'Marlenes Geheimnis' - Seiten 082 - 189

  • Und schon erfolgt der Sprung mitten in die Kriegsjahre. Mich interessiert ja nach wie vor sehr das Miteinander, nun leider auch massiv Gegeneinander der verschiedenen Volksgruppen.

    Schlimm, dass Julika so absteigt und ihrer Familie nur noch eine peinliche Last ist. Mollys Schicksal macht mich traurig.


    Aus Marlene werde ich bisher nicht schlau. Sie scheint so hart zu sein, dann zeigt sie plötzlich doch weichere Züge. Aber immer schön die Fäden in der Hand behalten! Und wie sie über ihre Schwester redet und mit Nane umspringt… Die sollte aber allmählich auch mal erwachsen werden, alt genug dafür ist sie, und sich nicht so von ihrer Tante gängeln lassen. Mit jenen Leuten hat sie tunlichst keinen Umgang zu pflegen, hier in Konstanz hätte sie gefälligst studieren sollen… hallo?! Nane muss lernen, dass sie sich nicht den Erwartungen der älteren Generation zu beugen braucht. Das ist in ihrem fragilen Zustand natürlich schwer. Ich denke, sie wird es im Laufe des Buches bestimmt schaffen, ihr Leben nicht mehr nur als gescheitert wahrzunehmen, und bin schon gespannt, wie sich dieser Lernprozess vollziehen wird und welche Türen sich (hoffentlich!) für sie öffnen.


    Die Liebesgeschichte von Eva / Ewa und Jan ist so herzzerreißend traurig. So wie überhaupt das entsetzliche, verstörende Geschehen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Vieles wird im Roman ja nur angedeutet. Ich habe eben ein bisschen über Lidice gelesen, die Auslöschung des Ortes und seiner Bewohner; nur wenige Menschen haben überlebt, v.a. ein paar „arisch“ aussehende Kinder sind im „Lebensborn“-Programm gelandet. Schrecklich. Ich frage mich, ob die kleine Leni im Lager auch so ein adoptiertes und dann zurückgelassenes tschechisches „Lebensborn“-Kind ist. Sie kommt ja nicht dazu, ihren wahren Namen zu sagen, der vielleicht gar nicht „Marlene“ lautet, wie Eva vermutet.

  • Was hat Eva gegen die Benteles? Gehört dies zum „Geheimnis“?

    Wie alt ist eigentlich der Veterinär? Vermutete eigentlich schon älter, jetzt kann er auch noch erst um die 40 sein Den Dialog, als es um den Hund bei ihm abholen ging und ob dieser wohl schon den Ausflug mitmachen kann, fand ich etwas konfus. Als ob die Herrschaften nicht einander zuhören:

    Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.
    (Tintenherz - Cornelia Funke)

  • Schlimm, dass Julika so absteigt und ihrer Familie nur noch eine peinliche Last ist.

    Für mich ist Julika eine sehr unglückliche, tragische Person. Ihr gesamter Lebensplan bricht zusammen, all ihre Hoffnungen muss sie begraben. Alkohol ist sicher keine Lösung, aber manchen Menschen bleibt einfach nichts anderes. Ich finde es aber schön, dass Julika trotzdem von ihrer Familie geliebt und umsorgt wird.

  • Heydrichs Schreckensherrschaft und das Massaker von Lidice und die "Germanisierung" der Kinder haben mich sehr betroffen gemacht. Über diese Zeit weiß ich viel zu wenig.


    Brigitte Riebe erzählt diese Begebenheiten sehr sachlich, unaufgeregt und fast distanziert - und vielleicht gerade deshalb haben sie mich so mitgenommen. Auch ohne Moralkeule und erhobenen Zeigefinger sind die Ereignisse schrecklich genug.

  • Was es wohl mit den Benteles auf sich hat? Marlene reagiert ja wirklich unmöglich, sobald auch nur einer von denen ums Eck kommt. Der Opa von Simon scheint ja sehr an Eva interessiert gewesen zu sein….Aber noch heisst es wohl warten.

    In der Vergangenheit geht der Krieg zu Ende und Jan kommt bei dem Versuch Eva zu schützen ums Leben. Sie hat leider keine Zeit mehr im zu sagen, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Momentan sieht es für mich auch so aus, als würde sie das Kind nicht behalten können, denn Marlene ist wohl eher Leni, das Mädchen, das nichts essen will. Vermutlich ist Marlene durch den Krieg so traumatisiert, dass sie das Erlebte komplett verdrängt hat. Vielleicht haben ja auch ihre Albträume damit zu tun.

    Wie schlimm es bei den Vertreibungen zugegangen ist, war mir so nicht bewusst. Ich hatte das so ähnlich wie andere Flüchtlingsschicksale einsortiert, die sind aber nicht unbedingt in Lagern gelandet. Mein Vater war am Ende des Krieges knapp 10 Jahre alt und ist von meiner Oma, die aus Breslau weg ist, kurz bevor es Festung wurde, im Riesengebirge aus der Kinderlandverschickung geholt worden. Sie sind dann im Frühjahr 45 durch die Tschechei gelaufen und waren zur Kapitulation in der Nähe von Theresienstadt. Mein Vater erzählt immer noch nicht viel von der Flucht, aber das was Eva durchmachen musste, ist ihnen wohl nicht passiert. Wohl auch dank dem gesunden Menschenverstand meiner Oma, die viele Situationen richtig eingeschätzt hat und die Familie entsprechend gut geführt hat.

    Es ist schon unglaublich zu was für Grausamkeiten Menschen so fähig sind. Und wie schnell der einzelne auch in einer Masse verschwindet und damit alles Menschliche verliert. Ich denke viele haben Deutsche gekannt, wie Evas Vater, die nichts getan haben. Und trotzdem hat man alle Deutschen verdammt, egal was sie im Krieg getan oder nicht getan haben. Wobei ich auch davon ausgehe, dass es Tschechen gegeben hat, die Vertriebenen irgendwie geholfen haben. Nur leider waren die Wohlmeinenden eben nicht in der Mehrheit.

  • Heydrichs Schreckensherrschaft und das Massaker von Lidice und die "Germanisierung" der Kinder haben mich sehr betroffen gemacht. Über diese Zeit weiß ich viel zu wenig.


    Ich auch. Ich habe mir dazu einiges im Internet durchgelesen.


    Ich hatte bei den Beschreibungen teilweise richtig Gänsehaut. Eine ganz, ganz schlimme Zeit.

  • Wie schlimm es bei den Vertreibungen zugegangen ist, war mir so nicht bewusst. Ich hatte das so ähnlich wie andere Flüchtlingsschicksale einsortiert, die sind aber nicht unbedingt in Lagern gelandet. Mein Vater war am Ende des Krieges knapp 10 Jahre alt und ist von meiner Oma, die aus Breslau weg ist, kurz bevor es Festung wurde, im Riesengebirge aus der Kinderlandverschickung geholt worden. Sie sind dann im Frühjahr 45 durch die Tschechei gelaufen und waren zur Kapitulation in der Nähe von Theresienstadt. Mein Vater erzählt immer noch nicht viel von der Flucht, aber das was Eva durchmachen musste, ist ihnen wohl nicht passiert. Wohl auch dank dem gesunden Menschenverstand meiner Oma, die viele Situationen richtig eingeschätzt hat und die Familie entsprechend gut geführt hat.


    Es ist schon unglaublich zu was für Grausamkeiten Menschen so fähig sind. Und wie schnell der einzelne auch in einer Masse verschwindet und damit alles Menschliche verliert. Ich denke viele haben Deutsche gekannt, wie Evas Vater, die nichts getan haben. Und trotzdem hat man alle Deutschen verdammt, egal was sie im Krieg getan oder nicht getan haben. Wobei ich auch davon ausgehe, dass es Tschechen gegeben hat, die Vertriebenen irgendwie geholfen haben. Nur leider waren die Wohlmeinenden eben nicht in der Mehrheit.

    Da kann deine Familie echt von Glück reden, dass deine Oma die Situationen oft so vorausschauend beurteilt hat und dann auch die nötigen Konsequenzen ergreifen hat. Ich hätte bei Evas Vater ja oft schreien können: "Wann verstehst du endlich die Zeichen der Zeit? Pack deine Frau und deine Tochter ein und flieh!" Und so, wie die Romanfiguren nicht gegangen sind, sind eben viele nicht gegangen, als sie es vielleicht noch gekommt hätten, und wurden dann mit einem Pappköfferchen in der Hand in Viehwagen verfrachtet und weggeschafft. Schrecklich.


    Ich hoffe, die Autorin nimmt es mir nicht übel, wenn ich an dieser Stelle zur Geschichte der Vertreibungen und dem Verhältnis von Deutschen und Tschechen im Zusammenhang mit diesen Geschehnissen den Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" von Radka Denemarková empfehle. Keine Ahnung, ob die Verlinkung zu amazon klappt, ich versuche es mal; sonst schaut bei Interesse einfach selber:


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  • Danke dafür. Ich mag diesen Roman sehr. Das mit dem Weggehen war nicht so ganz einfach. Wohin sollte ein Deutscher nach Kriegsbeginn noch gehen? Viele konnten nicht einmal ordentlich Englisch ... und selbst prominente Flüchtlinge sind daran gescheitert, u,a., Heinrich Mann ...

    Ja, die Heimatvertriebenen landeten in eben diesen Lagern, die die Nazis für die Tschechen gebaut hatten ... und dann nach der Flucht in den Baracken der Zwangsarbeiter (die Städte waren ja zerbombt) ... meine Eltern haben sich (beide mit 18) 1947 in München kennengelernt .., mein Papa ein echter München, meine Mama aus Sudetendeutschland ... er hat über Monate nicht gewagt, seiner Familie zu gestehen, dass er mit einem Flüchtlingsmädl "geht" ... später hat die Familie sie akzeptiert, und sie blieben 66 Jahre bis zu seinem Tod in tiefer Liebe zusammen ... eine ungewöhnlich schöne Beziehung ... aber die Anfänge waren schwer ... soviel zur Integration der "alten" Flüchtlinge: alles andere als einfach ....

  • Schrecklich, was in Lidice geschehen ist. Dass so etwas immer wieder passieren musste und muss muss, sinnlos grausam, doch auch heute noch gibt es solche "Massaker" an ganzen Dörfern.


    Jan und Eva, eine nicht unkomplizierte Liebe, in diesen Zeiten erst recht.

    Evas Reaktion auf Jans Vorschlag, sie zu heiraten und damit alles ein bisschen leichter für sie zu machen, fand ich befremdlich. Wie sie ihn angezickt hat, insbesondere die Wortwahl auf S. 153, schien mir merkwürdig. Aber gut, sie ist noch sehr jung und steht unter großem Druck.

    Auch wie Jan in die Scheune stürmt und sofort schießt - ohne eine Sekunde über mögliche Konsequenzen nachzudenken - hm. Ist diese unbedachte Reaktion seiner Jugend geschuldet? Nach allem, was er inzwischen schon mitgemacht hat, hätte ich mehr Überlegung erwartet.


    Molly und Eva bilden ein gutes Team in der Not.


    Über das Alter des Tierarztes habe ich mir gar keine Gedanken gemacht *g*.


    Die kleine Leni = Marlene? Hab ich mir an der Stelle auch überlegt.