'Die Hochzeit der Chani Kaufman' - Kapitel 29 - Ende

  • Ich bin froh, dass sich Baruch und Chani trotz der missglückten Hochzeitsnacht, was ja fast zu erwarten war, verstehen, über ihre Gefühle und Bedürfnisse anfangen zu reden und sich selbst noch eine Chance geben.


    Für die Rebbetzin hoffe ich, dass sie ihren Frieden findet und ein gutes neues Leben. Vielleicht erkennt aber auch Chaim, was er falsch gemacht hat und.... naja, das sind Spekulationen.

    Es war wirklich ein sehr schönes Buch, mit Freude und Leid, Hoffnung und Verlust.

    Im Prinzip sind die heutigen Chassidim ja eher eine religiöse Sekte des orthodoxen Judentums . Sie gründet sich auf Israel ben Eliser. Für mich wäre das zu reglementiert und bevormundend aber, wie man am Beispiel Avroms sieht, auch eine starke Bindung und Sicherheit, die das persönliche Glück überwiegt.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Da ich nicht weiß, wie oft ich in den nächsten Tagen am Computer sitzen kann, schon eine kurze Einschätzung.

    Mir hat der Einblick in eine völlig fremde Welt gut gefallen, obwohl ich nicht viel Verständnis für diese orthodoxe Art von Glauben aufbringen kann.

    Aber die Autorin hat es geschafft, ihre Figuren ganz lebendig und anschaulich darzustellen mit all ihren Zweifeln und Unsicherheiten, ihren ganz unterschiedlichen Entwicklungen.

  • So, ich habe auch fertig.

    Sogar bei der Hochzeit feiern Männer und Frauen getrennt, das ist ja echt schade. Die Hochzeitsnacht war dann das erwartete Desaster, die arme Chani! :-( Was mich an der Stelle gewundert hat, ist, dass Baruch auch so absolut ahnungslos war. Ich hätte eigentlich schon erwartet, dass wenigstens bei den Jungs ein gewisser Erfahrungsaustausch untereinander stattfindet - gut, Avromi muss ich bedeckt halten, wenn er seine Beziehung zu Shola nicht öffentlich machen will, aber es gibt doch auch ältere Brüder, Cousins, etc.? Gleiches auch bei Chani, ich finde das sehr schade, dass nicht mal die älteren Schwestern sie richtig aufgeklärt haben - da hätte ihr einiges erspart bleiben können. Was mir da zwischendurch mal durch den Kopf gegangen ist: sie ist doch öfter mal in dieses Shopping Center gegangen - warum ist sie da nicht einfach mal in ein Internet-Café gegangen und hat ein bisschen im Internet recherchiert, gerade auch zum Thema Verhütung, das ihr ja schon am Herzen liegt? Ist Internet auch so streng verboten? :gruebel


    Das Baruch und Chani sich dann doch wieder versöhnt haben, war tröstlich zum Abschluss, aber ich fand die beiden doch auch ein wenig naiv. Ich meine, es passt zu ihnen und ihrem Alter, aber wenn man es mit dem Schicksal der Rebbetzin oder auch dem von Chanis Mutter gegenüberstellt - da ist harte Aufschlagen auf dem Boden der Realität doch eigentlich vorprogrammiert...


    Die Rebbetzin ist tatsächlich noch aus ihrem Leben ausgebrochen, das hätte ich mir so nicht erwartet. Ich fand das sehr mutig von ihr, aber ich frage mich schon, was sie realistisch für Aussichten auf ein eigenständiges Leben hat? :gruebel Ihr Mann zeigt sich ja bislang verständnisvoll, vermutlich auch, weil er selbst so von Schuldgefühlen geplagt ist, aber wenn sie ihm damit wirklich beruflich den Boden unter den Füßen wegzieht, weil er als Rabbi, dem die Frau davongelaufen ist, nicht mehr glaubwürdig ist, was dann? Für mich bleiben hier viele Fragen offen.


    Übrigens, die beiden Schwulen, die in Hampstead Heath im Gebüsch verschwinden, hätte man ruhig weglassen können, die tragen nicht wirklich was bei - dass Rivka eine weltoffene Frau ist, wird ja auch so klar. Erschreckend fand ich, dass sie in "normaler" Kleidung für die anderen Gemeindemitglieder sofort unsichtbar wird.


    Mir hat das Buch auch gut gefallen; es war ein interessanter Einblick in die Welt der orthodoxen Juden - und ich bin froh, nicht in einer solchen Gesellschaft leben zu müssen!


    LG, Bella

  • Ich bin auch durch - wirklich ein beeindruckendes Buch.


    Für Chani und Baruch habe ich mich auch gefreut. Traurig nur, dass Liebe manchmal nicht reicht und Chaim und die Rebbetzin keine Chance haben. Ich glaube nicht daran, dass es eine Chance gibt, dass Chaim sich ändert. Auch er kann nicht aus seiner Haut. Wo die Probleme liegen, ist ihm ja bewusst. Aber er kann halt nicht wirklich anders.


    Das "unsichtbar werden" der Rebbetzin kann ich schon nachvollziehen. Ich habe selbst gelegentlich Probleme, Leute wiederzuerkennen, wenn sie anders als sonst gekleidet sind oder ich sie an Orten treffe, wo ich sie nicht erwarte. Wenn dann noch der völlige Stilwechsel bei der Kleidung und die fehlende Perücke dazukommt - ich glaube, ich hätte sie auch nicht erkannt.

  • Ich bin durch, und mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich hätte gerne eine Fortsetzung - die Figuren sind so lebensnah, dass ich einfach gerne wissen würde, wie es mit ihnen weitergeht


    Die Rebbetzin ist ganz schön mutig. Andererseits ist sie erst 44, hat vor ihrer Ehe "normal" gelebt und sie hat doch auch ein Recht auf persönliches Glück, welches sie bei ihrem Mann nicht mehr findet. Die Szene am Samstag-Abend im Kino fand ich bezeichnend - für unsereins ein völlig normaler Samstagabend, für sie der Ausbruch aus ihrer Welt.


    Chani und Baruch haben noch einiges vor sich, zum Glück sind ihre Vorstellungen von der Zukunft ähnlich. Und der Artikel, den ich im vorherigen Abschnitt verlinkt hatte, passte hier unerwartet gut ...


    Insgesamt ist das Buch eigentlich das komplette Gegenteil zu dem, was ich erwartet hatte. Die Hochzeit ist nicht der Anfang, sonder alle Ereignisse laufen darauf zu. So gesehen passt der Originaltitel, wenn man ihn mit Die Verheiratung der Chani Kaufman übersetzt, deutlich besser. Mir hat es jedenfalls sehr gut gefallen - es ist lehrreich, etwas romantisch, auch spannend, humorvoll, dramatisch und lebensecht. Für mich ein Lesehighlight 2019.

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Ich finde es interessant, dass trotz des Ausbruchs der Rebbetzin auch bei Juden das Buch sehr gut ankommt:

    https://www.juedische-allgemei…kultur/lieben-im-schtetl/

    Aber (zum Glück) gibt es wohl auch mehr liberale Juden als streng religiöse.


    Wie war das eigentlich mit den ältesten Söhnen von Mrs Levy? Die, welche als geschäftstüchtiger beschrieben wurden. Lässt sich ein normaler, mit Ehrgeiz ausgeübter Beruf mit den chassidischen Regeln kombinieren? Ich stelle mir das etwas schwierig vor.

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    C.S. Lewis

  • Danke für den linke breumel . Die jüdische Allgemeine lese ich auch gerne. Und sie mögen das Buch und teilen sozusagen unseren Eindruck. Da sind wir doch gar nicht so verkehrt.

    Wie war das eigentlich mit den ältesten Söhnen von Mrs Levy? Die, welche als geschäftstüchtiger beschrieben wurden. Lässt sich ein normaler, mit Ehrgeiz ausgeübter Beruf mit den chassidischen Regeln kombinieren? Ich stelle mir das etwas schwierig vor.

    Ich habe vermutet, denn es wird nicht davon gesprochen, dass Geld unabhängiger macht und sie vielleicht auch nicht so orthodox leben wie die anderen in dem Stadtteil. Weil sie es sich leisten können.

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  • breumel Danke für den Link! :-)


    Zum Thema Berufswahl: Überlegt doch mal, wovon die Juden früher gelebt haben: die Zünfte waren ihnen verwehrt, also haben sie sich aufs Geldverleihen und den Handel mit Gold, Schmuck etc. verlegt. Ich glaube nicht, dass es in der Tora Vorschriften gibt, die einen gewinnbringenden Broterwerb verbieten. Solange die Mizwat erfüllt werden, ist vermutlich alles im grünen Bereich.

    Das mit dem Armutsgebot ist eher ein Thema für die katholischen Klöster im Mittelalter, die Reichtum ohne Ende angehäuft haben, obwohl den Mönchen ja eigentlich ein Leben in Armut vorgeschrieben war.


    LG, Bella

  • Ich dachte eher an das Problem mit den vielen Gebetszeiten und mit dem koscheren Essen. Kommt mir im Buch jedenfalls so vor. Einen Job mit Schichtdienst stelle ich mir da schwierig vor, und Geschäftsessen und Meetings sind auch etwas komplizierter.

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  • Ich weiß nicht ob es mal in einem Film war, da ging es auch um die regelmäßigen Gebete, oder wurde es sogar im Buch erwähnt? Die tagsüber versäumten Gebete kann man abends oder wenn Zeit ist nachholen. Und Essen kann man sich ja mitnehmen. Im Flugzeug gibt es ja auch kosheres Essen.

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  • Die Trennung von Milch und Fleisch geht ja noch, aber gleich die Kühlschränke zu trennen fand ich schon extrem. Und sogar das Geschirr zu trennen - dazu fällt mir nichts mehr ein. Oder sogar separates Geschirr für die Frau während sie Nidda ist :bonk Diese Angst vor Menstruationsblut ist schon absurd.

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    C.S. Lewis

  • Eine schöne Besprechung in der jüdischen Allgemeinen, danke breumel .


    Der Roman ist ja auch relativ objektiv gehalten, zeigt wie es in dieser jüdisch-orthodoxen Gemeinde läuft ohne zu werten.

    Es bleibt den Lesern überlassen, die Dinge für sich einzuordnen und zu bewerten.

    Mich hat es ungeheuer erstaunt, dass es mitten in London und wahrscheinlich auch in anderen Metropolen solche extremen Parallelwelten gibt.

    Und besonders schwierig ist es sicher für diejenigen, die sich in beiden Welten bewegen, wie z.B. Avromi.

  • Und sogar das Geschirr zu trennen

    An der Stelle frage ich mich gerade, ob sie dann alles zusammen in dieselbe Spülmaschine stellen, oder ob da dann auch noch getrennt wird... :gruebel

    Manche dieser Regeln mögen in der Zeit, wo sie entstanden sind, aufgrund der hygienischen Bedingungen durchaus ihren Sinn gehabt haben, aber heute ist einiges davon echt obsolet. Auch das Verbot von Schweinefleisch ist ja u.a. wegen der Trichinengefahr entstanden und nicht, weil sich diese Tiere gern im Matsch suhlen.


    LG, Bella