'Gut Greifenau - Morgenröte' - Seiten 489 - Ende

  • Ausgelesen. Eines gleich vorab: für mich war das der beste Band der Trilogie. Das Einzige, was mich kurzzeitig etwas gestört hatte, war das Auftauchen von Idas Mann. Also daß er überhaupt noch lebt und auf dem Weg nach Greifenau ist. Das „Problem“ wurde dann ja recht, hm, elegant durch die Spanische Grippe gelöst, insofern haben sich meine früher geäußerten Befürchtungen nicht erfüllt, dennoch war mir genau dieses denn doch etwas zu viel, das hätte ich nicht gebraucht. Wenn ich es recht überlege, ist das allerdings mein einziger Kritikpunkt zu diesem Buch.


    Wittekind muß also „notgedrungen“ Albert und Ida trauen. Danach übt Albert seine Rache, indem er die frühere Geliebte von Adolphis ihn öffentlich der Vaterschaft bezichtigt! Erst war ich versucht, enttäuscht über Albert zu sein. Aber genau betrachtet, wendet er nur Wittekinds Methoden gegen ihn selbst an. Jedenfalls schlau eingefädelt - und Wittekind gönne ich das.


    Dann hagelt es gleich zwei Todesfälle im Haus. Wiebkes und Idas Bruder gefallen, und Nikolaus in Riga ebenfalls. Zumindest bei Letzterem entpuppt es sich als eine Falschmeldung. Da hat die Familie derer von Auwitz-Aarhayn aber mehr als nur Glück gehabt, daß alle den Weltkrieg überstanden haben. Fast wie in einem Roman. ;-) :grin


    Derweil kämpft Katharina in Berlin um ihr neues Leben. Sie hat sich erstaunlich gut an ihre Situation angepaßt, ist überhaupt nicht stolz oder abgehoben, sondern lernt und arbeitet unermüdlich. Wobei sie mit dem Doktor natürlich auch Glück hatte. Aber Julius hatte damit denn nicht gerechnet. Statt einer verwöhnten Komteß hat er es plötzlich mit einer außergewöhnlich selbstbewußten jungen Frau zu tun! Für einige Zeit war ich mir nicht sicher, ob er - der den Goldenen Käfig eigentlich nur für die Zeit seiner Krankheit verlassen hatte - damit würde umgehen können. Zum Glück kann er es, und auch sein Vater bekundet letztlich seinen Respekt und seine Hochachtung für Katharina, die er nach eigenen Angaben falsch eingeschätzt hat. Vermutlich ist das aber nicht unbedingt schlecht, denn so wissen alle, woran sie sind. Und auf jeden Fall hat Katharina bewiesen, daß sie Julius nicht wegen des Geldes heiratet.


    Herr Mathis kommt also auch aus dem Krieg zurück. Tja, und dann muß er ausgerechnet Rebecca ähm die Gräfin Rebecca natürlich bitten, für ihn ein gutes Wort bei der Schulverwaltung einzulegen! Da konnte ich mir ein Grinsen denn doch nicht verkneifen. :chen


    Und dann geht die Sonne an einem in der Tat mehr als bemerkenswerten Tag auf: am 31. Juni 1919! (S. 536)

    :gruebel Mir war gar nicht bewußt, daß es seit 1920 eine Kalenderreform gegeben hätte, denn heute hat der Juni nur 30 Tage. :grin ;-)


    An eben diesem seltsamen Tag erfahren wir auch von einer weiteren Gemeinheit / Unverschämtheit Feodoras: hinter dem Rücken von Konstantin und Rebecca hat sie ausgelotet, ob die Ehe annuliert werden könnte. Was hat sie sich davon versprochen? Selbst ihr müßte doch klar sein, daß sie dann ihren Sohn endgültig verlieren würde?! Daß Wittekind sich dagegen gesperrt hat, ist sein bisher einziger Pluspunkt in den drei Büchern.


    Das Verhältnis auf Gut Greifenau zwischen den Familienmitgliedern jedenfalls ist bis zum Zerreißen gespannt und läßt ein dauerndes Zusammenleben als nicht möglich erscheinen. Weder Feodora noch Anastasia sind bereit, sich auch nur annähernd auf die veränderten Umstände einzustellen. Und Nikolaus ist ein „ewig gestriger“. Ich habe in einer früheren Leserunde schon geschrieben, daß ich ihn in den Dreißiger Jahren bei den Nazis sehe. An dieser meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Im Gegenteil.


    Schließlich klingt die Trilogie aus, und das glücklicher- und dankenswerterweise auf mehr als nur einer Seite. Für meine Begriffe fängt das „langsame Ausklingen“ auf Seite 544 mit dem Kapitel 12 an, als Katharina, Julius und dessen Muter auf Greifenau eintreffen. Etwas gewundert habe ich mich, daß Julius’ Vater nicht dabei ist, aber der ist vermutlich in der Firma unabkömmlich (oder hält sich dafür). Die Begrüßung ist wie erwartet, gehofft habe ich auf das finanzielle Angebot von Katharina und Julius, das klang vorher bei der Hochzeit nach so etwas. So wird Greifenau also für die Familie gerettet, und es ist sicher nicht verkehrt, wenn es zwei Eigentümer aus der Familie hat.


    Dann kamen noch zwei Überraschungen: zum Einen, daß Nikolaus von den Toten aufersteht, dabei hatte ich ihn doch schon „abgeschrieben“, und die Mitteilung, daß die russischen Verwandten mit Rebeccas Geld gerettet wurden. Damit habe ich nun überhaupt nicht gerechnet. Und nicht mal so eine selbstlose Tat vermag Feodora auch nur einen Millimeter von ihrer Einstellung abzurücken! Was muß da eigentlich noch alles passieren?


    Auf den restlichen Seiten werden dann fast alle offenen Fragen noch gelöst. Die beiden Schwestern eröffnen ihre Pension und haben anscheinend einen guten Start, Albert und Ida heiraten, für Nikolaus findet sich eine Lösung, Feodora zieht zu ihrer Tochter nach Ostpreußen, und Konstantin und Rebecca holen ihre Hochzeitsreise nach.


    Schade fand ich, daß Albert sich nicht seinen Geschwister noch offenbart hat, zumal Alexander es ja anscheinend weiß. Aber wer weiß, was in den nächsten Jahren alles passiert, da ist sicherlich noch so manche Gelegenheit...


    Die einzige wirklich am Ende offene Frage ist, wer das Attentat auf Konstantin verübt hat. Aber mit so einem „offenen Ende“ kann ich gut leben.


    Eine Fortsetzung möchte ich übrigens nicht lesen, jedenfalls keine, die in die Dreißiger Jahre hinein reicht. Denn am Ende kommt heraus daß Rebecca irgendwo in ihrer Ahnenlinie jüdische Vorfahren hat - und was das bedeuten würde, kann man sich leicht ausmalen. Nein, das brauche ich wirklich nicht. Die Trilogie ist so, wie sie ist, rund und abgeschlossen, und hat mir etliche gute bis sehr gute Lesestunden bereitet. Die drei Bücher gehören, trotz meiner Kommentare zum zweiten Band, zu denen, die ich sicherlich nochmals lesen möchte.


    Erinnert habe ich mich dabei an die Meindorff-Trilogie von Elisabeth Büchle (im Kopf der Rezi Verlinkung zu den Folgebänden), die seinerzeit zum Hundertjährigen „Jubiläum“ des Beginns des Ersten Weltkrieges erschien und einen ähnlichen, vor dem Krieg je doch längeren, Zeitraum umfaßte. Auch da ging es um die Geschicke einer Familie, deren Protagonisten jedoch über die Welt und zufälligerweise genau an Brennpunkten der Ereignisse verstreut waren.


    Beide Trilogien zusammen gesehen ergeben mit den verschiedenen und je eigenen Blickwinkeln eine gute Vorstellung von den Geschehnissen jener Zeit.


    Danke an Wolke und den Verlag, daß ich mitlesen konnte. Im Nachwort heißt es, daß die Autorin akribisch recherchiert hat, die Figuren zwar fiktiv, die Umstände jedoch realitätsnah sind. Ich habe eine Menge gelernt und mir ist Manches, was mir bisher nicht bewußt und nicht verständlich war, klar geworden. So brachten mir die Bücher neben Lesevergnügen auch Erkenntnisgewinn. Dafür einen besonderen Dank an Hanna. :anbet :wave

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895)