'Tom Jones' - Buch 1 - Buch 2

  • Ich habe gestern Abend schon mal die ersten 20 Seiten angefangen. Kapitel 1 ist ja schon mal etwas Besonderes. Er vergleicht Schriftstellern mit Gastwirten. Auch ein Schriftsteller muss seinem Gast, dem Leser eine Auswahl bieten nicht nicht wie ein Gastgeber zu Hause etwas nach seinem eigenen Geschmack vorsetzen.

    Das fand ich eine sehr interessante These gerade vor dem heutigen Hintergrund, dass jeder Schriftsteller nur noch ein Gericht kochen darf und weitere Gerichte unter neuen Namen. :gruebel

    Don't live down to expectations. Go out there and do something remarkable.
    Wendy Wasserstein


  • Das fand ich eine sehr interessante These gerade vor dem heutigen Hintergrund, dass jeder Schriftsteller nur noch ein Gericht kochen darf und weitere Gerichte unter neuen Namen. :gruebel

    Interessant finde ich in dem Zusammenhang das Vorwort von Elizabeth Gaskell zu ihrer Novel North and South. Sie schreibt, trotz der behutsamen Bedingungen bei der wöchentlichen Veröffentlichung ihrer Geschichte sei es ihr nicht möglich gewesen, die Ereignisse in ihrer beabsichtigten Art zu entwickeln. Gerade gegen Ende der Geschichte hätte sie noch einige Kapitel hinzugefügt.

  • Mir stach sogleich ein Absatz am Ende des 2. Kapitels ins Auge. Fielding wendet sich direkt an seinen Leser. Er mahnt an, in seiner Geschichte gelegentlich abzuschweifen. Dafür sei er "selbst ein besserer Richter als irgendein armseliger Kritikus." (A&W S.9)


    "Und hier muß ich all diesen Kritikern nahelegen, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sich nicht in Dinge oder Werke einzumischen, die sie nichts angehen; ..." (A&W S.9)


    Da ist mir sofort eine Stelle in Jane Austens Northanger Abbey eingefallen. Dort bekennt sie im 5. Kapitel, Romane zu lesen. Offensichtlich war es seinerzeit Mode, sich über Romane zu mokieren. Sie schreibt:


    "Und während die Fähigkeiten des neunhundertsten Kompilators eines »Abrisses der englischen Geschichte« oder eines Mannes, der in einem Band einige Dutzend Zeilen von Milton, Pope und Prior mit einem Artikel aus dem Spectator und einem Kapitel aus Sterne sammelte und veröffentlicht, von tausend Federn gepriesen werden, ist es Mode geworden, die Begabung des Romanschriftstellers, der zu seiner Empfehlung nichts weiter als Genie, Geist und Geschmack hat, herabzusetzen, seine Mühe zu unterschätzen und seine Werke zu verachten."

    (Zitat: Austen, Jane: Northanger Abbey, Übersetzung von Ursula und Christian Grawe 2013 (11981), S.34.

  • Mit „Tom Jones“ habe ich auch schon gestern Abend begonnen. Es sei zugegeben, mit nicht gerade großen Enthusiasmus. Das liegt immer noch an Tolstoi. Der hat es auf mir selbst nicht nachvollziehbare Weise geschafft, daß ich mental immer noch in Russland bin. Für Herbst ist das bei mir fast schon normal, aber über Weihnachten hinweg recht ungewöhnlich. Das hat seinerzeit nicht mal Scholochow geschafft - und das will etwas heißen. Weshalb ich von Pemberley am liebsten einige Jahrzehnte vor und wieder nach Russland „gereist“ wäre (da gibt es so ein paar Brüder, die ich dringend endlich einmal "besuchen" sollte), gäbe es da nicht diese seit langem vereinbarte Leserunde.


    Allerdings hat mich Henry Fielding mit seinem Schreibstil, der mir außerordentlich gut gefällt und fast ständig ein Lächeln auf meinen Lippen bewirkt, sehr schnell schon auf den ersten Seiten für sich eingenommen. Dieser bisweilen etwas umständliche, altmodische Stil ist genau mein Fall. Zumal die Übersetzung (Siegfried Lang) einen hervorragenden Eindruck macht. Zu keiner Zeit habe ich das Gefühl, einen im Original englischen Text zu lesen (es ist mir schon passiert, daß ich beim Lesen einer Übersetzung im Kopf beim Lesen ins Englische „rückübersetzt“ habe).


    Den Vergleich eines Autors mit einem Gastwirt war auf den ersten Blick irritierend und seltsam, auf den zweiten nicht ganz so seltsam. Denn wenn mir seine (des Autors) „Speisekarte“ nicht zusagt, muß ich eben woanders hin gehen, lies das Buch abbrechen. Bisher sieht es allerdings aus, als ob mir seine „Speisekarte“ ungemein zusagt. :-]


    Zum eigentlichen Inhalt später mehr, wenn ich etwas weiter bin.


    Ach so, ich lese die dreibändige (vergriffene) Ausgabe aus dem Artemis & Winkler Verlag (Winkler Weltliteratur), Gebundene Ausgabe: 992 Seiten, ISBN-10: 3538063281; ISBN-13: 978-3538063280

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    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Interessant finde ich in dem Zusammenhang das Vorwort von Elizabeth Gaskell zu ihrer Novel North and South.

    Das habe ich glatt gleich nachgelesen, ich habe eine englische Ausgabe von "North And South" (und diese vor einigen Jahren schon gelesen). Übrigens wollen wir dazu im Mai eine Leserunde halten:

    LR-Vorschlag der Jane-Austen-Eulen: Elizabeth Gaskell-Norden und Süden ( ca. Mai 2018)


    Offensichtlich war es seinerzeit Mode, sich über Romane zu mokieren. Sie schreibt:

    Vor einiger Zeit, weshalb ich das nicht mehr so genau im Kopf habe, habe ich eine Literaturgeschichte gelesen (Ralph Pordzik "Der englische Roman im 19. Jahrhundert (Grundlagen der Anglistik und Amerikanistik (GrAA), Band 22)", Erich Schmidt Verlag, 2001, ISBN ISBN 3503061010). Daraus ist mir noch hängen geblieben, daß Romane seinerzeit doch recht verpönt waren und ihr Aufschwung erst begann.

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    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Übrigens wollen wir dazu im Mai eine Leserunde halten:

    LR-Vorschlag der Jane-Austen-Eulen: Elizabeth Gaskell-Norden und Süden ( ca. Mai 2018)


    Ich weiß, deshalb habe ich mir vorsorglich schon einmal das E-Book heruntergeladen und etwas hineingeschaut. :grin


    Die Geschichte ist mir allerdings vertraut. Ich liebe die Verfilmungen von North & South (natürlich die lange Version), Wives & Daughters sowie Cranford und die Rückkehr nach Cranford. Aber gelesen habe ich von Elizabeth Gaskell bisher noch kein Buch. Ich dachte, es könnte nicht schaden, das zu ändern. Denn ich bin zurzeit wieder ganz in England angekommen. :chen


    Das liegt immer noch an Tolstoi. Der hat es auf mir selbst nicht nachvollziehbare Weise geschafft, daß ich mental immer noch in Russland bin.

    Ein Glück, dass Krieg und Frieden so viele Seiten hat. Gefühlte 500 Seiten kann ich mich nur an Worte von Dir erinnern, die in die Richtung gingen, ich werde mit dem Schreibstil nicht warm und die Charaktere, da weiß ich auch noch nicht, was ich von denen halten soll. :lache:lache:lache

  • Das Buch ist herrlich. Grinsend sitze ich hier.

    Seite 49, Kapitel 11.

    "...und die Waden an seinen Beinen umfaenglicher als die eines holländischen Bürgermeisters."

    Ich wusste gar nicht, dass selbige ordentliche Waden hatten. :lache:lache

    Don't live down to expectations. Go out there and do something remarkable.
    Wendy Wasserstein

  • Huch, was für eine blumige und ausschweifende Sprache :wow Ich ertappte mich mehrmals dabei, zu lesen, ohne aufzunehmen was ich da eigentlich lese. Ich tu mich da schwer, die wirklich relevanten Information nicht zu überlesen. Plötzlich war da das Kind.... musste grad zurückblättern und den Abschnitt nochmals lesen :lache


    Kapitel 1.... omg etwas vergleichbares habe ich ja noch nie gelesen. finde ich ein wenig irritierend. Auch sehr speziell, wie der Autor seine Leser "persönlich anspricht".

  • Ich habe gestern Nacht zumindest mal in das Buch reingelesen, wirklich weit bin ich noch nciht gekommen. So richtig packt es mich noch nicht, aber vielleicht kommt das noch.

    Ich bin mental noch in den USA, habe ich doch vor kurzem erst die Biografie von Peter Steele beendet. Da Type o meine Lieblingsband ist, hat mich dieses Buch noch nachhaltig im Griff.

    Ich hoffe, "Tom Jones" schafft es die Tage, mich abzulenken und zu packen.

    Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gewöhne ich mich schnell dran...

  • Buch 2 - habe ich gerade erst begonnen - fängt genauso an, mit der Beschreibung der Tätigkeit des Schriftstellers.

    Die altdeutsche Schrift ist gewöhnungsbedürftig. ae und th :-)

    Irgendwie sehe ich eine Mischung aus Sir Scott und Stifter.

    Mein Buch enthält sogar Bilder.

    Don't live down to expectations. Go out there and do something remarkable.
    Wendy Wasserstein

  • Die Widmung macht schon klar, dass Fielding kein Freund kurzer Sätze war, sondern zu Ausschweifungen neigte. Als ich zu meinem Mann sagte, das erste Kapitel hätte man auch in 4 Sätzen zusammenfassen können, meinte er, ist halt Prosa. :)

    Lange nichts mehr in dem Stil gelesen, bin gespannt, ob ich die Geduld aufbringe, bis zum Ende zu lesen. Diese Sprache gefällt mir richtig gut, vor allem der Humor hat es mir angetan.


    In Kapitel 1 spricht Fielding die Struktur der Geschichte an. Kommt mir so vor, als hätte er die Handlung bereits komplett im Kopf gehabt, bevor er zu schreiben begann.


    Ich habe übrigens eine andere Übersetzung, meine ist von Horst Höckendorf im Insel-Verlag (zuerst Aufbau Verlag, 1964).


    Ich mag den Stil, den Leser direkt anzusprechen und vorsorglich zu bemerken, Kritiker nicht zu ernst zu nehmen und gleichzeitig davor zu warnen, dass er gelegentlich zu

    Ausschweifungen neige - herrlich.

  • Huch, was für eine blumige und ausschweifende Sprache :wow Ich ertappte mich mehrmals dabei, zu lesen, ohne aufzunehmen was ich da eigentlich lese. Ich tu mich da schwer, die wirklich relevanten Information nicht zu überlesen. Plötzlich war da das Kind.... musste grad zurückblättern und den Abschnitt nochmals lesen :lache


    Kapitel 1.... omg etwas vergleichbares habe ich ja noch nie gelesen. finde ich ein wenig irritierend. Auch sehr speziell, wie der Autor seine Leser "persönlich anspricht".


    So erging es mir am Anfang auch. Nach einer gewissen Gewöhnung, und auch weil die Geschichte anfängt interessant zu werden, hat sich das rasch gelegt. :-]


    In ihren frühen Werken spricht Jane Austen ihren Leser auch direkt an. ;)



  • Das erste Buch habe ich jetzt gelesen.


    Das Buch ist herrlich. Grinsend sitze ich hier.

    Seite 49, Kapitel 11.

    "...und die Waden an seinen Beinen umfaenglicher als die eines holländischen Bürgermeisters."

    Ich wusste gar nicht, dass selbige ordentliche Waden hatten. :lache:lache

    Kapitel 11 fand ich auch besonders köstlich. Obwohl es bei mir nur die Waden "eines ordinären Lastträgers" sind. :lache


    Für mich das Unglaublichste: Ich verstehe endlich Mr. Collins! 8|


    Die zweimalige höfliche Ablehnung - in diesem Fall eines Heiratsantrages - entsprach durchaus einem standardisierten Benehmen vonseiten der Dame! So konnte Mr. Collins sich tatsächlich "berechtigt" zur der Annahme kaprizieren, Lizzy wolle sich nur ihrem Stand entsprechend zieren. Eine Zusage seines Antrages aber sei gewiss. :heisseliebe Nur Lizzy ließ es eindeutig an der schicklichen Höflichkeit ihrer Absage mangeln! :grin

  • Aber gelesen habe ich von Elizabeth Gaskell bisher noch kein Buch. Ich dachte, es könnte nicht schaden, das zu ändern.

    Das kann bestimmt nichts schaden. :-) Es ist zwar schon eine Weile her, daß ich "North And South" gelesen habe, doch es ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Zumal die Autorin wußte, wovon sie schrieb (Stichwort Industrialisierung).


    Ein Glück, dass Krieg und Frieden so viele Seiten hat. Gefühlte 500 Seiten kann ich mich nur an Worte von Dir erinnern, die in die Richtung gingen, ich werde mit dem Schreibstil nicht warm und die Charaktere, da weiß ich auch noch nicht, was ich von denen halten soll.

    Ähm, ja, da war doch was. Das hängt, ohne hier weiter darauf eingehen zu wollen, mit der Entstehung der Leserunde und ihrem Verlauf zusammen. Als die beginnen sollte, war die Eule offline und ich hatte überhaupt keine Lust auf diesen Russen, habe mich aber gezwungen zu beginnen, weil ich nicht wußte, was die anderen machten. Es dauerte, wenn ich mich recht entsinne, gut drei Wochen, bis ich mit dem Buch richtig warm wurde - aber dann!


    Bei diesem Buch hier ist es etwas anders. Ich hatte zwar jetzt auch keine Lust drauf, aber der Stil des Autors gefällt mir dermaßen gut, daß er mich schon "eingefangen" hat. Um mich allerdings ganz dem "Tom Jones" widmen zu können, habe ich jetzt erst ein Rezensionsexemplar fertig gelesen, so daß ich hier erst heute Abend weiter komme.


    Ich bin mental noch in den USA,

    Und ich immer noch in Russland. :rolleyes



    Die altdeutsche Schrift ist gewöhnungsbedürftig. ae und th

    Irgendwie sehe ich eine Mischung aus Sir Scott und Stifter.

    Es gab mal eine Zeit, da habe ich eine gebrochene Schrift schneller gelesen als eine Antiqua. Und von wegen "ae" und "th": meine Gustav-Freytag-Gesamtausgabe (1896-1898) kann da auch noch "ey" (statt "ei") und manches Andere bieten - ich liebe diese altertümliche Schreibweise.


    Mischung aus Sir Scott und Stifter - hm, darüber muß ich erst mal nachdenken.




    Für mich das Unglaublichste: Ich verstehe endlich Mr. Collins!

    :yikes



    Die zweimalige höfliche Ablehnung - in diesem Fall eines Heiratsantrages - entsprach durchaus einem standardisierten Benehmen vonseiten der Dame! So konnte Mr. Collins sich tatsächlich "berechtigt" zur der Annahme kaprizieren, Lizzy wolle sich nur ihrem Stand entsprechend zieren. Eine Zusage seines Antrages aber sei gewiss. Nur Lizzy ließ es eindeutig an der schicklichen Höflichkeit ihrer Absage mangeln!

    :grin :chen

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)

  • Ich habe heute auch mit dem Buch begonnen.

    Ich war zuerst mehr als überrascht von dem Schreibstil. Ich hatte mir etwas ganz anderes erwartet. ( Irgendwie hatte ich mich schon auf lange Landschaftsbeschreibungen wie bei Stifter eingestellt) . Auf jeden Fall hat mich das Buch schon mal positiv überrascht. Der Humor und die Ironie, die in fast jedem Abschnitt mitschwingen gefallen mir richtig gut. Ich habe zum Teil das Gefühl, der Autor nimmt hier wirklich gar nichts richtig ernst. Und auch dieses Stilmittel, den Leser persönlich anzusprechen, gefällt mir. Ich komme mir so eingebunden in die Handlung vor.

    Ich bin noch nicht sehr weit fortgeschritten beim Lesen . Und ich denke auch, dass ich wohl relativ lange an diesem Roman lesen werde denn ich merke, dass meine Aufmerksamkeit immer nur für ein paar Kapitel reicht, dann brauche ich wieder etwas Abstand von diesen langen Schachtelsätzen und der ausschweifenden Sprache.

    Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass ich durch die Leserunde hier dieses besondere Buch kennenlernen darf. Sonst hätte ich es wohl nie im Leben gelesen.:)

  • Ich habe jetzt (bevor ich mit dem Lesen beginne) hier reingespitzt und bin mehr als gespannt. Beruhigend, daß der Stil doch etwas von Stifters abweicht. Mir hat zwar das Entschleunigende und ausufernde Beschreibung der Landschaften etc. gefallen, aber auf die Dauer war es dann doch langatmig. Also ich freue mich auf den Humor bei einem Klassiker. Bis heute Abend, dann werde ich berichten :winkt