Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joël Dicker

  • Klappentext
    Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA: 33 Jahre nachdem die zauberhafte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten ..


    .Dieser raffinierte, anspielungsreiche Roman liest sich wie ein Krimi und ist doch viel mehr! Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors - und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman - fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln ...



    Der Autor
    Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben, »Les Derniers Jours de nos Pères« und »La Vérité su l'Affaire Harry Quebert«. Für letzteren bekam er in den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen, sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zu der literarischen Sensation des Jahres 2012, die Übersetzungsrechte wurden mittlerweile in über 30 Sprachen verkauft.




    Der etwas sperrige Titel des Buches hat mich nicht ahnen lassen, in welch für eine Geschichte ich da stürzen würde. Joel Dickers Roman hat mich von der ersten Seite an gepackt. Zwar ist die Geschichte um ein totes Mädchen und ein Verbrechen, das erst nach 30 Jahren aufgeklärt wird, nicht wirklich neu, aber wie es erzählt wird, war für mich eine komplett neue Leseerfahrung.


    Schon die Aufmachung des Buches ist bemerkenswert. Das Cover zeigt ein zerrissenes Blatt. Durch das Loch wird eine Bild einer Kleinstadt sichtbar. Diese Darstellung wird immer wieder aufgegriffen bei den verschiedenen Teilen des Buches. Das Deckblatt scheint von unten durchbrochen, so das die nachfolgende Seite zu sehen ist. So als ob die dahinter verborgene Geschichte nach draußen drängt.


    Joel Dickers Hauptperson, Marcus Goldman, erscheint wie ein alter ego des Autors. Marcus genießt noch die Folgen seines plötzlichen Autorenruhms, als ihn sein Verleger daran erinnert, das er einen Vertrag über 5 Bücher hat und denn nun bald einen neuen Roman schreiben müsste. Aber Marcus leidet unter einer Schreibblockade. In seiner Verzweiflung fährt er zu seinem alten Mentor Harry Quebert.Von Harry lernte er, wie man schreibt, wie man ein Buch aufbaut. Harry gab ihm Richtlinien, die als Zitate auftauchen. Und in der Tat folgt das Buch diesen Ratschlägen.
    Leider war Marcus Ausflug zu Harry erfolglos. Aber ein paar Wochen später wird die Leiche der vor 30 Jahren verschwundenen Nola auf Harrys Grundstück gefunden. Bei Nolas Leiche wird das Originalmanuskript von Harrys eigenem Buch gefunden, das ihn vor Jahren berühmt machte. Harry gibt zu, eine Liebesbeziehung zu dem jungen Mädchen gehabt zu haben. Der Skandal ist perfekt. Marcus reist zurück in die kleine Stadt um Harry beizustehen. Er ist überzeugt davon, das sein Freund unschuldig ist. Und seine Nachforschungen bringen einiges zu Tage.


    "Die Wahrheit über den Fall Harry Querbert" ist in erster Linie schon ein Krimi. Es geht um den Mord an der jungen Nola. Aber es steckt auf diesen 725 Seiten eine Menge mehr drin. Es geht ums Schreiben, das Ringen von Autoren um das nächste Buch, die nächste Idee; es geht ums Boxen, um Schuld, Sühne, Freundschaft und natürlich Liebe. Joel Dicker verwebt diese vielen Themen mit leichter Hand. Das macht er sehr geschickt. Das macht das Buch sehr vielschichtig und könnte auch Lesern gefallen, die mit Krimis nichts anzufangen wissen.


    Auf den letzten 150 Seiten überschlagen sich die Dinge und einer nach dem anderen gerät in Verdacht. Kaum glaubt man, das man weiß, wer der Täter war, gibt es schon wieder eine neue Entwicklung. Dabei spielt auch Marcus' Buch, welches er über Harrys Fall schrieb und von dem wir schon im ersten Kapitel erfahren, eine wichtige Rolle.


    Ein wenig eigenartig sind auch die Parallelen zum echten Autor Joel Dicker. Marcus Karriere als Autor spiegelt fast die seines Erfinders. So als hätte Joel Dicker gewusst, welchen Erfolg sein Buch haben würde.


    Mir hat es großen Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Es ist flott geschrieben, die Kapitel sind kurz und die Dinge in der kleinen Stadt Aurora entwickeln sich zunehmend kompliziert. Dem Autor gelingen sehr eindrucksvolle Charaktere, die oft eine ungewöhnliche Tiefe gewinnen. Die Auflösung ist schlüssig. Seltsamerweise habe ich in der Tat richtig getippt beim Täter, jedenfalls irgendwie, allerdings waren die Verwicklungen nicht absehbar.


    Bei so einem dicken Buch gibt es natürlich auch den ein oder anderen Kritikpunkt. Zum einen sind alle Mütter, die in diesem Buch (lebend) vorkommen, sehr eigenartig. Das war wirklich seltsam. In diesem Buch geht es viel ums Schreiben, vor allem um das Schreiben eines "Meisterwerks". Harrys Meisterwerk, das jeder in Amerika kennt, wird passagenweise zitiert. Ebenso ein wenig aus Marcus Buch, das er während seiner Untersuchungen verfasst und als sein Meisterwerk gilt. Diese Pasagen aus den beiden "Meisterwerken" sind ziemlich..hm..schlecht geschrieben. Anscheinend hat sich Dicker da um einen anderen Ton bemühen wollen, aber gerade die Briefzitate aus Harrys Buch sind echt schlecht. Zum Glück sind diese Einschübe nur kurz.


    Ich merke gerade, das mir diese Rezension vor Begeisterung längenmäßig völlig aus dem Ruder läuft, obwohl ich noch eine Menge mehr darüber schreiben könnte, wie verwoben das Buch aufgebaut ist.
    "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" ist ein verschachtelter Krimi, aber auch ein Buch-im-Buch, ein Buch das mit der Realität spielt. Das setzt sich fort bis zur Danksagung am Schluss. Ich bin hellauf begeistert. Das Buch war ein großes Leseerlebnis für mich und hat mir viel Spaß gemacht. Ich bin beeindruckt von diesem Autor und seiner Begabung, derartig verschachtelt seine Geschichte zu erzählen.

  • @ Darcy


    ich lese das Buch gerade (noch knapp 150 Seiten) und bin sehr angetan. Ich bin über die XXL-Leseprobe drauf gekommen und habe es dann gleich bei Erscheinen in dieser Woche gekauft, um weiterlesen zu können.


    Ein paar kleine Schwächen hat das Buch - das tröstet mich aber, damit hat Joel Dicker nach seinem Debut die Chance sich im Weiteren noch zu steigern.

  • Zu diesem Buch habe ich die Tage eine enthusiastische Radiokritik gehört - vielen Dank für diese bestätigende Rezi!


    Das Buch wandert schon mal auf die Wunschliste, allein der Umfang lässt mich noch etwas zurückschrecken... :gruebel

    Aktuelle Lektüre: Die Akte Vaterland - Volker Kutscher | Emilia und das Flüstern von Liebe - Angelika Lauriel
    SUB: 67

  • Ich kann dieser wunderbaren Rezension von darcy nichts mehr beifügen. Dieses Buch habe ich im Urlaub von Bouqui ausgeliehen bekommen, da mir meins überhaupt nicht gefallen hat. Ich habe angefangen und konnte nicht mehr aufhören. Das dieses Buch auf Bouquis Kindle war und ich noch nicht fertig war, habe ich es mir gekauft und gestern Nacht in einem Rutsch zu Ende gelesen.


    Ich wünsche diesem Buch ganz viele Leser!

  • Nach all den positiven Rezensionen und dem großen Werberummel, war ich natürlich sehr neugierig auf dieses Buch und freute mich schon länger darauf, dass da ein richtig guter Krimi auf mich warten würde. Weil meine Erwartungen so hoch waren, hat "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" mich möglicherweise umso mehr enttäuscht.


    Als im Garten des berühmten Schriftstellers Harry Quebert die Leiche der seit 30 Jahren vermissten Nola gefunden wird, reist sein Freund und Kollege Marcus Goldman sofort zu ihm und versucht, den Fall aufzuklären. Ganz uneigennützig tut er das allerdings nicht, denn er muss einen Roman abliefern und steht gehörig unter Druck. Als ihm vorgeschlagen wird, die Wahrheit herauszufinden und darüber zu schreiben, nimmt er zwar erst widerstrebend an, doch bald gerät er in den tiefen Sog der Geschichte um Harry und Nola und dem, was sich in dem kleinen Städtchen im August 1975 abgespielt hat. Als öffentlich wird, dass Harry 1975 tatsächlich in Nola verliebt war, sehen Presse und Öffentlichkeit ihn natürlich als den Mörder des Mädchens an, zumal bei der Leiche das Manuskript zu seinem späteren Bestseller gefunden wird.


    Keine der Hauptfiguren dieses Romans war mir wirklich sympathisch. Marcus, der berühmte junge Autor, aber auch Harry entlarven sich im Laufe der Handlung gegenseitig als Blender. Marcus, der bei Harry viel über das Schreiben gelernt hat, vergisst seinen Freund sowie sein erster Roman auf den Bestsellerlisten steht. Harry, der „väterliche“ Freund sitzt inzwischen wegen Verdacht des Mordes an Nola im Gefängnis und rückt immer noch nicht mit der Wahrheit heraus, sondern lässt Marcus jedes Puzzleteil des Verschwindens von Nola stückchenweise mühsam zusammen fügen. Unterstützt wird er dabei von einem Polizisten, der so grässlich dem Klischee „harte Schale, weicher Kern“ entspricht, dass es fast weh tut.


    Dass Nola und Harry ein rein platonisches Verhältnis geführt haben, wie es dargestellt wird, kann ich mir nicht vorstellen, da sie an einer Stelle des Buches eindrücklich beweist, dass sie auch ganz anders kann. Harrys Ansprache „allerliebste Nola“ wiederholt sich so oft, dass es nervt und so wirklich mochte ich dieses rein schwärmerische Verhalten nicht glauben. Ein 34-jähriger Mann, der ein 15-jähriges Mädchen liebt und mit ihr sogar eine Woche allein in einem Hotel verbringt, der wird mit ihr nicht nur über die Sache mit den Bienchen und den Blümchen gesprochen haben, auch wenn im Buch niemals von einer körperlichen Beziehung der beiden die Rede ist.


    Ist die Handlung ansonsten relativ ernst und humorbefreit, so sorgt die Mutter von Marcus immer wieder für ratlos machende Unterbrechungen. Die Telefonate mit ihr sind komisch gemeint und sollen möglicherweise zwischendurch für Lacher sorgen, doch irgendwie passen sie meiner Meinung nach nicht in die sonst so ernsthafte Handlung. Obwohl die Dialoge durchaus in einem anderen Buch passend und witzig gewirkt hätten, sind diese Slapstick-Einlagen hier ziemlich fehl am Platz.


    Gut gefallen hat mir dagegen das Ende – hier gibt es einen sehr spannenden und gut gemachten Showdown. Jeder gerät unter Verdacht und die Spuren und Verdächtigen wechseln so schnell, dass man das Buch für die letzten 150 Seiten ungestört lesen sollte, um nicht durcheinander zu kommen.


    Trotzdem muss ich sagen, dass ich dieses Buch nicht gern gelesen habe. Meine Erwartungen waren sehr hoch, doch wirklich begeistern konnte mich die Story nicht. Die Figuren waren mir fast durchgehend unsympathisch, nicht immer logisch und konsequent in ihrem Handeln, und über einige Strecken wirkten sie auf mich ziemlich unecht. Wirklicher Tiefgang oder irgendetwas, das mich emotional mitreißen konnte, war nicht zu finden und teilweise wirkte die Handlung mir einfach zu sehr konstruiert. Von mir 5 Punkte für ein Buch, dass meiner Meinung nach zu sehr hoch gepusht wird.

  • Auch ich hatte so meine Probleme mit dem Buch. Dabei kann es bei mir nicht an den hohen Erwartungen gelegen haben, denn ich wußte nur das das Buch auf der Spiegel Bestsellerliste steht. Rezis usw. lese ich mir selten vorher durch.


    Nach den ersten 100 Seiten war ich irgendwie vollkommen unschlüssig, ob ich so ein dickes Werk weiter lesen sollte oder ob ich es abbrechen werde. Ich bin irgendwie nicht in das Buch gekommen. Nach den ganzen positiven Rezis hier ( Eskalinas Rezi gab es da noch nicht :-] ), habe ich mich dann entschlossen das Buch doch nicht abzubrechen. Obwohl ich dann doch wissen wollte was mit Nola passiert ist, zog sich das Buch für mich bis ungefähr zur Mitte in die Länge. Danach ging es aber dann Schlag auf Schlag und ich konnte das Buch nicht mehr weglegen.


    Und da der letzte Eindruck ja immer mehr oder weniger der bleibende Eindruck ist, bekommt das Buch trotzdem von mir


    8 von 10 Punkten


    ( wegen der überraschenden Auflösung ).

    Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht auf irgendeine Weise nütze.
    (Gaius Plinius Secundus d.Ä., röm. Schriftsteller)

  • Ich habe dieses Buch wirklich gern gelesen und fand die Handlung im Großen und Ganzen auch sehr spannend. Gut gefallen haben mir die Einleitungen der jeweiligen Kapitel, auch wenn ich den Count-down nicht so richtig nachvollzogen habe. Ein paar kleinere Ungereimtheiten, wie



    verzeiht man dem Autor.
    Schwieriger waren da ehrlich gesagt die Passagen über Goldmans schrille Mutter. Das war eindeutig zuviel des Guten. Sogar der sanftmütigste Zeitgenosse bekam bei dieser Figur Mordgelüste; mindestens aber den starken Drang, sie zu fesseln und vor allem zu knebeln.


    Trotzdem blieb das Buch bis zur letzten Seite sehr spannend und hat mich wirklich gut unterhalten. Ich würde es auf jeden Fall als sehr lesenswert einstufen.

  • Ich pendele mich mit meiner Meinung wohl irgendwo zwischen Darcy und Eskalina ein.


    Zwei Jahre brauchte der Autor, bis nach seinem Thriller „Les Derniers Jours de nos Pères“ (2010) nun dieses 723 Seiten starke Werk erschien.
    Nach 100 Seiten dachte ich: ein launiges Buch voller Übertreibungen. Wo soll das hinführen? Doch als Marcus schließlich, überzeugt von Harry Queberts Unschuld, mit seinen Ermittlungen beginnt, nimmt die Geschichte Fahrt auf und wird spannend. Jeder, den Marcus befragt, hat seine eigenen Erinnerungen an die Zeit vor 33 Jahren, als Nola spurlos verschwand. Marcus ist gezwungen, das Bild, das er sich macht, mehrmals neu zusammenzusetzen und umzuformen.


    Einige, vorwiegend weibliche Personen benehmen sich so absurd, dass ich die Ernsthaftigkeit des Buches oftmals in Frage stellte. Will der Autor seine Leserschaft mit dieser Geschichte auf den Arm nehmen? Was sollen die so banal klingenden, den Kapiteln vorangestellten Weisheiten aus Harry Queberts Mund? Nimmt der Autor sich selbst nicht ernst? Oder nimmt er gar die Leser nicht ernst?

    Das Liebesgeschwafel einer 15-jährigen, die ihren Angebeteten die ganze Zeit siezt, fand ich recht merkwürdig. Der „allerliebste Harry“ und seine 19 Jahre jüngere Angebetete waren mir in ihrer Liebesgeschichte zu oberflächlich. Da waren nur Worte, gesagt und geschrieben, aber es fehlte der Tiefgang, da hat mich nichts berührt.


    Das Absurde der Geschichte wird durch einige wenige sehr gelungene Figuren wie den Polizisten Gahalowood zwischendurch wieder auf Normalmaß zurückgeschraubt. Und immer, wenn ich gerade dachte, das Buch könnte doch ernst gemeint sein, kam Marcus’ Mutter mit einem ihrer slapstickartigen Auftritte dazwischen und ich hatte erneut meine Zweifel, ob der Autor seine Leser nicht doch einfach nur auf den Arm nehmen will.

    Um 200 Seiten gekürzt, hätte es mir besser gefallen, ich habe ein paar Mal quer gelesen. Es gibt einige Längen und Wiederholungen, die in meinen Augen unnötig waren.
    Trotz all meiner Kritik konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Der Autor schafft es durch seine zahlreichen Wendungen und unerwarteten Geständnisse seiner Protagonisten, die Spannung von dem Moment an hochzuhalten, wo Marcus mit seinen „Ermittlungen“ beginnt bis zum unerwarteten, für mich nicht vorhersehbaren Schluß. Besonders die letzten 150 Seiten haben es in sich. Und erst ganz am Ende enthüllt sich, was wirklich vor 33 Jahren an dem Tag geschah, an dem Nola ums Leben kam.


    Ein äußerst unterhaltsames Buch, nur berühren konnte es mich nicht, die Personen waren mir nicht sympathisch, es kam mir aber auch nicht so vor, als erhebten sie Anspruch darauf.

    Joël Dicker ist zweifellos ein toller Erzähler, der seine Geschichte trotz der verschachtelten Konstruktion jederzeit fest im Griff hat. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, wie ernst er seine Leserschaft nimmt. Die angebliche Weltberühmtheit von Harry Quebert scheint nicht echt, ich lese die Worte, doch wirklich nachvollziehbar ist es für mich nicht. Auch dass Marcus Goldman durch ein einziges Buch zu solcher Berühmtheit gelangt, dass ihn praktisch jeder in Amerika auf der Straße erkennt, scheint mir doch recht übertrieben. Würde ich Joanne K. Rowling auf der Straße erkennen? Oder gar den Autor dieses Buches? Ich denke eher nicht.

  • Marcus Goldman befindet sich auf dem absteigenden Ast: nach seinem großartigen Debüt bekommt er einfach keinen Nachfolger hin. Als letzten Strohhalm kontaktiert er seinen alten Freund Harry Quebert, der selbst ein mehr als erfolgreicher Schriftsteller ist. Doch Harry scheint mehr zu sein als das, als in seinem Garten die Knochen eines Menschen gefunden werden, genauer die Knochen der seit 1975 vermissten Nola.


    "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" wird als DAS Buch des Jahres 2013 angepriesen. Kann das Werk von Joel Dicker wirklich mit dieser Werbung mithalten?


    Als ich das Buch begann, wusste ich nicht viel über den Inhalt, nur das, was im Klappentext steht. Und ich empfehle jedem, der es lesen möchte, es genauso zu halten. Denn dadurch konnte ich mich voll und ganz auf die Geschichte, die sich der Autor erdacht hat, einlassen.


    Und diese Geschichte hat es in sich. Nichts ist so, wie es zu Beginn scheint und gerade als man denkt, dass man nun alles weiß und durchschaut hat, wirft einem Dicker wieder einen neuen Brocken Information hin. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Wendungen sind in meinen Augen passend und wirken nicht aus der Luft gegriffen.


    Der Roman wird von der Hauptfigur Marcus Goldman aus der Ich-Perspektive erzählt. Dadurch kann man sowohl seine Nachforschungen als auch seine Schaffenskrise sehr gut nachvollziehen. Durch die leichte Erzählweise, die gleichzeitig viel Kraft ausstrahlt, konnte ich mich kaum von dem Buch lösen und empfand Marcus als sehr sympathisch.


    Joel Dickers Stil ist angenehm und leicht zu lesen. Sein Schreibstil ist schnörkellos und er macht sich vor allem Zeitsprünge zu eigen und arbeitet viel mit Rückblenden. Dadurch zwingt er seinen Leser zu Konzentration und zum Mitdenken.


    Fazit: ein geniales Buch, welches mich begeistern konnte. Ich freue mich schon auf weitere Werke von Dicker. Eine klare Leseempfehlung.

  • Aus dem Garten vom berühmten Schriftsteller Harry Quebert werden die Überreste der fünfzehnjährigen Nola gegraben, die vor dreissig Jahren verschwand. Harry Quebert wird unter Mordverdacht verhaftet.


    Der Schriftsteller Goldmann ermittelt und will unter jeden Umständen die Unschuld seines früheren Lehrers beweisen und gleichzeitig Material für sein nächstes Buch zusammenbekommen, das er längst hätte fertigstellen sollen.


    Von den ersten Seiten war ich nicht sehr begeistert. Weder Marcus Goldmann, noch Harry waren mir sonderlich sympatisch. Beide sind sehr stark von sich selbst eingenommen und schon etwas grössenwahnsinnig. Es genügt beiden nicht ein Buch zu schreiben, es muss unbedingt ein Bestseller sein. Aber Bestseller bedeutet nicht unbedingt Qualität, denn die Ausdrücke aus den Bestseller der beiden Schriftsteller sind eher kitschig als aussergewöhnlich.

    Nach 150 Seiten hatte das Buch mich endlich gepackt und ich wollte wissen was wirklich passiert war.


    Die Auflösung war sehr spannend, aber manches wurde schon etwas zu sehr zurechtgebogen, um der Geschichte ein paar weitere Wendungen zu verpassen. Der Autor strotzt nur so von Ideen und auch die Erzählweise ist aussergewöhnlich, aber als Leser habe ich es als zu viel empfunden. Die nervige Mutter oder ein paar Wendungen hätte der Autor weglassen können, um das Buch glaubhafter zu machen.


    Das Buch ist angenehm zu lesen, aber ich will weder länger drüber nachdenken noch tut es mir sonderlich Leid, dass es ausgelesen ist. Also ist es nach den Regel von Harry Quebert nicht "Meisterlich" sondern bekommt von mir 6/10 Punkten.

  • Ich hatte das Buch aus der Bücherei mitgebracht bekommen und es dann dank Ferien gelesen. Wenn ich nicht sehr viel Zeit gehabt hätte, hätte ich es auch tatsächlich nicht fertig gelesen. Zu viele Wirrungen und Irrungen, es hat sich für mich extrem in die Länge gezogen und am Ende war ich einfach nur noch froh, dass es fertig war...


    Jaune

    "Vorrat wünsche ich mir auch (für alle Kinder). Nicht nur Schokoriegel. Auch Bücher. So viele wie möglich. Jederzeit verfügbar, wartend, bereit. Was für ein Glück." Mirjam Pressler

  • Marcus Goldman hatte mit seinem Debüt sensationellen Erfolg. Das Buch verkaufte sich ausnehmend gut und er verdiente Millionen damit. Das schöne Leben genießend verpasste er daraufhin den Einstieg in sein zweites Buch. Wir lernen den jungen Autor kennen, wie er versucht, im Haus seines einstigen Literaturprofessors und Mentor seine Schreibblockade zu überwinden. Während des Aufenthalts entdeckt er eine Schachtel alter Erinnerungsstücke, über die er von der 15-jährigen Nola Kellergan erfährt. Nola und Harry hatten vor 33 Jahren eine verbotene Beziehung, die selbst jetzt bei Bekanntwerden Harrys Ruf ruinieren würde. Als kurz Zeit später eine Gartenbaufirma beim Graben auf ein Skelett stößt, ist die seit 33 Jahren vermisste Nola gefunden. Brisant ist der Fundort und dass die mit ihr zusammen das Manuskript von Harrys Bestseller „Der Ursprung des Übels“ gefunden wird. Alle Indizien weisen auf den großen Schriftsteller. Nur Marcus glaubt an seine Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Er deckt dabei immer mehr Puzzleteile auf, sodass ein klares Bild entsteht.


    Der Aufbau dieses Krimis ist klassisch. Zu Beginn gibt es eine Leiche und schnell ist ein Verdächtiger gefunden. Alles scheint klar. Allein die Seitenzahl von 724 lässt erahnen, dass dahinter noch mehr stecken muss. Der Leser bekommt den Eindruck, dass der ursprüngliche Eindruck nur eine Fassade aus dem Kleinstadtleben von 1975 war. Der beschauliche Küstenort in New Hampshire birgt jede Menge Zündstoff. Je mehr Schichten aufgedeckt werden, desto mehr Ungereimtheiten stiften Verwirrung. Immer mehr Bewohner bekommen ein Motiv und dazu noch die Gelegenheit, am besagten 30. August den Teenager ermordet zu haben. Doch immer wieder stellt sich auch die Frage, warum Harry ausgerechnet dort Blumen anpflanzen wollte, wo er vor 33 Jahren angeblich eine Leiche verscharrt hat? Aus welchem Grund sollte er freiwillig einen derartig großen Skandal um seine Liebesbeziehung zu einer 15-jährigen heraufbeschwören?


    Joël Dicker plaudert zudem aus dem Verlags-Nähkästchen. Sein junger Held Marcus quält sich nach seinem Sensationsdebüt mit einer Schreibblockade und schwankt unter dem Druck seines Verlegers, der ihm keine ruhige Minute gönnt. Sein eigener Werdegang weist zumindest in diesem Punkt Parallelen zur Hauptfigur Marcus auf. Seine Charaktere sind nicht bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, führen aber quasi ein eigenes Leben zwischen den Seiten. Das lässt beim Lesen in eine andere Welt tauchen. Ist man in den Strudel der Ereignisse gelangt, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Erzählgeschwindigkeit wechselt dabei, sodass immer wieder Verschnaufpausen entstehen. Mal schildert der Autor nüchtern wie in einem Polizeiprotokoll, was sich nach Meinung eines Zeugen zugetragen hat, mal quillt einem das Herz vor Gefühlen über, wenn Nola an ihren geliebten Harry schreibt. Ein anderes Mal sitzt man wie Marcus zweifelnd, wenn offensichtlich nicht die Wahrheit gesprochen wurde. Wem soll man aber trauen und wer hat Nola tatsächlich getötet?


    Das Buch ist nicht eindeutig in eine Schublade einzuordnen. Die Klärung des Mordfalls lässt einen Krimi vermuten. Die Verstrickungen und Intrigen weisen auf einen Thriller hin. Eingeschoben sind immer wieder die Rückblicke auf das Zusammensein zwischen Harry und Nola, die eine Liebesgeschichte erleben. Aber auch die gegenwärtige Politik und der Vergleich der Ansichten der Gesellschaft in den jeweiligen Jahrzehnten haben einen großen Anteil. Am Beispiel der Vorwürfe, die ein ganzes Land gegen einen bisher hochgeschätzten Schriftsteller erhebt, kreiert Dicker ein unfassbares Szenario von Schuld, Begehren, Ängsten und sogar psychischer Störungen. Zudem klingt es wie ein Ratgeber für Schriftsteller, wenn der erfahrene Harry seine Ratschläge zu Beginn eines Kapitels gibt. Der Mix aus allem lässt hier einen komplexen und lesenswerten Roman entstehen. Auch hier scheint es, dass Dicker auf eine selbstbewusste Art seiner Romanfigur nacheifert. Er greift einfach nach den Sternen und unterhält seine Leser. Es bleibt die Hoffnung, dass nicht auch die Schreibblockade übernommen wird, sodass bald ein weiterer Roman des Schweizer Autors entsteht.

  • Ich schließe mich den positiven Meinungen an -> Für mich ist "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" der wohl beste Krimi, den ich in all den Jahren bisher gelesen habe. Er hat mit der im Krimi-Regal vorhandenen Massenware nicht mehr viel gemein, obwohl es, wie Büchersally ja schon schrieb, ein absolut klassischer Krimi-Aufbau ist.


    Der Autor spielt grandios mit dem üblichen Krimi-Thema "Schein und Sein" und nutzt das nicht nur im eigentlichen Fall hervorragend aus. Keine der Figuren ist die, die sie zu sein scheint und das macht natürlich ein schwarz/weiß-Bild unmöglich. Wer liebenswerte Figuren sucht, der sollte sich nach einem anderen Buch umsehen. Aber ist das für einen Krimi wirklich ein Negativaspekt?


    Die hier des öfteren kritisierte Mutter war aus meiner Sicht der Versuch des Autors, die Nervigkeit der Mutter auf direkte Weise darzustellen. Bei mir ist das jedenfalls so angekommen, auch wenn die Szenen ins lächerliche abgedriftet sind. Möglicherweise wäre das, wie im Falle des Verlegers, anders deutlich zu machen gewesen, aber mich hats nicht gestört.


    Von mir gibts die volle 10 - sehr lesenswert!

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Für mich war dieses Buch eine angenehme Überraschung, da ich es etwas zweifelnd auf einem Flohmarkt erworben hatte und dachte, es wäre langatmig und langweilig. Weit gefehlt, hat mir die Geschichte von der ersten Seite an gefallen, obwohl es über weite Strecken wenig Action gibt und ich es auch nicht wie einen normalen Kriminalroman gelesen habe.
    Die Sprache und der Erzählstil haben mich wirklich begeistert und die eingesetzten Stilmittel haben mir großen Spaß gemacht und ich habe das Buch sehr gerne gelesen und zufrieden in mein Regal der Bücher gestellt, die ich gerne nochmal lesen würde und die ich auch Freunden und Verwandten empfehlen kann, die es gerne mal etwas anspruchsvoller aber nicht zuuu kompliziert mögen. Volle Punktzahl auch von mir.

  • Brillante Satire


    Persiflagen auf den Literaturbetrieb und die Attitüde erfolgreicher Autoren gibt es zuhauf, von Tom Sharpes "Der Renner" bis "Lila, Lila" von Martin Suter. Ihnen ist gemein, dass die Karikatur plakativ ausfällt, die Seitenhiebe sichtbar sind, Reise und Ziel feststehen. Von der ersten Seite an weiß man, worum es geht.
    Ganz anders beim Erfolgsroman des zum Erscheinungszeitpunkt 30 Jahre jungen Franzosen Joël Dicker, der im Heimatland Preise gewann, hohe Auflagen erzielte und in Dutzende Sprachen übersetzt wurde. Die 700-Seiten-Schwarte "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" mutet auf den ersten, sogar zweiten Blick an, als wäre all das zutiefst ernstgemeint, als würde es sich tatsächlich um eine Art Krimi, eine Neuengland-Saga, eine herzzerfetzende Liebesgeschichte und einen Roman über das handeln, was Dicker als "Schriftstellerkrankheit" bezeichnet, nämlich schlicht so genannte Schreibblockaden. Der Kunstgriff, den der Autor gewählt hat, besteht darin, auf jedwede Lakonie und selbst subtilsten Humor zu verzichten - der fette Schmöker entpuppt sich nur ganz gemächlich als völlig haarsträubende Blödelei. Hin und wieder gibt es Hinweise, wenn Dicker beispielsweise einen Polizisten im Jahr 1975 (!) an einem ordinären amerikanischen Hot-Dog-Stand wie selbstverständlich alkoholfreies Bier kaufen lässt. Oder wenn ein erschossener Polizist in einem von innen verriegelten Hotelzimmer vorgefunden wird, aber absolut niemand darüber nachdenkt, wie das möglich war.


    Marcus Goldman, natürlich in Dickers Alter, hat, wie das eben so ist, einen Erfolgsroman geschrieben, irre Kohle eingestrichen, kann sich eine schnuckelige Sekretärin leisten, mit weiblichen Hollywoodstars poppen und auch ansonsten den Dicken schieben. Leider aber fehlt ihm die Idee für das Folgebuch. Das muss er auf jeden Fall schreiben, weil er mit dem Verlag, repräsentiert durch einen Ganzkörperschließmuskel namens Barnaski, der keinerlei Eigenschaften besitzt, außer ein gieriger Volldepp zu sein, einen Vertrag über weitere fünf Romane abgeschlossen hat - geldgeile Menschen unter sich. Aber zum Glück gibt es Harry Quebert, seinerseits Erfolgsautor, der am Rande eines beschaulichen Neuenglandstädtchens namens Aurora auf einem Landsitz hockt, Möwen füttert und vor ein paar Jahren, am College, Goldmans Mentor war. Dieser Harry Quebert hat im Jahr 1975 einen Roman geschrieben, Titel: "Der Ursprung des Übels" - verblüffenderweise eine Liebesgeschichte. Dieses Buch, satte 15 Millionen mal verkauft, hat Quebert einen Spitzenplatz im Schriftstellerolymp verschafft, zum erfolgreichsten und angesehensten Autoren Amerikas gemacht - all diese Sachen eben, das kennt man ja, so läuft es schließlich fast immer. Allerdings hat Quebert ein kleines Problem: Just als Goldman bei ihm in Schreibklausur gehen will, graben seine Gärtner die Leiche eines Mädchens aus. Nämlich jene von Nola Kellerman, die im Jahr 1975 fünfzehn und Queberts Geliebte war. Mehr oder weniger. Eigentlich eher platonisch. Was den alten Herren nicht daran hindert, ihr auch fast vierzig Jahre danach noch hinterherzutrauern. Ewige Liebe eben. Das kennt man ja.
    Lange Rede: Die Hölle bricht los, Quebert wird des Mordes verdächtig, aber Goldman nimmt die Ermittlungen auf. Warum man Quebert verdächtig? Nun, auf ihren seit fast 35 Jahren verrottenden Resten liegt das erstaunlicherweise gut erhaltene Manuskript seines Erfolgsromans.
    Die Bewohner von Aurora, allesamt so intelligent wie gebrauchte Turnschuhe, stehen dem jungen Romancier völlig freimütig Rede und Antwort, gestehen dabei gerne auch ohne Not Straftaten, wobei sie sich präzise und wortgetreu an mehrere Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse erinnern, und so dauert es nicht lange, bis der Laiendetektiv entdeckt, dass irgendwas im Busch ist. Was genau, darauf muss der Leser keine 650 Seiten warten, die in etwa dem literarischen Anspruch eines beliebigen RTL-"Frauentausch"-Kandidaten genügen. Und natürlich ist es ganz anders, als man bis dorthin denkt. Vorausgesetzt, man denkt überhaupt - für die Lektüre dieses Ziegels ist es nämlich nicht erforderlich. Sein Motto lautet: Irgendwas wird am Ende schon dabei herauskommen. Schließlich stimmen nicht einmal die Vorgaben, also spielt es letztlich keine Rolle.


    "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" fährt jedes denkbare Klischee auf, bricht das schriftstellerische Urprinzip "Show, don't tell", wechselt pausenlos die Perspektiven, Stil und Aufbau, verzichtet auf jede Logik, besteht zu geschätzt 70 und gefühlt 100 Prozent aus Behauptungen - und erzählt: Rein gar nichts. Einfach überhaupt nichts, das aber überwiegend aus zweiter Hand. Diese alles überstrahlende Liebe, um die es vordergründig geht, wird nie greifbar, die Weisheiten über die Schriftstellerei, den Kapiteln vorangestellt, bewegen sich - wie übrigens auch die Zitate aus den "großen" Büchern der beiden Autoren - auf dem Niveau von Abreißkalendersprüchen, wenn zum Beispiel der große (alte) Schriftsteller dem großen (jungen) Schriftsteller mit der bahnbrechenden Erkenntnis konfrontiert, dass man die "wahre Liebe" erst erkennt, wenn man sie verloren hat - oder dass man für die letzten Kapitel noch ein paar "Asse im Ärmel" haben sollte. Diese Kalendersprüche markieren allerdings nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs: Der gesamte Roman ist in diesem Stil verfasst.


    Joël Dicker hat eine Wahnsinnsleistung vollbracht, nämlich über mehr als 700 Seiten solchen Käse zu erzählen, ohne je der Versuchung zu erliegen, die Maske fallen zu lassen. Er muss beim Schreiben pausenlos gelacht haben, und erst recht danach, als dieses überflüssigste aller Bücher zum Welterfolg wurde. Okay, die ans Absurde grenzenden Telefonate Goldmans mit der eigenen, hamsterhirnigen Mutter, neben der Peggy Bundy ("Eine schrecklich nette Familie") wie die Kandidatin für einen Nobelpreis in Quantenphysik wirken würde, oder das überzogen willkürliche Durcheinanderwürfeln aller bisherigen "Erkenntnisse" im Schlusskapitel - beides hätte nicht sein müssen, da sind die Pferde mit Dicker durchgegangen. Hiervon abgesehen jedoch ist es dem jungen Franzosen aufs Vortrefflichste gelungen, alle zu veralbern, und ihnen - damit auch mir - kompletten Schwachsinn zu verkaufen, Luft in Tüten, eine verschlammte Teichunke als Miss Universum. "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" ist allerfeinste Konzeptkunst und ein mächtiges Manifest gegen die Borniertheit des Literaturbetriebs. Dass so ein unfassbar langweiliges, schlecht geschriebenes und noch schlechter recherchiertes Buch ein solcher Erfolg werden konnte, sagt mehr als alles. Herr Dicker, ich verneige mich in tiefster Ehrfurcht.

  • Dass ich dieses Buch gelesen habe, beruht eigentlich auf einem Missverständnis. Bei meinem letzten Frankreichbesuch war ich wie immer in ein paar Buchhandlungen und nahm mir ein bisschen Lesevorrat mit, französische Bücher sind in Deutschland ja oft um einiges teurer. Ich sah das Buch, erinnerte mich dunkel daran, dass es ziemlich gut besprochen worden war, und nahm es einfach mit. Wieder zu Hause stellte ich fest, dass es ein Krimi sein soll. Und ich lese doch im Allgemeinen keine Krimis.


    Was für ein Glück, dass es dann doch kein richtiger Krimi war. Ich stimme mit Tom und JaneDoe insoweit überein, dass ich das Buch für eine Parodie halte. Die Gründe sind zum Teil schon genannt worden: Die überkonstruierte Handlung, der schmalzige Ton im Verhältnis zwischen Harry und Nola sowie in den fiktiven Meisterwerken der amerikanischen Literatur sind nur zwei Beispiele. Die völlig groteske Darstellung des Verlagswesens tut ein Übriges, das läuft in Europa auf keinen Fall so und auch in den USA - wo ich vieles für möglich halte - kann ich mir diese Vorgänge auch im Ansatz nicht vorstellen.


    Ich finde aber nicht, dass nichts erzählt wird, ich will zwei Beispiele nennen, die für mich zeigen, dass der Text nicht nur ein großer, am Ende leerer Schabernack ist. Da ist zum einen die Überbetonung der Liebe als sinnstiftendes Element. In amerikanischen Serien hat man ja häufig das Gefühl, dass ein Leben nur dann erfüllt sein kann und überhaupt irgendeinen Sinn hat, wenn man die Liebe findet, heiratet und Kinder bekommt. Die im Text geschilderten Beziehungen nehmen das in meinen Augen ganz gekonnt auf die Schippe. Denn neben den süßlichen Beschreibungen der Liebe von z.B. Harry und Nola, gibt es eben auch vollkommen delirante Elemente wie das Verhältnis Pratt/Nola oder eben die Einlassungen der Mutter. Luther steht irgendwo dazwischen. Das ist kein Kitsch, sondern schwarzer Humor. Wie die letzte Unterhaltung zwischen Marcus und Harry dann endet, setzt dem Ganzen die Krone auf.


    Zum zweiten der tatsächliche Tathergang.


    Der Schweizer Joël Dicker schreibt in meinen Augen eine rabenschwarze Parodie auf das amerikanisierte Krimiunwesen, kurzweilig und ein großer Spaß.


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