'Deutsches Haus' - Seiten 001 - 114

  • Ich persönlich halte das Verdrängen der Geschichte (darum geht es hier ja auch), das "Wir haben von nichts gewusst", das Schweigen für falsch, verständlich ist es vielleicht, aber es ist falsch. Das hat viele Verhältnisse in Familien nachhaltig geprägt und generationsübergreifend geschadet. Abgesehen davon ist es ein weiterer Schlag gegen die Opfer.

    Das Stillschweigen bei solchen Traumata ist in Familien eine gängige Reaktion auf etwas, was man kaum in Worte fassen kann und schon gar nicht den eigenen Kindern erklären kann. Das bezieht sich auch auf andere Dinge, nicht nur auf die Nazi-Vergangenheit. Und es war ja ein kollektives Schweigen, welches Deutschland sich auferlegt hatte. Wenn man sieht, dass erst nach 20 Jahren so ein Prozesse zustande kam, dann wundert es nicht, dass es auch in den Familien keine Aufarbeitung gab. Solche Geschehnisse, die eine ganze Generation eines ganzen Volkes betrafen, gab es ja auch noch nicht in dem Umfang. Aber wenn ich z.B. an die Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien denke, da wird und wurde auch so manches lange totgeschiegen. Scheint eine menschliche Reaktion auf solche Geschehnisse zu sein. Man spricht sich einfach leicht mit dem Wissen von heute. Keine Ahnung, wie unsere Generation darauf reagieren würde (wenn man mal das digitale Zeitalter außer acht lässt, die so das Stillschweigen sicher schwieriger macht).

    Hollundergrüße :wave



    :lesend

    Der Himmel über Amerika - Karin Seemayer

    Nachttod - Johanna Mo

    Des Menschen Flügel - Andreas Eschbach


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Das Stillschweigen bei solchen Traumata ist in Familien eine gängige Reaktion auf etwas, was man kaum in Worte fassen kann und schon gar nicht den eigenen Kindern erklären kann. Das bezieht sich auch auf andere Dinge, nicht nur auf die Nazi-Vergangenheit. Und es war ja ein kollektives Schweigen, welches Deutschland sich auferlegt hatte. Wenn man sieht, dass erst nach 20 Jahren so ein Prozesse zustande kam, dann wundert es nicht, dass es auch in den Familien keine Aufarbeitung gab. Solche Geschehnisse, die eine ganze Generation eines ganzen Volkes betrafen, gab es ja auch noch nicht in dem Umfang. Aber wenn ich z.B. an die Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien denke, da wird und wurde auch so manches lange totgeschiegen. Scheint eine menschliche Reaktion auf solche Geschehnisse zu sein. Man spricht sich einfach leicht mit dem Wissen von heute. Keine Ahnung, wie unsere Generation darauf reagieren würde (wenn man mal das digitale Zeitalter außer acht lässt, die so das Stillschweigen sicher schwieriger macht).

    Das ist mir bewusst. Das "Wissen von heute" ist in meinem Fall das Wissen einer in der 3. Generation Betroffenen, entstanden also aus persönlichen Erfahrungen. Und da bin ich nicht die Einzige. Es gibt dazu auch mittlerweise wissenschaftliche Studien, Literatur und Untersuchungen.

    Ich schrieb oben, dass ich das Schweigen für verständlich aber falsch halte. Den eigenen Kindern kann man es vielleicht nicht erklären, an ihnen auslassen aber schon. Es gibt eben auch hier nicht nur zwei Meinungen oder nur Schwarz und Weiß.

  • Man darf auch nicht vergessen, welche Erziehung die Elterngeneration selber "genossen" hat. Da war nix mit selber denken und kritisch hinterfragen.

    Da hieß es Gehorsam und nochmal Gehorsam. Hacken zusammen und jawoll gesagt.


    Haben nicht einige von euch von Ishiguro: Der begrabene Riese mitgelesen?

    Da ging es ebenfalls um Vergessen oder Erinnern. Das habe ich noch in deutlicher Erinnerung.

  • Man darf auch nicht vergessen, welche Erziehung die Elterngeneration selber "genossen" hat. Da war nix mit selber denken und kritisch hinterfragen.

    Da hieß es Gehorsam und nochmal Gehorsam. Hacken zusammen und jawoll gesagt.

    Aber doch haben es einige getan.

  • Man darf auch nicht vergessen, welche Erziehung die Elterngeneration selber "genossen" hat. Da war nix mit selber denken und kritisch hinterfragen.

    Da hieß es Gehorsam und nochmal Gehorsam. Hacken zusammen und jawoll gesagt.

    Stimmt genau. Kinder mussten damals den Erwachsenen gehorchen. Der Respekt vor "Anführern" wurde sozusagen anerzogen. Ganz anders als heute. Heute schlägt das inzwischen oft ins Gegenteil um. Wenn die Kinder bestimmen, was in einer Familie geschieht, dann haben die es als junge Erwachsene oft sehr schwer sich z.B. im Berufsleben einzuordnen. Mag nicht jeder, aber tatsächlich brauchen Kinder durchaus Vorgaben - und ein bisserl Respekt schadet auch nix. Damals wurde das natürlich noch mit dem Stock und der Ohrfeige erzwungen und hat das freie Denken und den Widerstand nicht gerade gefördert.


    Aber doch haben es einige getan

    Stimmt. Aber leider waren sie die Ausnahme von der Regel.


    Habe gestern die Doku angeschaut, die anlässlich der Serie Charité in der ARD lief. Da ging es unter anderem darum, dass die Oberärzte an den Kliniken im 3.ten Reich eigentlich fast Narrenfreiheit hatten und es den meisten tatsächlich nicht geschadet hat/hätte, wenn sie sich für jüdische Kollegen einsetzten. Aber auch hier - die wenigsten wagten zu widersprechen, wenn der jüdische Arzt entlassen wurde. Selbst der große Sauerbruch agierte nur heimlich und war nach außen hin sehr regimetreu. Wenn er doch mal aufbegehrte, dann ist ihm nichts passiert, eben weil er ja ein Aushängeschild war. Er hätte viel mehr tun können.

    Hollundergrüße :wave



    :lesend

    Der Himmel über Amerika - Karin Seemayer

    Nachttod - Johanna Mo

    Des Menschen Flügel - Andreas Eschbach


    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Haben nicht einige von euch von Ishiguro: Der begrabene Riese mitgelesen?

    Da ging es ebenfalls um Vergessen oder Erinnern. Das habe ich noch in deutlicher Erinnerung.

    Ja, den begrabenen Riesen habe ich noch gut in Erinnerung. :) Vergessen und Erinnern war da ja zentraler Punkt. Wobei mir sehr gut gefallen hat, dass es dort kein richtig oder falsch gibt, sondern nur individuelle Abwägungen.


    Was man auch nicht außer acht lassen darf: die ganze Gesellschaft war damals eine andere. Es galt, sich in die Gruppe möglichst unauffällig und gewinnbringend einzufügen. Von der Individualisierung wie heute, wo jeder machen kann was er will und kann, war man ja damals weit entfernt. Das könnte für mich ein Grund sein, warum viele Menschen - wie die von hollyhollunder benannten - wenig oder gar nichts gegen das System getan haben. Sie wollten nicht auffallen und/oder als Außenseiter dastehen. Eine Vernetzung wie heute untereinander gab es ja auch nicht, so war jeder ein Einzelkämpfer und wusste nichts von den anderen, die auch so gedacht hätten wie er/sie.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • In dem Buch geht es ja nicht um das Verhalten während der Nazizeit, sondern um den Umgang damit danach (darauf beziehen sich auch meine vorherigen Beiträge).

    So verständlich das Verdrängen, das "wir haben von nichts gewusst" vielleicht auch sein mag, es ist nachweislich falsch und eine Lüge.

    Eva steht hier stellvertretend für viele Nachkommen, die eben auch Rechte haben Fragen zu stellen, Rechte auf Aufklärung und die Wahrheit haben und mit der Mauer aus Schweigen umgehen müssen.

  • Eva steht hier stellvertretend für viele Nachkommen, die eben auch Rechte haben Fragen zu stellen, Rechte auf Aufklärung und die Wahrheit haben und mit der Mauer aus Schweigen umgehen müssen.


    Und die, auch wenn sie an den damaligen Geschehnissen weder beteiligt noch schuldig waren, auch persönlich stark betroffen sind und waren.

    Es gibt etliche seriöse Studien, dass auch Menschen, die vom Krieg und dem Naziregime selber nicht bewusst etwas mitbekommen haben, bis an ihr Lebensende an den Folgen leiden können.

    Gerade durch das Schweigen.

    Viele denken immer, eine Vogel Strauß Politik mache das Ganze ungeschehen. Das Gegenteil ist der Fall.

  • Eva steht hier stellvertretend für viele Nachkommen, die eben auch Rechte haben Fragen zu stellen, Rechte auf Aufklärung und die Wahrheit haben und mit der Mauer aus Schweigen umgehen müssen.

    Natürlich hat sie das Recht, Fragen stellen zu düfen. Aber sie muss dann auch mit den Antworten leben (können). Oder - wahrscheinlich schlimmer - damit, keine Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.

    Das Stillschweigen ... Scheint eine menschliche Reaktion auf solche Geschehnisse zu sein. Man spricht sich einfach leicht mit dem Wissen von heute.

    Das kann ich nur hundertprozentig unterschreiben. Ich für meinen Teil tue mich sehr schwer damit, einer Generation und damit auch Einzelpersonen dieses Verdrängen oder Verschweigen vorzuwerfen. Wir können alle nicht einmal annähernd nachempfinden, in welcher Situation, in welcher Gesellschaft, in welcher emotionalen Lage die Menschen damals waren. Es gibt die bekannte indianische Weihsheit, man solle nicht über einen Menschen urteilen, bevor man nicht "eine Meile in seinen Mokassins gegangen ist". Das passt auch hier.


    Ich finde, die Autorin macht es sehr schön mit dieser extrem schwierigen Frage. Zum einen urteilt sie nicht, sondern beobachtet nur, zum anderen zeigt sie an verschiedenen Charakteren ganz unterschiedliche Strategien, mit dem Erlebten umzugehen. Das finde ich sehr gut herausgearbeitet! Um hier nicht vorzugreifen, schreibe ich in den folgenden Abschnitten was dazu.-

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020

  • Demgegenüber stehen aber nicht nur Angehörige oder Nachkommen wie Eva, sondern Millionen von Opfern, Überlebenden und deren Nachkommen. Für die ist dieses Schweigen, dieses Verleugnen und "Wir haben von nichts gewusst" alles andere als verständlich, sondern ein Schlag ins Gesicht. Diese Seite darf hier nicht außen vor sein, hat mehr Rechte auf Aufklärung als die Deutschen auf ihr Schweigen. Da finde ich dieses Sprichwort ehrlich gesagt mehr als unpassend. Man muss das nicht erlebt haben, um sich ein Urteil zu bilden und für die Opfer einzustehen. Vor allem dann nicht, wenn man dafür einsteht, dass so etwas niemals mehr geschehen darf. Oder als Beispiel hier aus dem Buch, ein Fritz Bauer, der sich sein Leben lang für die Aufklärung und das Durchbrechen des Schweigens eingesetzt hat.

    Ich kann dieses Schweigen in diesem Fall nicht verteidigen und werde das auch weiter dieser Generation vorwerfen. Das hat mein einer Großvater, der nicht geschwiegen hat, mir mitgegeben. Das war ihm wichtig.

    Ich empfehle auch "Shoah" von Claude Lanzmann, er wird sehr deutlich, was er vom kollektiven Schweigen und angeblichen Nichtwissen hält.

    Oder unterhaltet euch mit einem der wenigen Überlebenden, die heute noch unermüdlich in die Schulen gehen oder an anderen Veranstaltungen teilnehmen, um die junge Generation aufzuklären und gegen das Vergessen und das Schweigen zu arbeiten.

    Oder sprecht mit Menschen, wie denen von "Stolpersteine gegen das Vergessen" oder anderen Organisationen, die auch heute mit Menschen zu kämpfen haben, die das alles "unter den Teppich kehren wollen" und das Gedenken daran, am liebsten verbieten wollen.

  • Ich meine, man muss zwei Dinge unterscheiden.

    Da ist einmal das Schweigen und Nicht-Wissen-Wollen. Den Kopf in den Sand stecken. Das ist etwas, das kann ich auch nicht verstehen und da ist jeder gefragt, mit an Aufklärung und Information zu arbeiten.


    Dann sind dann diejenigen, die darüber berichten, dass auch sie Mitläufer waren. Angst hatten, nicht eingeschritten sind, ohne selbst Täter gewesen zu sein. Von diesen Menschen gibt es ganz viele. Ich hatte eine Tante, sehr viel ältere Schwester meiner Mutter, die mir als kleines Mädchen erzählte, was sie bei den "deutschen Mädchen" und auch in der Schule erlebt hat.

    Wie ausgegrenzt und erniedrigt wurde. Und wie sie sich geschämt hat und nicht gewagt hat, für eine Freundin einzutreten.

    Vor ihr hatte ich immer Respekt, weil sie über ihr Verhalten nachgedacht hat und kann und will nicht urteilen.

  • Das nicht Hinsehen und tun als wäre nichts haben wir ja heute auch überall.

  • Saiya ich glaube auch, dass wir von zwei ganz unterschiedlichen Dingen reden. Natürlich ist Aufkärung und Aufarbeitung enorm wichtig. Über die extrem wichtige Arbeit aller, die die Geschehnisse des 2. Weltkriegs aufarbeiten, besteht wohl keinerlei Diskussion. Sollte man mein Post anders verstehen, hab ich mich misverständlich ausgedrückt.


    Es geht mir vielmehr darum, dass ICH heute, mit dem heutigen Wissen und der heutigen - sehr freien und individuellen - Gesellschaft nicht über Menschen urteilen werde, deren Lebensumstände ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen und -fühlen kann. Natürlich hätten sie aus heutiger Sicht anders handeln sollen - keine Frage. Und hätten sich damit auch wahrscheinlich selbst viel Leid erspart. Und auch anderen. Aber wir haben darauf eine ganz andere Sicht als die Menschen, die mitten drinstecken. Und auch irgendwie überleben wollen. Nur zur Klarstellung: ich rede hier von ganz normalen Menschen, keine, die direkt in die NS-Taten verstrickt waren.


    Nochmal: es geht mir nicht darum, ob das Schweigen richtig oder falsch war (in der Frage sind wir uns wohl alle einig). Es geht mir darum, dass ICH nicht die Menschen verurteilen werde. Die Opfer dürfen und sollen das natürlich anders sehen, das ist ihr gutes Recht.


    Zwar nicht vergleichbar, aber fällt mir gerade so ein: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die übernächste Generation uns auch einiges vorzuwerfen hat. Wahrscheinlich, dass wir viel zu wenig tun, um unsere Umwelt zu schützen, vielleicht auch, dass wir zu wenig tun, um unsere Demokratie zu schützen. Eventuell auch ganz was anderes, das wir jetzt - völlig vernagelt wie wir sind - gar nicht sehen.

    "Wir brauchen alle immer mal wieder Beschäftigungen, die uns eine Pause von uns selbst gönnen." Tracy Chevalier, Violet, Atlantik Verlag 2020