Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

  • Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen
    btb Verlag 2017. 512 Seiten
    ISBN-13: 978-3442756841. 20€
    Originaltitel: Bienes historie
    Übersetzerin: Ursel Allenstein


    Verlagstext
    England im Jahr 1852: Der Biologe und Samenhändler William kann seit Wochen das Bett nicht verlassen. Als Forscher sieht er sich gescheitert, sein Mentor Rahm hat sich abgewendet, und das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock.
    Ohio, USA im Jahr 2007: Der Imker George arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom eines Tages übernehmen. Tom aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden.
    China, im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.
    Wie alles mit allem zusammenhängt: Mitreißend und ergreifend erzählt Maja Lunde von Verlust und Hoffnung, vom Miteinander der Generationen und dem unsichtbaren Band zwischen der Geschichte der Menschen und der Geschichte der Bienen. Sie stellt einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie gehen wir um mit der Natur und ihren Geschöpfen? Welche Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern? Wofür sind wir bereit zu kämpfen?


    Die Autorin
    Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.


    Inhalt
    Die Landarbeiterin Tao aus China, der Naturwissenschaftler William aus England und der amerikanische Bienenzüchter George sind die Hauptfiguren in Maja Lundes Roman, der auf drei Kontinenten und in drei Epochen spielt. Im China des Jahres 2098 sind durch den Klimawandel, Pestizide und Monokultur längst die Lebensbedingungen für Bienen zerstört. Darum müssen Landarbeiterinnen alle Obstbäume von Hand bestäuben. Bildung ist überflüssig geworden, weil in Taos postapokalyptischer Welt nur geschickte, gehorsame Landarbeiter benötigt werden. Fleisch kann nicht mehr erzeugt werden, weil es nicht zu schaffen ist, die Futterpflanzen auch von Hand zu bestäuben. Tao will sich mit den Verhältnissen nicht abfinden und erhofft sich für ihren kleinen Sohn Wei-Wen ein besseres Leben. Als Wei-Wen plötzlich erkrankt und vom System in aller Heimlichkeit fortgebracht wird, wächst Tao auf der Suche nach ihrem Kind über sich hinaus.


    William war als junger Mann ein vielversprechender Wissenschaftler, der nach einer kurzen Karriere als Saatguthändler und der Gründung einer kinderreichen Familie nun offenbar an Depressionen erkrankt ist. Als er sich mit der Konstruktion eines Bienenkastens beschäftigt, der ihm die Beobachtung von Bienen ermöglicht, scheint William sich wieder zu fangen.


    George ist in den USA mit einer Strukturkrise der Imkerei konfrontiert, die er lange nicht wahrhaben will. Er will sie so wenig wahrhaben wie den Nachfolgekonflikt um seinen Betrieb und plant weitere Investitionen, obwohl er von der Arbeit körperlich längst ausgelaugt ist. Auch wenn Georges Sohn Tom erfolgreich studiert und ein Promotionsstipendium angeboten bekommt, kann George lange nicht von dem Gedanken lassen, dass sein Betrieb nur vom Sohn fortgeführt werden kann und die Fachkenntnisse der älteren Generation nur auf diesem Weg weitergegeben werden können.


    Fazit
    Die Bienen als Symbol für das Leben und für funktionierende Öko-Systeme verbinden die drei Schicksale. Am spannendsten fand ich, die von Maja Lunde entwickelten Persönlichkeiten kennenzulernen und herauszufinden, in welchem Verhältnis sie zur Imkerei und zu den Bienen stehen. Anrührend waren für mich die Ähnlichkeiten in der Reaktion von Eltern in allen Epochen. Hier trifft man als Leser Väter, die starrsinnig am Sohn als Nachfolger festhalten, keinen Plan B, keine Kompromisse kennen wollen. Sie verschließen deshalb die Augen davor, evtl. andere fähige Betriebsnachfolger als die eigenen Söhne zu schulen. Letztlich ist es diese Art von Starrsinn der älteren Generation (hier der Väter), der kreative Problemlösungen verhindert und unseren Planeten gerade an den Rand des Abgrunds steuert. Ein kompliziertes Eltern-Kind-Verhältnis besteht auch zwischen Tao und ihrem Staat, der seine Bevölkerung gern auf dem Niveau von Grundschulkindern halten möchte, weil sie so willig ihre Pflicht tun und keinen unerwünschten Träumen nachhängen. Die Vater-Sohn-Konflikte als Nebenhandlung und universeller Stoff für Familien-Romane waren leicht nachvollziehbar und vorhersehbar, so dass ich die folgende Handlung bis zur Auflösung privater und ökologischer Konflikte etwas zu breit ausgearbeitet fand.


    7 von 10 Punkten

  • Ich habe das Buch gerade beendet und war ganz angetan - die ganz große Begeisterung ist aber ausgeblieben, dabei hatte ich mich vorab so gefreut. Schwierigkeiten hatte ich vor allen Dingen auch mit der Sprache, die für mich stelenweise sehr einfach war - viele Dialoge fand ich eher platt, außerdem hatte ich Probleme mich in George und William einzufühlen. Wie erging es dir mit der Sprache?

  • George und William waren für mich klassische Vertreter ihrer Generationen, die bis heute noch immer nicht ganz ausgestorben sind. Darum war mir das Ausarbeiten dieser Nachfolge-Konflikte zu langatmig. Sie wünschen sich einen Sohn. Wenn der Sohn andere Interessen oder Begabungen entwickelt als sie, beharren sie auf ihrem Nachfolgeplan und können dabei nicht erkennen, dass evtl. in der Familie kluge Töchter heranwachsen ...


    Die Sprache fand ich unproblematisch, weil ich das Buch stark als Familienroman gelesen habe. Da ich es wegen des naturwissenschaftlichen und ökologischen Hintergrunds ausgesucht habe, hätte der wiederum für meinen Geschmack tiefer gehen können.


    Ich hatte mir etwas Ähnliches erhofft wie Capus: "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer", der Roman hat mich mehr gefordert und ich erinnere mich gern dran, vielleicht war tatsächlich die Sprache der Grund.

  • Das Cover ist – trotz der Schlichtheit – ein absoluter Hingucker. Die Farbe und das Bild der Biene leiten schon wunderbar ins Thema ein. Entfernt man das Cover (zum besseren Lesen), so kommt ein wunderbar gelbes Buch zum Vorschein mit einer gezeichneten Biene in der Mitte. Allein diese beiden Kleinigkeiten haben den Einstieg ins Buch schon zu etwas Besonderem gemacht.


    Die Handlung ist aufgeteilt in drei Haupthandlungen: England (1825), USA (2007), China (2098). Der Leser begleitet den Biologen William, den Imker George und die Arbeiterin Tao. Alle Geschichten haben natürlich eine Gemeinsamkeit: Die Bienen.


    Denn während William das biologische der Bienen und den Aufbau des Bienenstocks untersucht, versucht George, seine kleine Bienenfarm aufrecht zu erhalten. Tao hingegen lebt in einer Zeit, in der die Bienen schon lange verschwunden sind und in der nur noch die Handbestäubung überhaupt dafür sorgen kann, dass einige Menschen überleben.
    Obwohl sich die drei Geschichten sehr oft abwechseln, kann man sich doch in alle Handlungen gut hineindenken, kennt die Personen und ihre Träume, Probleme und Wünsche. Nach und nach erkennt man dann, auf welche Art und Weise die Handlungen noch verbunden sind.


    Das Thema, das aktueller nicht sein könnte, regt zum Denken an und weckt gleichzeitig eine Begeisterung für das, was man alltäglich im Frühjahr und Sommer sieht: Die Bienen bestäuben Blüten. Eine kurze Online-Recherche hat mir dann gezeigt, dass das Verschwinden der Bienen im Jahr 2007 tatsächlich stattgefunden hat und das macht den Roman nur umso eindrücklicher.


    Ein absolutes Lesevergnügen und ein liebevoll ausgearbeiteter, gut recherchierter und ansprechend gestalteter Roman!

  • Zitat

    Original von buzzaldrin
    Ich habe das Buch gerade beendet und war ganz angetan - die ganz große Begeisterung ist aber ausgeblieben, dabei hatte ich mich vorab so gefreut. Schwierigkeiten hatte ich vor allen Dingen auch mit der Sprache, die für mich stelenweise sehr einfach war - viele Dialoge fand ich eher platt, außerdem hatte ich Probleme mich in George und William einzufühlen. Wie erging es dir mit der Sprache?


    Ich habe das Buch als ungekürztes Hörbuch gehört und hatte dabei das Gefühl, dass die Sprache der Zeit und der jeweiligen Person angepasst war. Dieser Eindruck wird natürlich durch die unterschiedlichen Sprecher der drei Protagonisten verstärkt. Aber ich habe auch gerade die teilweise vielleicht "platten Dialoge" und Gedankengänge eher als Merkmal der jeweiligen Person verstanden. Ich fand das authentisch.
    Für mich hätte sich eine "gehobene Sprache" für die Figuren falsch angefühlt. Auch und vor allem, weil ich mit diversen Einstellungen und Denkweisen der Hauptfiguren so meine Schwierigkeiten hatte, die teilweise ja auch der jeweiligen Zeit und gesellschaftlichen Formen/Lebensumstände geschuldet sind.
    Das hat mir das eigentliche Thema des Buches, die enge Verknüpfung von Menschen und Bienen, die Verantwortung, die wir Menschen für die Natur tragen und die unvermeidlichen Konsequenzen auf unser Handeln, genau wie die Verknüpfung über die Jahrhunderte, sehr eindrücklich vermittelt.

  • In „Die Geschichte der Bienen“ verwebt Maja Lunde meisterhaft die Lebensgeschichten dreier völlig verschiedener Menschen zu unterschiedlichen Zeiten. Allen gemeinsam sind nur die Bienen, die auf entscheidende Weise ihr Leben bestimmen.


    Der englische Wissenschaftler William macht sich 1852 zusammen mit seiner Tochter daran, einen völlig neuartigen Bienenstock zu entwickeln. Sein einziger Sohn Edmund hat kein Interesse an seiner Arbeit. Nachdem William die Gunst seines Mentors verloren hatte, gibt ihm die Entwicklung dieses Bienenstocks die Aussicht auf Erfolg und Achtung zurück und hält ihn am Leben.


    Besonders intensiv beschäftigt sich 2007 der Imker George mit den Bienen. Sie sind sein Lebenswerk und er könnte sich niemals vorstellen, woanders zu leben, oder einen anderen Beruf auszuüben. Sein Sohn Tom soll einmal seinen Hof und die Bienenzucht übernehmen, doch der scheint andere Pläne zu haben. Und dann sind die Bienen eines Tages weg – alle…


    2098 ist die Arbeiterin Tao eine von unzähligen Arbeiterinnen, die die Arbeit der ausgestorbenen Bienen übernimmt und mit dem Bestäuben von Nutzpflanzen ihren Lebensunterhalt verdient. Ihr kleiner Sohn ist ihr ganzer Stolz und sie liebt Wei-Wen über alles, bis er einen Unfall hat, der ihr Leben verändern wird.


    Abwechselnd lernt man die drei so unterschiedlichen Menschen und ihre Familien kennen und weiß anfangs nicht, was sie miteinander zu tun haben. Klar ist nur, dass sie sich irgendwie mit Bienen beschäftigen. Es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe, um Schicksalsschläge und um das Scheitern und immer wieder um die Bienen. Die Figuren wirken so lebendig und lebensecht und es wird niemals langweilig, da man lange nicht ahnt, wohin die Geschichte führt.


    Mit ihrer Arbeiterin Tao, die in einer Welt ohne Bienen lebt, zeigt sie auf, welche beängstigenden Folgen das Verschwinden dieser kleinen Nutztiere auf die Weltwirtschaft haben könnte.


    Die Autorin macht mit diesem Roman deutlich, wie wichtig diese kleinen Insekten sind, die so wenig im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und die eigentlich viel mehr unserer Beachtung verdient hätten. Es wird einem beim Lesen bewusst, wie verantwortungslos wir mit unserer Umwelt umgehen und wie denkbar das Aussterben der Bienen ist. Trotzdem wird nirgends der moralische Zeigefinger sichtbar, der so gerne in amerikanischen Büchern verwendet wird und der auf plumpe Art und Weise eine Botschaft vermitteln will.


    Das Bewusstsein, wie wichtig ihr Thema ist, erreicht Lunde nur über ihre Geschichte. Recherchiert man dazu, nachdem man das Buch gelesen hat, kann man schon Angst bekommen, dass der dystopische Entwurf der Welt von morgen durchaus zutreffen könnte.
    10 Eulenpünktchen für ein Buch, das hoffentlich viele Leser erreicht.

  • Absolut empfehlenswert - T O P


    Da es sich um ein sehr bedeutendes Thema handelt mit dem sich durch dieses Buch hoffentlich viel mehr Leute damit beschäftigen. Das Thema ist eine tolle Wahl und schon lange habe ich dem Buch entgegengefiebert - und wurde nicht enttäuscht.
    Der Inhalt ist sehr interessant aufbereitet und regt zum Nachdenken an.
    In dem Buch sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abgedeckt. Ich finde diese Einteilung in verschiedene Zeitzonen macht das Buch besonders.
    Es ist ein neues Thema und irgendwie eine ernste Handlung - auch wenn ich normalerweise Bücher dieser Art nicht lese, hat mir das Buch gut gefallen. Der Schreibstil selber ist klasse - man kommt flüssig voran.
    Definitiv ist das Buch eine Empfehlung wert - absolut lesenswert.

  • Ein sehr aktuelles Thema, ergreifend umgesetzt


    Das Bienensterben ist ein sehr aktuelles Thema, das mich sehr angesprochen hat.
    Das Cover und natürlich auch der Titel passen hervorragend zu dem Roman.


    Die Geschichten werden immer abwechselnd erzählt und immer aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonisten.


    1852 England: Der Samenhändler William befindet sich in einer Lebenskrise, als er eine Idee für eine revolutionäre Idee für einen neuartigen Bienenkorb hat.


    2007 Ohio: Der Imker George merkt, dass sich sein Sohn immer weiter von ihm entfernt. Er hatte die Hoffnung, dass dieser einmal sein Handwerk übernimmt. Außerdem muss er hilflos dabei zusehen, wie seine Bienenvölker nach und nach sterben.


    2098 China: Die Arbeiterin Tao bestäubt Obstbäume per Hand, da die Bienen ausgestorben sind. Als ihr Sohn Wei-Wen einen mysteriösen Unfall hat, setzt Tao alles daran herauszufinden, was mit Wei-Wen passiert ist.


    Bei William habe ich viel über die Beschaffenheit der Bienenkörbe erfahren. Die Autorin hat die Beuten zwar gut beschrieben, aber ich hätte mir trotzdem ein oder zwei Bilder davon gewünscht, damit ich eine bessere Vorstellung von so einem Bienenkorb bekomme.


    Die Geschichte über George hat mir auch einiges an Wissenswerten über die Bienen erzählt, so wusste ich bisher nicht, dass die Bienenvölker durchs Land gefahren werden, um dort bestimmte Felder zu bestäuben (das trifft auch in Deutschland zu, z.B. am Bodensee). Auch wie sich ein Bienenvolk verhält wird hier sehr interessant geschildert.


    Besonders spannend und gleichzeitig berührend fand ich die Geschichte von Tao, die ihren kleinen Sohn sucht, dafür sogar nach Peking reist und dort Umstände vorfindet, die ich so nicht erwartet hätte.


    Am Ende verwebt die Autorin die drei an sich völlig unterschiedlichen Geschichten sehr geschickt miteinander, so dass man das große Ganze erkennen kann.


    Ein wunderbares Buch über Bienen, das zum Nachdenken und weiteren Nachforschen anregt und mir auch etwas Angst macht, da das Bienensterben schon begonnen hat.

  • Nicht ganz überzeugt


    William war am Ende seiner Jugend ein ambitionierter Naturwissenschaftler, doch dann lernte er die hübsche, aber nicht sehr schlaue Tilda kennen, die ihm kurz nacheinander acht unerwünschte Kinder schenkte. William wurde vom begeisterten Forscher zum trübsinnigen Saatguthändler, doch als ihn der ehemalige Mentor Rahm damit konfrontiert, verfällt er auch noch in eine Depression - aus der ihn der einzige Sohn Edmund befreit, indem dieser den Vater dazu bringt, wieder zu forschen, und zwar nach einer besseren Beute - dem Fachbegriff für einen künstlichen Bienenstock - als die aktuellen, wenig effektiven Standardmodelle. Wir schreiben das Jahr 1852.


    Gut hundertfünfzig Jahre später, im Jahr 2007, ist der amerikanische Imker George damit konfrontiert, dass sich seine Frau Emma eigentlich in Florida zur Ruhe setzen will, dass der Sohn Tom, der die Nachfolge auf der Farm antreten sollte, lieber Journalist werden möchte, und dass die Konkurrenz mit ihren industriell gefertigten Bienenstöcken und den weiten Bestäubungsreisen mehr Geld verdient. Bis plötzlich überall die Bienenvölker sterben, ohne erkennbaren Grund: Die Imker sind mit dem "Colony Collapse Disorder" (CCD) konfrontiert, dem Verlust vieler Völker auch während der Saison - ohne erkennbare Gründe. Bis heute forschen weltweit viele Wissenschaftler nach den Ursachen des Phänomens, das viele für eine Folge der Pestizidverwendung und der Monokulturen in der Agrarwirtschaft halten.


    Im Jahr 2089 wird in China von Hand bestäubt, was früher Bienen und Hummeln erledigt haben. Die für diese Arbeit eigentlich viel zu kluge Tao klettert tagein, tagaus in einige der vielen hunderttausend Birnenbäume der örtlichen Plantage und verpinselt dort Blütenstaub. Davon können sie, ihr Mann und der kleine Wei-Wen gerade so leben, aber in der Welt des ausgehenden einundzwanzigsten Jahrhunderts wird überall gehungert. Nach dem großen Kollaps hat sich die Weltbevölkerung drastisch reduziert, ist der Fortschritt zum Stillstand gekommen, wird nur noch das nötigste getan. Und dennoch träumt Tao von einer besseren Welt für ihren Sohn, der als Achtjähriger ansonsten ebenfalls zum Bestäuber werden würde - und sogar davon, ein zweites Kind zu bekommen. Bis Wei-Wen einen tragischen Unfall erleidet.


    Maja Lundes erster Erwachsenenroman war in ihrem Heimatland Norwegen ein veritabler Bestseller, hat aber auch international auf sich aufmerksam gemacht. "Die Geschichte der Bienen" erzählt vom Träumen und Scheitern, außerdem geht es um Erziehung und das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, erwünschten wie ungeliebten, um Projektion und Wunschdenken. Getragen werden die Geschichten vom Schicksal der Bienen, von wissensreichen Erzählungen darüber, wie Imkerei funktioniert, warum es möglicherweise zum CCD kam - und was perspektivisch daraus werden wird. Und natürlich geht es um Umweltschutz. Die Dystopie, die die beiden Vorgängergeschichten letztlich verbindet, soll zeigen, was geschehen wird, wenn die metaphorische Notbremse nicht gezogen wird, wobei Lunde besonders drastisch zu zeigen versucht, wohin die Reise geht. Am Ende ist dieser Erzählstrang allerdings der optimistischste.


    Was mich beim Lesen des durchaus spannenden Buchs begeistert hat, war die gelungene und abwechslungsreiche Anordnung der drei Teilgeschichten, die mit interessanten Informationen und erhellendem Wissen gespickt sind. Was mich weniger begeistert hat, waren die sprachliche Einfachheit der Erzählung und ihre zuweilen etwas ermüdende Vorhersehbarkeit, die allerdings größtenteils durch die hohe Taktung des Geschehens abgefangen wird. Die Figuren sind wirklich gut konturiert, aber auch sehr linear angelegt. Unterm Strich ist "Die Geschichte der Bienen" ein kluges, gut recherchiertes, ein bisschen zu absichtsvolles, nicht immer logisches, originell komponiertes Buch, dessen B-Note nicht ganz überzeugt.

  • England 1852: William, Samenhändler und Biologe ist in tiefen Depressionen gefangen. Die Entwicklung eines neuartigen Bienenstocks holt ihn aus seinen Depressionen und gibt ihm wieder Hoffnung für die Zukunft.


    Ohio 2007: George ist Imker aus Leidenschaft und möchte seinen Betrieb an seinen Sohn Tom übergeben. Dieser zeigt allerdings keinerlei Interesse an dem Hof des Vaters und möchte lieber Journalist werden. Dazu kommt eines Tages das Verschwinden der Bienen, was George an den Rande des Ruins treibt.


    China 2098: Tao bestäubt Obstbäume mit der Hand, da es mittlerweile keine Bienen mehr gibt. Für ihren Sohn Wei-Wen wünscht sie sich eine bessere Zukunft, doch eines Tages hat er einen Unfall und verschwindet in den Mühlen der staatlichen Betreuung. Tao macht sich daraufhin auf die Suche nach ihm.


    Die drei Erzählstränge spiegeln jeweils das Familienleben der unterschiedlichen Zeiten wieder. William wünscht sich nichts mehr, als dass sich sein Sohn Edward für seine Arbeit interessiert und auch George versucht seinen Sohn durch die gemeinsame Arbeit an sich zu binden. Tao hingegen wünscht sich einfach eine Wahlmöglichkeit für ihren Sohn, was in der Gesellschaft in der sie leben aber nicht so einfach umzusetzen ist.

    Alle drei verbindet ihr Verhältnis zu den Bienen. William versucht sie zu verstehen, George nutzt sie für seinen Lebensunterhalt und Tao ersetzt die verlorengegangenen Bienen. Wie die drei Familien genau zusammenhängen erklärt sich erst ganz am Ende.


    Mir hat das Buch gut gefallen, es ließ sich gut lesen. Die Protagonisten waren typische Menschen ihrer Zeit, ihr Verhalten geprägt durch gesellschaftliche Zwänge.

    Interessant fand ich die Entwicklung und die Sicht auf die Bienen. Die Aussicht auf eine Zukunft ohne Bienen ist wirklich erschreckend. Ich denke vielen Menschen ist es heute nicht klar, was das Bienensterben wirklich für die Menschheit bedeutet.

    Gespannt bin ich jetzt auch auf den Nachfolger "Die Geschichte des Wassers"


    8 von 10 Punkte

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  • Ich habe für dieses Buch zwei Anläufe gebraucht, es dann aber am Ende ein wenig aufgewühlt zur Seite gelegt.


    Zum Inhalt wurde schon genug geschrieben, daher nur meine Meinung:


    Zunächst hatte ich Mühe mit dem William- und dem George-Strang.

    William: Diese ewige Depression, soll man die jetzt ein Drittel des Buches lang ertragen? Wie kann ein Mensch sich so gehen lassen, wenn er für die Versorgung von acht Kindern verantwortlich ist, deren Zeugung wohl nicht aus purem Versehen passiert ist? Wie kann man sich bei jedem Gegenwind gleich wieder so fallen lassen? So etwas kann ich nur schwer nachvollziehen - oder will es vielmehr nicht nachvollziehen.

    George: Der nicht so recht originelle Vater-Sohn Konflikt, wahlweise in der Variante Mutter-Tochter. Been there, done that. Oft genug darüber gelesen. Das war mir zu breit ausgewalzt und hat nicht viel Neues geboten.

    Interessant wurden für mich beide Stränge vor allem dann, wenn es um die Bienen ging. :biene :biene :biene


    Der Tao-Strang:

    Von diesem war ich sofort fasziniert (und hatte zeitweilig in meinem Frust über William sogar überlegt, nur diesen zu Ende zu lesen), habe ihn schier verschlungen und auch beim zweiten Anlauf noch einmal richtig gelesen und nicht nur, wie die beiden anderen Stränge, überflogen. China am Ende des 21. Jahrhunderts, immer noch in den Klauen eines komplett pervertierten Sozialismus, der für das Individuum fast nur Verachtung zeigt, ökologisch ruiniert ist, aber global betrachtet dennoch eine Oase inmitten von Hunger und Mangel darstellt. Diese Dystopie, die ich für gar nicht unrealistisch halte, fand ich packend, beklemmend und schließlich aufrüttelnd. Sie wird mir auf jeden Fall noch für längere Zeit nachgehen.


    Aufgrund des tollen Tao-Stranges vergebe ich 7 Punkte, auch wenn mir der Rest des Buches nicht so besonders gut gefallen hat.