'Amalientöchter' - Seiten 059 - 147

  • Die Zugfahrt ist ja sehr amüsant verlaufen. Bei der Ankunft am Anhalter Bahnhof wird Klara von Fritzens Alkoholkommando abgeholt. Ja ihr werdet lachen, das hab ich tatsächlich zuerst gelesen. Natürlich muss es Abholkommando heißen, was sich mir erst beim nochmaligen Lesen erschloß. Kiki ist mir schon sympathisch.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Wunderbar, dass Klara nun wohlbehalten in Berlin angekommen ist. Es war mir ein Fest, wie schnell sie sich anpasst - der gekürzte Rock, die kurzen Haare. Sehr mutig. Ich bin gespannt, wie Fritz reagiert, wenn er Klaras neue Frisur sieht.

    Auch der Krankenbesuch hat mir gut gefallen. Klara hat stets ein gesundes Mittelmaß an Zurückhaltung und angemessenen Bemerkungen. Wenn sie meint, etwas zum Thema sagen zu können, nimmt sie kein Blatt vor den Mund und das, obwohl sie zu Zurückhaltung erzogen wurde. Schön, dass sie sich davon nicht verbiegen lässt.

    Angesichts der schwankenden Buchstaben auf dem Schild wäre Alkoholkommando aber auch nachvollziehbar. ;)


    Wenn die Nennung der Schmunzelfehler in Ordnung ist, gebe ich sie weiterhin gern wieder. Sonst höre ich ab dem nächsten Abschnitt damit auf. Ein kurzer Hinweis genügt.


    Seite 81

    … Wohnung ihrer Mutter verlasen hatte, … - verlassen hatte


    Seite 101

    .. diese wirrköpfige Person solle am besten heiratete … - solle am besten heiraten


    Seite 130

    … verführerisch glänzender Haut. - verführerisch glänzenden Haut.


    Mir gefällt, dass in dem Buch auch sehr schön die Stellung der Frau in der Gesellschaft dargestellt wird. Einigen Männern scheint es nichts auszumachen, dass die Damenwelt sich in die "herr"lichen Themen einmischt, doch das Gros ist schlicht dagegen.

  • Kiki ahmt jetzt Klara nach, die, die Freiheit Berlins in sich aufgesogen hat, ihre "alten" Zöpfe abschneidet und sich damit Luft verschafft. Das muss ein wunderbares Gefühl gewesen sein damals, Schluss zu machen mit der Herrschaft des gesellschaftlichen Zwangs.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Klara macht Nägel mit Köpfen und macht sich auf nach Berlin. Dort lernt sie eine ihr unbekannte Welt des freudigen Lebens kennen. Erst folgt sie Kiki und dann ist es Klara, die voranschreitet. Bei Klara ist aber auch der Widerstand gegen das klassische Frauenbild zu spüren. Aber noch lässt sie sich von ihrem Arzt das Wort verbieten. Es ist beeindruckend, wie Klara mit dem Kulturschock umgeht. Sie testet die ihr gebotenen Möglichkeiten aus und doch wirkt sie gefestigter als Kiki. Ihre Eltern würden sicherlich niemals glauben, dass sich ihre Tochter derart verhält.

    Schon bei der Ankunft in Dahlem macht sich Klara eigene Gedanken und hinterfragt das, was man ihr in Weimar erzählt hat. Sie sieht auch das Verhalten der alten Herren kritisch, die glauben, die alte Weltordnung zurückholen zu können. Gefallen hat mir auch die Beschreibung der Unterschiede der Ansichten der einzelnen sozialdemokratisch oder sozialistisch geprägten Gruppierungen.

    :Hörbuch Marlene Averbeck - Das Lichtenstein: Modehaus der Träume

    :lesend David Gordon - Tödlicher Coup

    :lesend Matthias Riedl - Mein Weg zur gesunden Ernährung

    :lesend Petra Durst-Benning - Die Fotografin: Die Stunde der Sehnsucht

  • Klaras Wandel in Berlin vollzieht sich aber recht schnell. Darüber bin ich schon etwas verwundert. 19 ist sie erst, oder?


    Ich habe auch den Eindruck, dass sich im damaligen Deutschen Reich nach der Abdankung des Kaisers alle möglichen Ketten gelöst haben. Eine völlig neu Gesellschaft entstand. Da wurden wohl viele vorher eher nur zwangsweise reingepresst.

  • Klaras Wandel in Berlin vollzieht sich aber recht schnell. Darüber bin ich schon etwas verwundert. 19 ist sie erst, oder?


    Ich habe auch den Eindruck, dass sich im damaligen Deutschen Reich nach der Abdankung des Kaisers alle möglichen Ketten gelöst haben. Eine völlig neu Gesellschaft entstand. Da wurden wohl viele vorher eher nur zwangsweise reingepresst.

    Ich lese gerade nebenbei eine Familiensaga, da ist eine der Protagonistinnen gerade mal 19 und schon mit dem Kakao- und Kaffeehandel vertraut und kennt die Produktion des Kakaos von der Pflanzung bis zur Auslieferung. Vielleicht mussten Frauen damals schon viel früher zeigen, was in ihnen steckt und hatten vor allem auch das Bedürfnis aus dem alles unterdrückenden Familienfeld auszubrechen und eigene Wege zu gehen. Heute können sie ja in der Familie normalerweise ohne Druck und gesellschaftliche Zwänge agieren und sich ausprobieren ohne das Damoklesschwert sich verheiraten zu müssen um etwas darzustellen oder Familienpflichten erfüllen zu müssen etc.

    Vielleicht macht das alleine schon die Reife aus, zumindest bei einem Teil der Weiblichkeit.


    Und dass vor Kaisers Abdankung vieles unter Zwang geschah und es für etliche Menschen, Frauen wie Männer eine Befreiung war, ist sicher richtig.

    [SIZE=7]"Leute die Bücher lesen, sind einfach unberechenbar." Spruch aus "Wilsberg " [/SIZE]

  • Klar waren die Menschen damals schon weiter in der Persönlichkeit, sowohl Frauen als auch Männer. In diesem Abschnitt gab es ja sogar eine 18-jährige, alleinerziehend, aber schon verwitwet. Heutzutage hat man grundsätzlich wohl mehr Zeit, sich zu entwickeln.


    Aber eine Frau, die eben noch in Weimar war und sich nun plötzlich und so schnell in Berlin um 180 Grad wandelt, empfand ich schon bemerkenswert.


    100 Jahre ist das nun alles her. Ich würde da so gerne mal Mäuschen spielen. ;)

  • Klaras Ankunft in Berlin ist ja schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, zumindestens für sie. Aber nach Fritzens auftauchen fängt sie sich ja wieder und nicht der Rock wird kürzer, sondern auch die Haare.


    Die Debatte der Männer am Silvesterabend fand ich schon heftig. Frauen haben also keine Ahnung von Politik.... Und klug können sie ja schon gar nicht sein. Das Schlimme ist, dass es heute noch Männer gibt, die sich akut von Frauen, die vermeintlich schlauer sind als sie bedroht fühlen und dann blöde Sprüche reissen. Ist mir auch passiert, was muss ich auch so ein Klugscheisser sein und wenn ich was weiss das auch immer von mir geben.....


    Ein bisschen hat mich die Debatte darum, dass Frauen keine Ahnung von Politik haben und lieber daheim für Mann und Kinder sorgen sollen an die Diskussion erinnert, die heute über die Friday for Future Kids geführt wird. Die sollen ja auch lieber zur Schule gehen und die Klappe halten, weil sie von Politik und dem wahren Leben keine Ahnung haben....


    Der Auftritt der Berber hat mich wieder an „Als wir im Regen tanzten“ erinnert, wie vorher schon die Erwähnung von Hugenberg. Beide tauchen auch da auf, die Berber allerdings nicht persönlich. aber da zeigt sich wieder mal, wie klein die Welt doch auch damals schon war.

  • Da ich Anfang des Jahres die beiden Staffeln von "Babylon Berlin" an mehreren Abenden aus der Mediathek geguckt habe (kurz vor knapp, weil Folgen rausgen. wurden), sind die Bilder in meinem Kopf von den Feiern in der Serie beeinflusst.


    Mir gefällt, dass Fritz seine Klara freudig begrüßt und was Klara meint sich wünschen zu müssen, dass er sie flink heiratet, Fritz übersprudelnd bei der Begrüßung ausspricht. Ich zweifele ob die beiden glücklich miteinander sind und für Klara würde bei einer Ehe normalerweise vermutlich erwartet werden, dass sie sich mit ihren Träumen zurückhält. Es ist noch zu früh, um die beiden in ihrer Liebe einzuschätzen. Sie sind in Berlin, es ist Umbruchszeit, sie sind in einem verrückten Umfeld. Bin gespannt, ob Klara mit Fritz zusammen bleibt, oder ob sich die Wege durch die sich dort bietenden Chancen trennen werden.


    Welche Rolle wohl Kiki und Fritz Onkel noch spielen werden? Klara lebt in einem neuen unkonventionellen Umfeld, wird von Kiki an die Hand genommen.


    Die Personen sind mir allesamt sympathisch, weil auch so toll und besonders beschrieben. Ich bin gespannt, wie Klaras Weg weitergeht!


    Mir gefällt der Roman sehr gut und ich ziehe mich jetzt auf die Gartenliege im Schatten zurück.

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)

  • Klar waren die Menschen damals schon weiter in der Persönlichkeit, sowohl Frauen als auch Männer. In diesem Abschnitt gab es ja sogar eine 18-jährige, alleinerziehend, aber schon verwitwet. Heutzutage hat man grundsätzlich wohl mehr Zeit, sich zu entwickeln.


    Aber eine Frau, die eben noch in Weimar war und sich nun plötzlich und so schnell in Berlin um 180 Grad wandelt, empfand ich schon bemerkenswert.


    100 Jahre ist das nun alles her. Ich würde da so gerne mal Mäuschen spielen. ;)

    Aber nur Mäuschen auf Zeit ;) Ich glaube, Klara hat nur auf so eine Gelegenheit gewartet. Schon in Weimar war sie ja ziemlich unangepasst und der gesellschaftlichen Beschränkungen überdrüssig. Und in Berlin ist der Korken dann aus der Flasche gesprungen, da hat es nicht viel dazu gebraucht. Das muss ungefähr so wie in den 60ern gewesen sein, nach den prüden 50er Jahren, endlich die Konventionen über Bord geworfen, das ging ja auch ratzfatz.

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  • Klara ist in Berlin angekommen. Erstmal bricht für sie eine Welt zusammen, als sie erfährt, das Fritz bereits seit mehreren Tagen nicht mehr zu Hause war. Und dann noch die fremde Umgebung und die fremden Leute. Sie verkriecht sich heulend in ihrem Zimmer. Zum Glück rappelt sie sich schnell wieder auf und nimmt noch an der Silvesterparty teil. Als auch noch Fritz auftaucht, ist die Welt wieder in Ordnung.


    Sehr mutig von Klara, dass sie sich sofort einen Wandel unterzieht. Kurzer Rock, die Haare werden gekürzt. Sie hat schnell die alten Gepflogenheiten über Bord geworfen und schmeißt sich ins Berliner Getümmel.

  • Oh, diese Zugfahrt - einfach herrlich beschrieben, trotz eigentlich vieler trauriger Elemente ( man denke nur an die 18 jährige Witwe und ihr schreiendes Baby ).

    Die Ankunft in Berlin ist auch beeindruckend, ein schlafendes Abholkommando.:lache

    Und dann geht es munter weiter mit Alkohol, Silvesterfeier, Tränen, einem kurzen Rock und, natürlich, Fritz ist wieder einmal nicht da...…………..;)


    Freue mich aufs Weiterlesen.:)

  • Die Ankunft in Berlin ist auch beeindruckend, ein schlafendes Abholkommando.:lache

    Und dann geht es munter weiter mit Alkohol, Silvesterfeier, Tränen, einem kurzen Rock und, natürlich, Fritz ist wieder einmal nicht da...…………..;)


    Freue mich aufs Weiterlesen.:)

    Das Abholkommando fand ich auch witzig. Die Verwandlung Klaras geht ziemlich flott, aber ich glaube, sie hat nur auf die Gelegenheit gewartet.

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  • Mir als Bahn-Pendler war gar nicht bewusst, das die Zugfahrten damals so.... unterhaltsam sein konnten bzw. das es doch für viele Menschen etwas ganz besonderes gewesen ist. Daher hab ich diesen Abschnitt mehrfach gelesen um zu verstehen, was sich von damals bis heute im Bezug auf Zugfahren so alles verändert hat. Trotzdem fand ich einige Aspekte der Zugfahrt ganz schlimm. Wenn man bedenkt, das viele der Reisenden nach dem Krieg mit nichts bzw. weniger als nichts unterwegs waren, um irgendwo ihr Leben neu zu beginnen, einfach schlimm.


    Toll fand ich, das Fritz irgend jemand damit beauftragt hat, Klara abzuholen, diese Person (Kiki) scheint mir ja eine herrlich unkomplizierte, verrückte Person zu sein. Das gibt bestimmt eine Menge Spass und Verwirrung.

  • Klara macht sich. Und ich glaube, dass ihr die Reise nach Berlin ausgesprochen gut tut. Sie entwickelt sich, hat eigene Ideen und auch ihre "Verwandlung" von einem guterzogenen, vielleicht etwas biederen Fräulein zu einer weltoffenen, sich eine eigene Meinung bildenden jungen Dame nehme ich ihr voll und ganz ab. Und ich denke auch nicht, dass diese Entwicklung zu schnell vonstatten geht - Klara lässt sich vom Sog der Zeit und wohl auch von Kikis Vorbild (was das muntere, ungezwungene Leben anbelangt) einfach anstecken. Und sie ist jung, das Leben liegt noch vor ihr, sie hat nichts zu verlieren.


    Es hat mir in diesem Abschnitt viel Spaß gemacht, in die beschriebenen Lebensumstände einzutauchen. Angefangen bei der Zugfahrt nach Berlin, über den allgemeinen Trubel am Bahnhof, die überschwängliche Silvesterparty und auch der etwas aus dem Ruder gelaufene Theaterbesuch; die Beschreibungen lassen mich die jeweiligen Szenen hautnah miterleben und das gefällt mir ziemlich gut.


    Natürlich ist nicht alles Jubel, Trubel, Heiterkeit: Schon der Besuch bei Jakob holt den Leser wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, welch schlimme Schicksale auch mit dieser von Aufbruchstimmung geprägten Zeit einhergehen. Die noch vor Klara liegende Demonstration ist ja auch nicht ganz ungefährlich, zumal die einzelnen Lager schon eine recht abweichende Meinung vom "richtigen" Weg haben. Fritz ist da eher ein ruhiger Vertreter (auch wenn er für seine Sache brennt), im Gegensatz zu Werner, der recht brachial vorgehen will. Aber da merkt man auch: Wer keine Worte hat, kämpft lieber mit Fäusten...

    Ein bisschen hat mich die Debatte darum, dass Frauen keine Ahnung von Politik haben und lieber daheim für Mann und Kinder sorgen sollen an die Diskussion erinnert, die heute über die Friday for Future Kids geführt wird. Die sollen ja auch lieber zur Schule gehen und die Klappe halten, weil sie von Politik und dem wahren Leben keine Ahnung haben....

    Das trifft es in der Tat ganz gut. Wenn die Jugend "aufmuckt" erntet sie von den älteren, alteingesessenen Zeigenossen maximal ein müdes Lächeln. So ähnlich hab ich die Szene auch gelesen. Es ist für die Herren, die dort diskutierten, aber auch noch schwer vorstellbar, dass Frauen es überhaupt wagen, öffentlich eine eigene Meinung zu vertreten. Ich denke, dass es innerhalb einer Beziehung / Familie vielleicht vereinzelt schon mal etwas anders ausgesehen haben mag - aber öffentlich war es doch Sache des Mannes, über Politik und derlei Dinge zu reden.


    Klara lässt sich ihren Mund bisher nicht verbieten, ist dabei aber nicht aufbrausend und denke erst, bevor sie redet. Das gefällt mir gut. Ich hoffe doch, dass sie genügend Unterstützung von Fritz bekommt. Und dass sie die Demonstration gut übersteht. Helena Zittlaus Karte lässt Böses erahnen...