Beiträge von Googol

    So, ich habe den Roman jetzt auch gelesen nachdem ich bei der Lesung in Hamburg ja bereits einen Eindruck gewinnen konnte. Unoriginellerweise war auch ich von dem Roman sehr angetan. Wie einige der Vorschreiber bereits betonten, ist der Roman vor allem handwerklich sehr gut gemacht (man könnte einige Passagen, zum Beispiel das zweite Kapitel, locker als Grundlage für einen Creative Writing Kurs verwenden - da stimmt wirklich alles, von der Erzählperspektive, dem versteckten Einpflechten von Hintergrundinformation bis zum Spannungsaufbau). Der knappe, fragmentarische, Stil hat mir sehr gut gefallen.

    Zudem wurde das Thema Trauer gründlich durchleuchtet. Würde gerne den Film sehen.

    Es ist das Jahr 2001, und die Drummond-Familie ist nach Jahren zum ersten Mal wieder vereint. Mutter Janet, ihr Ex-Mann Ted und die beiden großen Söhne samt Freundinnen wollen Zeugen sein, wenn der Hoffnungsträger der Familie, die geliebte Tochter und Schwester Sarah, von Cape Canaveral ins All abhebt. Doch unvorhergesehene Ereignisse verstricken die Drummonds in eine Kette krimineller Abenteuer, die den Anlass ihres Zusammenkommens verblassen und sie umso enger zusammenrücken lässt: Ein Amoklauf in einem Schnellimbiss, mit Babys handelnde Sado-Freaks und ein deutscher Pharma-Erbe, der sich als Rettung für den angeschlagenen Familien-Clan entpuppt, werden zu einer Begegnung der dritten Art mit einer Subkultur, die die Drummonds geradezu normal aussehen lässt. Wieder einmal gelingt es Coupland, die vermeintlich keimfreie Technicolor-Wirklichkeit Amerikas mit seinen Fastfood-Restaurants, Motels, Shopping-Malls und Trailer-Parks in einen Schauplatz zu verwandeln, in dessen Nischen der fleischgewordene Horror moderner Gewalt- und Porno-Videos lauert und der gleichzeitig für seine nach Erlösung suchenden Helden märchenhafte Rettung bereithält.

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    Original von LeseMann
    Deshalb noch einmal den Hinweis zur genialen Techologie BOOK!


    Also ich weiß nicht. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, einen halben Baum mit mir herumzutragen und darauf zu lesen. Die besondere Haptik wenn meine Finger über die Knöpfe gleiten würde mir fehlen. Oder das besondere Gefühl wenn sich der Text langsam auf dem Bildschirm aufbaut.


    Nein, ich bleibe beim guten alten E-Book, so wie es von zu Guttenberg erfunden wurde. Ist doch eh nur eine Kampagne von Ikea, mehr Regale zu verkaufen. Man muss ja nicht jedem Trend hinterherlaufen.

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    Original von beowulf
    Wegen einer Unterschrift auf einem Zettel würde ich auch nicht kilometerweit reisen- wegen der persönlichen Begegnung mit einem Autor schon.


    Ich glaube, genau das ist der Punkt. Niemand reist wegen der Signatur hunderte von Kilometern (ich halte das für ein Märchen). Es ist ein schöner Bonus. Die eigentliche Lesung, das Festival oder die Begegnung sind das Wesentliche. Und wieso sollte man sich bei der Gelegenheit nicht ein Buch signieren lassen?

    Kurzbeschreibung


    Die SSR zu Zeiten der stalinistischen Terrorherrschaft - Spannend, anspruchsvoll und voll schwarzem Humor Anfang der Fünfzigerjahre: Eine junge Frau kommt nach dem Verhör durch die Geheimpolizei ums Leben. Sie zu rächen wird für ihren Bruder, den renommierten Architekten, zur bestimmenden Aufgabe, ein Kellergewölbe unter dem Zentrum von Brünn zum bizarren Ort der Vergeltung. Doch der private Rachefeldzug läuft aus dem Ruder und zeitigt absurde Folgen.
    Mit der Kriminalstory vor politischem Hintergrund, die durchaus Parallelen zu Verbrechen der jüngeren Zeit aufweist, hat Kratochvil ein an Paradoxa reiches, labyrinthisches Gleichnis für eine grausame und abartig-absurde Zeit geschaffen. Ein autobiografisch inspiriertes, literarisch glänzend inszeniertes Spiel um die Themen Schuld und Strafe, Fiktion und Wirklichkeit mit Anregungen von Dürrenmatt und Nabokov, Schnitzler und Le Corbusier, geschaffen von Tschechiens brillantestem Erzähler.

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    Original von woelfchen
    Gefiel mir sehr gut.


    Fantasie hat Briony genug, doch Erfahrung fehlt der 13-jährigen Jungautorin. An einem heißen Sommertag des Jahres 1935 verwirrt sie das freizügige Verhalten ihrer älteren Schwester, enttäuscht sie die Reaktion Robbies, ihres eigenen romantischen Helden. Am Abend beschuldigt sie den Sohn der Haushälterin, ihre Cousine Lola sexuell belästigt zu haben und verändert damit drei Leben für alle Zeiten.


    Wie schon in Stolz und Vorurteil meistert der Engländer Joe Wright eine Literaturverfilmung mit inszenatorischer Kreativität. Seine Adaption eines Romans von Ian McEwan ist anspruchsvoll in der Dramaturgie, die Zeiten und Perspektiven wechselt, und stark in der Bildkomposition, wobei die Kamera nicht nur malerisch schöne Tableaus zeigt, sondern auch Verhalten und Emotionen der Figuren verdeutlicht.


    Ich habe mich jetzt endlich getraut. Ian McEwans ABBITTE ist einer meiner Lieblingsromane. Der Stoff ist gleichzeitig perfekt für einen Film (Drama, Charaktere, Krieg) und kaum verfilmbar. Die Motivationen der Charaktere sind sehr komplex, vieles im Roman funktioniert über interne Monologe. In der Mitte des Films ist es gerade die Motivation von Briony, die nicht so glaubwürdig herüber kommt wie im Roman. Trotzdem toller Film. Besonders überzeugend fand ich die Darstellung der 13-jährigen Briony von Saoirse Ronon, die ich erst vor kurzem in einer anderen Literaturverfilmung gesehen habe, In meinem Himmel, der Verfilmung des Alice Sebold-Romans von Peter Jackson.

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    Original von Lille


    Das freut mich sehr! Aber wegen der Existenzberechtigung von Prologen - hab ich da wat verpasst ?(


    Nee, ist nur ein persönlicher Zweifel, ob die meisten Prologe in Romanen wirklich notwendig sind. Nun fand ich den Prolog aus deinem Roman (oder war es doch ein 1. Kapitel? Wie Simon seine Schwester los werden will, diese ihre Adresse aber leider auswendig gelernt hat) sehr gut.

    Ich fand einige Passagen durchaus gut und pointiert geschrieben und der Roman war locker zu lesen. Ich fühlte mich etwas an Sven Regeners Lehmann erinnert. Trotzdem muss ich Voltaire zustimmen: der Roman hat keine wirklich nennenswerte Handlung. Ich bin optimistisch, dass die eigentlich spannende Geschichte im Film erzählt wird.

    Klappentext


    Die Bienen sind ausgestorben. Bis eines Tages an unterschiedlichen Orten der Welt fünf Menschen gestochen werden. Monatelang werden sie in Quarantäne gehalten und von Männern in schlecht sitzenden Anzügen verhört. Nach der Freilassung in eine internetgetriebene Welt erleben sie ihre fünfzehn Minuten Ruhm. Als ein dubioser Wissenschaftler sie überredet, ihm zu Testzwecken auf eine abgelegene Insel zu folgen, kommen sie einander überraschend näher. Mit souveränem Humor führt Douglas Coupland durch die Untiefen und Abgründe dieser bizarren Welt. Die der unseren verdammt ähnlich sieht ...

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    Original von zenta
    Sei doch so lieb, Googol , und zähl mir ein paar bekannte, zeitgenössische Romane oder Novellen auf, wo die Einleitungen nur Krücken sind, die das erzählerische Unvermögen ihrer Hervorbringer kaschieren wollen. Ich bin gespannt.


    Du bist witzig. Zum einen behaupte ich nicht, dass einem guten Roman nicht auch ein Prolog vorangestellt sein kann, während du behauptest, dass einem "veritablen" Roman ein Prolog unbedingt vorangestellt sein muss. Zum anderen führst du überwiegend nicht zeitgenössische Roman auf (zumindest nach meiner Interpretation von "zeitgenössisch").


    Ich lese sehr wenig Romane und Novellen (und erst recht Kurzgeschichten), die Prologe haben. Lese halt nur Äktschkrimis. Zumeist wird die Erzählerspektive konstant eingehalten, auktoriale Erzähler begegnen mir kaum (Juli Zeh ist da eine Ausnahme). Was habe ich zuletzt gelesen: Romane von Herta Müller, Riva Galchen, Miljenko Jergovic, Matt Ruff, Tom McCarthy, Andreas Schäfer... keine Prologe. Nur Susann Pasztors "Ein fabelhafter Lügner" hatte einen. Keine Krücke, aber ich glaube, der Roman wäre ohne den Prolog ebenso gut gewesen und hätte nichts verloren. Prologe als Krücken begegnen mir tatsächlich hauptsächlich in der Science Fiction-Literatur, einfach weil es dort schwieriger ist, das komplette "World building" in den Text einzubauen.

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    Original von zenta
    Prolog und Epilog sind Kunstformen, die zum Schauplatz, zur Zeit und zu den Protagonisten einer Geschichte, eines Theaterstückes oder eines Films hin und wieder weg führen. Sie sind ein bisschen altmodisch geworden, seit es in der Literatur und vor allem im Film hauptsächlich um „Äktschn“ geht; die Geduld, sich einer Story langsam zu nähern, hat man kaum mehr.


    Ich denke, Prologe gelten berechtigterweise als altmodisch. Für mich ist eine Geschichte dann gut erzählt, wenn sie alleinstehend funktioniert, wenn für die Geschichte notwendige Information nicht separat (als Bedienungsanleitung quasi) mitgeliefert werden müssen. Das heißt nicht, dass ich nicht auch schon gute Prologe gelesen habe, aber sie gar als Qualitätsmerkmal herauszustellen, finde ich übertrieben. Prologe sind oft erzählerische Krücken, Workarounds. Gut, Erzählungen haben (oft) auch einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende, aber das ist für mich eine dramaturgische Unterteilung und sollte nicht mit Eröffnungen nicht erzählerischer Textformen (die gut benoteten Schulaufsätze) verwechselt werden.

    Die Vorleser Besprechung war sicherlich zu ausführlich, anderseits hat sie mich aber erst auf dieses Buch gebracht. Mich hat das Vorwissen beim Lesen nicht so sehr gestört. Ich glaube, die Interpretationsansätze der Vorleser waren nicht so originell, dass sie besonders viel vorwegnehmen, das man sich nicht ohnehin direkt denkt.