Historische Romane = Schund?

  • Zitat

    Original von Bodo


    Hey, aber die Sache mit dem Landrover wäre Dir doch sicherlich aufgefallen? :gruebel :chen


    Wieso, rover sind doch Wandernde, und dass die in der Wüste verrecken, gab es sicher damals auch schon. :gruebel:lache

    Man möchte manchmal Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.


    Johann Nepomuk Nestroy
    (1801 - 1862), österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor

  • Das Buch, in dem Richard III. in einem Landrover in der Wüste festfährt, würde ich unkommentiert zur Seite legen und mir den Namen des Autors merken. :lache


    Ich finde nicht, dass der Autor lediglich die Verantwortung hat, eine gute Geschichte zu erzählen. Natürlich können die historischen Ereignisse so gebeugt werden, dass sie zur Geschichte passen. Aber ich möchte das in einem Nachwort erwähnt haben, warum sich der Autor dazu entschlossen hat. Diese Verantwortung Lesern gegenüber hat er schon.


    Ansonsten ist es schon richtig, dass ein historischer Roman eben kein Lehrbuch ist. Wer sich über Geschichte informieren will, sollte schon andere Quellen hinzuziehen. Die Verantwortung des entstandenen Halbwissens kann ein Autor natürlich nicht übernehmen. Wer von der Historie überhaupt keine Ahnung hat, kann sich doch eigentlich zurücklehnen und das Buch genießen.

  • Zitat

    Original von Kalypso
    magali, zunächst sehe ich einen nicht unwesentlichen Unterschied darin, ob jemand mit einem unsachgemäß zusammen gebastelten Auto vor einen Baum kracht, oder eine unbedarfte Leserin Richard III. für den Erzschurken hält, als der er in einem Roman dargestellt wird.


    Das ist soweit richtig, Kalypso, aber was wäre wenn - ich spinne hier einen Gedanken von Teresa weiter - ein historischer Roman "belegt", dass die Juden selbst Schuld an Pogromen oder gar dem Holocaust wären und es eigentlich gar nicht besser verdient hätten? Das wäre dann nicht einfach als künstlerische Freiheit zu akzeptieren, sondern mehr als bedenklich, nämlich gefährlich (und wohl auch kriminell?), oder? Natürlich ist das ein sehr extremes Beispiel, aber wo muss man die Grenze ziehen? Bitte nicht falsch verstehen, dass ist absolut kein Aufruf zur Zensur!


    Gerade in diesem Sinne stimme ich magali zu, dass jeder Autor mit seinem Schreiben Verantwortung übernimmt und sich dessen bitte auch bewusst zu sein hat. Dies gilt insbesondere für ein historisches Jugendbuch (um beim Beispiel zu bleiben). Nicht jeder Leser wird die Mühe auf sich nehmen, die Fakten zu verifizieren, wenn er eigentlich nur ein nettes Abenteuer lesen will. Dies gilt mitnichten nur für Jugendliche.


    LG harimau :wave

  • harimau, der springende Punkt ist und bleibt, dass ein Unterhaltungsroman eben nichts belegen kann.
    Ansonsten sind wir jetzt bei einem Thema angelangt, das sehr ausufern kann und über das ich nicht in einem öffentlichen Forum diskutieren will.
    Sowieso verbreitet sich gefährliches Gedankengut nicht über Romane, sondern auf der Straße, am Stammtisch oder heutzutage eben im Internet, und das vermutlich bei Leuten, zu deren Hobbys eher nicht das Lesen historischer Romane zählt.

  • Zitat

    Original von Bodo
    Ich finde hier wird der Recherche zu viel Bedeutung beigemessen. Es sind fiktive Geschichten, selbst wenn historische Figuren auftreten. Sobald der erste - vom Autor/der Autorin erdachte Dialog erscheint wird die Geschichte zu der eines Autors, und keine Wiedergabe von Fakten. Sobald Leonore ruft: " Richard, zupf Dir den Ginster vom Hemd und komm zum Abendessen!" ist das ganze eine Fiktion. Und dann ist es wichtig das die Geschichte in sich stimmig ist, nicht das die Fakten stimmen.
    (Naja, wenn Heinrich der Furchtlose den VI Kreuzzug verpasst weil sein Landrover in der Wüste verreckt sollte man schon hellhörig werden! Ein Landrover versackt nicht einfach so - das ist schlampig recherchiert!)
    .


    Bodo, du solltest unbedingt ein Buch schreiben! :lache


    :wave
    Kalypso

  • Hi Bodo!


    Zitat

    Original von Bodo
    Die Verantwortung eines Romanautoren liegt einzig darin eine gute Geschichte zu erzählen. Kein Mensch würde einen Roman von Rider Haggadt für bare Münze nehmen weil sich "Der Autor" oder "Der Herausgeber" direkt an den Leser wendet, eben so wenig wie eine "Ich-Erzählung" Karl Mays irgend wen in die Irre führen wird....


    Allerdings gibt es doch einen wesentlichen Unterschied zwischen Karl May aus dem 19. Jahrhundert und historischen Romanen aus dem 21. Jahrhundert.


    Bei historischen Romanen aus dem 21. Jahrhundert ist es fast immer der Fall, dass Autor/in im Anhang z. B. noch eine Literaturliste bringt und dass es ein Nachwort gibt, wo Autor/in etwas zu seinem / ihrem Buch anführt (oft eben Information über Quellen, Recherche und Thema, wobei einige von den Autoren/innen sich, einen wissenschaftlichen Habitus geben und die von ihm / ihr getroffenen Entscheidungen als die einzig Richtigen oder Möglichen ausgeben.) In einigen Bücher habe ich auch schon einen umfangreichen / seitenlangen "Fakten"-Katolog gefunden, dessen Quantität stets eindrucksvolle Länge hatte. (Die Qualität allerdings, die war da oft eine andere Frage.) Aber gerade so ein "Faktenkatalog" und die Literaturliste gelten als Merkmale einer wissenschaftlichen Arbeit.


    Die historischen Romanschreiber/innen des 21. Jahrhundert vermitteln so aber den Eindruck, sie wären nicht nur fleißige Schriftsteller/innen, sondern sie geben sich (mit Recht oder Unrech auch als "seriöse" Historiker/innen aus.


    Es ist sicher kein Zufall, dass die meisten dieser Schriftsteller/innen in ihrer Kurzbiographie, die sich auch beim Buch findet, als Menschen präsentieren, die zumindest studiert haben, wobei sie entweder Geschichte studiert haben oder Studienfächer angeführt sind, die etwas in die Nähe von geschichtlichen Fächern rücken.


    Auch dadurch entsteht der Eindruck, dass die jedenfalls die deutschsprachigen historischen Romane eben nicht von historisch interessierten Laien oder Menschen, die damit Geld verdienen wollen (beides legale Gründe, um Bücher zu schreiben), sondern von "Fachwissenschaftlern/innen" geschrieben werden.


    Ich gebe dir schon Recht:
    Grundsätzlich liegt die Verantwortung von Romanautoren/innen, die ihre Bücher am Markt verkaufen, also damit Geld verdienen, einzig darin, eine gute Geschichte zu erzählen. (Wie jede/r ehrliche Händler/in für die Qualität der Ware, die er/sie verkauft, verantwortlich ist.)


    Wenn Autoren/innen sich aber mit dem Anspruch, sie wären auch richtige Geschichtskenner/innen vermarkten oder vom Verlag so vermarktet werden, dann kann Leser/in von ihnen auch verlangen, dass sie in ihren Büchern diesen Anspruch auch einlösen.


    Und wenn Autoren/innen sich als historisch fundierte Fachleute vermarkten und ihre Bücher sogar mit den Merkmalen von wissenschaftlich fundierten Büchern ausstatten, warum sollen da Leser/innen, die eben gar kein besonderes Fachwissen haben, nicht glauben, sie hätten tatsächlich einen historischen Roman gelesen, der zugleich auch ein großartiges Fachbuch ist.

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    Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt. (Georg Christoph Lichtenberg)

  • Zitat

    Original von Bodo
    ...
    Es sind fiktive Geschichten, selbst wenn historische Figuren auftreten. Sobald der erste - vom Autor/der Autorin erdachte Dialog erscheint wird die Geschichte zu der eines Autors, und keine Wiedergabe von Fakten. Sobald Leonore ruft: " Richard, zupf Dir den Ginster vom Hemd und komm zum Abendessen!" ist das ganze eine Fiktion. Und dann ist es wichtig das die Geschichte in sich stimmig ist, nicht das die Fakten stimmen.
    (Naja, wenn Heinrich der Furchtlose den VI Kreuzzug verpasst weil sein Landrover in der Wüste verreckt sollte man schon hellhörig werden! Ein Landrover versackt nicht einfach so - das ist schlampig recherchiert!)


    Ich spreche hier natürlich nur für mich, aber mir ist der Gesamteindruck, das literarische, an einem Roman wichtiger als die Tatsache das Leonore Bratkartoffeln macht....


    Wenn ein/e Autor/in während des Kreuzzuges einen Landrover vorkommen lässt, würde ich erstmals gar nicht an schlampige Recherche denken, sondern vermuten, dass sein Buch vielleicht eine Parodie auf Mittelalterromane ist, vor allem, wenn das Buch noch bei einem seriösen Buchverlag publiziert wurde. Denn das müsste wohl auch dem/r Verleger/in aufgefallen sein, zudem in deinem Beispiel der "versackte" Landrover offensichtlich auch zur Motivation der Romanhandlung verwendet wurde.


    Heinrich Sowieso versäumt wegen dieser Landrover-Geschichte immerhin seine Kreuzzug-Teilnahme, das ist schon handlungsbedingt etwas anderes, als wenn Heinrich für das Abendessen Kartoffeln schält. :chen


    ---


    Übrigens, irgendein englischer Autor des 19. Jahrhunderts (ich glaube, Edward Bulwer-Lytton) lässt in einem Roman (Zeit der Rosenkriege) tatsächlich eine Lokomotive vorkommen. Wenn es deinem fiktiven Autor gelingt, seinen Landrover so spannend oder so überzeugend einzubauen und er zudem sein Buch auch nicht vermarktet, in dem er seine historische Geschichte ernsthaft als faktengetreu deklariert, würde ich einen solchen Roman schon eine Chance geben. :wave

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    Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt. (Georg Christoph Lichtenberg)

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  • Zitat

    Original von Bodo
    Die Verantwortung eines Romanautoren liegt einzig darin eine gute Geschichte zu erzählen. Kein Mensch würde einen Roman von Rider Haggadt für bare Münze nehmen weil sich "Der Autor" oder "Der Herausgeber" direkt an den Leser wendet, eben so wenig wie eine "Ich-Erzählung" Karl Mays irgend wen in die Irre führen wird....


    Das sehe ich anders, denn Worte erzeugen doch Bilder in den Köpfen der Menschen. Ich bin mir sicher, das Karl May Bilder vom "Wilden Westen" und von Indianern bei vielen Menschen mitgeprägt hat. Bei Wikipedia habe ich zum Beispiel folgendes gefunden:


    Zitat

    Karl May (1842–1912) begründete die Indianer-Liebe ganzer Generationen von Deutschen – unter ihnen auch etlicher führender Nationalsozialisten – mit seinen Winnetou-Romanen. Er hatte Einfluss auf das Naturbild der Bündischen Jugend, besonders der Wandervögel. Das wirkliche oder angenommene Schicksal der nordamerikanischen Ureinwohner wurde regelmäßig, so während der Weltkriege, zum Anlass genommen, Antiamerikanismus und deutsche antiamerikanische Vorurteile und Propaganda zu bestärken oder auszubauen. Die Nationalsozialisten versuchten Mays Popularität und sein Werk zu vereinnahmen. Daher blieb in der DDR der Umgang mit Karl May – seine Werke wurden zumindest bis Anfang der achtziger Jahre dort nicht verlegt – wie auch mit den Indianersehnsüchten der Bevölkerung zwiespältig.[19]

    Indianerbild im deutschen Sprachraum



    Ein anderes Beispiel ist die Darstellung von Arabern in Hollywood-Filmen, die Jack G. Shaheen in seinem Buch "Reel Bad Arabs" analysiert hat. Das betrifft jetzt Filme, aber Bücher erzeugen ja auch Bilder ("Kopfkino") und Worte sind sehr gut dazu geeignet, jede Art von Bildern und Effekten zu erzeugen (siehe auch Placebo- und Nocebo-Effekte in der Medizin).


    Reel Bad Arabs (Film) - deutsche Beschreibung


    [edit]Link repariert
    .

  • Und da sind wir genau beim Punkt


    Zitat

    Original von Bodo
    Die Verantwortung eines Romanautoren liegt einzig darin eine gute Geschichte zu erzählen.


    So ist es.


    Wesentlich für eine gute Geschichte ist, wie Bodo zurecht sagt:


    Zitat

    Original von Bodo
    Und dann ist es wichtig das die Geschichte in sich stimmig ist


    allerdings setzt Bodo fort mit


    Zitat

    Original von Bodo
    nicht das die Fakten stimmen.


    und das passt für mich nicht. Wenn die Fakten nicht stimmen, ist eine Geschichte für mich ganz schnell nicht mehr stimmig. Das betrifft für mich nicht nur das Genre des historischen Romans sondern auch andere Genre wie Krimis, Belletristik und Zeitgenössisches. Klar, merke ich nicht jeden Fehler, schließlich bin ich kein Historiker, aber gravierende Schnitzer reißen mich aus dem Geschehen der Geschichte heraus, und wenn sie sich häufen, dann habe ich nun mal keinen Lesegenuss mehr.


    Zu einem guten Roman gehört für mich, daß eine gute Geschichte auch handwerklich gut ausgearbeitet ist. Die handwerkliche Ausarbeitung hat für mich zwei Komponenten:
    - eine sprachliche
    - eine erzählerische, zu der für mich auch Gestaltung von Setting (und damit Recherche), Charakter- und Personenentwicklung, Spannungsaufbau etc. gehören.


    Da ich auch Parodien, Parallelwelten etc. lese, habe ich mit scheinbaren Brüchen kein Problem, wenn der Roman konsequent als Parodie, Parallelwelt etc. ausgestaltet ist. In einem historischen Roman führt der Landrover für mich allerdings zum oben beschriebenen Effekt.


    Im Unterhaltungsbereich kann ich höchstes Vergnügen an einem handwerklich gut gemachten Roman haben. Wenn es dann auch noch wirklich Kunst wird oder ist, umso besser.


    D.h. ich kann diesen Satz

    Zitat

    Original von Bodo
    Ich finde hier wird der Recherche zu viel Bedeutung beigemessen.


    für mich nicht unterstreichen (auch wenn mich Voltaire dann wohl in die Kategorie Wichtigtuer und Oberlehrer einstuft :grin)


    Insofern bin ich natürlich der Ansicht, daß der Autor, Verantwortung für das hat, was er veröffentlicht (bei allem, was er nicht veröffentlicht, kann er von mir aus treiben, was er will :grin). Ich trage in meiner Branche schließlich auch die Verantwortung dafür, was ich abliefere.


    Bleibt die Frage nach dem Regulativ.
    Wenn ein Handwerker schlechte Leistung abliefert, wird sich die Zahl seiner Kunden reduzieren. Wer in der Industrie schlechte Leistung abliefert, wird Schwierigkeiten haben, dort seinen Platz zu erhalten bzw. zu finden, etc.. D.h. das Regulativ ist normalerweise der Markt. Letztlich ist es auf dem Buchmarkt genauso - und offensichtlich gibt es jede Menge Menschen, die es nicht stört, daß historische Romane vor Fehlern strotzen, oder sprachlich miserable Romane vor sich zu haben, oder eindimensionale Charaktere vorgesetzt zu bekommen, etc.. Und das ist etwas, was ich akzeptieren muß, und nun mal damit lebe, daß es zunehmend schwieriger und mühsamer wird Spreu (Schund) und Weizen nach meiner Einschätzung zu trennen. Das löst durchaus bei mir auch immer mal wieder die Frage aus, ob ich in zwanzig Jahren noch Perlen in den Veröffentlichungen entdecken werde.


    Zum Punkt des Trennens von historischen Romanen und Romanen vor historischem Hintergrund hier im Forum:
    ich würde mir das nicht zutrauen. Für jeden von uns sind die Grenzen hier andere. Zudem kann ich sagen, daß ich nach vielen Jahren Leseerfahrung so manchen Roman heute anders einstufen würde als noch vor zehn Jahren.


    edit: Kommafehler korrigiert

  • Wenn ein Autor eine Thema zu einem Roman umarbeitet und anschließend behauptet, alles sei wahr und genauso passiert dann muß das natürlich stimmen. Daran besteht kein Zweifel.
    Aber mein Punkt ist ein etwas anderer: Wenn ich einen Roman lese erwarte ich eine gut erzählte spannende Geschichte, wenn ich Sachinformationen suche dann lese ich ein entsprechendes Buch und keinen Roman.


    Delphin : Natürlich erzeugt der Autor Bilder, einen "Einruck" durch das was er erzählt - gerade Karl May ist da ein gutes Beispiel, weil nicht nur die Sichtweise auf ihn sondern zeitweise auch seine eigene Sicht der Dinge durch das verschwimmen von Fiktion und Tatsachen geprägt wurde.
    (Ein weiteres Thema ist das Bild der Indianer im amerikanischen Western)


    Aber hier bin ich nach wie vor der Ansicht das ein verwechseln von Wahrheit und Fiktion das Problem des Konsumenten ist, gerade - und davon gehe ich hier immer aus - das es sich eindeutig um ein fiktives Werk handelt.



    Was spricht denn dagegen in einem Roman um Elisabeth I ihren Finanzminister zum intriganten Bösewicht zu machen, wenn dadurch ein spannender Roman entsteht? Für mich rein garnichts!


    Pelican : Deine Frage nach dem Regulativ hinkt ein wenig (nur ein kleines bisschen....) denn diese Frage nach der Qualität, welche wir hier alle so engagiert erörtern stellt sich 90% der Konsumenten da draussen garnicht!

  • Zitat

    Original von Bodo
    Was spricht denn dagegen in einem Roman um Elisabeth I ihren Finanzminister zum intriganten Bösewicht zu machen, wenn dadurch ein spannender Roman entsteht? Für mich rein garnichts!


    Für mich ist es schon mal ein Unterschied, ob eine Autorin eine historische Persönlichkeit zum intriganten Bösewicht macht und dann im Nachwort schreibt, dass diese Sichtweise umstritten ist, oder nicht dem aktuellen Forschungsstand entspricht, sie sich aber aus dramaturgischen Gründen so entscheiden hat. Es aber durchaus auch andere Sichtweisen gibt. Oder ob sie ihn zum intrigranten Bösewicht macht und dann andere Autoren diskreditiert, die dies nicht tun, und sich darstellt, als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen.


    Ich will auch keine Zensur, aber wenn eine Autorin sich die Geschichte so hinbiegt, wie sie passt, dann muss sie halt auch mit der Kritik leben.


    Abgesehen davon - aber das steht auf einem anderen Blatt, aber es juckt mich immer wieder in den Fingern, wenn das Argument kommt - ist es eine Illusion, dass in Sach- oder Fachbüchern so etwas wie eine objektive Wahrheit steht. Es gibt sicher unendlich viele Sachbücher, in denen der absolute Schrott steht und im Studium war es bei uns strengstens verboten, in Hausarbeiten oder gar Semester- oder Diplom-Arbeiten Sekundärliteratur zu zitieren.

  • Wie habt ihr dann aber recherchiert?


    Natürlich ist der Begriff "Sachbuch" nicht sehr eng gefasst, und natürlich gibt es in diesem Bereich vieles was fantasievoller mit der Wahrheit umgeht als so mancher Roman.


    Ein Roman hat allerdings nicht die Aufgabe Fakten zu liefern, er erzählt eine Geschichte! Wenn der Romanautor allerdings behauptet all sein Quatsch entspräche der Wahrheit ist das natürlich inakzeptabel, daran besteht kein Zweifel.
    Ich erwarte allerdings tatsächlich von einem Autor den kreativen Umgang mit Fakten, denn sonst - da beisst sich die Katze in den Schwanz - könnte ich eben so gut ein Sachbuch lesen.

  • Zitat

    Original von Bodo
    Wie habt ihr dann aber recherchiert?


    Wir mussten Studien, die wir zitiert haben, auch im Original gelesen haben. Und möglichst nicht nur das Abstract (die Zusammenfassung), sondern auch den Rest, um auch beurteilen zu können, ob die Studie überhaupt gut gemacht ist und was darin wirklich gesagt wurde. Zu lernen, dies zu beurteilen und Studien auseinander zu pflücken, war ein wesentlicher Teil des Studiums.


    Zitat

    Ein Roman hat allerdings nicht die Aufgabe Fakten zu liefern, er erzählt eine Geschichte! Wenn der Romanautor allerdings behauptet all sein Quatsch entspräche der Wahrheit ist das natürlich inakzeptabel, daran besteht kein Zweifel.
    Ich erwarte allerdings tatsächlich von einem Autor den kreativen Umgang mit Fakten, denn sonst - da beisst sich die Katze in den Schwanz - könnte ich eben so gut ein Sachbuch lesen.


    Mich stört es zum Beispiel nicht, wenn ein Autor Hauptfiguren erfindet, die es nie gegeben hat, und die in irgendeiner Form mit historischen Figuren interagieren. Auch wenn diese auch in die Geschichte eingreifen und eine Rolle zu spielen scheinen, zum Beispiel als Berater des Königs, die Geschichte aber immer noch weitgehend so abläuft, wie sie tatsächlich abgelaufen ist, dann kann ich damit gut leben, wenn das gut gemacht ist. Dorothy Dunnett hat das mit Francis Crawford of Lymond zum Beispiel so gut gemacht, dass ich mal in einem Buch eines anderen Autors, das zur gleichen Zeit spielte, dachte, Lymond müsste eigentlich gleich um die Ecke biegen, weil er ja zur gleichen Zeit da war.


    Solche historischen Romane habe ich eine Zeitlang ganz gerne gelesen, hab ich mir aber inzwischen überlesen, weil die Handlung oft nach dem gleichen Muster abläuft, nämlich dass die fiktive Hauptfigur immer zufällig überall dort auftaucht, wo gerade was passiert, auch wenn das völlig unwahrscheinlich ist und irgendwas dafür hingebogen werden muss. Ich erinnere mich bei "Das Spiel der Könige" dunkel (sehr dunkel, lang her) daran, dass es gar nicht so einfach war, die Hauptfigur, die ja ein Lancastrianer war, mit einer guten Begründung bei den Plantagenets auftauchen zu lassen, weil sich dort nun mal grad die Geschichte abspielte.


    Wenn größere Abweichungen dann im Nachwort erwähnt werden, sag ich ja gar nichts. Zum Beispiel wenn Ereignisse aus dramaturgischen Gründen verlegt wurden, oder kleinere, für den Verlauf unwichtige historische Figuren zusammengezogen wurden, um es nicht zu kompliziert zu machen.


    Es würde mich aber stören, wenn diese fiktiven Figuren im Roman eine historische Figur (z.B. den König) heiraten und die Geschichte dann völlig anders ablaufen würde, zum Beispiel eine ganz neue Dynastie gegründet werden würde. Das wäre für mich dann kein historischer Roman mehr, sondern Alternative History. Wäre auch ok und könnte auch ein unterhaltsamer Roman sein, nur soll es dann nicht unter dem Label "Historischer Roman" laufen.


    Mich stört tatsächlich eher, wenn die Autoren dann denken, sie hätten die von Magali erwähnte Deutungshoheit. Oder Schund schreiben, aber dann maulen, wenn sie in die Schundecke geschoben werden. Oder wenn Verlage mit erfundener Autorenvita suggerieren, das Buch sei von einer Historikerin geschrieben.

  • Also ich lese gerade die Jahrhunderttrilogie von Ken Follett. Wenn da die Romanhandlung nicht von stimmigen und realen Fakten zusammengehalten würde, würde ich die Bücher in die Ecke werfen. Wegen der schönen Sprache lese ich Bücher eigentlich nur sehr selten.


    Für mich müssen da schon die Chronologie und die der Vergangenheit entlehnten Fakten stimmen. Donald Duck als US-Präsident und JFK als Nachfolger von Chruschtschow (ob mit oder ohne Landrover und Bratkartoffeln) und als Generalsekretär des ZK der KPdSU wären da nicht akzeptabel. Eigentlich halte ich so etwas sogar für unstrittig und wundere mich hier manchmal.

  • Zitat

    Original von Delphin



    Mich stört tatsächlich eher, wenn die Autoren dann denken, sie hätten die von Magali erwähnte Deutungshoheit. Oder Schund schreiben, aber dann maulen, wenn sie in die Schundecke geschoben werden. Oder wenn Verlage mit erfundenen Autorenvita suggerieren, das Buch sei von einer Historikerin geschrieben.


    Da sind wir tatsächlich einer Meinung! Abgesehen von der Tatsache das ca. 90% der Leserinnen so etwas garnicht bemerken....



    .... Meine Güte, ich sollte aufhören hier meine Kundschaft zu diskreditieren..... :gruebel


    Ich glaube wir sind uns was die Qualität historischer Romane angeht weitgehend einig. Der Anspruch den wir an die Autenzität haben mag von einander abweichen, aber da begeben wir uns in den Bereich persönlicher Vorlieben, und ich denke auch da sind unsere Positionen bereits gut beschrieben worden.



    "Der Rest ist Schund!" William Shakehisbeer :chen

  • Ich hab eben mal überlegt, wie ich eigentlich zu historischen Romanen gekommen bin. Ich habe nämlich Geschichtsunterricht in der Schule gehasst und war auch nach der Schule lange davon überzeugt, dass mich Geschichte nicht interessiert und ich hab einen Riesenbogen um historische Romane gemacht. Aber ich habe immer gerne Fantasy gelesen. Vor allem solche, die in einer "mittelalterlichen Welt" spielt.


    Irgendwann ging mir mein Fantasy-Lesestoff aus und ich wollte "sowas Ähnliches" lesen. Also, ein dickes Buch, in dem Leute in Burgen leben, auf Pferden durch die Gegend reiten und Stew essen. Deshalb hab ich zu Galbaldons "Outlander" gegriffen, was ja eigentlich kein historischer Roman ist, sondern ein Zeitreiseroman (oder auch ein Highland-Rammler :lache).


    Und siehe da, die echten historischen Ereignisse waren interessanter, als ich vermutet hätte. Und darauf kam ich dann über Schottland zur englischen Geschichte. Und irgendwann hab ich auch mal was mit ollen Griechen und Römern gelesen (sehr traumatische Erinnerungen aus der Schulzeit :uebel) und fand das auch interessanter als gedacht.


    Aber meine Ansprüche stiegen so langsam und heute könnte ich vieles von dem Zeug, das ich damals verschlungen habe, nicht mehr lesen. Aber angefangen hat das mit "Das ist ja so ähnlich wie Fantasy". :lache

  • Zitat

    Original von Grisel


    Danke dafür, liebe Magali! Alles gut. :-]


    O, woman!
    Das ist mein Leib - und Magenthema. Da werde ich so wie Du, wenn es um :gruebel Niccoló ? geht.
    Wild.


    :lache


    Da darfst Du nichts persönlich nehmen. Geht bloß ums Thema.
    Und natürlich bin ich äußerst froh um jede und jeden, die sich von historischen Romane anregen lassen, sich ernsthaft mit ihrer Lieblingsepoche zu beschäftigen.



    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Zitat

    Original von Kalypso
    ...


    Sowieso verbreitet sich gefährliches Gedankengut nicht über Romane, sondern auf der Straße, am Stammtisch oder heutzutage eben im Internet, und das vermutlich bei Leuten, zu deren Hobbys eher nicht das Lesen historischer Romane zählt.


    Meiner Ansicht nach hat die Lektüre sehr wohl damit zu tun, was jede einzelne denkt. Lektüre findet nicht im luftleeren Raum statt, eine Geschichte, ein Roman ist doch das Ergebnis menschlichen Denkens. Wenn eine Autorin Mist schreibt, mag das wenig bewirken, aber sie ist doch nie die einzige. Außerdem lesen Menschen nicht nur Bücher, sie finden ähnlich unsinnige Meinungn - gehen wir jetzt mal von unsinnigen Meinungen aus - in Zeitschriften, im Fernsehen, bei Computerpsielen, im Kino, auf der Straße, am Stammtisch. Das ist doch komplemetär.


    Die Unterhaltungsliteratur hat z.B. neue Versatzstücke gefunden in den letzten fünfzehn Jahren. Noch in den 1980ern wäre das Ausmaß an poonografischen Darstellungen noch im dämlichsten Tussi-sucht-Typ-Roman nicht denkbar gewesen. Heute findest Du kaum noch ein Buch ohne. Sexszenen sind ein Muß. Ohne gilt selbst die bescheuertste Story nicht als 'wahr'.
    Als Follett in 'Säulen der Erde' eine sehr deutliche Vergewaltigunsgszene brachte, hat die Leserinnenwelt noch tief und entsetzt Luft geholt. Heute gehören Vergewaltigungen zum Standard im historischen Roman. Und anderswo auch.
    Angesichts der rasanten Verbreitung auch in anderen Geners bis hin zur Literatur frage ich durchaus nach dem Frauenbild bei Schreibenden.


    Schaust Du dich um, so stellst Du eine Pornographisierung der gesamten öffentlichen Welt fest. Zeitschriften, Theater, Fernsehen, Film, Musikclips. Mode. Werbung. Auch Literatur.
    Und es wird immer wilder, siehe FSOG.


    heißt: gesellschaftliche Zustände und Romane beeinflussen sich.


    Lesen ist keine unschuldige Beschäftigung, Bücher nichts Neutrales. Irgendwas wird immer vermittelt.


    Geht es nicht darum bei der Frage nach 'Schund'? Was vermittelt wird? Und dann wie?

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus