Stay away from Gretchen - Susanne Abel

  • Über die Autorin:

    Susanne Abel stammt aus einem badischen Dorf an der französischen Grenze, arbeitete bereits mit 17 Jahren als Erziehungshelferin und später als Erzieherin. Nach einer Ausbildung zur Puppenspielerin landete sie über den Weg des Theaters beim Fernsehen. Sie schloss ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab und realisiert seither als Autorin und Regisseurin zahlreiche Dokumentationen fürs Fernsehen. Die Autorin lebt und arbeitet in Köln.



    Meine Meinung:

    Der bekannte Journalist und Nachrichtensprecher Tom Monderath ist arrogant, trinkt zuviel und reißt jede Frau auf, die ihm gefällt. Doch eines Nachts bleibt seine 84-jährige Mutter Greta ohne Sprit auf der Autobahn liegen. Nun muss er sich plötzlich mit dem Gedanken auseinander setzen, dass sie dabei ist, ihr Gedächtnis zu verlieren.


    Je schlechter es Greta geht, desto mehr muss sich Tom um sie kümmern und dabei verändert er sich immer mehr, denn die Zeiten in denen er sorglos in den Tag hinein gelebt hat, sind vorbei. Während er zwangsläufig immer mehr Zeit mit Greta verbringt, sichtet er nebenbei die Unterlagen seiner Mutter, die gedanklich immer mehr in ihre Kindheit und Jugendzeit abdriftet. Als ihm eines Tages das Foto von einem kleinen Mädchen mit brauner Haut in die Hände fällt und seine Mutter ihm absolut nichts dazu sagen möchte, fängt er an zu recherchieren...



    "Stay away from Gretchen" von Susanne Abel wird in zwei Zeitebenen erzählt, die immer mehr miteinander verschmelzen - erst in kurzen Abschnitten, aber je weiter die Geschichte fortschreitet, desto länger werden die Passagen. Dabei war der Übergang so fließend, dass ich immer im Lesefluss geblieben bin.


    Im ersten Erzählstrang geht es um Greta und ihre Familie, beginnend kurz vor dem 2. Weltkrieg in Preußisch Eylau, wo die Familie bis zur dramatischen Flucht vor den Russen in den Westen gelebt hat. Die Nachkriegsjahre verbrachte die Familie in Heidelberg, wo sich Greta und der farbige GI Bob kennenlernen. Ungeachtet aller auf sie zukommenden Probleme verlieben sich die beiden ineinander.


    Im zweiten Erzählstrang geht es um Tom und darum, wie er mit der Erkrankung seiner Mutter zurechtkommen muss. Durch kleine Dinge taucht er immer mehr in die Vergangenheit und das Leben seiner Mutter ein und zeigt auch sich selbst dabei immer mehr von einer ganz anderen Seite. Die Reise in die Vergangenheit ist auch eine Reise zu sich selbst. Er erfährt von einem Arzt, dass er anscheinend unter einer transgenerationalen Traumatisierung leidet und nachdem er sich zum Thema belesen hat, ist ihm klar: er muss wissen, was in der Vergangenheit seiner Mutter passiert ist, um selbst nach vorne blicken zu können.


    Der Kreis schließt sich, wenn man das sehr ausführliche Nachwort liest, denn hier geht die Autorin näher darauf ein, wie ihre Idee zur Geschichte entstanden ist.


    Susanne Abel geht auf die Alzheimer Erkrankung ihrer Mutter näher ein und erklärt, wie auch sie durch die traumatischen Erfahrungen ihrer Mutter geprägt wurde. Auf Grund der Erkrankung hat sie sich intensiv mit deren Vergangenheit auseinander gesetzt und ist dabei auch auf das Thema der "Brown Babies", die in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende in Deutschland geboren wurden, gestoßen.


    "Stay away from Gretchen" hat große Themenbereiche zum Inhalt: Alzheimer und die dazugehörige Veränderung im Leben von einem Erwachsenen zurück in die Kindheit, den 2. Weltkrieg, die Flucht vor den Russen aus dem Osten und den anschließenden Neubeginn im Westen, Vergangenheitsbewältigung, transgenerationale Traumatisierung (ein absolut neues und unbekanntes Thema für mich), Flüchtlinge (auch in Bezug auf die Flüchtlingskrise 2015/2016), Brown Babies und Rassismus - damals wie auch heute leider immer noch ein Thema.


    All diese Themen werden in diesem außergewöhnlichen Roman behandelt und in eine Familiengeschichte eingebunden. Das Buch war so ungeheuer dramatisch und spannend zugleich - ich konnte es einfach nicht aus den Händen legen. Dieses ganz wunderbare Buch hat mich emotional immens mitgenommen. Dazu beigetragen hat der leicht verständliche und sehr fesselnde Schreibstil und die erstklassige Figurenzeichnung.


    Der Titel des Buches bezieht sich nicht auf den Namen der Protagonistin "Greta", sondern war damals ein Appell der Army, sich von den deutschen Frauen fernzuhalten, um sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken.


    Zwei Sätze die ich so passend zur Geschichte fand, dass ich sie extra aufschreiben musste: "Das Gedächtnis verrutscht im Alter- aufschreiben ist immer gut" und "Ich bin hier - ohne da zu sein".


    Ich kann bereits jetzt im März schon sagen, dass "Stay away from Gretchen" zu meinen Lieblingsbüchern im Jahr 2021 gehören wird - da bin ich mir absolut sicher und vergebe, deshalb auch sehr gerne 10 von 10 Sternen und freue mich darüber hinaus auf weitere Bücher der Autorin!


    ASIN/ISBN: 3423282592

  • Tom Monderath ist ein prominenter Nachrichtenmoderator und kühler Karrieremensch. Sein Leben dreht sich um Nachrichten, Frauen und um sein eigenes Vergnügen, doch irgendwann muss er feststellen, dass sich die kleinen Ausfälle seiner Mutter nicht mehr mit normaler Vergesslichkeit erklären lassen. Greta reagiert zunehmen verärgert, wenn man ihr Vorschriften machen will, gleichzeitig driftet sie immer mehr ab in Gedanken an ihre Vergangenheit. Nur durch Zufall findet Tom das Foto eines kleinen dunkelhäutigen Mädchens zwischen ihren Bildern und beginnt zu recherchieren…

    Wir lernen Toms Mutter Greta näher kennen und sehen ihre Kindheit und die Flucht aus Ostpreußen. Der Vater wird im Krieg vermisst und Gretas restliche Familie kommt nach langen Irrungen in Heidelberg unter. Dort lernt sie Bobby kennen und lieben, der leider nicht nur zur Besatzungsmacht gehört, sondern auch noch die falsche Hautfarbe hat.


    Neben der Vergangenheit Gretas gibt es noch die gegenwärtige Zeit, in der wir Tom in seinem rastlosen Leben begleiten. Er scheint durch und durch egoistisch, nutzt seine Assistentin aus und nimmt auf Gefühle anderer wenig Rücksicht. Da stört die zunehmende Hilfsbedürftigkeit seiner Mutter zuerst nur, doch Tom beginnt zu ahnen, dass sie lange Zeit ein Geheimnis mit sich herumgetragen hat und mit der Recherche nach ihrem alten Leben, beginnt er langsam, Gefühle zuzulassen und erkennt, dass er ihr Trauma quasi geerbt hat.


    Ich konnte dieses Buch nicht aus den Händen legen. Trotz des ernsten Themas liest es sich einfach so schnell weg. Der Autorin war es ein Anliegen, gleich mehrere Themen zusammenzubringen und das ist ihr gut gelungen. Es geht um die Flucht aus Ostpreußen, aber auch um die Flüchtlingskrise 2015, es geht um die Besatzungszeit nach dem zweiten Weltkrieg und die sogenannten Brown Babies, die in dieser Zeit geboren wurden und natürlich um das Thema Alzheimer. Besonders das Schicksal der Brown Babies war für mich bisher unbekannt und sehr interessant und nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich noch sehr viel dazu im Internet gelesen. In einem Nachwort erklärt die Autorin ihre Intention, dieses Buch zu schreiben und nennt außerdem sehr viele lesenswerte Quellen.


    Mein Fazit: Ein sehr lesenswertes und emotionales Buch, das sich gleich mit mehreren hochinteressanten Themen beschäftigt. 9 von 10 Eulenpünktchen

  • ASIN/ISBN: 3423282592


    Seiten: 528

    Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft

    Erscheinungsdatum: 18. März 2021

    Preis: 20 € (gebunden), 16,99 € (E-Book)



    Die Autorin (Quelle: Verlag):


    Susanne Abel stammt aus einem badischen Dorf an der französischen Grenze, arbeitete bereits mit 17 Jahren als Erziehungshelferin und später als Erzieherin. Nach einer Ausbildung zur Puppenspielerin landete sie über den Weg des Theaters beim Fernsehen. Sie schloss ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab und realisiert seither als Autorin und Regisseurin zahlreiche Dokumentationen fürs Fernsehen. Die Autorin lebt und arbeitet in Köln.



    Das Buch (Quelle: Verlag):


    Eine große Liebe in dunklen Zeiten


    Der bekannte Kölner Nachrichtenmoderator Tom Monderath macht sich Sorgen um seine 84-jährige Mutter Greta, die immer mehr vergisst. Was anfangs ärgerlich für sein scheinbar so perfektes Leben ist, wird unerwartet zu einem Geschenk. Nach und nach erzählt Greta aus ihrem Leben – von ihrer Kindheit in Ostpreußen, der Flucht vor den russischen Soldaten im eisigen Winter, der Sehnsucht nach dem verschollenen Vater und ihren Erfolgen auf dem Schwarzmarkt in Heidelberg. Als Tom jedoch auf das Foto eines kleinen Mädchens mit dunkler Haut stößt, verstummt Greta. Zum ersten Mal beginnt Tom, sich eingehender mit der Vergangenheit seiner Mutter zu befassen. Nicht nur, um endlich ihre Traurigkeit zu verstehen. Es geht auch um sein eigenes Glück.



    Meine Meinung:


    Ich bin völlig unvoreingenommen an „Stay away from Gretchen“ von Susanne Abel gegangen und war völlig überwältigt, weil das Buch in mir so viele Gefühle ausgelöst hat. Es geht hier nicht nur um eine Lovestory, die einem das Herz zerreißt, sondern um einiges mehr.


    Greta und ihr Sohn Tom leben in Köln, Tom ist Nachrichtenmoderator und hat eigentlich gar nicht viel Zeit für seine 84jährige Mutter. Doch eines Tages wird ihm klar: Seine Mam hat Demenz. Anfangs äußert es sich gar nicht so offensichtlich, aber nach und nach kommt zutage, was in Gretas Kopf so los ist. Tom merkt, dass Greta ihm seine Halbschwester Marie verschwiegen hat.


    Susanne Abel ist da ein ganz tolles Buch gelungen. Zu Beginn des Buches, in der Zeit, die wir Deutschen lieber vergessen möchten, befindet sich Deutschland im Nazirausch. Greta ist total dabei und ruft Parolen, marschiert mit und wünscht sich nichts lieber als den Führer kennen zu lernen und ihm zu dienen. Das hat mich schon mal völlig umgehauen. Ich habe zwar schon viele Bücher, die in der Zeit spielen, gelesen, aber noch nie wirklich diesen Enthusiasmus transportiert bekommen. Als Greta den GI Bobby kennen lernt, wird das Buch von Liebe durchflutet, anders kann ich es nicht beschreiben. Es war einfach so liebevoll geschrieben, dass ich auch ein wenig in Bobby verliebt war und jede einzelne Sekunde mitgefühlt habe. Alle weiteren Begebenheiten haben ich weinen, fluchen oder auch grinsen lassen.


    Die zwei Zeitebenen nehmen ungefähr gleich viel Raum ein, wobei mir die Vergangenheit ein wenig besser gefallen hat. Ich fand Tom anfangs ziemlich oberflächlich und egoistisch, aber auch er hat sich, wie alle anderen Charaktere, im Laufe des Buches weiter entwickelt.


    Eins der für mich wichtigsten Inhalte des Buches ist der Brown Baby Plan. Die Journalistin Mabel Grammer hat diesen Plan ins Leben gerufen um die „Brown Babies“ in die USA zu bringen und dort von afroamerikanischen Familien adoptieren zu lassen. Dieses Thema fand ich sehr interessant, weil ich bisher noch nie Berührung damit hatte, wie diese Kinder und auch deren Mütter im Nachkriegsdeutschland behandelt wurden. Wenn ihr euch für dieses Thema interessiert, könnt ihr euch diesen Artikel der NY Times durchlesen (auf englisch).



    Mich hat das Buch sehr berührt, nicht nur wegen der Lovestory, sondern vor allem aufgrund der anderen Themen, die mir zum Teil unbekannt waren. Ich hoffe sehr, dass das Buch sehr viele Leser/innen findet und dass Susanne Abel noch weitere Bücher schreibt.

  • Beinahe hätte ich diesen Roman übersehen, aber als ich Klappentext Heidelberg gelesen, da war klar ,den muss ich unbedingt lesen.


    Beeindruckend und authentisch erzählt die Autorin die Lebensgeschichte von Greta in zwei Zeitebenen , perfekt ineinander verzahnt.

    Die Demenzerkrankung seiner Mutter stellt Tom vor eine völlig neue Herausforderung, zumal es für ihn ein noch unbekanntes Kapitel im Leben von Greta gibt. Eine Vergangenheit, die von seinen Eltern nie angesprochen wurde. Die Distanz zwischen Mutter und Sohn ist spürbar und Tom erkennt nach Recherchen, warum es dazu kam.

    Tom, ein Workaholic, ist sehr egozentrisch im Beruf und Privat, aber er bekommt noch rechtzeitig die Kurve.

    Dann gibt es ja noch Bob, der junge GI, und sein Gretchen. Was für eine schöne und zugleich tragische Geschichte.


    Die Autorin schildert das Schicksal der "Brown Babies", ein unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Fassungslos liest man über den Umgang mit diesen Kindern von Behörden, lokalen Medien und die Rede im Bundestag einer CDU Abgeordneten.


    Lebendig und bildhaft versteht es die Autorin die unterschiedlichen ,brisanten Themen in die Geschichte einzubetten.

    Ein lesenswerter Roman, der einem noch lange nachdenklich zurücklässt und aus den vielen Nachkriegsromanen heraussticht. Absolute Leseempfehlung!

  • Ich habe mir das Buch gestern auch gekauft, das Thema Demenz interessiert mich, da mein Vater Alzheimer hatte.

    Bin schon sehr gespannt, werde aber erst meine angefangenen Bücher bei KU lesen.

    Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts.


    Oscar Wilde (1854 - 1900)

  • Der Klappentext dieses Buches kann nur in Ansätzen wiedergeben, was diese Geschichte alles beinhaltet. In Wahrheit steckt noch so viel mehr darin.

    Durch den Protagonisten Tom wird der Leser mitgenommen in die Medienwelt. Er erfährt, was sich hinter den Kameras abspielt, wird mitgenommen zu Berichterstattungen, Interviews. Den Beruf des Nachrichtensprechers betrachte ich nach dem Lesen mit ganz neuen Augen. Es gehört so viel mehr dazu, als fünfzehn Minuten lang von den aktuellsten Geschehnissen zu berichten, möglichst ohne sich dabei zu versprechen.

    2015 ist die Flüchtlingskrise auf einem ihrer Höhepunkte. Schonungslos und mit ihrem ganz eigenen Blick reist Susanne Abel mitsamt ihren Lesern zurück in diese Zeit. Erinnerungen werden geweckt, Bilder werden lebendig. Die meisten von ihnen sind sehr unschön.

    Greta und Tom, Mutter und Sohn, erzählen, was es bedeutet, wenn Vergangenheit und Gegenwart sich vermischen, wenn Erinnerungen verloren scheinen, nur um dann umso eindrücklicher lebendig zu werden. Aus der Perspektive der Erkrankten und der eines Angehörigen wird die Krankheit Demenz beleuchtet. Und wie! Besonders die Textstellen, in denen Greta selbst zu Wort kommt, der Leser in ihren Kopf reist und einen Eindruck davon bekommt, wie sich diese Krankheit anfühlen könnte, haben mich bewegt.

    Und dann sind da die Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, beginnend mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und darüber hinaus. So eindringlich beschreibt die Autorin, was es bedeutet hat, in dieser Zeit aufzuwachsen, zu erleben, wie der Vater in den Krieg zieht, was Flucht bedeutet und wie es sich anfühlt, vertrieben worden und nicht willkommen zu sein. Gretas Schicksal geht noch so viel weiter, aber mehr möchte ich dazu an dieser Stelle nicht sagen. Nur, dass ihr Leben Spuren hinterlassen hat. Dass ich so sehr mit ihr mitgefühlt habe. Und sie ist nur eine von vielen, die ein ähnliches Schicksal ereilt hat.

    Und dadurch spannt sich auf so geniale, wenn auch tragische Weise der Bogen in die Gegenwart. Denn es sind die Bilder der Flüchtlingskrise 2015, die die Erinnerungen an ihr eigenes Schicksal in Greta wachrütteln.

    Das alles steckt in diesem Buch. Und noch so viel mehr. Und dazu erzählt auf so lebendige, eindringliche und bewegende Weise, dass es sich gleichzeitig so anfühlt, als hätte ich einen über fünfhundert Seiten dicken Wälzer gelesen, und doch nicht. Ich bin sehr beeindruckt!

  • Ich kann mich Euren begeisterten Rezis nur anschließen!

    Stay away fro Gretchen ist definitiv eins meiner Lese-Highlights dieses Jahr...


    Greta ist mittlerweile 84 und wird immer verwirrter. Ihr erfolgreicher Sohn Tom will das erst nicht wahrhaben, behindert ihn doch die Betreuung der Mutter in seinem schicken Alltag mit beruflichem Erfolg als prominenter Moderator und wechselnden Affären. Anfangs bekümmert ihn die schlechte Presse mehr als der Zustand seiner Mutter, doch das Pflichtgefühl siegt dann doch.


    Im Wechsel mit schnellen Abschnitten in der Gegenwart wird Gretas Lebensgeschichte mit ihrer Kindheit im 2. Weltkrieg und der Zeit danach erzählt, wie sie als Flüchtlingsfamilie in Heidelberg Fuß fassen mussten. Alles war knapp, der Vater immer noch vermisst, die Stadt fremd und die amerikanischen Besatzer allgegenwärtig. Diese Nachkriegszeit wird mit Gretas Geschichte sehr lebendig und ich fand sehr gelungen wie die Abschnitte in der Gegenwart und die Abschnitte in der Vergangenheit miteinander verknüpft sind. Sie haben sich perfekt ergänzt und die Geschichte erzählt und dennoch war ich jedes Mal ein wenig wehmütig, wenn ich eine Zeitebene wieder verlassen musste.


    Ein Buch, das deutsche Geschichte lebendig werden lässt und das ich von der ersten bis zur letzten Seite kaum aus der Hand legen konnte.

  • Mein bisheriges absolutes Highlight, ich habe gelacht, geweint, gehofft und mitgefiebert. Mich hat diese Geschichte tief getroffen und bewegt und kann sie daher nur allen ans Herz legen. Ein absolutes Muss! Das Cover kommt sehr schlicht daher, das Einzige was hervorsticht ist die Farbe orange in der Schrift und der Rahmen in der Farbe. Die zwei Personen, die dem Betrachter den Rücken zuwenden bewegen sich in die Bildtiefe hinein und scheinen so vor dem Betrachter wegzulaufen.

    Der Klappentext deutet es schon an, der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt, dies hat mir sehr gut gefallen und wurde auch sehr gut von Vera Teltz umgesetzt, da sie die zwei Perspektiven in unterschiedlichen Tonlagen gelesen hat.

    Die Geschichte von Greta ist bewegend und aufrüttelnd zugleich. Es geht um so viel mehr, es geht um das was wirklich wichtig ist. Um die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern, es geht um Ereignisse in der Vergangenheit, welche man im Nachhinein nicht mehr beeinflussen kann, bzw. Ereignissen, denen man schutzlos ausgeliefert ist. Es geht um Verlust und Ängste, es geht um die Stellung afro-amerikanischer Menschen in unserer Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg. Aber es geht auch um Hoffnung und um Freundschaft sowie Zusammenhalt und Demenz.

    Vera Teltz hat es geschafft, dass ich immer weiter hören musste und jede freie Minute, wo ich unterwegs war Hörbuch gehört habe. Ich musste einfach wissen, wie es mit Tom und Greta und all den anderen weitergeht. Für mich hat diese Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt, ich war ganz gefesselt und wollte am Ende überhaupt nicht, dass es zu Ende war.

    Zudem macht die Sprecherin ihre Sache sehr gut, nicht nur weil sie die beiden Zeitebenen gut trennt, sondern auch jedem Hauptcharakter eine eigene Stimmlage zuordnet, sondern auch weil sie die Gefühle in dem Roman durch die Stimme sehr gut transportiert.

    Insgesamt werden die beiden Erzählebenen stringent erzählt. In der Erzählebene der Vergangenheit baut die Autorin einige Zeitsprünge ein, welche aber nur von Vorteil sind, da so das Geschehen komprimiert wird und wir die entscheidenden Szenen mit Greta erleben dürfen, was die Erzähldichte so noch mehr erhöht.

    Am Anfang muss ich gestehen hat mich die Geschichte von Tom nicht so besonders mitgenommen, doch je weiter dieser Roman voranschritt, desto mehr habe ich mich auch mit ihm identifiziert. Eines ist einem am Ende dieses Romans klar, sowohl die Kriegskinder als auch die Kriegsenkel sitzen in einem Boot und werden geprägt von den Erfahrungen die Eltern oder Großeltern während des zweiten Weltkrieges gemacht haben.

    Besonders schön fand ich das der Roman in Köln und Heidelberg spielt, zu Köln habe ich einen engen Bezug, da ich nicht all zu weit von ihr weg wohne und in dieser Stadt studiert habe, Heidelberg kenne ich aufgrund eines Kurzurlaubs und möchte auf jeden Fall noch einmal dahin. So konnte ich sowohl Tom als auch Greta bei ihren Streifzügen durch die Städte begleiten.

    Das Nachwort der Autorin war sehr aufschlussreich und zeigt, dass dieses Buch ihr ein Herzensanliegen war, was man auch in jeder Zeile spürt.

    Für mich ist diese Geschichte ein absolutes Highlight. Eine Geschichte, der ich sehr, sehr viele Leser und Hörer wünsche, denn diese Geschichte hat so unglaublich viel zu erzählen und zu sagen. Diese Autorin müssen wir uns definitiv merken. Sehr, sehr gerne würde ich noch mehr solcher Geschichten lesen.

    10/10 P.

  • Tom Monderath ist nicht begeistert, als sich immer mehr herausstellt, dass seine Mutter Greta immer mehr der Demenz anheimfällt. Er hat doch als bekannter Nachrichtenmoderator gar keine Zeit sich um seine Mutter zu kümmern. Nach und nach stellt sich heraus, dass Greta in ihrem Leben viel verschwiegen hat. Aus der Zeit kurz nach dem Krieg hat sie nie erzählt und jetzt stellt sich heraus, dass Gretas Depressionen, die sie lange gequält haben, einen handfesten Grund hatten.


    Das Buch wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Anfangs geht es mehr um Greta, ihr Leben im Krieg in Ostpreußen und ihre Erlebnisse nach der Flucht in den jungen Jahren der Bundesrepublik. Dort lernt sie bald Bobby kennen, einen jungen schwarzen Soldaten, und verliebt sich in ihn. Doch es kommt, was kommen muss, das Schicksal schlägt zu und Greta bleibt alleine mit einem kleinen Kind zurück. Hier kommt das Schicksal der sogenannten Brown Babys ins Spiel. Diese Seite der Geschichte kannte ich noch nicht. Schrecklich, wie damals einfach über die Köpfe der Beteiligten hinweg entschieden wurde, alles immer vermeintlich zum Besten der Beteiligten. Stay away from Gretchen zeigt die Verlogenheit der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg recht deutlich auf. Frauen, die sich mit den Besatzern einließen, hatten die ganze Schande zu tragen, die Vorteile, die diese Beziehungen gebracht haben, haben aber alle gerne mitgenommen. Hauptsache man spricht nicht darüber.


    Mich hat das Buch sehr mitgenommen, Gretas Schicksal ist mir sehr nahegegangen. Tom dagegen fand ich fast durchgehend unerträglich arrogant und ich-bezogen. An viele Ecken war er nur schwer zu ertragen. Aber gerade hier zeigt sich wohl das, was man auch generationenübergreifende Traumata nennt. Tom ist Bindungsunfähig, da seine Mutter nach den Erlebnissen nie wieder jemanden richtig an sich herangelassen hat, um nicht noch einmal jemand geliebten zu verlieren.


    Das Thema Demenz und die Auswirkungen auf den Alltag einer Familie haben auch einen gewichtigen Anteil an diesem Buch. Greta lässt mit fortschreitender Demenz auch immer mehr hinter ihre Mauern schauen und überrascht ihren Sohn.


    Und auch die Flüchtlingskrise und die Parallelen zu dem, was hier nach dem letzten Krieg passiert ist, spielen eine große Rolle. Tom berichtet immer wieder aus dem Umfeld der Kanzlerin und die Geschichte in der Gegenwart spielt im 2015, genau zum Höhepunkt der Krise.


    Dieses Buch ist definitiv eines meiner Jahreshighlights, ich bin schon lange nicht mehr so berührt und mitgenommen worden. Der Autorin gelingt es ihre Leser von der ersten bis zur letzten Seite mitzunehmen und dabei ganz viel unterschiedliche Themen zu beleuchten. Von mir daher eine unbedingte Leseempfehlung!


    10 von 10 Punkte

  • "Stay away from Gretchen" hat mich wirklich nachhaltig begeistert.

    Greta, die Mutter von Tom, leidet an Demenz. Ihr Leben entgleitet ihr.

    Und trotzdem hat sie noch so viele Erinnerungen, besonders an früher.

    Ihre Kindheit, den 2. Weltkrieg, die Flucht, ihre große Liebe Bob und ihre geliebte und vermisste Tochter.

    Diese ist eine jener "Brown Babys" - sie stammt aus der Verbindung einer deutschen Frau mit einem farbigen GI nach dem Ende des Krieges.

    Ich wusste bis jetzt wenig über das Schicksal dieser Kinder.

    Umso mehr haben mich die Beschreibungen und Erklärungen im Buch erschüttert.


    Das Buch spielt in 2 Zeitebenen - der Vergangenheit und der Gegenwart im Jahr 2015.

    Tom, der Sohn von Greta, macht sich auf die Suche nach der Geschichte des Lebens seiner Mutter, auf die Suche nach seiner Halbschwester und nach Bob.

    In dieser Zeit verändert sich das gesamte Verhältnis von Tom zu seiner Mutter, er lernt dazu, wird auf eine Art "erwachsen", kann sein bisheriges Leben und Verhalten reflektieren und bewerten.

    Ich fand das sehr, sehr gut dargestellt.


    Der Schreibstil hat mir ebenfalls sehr gut gefallen und die Erklärungen der Autorin am Ende des Buches sollte man auf jeden Fall auch lesen.

    Für mich ganz klar eines der Lese-Highlights dieses Jahres.

  • Die Geschichte spielt in Zeitsprüngen, zum einen im Jahr 2015 - de Jahr der Flüchtlingskrise und dann Ende der 40 er Jahre bis in die 50er Jahre.

    Greta ist ein Flüchtlingskind, in Heidelberg findet sie mit ihrer Familie eine neue Heimat, doch dort sind die amerikanischen Besatzer. War sie doch eine begeisterte Anhängerin des Führers, hat es sich mit der Einberufung des Vaters und der schlimmen Flucht geändert. Der schwarze Soldat Bobby gewinnt ihr Herz, was sie teuer zu stehen kommt, denn nicht umsonst wird gewarnt "Stay away from Gretchen", womit die deutschen Fräuleins gemeint sind.


    In der Gegenwart muss Tom mit seiner zunehmend dementen Mutter Greta fertig werden, die immer mehr verwirrt zu sein scheint, doch das bringt sie dazu, aus der Vergangenheit zu erzählen und Tom lernt viel von seiner Mutter, die in seiner Kindheit abwesend und distanziert war.


    Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, er ging mir sehr nahe und hat das Thema der Beziehungen zwischen schwarzen Soldaten und deutschen Frauen aufgegriffen, das mir bisher nicht geläufig war. Ganz toll geschrieben, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte.

  • geli73

    Ging mir auch so. Das Buch hat mich gefesselt, auch wenn manche Beschreibungen ziemlich schonungslos sind. Einiges hatte ich bereits gehört oder gelesen, einiges kannte ich aus Berichten der eigenen Familie. Vieles war für mich neu.


    Wir haben auch einen alten Sessel und eine Kuckucksuhr im Haus, die jemand auf der Flucht aus Ostpreußen bei Verwandten untergestellt, nach dem Krieg aber nie abgeholt hatte. Die Großmutter hatte die Sachen in Ehren gehalten und nach ihrem Tod haben wir es genommen.

    Daher hatte mich das Buch auch so tief berührt.

    Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts.


    Oscar Wilde (1854 - 1900)