'Die linke Hand der Dunkelheit' - Kapitel 05 - 08

  • Das Buch lädt mich wirklich dazu ein, mein Umfeld zu vergessen und zügig weiterzulesen. Eine so faszinierende Welt und Charaktere.


    Die vier Kapitel sind aber auch sehr unterschiedlich gewesen. Daher etwas getrennt meine Meinung :


    Kapitel 5: Die Reise von Ai wird ja sehr ruhig und relativ problemlos geschildert, trotz der Bergüberquerung. Die Weissagung haben mich dann überrascht, besonders die Figur des Faxe und die detaillierte Beschreibung der Weissagung.


    Kapitel 6: Den Szenenwechsel fand ich sehr gut. Estravan wird aus der Ich-Perspektive plötzlich viel sympathischer. Auch die Erklärung mit seinem Kemmering fand ich wichtig. Das er sich am Ende aber wieder an Leute wendet, die ihm nicht so gefallen heißt für mich, das er aber wieder der kalte Politiker wird, für den ich ihn am Anfang gehalten habe.


    Kapitel 7: Dieser kurze Einschub über die Sexualität der Bewohner von Winter ist sehr interessant, muss ich glaube ich aber mehrfach lesen. Hatte eine sehr hohe Informationsdichte. Sehr wichtig war für mich die Erklärung, warum die maskulin Form gewählt wird, und der grundlegende Verlauf mit Sommer.


    Kapitel 8: Hier ist die Reise sehr viel beschwerlicher, die Stimmung kippt in Richtung Krieg und Misstrauen, was es in der Zivilisation vorher angeblich nie gab. Ai fühlt sich Ortegeyn wohler als in Karhide, was mich wundert, denn die Schilderung von Ortegeyn wirkt auf mich eher abstoßend : durchbürokratisiert, Plattenbauten, verstaatlicht, das Individuum ist vernachlässigbar. Natürlich haben wir als Leser auch noch den Informationsvorteil aus Kapitel 6, wie die Commensalen über die Arbeiter und über die Nachbarn denken.

    Sicherlich kommen nicht nur mir beim Lesen Gedanken an die UdSSR, wenn die Entstehungszeit des Romans noch betrachtet wird. Nur für Karhide habe ich noch keine Idee, welchen Block es darstellen soll. Der klassische West lock ist es ja nicht.

  • Ich bin noch am Anfang des Abschnittes, aber trotzdem hier schon ein paar Gedanken:

    Der Roman ist wahnsinnig dicht geschrieben mit eine Fülle an Informationen, und ich merke, dass es mir sehr schwer fällt, mich ausreichend zu konzentrieren, weil ich, siehe LR-Vorschlag-Tread, diese Woche so viel um die Ohren habe. Daher muss ich wohl pausieren, um dem Buch auch gerecht werden zu können.


    Ich bin froh, dass es draußen so schön und warm ist. Ein wirklich unwirtlicher Planet! Schnee, Eis, Lawinen...Allein eine Reise in eine andere Region ist ein lebensgefährlichen Abenteuer.


    Ich bin noch nicht ganz schlüssig, was ich von der Geschlechtergleichheit der Bewohner halten soll. Vielleicht erfährt man ja später noch, wie es dazu kam, denn richtig glücklich sind sie nicht damit. Da erfahren wir von Einem, der ziemlich unglücklich damit ist, dass er zwar 4 Kinder zeugte, aber keins gebären könnte. Zusammen bleiben für ein ganzes Leben dürfen Partner auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Hier geht es um reine Fortpflanzung und später Aufzucht (allein dieses Wort...).

  • Ich bin noch am Anfang des Abschnittes, aber trotzdem hier schon ein paar Gedanken:

    Der Roman ist wahnsinnig dicht geschrieben mit eine Fülle an Informationen, und ich merke, dass es mir sehr schwer fällt, mich ausreichend zu konzentrieren, weil ich, siehe LR-Vorschlag-Tread, diese Woche so viel um die Ohren habe. Daher muss ich wohl pausieren, um dem Buch auch gerecht werden zu können.

    Ja, das Buch braucht Zeit. Bei einem nebenher-Lesen geht glaube ich einiges unter.

    Clare schrieb:

    Ich bin froh, dass es draußen so schön und warm ist. Ein wirklich unwirtlicher Planet! Schnee, Eis, Lawinen...Allein eine Reise in eine andere Region ist ein lebensgefährlichen Abenteuer.


    Ich bin noch nicht ganz schlüssig, was ich von der Geschlechtergleichheit der Bewohner halten soll. Vielleicht erfährt man ja später noch, wie es dazu kam, denn richtig glücklich sind sie nicht damit. Da erfahren wir von Einem, der ziemlich unglücklich damit ist, dass er zwar 4 Kinder zeugte, aber keins gebären könnte. Zusammen bleiben für ein ganzes Leben dürfen Partner auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Hier geht es um reine Fortpflanzung und später Aufzucht (allein dieses Wort...).

    Ich habe es nicht so verstanden, dass Partner nicht das ganze Leben teilen dürfen. Genau dafür ist ein Kemmering gedacht - es gibt nur Gegebenheiten, wo ein Kemmering nicht gegeben werden darf, oder der Schwur wird nicht eingehalten. Aber das ist doch bei uns mit der Ehe genauso.

  • Ja, das Buch braucht Zeit. Bei einem nebenher-Lesen geht glaube ich einiges unter.

    Ich habe es nicht so verstanden, dass Partner nicht das ganze Leben teilen dürfen. Genau dafür ist ein Kemmering gedacht - es gibt nur Gegebenheiten, wo ein Kemmering nicht gegeben werden darf, oder der Schwur wird nicht eingehalten. Aber das ist doch bei uns mit der Ehe genauso.

    So hatte ich die eingeschobenen Geschichte im ersten Abschnitt verstanden. Da ging es doch um ein Paar, das nicht zusammen bleiben durfte und es trotzdem versuchte. Schließlich beging einer der Partner Selbstmord. Habe ich da schon zu unkonzentriert gelesen?:wow

    Ich dachte, dass das Kemmering nur für eine begrenzte Zeit gewährt wird.

  • Die beiden in Kapitel 2 waren Brüder. Kemmer ist in Ordnung zwischen Brüdern, bis es ein Kind gibt, danach nicht weiter. Kemmering, also ein Leben lang, ist unter Brüdern nicht erlaubt.


    Es wird später im Buch auch erklärt, warum, obwohl es in der Regel keine männliche oder weibliche Form gibt, sondern eine Form, die beides ermöglicht, im Schreiben und Reden die männliche Form verwendet wird. Daher wohl auch Brüder, auch wenn ich persönlich dann Geschwister besser fände.

  • Wenn ich es richtig verstanden habe, wäre auch lebenslanges Kemmering unter Brüdern möglich - aber ohne Nachwuchs.

    Interessant auch die Geschlechterbezeichnung Brüder. Warum nicht Schwestern. Oder etwas ganz anderes.


    Aufschlussreich ein Gedanke Ais im 5. Kapitel auf S. 73 wo er den Krieg als männliches Wesensmerkmal beschriebt, das den Bewohnern Gethens fehlt und sie - in dieser Hinsicht - auf eine Stufe mit Frauen oder Tieren stellt. Auch kein fortschrittliches Gesellschaftsbild.


    Und zwei Seiten weiter (75) eine sehr treffende Beschreibung des Unterschieds zwischen Terranern, die immer Fortschritte machen müssen und den Gethen Bewohnern, denen Fortschritt weniger wichtig ist, als das Dasein selbst.

  • Das siebte Kapitel fand ich sehr interessant, gerade weil diese Form der Sexualität für uns so schwer nachzuvollziehen ist.

    Wirklich bisexuelle Menschen, die beide Möglichkeiten haben - männlich oder weiblich und beim nächstenmal wieder anders zu sein. Vater und Mutter. Beide Formen erleben zu können.

    Finde ich faszinierend.

    Oder die Vorstellung, für die sexuell aktive Zeit von Verpflichtungen freigestellt zu sein. Stellt euch vor, man würde hier einen solchen Vorschlag machen.

  • Dieser Leserundenabschnitt erweitert die Perspektiven, was mir sehr gut gefällt.
    Estravens Erlebnisse fand ich sehr interessant. Wie furchtbar es sein muss, diese Verbannung zu durchleben und alles zurücklassen zu müssen. Die Entwicklung in seinem Land hat er ja scheinbar sehr gut vorhergesehen und er ebnet Ai den Weg bei den Orgota. Im Moment kaufe ich ihm ab, dass ihm sein Land am Herzen liegt und der König und dessen Halbbruder die Bösen sind.

    Sehr gruselig fand ich die Art und Weise wie Tibe versucht "sein" Volk in einen Krieg zu hetzen. Die Radio-Übertragungen, die Angstmacherei, die Hetzreden, das erinnert doch stark an die Nazizeit und Instrumente, denen sich auch heutzutage viel zu viele Politiker wieder bedienen und salonfähig machen wollen. Ich finde das Buch bis jetzt sowieso erschreckend aktuell.

    Wenn ich das richtig verstanden habe, können sich die Partner während des Kemmerings nicht aussuchen, ob sie die weibliche Rolle übernehmen oder nicht. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass der, der immer gebären muss bzw. der, der niemals gebären darf, ein wenig wehmütig oder unzufrieden ist, sogar darunter leiden. Da besteht die Möglichkeit beides zu erleben und trotzdem kann es sein, dass dies nie passiert. Das ist eine interessante Variante.

    Ein bisschen erinnert mich die politische und gesellschaftliche Situation an Le Guins "Freie Geister" (früher "Planet der Habenichtse"). Hier befinden sich diese völlig unterschiedlichen Gesellschaftsformen allerdings auf unterschiedlichen Planeten. Ein Buch, was ich übrigens auch sehr, sehr gerne gelesen habe.


    :lesend

    “I don't believe in the kind of magic in my books. But I do believe something very magical can happen when you read a good book.”

    J. K. Rowling

  • Mich beschäftigt die Szene immer noch, in der Ai bei den Weissagen ist. Ich fand die Atmosphäre sehr bedrückend, passend zur Gefahr, der sich der Weber aussetzt. Faszinierend, wie Ai schließlich seine Antwort bekommt. Ich habe es erst nicht recht verstanden und musste ich Mal nachlesen. Vielleicht gibt es wirklich manche Fragen, die männliche stellen soll oder auch nicht muss:gruebel


    Ein bisschen erinnert mich die politische und gesellschaftliche Situation an Le Guins "Freie Geister" (früher "Planet der Habenichtse"). Hier befinden sich diese völlig unterschiedlichen Gesellschaftsformen allerdings auf unterschiedlichen Planeten. Ein Buch, was ich übrigens auch sehr, sehr gerne gelesen habe.

    Ich musste auch dran denken. "Freie Geister" hat mir sehr gefallen und ich finde auch Parallelen, gerade in der totalen Gegensätzlichkeit der Systeme. Hier scheint es ja schon sehr lange so zu sein. Die Zeitangaben Umfassennummer sehr große Räume.

  • In diesem Abschnitt war ich mehrmals nahe daran, aufzugeben und mich einem anderen Buch zu widmen. Ich war so unsagbar gelangweilt, dass ich schon Aggressionen gegen die Charaktere entwickelte.


    Aber....

    Dann habe ich doch weitergelesen und den Roman als Herausforderung gesehen. Und ich habe es nicht bereut.

    Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar. Oscar Wilde

  • Ich fand diesen Abschnitt sehr spannend, besonders das Kapitel über die Sexualität und Estravens Sicht. Zunehmend nervig finde ich dieses klischehafte Zuordnen von Geschlechterrollen und -eigenschaften: Krieg ist männlich, ja, is klar. Da merkt man dann doch das Alter des Buchs. Ich finde es schade, dass dieser ganze Aspekt, wie eine Gesellschaft sein könnte, wenn sie nicht so durchsexualisiert ist wie unsere, etwas untergeht und auch das Androgyne der Bewohner Gethens geht unter, weil die Sprache nicht mal den Versuch macht, es wiederzugeben. Ich kann ja verstehen, dass Genry nicht aus seiner Haut kann und unwillkürlich bestimmte Eigenschaften mänlich/weiblich assoziiert, aber mir fehlt die Reflektion desselben. Er ist doch irgendwo auch Forschungsreisender, müsste er dann nicht offener für neue Denkweisen sein und seine eigenen Reaktionen viel mehr überdenken? Wenn ich auf Gethen landen würde, würde ich viel bewusster darauf achten, nicht immerzu in Kategorien von männlich und weiblich zu denken. Ich hatte mir da etwas mehr vom Buch erhofft.

  • Über Estravens Flucht und sein Exil zu lesen fand ich sehr interessant, wobei ich seine Motive noch nicht so richtig verstanden habe. Er war Tibes Berater und hat aber im Hintergrund gegen dessen Wunsch gearbeitet, die Bevölkerung in einen Krieg zu hetzen, weil er eine starke Bevölkerung und einen schwachen König will? Warum will Tibe diesen Krieg, den es ja angeblich noch nie auf Gethen gegeben hat? Weil er wahnsinnig ist, wie ja mehrmals betont wurde? Und was hat das mit Ai zu tun? Estraven hat Ai unterstützt, oder? Hat er sich erhofft, dass Tibe mit Gethen als Mitgliedsplanet der Ökumene nicht mehr so viel Macht über seine Untertanen hat? Und warum fühlt sich Ai von Estraven verraten? Weil er wusste, dass Tibe das nicht gut aufnehmen wird und eventuell nicht nur ihn, sondern auch Ai an den Kragen geht. Das ist alles ziemlich verwirrend. Hab ich irgendwo Denk- oder Verständnisfehler? Was mich interessieren würde, sind Ais Motive? Wofür geht er auf einen fremden Planeten und versucht die Bewohner zu bewegen, sich der Ökumene anzuschließen, wenn ihn das sogar das Leben kosten kann oder er zu Lebzeiten keinen "Erfolg" erreichen kann?

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    "Es hat alles seine Stunde und ein jedes seine Zeit, denn wir gehören dem Jetzt und nicht der Ewigkeit."

  • Suzann Estraven war als Premierminister der Berater des Königs Argaven. Tibe ist der Vetter des Königs und hat nun Estravens Position inne. Nicht Tibe wird als wahnsinnig beschrieben, sindern der König Argaven. Tibe nutzt dessen Angst vor allem und jeden, um seine Position auszubauen, aber er ist nicht der oberste Befehlshaber!

    Ai fühlt sich von Estraven verraten, weil dieser einen Rückzieher gemacht hat - eigentlich sollte er Ai zur Audienz bei Argaven begleiten und für die Ökumene werben, hat dann aber einen Rückzieher gemacht, und zwar, indem er Ais Unkenntnis der Sitten ausgenutzt hat: er hat ihn in sein Haus eingeladen und kann damit nicht mehr als sein offizieller Unterstützer auftreten.

  • Ich habe mich zwischendurch gefragt, ob nicht nur Argaven wahnsinnig ist oder ob es sozusagen Aufgabe des Königs ist, wahnsinnig zu sein. Hat das sonst noch jemand so aufgefasst?


    Ich finde Ai auch seltsam unreflektiert und wenig vertraut mit den Denkweisen des Landes. Er lebt doch schon zwei Jahre dort.

  • Ich habe mich zwischendurch gefragt, ob nicht nur Argaven wahnsinnig ist oder ob es sozusagen Aufgabe des Königs ist, wahnsinnig zu sein. Hat das sonst noch jemand so aufgefasst?

    Das finde ich eine sehr interessante Frage, über die ich sicher noch nachdenken werde!


    Nur ganz kurz (morgen muss ich wieder früh raus): dieser Abschnitt hat mir sehr gut gefallen, da er mir das Leben auf Gethen sehr viel mehr näherbringt. Die Reise von Ai empfand ich als sehr spannend, seine Zeit bei den Wahrsagern als sehr lehrreich - interessante philosphische Gedanken, die da auftauchen.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • Ich finde Ai auch seltsam unreflektiert und wenig vertraut mit den Denkweisen des Landes. Er lebt doch schon zwei Jahre dort.

    Empfinde ich auch so. Ich glaube, das ist tatsächlich ein Hieb der Autorin in Richtung männlicher Selbstgefälligkeit. Sie ordnen sich die Welt unter, nach ihren Maßstäben und Ansichten. Man ist es einfach zu sehr gewöhnt, dass die Hauptprotagonisten von den Autoren positiv dargestellt werden, sodass man Ai hier befremdlich empfindet.

    Aber ich denke, für die Autorin ist diese Figur ein Werkzeug, nicht ihr "Liebling", in dem sie sich selbst verwirklicht.

    Weitaus sympathischer ist mir Estraven. Er/sie reflektiert mehr, ist hochintelligent.