Die ersten drei Sätze eures aktuellen Buches (ab 23.08.2020)

  • Heute habe ich an die Toten gedacht. Es ist der letzte Tag des alten Jahres. Der Adlerfarn auf dem Berg ist braun geworden, die Ulmen am Ende des Tals haben ihr Laub verloren, und das allwinterliche Schlachten des Viehs hat begonnen.


  • "Was sind die Sterne?" fragte Owen, als er noch ein Kind war.

    "Die Sterne", sagte der alte Hekwen, den man den Weisen nannte, "sind der Ort, von dem wir kommen."

    "Und wo sind die Sterne?"


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    Von den vielen Welten, [...] ist die Welt der Bücher die größte. (Hermann Hesse)


    :lesend ?

  • Erster Brief

    (Mittwoch, 10. Juli)

    Treuer Freund Dji-gu.


    Die Zukunft ist ein Abgrund. Ich würde die Reise nicht noch einmal machen. Nicht das schwärzeste Chaos ist mit dem zu vergleichen, was unserem bedauernswerten Menschengeschlecht bevorsteht.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Immer Ende September, Anfang Oktober, wenn die Tage schon ziemlich kurz werden, überkommt meinen Vater ein sonderbarer Wahn. Zum allgemeinen Missfallen unserer Nachbarn errichtet er mitten in unserem Garten ein großes Lagerfeuer und lädt Freunde, Kollegen und - ja - auch die Nachbarn zu Bier und im Feuer gebackenen Kartoffeln ein. Auf Privatgelände in Mannheim-Gartenstadt ein Feuer zu machen, ist vielleicht nicht direkt illegal, aber auch nicht gerade rücksichtsvoll.


    "Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder!" (Dante Alighieri)

  • Die Espressomaschine hinter meinem Rücken zischte wie eine zornige Schlange. Das Geräusch klang unheimlich, um nicht zu sagen drohend in meinen Ohren, und ich dachte bei mir, dass fast alle unsere neuzeitlichen technischen Errungenschaften das gleiche Gefühl erwecken. Das bösartige Heulen eines Düsenflugzeugs, das dumpf-einschüchternde Dröhnen der Untergrundbahn, die schweren Lastzüge, die die Fundamente unserer Häuser erbeben lassen... selbst die gewöhnlichsten Haushaltsgeräte mahnen zur Vorsicht, so große Erleichterungen sie auch bieten mögen.


    Aktuelle Lektüre: Das Dorf der Mörder - Elisabeth Herrmann | Der Tod ist ein Tänzer - Veronika Rusch
    SUB: 113

  • Die Burg war im Zerfall begriffen, aber um zwei Uhr nachts und unter einem wirkungslosen Mond konnte Danny das nicht sehen. Was er sah, wirkte solide wie die Hölle: zwei runde Türme, verbunden durch einen Wehrgang, in diesem Wehrgang ein Eisentor, das sich seit dreihundert Jahren nicht mehr bewegt zu haben schien, vielleicht auch noch nie.

    Er war bisher weder in einer Burg noch in diesem Teil der Welt gewesen, aber irgendetwas kam ihm bekannt vor.


  • Die junge Frau kauerte in einer Ecke der Zelle. Ihr ganzer Körper schmerzte. Sie war umgeben von Dunkelheit und hatte jedes Zeitgefühl verloren, wusste nicht mehr, wie lange sie schon eingesperrt war.Nur, dass man sie schon zweimal geholt und endlos mit einem Stock geschlagen hatte, weil sie zuvor versucht hatte zu fliehen.


    ASIN/ISBN: 354829121X

  • Santa Ynez, November 2025


    Ich verfüttere gerade Kraftkekse und Hühnerrücken an die Hyäne und tue mein Bestes, um nach dem letzten Unwetter einigermaßen aufzuräumen, als das Telefon klingelt. Es meldet sich Andrea. Meine Exfrau Andrea Knowles Cotton Tierwater, meine Ehegattin von vor tausend Jahren, als ich noch jung und kraftvoll und gnadenlos männlich war - die Frau, die sich damals, als wir noch glaubten, so etwas hätte einen Sinn, regelmäßig an Kräne, Bulldozer und siebenhunderttausend Dollar teure Holzharvestermaschinen ketten ließ, die Frau, die mir half, meine Tochter großzuziehen, die Frau, die mich in den Wahnsinn trieb.

  • Ich solle doch mal etwas über die Olympischen Spiele schreiben, hieß es. Muss das sein?, fragte ich. Ja, hieß es, wir wollen 2012 eine Sonderausgabe machen und dabei von der Tatsache profitieren, dass London Olympia-Gastland ist.


  • Ich schaue in den Kühlschrank und spüre, wie mein Magen knurrt.

    Die Uhr an der Wand tickt.

    Es ist schon spät.


    Irrlicht und Hexe (7. Hexenregel: Unterschätze nie die Kraft des Wortes - es hat eine besondere Kraft, es kann befreien, anstoßen und verändern, aber auch verletzen und zerstören)

  • Im Frühling des Jahres 2018 in Tel Aviv sitzt ein alter Mann unter einem Kumquatbaum im Garten eines Hochhauses und erzählt seine Geschichte. Sie geht so:


    Eins


    An einem grauen Herbsttag des Jahres 1942 betrat ein Junge ein Wirtshaus in der belgischen Kleinstadt Mouscron. Er war auf der Flucht.


    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Neunzehn Jahre bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed in der warmen kleinen Bibliothek der Hazeldene School in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.

    "Nora, Liebes, es ist ganz normal, dass du dir Sorgen um deine Zukunft machst", sagte die Bibliothekarin, Mrs Elm, und ihre Augen schimmerten sanft.


  • Sein Name war Henry Parker.

    Er war eine kleine, hagere Gestalt in abgerissener Kleidung.

    Im gelben Licht der Polizeilaterne spähte er zu uns hoch mit dem gehetzten Blick eines streunenden Hundes, der in die Ecke gedrängt worden war und keinen Ausweg mehr hatte.


    Irrlicht und Hexe (7. Hexenregel: Unterschätze nie die Kraft des Wortes - es hat eine besondere Kraft, es kann befreien, anstoßen und verändern, aber auch verletzen und zerstören)

  • Vorwort

    Der Holocaust hat unzählige schreckliche Familiengeschichten hervorgebracht. Wie die der Familien der Kinder vom Bullenhuser Damm: Zwanzig Kinder, die von den Nazis für medizinische Experimente missbraucht und wenige Tage vor Kriegsende erhängt worden sind.


    Nicht alle Familiengeschichten dieser Kinder konnte unsere Vereinigung ausfindig machen.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Jim-Crowe-Meile - Eine Maßeinheit speziell für farbige Kraftfahrer, die sowohl geografische Distanz als auch plötzlich auftretende Anwandlungen von Angst, Paranoia, Frustration und Empörung umfasst. Ihre vielgestaltige Natur lässt keine exakte Berechnung der Reisedauer zu, und ihre Heftigkeit gefährdet ständig Gesundheit und psychisches Wohlergehen des Reisenden.

    The Safe Negro Travel Guide, Ausgabe Sommer 1954


    Atticus war schon beinahe zu Hause, als der State Trooper ihn rechts heranfahren ließ.

  • Die circa sechzig verschiedenen Arten der Familie Falconidae, der Falkenartigen, mögen den anderen tagaktiven Greifvögeln wie Habichten, Adlern oder Geiern zwar ähnlich sehen, sie sind jedoch vermutlich nur entfernt mit ihnen verwandt. Einige Forscher meinen sogar, es bestehe eine engere Verwandtschaft zu Eulen. Während ihr Habitus eine große Bandbreite aufweist, sind bestimmte Merkmale allen Arten gemein, von den reibeisenstimmigen, über Mülltonnen herfallenden Geierfalken bis hin zu den scheuen Waldfalken der Tropenwälder; dazu gehören etwa der knöcherne Tuberkel im Nasenloch oder das charakteristische Federkleid während der Mauser, die sie als Mitglieder dieser Familie ausweisen.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Mit wenigen Handgriffen saß das Werkzeug perfekt, nur ein leises, metallisches Klicken war zu hören, als sich das Türschloss öffnete. KIchernd drängelte sich das Mädchen in das Innere des Hauses. "Sei bitte leise!" ermahnte sie der Junge, der eilig sein Lockpicking -Set in seiner Gürteltasche verstaute, noch einmal prüfend nach rechts und links schaute, und sich dann ebenfalls in den Flur schob.