Haruki Murakami: 1Q84

  • Hoffen auf den dritten Teil


    Tengo bewirbt sich schon seit Jahren immer wieder für den Debütpreis einer Literaturzeitschrift, ist aber bisher nie über die Endrunde hinausgekommen. Der zuständige Redakteur bietet ihm nun an, ein Manuskript umzuarbeiten. Der Roman "Die Puppe aus Luft", geschrieben von einer Siebzehnjährigen, ist zwar inhaltlich beeindruckend und dramaturgisch fesselnd, aber so schlecht geschrieben, dass er keine Chancen hätte. Auch Tengo ist von diesem Text fasziniert, also nimmt er das unmoralische Angebot an. "Die Puppe aus Luft" gewinnt den Preis und wird zum Bestseller. Auf merkwürdige Weise war Tengo genau der richtige, um das Manuskript des seltsamen, wortkargen Mädchens umzuarbeiten.


    Aomame fühlt sich zu älteren Männern mit schütterem Haar hingezogen, mit denen sie One-Night-Stands verbringt, ansonsten ist ihr Leben - wenigstens nach außen - höhepunktarm. Nur zwei Menschen wissen, dass Aomame eine Technik perfektioniert hat, mit der man Menschen so gut wie spurlos töten kann. Eine seltsame, schwerreiche ältere Dame hat die junge Frau angeworben, um Männer um die Ecke zu bringen, die sich ihren Frauen gegenüber äußerst brutal verhalten haben. Der nächste, der vermeintlich letzte Auftrag für Aomame aber wird ein besonderer werden.


    Tengo und Aomame kennen sich aus der Schulzeit, haben sich allerdings aus den Augen verloren, weil Aomame seinerzeit den Zeugen Jehovas angehörte und Tengo seine Freizeit damit verbringen musste, den Vater auf seinen Touren als Fernsehgebühreneintreiber zu begleiten. Das aber ist nicht das einzige, was die beiden verbindet. Die junge Autorin, deren Buch Tengo umgeschrieben hat, ist einer abgeschotteten religiösen Landkommune entflohen. Und Aomames nächster Auftrag betrifft den Anführer dieser Kommune. Zudem ist die zarte Liebesbande, die zwischen den beiden zehnjährigen Schülern seinerzeit entstanden war, das einzig echte Gefühl, das die beiden erwachsenen Figuren im Tokio des Jahres 1984 noch empfinden.


    Dann bemerkt Aomame, dass am Himmel ein zweiter Mond zu sehen ist, den offenbar nur sie bemerkt. Nach und nach stellt sie fest, dass ihre Erinnerung an die Realität anders ist als die Realität selbst.


    Dieses Buch ist, vorsichtig ausgedrückt, absonderlich, aber auf faszinierende Art, vielleicht so wie ein Märchen, das man als kleines Kind gehört und damals nicht ganz verstanden hat. Murakami erzählt in sehr simpler Sprache, zuweilen fühlt sich der Text fast schon naiv an, jedenfalls wiederholt der Autor viel, erklärt über jeden Erklärungsbedarf hinweg, aber gleichzeitig schildert er auch emphatisch, präzise und sehr nachvollziehbar. Im Wechsel aus Tengos und Aomames Perspektive führt der Autor in deren Innenwelten, begleitet die Figuren dabei, wie ihr Verständnis wächst und gleichzeitig das Staunen zunimmt. Ähnlich ergeht es dem Leser, der allerdings bis zur letzten dieser knapp 1050 Seiten nicht so recht verstehen kann, was die "Little People" sind, woraus genau die "Puppen aus Luft" gefertigt werden und was der Wechsel aus der realen Welt des Jahres 1984 in die ebenso reale, aber abweichende Welt des Jahres 1Q84 zu bedeuten hat. Vieles davon wird sich - hoffentlich - im dritten Teil klären, denn obwohl dieses Buch nicht den geringsten Hinweis darauf enthält, handelt es sich nur um Buch eins und zwei einer Trilogie.


    Es geht um Gut und Böse, um Liebe, um die Kindheit und den Schaden, den man Menschen zufügt, die man ihrer Kindheit beraubt. Es geht um Missbrauch, Sexualität und merkwürdigerweise ziemlich vordergründig um Brüste. Wie immer bei Murakami spielen fantastische Elemente ihre Rollen, aber inwieweit das entscheidend ist, lässt sich erst nach Lektüre des hoffentlich bald erscheinenden Folgebandes feststellen.


    "1Q84" entwickelt einen starken Sog, trotz oder vielleicht gerade wegen der simplen Erzählsprache. Die Geschichte ist spannend, abwechslungsreich, überraschend und auf reizvolle Weise exotisch. Wenn es im dritten Teil so weitergeht, dürfte dieses zu den besten Büchern Murakamis gehören.

  • Danke für diese eindrucksvolle Rezension, Tom. :wave Ich schleiche schon länger um dieses Buch rum, habe mich bisher aber noch nicht so ganz getraut - auch, weil mir eigentlich noch kein Murakami-Buch das ich gelesen habe, wirklich gefallen hat.


    Das es sich scheinbar um eine Triologie handelt, war mir auch nicht klar bis jetzt - ist hinsichtlich eines dritten Teils denn schon irgendwas bekannt?

  • Hallo, Buzzaldrin.


    Ich find's, ehrlich gesagt, ein bisschen frech von Dumont, dass es nirgendwo - weder im Buch, noch auf der Verlagssite o.ä. - einen Hinweis darauf gibt, dass dies hier nur Band 1 und 2 von mindestens drei Bänden ist. Aber das ist tatsächlich der Fall. Der dritte Band ist in Japan im April erschienen. Möglich sogar, dass die Reihe noch weitergeht.


    http://www.japanmarkt.de/index…C-von-kultautor-murakami/

  • Zunächst danke für die positive Rezension!
    Auch ich gehöre zu denjenigen, die schon länger um diesen Roman herumgeschlichen sind, ihn angelesen haben, angetan waren und doch nicht so recht wussten, ob sie ihn kaufen oder nicht, insbesondere weil die Qualität von Murakamis Werken stark schwankt.
    Positiv ist auf jeden Fall, dass eine Direktübersetzung stattgefunden hat und der Verlag nicht den Umweg über die englische Übersetzung gesucht hat.


    Hier ein Link, der interessieren könnte:Interview mit Ursula Gräfe

  • Ich habe mich - bis auf ein oder zwei Ausnahmen - mit mehr oder weniger Begeisterung (Ersteres überwog) durch Murakamis gesamtes Werk gelesen und bin nach dieser beeindruckenden Rezi extrem gespannt auf dieses Buch. Vielen Dank für deine neugierig machenden Eindrücke, Tom. :wave

    "Lieber losrennen und sich verirren. Lieber verglühen, lieber tausend Mal Angst haben, als sterben müssen nach einem aufgeräumten, lauwarmen Leben"

    Andreas Altmann

  • Zitat

    Original von Tom
    Hallo, Buzzaldrin.


    Ich find's, ehrlich gesagt, ein bisschen frech von Dumont, dass es nirgendwo - weder im Buch, noch auf der Verlagssite o.ä. - einen Hinweis darauf gibt, dass dies hier nur Band 1 und 2 von mindestens drei Bänden ist. Aber das ist tatsächlich der Fall. Der dritte Band ist in Japan im April erschienen. Möglich sogar, dass die Reihe noch weitergeht.


    http://www.japanmarkt.de/index…C-von-kultautor-murakami/


    Das kann ich sehr gut nachvollziehen - vor allem auch wenn bestimmte Dinge erst durch den dritten Teil erklärt werden und man ihn ja praktisch schon zwangsläufig lesen muss. Ich habe bisher nicht gewusst, dass es sich bei IQ84 lediglich um die ersten beiden Teile einer Serie handelt und werde jetzt wohl eher erstmal Abstand von einem Kauf nehmen. :-(

  • Phantastik, Drama, Thriller, Erotik, Krimi, Weltliteratur - Murakamis vielseitiger Roman ist alles in einem.


    Murakamis 1Q84 gliedert sich in zwei Handlungsstränge, die sich kapitelweise abwechseln und im Jahr 1984 spielen. In einem Handlungsstrang geht es um den 30-jährigen Tengo, der sich seinen Unterhalt als Lehrer an einer Abendschule verdient und sich in seiner reichlich vorhandenen Freizeit als Autor für eine Literaturzeitschrift betätigt. Von seinem Redakteur erhält er den Auftrag, für einen Debütpreis das Manuskript der 17-jährigen Fukaeri zu überarbeiten. Fukaeri hat eine phantastische Geschichte mit dem Titel "Die Puppe aus Luft" geschrieben, die inhaltlich eine merkwürdige Faszination auf Tengo ausübt, stilistisch aber in hohem Maße unzureichend ist. Trotz eines schlechten Gewissens macht sich Tengo an die Arbeit.


    Im zweiten Handlungsstrang geht die Fitnesstrainerin Aomame ihrer Beschäftigung als Auftragskillerin für Männer nach, die ihre Ehefrauen misshandelt haben. Nebenbei führt sie gemeinsam mit der Zufallsbekannschaft Ayumi ein ausschweifendes Sexualleben, doch ihre wahre Liebe gehört nur einem ehemaligen Mitschüler, dem sie im Alter von 10 Jahren die Hand gedrückt hat und den sie seit dem nie wieder gesehen hat - Tengo.


    Durch die Veränderungen in ihrem Leben dringt die Welt der "Puppe aus Luft" in die reale Welt von Aomame und Tengo ein, wobei die gravierendsten Veränderungen ein zweiter kleiner Mond und das Auftauchen einer Sekte namens "Die Vorreiter" sind. Diese veränderte Welt bezeichnet Aomame als "1Q84", einer Abwandlung der Jahreszahl "1984".


    Murakami überzeugt durch eine einfache und flüssig zu lesende Sprache voller bildhafter Vergleiche. In diesem Zusammenhang ist die sauber wirkende Übersetzung durch Ursula Gräfe lobenswert zu erwähnen. Der Roman bezieht seine Spannung vor allem aus den inneren Konflikten seiner beiden Protagonisten. Nebenbei scheut sich Murakami nicht, heikle Themen wie das Sekten(un)wesen in Japan, die Studentenbewegung der 60er Jahre, Gewalt in der Ehe, sexuelle Übergriffe in der Familie, die Rolle der Frau und der Umgang mit Senioren geradezu beiläufig aufzugreifen. Murakami-typisch enthält auch 1Q84 reichlich prickelnd beschriebene Erotik, vermisst habe ich jedoch ein klares Bekenntnis gegen Pädophilie, einige Szenen (z.B. die Rechtfertigungen des "Leaders" für Geschlechtsverkehr mit Zehnjährigen sowie die Beschreibungen von Fukaeris "frisch entstandenen Geschlechtsteil") erschienen mir in diesem Zusammenhang etwas zweifelhaft.


    Am Ende stand für mich die Erkenntnis, dass das Unfassbare unfassbar ist und die unerfüllte Liebe wohl die größte zu sein scheint. Für mich könnte das offene Ende dieses Doppelbandes so stehen bleiben, daher war ich irritiert, als ich erfuhr, dass in Japan wohl bereits ein dritter Band von 1Q84 erschienen ist.


    Am Rande erwähnt sei noch, dass Dumont dem Doppelband ein schickes Kleid spendiert hat, das nur im Original und nicht auf Coverabbildungen seinen ganzen Charme entfalten kann: Giftgrüne und silbern glänzende Schrift auf matt silbernen Deckel, der Name des Autors prangt in fetten grünen Lettern auf der Innenseite des Buches, bei mir kamen da gleich Assoziationen mit Zukunftsvisionen aus den 60ern/70ern Jahren wie Kubricks "2001: Odyssee im Weltall" oder George Lucas' "THX 1138" auf. Darüber hinaus ist das Buch auf haptisch sehr angenehmen Papier gedruckt und verfügt über ein giftgrünes Lesebändchen. Unter Berücksichtigung des Aufwandes der Übersetzung und der hochwertigen Aufmachung, kann ich den recht hohen Preis von 32,00 € somit noch als angemessen bezeichnen.

  • Wie bei fast jedem Werk des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami fällt es mir nicht ganz leicht, die Vielseitigkeit von 1Q84 in Worte zu fassen. Vorweg möchte ich anmerken, dass das Buch Band 1 und 2 der Trilogie umfasst. Band 3 ist in Japan bereits erschienen, wird jedoch in Deutschland voraussichtlich erst im Herbst 2011 veröffentlicht.


    Über 1000 Seiten umfasst 1Q84. Da ist es nicht verwunderlich, dass Murakami die Fülle der Seiten nutzt, um eine Reihe äußerst rätselhafter Ereignisse miteinander zu verknüpfen.


    Das erste Buch startet verhältnismäßig langsam. Die Charaktere werden vorgestellt, der Leser taucht in ihre persönlichen Schicksale ein und hier und da findet man Bezüge zu historischen Ereignissen. Der Schreibstil wirkt dabei ungewohnt distanziert und beschreibend. Als Leser ist man nicht mitten im Geschehen, sondern betrachtet die Figuren von außen.


    Möglicherweise liegt das an der für Murakami eher untypischen Erzählperspektive, denn diesmal bedient er sich nicht der Ich-Perspektive, sondern erzählt in der dritten Person. Zudem neigt er dazu, manche Vorgänge wiederholt zu beschreiben, was mich an der ein oder anderen Stelle etwas Geduld gekostet hat.
    Ich muss zugeben, dass ich abgesehen von den ersten Kapiteln doch ein wenig überrascht war. Konnte mich bisher fast jedes von Murakamis Werken fesseln, fand ich den ersten Teil der Trilogie ungewohnt langatmig. Zwar finden sich hier bereits mysteriöse Andeutungen, doch im Ganzen kam mir das gesamte erste Buch eher wie eine Einleitung vor.


    Das ändert sich jedoch mit Beginn des zweiten Buches. Die Ereignisse werden überaus spannend. Es fällt zunehmend schwerer, 1Q84 beiseite zu legen und endlich häufen sich auch die undurchsichtigen Verstrickungen. Die zuvor parallel verlaufenden Handlungsstränge werden miteinander verwoben, sodass sich die Zusammenhänge herauskristallisieren. Wer jedoch auf klare Schilderungen und offensichtliche Berührungspunkte Wert legt, wird hier hoffnungslos verloren sein.


    Murakami übertrifft in 1Q84 das Maß an Surrealismus seiner Vorgängerwerke um Längen.
    Zwar gestaltet sich der Handlungsverlauf gewohnt fantastisch, doch es bedarf einer Menge Vorstellungskraft und Aufmerksamkeit, um das Gelesene greifen zu können. Die Geschichte ist so vielschichtig, dass zwar vieles in die passende Ordnung gebracht wird, zugleich aber auch sehr viel Raum für Spekulationen bleibt.


    Auch thematisch zeigt sich Murakami vielseitig. In 1Q84 geht es um häusliche Gewalt und religiösen Fanatismus, aber auch um Freundschaft, familiäre Verstrickungen und eine lebenslange Liebe. Das Geschriebene wirkt gesellschaftskritisch, allerdings auch überaus romantisch, sodass sich in dem Buch verschiedene Genres mischen: 1Q84 ist nicht nur ein ungewöhnlicher Thriller, sondern auch eine komplexe Familiengeschichte und eine wunderbare Liebesgeschichte.


    Ich muss zugeben, dass ich nach Beenden des Buches (noch) nicht alles begriffen habe, dennoch wirkt das Gelesene bereits jetzt rund. Stundenlang könnte ich darüber rätseln, was genau hinter den Details des Romans steckt und trotzdem scheint mir das Ende irgendwie passend.


    So wirr der Inhalt nun auch scheinen mag, im Ganzen ist Murakami wieder ein kleines Meisterwerk gelungen, das zahlreichen Fans gefallen wird. Zwar unterscheidet sich der Schreibstil von den Vorgängern und vor allem das erste Buch erschien mir etwas langatmig, doch der zweite Teil ist randvoll mit murakamischer Fantasie, die von der Hand des Schriftstellers erstaunlich mühelos in eine bestimmte Ordnung gebracht wird.


    Für Fans ist 1Q84 also durchaus empfehlenswert. Einsteiger sollten es lieber mit einem anderen Murakami versuchen, da die Konzentration der mystischen Elemente in diesem Buch leicht überfordern kann, wenn man mit Murakamis Schreibstil nicht vertraut ist.


    Ob man 1Q84 auch unabhängig vom dritten Band lesen kann?
    Momentan denke ich schon, dass man das Buch zuklappen kann, ohne es allzu sehr zu bedauern, dass man noch ein Jahr auf den offiziellen Schluss warten muss. Doch natürlich schwebt man vorerst in einer Luft, die randvoll mit rätselhaften Ereignissen und Interpretationsmöglichkeiten ist. Das Ende von 1Q84 bleibt offen und der Kopf schwirrt einem, weil sehr viele Fragen unbeantwortet bleiben – in meinen Augen ein typisches Merkmal für Murakamis Geschichten. Trotzdem möchte man natürlich wissen, inwiefern sich die Zusammenhänge in Band 3 offenbaren werden.
    Ich werde mir den dritten Band auf jeden Fall zulegen.

  • Danke für deine interessante und sehr aufschlußreich Rezension :wave


    Zitat

    Original von Mitsou
    Für Fans ist 1Q84 also durchaus empfehlenswert. Einsteiger sollten es lieber mit einem anderen Murakami versuchen, da die Konzentration der mystischen Elemente in diesem Buch leicht überfordern kann, wenn man mit Murakamis Schreibstil nicht vertraut ist.


    Da mir die mystischen Element sowieso noch nie wirklich gefallen haben bei den Büchern, die ich bisher von Murakami gelesen habe, werde ich wohl doch auf eine günstigere Ausgabe warten ... auch wenn mich das Buch vom Äußeren sehr reizt, ist es mir dann doch einfach zu teuer.

  • Zitat

    Original von buzzaldrin
    Da mir die mystischen Element sowieso noch nie wirklich gefallen haben bei den Büchern, die ich bisher von Murakami gelesen habe, werde ich wohl doch auf eine günstigere Ausgabe warten ... auch wenn mich das Buch vom Äußeren sehr reizt, ist es mir dann doch einfach zu teuer.


    Brunnen kommen diesmal nicht vor. Katzen schon, aber eher nebensächlich. Was das Mystische angeht, ist das Buch nicht ganz Murakami-typisch, aber eben doch ziemlich "abgedreht"im zweiten Teil.
    So wie du es beschreibst, würde ich an deiner Stelle auch warten, denn 32 € sind für einen Skeptiker wirklich eine Menge Geld und das Risiko, dass dir Teile des Buches nicht gefallen könnten, ist in meinen Augen dann recht hoch.

  • Ich habe über die letzten zwei oder drei Wochen 1Q84 in kleinen Häppchen gelesen und überwiegend auch genossen. Murakami entwickelt einen sehr modernen, unterkühlten Ton, der mir gut gefallen und mich in die Geschichte hineingezogen hat, obwohl die Situation der beiden Hauptcharaktere ja eigentlich eher trostlos und negativ ist. Der Ton hat etwas Hotel-Lobby-mäßiges (vielleicht lag das auch an der Lounge Music auf meinem Kopfhörer :grin).


    1Q84 ist nicht mein erster Murakami und auch nicht mein zweiter oder dritter. Dieser Roman liest sich etwas anders, es wurde schon angemerkt, dass er ungewohnt für Murakami nicht in in der ersten Person geschrieben ist (obwohl Murakami hin und und wieder in diese Perspektive hineinrutscht) und obwohl Murakami ja fast immer surreale Szenarien beschreibt ist dieser Roman schon fast Genre-Fantasy mit ein wenig Romance (Sushi zum Abendrot sozusagen): zwei getrennte Liebende, die versuchen, in einer phantastischen Welt wieder zueinander zu finden.


    Mir hat der erste Teil ausgesprochen gut gefallen. Die Einführung von Aomame als Berufskillerin/Fitnesstrainerin, ihre Streifzüge durch die Hotels Tokios. Und natürlich die aus der Perspektive von Tengo erzählte Geschichte eines literarisches Betruges (die 17-jährige Literaturpreisträgern erinnert ein wenig an eine Popstars-gecastete Helene Hegemann mit Kasper-Hauser-Zügen).


    Kurioserweise hat mir dir zweite Teil gerade deshalb weniger gut gefallen, weil hier versucht wird, Antworten auf die im ersten Teil aufgeworfenen Fragen zu finden. Insbesondere Aomame verstrickt sich in endlose Selbstgespräche und die sehr langgezogene Szene, in der sie auf den "Leader" (den Antagonisten des Romans) trifft, halte ich für den Schwachpunkt des Romans. Allgemein ist der zweite Teil eine Spur zu geschwätzig, aber immer noch gut.


    Ich bin gespannt auf den dritten Teil. Einen richtigen Abschluß liefert dieses Buch jedenfalls nicht.

  • Habe mir die ersten beiden Teile via Kindle in den letzten Tagen (im Ägypten-Urlaub) reingezogen. Es war wie ein Sog, ich war größtenteils begeistert, zum Schluss habe ich auch einige Passagen überflogen. Hatte auch schon 2 andere Romane gelesen, die mich gleichermaßen berührt hatten. Deshalb war seine Schreibweise für mich nicht neu.


    Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mir den 3. Teil kaufen soll, nachdem, was Tom hier darüber geschrieben hat.


    Mal sehen.


    Cornelia

  • Über die Magie der Liebe und das Hoffen auf den 3.Band


    Haruki Murakami - 1Q84 Band 1 und 2


    Tengo und Aomame - zwei Königskinder, die nicht zueinander finden, so könnte der Untertitel des Opus magnus von Murakamis jüngstem in deutscher Sprache erschienen Werk lauten.
    Im Mittelpunkt der Handlung stehen der wenig ambitionierte Mathematiklehrer Tengo, der sich der Literatur verschrieben hat und Aomame, deren Name einer blauen Bohne gleicht, als Fitnesslehrerin arbeitet und Spezialaufträge erledigt.
    Die Geschichte, die im Jahr 1984 angesiedelt ist und deren Titel direkt Bezug auf den ähnlich lautenden Roman von Orwell nimmt, lässt die beiden Protagonisten an einen kurzen, zwanzig Jahre zurückliegenden Moment denken. Damals hatte Tengo sich vor seine schüchterne, gleichaltrige Klassenkameradin Aomame gestellt und ihre Hand genommen.
    Dieses Motiv, das auslösend und beherrschend für die Geschichte ist, lässt die Protagonisten immer wieder aneinander denken und von der Vorstellung beherrschen, dass es die eine große Liebe gibt.
    Im Gegensatz zu Murakamis Vorgängerromanen lässt sich der Schriftsteller in diesem umfangreichen Roman jedoch mit der Entwicklung seiner Figuren viel Zeit und gibt ihnen den nötigen Raum für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit.
    Nach und nach erfährt der Leser wie es Aomame als Kind einer Familie erging, die den Zeugen Jehovas angehörte, sich strengen religiösen Vorschriften unterwerfen und in der Schule beten musste und so zur Zielscheibe des Spotts ihrer Mitschüler wurde.
    Tengo, der im Kindesalter von seiner Mutter verlassen wird, darf bereits von klein auf mit seinem Vater, der als NKH-Mitarbeiter die Rundfunkgebühren eintreibt, jeden Sonntag von Haustür zu Haustür ziehen und säumige Zahlungen eintreiben, die Tengos Vater mit einem Kind an der Hand kaum verwehrt werden.
    Geprägt durch ihre Elternhäuser werden Tengo und Aomame zu Außenseitern, deren Schicksal den Leser schon bald nicht mehr kalt
    lässt. Ausgehend von dem einen magischen und hoffnungsvollen Augenblick, als sich ihrer beide Hände berühren, erzählt der große japanische Schriftsteller vom Leben der beiden mittlerweile dreißigjährigen Protagonisten, die im Leben noch nicht angekommen sind. Tengo hat sich zwar eingerichtet und verdient seinen Lebensunterhalt an einer Privatschule; Schwung in sein Leben kommt jedoch erst mit dem Auftrag, den Roman der jungen, aufstrebenden Fukaeri umzuschreiben.
    Aomame, die in den Diensten einer wohlhabenden, älteren Dame steht, wird indes vor ihre größte Aufgabe gestellt.
    Im Laufe der Beschreibungen schafft Murakami es wie selten in einem seiner Romane, mystische Elemente mit denen einer zeitgenössischen Liebesgeschichte zu verweben und nicht nur die Handlung, sondern auch den Leser in einen Schwebezustand zu versetzn. Wie auch in seinen anderen Romanen spielen bei Murakami metaphysische Aspekte eine gewichtige Rolle und lassen die Protagonisten sich mit ihrer eigenen Existenz auseinandersetzen. Bewusst hat Murakami der Sekte der Vorreitern und den Little People, einer schwer zu beschreibenden Macht, eine hintergründige, wenn auch nicht überstarke Einflussnahme auf Aomame und Tengo eingeräumt. Und er hat gut daran getan, den übersinnlichen Wesen einen beschränkten Bereich zuzuweisen, der die Liebenden nicht aus dem Zentrum des Geschehens rückt.
    Reich mit Anspielungen schließt der zweite Band und entlässt den Leser mit der bangen Erwartungshaltung, dass - wenn schon nicht im eigenen Leben - so doch wenigstens diese Geschichte ein gutes Ende finden wird.


    Edit: Fehler berichtigt.

  • Das war mein erster Murakami in Romanlänge (naja, Buch 3 fehlt noch!) und die positiven Eindrücke, welche die Kurzgeschichtensammlung bei mir hinterlassen hat, wurden bestätigt. Der Schreibstil ist wirklich fesselnd und entwickelt schon nach kurzer Zeit einen gewissen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Der Humor des Autors weiß ebenfalls zu gefallen. Ich musste an mehreren Stellen des Buches laut auflachen, was mir sonst eigentlich nur selten passiert (und was mir an öffentlichen Orten wie bei einer Zugfahrt einige verwunderte Blicke beschert hat :grin)


    Die ständigen Abschweifungen von der Handlung haben mich ein wenig an Stephen King erinnert, der auch gerne vom Thema abkommt und über alle möglichen Themen herumpalavert. Obwohl ich Kings Bücher sehr schätze, muss ich aber zugeben, dass er Murakami in dieser Angelegenheit nicht das Wasser reichen kann. Murakami schafft es immer wieder solche Sachen aufzugreifen, die er nur nebenbei erwähnt, und sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder geschickt in die Handlung einzubinden.


    Die Protagonisten waren ebenfalls sehr gelungen, allen voran die weiblichen Hauptpersonen. Aomame und Fukaeri sind einfach nur cool. Tengo hat mir auch sehr gut gefallen, ebenso Nebenpersonen wie der Redakteur Komatsu.


    Die Handlung an sich und die Vermischung von Realität mit surrealen Passagen und märchenhaften Elementen fand ich ebenfalls wunderbar. Zwar bin ich jetzt am Ende von Buch 2 nicht viel schlauer, was die Geschichte mir genau sagen will, allerdings fehlt ja noch Buch 3 und das Wichtigste ist, dass das Lesen der beiden Vorgänger, trotz über 1000 Seiten, sehr kurzweilig war. Was will man also mehr?


    Zu kritisieren hätte ich nur, dass merkwürdigerweise alle im Roman vorkommenden Figuren nicht allzu bekannte Komponisten und Autoren (zB. Anton Tschechow) offenbar zu kennen scheinen und mit ihren Werken vertraut sind.


    Aber das tut dem Rest kaum einen Abbruch. Von mir gibt es deshalb 9 von 10 Punkten für Buch 1 & 2.

  • Ich glaube nicht, daß ich schon einmal ein so umfangreiches Buch wie "1Q84" in so kurzer Zeit gelesen und soviel Schlafenszeit dafür geopfert habe. Ich mag Murakamis Romane sowieso gerne, die meisten sind überdurchschnittlich gut und immer wieder erstaunlich. Erstaunlich ist auch "1Q84", nicht nur ob des üppigen Umfangs, sondern auch stilistisch und inhaltlich.
    In einer sehr einfach gehaltenen Sprache begleitet der Leser abwechselnd Aomame und Tengo, deren Schicksal miteinander verbunden ist. Zum Inhalt will ich eigentlich gar nichts mehr sagen, das wurde obenstehend ja schon mehrere Male durchgekaut.


    Dieser Roman übte einen ungemeinen Sog auf mich aus, jede Leseunterbrechung ärgerte mich ungemein, entgegen meiner Gewohnheit las ich zweimal bis weit nach Mitternacht, immer noch ein Kapitel und noch eins. Die Figurenzeichnung halte ich für äußerst gelungen, ebenfalls die wechselnde Erzählperspektive. Inhaltlich - nun, da bleiben natürlich viele Fragen offen, vor allem, was den metaphysischen Aspekt anbelangt. Und wie ich Murakami kenne, wird es auch in "1Q84, Buch 3" nicht allzuviele konkrete Antworten geben. Aber die Geschichte ist einfach faszinierend, trotz oder wegen all der ungeklärten Aspekte.
    Ich werde nun gleich mit Buch 3 weitermachen und hoffe auf eine gleich hohe Qualität. Wenn ja, handelt es sich hierbei um einen von Murakamis besten Romanen, zumindest in meinen Augen.

  • Zitat

    Original von Mitsou
    Für Fans ist 1Q84 also durchaus empfehlenswert. Einsteiger sollten es lieber mit einem anderen Murakami versuchen, da die Konzentration der mystischen Elemente in diesem Buch leicht überfordern kann, wenn man mit Murakamis Schreibstil nicht vertraut ist.


    Erstmal danke für die ausführlichen Rezensionen, die ich allerdings erst nach dem Genuß des Buches gelesen habe.
    Dies war mein erster Murakami und ich muß wiedersprechen, denn ich finde, die mystischen Elemente sind absolut und unbedingt auch für Einsteiger geeignet. Mehr noch: wenn ich gewußt hätte, daß dieser Roman in die Phantastik-Ecke gehört, hätte ich ihn schon viel früher gelesen!
    Gut, daß mich der Rummel damals als das Buch erschien, nicht gekümmert hatte, und nur durch Zufall bin ich vor kurzem erst an ein preiswertes Exemplar geraten. So las ich das Buch vollkommen unvoreingenommen, wertungsfrei und unbeeinflußt von allen Pressestimmen und Rezensionen.
    Dank der gelungenen Übersetzung bin ich bis über beide Ohren in das Buch eingetaucht und restlos überzeugt. Hervorragend, ganz ausgezeichnet. Toll geschrieben, eine fesselnde Geschichte.
    Haruki Murakami hat meine Aufmerksamkeit gewonnen. :anbet
    Ich hab mir nachträglich die beiden Bücher nochmal als gebundene Ausgaben besorgt. Sehr schade finde ich nur, daß Buch 3 nicht auf dem gleichen, qualtitativ hochwertigen weißen weichen Papier gedruckt ist wie Buch 1&2. Warum machen die das? :pille

  • Ich bin sehr froh, dass ich mir das doch recht hochpreisige gebundene Buch geleistet habe. Dieses Buch ist jeden Cent wert. Schon es in die Hand zu nehmen, das Cover anzusehen, über die Seiten zu streichen sind fast sinnliche Erlebnisse.


    Murakamis Sprache ist einfach, bildhaft, flüssig zu lesen. Und gerade diese Einfachheit, diese Präzision macht ihn für mich zu einem der ganz Großen der Literatur. Man muss wohl kein Prophet sein, um in Murakami einen der nächsten Literatur-Nobelpreisträger zu sehen. Ich jedenfalls glaube immer noch fest daran, auch wenn man ihn bisher beharrlich übergangen hat und lieber politische Interessen bedient hat.


    Hurakami scheut sich nicht, heiße Eisen anzugreifen. Er legt den Finger in jede Wunde, bricht Tabus. Seine umfangreichen Recherchen über die Aum-Sekte, die er ja schon in seinem Buch Untergrundkrieg darlegte, kamen ihm wohl auch in 1Q84 zugute. Murakami bringt uns Japan auf eine Art nahe, die ich bisher nicht kannte. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, die landestypisch sind, könnte die Geschichte auch in jeder anderen großen Stadt passieren. Die Protagonisten sind fein und genau gezeichnet, ohne beschönigende Schnörkel. Wobei die Handlung meiner Meinung nach von starken Frauen getragen wird: von Aomame, Fukaeri, der alten Dame.


    In diesem Buch gibt es so viele wunderbar geschilderte Szenen, auch berührende, brutale und alltägliche. Murakami beschert die ganze Palette und spielt virtuos mit Worten und Geschehnissen.

    Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar. Oscar Wilde