'Deutsches Haus' - Seiten 115 - 222

  • Eva entwickelt sich. Sie dolmetscht bei den Prozessen, obwohl der künftige Gatte eigentlich nicht will, dass sie arbeitet.

    Und sie verändert sich, was Jürgen vielleicht noch gar nicht merkt, gerät immer weiter in den Sog der Schicksale, von denen sie zu hören bekommt. Zu Anfang des Buches war sie schon noch sehr unbedarft. Jetzt ist es, als hole die Realität, die wirkliche Welt sie ein.


    Annegret fand ich im ersten Abschnitt noch interessant, die Schwester, die sich so aufopferungsvoll um die Säuglinge kümmert, die einen schweren Start haben, die Einsame, die Ungeliebte...Aber jetzt ist klar, dass sie die Babys erst krank macht, um sie dann zu retten. Das ist wirklich krank! Warum macht sie das? Was ist mit ihr passiert? Und die aufeinander folgenden Affären mit verheirateten Männern...Was will sie? Was treibt sie an?


    Ludwig und Edith kennen den Angeklagten Nr.4 und dessen Frau also wirklich, was man sich schon dachte. Aber es scheint noch ganz anders zu sein. Der Verbrecher spuckt ihnen vor die Füße. Was ist da nur gelaufen in der Vergangenheit?

    Die Autorin schafft es völlig unaufdringlich und ohne reißerische Wendungen einen zu packen und dass man weiterlesen will. Sehr gekonnt!

  • Wie Frau Hess Evas Gefühle, ihre Zweifel und Ängste beschreibt, dass finde ich grandios.

    Beim Lesen fühle ich mich, als würde ich selbst vor diesem Gerichtssaal stehen.

    So geht es mir auch. Dabei stößt sie den Leser nicht mit der Nase drauf, sondern lässt ihm Raum. So etwas mag ich.

    Und die Gerichtssaalszenen finde ich auch besonders eindringlich.

  • Heftig, wie der arme polnische Zeuge bedrängt wurde. Besonders einfühlsam sind die Herren vom Gericht nicht. Auch Eva haben sie zu Beginn ziemlich mies behandelt.


    Ich bin gespannt, was den beiden Schwestern in ihrer Kindheit widerfahren ist. Evas wiederkehrender Traum und ihre Narbe geben mir zu denken.

  • Heftig, wie der arme polnische Zeuge bedrängt wurde. Besonders einfühlsam sind die Herren vom Gericht nicht. Auch Eva haben sie zu Beginn ziemlich mies behandelt.

    Schon gruselig, wie sich die Opfer, die so viel erlitten haben, rechtfertigen und beweisen müssen und wie selbstgefällig Hitlers willige Schergen sich in ihrer Bank zurücklehnen und alles von sich weisen. Da kommt einem echt das Erbrechen!!!

    Schwer auszuhalten.


    Ich bin gespannt, was den beiden Schwestern in ihrer Kindheit widerfahren ist. Evas wiederkehrender Traum und ihre Narbe geben mir zu denken.

    Annegret war schon etwas älter als die vierjährige Eva und erinnert sich vielleicht auch an mehr...Vielleicht ist sie so zu der gestörten Frau geworden?

  • Eva entwickelt sich. Sie dolmetscht bei den Prozessen, obwohl der künftige Gatte eigentlich nicht will, dass sie arbeitet.

    Und sie verändert sich, was Jürgen vielleicht noch gar nicht merkt, gerät immer weiter in den Sog der Schicksale, von denen sie zu hören bekommt. Zu Anfang des Buches war sie schon noch sehr unbedarft. Jetzt ist es, als hole die Realität, die wirkliche Welt sie ein.

    Ja, Eva verändert sich. Wobei ich von Anfang an das Gefühl hatte, dass sie wach und aufmerksam für alles ist und nur die Eltern und die Konventionen sie ausbremsen. Wenn man sich anschaut, wie genau sie Jürgen einschätzt auch wenn sie ihn liebt. Und sie lässt sich nicht wirklich von ihm unterbuttern sondern weicht erst mal aus oder schweigt und macht dann doch ihr Ding. Sie ist halt keine Revoluzzerin.


    Aber auch bei Jürgen spüre ich eine Veränderung. Dass er vor Eva weint, dass er auch versucht dass Thema Prozess einfach totzuschweigen, weil er erkannt hat, dass Eva ihm hier nicht ohne weiteres nachgeben würde. Allerdings fürchte ich, Jürgen könnte seine Ehemann-Rechte nach der Scheidung einfordern. Damals durfte der Ehemann ja noch der Ehefrau das Arbeiten verbieten. Und ich fürchte, so weit wird seine Veränderung nicht gehen, dass er nach der Hochzeit nicht versucht sich durchzusetzen.


    Dass Jürgen nicht einfach schwarz und Eva weiß beschrieben wird, gefällt mir sehr gut.


    Ich finde auch, dass die etwas reduzierte und beobachtende Erzählweise genau richtig ist, dass man als LeserIN sich seine eigenen Gedanken machen darf und muss. So etwas schätze ich sehr. Ich finde immer wieder solche Romane Klasse, die mir nicht etwas vorsetzen. Also nicht sagen, wie die DarstellerINNEN so sind, sondern mich selber das meiste entdecken lassen.

  • Annegret fand ich im ersten Abschnitt noch interessant, die Schwester, die sich so aufopferungsvoll um die Säuglinge kümmert, die einen schweren Start haben, die Einsame, die Ungeliebte...Aber jetzt ist klar, dass sie die Babys erst krank macht, um sie dann zu retten. Das ist wirklich krank! Warum macht sie das? Was ist mit ihr passiert? Und die aufeinander folgenden Affären mit verheirateten Männern...Was will sie? Was treibt sie an?

    Den Strang mit Annegret finde ich inzwischen nicht mehr so gut. Einfach, weil ich finde, dass er zu sehr vom anderen ablenkt, zu dominant und tragisch ist und für mich nicht ganz in die Geschichte reinpasst. Dass sie Eva anlügt und den Tod des Zeugen vorenthält, fand ich total überflüssig. War doch klar, dass das schnell rauskommt. Warum hat sie das getan? Weil sie gegen den Prozess ist? Gegen Evas Job dort?

  • Ludwig und Edith kennen den Angeklagten Nr.4 und dessen Frau also wirklich, was man sich schon dachte. Aber es scheint noch ganz anders zu sein. Der Verbrecher spuckt ihnen vor die Füße. Was ist da nur gelaufen in der Vergangenheit?

    Die Autorin schafft es völlig unaufdringlich und ohne reißerische Wendungen einen zu packen und dass man weiterlesen will. Sehr gekonnt!

    Ja, was ist da passiert. Die Spannung steigt unmerklich aber sogartig. Wirklich Klasse.

  • Das ist für mich tatsächlich die große Stärke dieses Buches.

    Ja, für mich auch. Der Prozess und wie der abläuft ist erschütternd. Im Interview hat die Autorin ja schon über die 400 Stunden Tonbandaufnahmen gesprochen. Da hat sie sicherlich einiges hier verarbeitet.

  • Den Strang mit Annegret finde ich inzwischen nicht mehr so gut. Einfach, weil ich finde, dass er zu sehr vom anderen ablenkt, zu dominant und tragisch ist und für mich nicht ganz in die Geschichte reinpasst. Dass sie Eva anlügt und den Tod des Zeugen vorenthält, fand ich total überflüssig. War doch klar, dass das schnell rauskommt. Warum hat sie das getan? Weil sie gegen den Prozess ist? Gegen Evas Job dort?

    Das empfinde ich genauso. Die Figur wirkt auf mich wie ein Fremdkörper in dieser Geschichte.

  • Wobei ich von Anfang an das Gefühl hatte, dass sie wach und aufmerksam für alles ist und nur die Eltern und die Konventionen sie ausbremsen.

    Das ist unbesteitbar. Aber ihr Handeln und ihre Gedanken waren halt auf den Rahmen, den die Konverntionen ihrer Zeit und auch ihrer Frauenrolle ihr gaben, beschränkt.

    Den Strang mit Annegret finde ich inzwischen nicht mehr so gut. Einfach, weil ich finde, dass er zu sehr vom anderen ablenkt, zu dominant und tragisch ist und für mich nicht ganz in die Geschichte reinpasst.

    Abgelenkt hat es mich nicht, aber ich finde, wenn die Autorin nicht vorhatte, diese Geschichte komplett auszuleuchten, hätte sie sie besser draußen gelassen.


    Im Interview hat die Autorin ja schon über die 400 Stunden Tonbandaufnahmen gesprochen.

    Ich muss mir mal das Interview der Autorin anschauen. Das Buch ist wirklich gut recherchiert.

  • Was Annegret angeht, verstehe ich ihre Rolle im Buch auch nicht. Für mich ist das eher zu viel, es trägt zu Handlung, um die es geht, gar nichts bei.


    Ich stelle es mir sehr schwer vor, diese Tonbandaufnahmen anzuhören. Da kann ich nur den Hut ziehen. Manche Stellen sind bestimmt kaum zu ertragen.

  • Ja, Annegret kommt mir auch seltsam hier vor. Ich frage mich, inwieweit sie aber noch wichtig wird. Mittlerweile finde ich sie auch total unsympathisch.


    Der Tod von dem Zeugen hat mich total mitgenommen und dass Annegret Eva darüber absichtlich belogen hat. Was bezweckt sie damit?


    Was Davod zu verbergen hat, frage ich mich auch die ganze Zeit. Wir wissen ja jetzt, dass er Jude ist, aber warum hasst er seine Mutter?


    Und die Erinnerungen von Eva, die sie nicht greifen kann, machen mich auch wahnsinnig. Im Zusammenhang mit der letzten Szene des Abschnitts erst recht.

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Schon gruselig, wie sich die Opfer, die so viel erlitten haben, rechtfertigen und beweisen müssen und wie selbstgefällig Hitlers willige Schergen sich in ihrer Bank zurücklehnen und alles von sich weisen. Da kommt einem echt das Erbrechen!!!

    Schwer auszuhalten.

    Das erinnert mich aber sehr an MIssbrauchs- und Vergewaltigungsopfer, die in Prozessen ihren Peinigern gegenübersitzen müssen und denen auch oft nicht geglaubt wird. Daran hat sich ja leider nichts geändert.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Aber auch bei Jürgen spüre ich eine Veränderung. Dass er vor Eva weint, dass er auch versucht dass Thema Prozess einfach totzuschweigen, weil er erkannt hat, dass Eva ihm hier nicht ohne weiteres nachgeben würde. Allerdings fürchte ich, Jürgen könnte seine Ehemann-Rechte nach der Scheidung einfordern. Damals durfte der Ehemann ja noch der Ehefrau das Arbeiten verbieten. Und ich fürchte, so weit wird seine Veränderung nicht gehen, dass er nach der Hochzeit nicht versucht sich durchzusetzen.


    Dass Jürgen nicht einfach schwarz und Eva weiß beschrieben wird, gefällt mir sehr gut.

    Ich mag Jürgen nicht und ich finde, Eva spürt, dass mit ihm und ihrer Beziehung etwas nicht in Ordnung ist. Gerade seine sexuelle Zurückhaltung macht in ihr ein unbehagliches Gefühl. Dass er sie in der Ehe bevormunden wird ist vorauszusehen. Aber noch ist der Schritt nicht getan und ich hoffe, dass sie - oder er noch abspringt.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Schon gruselig, wie sich die Opfer, die so viel erlitten haben, rechtfertigen und beweisen müssen und wie selbstgefällig Hitlers willige Schergen sich in ihrer Bank zurücklehnen und alles von sich weisen. Da kommt einem echt das Erbrechen!!!

    Schwer auszuhalten.

    Diese Szenen fand ich auch ganz, ganz schwer auszuhalten. Unvorstellbar, soviel Leid erfahren zu müssen, und dann sitzen die Verantwortlichen vor einem, grinsen einen an und streiten einfach alles ab. Dass die Zeugen da nicht ausrasten grenzt an ein Wunder.


    Findus hat ja schon geschrieben, dass es heute teilweise auch noch so ist und da braucht sich niemand zu wundern, wenn viele Opfer diesen Weg scheuen. Das muss extrem belastend sein.


    Mir „gefällt“ der Abschnitt richtig gut, weil er so vielschichtig ist. Eva wird sehr aus der Distanz geschildert, da hätte ich mir das ein oder andere Mal mehr von ihr gewünscht, aber vielleicht ist es für dieses Buch auch genau richtig. Mal sehen, wie es mir am Ende damit geht.

    Dass Jürgen nicht einfach schwarz und Eva weiß beschrieben wird, gefällt mir sehr gut.

    :write Das finde ich auch! Genau das meine ich mit „vielschichtig“. Ich bin sehr froh, dass es sich die Autorin sich und auch uns nicht zu leicht macht mit dieser Liebesgeschichte. Das hätte nicht zu dem Buch gepasst. Und ich bin auch ganz froh, dass dieser Strang immer wieder von der Düsternis der Verhandlung wegführt in eine für Eva noch verheißungsvolle Zukunft. Ich seh die zwar nicht für die beiden, aber sie werden sicher wachsen daran.


    Was Annegret angeht, verstehe ich ihre Rolle im Buch auch nicht. Für mich ist das eher zu viel, es trägt zu Handlung, um die es geht, gar nichts bei.

    Annegret und ihre Handlungen passen erstmal gar nicht so rein in das Buch. Wenn es aber darum geht, was die Kriegszeit mit den Beteiligten macht und wie sie ihre Erfahrungen verarbeiten (welche auch immer - das wird ja immer geheimnisvoller mit den Eltern von Eva und Annegret und ihrer Rolle in der Geschichte), dann passt es sehr gut rein. Ich nehme stark an, dass Annnegret aufgrund ihrer Kindheitserlebnisse so gestört ist. Von daher verfolge ich diesen Strang zwar mit Entsetzten, aber mit großem Interesse. Warum sie allerdings den Tod von Otto Cohn verschwieg, kann ich mir nicht erklären. Wollte sie ihre Schwester schützen und hat gehofft, damit durchzukommen? Oder bastelt sie sich ihre eigene Realität zurecht?

    Was David zu verbergen hat, frage ich mich auch die ganze Zeit. Wir wissen ja jetzt, dass er Jude ist, aber warum hasst er seine Mutter?

    Hasst er seine Mutter? Das habe ich überlesen. :gruebel Für mich ist er auch ein Getriebener und auch hier gefällt mir die Vielschichtigkeit. Ein Jude im Bordell passt so gar nicht ins Klischee. :-]

    „Aber das macht unser Leben aus, nicht wahr? Dass wir durch Begegnungen zu dem werden, was wir schlussendlich sind.“ Michael Düblin, Der kalte Saphir, Seite 263