'Die Hochzeit der Chani Kaufman' - Kapitel 05 - 09

  • Eigentlich hasse ich Rückblenden, aber die Vorgeschichte von Rebecca und Chaim ist schon faszinierend. Ich musste an die Radikalisierung mancher Islamisten denken, die als Kinder in offenen Familien aufgewachsen sind, aber bei der Suche nach dem Sinn des Lebens an strenggläubige Gleichaltrige und väterliche Freunde geraten sind, die sie nach und nach beeinflusst haben.


    Rebeccas Interesse kann ich verstehen, aber ihre Lebensgewohnheiten hat sie eigentlich nur wegen Chaim geändert. Dass der jetzt plötzlich auf streng religiös macht, passt ihr gar nicht. Kann ich verstehen. Und zu dem Zeitpunkt weiß noch keiner der beiden, dass Chaim einmal Rabbi werden wird. Er überlegt ja noch, was er mit seinen Studienfächern einmal anfangen wird. Nach Jerusalem ist er gekommen, weil er in seiner Uni zu oft durchgefallen ist und exmatrikuliert wurde. Im gleichen Land kann er dann ja nicht das gleiche Studium woander wieder aufnehmen. Da hatte sich die Oma mit der großen Wohnung wohl angeboten - Oma hat Gesellschaft und der Junge ist weg von den Party People. Dass er dann gleich so religiös wird, hatten sich seine Eltern vermutlich auch nicht vorgestellt, nachdem sie ja eher lockerer sind.


    Baruch und Chani scheinen mir auf einem guten Weg zu sein. Ich habe mich schon gefragt, ob alle angehenden Rabbiner für einige Zeit nach Jerusalem gehen. Sowas wie die Walz für Zimmermänner. Dann wäre das für Chani auch nicht überraschend. Einer der beiden hatte ja auch schon darüber nachgedacht, dass Chani Englischunterricht geben könnte, um die Haushaltskasse aufzubessern. Zumindest gehe ich davon aus, dass sie von dem Umzug weiß. Hatte sie da nicht auch schon Pläne, da war doch was mit "nur noch 6 Monate".

    “You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.” :lesend

    C.S. Lewis

  • Hmm, Radikalisierung finde ich hier ein wenig stark. Da schwingt für mich immer auch Gewaltbereitschaft mit, die ich bei Chaim nicht sehe.


    Ich kann auch verstehen, dass Rebecca nicht völlig zufrieden damit ist, dass Chaim sich dem Glauben so sehr zuwendet. Allerdings trifft sie ja die Entscheidung, den Weg mitzugehen, trotzdem selbst. Zugegeben, die Alternative wäre Trennung gewesen. Aber sie hatte die Wahl, oder?

  • Ab einem gewissen Zeitpunkt ist Trennung schwierig. Da waren dann ja auch die Kinder. Vor allem hatte Chaim sich ja immer mehr den ultraorthodoxen Vorschriften unterzogen, was sie zwar nicht wollte aber bis man sich trennt braucht es immer den letzten Tropfen. Das ist ja nicht so, als könnte sie die Kinder mitnehmen, ein Straße weiter wohnen usw. Es wäre gleichzeitig ein totaler Bruch mit den Menschen, die sie seit Jahren um sich hat. Sie wäre eine Ausgestoßene, wie eben bei den Amishen. Dazu hab ich in irgendeinem Abschnitt geschrieben.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Ellemir Klar, Radikalisierung klingt nach Terrorismus. Aber ultraorthodox ist schon irgendwie radikal. Die Amish brechen ja auch radikal mit dem modernen Leben. Keinerlei Berührungen zwischen Mann und Frau, wenn diese ihre Tage hat (woher wissen die Männer das eigentlich?), diese Sache mit den Perücken, an Schabbes nicht einmal Radio hören oder einen Lichtschalter betätigen, kein Taxi fahren (ist ja eigentlich gefahren werden) - das finde ich schon ganz schön radikal religiös. Genauso diese extreme Tabuisierung der Zurschaustellung nackter Haut, ob jetzt in Natura oder in der Kunst, die mangelnde Aufklärung der Frauen (Männer auch?), das unbedingte Kinderkriegen bis mindestens ein Mädchen und ein Junge dabei sind. Normal finde ich sowas nicht.

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  • Ich habe jetzt diesen Abschnitt beendet. Ich werde das Buch aber im Moment nicht weiterlesen.

    Ich habe gerade eine richtige Leseflaute, ich habe einfach nur sehr wenig Lust auf Lesen insgesamt. Und dieses Buch hier empfinde ich als sehr bedrückend und es funktioniert bei mir gerade nicht. Ich muss mich echt zwingen, das Buch in die Hand zu nehem und das will ich nicht.

    Ich bin total traurig darüber, weil ich mich sehr auf diese Leserunde mit Euch gefreut habe. :(

    Ich wünsche Euch weiterhin noch viel Spaß mit dem Buch.:wave

  • Aber sie hatte die Wahl, oder?

    Ich glaube nicht, dass sie wirklich eine Wahl hatte. Die hätte sie höchstens ganz am Anfang noch gehabt, als die beiden noch nicht verheiratet waren, aber da war sie a) sehr verliebt und b) konnte sie ja nicht ahnen, dass Chaim sich so um 180 Grad verändern würde. Mit der Zeit wurde es dann immer schwieriger, sie hatte ja ihre Ausbildung abgebrochen, war von Chaim abhängig, hatte die Kinder - da alles stehen und liegen zu lassen, stelle ich mir sehr schwierig vor. Ich weiß auch gar nicht, ob sie die Kinder hätte mitnehmen dürfen? :gruebel Leben denn überhaupt ihre Eltern noch? Die waren ja eher liberal, von daher hätte sie zumindest da noch eine Anlaufstelle.

    Normal finde ich sowas nicht.

    "Normal" ist immer eine Sache der Definition. Aber klar, für unsere Begriffe sind diese Vorstellungen/Verhaltensweisen schon sehr extrem. Gerade die überklebten Bilder in den Schulbüchern finde ich schon ein bisschen albern.

    wenn diese ihre Tage hat (woher wissen die Männer das eigentlich?)

    Das ist nicht so schwer herauszufinden, wenn man(n) es unbedingt wissen will. Außerdem ist ja Lügen strikt verboten, also brauchen die Männer ja nur zu fragen.


    LG, Bella

  • Keinerlei Berührungen zwischen Mann und Frau, wenn diese ihre Tage hat (woher wissen die Männer das eigentlich?), diese Sache mit den Perücken, an Schabbes nicht einmal Radio hören oder einen Lichtschalter betätigen, kein Taxi fahren (ist ja eigentlich gefahren werden) - das finde ich schon ganz schön radikal religiös. Genauso diese extreme Tabuisierung der Zurschaustellung nackter Haut, ob jetzt in Natura oder in der Kunst, die mangelnde Aufklärung der Frauen (Männer auch?), das unbedingte Kinderkriegen bis mindestens ein Mädchen und ein Junge dabei sind. Normal finde ich sowas nicht.

    Die Tage bekommen die Männer schon mit, denn die Betten werden ja, wenn möglich getrennt. So signalisiert man, Achtung, Gefahr.

    Es ist ihre Religion und da gibt es noch andere Dinge, z.B. Beschneidung der Mädchen, also nicht speziell in dieser Glaubensrichtung ist die Lebensweise für uns ungewohnt oder abschreckend. Wobei, hier wird überhaupt nicht auf die Beschneidung der Jungs eingegangen oder die Bar Mizwa,bzw. Bat MIzwa bei den älteren Mädchen. Gibt es das bei den Chassidim nicht?

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  • Findus Juden beschneiden keine Mädchen (zum Glück, das ist ja auch Verstümmelung). Und bei jungen ist das nicht nur bei den Juden üblich, ein Großteil der Amerikaner lässt ihre Söhne aus hygienischen Gründen beschneiden. Deshalb wird es vielleicht nicht extra erwähnt - ist nicht für alle Kulturen ungewöhnlich.


    Die Sache mit den Tagen: Dass der Ehemann oder die Familie das mitbekommt, ist klar. Ich denke, das wird auch kommuniziert. Aber ich dachte, dass auch andere Männer Abstand halten müssen. Das scheint aber nur bei ganz extremen Formen der Fall zu sein. Ich habe da einen Artikel gefunden, den ich ganz interessant finde.

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  • Findus Juden beschneiden keine Mädchen (zum Glück, das ist ja auch Verstümmelung). Und bei jungen ist das nicht nur bei den Juden üblich, ein Großteil der Amerikaner lässt ihre Söhne aus hygienischen Gründen beschneiden. Deshalb wird es vielleicht nicht extra erwähnt - ist nicht für alle Kulturen ungewöhnlich.

    Das hatte ich auch nicht gemeint. Ich dachte nur an die rituellen Beschneidungen, oder Verstümmelungen als abschreckendes Beispiel insgesamt. Und dass uns Religionen und Rituale aus anderen Kulturen immer oder sehr oft befremdlich oder abstoßend vorkommen.

    Und dass viele Jungs aus hygienischen Gründen, bzw. der Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs bei Frauen beschnitten werden weiß ich auch.


    Aber in der ganzen religiösen Szenerie wird keine Bar oder Bat Mizwa erwähnt.

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  • Bei Chaim denke ich, er hat einen Sinn für sein Leben gesucht. Er hat es ja vorher in Johannesburg offenbar schlimm getrieben und ist dann nach Jerusalem gegangen.

    Und Rebecca kommt aus einer nicht besonders eifrigen jüdischen Familie.


    Ich finde es schon erstaunlich, dass sie sich von Chaim so sehr beeinflussen lässt. Sie will ihn eben nicht verlieren. Trotzdem - das Leben so radikal zu verändern, das muss man erst einmal schaffen.

    Das hat mich auch sehr bedrückt, gerade weil ich ja wusste, wohin diese Entscheidung aus und für ihre große Liebe Rebecca in der Zukunft führen wird. Mit 18 Jahren ist man noch reichlich jung für so einen weitreichenden Entschluss, meine ich.

    Ich glaube eigentlich, die Männer haben es auch nicht wirklich leichter in einer solchen Gesellschaft. Die Forderungen an sie sind nur andere. Frei sind sie eigentlich auch nicht.

    :write

    Frei ist dort eigentlich keiner. Das ganze Leben wird von den Vorschriften HaSchems bestimmt.

    Aber es gibt vielen ein hohes Maß an Geborgenheit und ihrem Leben Sinn und Ziel.

    Manche Menschen brauchen das, einige mehr, andere weniger.

    Warum sonst suchen gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielen Freiheiten so viele Menschen Zuflucht in restriktiven Glaubensrichtungen :gruebel.

  • Vielleicht gibt es einfach auch ein Zuviel an Freiheit für manche. Eine Religion mit einem Regelwerk kann auch Halt geben, Orientierungshilfe sein. Und da sehe ich erstmal nichts falsches dran, wenn man es für sich selbst entscheidet. Grausam wird es, wenn man z.B. Kindern die Religion aufzwingt und sie dann quasi verstößt, wenn sie sich anders entscheiden.


    Dazu kommt, dass es noch nie so viele Menschen gegeben hat, die allein sind, wie in der heutigen Zeit. Die Zahl der Singlehaushalte steigt, der Zusammenhalt der erweiterten Familien sinkt, teilweise auch einfach, weil sie über das gesamte Land verteilt wohnen (oder gar darüber hinaus). Früher war es ja der Normalfall, dass man dort geblieben ist, wo man geboren worden ist. Dann hat man natürlich ein ganz anderes soziales Umfeld. Heute muss man sich das häufig viel aktiver suchen (wenn man z.B. zum Studium in eine Stadt zieht, in der man keinen kennt, oder einen Job am anderen Ende von Deutschland annimmt). Da kann für manche eine Religionsgemeinschaft auch hilfreich sein.