend scheint mir auch die Selbstverständlichkeit des Dreiecksverhältnisses zwischen Alvin, Louise und Paul, vor allem auch im Hinblick darauf, daß Alvin preußischer Offizier war. Ob da nicht eher die Einstellung des 21. denn die des 19. Jahrhunderts durchkommt?


    Besonders gelungen fand ich, daß Otto Fürst von Bismarck immer wieder auftauchte. Alvin lernte ihn in der Jugend kennen, wodurch sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Dabei kommt Bismarck, was seinen Charakter betrifft, nicht immer gut weg. Dennoch (ob der Autor wohl solches im Sinne hatte?) wurde er mir im Verlauf des Buches immer sympathischer und mein Respekt vor seiner Leistung wuchs. Momentan lese ich ein Buch über Bismarck und muß manchmal lächeln, wie gut Dübell so manches Ereignis in seinen Roman mit verwoben hat. Nur beim geschilderten Verhältnis zu seiner Frau Johanna bin ich mir nicht so sicher, ob das bzw. Frau von Bismarck selbst im Roman zutreffend dargestellt wurden. Die Schilderung von Gabriele Hoffmann in „Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer“ des Verhältnisses der beiden zueinander scheint mir doch eine andere zu sein. Für den Roman ist das allerdings eher weniger wichtig.


    Alles in allem bereitete mir das Buch viele, bisweilen vergnügliche, streckenweise lehrhafte, immer aber unterhaltsame Stunden. Ich habe die Figuren gerne durch die Jahrzehnte begleitet und dabei auch so manches über das Vorbild meines Hobbys - die Eisenbahn - erfahren. Ein, bis auf die genannten Kritikpunkte, rundum gelungenes Buch, das ich vermutlich irgendwann wieder lesen werde.



    Mein Fazit


    Ein herausragendes Leseerlebnis, das mir „mein“ Jahrhundert, das Neunzehnte, in fast nicht gekannter Weise zum Leben erweckte, Zusammenhänge offenbarte, die mir bisher verborgen geblieben waren und mich (wieder) angeregt hat, mich mehr mit dieser Zeit und vor allem Otto Fürst von Bismarck zu beschäftigen.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")