Die Vergessenen - Ellen Sandberg

  • Meine Meinung zum Buch:



    Titel: Deine Vergangenheit wird dich irgendwann einholen, ob du willst oder nicht...



    Der Klappentext und die Kenntnis, dass es sich bei der Autorin um Inge Löhnig handelt, hat mich neugierig auf den Roman werden lassen. Zudem liebe ich Geschichten, die während des zweiten Weltkrieges spielen, da musste ich einfach los legen.



    In der Geschichte geht es um geheime Akten, die jemanden ganz gewaltigen Ärger bringen könnten, weshalb dieser sie vernichtet wissen will. Manolis Lefteris bekommt den Auftrag diese Dokumente zu finden und seinem Auftraggeber zukommen zu lassen. Manolis kennt den Inhalt der Unterlagen nicht, doch warum sind außer ihm noch andere Personen hinter ihnen her?



    Die Handlung wird uns über zwei Zeitebenen nahe gebracht. In der Gegenwart begleiten wir sowohl Manolis Lefteris als auch die Journalistin Vera Mändler, während wir in der Vergangenheit über Kathrin Mändler in die Handlung eintauchen dürfen.



    Von den Charakteren hat mir am besten Manolis gefallen, denn er ist in meinen Augen etwas ganz besonderes. Seine Verletzlichkeit und die Geister seiner Vergangenheit haben mich tief bewegt. Er ist ein unglaublicher Sympathieträger, auch wenn er bereits viel Mist im Leben durchgemacht hat. Auch wenn er in der Geschichte als Mann fürs Grobe agiert, kam er niemals grob oder unfair rüber.



    Bei Journalistin Vera konnte man regelrecht ihre Verzweiflung spüren. Mit Ü30 sollte man doch längst da angekommen sein, wo man sein will, doch davon kann bei ihr nicht die Rede sein. Gerade das lässt sie so echt wirken, denn das Leben schenkt einem nun mal nichts. Ihre Wissbegirde fand ich beeindruckend und ihre Naivität in puncto Ortung völlig ok, denn mir war auch nicht klar, was da alles möglich ist.



    Die wohl schwierigste Figur ist Kathrin. Sie hatte alles in der Hand, um die Verbrechen zu sühnen, hat es aber nie getan. Doch wer mag sich anmaßen zu urteilen über die damalige Zeit und wahrscheinlich waren ihre Gefühle für Landmann doch größer als das Mitleid für die Verstorbenen.



    Das Thema Euthanasie zur NS- Zeit empfand ich als sehr gut gewählt, denn darüber habe ich bisher noch nichts gelesen. Auch die Auswahl der Tragödien fand ich gelungen, da es nicht nur um Behinderte allein geht, sondern auch um psychisch kranke Menschen. Bewegend vor allem, dass man sogar Soldaten des ersten Weltkrieges los werden wollte, wenn sie die psychischen Belastungen nicht standhalten konnten.



    Gut gefallen hat mir außerdem, dass Dühnfort eine kleine Gastrolle hatte.



    Mich hat dieses Buch enrom gefesselt und ich bezeichne es zu Recht als Pageturner, da ich mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte.



    Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre ich erfreut, wenn es sich bei diesem Buch um den ersten Band einer Reihe handeln würde, denn Manolis würde ich nur zu gern weiter begleiten wollen.



    Fazit: Ein bewegendes Buch, das ich nur jedem ans Herz legen kann. Perfekte Unterhaltung!



    Bewertung: 10/ 10 Eulenpunkten

  • Findest du? Ich weiß jetzt nicht, wer es abgebrochen hat, aber hier im Thread und auch bei amazon bekommt es fast durchweg volle Punktzahl?

    Ich habe es nur bei einer Eule mitbekomme, dass sie das Buch abgebrochen hat. Der Grund war aber meiner Erinnerung nach, dass das Buch doch etwas in Richtung Thriller geht und sie diese nicht gerne liest.

  • Zuallererst möchte ich mich ganz herzlich bei Knoermel dafür bedanken, dass ich das Buch als Wanderbuch lesen durfte! :blume  :knuddel1


    Wow, kann ich nur sagen. Wie schon bei meinem letzten Wanderbuch ("Heimkehren" von Yaa Gyasi) hat sich hier mit Sicherheit bereits eins der Jahreshighlights bei mir eingestellt. Habe mir das Buch nach ein paar Dutzend Seiten selbst gekauft und werde es auch mehrfach verschenken, die Liste der potenziellen Empfänger wird immer länger... :lache


    Einstiegsschwierigkeiten hatte ich nicht und fand das Buch spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Die Perspektive des Manolis Lefteris mit seinem ungewöhnlichen "Job" und der ebenso ungewöhnlichen ethischen Haltung dahinter hat mich sofort fasziniert und über das gesamte Buch hinweg immer wieder zum Nachdenken gebracht. Diese Figur hat für mich auch den größten Reiz des Romans ausgemacht, weil sie so besonders ist und einige meiner Denkgewohnheiten zum Thema "Gerechtigkeit erlangen" dadurch mal ordentlich gegen den Strich gebürstet wurden.


    Dass der historische Strang der Handlung erst recht spät einsetzte, hat mich ein wenig irritiert; das war aber schnell vergessen, denn hier kommt wirklich Verstörendes auf den Leser und die Leserin zu. Mir war das Schicksal von geistig Behinderten während des Nationalsozialismus nicht fremd, da ich selbst in der Nähe einer solchen sogenannten Heil- und Pflegeanstalt aufgewachsen bin, in der als "nicht lebenswert" erachtete Menschen kaltblütig ermordet wurden, und schon als Jugendliche dort Führungen und Workshops besucht habe. Trotzdem erreicht das Grauen noch einmal eine andere Dimension, wenn es personalisiert wird. Das Leben und Sterben der kleinen Therese ist mir sehr nahegegangen. :|


    Sehr gut gefallen hat mir, dass viele Figuren ambivalent angelegt sind und das auch bis zum Ende bleiben dürfen. Vor allem Kathrins Beweggründe zu ihrem Handeln nach dem Krieg sind schwer auszuhalten und doch ein Stück weit nachvollziehbar. Über Manolis werde ich auch noch nachzudenken haben. Vera mochte ich einfach und wünsche Frauen wie ihr, dass sie es schaffen, ihren Weg zu gehen.


    Vielen, vielen Dank an die Autorin für dieses erschütternde und nachdenklich machende Buch, das sicher noch über längere Zeit in mir arbeiten wird...

  • Darum geht’s:


    Die Journalistin Vera Mändler will ihrem lästigen Cousin Chris nicht mit Geld aushelfen. Sie hat sowieso schon den Verdacht, dass er ihre gemeisame Tante Kathrin bedrängt und angebettelt hat und dadurch Mitschuld an ihrem schweren Schlaganfall trägt. Chris scheint in Tante Kathrins Wohnung etwas zu suchen und Veras journalistisches Gespür erwacht. Dabei bekommt sie nicht mit, dass auch sie selbst schon beobachtet wird, denn was Chris sucht und Tante Kathrin versteckt hat, ist von ziemlicher Brisanz.


    So fand ich’s:


    Da ich vorher schon wusste, dass hinter dem Pseudonym Ellen Sandberg die erfolgreiche Krimiautorin Inge Löhnig steckt, war mir klar, dass das Buch handwerklich sicher routiniert ausgearbeitet ist und die Geschichte fesselnd erzählt wird – und genau so war es dann auch.


    Das Thema ist schon ansatzweise in eine Art Krimigeschichte verpackt, doch offizielle Ermittlungsbehörden spielen hier keine Rolle, denn die beiden Protagonisten sind die Journalistin Vera und der Autohändler Manolis, der das Gesetz auch mal in seine eigenen Hände nimmt. Die beiden treibt ein persönliches Schicksal und die familiäre Verbindung zu Nazi-Verbrechen, um die es hier in diesem Buch geht. Einzig Inge Löhnigs Kommissar Dühnfort hat als Vertreter der Polizei einen kleinen Cameo-Auftritt, der mich zum schmunzeln brachte.


    Dieses Buch wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Zum einen erlebt man, wie Vera im heutigen München versucht herauszufinden, was ihre geliebte Tante Kathrin mit den Naziverbrechen an Kranken und Behinderten in der „Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg“ zu tun hatte. Sie will die Vergangenheit aufdecken, hofft natürlich auch, dass das positive Bild, das sie von ihrer Tante hat, dabei nicht beschädigt wird. Dass ein geheimnisvoller Auftraggeber versucht, jede Offenlegung zu verhindern, bekommt sie zuerst gar nicht mit, denn Manolis und seine Helfer stellen sich bei der Überwachung Veras sehr geschickt an. Die Familiengeschichte von Manolis selbst ist ebenfalls eingeflochten und da auch seine Familie von Nazi-Kriegsverbrechen direkt betroffen war und sich das bis heute auf seine Lieben auswirkt, hat das einerseits Manolis menschlich und sympathisch gemacht, aber andererseits auch eine weitere Facette des Hauptthemas dazugefügt.


    Und gleichzeitig bekommt man aus Kathrins Sicht die Ereignisse während des 2. Weltkrieges in Winkelberg geschildert. Was die damals junge Frau erlebt und beobachtet, ist sehr bedrückend, besonders wenn man weiß, dass vielleicht die konkreten Einzelschicksale erfunden wurden, aber alles, was erzählt wird, so oder so ähnlich vielfach tatsächlich passiert ist.


    Die beiden Erzählstränge greifen wunderbar ineinander und ergänzen sich, treiben die Geschichte voran und haben es geschafft, mich bis zum Schluss bei der Stange zu halten.


    Nur Kathrins Perspektive aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die heutige Zeit kam mir viel zu kurz. Sie musste sich in einem schrecklichen Dilemma befunden haben zwischen ihrem Gerechtigkeitsempfinden und ihren persönlichen Gefühlen. Diese Vermutung kann man aber hauptsächlich aus den Fakten anstellen, die Nichte Vera im Laufe der Zeit ermittelt. Wie es Kathrin dabei tatsächlich ergangen ist, ob sie unter der Situation gelitten hat, Gewissensbisse hatte, mit ihren Entscheidungen haderte – dieser Blick in ihr Seelenleben fehlte mir sehr, denn ich konnte ihr Verhalten nicht wirklich immer nachvollziehen. Genau wie Vera habe ich gehofft, dass am Ende Tante Kathrin als mutige Widerstandskämpferin dasteht, die alles in ihrer Macht stehende versuchte, um die Naziverbrecher wenigstens im Nachhinein bestraft zu sehen. Da klaffte für mich eine große Lücke im Verständnis für Kathrin, die mir das Buch leider nicht glaubhaft schließen konnte und mich mit dem Gefühl zurückgelassen hat, Kathrins Charakter in einem wesentlichen Teil nicht erfassen zu können.


    Abgesehen von diesem einen Kritikpunkt fand ich dieses wichtige Thema Euthanasie in der NS-Zeit eindringlich geschildert, in eine spannende Rahmenhandlung verpackt, und sensibel erzählt, so dass ich dieses Buch trotzdem jedem ans Herz legen möchte – eine Leseempfehlung gibt es von mir auf jeden Fall.

  • Zuerst einen lieben Dank an Knoermel , daß sie dieses Buch auf die Reise geschickt hat. :knuddel1:bluemchen



    Mir war bewusst, um wen es sich bei der Autorin handelt und da ich ihre Krimis immer gerne gelesen habe, der Schreibstil mir zusagt, wollte ich unbedingt wissen, wie sie die historisch belegten Ereignisse des Dritten Reiches mit einen Krimi verwoben hat.


    Als erstes treffen wir auf den Problemlöser Manolis Lefteris, Besitzer eines Autohauses mit einer schwierigen Kindheit und Jugend. Sein Vater hat ihm als Kind schon von der Vernichtung der ganzen Familie durch deutsche Soldaten während des 2. Weltkrieges in Griechenland erzählt und damit bei Manolis immer wieder Bilder heraufbeschworen, die ihn bis heute begleiten. Es geht aber um weit mehr, denn das Kriegsverbrechen wurde als Totschlag gewertet und ist deshalb verjährt. Aktuell hat Manolis von seinem Mentor den Auftrag erhalten, ein Dossier zu besorgen, mehr Informationen zum Inhalt hat er nicht. Unterstützung erhält er bei dieser Mission von einer befreundeten IT-Spezialistin.


    Dann begegnen wir Vera Mändler einer Journalistin, die sich derzeit sowohl im Beruf als auch privat in einer Umbruchs- bzw. Aufbruchsstimmung befindet. Und nun hatte auch noch ihre Tante Kathrin einen Schlaganfall. Beim Suchen nach persönlichen Unterlagen für das Krankenhaus stößt sie auf ein altes Fotoalbum und entdeckt ein Bild ihrer Tante mit einer Kollegin, beide mit einem Nazi-Anstecker am Revers. Da ihre Tante nicht ansprechbar ist, macht sie sich selbst an die Recherche was ihre Tante damals als Krankenschwester erlebt hat, mit ansehen musste und dagegen unternommen hat.


    Und nun erfährt der Leser in Rückblenden – durch ein anderes Schriftbild klar abgegrenzt – einiges über die Erinnerungen von Tante Kathrin. Diese umfassen sowohl ihre Arbeit in Winkelberg und damit zusammenhängend die Verbrechen an Behinderten, aber auch über ihre Liebe bzw. Hörigkeit zum Anstaltsleiter Dr. Landmann.




    Der Schreibstil selbst ist flüssig und fesselnd. Das Thema selbst ist keine leichte Kost und es berührt in jeder Szene des Rückblicks auf die Gräueltaten. Und es geht u. a. anschließend um Recht und Gerechtigkeit. Die Autorin hat akribisch recherchiert, um die Vorkommnisse und Schauplätze so bewegend und eindringlich schildern zu können. Es gab lediglich einen Grund, der mich schmunzeln ließ – die kurzen Auftritte von Dühnfort. Die einzige Passage, über die ich mit Unverständnis gestolpert bin, ist das Leben bzw. die Liebe von Tante Kathrin nach dem Krieg.


    Für mich hat die Autorin den spannenden Krimiplot sehr gut mit den historischen Ereignissen verbunden und so ein sehr berührendes Buch geschrieben. Es wird mich mit Sicherheit noch einige Zeit beschäftigen und ich werde es sehr gerne weiter empfehlen. Denn eines ist klar, so etwas darf nie vergessen werden und nie mehr passieren!

  • Ich fand es auch schwer, Kathrins Verhalten nach dem Krieg nachzuvollziehen, und vielleicht wäre es in der Tat besser gewesen, wenn die Autorin auf ihre Gefühle und Beweggründe etwas näher eingegangen wäre. So konnte ich es mir nur dadurch erklären,


    Insgesamt eine wirklich schwer auszuhaltende Mischung... :|

  • Ich fand es auch schwer, Kathrins Verhalten nach dem Krieg nachzuvollziehen, und vielleicht wäre es in der Tat besser gewesen, wenn die Autorin auf ihre Gefühle und Beweggründe etwas näher eingegangen wäre. So konnte ich es mir nur dadurch erklären,


    Insgesamt eine wirklich schwer auszuhaltende Mischung... :|

    Das war tatsächlich der einzige Kritikpunkt, den ich zum Buch hatte. Aber der hat mich schon gewaltig irritiert.


  • Ich bedanke mich auch ganz herzlich bei Knoermel, die mir dieses Buch als Wanderbuch geliehen hat.


    Zu erst muss ich sagen, dass ich dieses Buch erst gar nicht lesen wollte. Der Klappentext klang ganz nach einem Buch, welches im 2. Weltkrieg spielt. Nach einiger Zeit hab ich aber mitbekommen, dass Ellen Sandberg das Pseudonym von Inge Löhnig ist, und ich ihre Bücher regelrecht verschlinge.

    Dann kam das Angebot als Wanderbuch gerade richtig.
    Und ich bereue keine Seite!

    Die Kapitel, die in der Vergangenheit erzählt sind, sind gar nicht so präsent. Vielmehr steht Vera mit ihrer Familie im Vordergrund.

    Sie arbeitet für eine sogenannte Frauenzeitschrift und ist schon lange nicht mehr glücklich in ihrem Job. Als dann ihr Cousin ermordet wird und sie mitbekommt, dass der Tod etwas mit Papieren zu tun hat, die bei ihrer Tante gebunkert sind, wittert sie nicht nur die Chance sich beruflich neu zu orientieren, sondern durchleuchtet auch das geheimnisvolle Leben ihrer Tante Kathrin.

    Das Buch habe ich beinahe in einem Rutsch durchgelesen, der Schreibstil ist lebhaft und spannend, sodass man den Roman kaum zur Seite legen kann.
    Zudem hat mich das Schicksal der Pfleglinge und Kinder sehr mitgenommen.. Da ich hobbymäßig Ahnenforschung betreibe, habe ich mich direkt auf einer Euthanasie Seite registriert, um mal zu gucken, ob es auch in unserer Familie solche Tragödien gab.
    Ein echt spannender Roman, der von mir volle Punktzahl und eine klare Leseempfehlung bekommt.

    Wenn du den roten Faden verloren hast, halte nach einem anderem ausschau, vielleicht ist deiner BUNT
    (Das Leben ist (k)ein Ponyhof - Britta Sabbag)

  • Ich verstehe eure Probleme nicht. In der Sterbeszene von Kathrin reflektiert diese ihre Beziehung zu Erich und erklärt es war gut so. Was wollt ihr mehr?

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Hätte ich nicht gewusst von wem dieses Buch geschrieben wurde, hätte ich nach Seite 100 abgebrochen. Die Fäden waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht verknüpft, scheinbar ziellos liefen die Stränge nebeneinander her und Seite 100 ist bei mir so die Regelgrenze. Da ich Inge Löhnig als gute Autorin kenne habe ich weiter gelesen und es nicht bereut.


    Meine Familie ist von der Euthanasie Erwachsener selbst betroffen - ein entfernter Onkel hat vom erten Weltkrieg eine Erkrankung, die heute Posttraumatisches Belastungssyndrom heißt übrig behalten so schwer, dass er kein nützliches Glied der Gesellschaft mehr war und natürlich auch nicht berechtigt sich im Zuge der arischen Rasse fortzupflanzen, weshalb er eingewiesen wurde, zwangssterilisiert und dann an einer Lungenentzündung verstorben ist. Bisher hielten wir das einfach für eine Lüge und dachten er starb an einer Todesspritze oder "Bleivergiftung". Durch dieses Buch wurde mir klar, wie perfide die "natürliche" Todesart herbeigeführt werden konnte. Ein Buch, das spannend geschrieben ist, bei dem man mitzittern kann und die Personen versucht zu verstehen und das gleichzeitig wichtige Inhalte transportiert, was kann es besseres geben? Die Vergessenen aus dem Vergessen holen, vielleicht den einen oder anderen animieren eine Gedankstätte aufzusuchen oder auch nur zu googeln was da so in seiner Nachbarschaft abgelaufen ist- und zu überlegen wie wenige Zentimeter wir uns heute von solchen Einstellungen zu Behinderten tatsächlich entfernt haben. Da gibt es die Paralympics mit Goldmedallien und Gedöns auf der einen Seite- auf der anderen Seite die Beschwerden von Urlaubern, wenn Kinder mit Down Syndrom im selben Hotel Urlaub machen, wer will schon diese sabbernden und lallenden Idioten im Urlaub am Nachbartisch sitzen habe. Wie weit weg ist das von lebensunwertem Leben und von Sätzen wie, das ist doch eine Erlösung für die, wen sie sterben?


    Auch das Verhältnis zu Griechenland und die von der Wehrmacht begangenen Massaker werden thematisiert und dazu das Thema wie Traumata vererbt werden. Ein in allen Facetten sehr lesenswertes, nachdenkenswertes und trotzdem unterhaltsames Buch. 9/10 Eulenpunkten

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Der Klappentext nennt bereits drei Hauptpersonen Kathrin Mändler, Karl Landmann und Manolis Lefteris. Eine weitere wichtige Person ist Vera Mändler. Die Handlung ist brisant und erzählt von dem Wirken von Ärzten zur Nazizeit in Deutschland und dem späteren Umgang der bundesrepublikanischen Gerichte mit diesen NS-Verbrechern. Stückchenweise wird aufgedeckt, was damals in Deutschland in zahlreichen Kliniken geschah und was durch einen Regierungserlass legitimiert wurde. Dass diese Taten in der Nachkriegszeit kaum bis gar nicht geahndet und bestraft wurden, trug dazu bei, dass deren Schatten bis in die heutige Zeit ragen.


    Spannend und durchdacht ist diese Geschichte. In einer Parallelhandlung wird jedoch Empathie für einen aktuellen Täter aufgebaut und das Thema Selbstjustiz etwas zu verherrlicht dargestellt. Dieser Punkt ist brisant und sollte mit Vorsicht bedacht werden. In Romanen kann es diese Lösung geben, darüber hinaus dann aber definitiv nicht. Ebenso negativ stieß mir die Namensgebung in der historischen Umgebung auf. Letztlich nur eine Marginalie, dass Zeitempfinden hätte jedoch mit repräsentativeren Namen der 20er und 30er Jahre besser angesprochen werden können.


    Trotz allem gibt es von mir 9 Punkte, da die Haupthandlung gut erzählt wird und ich diesen erzählten Part sehr wichtig finde.

  • Ich verstehe eure Probleme nicht. In der Sterbeszene von Kathrin reflektiert diese ihre Beziehung zu Erich und erklärt es war gut so. Was wollt ihr mehr?

    Das sehe ich auch so. Vielmehr habe ich mich gefragt, was denn eigentlich mit ...

    :/

  • Die Vorschreiber haben sich dem Inhalt schon so gut gewidmet, dass ich diesen nicht mehr wiederhole, sondern hier nur meine eigene Meinung abgebe...


    Mir ging es ähnlich wie einigen anderen - ich hatte mit dem Einstieg in das Buch etwas Probleme und auch bei mir hat es erst ab Seite 100 klick gemacht.... bis dahin war ich etwas unschlüssig, wo der Roman denn hin möchte.

    Dann allerdigns hatten mich die Geschehnisse im Jetzt und im Damals fest in der Hand - und wie beowulf es erhoffte - ich habe mehrmals während des Lesens Google aufgemacht und mich über die verschiedenen Hintergründe informiert. Über die Euthanasie im dritten Reich war ich ganz gut informiert, aber über die Storyline, die Griechenland betrifft, wusste ich so gut wie nichts.


    Sehr gut gefallen hat mir Manolis - obwohl ich natürlich auch sagen muss, dass seine Form der 'Gerechtigkeit' nur romantauglich war, trotzdem fand ich ihn hochsympathisch - eine Art 'Gentleman-Verbrecher'. In Kombination mit Vera sogar noch besser. Beide Protas waren genau auf meiner Wellenlänge.


    Kathrins Rolle nach dem Krieg und ihr Verhalten erkläre ich mir mit dem damaligen Rollenbild der Frau, für uns 'Emanzipierte' ist es schwer vorstellbar, so zu handeln/leben.


    Bis auf den eher schwierigen Start war es ein Buch, dass mich nachdenklich zurück gelassen hat und von dem ich nicht erwartet hätte, dass es mich so beschäftigt.

    9/10 Eulen


    Nachtrag: momentan ist es im kindle deal für 4,99 zu haben...

    Die Vergessenen


    Wen jemand etwas ähnliches lesen möchte, der kann übrigens auch zu Richard Hagen greifen, der das Thema in diesem Krimi vor einigen Jahren schon behandelt hat...

    Lieben Gruß :zwinker Mariion


    If your world doesn't allow you to dream, move to one where you can...

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von Mariion ()

  • Ich habe es auch vor einiger Zeit gelesen, nachdem ich gelesen hatte, wer sich hinter dem Pseudonym versteckt. Sonst hätte ich es wahrscheinlich nicht angefasst, denn ich habe den Eindruck, fast sämtliche Belletristik befasst sich mit dem zweiten Weltkrieg in irgendeiner Form, selbst wenn der Klappentext nicht darauf schließen lässt.


    Relativ schnell war ich aber gepackt und vor allem bestürzt ob der Thematik - ich fand es gut und spannend geschrieben und vor allem noch überraschend am Ende. Schade fand ich auch, dass Kathrin nicht mehr zu Wort gekommen ist, aber wahrscheinlich war es so für das Buch die beste Lösung, wer weiß, wie Vera hätte reagieren sollen, wenn das Thema mit ihrer Tante zur Sprache gekommen wäre. Ihre Schuld war ja doch ganz schön groß.


    Ich würde mich auf jeden Fall über noch mehr Bücher von Ellen Sandberg freuen - und der Auftritt von Dühnfort war einfach klasse.


    LG
    Patty