Stay away from Gretchen - Susanne Abel

  • Über die Autorin:

    Susanne Abel stammt aus einem badischen Dorf an der französischen Grenze, arbeitete bereits mit 17 Jahren als Erziehungshelferin und später als Erzieherin. Nach einer Ausbildung zur Puppenspielerin landete sie über den Weg des Theaters beim Fernsehen. Sie schloss ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab und realisiert seither als Autorin und Regisseurin zahlreiche Dokumentationen fürs Fernsehen. Die Autorin lebt und arbeitet in Köln.



    Meine Meinung:

    Der bekannte Journalist und Nachrichtensprecher Tom Monderath ist arrogant, trinkt zuviel und reißt jede Frau auf, die ihm gefällt. Doch eines Nachts bleibt seine 84-jährige Mutter Greta ohne Sprit auf der Autobahn liegen. Nun muss er sich plötzlich mit dem Gedanken auseinander setzen, dass sie dabei ist, ihr Gedächtnis zu verlieren.


    Je schlechter es Greta geht, desto mehr muss sich Tom um sie kümmern und dabei verändert er sich immer mehr, denn die Zeiten in denen er sorglos in den Tag hinein gelebt hat, sind vorbei. Während er zwangsläufig immer mehr Zeit mit Greta verbringt, sichtet er nebenbei die Unterlagen seiner Mutter, die gedanklich immer mehr in ihre Kindheit und Jugendzeit abdriftet. Als ihm eines Tages das Foto von einem kleinen Mädchen mit brauner Haut in die Hände fällt und seine Mutter ihm absolut nichts dazu sagen möchte, fängt er an zu recherchieren...



    "Stay away from Gretchen" von Susanne Abel wird in zwei Zeitebenen erzählt, die immer mehr miteinander verschmelzen - erst in kurzen Abschnitten, aber je weiter die Geschichte fortschreitet, desto länger werden die Passagen. Dabei war der Übergang so fließend, dass ich immer im Lesefluss geblieben bin.


    Im ersten Erzählstrang geht es um Greta und ihre Familie, beginnend kurz vor dem 2. Weltkrieg in Preußisch Eylau, wo die Familie bis zur dramatischen Flucht vor den Russen in den Westen gelebt hat. Die Nachkriegsjahre verbrachte die Familie in Heidelberg, wo sich Greta und der farbige GI Bob kennenlernen. Ungeachtet aller auf sie zukommenden Probleme verlieben sich die beiden ineinander.


    Im zweiten Erzählstrang geht es um Tom und darum, wie er mit der Erkrankung seiner Mutter zurechtkommen muss. Durch kleine Dinge taucht er immer mehr in die Vergangenheit und das Leben seiner Mutter ein und zeigt auch sich selbst dabei immer mehr von einer ganz anderen Seite. Die Reise in die Vergangenheit ist auch eine Reise zu sich selbst. Er erfährt von einem Arzt, dass er anscheinend unter einer transgenerationalen Traumatisierung leidet und nachdem er sich zum Thema belesen hat, ist ihm klar: er muss wissen, was in der Vergangenheit seiner Mutter passiert ist, um selbst nach vorne blicken zu können.


    Der Kreis schließt sich, wenn man das sehr ausführliche Nachwort liest, denn hier geht die Autorin näher darauf ein, wie ihre Idee zur Geschichte entstanden ist.


    Susanne Abel geht auf die Alzheimer Erkrankung ihrer Mutter näher ein und erklärt, wie auch sie durch die traumatischen Erfahrungen ihrer Mutter geprägt wurde. Auf Grund der Erkrankung hat sie sich intensiv mit deren Vergangenheit auseinander gesetzt und ist dabei auch auf das Thema der "Brown Babies", die in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende in Deutschland geboren wurden, gestoßen.


    "Stay away from Gretchen" hat große Themenbereiche zum Inhalt: Alzheimer und die dazugehörige Veränderung im Leben von einem Erwachsenen zurück in die Kindheit, den 2. Weltkrieg, die Flucht vor den Russen aus dem Osten und den anschließenden Neubeginn im Westen, Vergangenheitsbewältigung, transgenerationale Traumatisierung (ein absolut neues und unbekanntes Thema für mich), Flüchtlinge (auch in Bezug auf die Flüchtlingskrise 2015/2016), Brown Babies und Rassismus - damals wie auch heute leider immer noch ein Thema.


    All diese Themen werden in diesem außergewöhnlichen Roman behandelt und in eine Familiengeschichte eingebunden. Das Buch war so ungeheuer dramatisch und spannend zugleich - ich konnte es einfach nicht aus den Händen legen. Dieses ganz wunderbare Buch hat mich emotional immens mitgenommen. Dazu beigetragen hat der leicht verständliche und sehr fesselnde Schreibstil und die erstklassige Figurenzeichnung.


    Der Titel des Buches bezieht sich nicht auf den Namen der Protagonistin "Greta", sondern war damals ein Appell der Army, sich von den deutschen Frauen fernzuhalten, um sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken.


    Zwei Sätze die ich so passend zur Geschichte fand, dass ich sie extra aufschreiben musste: "Das Gedächtnis verrutscht im Alter- aufschreiben ist immer gut" und "Ich bin hier - ohne da zu sein".


    Ich kann bereits jetzt im März schon sagen, dass "Stay away from Gretchen" zu meinen Lieblingsbüchern im Jahr 2021 gehören wird - da bin ich mir absolut sicher und vergebe, deshalb auch sehr gerne 10 von 10 Sternen und freue mich darüber hinaus auf weitere Bücher der Autorin!


    ASIN/ISBN: 3423282592

  • Tom Monderath ist ein prominenter Nachrichtenmoderator und kühler Karrieremensch. Sein Leben dreht sich um Nachrichten, Frauen und um sein eigenes Vergnügen, doch irgendwann muss er feststellen, dass sich die kleinen Ausfälle seiner Mutter nicht mehr mit normaler Vergesslichkeit erklären lassen. Greta reagiert zunehmen verärgert, wenn man ihr Vorschriften machen will, gleichzeitig driftet sie immer mehr ab in Gedanken an ihre Vergangenheit. Nur durch Zufall findet Tom das Foto eines kleinen dunkelhäutigen Mädchens zwischen ihren Bildern und beginnt zu recherchieren…

    Wir lernen Toms Mutter Greta näher kennen und sehen ihre Kindheit und die Flucht aus Ostpreußen. Der Vater wird im Krieg vermisst und Gretas restliche Familie kommt nach langen Irrungen in Heidelberg unter. Dort lernt sie Bobby kennen und lieben, der leider nicht nur zur Besatzungsmacht gehört, sondern auch noch die falsche Hautfarbe hat.


    Neben der Vergangenheit Gretas gibt es noch die gegenwärtige Zeit, in der wir Tom in seinem rastlosen Leben begleiten. Er scheint durch und durch egoistisch, nutzt seine Assistentin aus und nimmt auf Gefühle anderer wenig Rücksicht. Da stört die zunehmende Hilfsbedürftigkeit seiner Mutter zuerst nur, doch Tom beginnt zu ahnen, dass sie lange Zeit ein Geheimnis mit sich herumgetragen hat und mit der Recherche nach ihrem alten Leben, beginnt er langsam, Gefühle zuzulassen und erkennt, dass er ihr Trauma quasi geerbt hat.


    Ich konnte dieses Buch nicht aus den Händen legen. Trotz des ernsten Themas liest es sich einfach so schnell weg. Der Autorin war es ein Anliegen, gleich mehrere Themen zusammenzubringen und das ist ihr gut gelungen. Es geht um die Flucht aus Ostpreußen, aber auch um die Flüchtlingskrise 2015, es geht um die Besatzungszeit nach dem zweiten Weltkrieg und die sogenannten Brown Babies, die in dieser Zeit geboren wurden und natürlich um das Thema Alzheimer. Besonders das Schicksal der Brown Babies war für mich bisher unbekannt und sehr interessant und nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich noch sehr viel dazu im Internet gelesen. In einem Nachwort erklärt die Autorin ihre Intention, dieses Buch zu schreiben und nennt außerdem sehr viele lesenswerte Quellen.


    Mein Fazit: Ein sehr lesenswertes und emotionales Buch, das sich gleich mit mehreren hochinteressanten Themen beschäftigt. 9 von 10 Eulenpünktchen

  • ASIN/ISBN: 3423282592


    Seiten: 528

    Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft

    Erscheinungsdatum: 18. März 2021

    Preis: 20 € (gebunden), 16,99 € (E-Book)



    Die Autorin (Quelle: Verlag):


    Susanne Abel stammt aus einem badischen Dorf an der französischen Grenze, arbeitete bereits mit 17 Jahren als Erziehungshelferin und später als Erzieherin. Nach einer Ausbildung zur Puppenspielerin landete sie über den Weg des Theaters beim Fernsehen. Sie schloss ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab und realisiert seither als Autorin und Regisseurin zahlreiche Dokumentationen fürs Fernsehen. Die Autorin lebt und arbeitet in Köln.



    Das Buch (Quelle: Verlag):


    Eine große Liebe in dunklen Zeiten


    Der bekannte Kölner Nachrichtenmoderator Tom Monderath macht sich Sorgen um seine 84-jährige Mutter Greta, die immer mehr vergisst. Was anfangs ärgerlich für sein scheinbar so perfektes Leben ist, wird unerwartet zu einem Geschenk. Nach und nach erzählt Greta aus ihrem Leben – von ihrer Kindheit in Ostpreußen, der Flucht vor den russischen Soldaten im eisigen Winter, der Sehnsucht nach dem verschollenen Vater und ihren Erfolgen auf dem Schwarzmarkt in Heidelberg. Als Tom jedoch auf das Foto eines kleinen Mädchens mit dunkler Haut stößt, verstummt Greta. Zum ersten Mal beginnt Tom, sich eingehender mit der Vergangenheit seiner Mutter zu befassen. Nicht nur, um endlich ihre Traurigkeit zu verstehen. Es geht auch um sein eigenes Glück.



    Meine Meinung:


    Ich bin völlig unvoreingenommen an „Stay away from Gretchen“ von Susanne Abel gegangen und war völlig überwältigt, weil das Buch in mir so viele Gefühle ausgelöst hat. Es geht hier nicht nur um eine Lovestory, die einem das Herz zerreißt, sondern um einiges mehr.


    Greta und ihr Sohn Tom leben in Köln, Tom ist Nachrichtenmoderator und hat eigentlich gar nicht viel Zeit für seine 84jährige Mutter. Doch eines Tages wird ihm klar: Seine Mam hat Demenz. Anfangs äußert es sich gar nicht so offensichtlich, aber nach und nach kommt zutage, was in Gretas Kopf so los ist. Tom merkt, dass Greta ihm seine Halbschwester Marie verschwiegen hat.


    Susanne Abel ist da ein ganz tolles Buch gelungen. Zu Beginn des Buches, in der Zeit, die wir Deutschen lieber vergessen möchten, befindet sich Deutschland im Nazirausch. Greta ist total dabei und ruft Parolen, marschiert mit und wünscht sich nichts lieber als den Führer kennen zu lernen und ihm zu dienen. Das hat mich schon mal völlig umgehauen. Ich habe zwar schon viele Bücher, die in der Zeit spielen, gelesen, aber noch nie wirklich diesen Enthusiasmus transportiert bekommen. Als Greta den GI Bobby kennen lernt, wird das Buch von Liebe durchflutet, anders kann ich es nicht beschreiben. Es war einfach so liebevoll geschrieben, dass ich auch ein wenig in Bobby verliebt war und jede einzelne Sekunde mitgefühlt habe. Alle weiteren Begebenheiten haben ich weinen, fluchen oder auch grinsen lassen.


    Die zwei Zeitebenen nehmen ungefähr gleich viel Raum ein, wobei mir die Vergangenheit ein wenig besser gefallen hat. Ich fand Tom anfangs ziemlich oberflächlich und egoistisch, aber auch er hat sich, wie alle anderen Charaktere, im Laufe des Buches weiter entwickelt.


    Eins der für mich wichtigsten Inhalte des Buches ist der Brown Baby Plan. Die Journalistin Mabel Grammer hat diesen Plan ins Leben gerufen um die „Brown Babies“ in die USA zu bringen und dort von afroamerikanischen Familien adoptieren zu lassen. Dieses Thema fand ich sehr interessant, weil ich bisher noch nie Berührung damit hatte, wie diese Kinder und auch deren Mütter im Nachkriegsdeutschland behandelt wurden. Wenn ihr euch für dieses Thema interessiert, könnt ihr euch diesen Artikel der NY Times durchlesen (auf englisch).



    Mich hat das Buch sehr berührt, nicht nur wegen der Lovestory, sondern vor allem aufgrund der anderen Themen, die mir zum Teil unbekannt waren. Ich hoffe sehr, dass das Buch sehr viele Leser/innen findet und dass Susanne Abel noch weitere Bücher schreibt.

  • Beinahe hätte ich diesen Roman übersehen, aber als ich Klappentext Heidelberg gelesen, da war klar ,den muss ich unbedingt lesen.


    Beeindruckend und authentisch erzählt die Autorin die Lebensgeschichte von Greta in zwei Zeitebenen , perfekt ineinander verzahnt.

    Die Demenzerkrankung seiner Mutter stellt Tom vor eine völlig neue Herausforderung, zumal es für ihn ein noch unbekanntes Kapitel im Leben von Greta gibt. Eine Vergangenheit, die von seinen Eltern nie angesprochen wurde. Die Distanz zwischen Mutter und Sohn ist spürbar und Tom erkennt nach Recherchen, warum es dazu kam.

    Tom, ein Workaholic, ist sehr egozentrisch im Beruf und Privat, aber er bekommt noch rechtzeitig die Kurve.

    Dann gibt es ja noch Bob, der junge GI, und sein Gretchen. Was für eine schöne und zugleich tragische Geschichte.


    Die Autorin schildert das Schicksal der "Brown Babies", ein unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Fassungslos liest man über den Umgang mit diesen Kindern von Behörden, lokalen Medien und die Rede im Bundestag einer CDU Abgeordneten.


    Lebendig und bildhaft versteht es die Autorin die unterschiedlichen ,brisanten Themen in die Geschichte einzubetten.

    Ein lesenswerter Roman, der einem noch lange nachdenklich zurücklässt und aus den vielen Nachkriegsromanen heraussticht. Absolute Leseempfehlung!

  • Ich habe mir das Buch gestern auch gekauft, das Thema Demenz interessiert mich, da mein Vater Alzheimer hatte.

    Bin schon sehr gespannt, werde aber erst meine angefangenen Bücher bei KU lesen.

    Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts.


    Oscar Wilde (1854 - 1900)